{"id":78160,"date":"2023-02-03T00:01:52","date_gmt":"2023-02-02T23:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78160"},"modified":"2022-02-20T20:19:16","modified_gmt":"2022-02-20T19:19:16","slug":"von-hinkenden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/03\/von-hinkenden\/","title":{"rendered":"Von Hinkenden"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zwei oder drei Jahren verk\u00fcrzte man das Jahr in Frankreich um zehn Tage. Wie manche Ver\u00e4nderung mu\u00df auf diese Verbesserung folgen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es hie\u00df eigentlich, Himmel und Erde auf einmal bewegen. Dessenungeachtet ist nichts aus seiner Stelle ger\u00fcckt. Meine Nachbarn treffen die Zeit ihrer Aussaat und ihrer Ernte, die rechte Stunde zu ihren Gesch\u00e4ften, die gl\u00fccklichen und ungl\u00fccklichen Tage gerade in eben der Ordnung, wie solche seit undenklichen Zeiten bestimt waren. So wie wir die Unordnungen bei unsern Gesch\u00e4ften nicht gewahr wurden, so bemerkten wir auch die Verbesserung nicht; so viel Ungewi\u00dfheit mischt sich in alles! So sehr ist unser Gewahrwerden grob, dick und stumpf. Man sagt, diese Verbesserung h\u00e4tte auf eine weniger unbequeme Weise vorgenommen werden k\u00f6nnen, wenn man nach dem Beispiel des Augustus einige Jahre nacheinander die Schalttage weggelassen h\u00e4tte, welche so immer Tage der Unordnung und der Verwirrung sind, bis man endlich dahin gekommen w\u00e4re, die ganze Schuld zu tilgen, was man eigentlich durch diese Verbesserung nicht getan hat. Denn noch bleiben wir immer um einige Tage im R\u00fcckstand, und wenn man durch ebendieses Mittel f\u00fcr die Zukunft gesorgt h\u00e4tte, indem man nach der Umw\u00e4lzung so vieler Jahre diesen Schalttag immer ausgeworfen h\u00e4tte, so da\u00df unsere Verrechnung hinfort niemals \u00fcber 24 Stunden h\u00e4tte betragen k\u00f6nnen. Wir haben keine andere Zeitrechnung als das Sonnenjahr, nach welchem sich die Welt schon seit so vielen Jahrhunderten gerichtet, und dennoch ist es eine Berechnung, zu deren v\u00f6lligen Festsetzung wir noch nicht gelangt sind; meistens von der Beschaffenheit, da\u00df wir noch immer in Zweifel stehen, welche Form ihr die andern Nationen auf verschiedene Weise gegeben haben und welchen Gebrauch sie davon machen. Ob etwa, wie einige sagen, die Gestirne, indem sie \u00e4lter werden, n\u00e4her gegen uns zusammenr\u00fccken und uns selbst \u00fcber die Stunden und Tage in Ungewi\u00dfheit versetzen? Sagt doch Plutarch bei Gelegenheit der Monate, die Sternkunde habe noch zu seiner Zeit die Bewegung des Mondes nicht genau bestimmen k\u00f6nnen. So sind wir also vortrefflich daran, wenn wir \u00fcber vergangene Dinge Buch f\u00fchren wollen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Eben dachte ich so dar\u00fcber nach, wie ich oft zu tun pflege, was die menschliche Vernunft f\u00fcr ein freies und unbestimmtes Werkzeug ist. Gew\u00f6hnlich sehe ich, da\u00df die Menschen bei Tatsachen, die man ihnen vorlegt, lieber die Vern\u00fcnftelei als die Wahrheit aufsuchen. Sie gleiten \u00fcber Voraussetzungen hin, untersuchen aber sehr sorgf\u00e4ltig Folgerungen. Sie lassen die Begebenheiten beiseite liegen und jagen den Ursachen nach. O der armseligen Urs\u00e4chler! Die Kenntnis der Ursachen geht blo\u00df denjenigen an, welcher die Dinge zu f\u00fchren hat, keineswegs uns, die wir sie immer zu leiden haben, f\u00fcr die sie nur zum richtigen Gebrauch da sind, nach unserm Bed\u00fcrfnisse, ohne ihr Wesen und ihren Ursprung zu durchdringen. Der Wein ist einem Menschen nicht schmackhafter, der seine wesentliche Kraft kennt. Umgekehrt vielmehr. Sowohl der K\u00f6rper als die Seele unterbrechen und ver\u00e4ndern das Recht, welches sie auf den Gebrauch der Welt und sich selbst haben, wenn sie die Meinung der Gelehrsamkeit daruntermischen. Die Wirkungen betreffen uns allerdings, die Mittel aber keineswegs. Bestimmung und Verteilung ist Sache der Regierung und Herrschaft, wie es Sache der Unterwerfung und der Lehrjahre ist, solche anzunehmen. Um wieder auf unsere Weise zu kommen: Gew\u00f6hnlich f\u00e4ngt man damit an: Wie geschieht das? Man sollte aber sagen: Geschieht es? Wir sind verm\u00f6gend, uns tausend andere Welten zu denken, ihre Grundlage und Zusammensetzung vorzustellen. Dazu geh\u00f6rt weder Stoff noch Grundlage. La\u00dft der Vorstellung ihren Lauf, sie baut ebensowohl ins Leere als ins Volle, auf Nichts als auf Sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dare pondus idonea fumo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich finde fast allenthalben, da\u00df man sagen sollte: Es ist nichts daran, und m\u00f6chte oft diese Antwort gebrauchen; aber ich wage es nicht. Denn man schreit, das sei blo\u00df der Einwand der Geistesschwachheit und Unwissenheit, und gew\u00f6hnlich mu\u00df ich das Gaukelspiel so mitmachen und so eitel hin \u00fcber nichtige Gegenst\u00e4nde und Erz\u00e4hlungen mitsprechen, woran ich nicht den geringsten Glauben habe. Dazu kommt noch, da\u00df es wirklich ein wenig hart und zanks\u00fcchtig ist, geradezu eine vorgelegte Tatsache zu leugnen; und wenige Leute ermangeln, besonders von Dingen, die schwer zu glauben sind, zu behaupten, sie h\u00e4tten solche gesehen oder Zeugen anzuf\u00fchren, deren Ansehen unserm Widerspruch Einhalt tut. Zufolge dieser Gewohnheit wissen wir den Grund und die Vermittelung von tausend Dingen, welche niemals statthatten. So zankt sich die Welt \u00fcber tausend Fragen, bei welchen das F\u00fcr und Wider gleich falsch ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ita finitima sunt falsa veris &#8230; ut in praecipitem locum non debeat se sapiens committere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrheit und L\u00fcgen sind \u00e4hnlich an Gestalt, am Gange, an Geschmack und an Schritt; wir betrachten sie mit einerlei Augen. Ich finde, da\u00df wir nicht nur feigherzig sind, uns gegen die T\u00e4uschungen zu verteidigen, sondern da\u00df wir sogar geneigt sind und suchen, uns von ihnen fangen zu lassen. Wir m\u00f6gen uns gern in Eitelkeit verwickeln, weil sie unserm Wesen angemessen ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe die Entstehung vieler Wunderwerke unserer Zeit mitangesehen. Ob sie gleich bei ihrer Geburt wieder ins Nichts sinken, so sehen wir doch, was f\u00fcr einen Schwung sie genommen haben w\u00fcrden, wenn sie nur eine gewisse Zeit \u00fcberlebt h\u00e4tten. Denn man darf nur das rechte Ende eines Kn\u00e4uels finden, um so viel davon abzuwickeln, als einem beliebt. Und nichts ist von der geringsten Kleinigkeit weiter entfernt als die geringste Kleinigkeit von der gr\u00f6\u00dften Sache der Welt. Nun wissen aber die ersten, welche sich ein Gesch\u00e4ft aus dem Anfang befremdlicher Vorf\u00e4lle machen, indem sie ihre Geschichte ausstreuen, recht gut, wo die Schwierigkeit der \u00dcberzeugung liegt, und wissen daher solche schwache Seiten mit falschen Urkunden auszustopfen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Au\u00dfer der insita hominibus libidine alendi de industria rumores.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Machen wir uns auch nat\u00fcrlicherweise ein Gewissen daraus, was man uns geliehen hat, ohne Zinsen und ohne Zugabe von unserm Eigenen weiterzubef\u00f6rdern. Erst wird der Irrtum einzelner zum Irrtum aller, und hernach bewirkt der Irrtum aller den Irrtum des einzelnen. So geht es mit diesem ganzen Geb\u00e4ude. Jeder tr\u00e4gt zu seiner Erdichtung das Seinige bei, so da\u00df der entfernteste Zeuge davon n\u00e4her unterrichtet ist als der n\u00e4chste und der zuletzt unterrichtete fester \u00fcberzeugt als der erste. Es ist ein ganz nat\u00fcrlicher Fortschritt. Denn jeder, der eine Sache glaubt, h\u00e4lt es f\u00fcr einen Liebesdienst, an dere davon zu \u00fcberzeugen. Um nun dieses zu bewerkstelligen, bef\u00fcrchtet er nicht, etwas von seiner eigenen Erfindung hinzuzutun, damit er dem Widerstand und Mangel begegne, welchen er in der Glaubenskraft eines andern voraussetzt. Ich selbst, der ich besonders gewissenhaft bin, nicht zu l\u00fcgen, und mich nicht sehr darum bek\u00fcmmere, demjenigen, was ich sage, Glauben und Ansehen zu erwerben, bemerke dennoch, wenn ich etwas erz\u00e4hle, ich mag nun durch den Widerspruch, wenn ich etwas vortrage oder durch meine eigene Erz\u00e4hlung warm werden, da\u00df ich immer meinen Gegenstand versch\u00f6nere und vergr\u00f6\u00dfere, sei es durch die Stimme, durch Sprache der H\u00e4nde oder durch die Kraft und den Nachdruck der Worte, und selbst durch Zus\u00e4tze und Vermehrungen. Freilich verliert dadurch die reine Wahrheit; sobald mich aber auch der erste, der beste, darauf zur\u00fcckf\u00fchrt und mich um die nackte d\u00fcrre Wahrheit befragt, gebe ich alle meine Bem\u00fchungen auf und sage ihm solche ohne Vergr\u00f6\u00dferung, ohne Rednerschmuck und Versch\u00f6nerung. Die lebendige und laute Sprache, wie gemeiniglich die meinige ist, artet leicht in \u00dcbertreibung aus. Die Menschen sind gew\u00f6hnlich auf nichts so sehr bedacht, als ihren Meinungen Eingang zu verschaffen. Wo uns die gemeinen Mittel abgehen, nehmen wir unsere Zuflucht zum Befehlen, zur Gewalt, zu Feuer und Schwert. Es ist ein Ungl\u00fcck, da\u00df es dahin gediehen ist, da\u00df wir die Menge der Gl\u00e4ubigen und den gro\u00dfen Haufen, worunter die Narren den Weisen in so gro\u00dfer Zahl \u00fcberlegen sind, f\u00fcr den besten Pr\u00fcfstein der Wahrheit halten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Quasi vero quidquam sit tam valde, quam nil sapere, vulgare.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sanitatis patrocinium est, insanientium turba.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist schwer, sein Urteil gegen die allgemeine Meinung rein zu erhalten. Die erste \u00dcberzeugung von einem Gegenstand f\u00e4ngt bei den Einf\u00e4ltigen an, von da wird sie den Kl\u00fcgern mitgeteilt durch Ansehen, Zahl und Alter der Zeugnisse. Ich glaube nicht Hunderten, was ich nicht einem glauben kann, und beurteile die Meinungen nicht nach den Jahren. Es ist noch nicht lange her, da\u00df einer unserer Prinzen, bei dem die Gicht eine sch\u00f6ne Anlage und einen herrlichen Kopf verdorben hatte, sich durch die Nachricht, die man ihm von den Wunderkuren eines Priesters gegeben hatte, der durch blo\u00dfe Worte und Geb\u00e4rden alle Krankheiten heilen sollte, bewegen lie\u00df, eine gro\u00dfe Reise zu unternehmen, um den Wunderdoktor aufzusuchen. Die Kraft seiner Einbildung vermochte auf einige Stunden die Schmerzen seiner F\u00fc\u00dfe einzuschl\u00e4fern und zu bet\u00e4uben, da\u00df er sich ihrer zu einem Dienste bedienen konnte, den zu leisten sie seit langer Zeit verlernt hatten. Wenn das Gl\u00fcck noch f\u00fcnf oder sechs solche Begebenheiten hervorbrachte, wer h\u00e4tte dem Wunderwerk widersprechen wollen? Man fand nachher bei dem Werkmeister derselben so viel Einfalt und so wenig Kunst, da\u00df man ihn jeder Ahndung f\u00fcr unw\u00fcrdig hielt. So w\u00fcrde man bei den meisten solcher Dinge verfahren, wenn man auf ihren Ursprung zur\u00fcckginge:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Miramur ex intervallo fallentia.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So stellt uns unser Auge oft in der Ferne sonderbare Gestalten vor, welche wieder verschwinden, wenn wir uns ihnen n\u00e4hern:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nunquam ad liquidum fama perducitur.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist erstaunlich, aus wie geringf\u00fcgigen Anf\u00e4ngen, aus was f\u00fcr nichtigen Ursachen gew\u00f6hnlich so berufene und allgemeine Sagen entstehen. Eben dadurch wird ihre Untersuchung gehindert. Denn w\u00e4hrend man die Ursachen untersucht und die wichtigen Zwecke, die eines so gro\u00dfen Ruhmes w\u00fcrdig w\u00e4ren, tritt man \u00fcber die Wahrheit hinweg. Die Ursachen und Veranlassungen sind oft so klein, da\u00df sie sich unserm Auge entziehen. Und was die Wahrheit anbetrifft, so geh\u00f6rt ein sehr kluger und aufmerksamer und scharfsinniger Erforscher dazu, um sie bei solchen Umst\u00e4nden zu entdecken; auch mu\u00df er sehr gleichg\u00fcltig sein und keine Partei angenommen haben. Bis auf diese Stunde verbergen sich alle diese Wunderbegebenheiten und erstaunlichen Geschichten vor mir.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe auf dieser Welt kein so auffallendes Ungeheuer noch Wunder gesehen als mich selbst. Durch Zeit und Umgang gew\u00f6hnt man sich an alles Befremdende; aber je mehr ich mit mir umgehe und mich kennenlerne, je mehr erschrecke ich vor meiner Mi\u00dfgestalt, je weniger kann ich mich in mich selbst finden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dergleichen Zuf\u00e4lle hervorzubringen und zu erzeugen ist ein Vorrecht des Ungef\u00e4hrs. Als ich vorgestern in ein Dorf kam, das ein paar Stunden weit von meinem Gute liegt, fand ich die St\u00e4tte noch ganz warm von einem Wunder, das daselbst gescheitert war; wodurch die Nachbarschaft seit mehreren Monaten hingehalten ward, weswegen schon die benachbarten Provinzen in Bewegung gerieten und Leute von allerlei St\u00e4nden in dichten Haufen herbeiliefen. Ein junger Mensch des Ortes hatte sich in einer Nacht in seinem Hause die Kurzweil gemacht, eine Geisterstimme nachzu\u00e4ffen, ohne an etwas anderes dabei zu denken, als einen augenblicklichen Spa\u00df zu machen. Da es ihm aber etwas besser gl\u00fcckte, als er erwartet hatte, so machte er, um der Posse mehr Hebel anzusetzen, mit einer Dirne aus dem Dorfe, einem g\u00e4nzlich dummen unverst\u00e4ndigen Dinge, Gesellschaft. Endlich vereinigten sich ihrer drei von \u00e4hnlichem Alter und \u00e4hnlicher Unversch\u00e4mtheit zu diesem Spiel und wurden aus Hauspredigern \u00f6ffentliche Prediger, versteckten sich unter dem Altar der Kirche, lie\u00dfen sich nicht anders als bei Nacht h\u00f6ren und verboten, Licht herbeizubringen. Von Worten, welche auf die Bekehrung der Welt und Ank\u00fcndigung des J\u00fcngsten Tages hinausliefen (denn das sind Dinge, hinter deren Wichtigkeit und Heiligkeit der Betrug sich am leichtesten verbirgt), gingen sie zu einigen Erscheinungen und Spukereien \u00fcber, die so einf\u00e4ltig und l\u00e4cherlich waren, da\u00df der Betrug f\u00fcr ein Kinderspiel fast zu grob gewesen w\u00e4re. H\u00e4tte indessen das Gl\u00fcck nur ein wenig hilfreiche Hand dabei leisten wollen, wer wei\u00df, wie weit dies Gaukelspiel angewachsen sein w\u00fcrde? Jetzt sitzen die armen Teufel im Gef\u00e4ngnis, werden vermutlich die allgemeine Einfalt allein abb\u00fc\u00dfen m\u00fcssen, und wer wei\u00df, ob nicht irgendein Richter die seinige an ihnen r\u00e4chen wird! Hier sieht man den dummen Betrug klar, weil er entdeckt ward; aber bei vielen \u00e4hnlichen Dingen, die unsre Kenntnisse \u00fcbersteigen, w\u00e4re ich sehr der Meinung, wir hielten unser Urteil zur\u00fcck und verw\u00fcrfen ebensowenig, als wir billigten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es entsteht viel Mi\u00dfbrauch in der Welt, oder dreister gesagt, aller Mi\u00dfbrauch in der Welt entsteht daher, da\u00df man uns lehrt, uns vor dem Gest\u00e4ndnis unserer Unwissenheit zu f\u00fcrchten, und uns anh\u00e4lt, alles f\u00fcr wahr anzunehmen, was wir nicht imstande sind zu widerlegen. Wir sprechen von allen Dingen in entscheidendem Ton. Der r\u00f6mische Kanzleistil erforderte, da\u00df selbst dasjenige, was ein Zeuge mit seinen Augen gesehen zu haben versicherte und ein Richter nach seinem innigsten Wissen und Gewissen verordnete, mit der Formel ausgedr\u00fcckt wurde: Mich deucht. Man bringt mir einen Widerwillen gegen die wahrscheinlichsten S\u00e4tze bei, wenn man mir solche als unfehlbar aufstellt. Ich habe gern solche Worte, welche die Verwegenheit unserer Behauptungen mildern und mindern: vielleicht, gewisserma\u00dfen, zum Teil, man sagt, ich glaube, und dergleichen. H\u00e4tte ich Kinder zu erziehen gehabt, ich w\u00fcrde ihnen alle diese Frageweise, nicht entscheidende Antworten in den Mund gelegt haben: Was will das sagen? Ich versteh&#8216; es nicht; es mag sein; ist das m\u00f6glich? \u2013 wodurch sie viel mehr im sechzigsten Jahre die Sprache der Sch\u00fcler gef\u00fchrt, als im zehnten Jahre die Lehrmeister gespielt h\u00e4tten, wie sie jetzt tun. Wer sich von der Unwissenheit heilen will, mu\u00df sie eingestehen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Iris ist Thaumantis Tochter. Bewunderung ist der Grund aller Philosophie, Nachforschung ihr Fortschritt, Unwissenheit ihr Ende. Ja, es gibt eine tapfre, edelm\u00fctige Unwissenheit, welche an Ehre und K\u00fchnheit der Gelehrsamkeit nichts nachgibt, eine Unwissenheit, welche an sich zu erkennen nicht wenig Gelehrsamkeit erfordert als die Erkenntnis der Gelehrsamkeit. Ich sah in meiner Kindheit einen Rechtshandel \u00fcber einen sonderbaren Vorfall, welchen Corras, Parlamentsrat von Toulouse, drucken lie\u00df. Zwei Menschen n\u00e4mlich machten Anspruch darauf, eine Person zu sein. Ich erinnere mich noch (weiter aber erinnere ich mich auch nichts mehr), da\u00df es mir damals so vorkam, derjenige, welcher f\u00fcr strafbar erkl\u00e4rt wurde, habe seinen Betrug so wunderbar, so weit \u00fcber unsere Einsicht und die Einsicht dessen, welcher Richter war, getrieben, da\u00df ich den Ausspruch sehr gewagt fand, der ihn zum Strange verurteilte. La\u00dft uns doch eine Urteilsformel einf\u00fchren, welche sagt: Der Gerichtshof sieht die Sache nicht ein. Alsdann verfahren wir freim\u00fctiger und offenherziger als Areopagiten, welche, da man in sie drang, \u00fcber eine Sache abzuurteilen, die sie nicht zu entwickeln vermochten, den Bescheid gaben, die Parteien sollten nach hundert Jahren wieder vorsprechen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Hexen in meiner Nachbarschaft geraten in Lebensgefahr durch die Lehren jedes neuen Schriftstellers, der Tr\u00e4ume f\u00fcr Tatsachen ausgibt. Die Beispiele, welche uns die Heilige Schrift von dergleichen Dingen gibt, diese sehr gewi\u00df und unwidersprechlichen Zeugnisse, auf unsere neueren Vorf\u00e4lle anzuwenden, von denen wir doch weder Ursachen noch Mittel sehen, dazu geh\u00f6rt ein h\u00f6herer Verstand als der unsrige. Es ziemt vielleicht nur diesem einzigen allm\u00e4chtigen Zeugnis, uns zu sagen: Dieses ist Zauberei und dieses, jenes aber ist es nicht. Gott selbst m\u00fcssen wir glauben, nichts ist vern\u00fcnftiger, aber nicht jemanden unter uns, der sich \u00fcber seine eigene Erz\u00e4hlung verwundert (und notwendigerweise dar\u00fcber verwundern mu\u00df, wenn er nicht ganz von Sinnen ist), er mag nun die Handlung eines andern oder seine eigene berichten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich bin schwerf\u00e4llig, halte mich ein wenig an das Vollwichtige und Wahrscheinliche und suche den alten Vorwurf zu vermeiden:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Majorem fidem homines adhibent iis, quae non intelligunt.\u00a0\u2013 Cupidine humani ingenii libentius obscura creduntur.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich sehe wohl, da\u00df man in Zorn ger\u00e4t und mir unter Bedrohung entsetzlicher Schmachreden zu zweifeln verbietet. Das ist eine neue Art zu \u00fcberzeugen; aber gottlob, da\u00df mein Glaube sich nicht mit Faustschl\u00e4gen lenken l\u00e4\u00dft! M\u00f6gen sie diejenigen z\u00fcchtigen, welche ihre Meinung der Falschheit beschuldigen. Ich halte solche nur f\u00fcr schwer und k\u00fchn zu glauben und verwerfe ebensowohl als sie die Behauptung des Gegenteils, nur nicht gerade so gebieterisch. Wer seine Meinung durch Befehl und Gebot durchsetzen will, beweist dadurch, da\u00df sie auf schwachen Gr\u00fcnden beruhen m\u00fcsse. Kommt es auf ein Wort- und Schulgez\u00e4nk an, so m\u00f6gen sie ebensoviel Schein f\u00fcr sich haben als ihre Gegner.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Videantur sane, non affirmentur modo.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber in den wesentlichen Folgerungen, welche sie daraus ziehen, haben jene den Vorteil f\u00fcr sich. Menschen zu t\u00f6ten, dazu geh\u00f6rt eine lichtvolle, reine Einsicht, und unser Leben ist eine zu wesentliche wirkliche Sache, um es wegen solcher \u00fcbernat\u00fcrlichen phantastischen Begebenheiten zu verk\u00fcrzen. Von Vergiftungen mit sch\u00e4dlichen Dingen spreche ich hier nicht; die sind Menschenmord, und zwar von der sch\u00e4ndlichsten Gattung. Gleichwohl sagt man, m\u00fcsse man selbst dabei sich nicht allemal auf das eigene Gest\u00e4ndnis dieser Art Menschen verlassen; denn man hat mehr als einmal erlebt, da\u00df sie sich anklagten, Personen ums Leben gebracht zu haben, welche man gesund und lebendig fand. Was andere seltsame Beschuldigungen betrifft, darauf m\u00f6chte ich gern sagen, es sei genug, da\u00df man einem Menschen von noch so unbescholtenem Charakter in menschlichen Dingen Glauben beimesse. In \u00fcbernat\u00fcrlichen Dingen aber kann er nur dann Glauben verlangen, wenn er dazu mit einer \u00fcbernat\u00fcrlichen Vollmacht ausger\u00fcstet ist. Dieses Vorrecht, wovon es Gott gefallen hat, solches einigen unserer Zeugnisse beizulegen, mu\u00df nicht herabgew\u00fcrdigt oder leichtsinnigerweise einger\u00e4umt werden. Mir gellen die Ohren von Tausenden dergleichen Sagen: Drei Personen haben ihn an dem und dem Tage im Morgenland gesehen, drei andre am folgenden im Abendland; um diese Stunde, an diesem Ort, so und so gekleidet. Wahrhaftig, das glaubt&#8216; ich mir selbst nicht! Warum sollte ich es nicht viel nat\u00fcrlicher und wahrscheinlicher finden, da\u00df zwei Menschen l\u00fcgen, als da\u00df ein Mensch, innerhalb zw\u00f6lf Stunden, mit der Eile des Windes von Morgen nach Abend komme? Warum nicht nat\u00fcrlicher, da\u00df unser Verstand aus seiner Stelle verr\u00fcckt werde, durch die Behendigkeit unseres verr\u00fcckten Geistes, als da\u00df einer von uns auf einem Besen durch die Luft reite, bei lebendigem Leibe durch seinen Schornstein hinausfahre und von einem fremden Geist fortgef\u00fchrt werde? Wozu das Suchen nach unbekannten T\u00e4uschungen von au\u00dfen, da wir ja unaufh\u00f6rlich von innen und von sehr naheliegenden Dingen get\u00e4uscht werden! Mich deucht, es sie verzeihlich, ein Wunderwerk zu bezweifeln, zum wenigsten so lange, als man seine Wahrheit mit nat\u00fcrlichen, nicht wunderbaren Mitteln bestreiten kann, und bin hierin der Meinung des heiligen Augustin: es sei besser, bei Dingen, welche schwer zu beweisen und gef\u00e4hrlich zu glauben sind, auf die Seite des Zweifels zu neigen als auf die Seite der Leichtgl\u00e4ubigkeit. Es sind einige Jahre her, da\u00df ich durch die L\u00e4nder eines souver\u00e4nen F\u00fcrsten reiste, der, um mir eine Gunst zu erzeigen und meinem Unglauben einen Sto\u00df zu versetzen, die Gnade hatte und mir, in seiner Gegenwart, an einem abgelegenen Ort zehn bis zw\u00f6lf Gefangene von dieser Gattung vorf\u00fchren lie\u00df; unter andern eine alte Frau, die durch ihre H\u00e4\u00dflichkeit und Mi\u00dfgestalt freilich hexenm\u00e4\u00dfig genug aussah und von langen Zeiten her dieser Profession wegen ber\u00fcchtigt war. Ich fand Beweise, freies Bekenntnis und ich wei\u00df selbst nicht was f\u00fcr unmerkliche Kennzeichen an diesem beklagensw\u00fcrdigen Weib und erkundigte mich und sprach so viel ich wollte, wobei ich auf alles, soviel wie m\u00f6glich, die genaueste Aufmerksamkeit hatte. Auch bin ich nicht der Mensch, der sich den Verstand durch Vorurteile umwenden l\u00e4\u00dft. Kurz und gewissenhaft zu sagen: ich h\u00e4tte ihr viel eher Nieswurz als einen Schierlingstrank verordnet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Captisque res magis mentibus, quam consceleratis, similis visa.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Gerechtigkeitspflege hat ihre eigenen Heilmittel gegen solche Krankheiten. Die Gegengr\u00fcnde und Beweise, welche mir sehr ehrliche Leute sowohl dort als anderw\u00e4rts oftmals anf\u00fchrten, haben mich niemals \u00fcberzeugt, und immer fand ich eine wahrscheinlichere Aufl\u00f6sung als die ihrige. Freilich ist es wahr, da\u00df ich die Beweise und andere Rechtsgr\u00fcnde, welche auf Erfahrungen und Tatsachen beruhen, nicht entwickeln mag. Auch haben sie kein Ende, wobei man sie angreifen k\u00f6nnte. Oft zerhaue ich sie wie Alexander seinen Knoten. Mit einem Wort gesagt, es hei\u00dft seine Vermutungen hoch anschlagen, wenn man um ihretwillen einen Menschen lebendig braten l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man erz\u00e4hlt verschiedene Beispiele der Art, wie Pr\u00e4stantius von seinem Vater anf\u00fchrt, da\u00df solcher in einem tiefen bleiernen Schlafe getr\u00e4umt habe, er sei ein Maultier und trage seiner Soldaten Gep\u00e4ck, und es sei wahr gewesen, was ihm getr\u00e4umt. Wenn die Hexenmeister so wirklich und wesentlich tr\u00e4umen, wenn die Tr\u00e4ume sich zuweilen in Tatsachen einverleiben k\u00f6nnen, so glaube ich dennoch nicht, da\u00df unser Wille deswegen der Gerechtigkeit verantwortlich w\u00fcrde. Dies sage ich als ein Mensch, der kein Richter oder Rat der K\u00f6nige ist, auch sich dessen bei weitem nicht w\u00fcrdig h\u00e4lt, sondern als ein gemeiner Mensch, der zum Gehorsam gegen die \u00f6ffentlichen Gesetze geboren und verpflichtet ist, sowohl in seinen Taten als in seinen Worten. Wer auf meine Tr\u00e4umereien zum Nachteil des geringsten Gesetzes seines Dorfes oder dessen Meinung, Gebrauch und Herkommen, R\u00fccksicht nehmen wollte, der t\u00e4te sich selbst sehr unrecht und mir ebensoviel; denn in allem, was ich sage, gebe ich keine andere Gewi\u00dfheit, als da\u00df es das ist, was mir, als ich es sagte, wirklich in Gedanken war, und meine Gedanken sind oft herumirrend und schwankend. Ich spreche von allem, um meine Meinung an den Tag zu legen, nicht um Belohnungen zu erteilen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nec me pudet, ut istos, fateri nescire, quod nesciam.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00e4re in meinem Sprechen nicht so keck, wenn ich der Mann w\u00e4re, dem Glauben geb\u00fchrte. Das war es, was ich einem Gro\u00dfen antwortete, der sich dar\u00fcber beklagte, da\u00df ich mit meinen Vermahnungen so dringend und anhaltend w\u00e4re. Da ich finde, da\u00df ihr auf einer Seite so stark im voraus eingenommen seid, so stelle ich euch auf der andern, soviel ich kann, das Gegenteil vor, um euren Urteil aufzukl\u00e4ren, nicht um ihm eine Richtung zu geben. Gott hat euer Herz in H\u00e4nden und wird eure Wahl leiten. Ich bin kein so eingebildeter Mensch, da\u00df ich nur einigerma\u00dfen verlangen sollte, meine Meinungen m\u00f6chten eine Sache von solcher Wichtigkeit lenken und wenden. Zu solchen wichtigen und hohen Entscheidungen hat mein Gl\u00fcck und meine Umst\u00e4nde sie nicht abgerichtet. Wirklich habe ich nicht nur verschiedene Z\u00fcge der Gem\u00fctsart an mir, sondern auch Meinungen genug, welche ich gern meinem Sohn zuwider machen m\u00f6chte, wenn ich einen h\u00e4tte. Sind doch die wahrsten nicht immer die angenehmsten f\u00fcr den Menschen, der so unbiegsamer Natur ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hier gelegentlich oder nicht gelegentlich, gleichviel. Der Welsche hat ein Sprichwort, welches ungef\u00e4hr so lautet: Der kennt nicht die S\u00fc\u00dfigkeit ganz, die Venus gew\u00e4hren kann, der noch keine Hinkende erkannt hat. Zufall oder eine sonderbare Begebenheit haben dies Sprichwort vor langer Zeit schon zu einer Volkssage gemacht, und man braucht es zugleich vom m\u00e4nnlichen und weiblichen Geschlecht. Denn die K\u00f6nigin der Amazonen antwortete dem Skythen, der ihrer in Liebe begehrte: <i>\u1f0a\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4\u03b1 \u03c7\u03c9\u03bb\u03bf\u03c2 \u03bf\u1f30\u03c6\u03b5\u03b9,<\/i> Der Hinkende kann&#8217;s am besten. In dieser weiblichen Republik l\u00e4hmte man, um der m\u00e4nnlichen Herrschaft zu entgehen, dem m\u00e4nnlichen Geschlecht von Kindheit an Arme, Beine und andere Glieder, wodurch solches Vorteile \u00fcber das weibliche gehabt h\u00e4tte, und bediente sich desselben blo\u00df zu solchen Diensten, wozu wir uns des weiblichen Geschlechts bedienen. Ich h\u00e4tte geglaubt, die unordentliche Bewegung einer Hinkenden g\u00e4be dem Liebeswerke ein neues Vergn\u00fcgen und denen, die es versuchten, irgendeinen woll\u00fcstigen Reiz mehr; aber ich habe eben gelernt, da\u00df selbst die Philosophie des Altertums dar\u00fcber entschieden hat. Diese sagt: weil die Beine und H\u00fcften der Hinkenden wegen ihrer Unvollkommenheit die Nahrungss\u00e4fte nicht verbrauchen, die ihnen bestimmt sind, so w\u00e4ren daher die Teile \u00fcber solchen vollst\u00e4ndiger, gen\u00e4hrter und r\u00fcstiger; oder auch, weil diese Gebrechen sie verhindern, sich viel zu bewegen, so verbrauchten diejenigen, welche damit behaftet w\u00e4ren, weniger Kr\u00e4fte, die sie dann reichlicher bei der Feier der Venus anwenden k\u00f6nnten. Das war auch die Ursache, warum die Griechen ihren Weberinnen nachsagten, sie w\u00e4ren mehr zur k\u00f6rperlichen Liebe geneigt als andere Weiber, wegen ihrer stillsitzenden Lebensart, wobei sie wenig Bewegung h\u00e4tten. Aber wor\u00fcber k\u00f6nnen wir nicht vern\u00fcnfteln, wenn wir diese Art zu schlie\u00dfen brauchen wollen? Von den letzten lie\u00dfe sich ebensogut sagen, die Ersch\u00fctterung, welche ihnen ihre sitzende Arbeit gibt, errege und reize sie, wie bei vornehmen Frauen das R\u00fctteln und Sch\u00fctteln ihres Fuhrwerks.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Beweisen diese Beispiele nicht, was ich eingangs sagte, da\u00df unsere Gr\u00fcnde oft den Wirkungen vorauslaufen und eine so unendliche Gerichtsbarkeit in Anspruch nehmen, da\u00df sie \u00fcber Undinge und Nichtigkeiten urteilen und erkennen? Au\u00dfer der gro\u00dfen Gewandtheit unserer Erfindungskraft; f\u00fcr alle Arten von Tr\u00e4umereien Gr\u00fcnde aufzusuchen, ist auch unsere Einbildungskraft bereit und willig, einen falschen; Eindruck vom allerunbedeutendsten Scheine anzunehmen. Denn auf die blo\u00dfe Autorit\u00e4t dieses alten bekannten Sprichworts habe ich mir vordem wohl aufgebunden, ich h\u00e4tte deswegen mehr Vergn\u00fcgen bei einer Frau empfunden, weil sie im sizilianischen Sechsachteltakt ging, und setzte solches mit unter ihre Reize.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Torquato Tasso sagt in seiner Vergleichung, die er zwischen Italien und Frankreich anstellt, er habe bemerkt, da\u00df wir d\u00fcnnere Waden haben als die Welschen von Adel, und gibt als Ursache davon an, da\u00df wir unaufh\u00f6rlich zu Pferde sitzen. Aus ebendieser Ursache zieht aber Suetonius eine ganz entgegengesetzte Folgerung. Denn er sagt dawider: Germanicus habe seine Waden dadurch v\u00f6llig gemacht, da\u00df er anhaltend geritten sei. Nichts schmiegt sich so leicht an alle Irrt\u00fcmer als unser Verstand. Er ist wie der Schuh des Theramenes, der jedem Fu\u00dfe pa\u00dft. Und er ist doppelt und vielfach, wie die Materie doppelt und vielfach ist. \u00bbGib mir eine Drachme Silbers\u00ab, sagt ein kynischer Philosoph zum Antigonus. \u00bbDas ist kein Geschenk, das ein K\u00f6nig gibt\u00ab, antwortete dieser. \u00bbNun, so gib mir ein Talent.\u00ab \u00bbDas ist kein Geschenk f\u00fcr einen Kyniker.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seu plures calor ille vias et caeca relaxat<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spiramenta, novas veniat qua succus in herbas:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seu durat magis, et venas adstringit hiantes;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ne tenues pluviae, rapidive potentia solis<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Acrior, aut Boreae penetrabile frigus adurat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ogni medaglia ha il suo riverso.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum sagte Clitomachus vor alters, Carneades habe die Arbeiten des Herkules \u00fcbertroffen, indem er den Menschen ihren Beifall entrissen habe, das hei\u00dft die Einbildung und die Verwegenheit ihrer Urteile. Diese herzhafte Unternehmung ging Carneades, meiner Meinung nach, damals deswegen ein, weil die Leute, welche ein Gewerbe daraus machten, alles zu wissen, gar zu unversch\u00e4mt waren und sich \u00fcberm\u00e4\u00dfig viel herausnahmen. Man bot den Aesop neben zwei andern Sklaven aus. Der K\u00e4ufer erkundigte sich bei dem ersten, was er verst\u00e4nde. Dieser, um sich einen Wert zu geben, versprach goldne Berge und wu\u00dfte das und wu\u00dfte jenes. Der zweite versprach ebensoviel und noch mehr von sich. Als die Reihe an den Aesop kam und man ihn auch fragte, was er denn k\u00f6nne, antwortete er: \u00bbNichts; denn die da haben mir ja alles weggenommen, sie wissen alles.\u00ab So ging es in den Schulen der Philosophie. Der Stolz derjenigen, welche dem menschlichen Geist die F\u00e4higkeit alles zu umfassen zuschreiben, veranla\u00dfte bei andern aus \u00c4rger und Eifer die Meinung, da\u00df sie gar nicht f\u00e4hig w\u00e4ren, etwas zu fassen. Dergestalt \u00fcbertrieben sie ihre Unwissenheit ebensosehr als andere ihr Vielwissen, damit man nicht leugnen k\u00f6nne, der Mensch halte in keinem Dinge weder Ziel noch Ma\u00df und habe keine Ruhe, bis Not und Unverm\u00f6gen ihn stille stehen hei\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-16327 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg 275w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der Redaktion:<\/span> W\u00fcrde Michel de Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine <em>Essais<\/em> lesen. Und zwar Wort f\u00fcr Wort. Oder wir nehmen einen charmanten Umweg und lesen Sarah Bakewells <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Wie soll ich leben?<\/a><\/span>. Dies ist nicht nur der Titel ihrer ungew\u00f6hnlichen Biographie, sondern zeigt zugleicht die Methode an, mit der sich die Autorin dem Denken Montaignes n\u00e4hert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Lesen Sie auch einen<span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\"> KUNO-Beitrag <\/a><\/span>zu\u00a0 Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vor zwei oder drei Jahren verk\u00fcrzte man das Jahr in Frankreich um zehn Tage. Wie manche Ver\u00e4nderung mu\u00df auf diese Verbesserung folgen? Es hie\u00df eigentlich, Himmel und Erde auf einmal bewegen. Dessenungeachtet ist nichts aus seiner Stelle ger\u00fcckt. Meine&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/03\/von-hinkenden\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":98980,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1083],"class_list":["post-78160","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-michel-de-montaigne"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78160","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78160"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78160\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99004,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78160\/revisions\/99004"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98980"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}