{"id":78155,"date":"2003-03-02T00:01:06","date_gmt":"2003-03-01T23:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78155"},"modified":"2023-02-06T11:11:54","modified_gmt":"2023-02-06T10:11:54","slug":"man-muss-seinen-willen-beschraenken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/02\/man-muss-seinen-willen-beschraenken\/","title":{"rendered":"Man mu\u00df seinen Willen beschr\u00e4nken"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vergleich mit gew\u00f6hnlichen Menschen r\u00fchren mich wenige Dinge, oder um besser zu sagen, fesseln mich wenige. Denn es ist ganz recht, sich von ihnen r\u00fchren zu lassen, wenn sie uns nur nicht besitzen. Ich tue mein m\u00f6glichstes, dieses schon von Natur bei mir ziemlich gro\u00dfe Privilegium der Unempfindlichkeit durch Studieren und Nachdenken zu vergr\u00f6\u00dfern. Gar selten will ich daher etwas mit W\u00e4rme und bin auf wenig Dinge leidenschaftlich erpicht. Mein Gesicht ist hell, aber ich hefte es auf wenige Gegenst\u00e4nde. Mein Sinn ist zart und weich; meine Fassungskraft aber und ihre Anwendung ist hart und spr\u00f6de. Es h\u00e4lt hart, ehe ich mich zu etwas verbinde. Soviel ich kann, beziehe ich gern alles auf mich selbst, und selbst hierin m\u00f6chte ich gern meine Neigung z\u00fcgeln und im Zaum halten, um nicht von ihr fortgerissen zu werden. Denn am Ende kann ich diese Neigung nicht anders als durch Verg\u00fcnstigung anderer befriedigen, und das Gl\u00fcck hat dar\u00fcber ein gr\u00f6\u00dferes Recht als ich selbst. Dergestalt, da\u00df selbst in Ansehung der Gesundheit, auf welche ich einen so hohen Wert setze, es mir wohl n\u00f6tig w\u00e4re, sie nicht so heftig zu w\u00fcnschen und so \u00e4ngstlich darauf bedacht zu sein, da\u00df ich die Krankheiten unertr\u00e4glich finde. Man mu\u00df in dem Hasse widriger und der Liebe zu angenehmen Empfindungen. M\u00e4\u00dfigung beobachten. Auch schreibt Plato einen Mittelweg unter beiden vor.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Was aber solche Empfindungen anbelangt, die mich zerstreuen und an andere heften, so widersetze ich mich ihnen gewi\u00df aus allen Kr\u00e4ften. Meine Meinung ist, man m\u00fcsse sich andern Menschen borgen und nur sich selbst zum Eigentum geben. Ich k\u00f6nnte es nicht ausstehen, wenn mein Wille und meine Zuneigung sich so leicht verpf\u00e4nden und anweisen lie\u00dfen. Ich bin von Natur und durch Gewohnheit zu weichlich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fugax rerum, securaque in otia natus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Ringen, wobei ich starken, steifen Widerstand f\u00e4nde, der zuletzt meine Gegner obsiegen machte, ein Ausgang, welcher mein warmes Streben mit Schande \u00fcberh\u00e4ufte, w\u00fcrden mein Herz wahrscheinlich bitter nagen. Wenn ich mich so leicht anlie\u00dfe wie andere, so w\u00fcrde meine Seele niemals die St\u00e4rke haben, die Unruhen und Gem\u00fctsbewegungen zu ertragen, welche denjenigen auf dem Fu\u00dfe folgen, die sich mit vielerlei Dingen abgeben. Sie w\u00fcrde alsbald durch solche innerliche Bewegungen verrenken. Brachte man mich zuweilen dahin, fremde Gesch\u00e4fte zu betreiben, so versprach ich solche in die H\u00e4nde zu nehmen, aber nicht in Lunge und Leber; mich damit zu beladen, nicht, sie mir einzuverleiben; allerdings daf\u00fcr zu sorgen, aber nicht mich daf\u00fcr in Feuer und Flammen zu setzen. Ich gab darauf Achtung, aber ich br\u00fctete nicht dar\u00fcber. Ich habe genug damit zu tun, den innern Drang, der mir so nahe in meinen Adern liegt, zu leiten und zu ordnen, ohne fremden Drang auf mich zu nehmen, unter welchem ich erliegen w\u00fcrde, und bin ich schon geplagt genug mit meinen wesentlichen eignen und nat\u00fcrlichen Angelegenheiten, ohne fremde von den Gassen und Z\u00e4unen hereinzurufen. Wer da wei\u00df, wieviel er sich selbst schuldig, zu wieviel Pflichten er gegen sich verbunden ist, findet, da\u00df die Natur ihm einen hinl\u00e4nglich schweren Auftrag gegeben hat, der keinen M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger voraussetzt. Du hast reichlich zu schaffen in deinem eigenen Hause, entferne dich von demselben nicht. Die Menschen vermieten sich. Ihre Kr\u00e4fte dienen nicht ihnen selbst, sondern denjenigen, denen sie sich zu Knechten machen. Ihre Mietsherren wohnen daheim, sie sind in fremden H\u00e4usern. Diese gew\u00f6hnliche Stimmung gef\u00e4llt mir nicht. Wir m\u00fcssen mit der Freiheit! unserer Seele bed\u00e4chtiglich umgehen und sie niemals verpf\u00e4nden als bei gerechten Veranlassungen. Und die sind gar nicht h\u00e4ufig, wenn wir sie richtig beurteilen. Man sehe nur die Leute, die so gelehrig sind, sich einnehmen und hinrei\u00dfen zu lassen, die sind allezeit fertig, zu kleinen Dingen wie zu gro\u00dfen, bei solchen, die sie nichts angehen, wie bei solchen, die sie betreffen. Sie mischen sich ohne Unterschied in alles, wo es nur etwas zu tun gibt, und sind wie ohne Leben, wenn sie ohne unruhige Bewegung sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In negotiis sunt, negotii causa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie suchen Gesch\u00e4fte, um gesch\u00e4ftig zu sein. Das geschieht nicht sowohl deswegen, weil sie gehen wollen, sondern weil sie sich nicht ruhig halten k\u00f6nnen; nicht mehr und nicht weniger, wie ein von der H\u00f6he herabgew\u00e4lzter Stein sich so lange fortbewegt, bis er die Tiefe erreicht hat. Besch\u00e4ftigung ist f\u00fcr eine gewisse Art Leute ein Zeichen der Geschicklichkeit und W\u00fcrde. Ihr Geist sucht Ruhe in der Schaukel wie die Kinder in der Wiege. Sie k\u00f6nnen sich r\u00fchmen, gegen ihre Freunde ebenso dienstfertig als sich selbst \u00fcberl\u00e4stig zu sein. Niemand verteilt sein Geld unter andere, jedermann seine Zeit und sein Leben. Mit nichts in der Welt sind wir so verschwenderisch als mit diesen Dingen, womit allein zu geizen n\u00fctzlich und l\u00f6blich w\u00e4re. Ich denke hierin ganz verschieden. Ich lebe in mich selbst gekehrt, w\u00fcnsche gew\u00f6hnlich nur schwach, was ich w\u00fcnsche, und w\u00fcnsche wenig. So besch\u00e4ftige und verwende ich mich auch selten und gleichm\u00fctig. Alles, was andre wollen und lenken, wollen sie mit Heftigkeit und Gewalt. Es gibt auf dem Wege des menschlichen Lebens der schlimmen Stellen so viel, da\u00df man um gr\u00f6\u00dferer Sicherheit willen nur leicht und oberfl\u00e4chlich auftreten mu\u00df; da\u00df es besser ist, hin\u00fcberzugleiten als einzusinken. Die Wollust selbst ist schmerzhaft in ihrer Tiefe:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Incedis per ignes<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Suppositos cineri doloso.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Rat von Bordeaux erw\u00e4hlte mich zum Maire seiner Stadt, als ich fern von Frankreich und noch ferner von solchen Gedanken war. Ich verbat es. Man belehrte mich aber, da\u00df ich unrecht habe, und der Befehl des K\u00f6nigs kam hinzu. Es ist ein Amt, das um so herrlicher scheinen mu\u00df, weil dabei kein anderer Gehalt oder Gewinn ist als die Ehre der Verwaltung. Es dauert zwei Jahr, kann aber durch eine neue Wahl verl\u00e4ngert werden, was jedoch selten geschieht. Bei mir geschah es und war vorher nur zweimal geschehen. Vor einigen Jahren dem Herrn de Lansac und neuerdings dem Herrn von Biron, Marschall von Frankreich, an dessen Stelle ich kam. Mir folgte Herr von Matignon, gleichfalls Marschall von Frankreich. Ich war ganz ruhmselig \u00fcber eine solche edle Genossenschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uterque bonus pacis bellique minister.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gl\u00fcck wollte durch diesen sonderbaren Umstand, den es selbst veranla\u00dfte und der gar nicht unbedeutend war, teil an meiner Erhebung nehmen. Denn Alexander wies die Gesandten von Korinth, die ihm die B\u00fcrgerschaft ihrer Stadt antrugen, ver\u00e4chtlich ab; als sie ihm aber vorstellten, auch Bacchus und Herkules st\u00e4nden auf ihrer Rolle, nahm er das Anerbieten mit freundlichem Dank an.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bei meiner Ankunft gab ich mich treu und gewissenhaft, so wie ich mich f\u00fchle und wie ich bin, zu erkennen, ohne Ged\u00e4chtnis, ohne wachsamen Flei\u00df, ohne Erfahrung und ohne starke T\u00e4tigkeit, so auch ohne Ha\u00df, ohne Ehrsucht, ohne Geldgeiz und ohne Gewaltt\u00e4tigkeit; damit die B\u00fcrger richtig unterrichtet w\u00e4ren und w\u00fc\u00dften, was sie von meiner Anf\u00fchrung zu erwarten h\u00e4tten. Und weil die Kenntnis von meinem seligen Vater und sein ehrenvolles Andenken sie allein zu diesem Schritt gebracht hatte, so f\u00fcgte ich mit klaren Worten hinzu, da\u00df es mir sehr leid tun sollte, wenn irgend etwas einen so starken Eindruck auf meinen Willen machte, als ehedem ihre Angelegenheiten und ihre Stadt auf den seinigen gemacht h\u00e4tten, w\u00e4hrend er solche in ebender Stelle, wozu sie mich berufen, regierte. Ich erinnerte mich, ihn in meiner Kindheit als einen alten Mann gesehen zu haben, dessen Seele gar sehr durch die \u00f6ffentlichen Gesch\u00e4fte hin und her getrieben wurde; der die sanfte Luft seines Hauses verga\u00df, wo ihn die Schw\u00e4che seiner Jahre schon lange Zeit vorher hingeheftet hatte; der seiner Haushaltung verga\u00df und seiner Gesundheit und gewi\u00df sein Leben nicht achtete, das er in ihrem Dienst auf langen und m\u00fchsamen Reisen beinahe verloren h\u00e4tte. Aber so war er, und diese Art zu denken entstand bei ihm aus einer gro\u00dfen nat\u00fcrlichen G\u00fcte des Herzens. Ich habe niemals eine liebreichere, menschenfreundlichere Seele gekannt. Diese Art zu handeln und zu leben, die ich an einem andern r\u00fchme und preise, mag ich selbst nicht gern befolgen, und bin dar\u00fcber nicht ohne Entschuldigung. Er hatte sagen geh\u00f6rt, man m\u00fcsse sein Selbst dem N\u00e4chsten zuliebe vergessen, und das Einzelne komme gegen das Ganze in keine Betrachtung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der gr\u00f6\u00dfte Teil aller Regeln und Vorschriften der Welt nimmt diese Wendung, um uns aus unserer Ruhe, auf \u00f6ffentliche Stellen, zum Dienst der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zu treiben. Sie meinen, was Rechtes getan zu haben, wenn sie uns von uns selbst abwendig machen und zerstreuen, in der Voraussetzung, da\u00df wir nur zu fest an uns selbst hielten, durch ein zu nat\u00fcrliches Band, und haben nichts vers\u00e4umt, was zu diesem Behuf gesagt werden konnte. Denn es ist f\u00fcr die Weisen nichts Neues, die Dinge so zu predigen, wie sie n\u00fctzlich, nicht wie sie eigentlich an und f\u00fcr sich sind. Die Wahrheit hat bei uns ihre Hindernisse, ihre Beschwerden und ihre Unvertragsamkeit. Wollen wir uns nicht oft betr\u00fcgen, so m\u00fcssen wir oft betr\u00fcgen, die Augen verbinden und unsern Verstand bet\u00e4uben, um solche zu berichtigen und zu verbessern.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Imperiti enim judicant, et qui frequenter in hoc ipsum fallendi sunt, ne errent.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn sie uns vorschreiben, drei, vier, f\u00fcnfzig Rangordnungen von Dingen lieber zu haben als uns selbst, so ahmen sie die Kunst der Bogensch\u00fctzen nach, welche, um einen gewissen Punkt zu erreichen, weit \u00fcber die vorgesetzte Grenze wegzielen. Wer ein krummes St\u00fcck Holz gerademachen will, biegt es nach der gegenseitigen Richtung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich bin der Meinung, man habe im Tempel der Pallas, so wie bei allen \u00fcbrigen Religionen, \u00e4u\u00dferliche anscheinende Mysterien gehabt, die man dem Volke zeigte, und andere geheimere und erhabenere Mysterien, welche nur den Eingeweihten kund gemacht wurden. Es ist wahrscheinlich, da\u00df in diesen auch der eigentliche wahre Punkt der Freundschaft angegeben war, die man sich selbst schuldig ist; nicht jener falschen Freundschaft, welche uns den Ruhm, die Gelehrsamkeit, den Reichtum und dergleichen Dinge wie Glieder unseres Wesens mit \u00fcberm\u00e4\u00dfiger, unbegrenzter Selbstliebe umfassen l\u00e4\u00dft; noch einer schwachen, t\u00f6richten Freundschaft, wobei es geht wie bei dem Efeu, der die W\u00e4nde verdirbt, an welche er sich heftet, sondern einer heilsamen, vern\u00fcnftigen Freundschaft, die gleich n\u00fctzlich und angenehm ist. Wer ihre Pflichten kennt und aus\u00fcbt, hat wirklichen Sitz im Rat der Musen, hat die Spitze der menschlichen Weisheit und unserer Gl\u00fcckseligkeit erstiegen. Dieser, weil er genau wei\u00df, was er sich selbst schuldig ist, findet in seiner Rolle, da\u00df er den Gebrauch anderer Menschen und der Welt auf sich anwenden mu\u00df, und um das zu k\u00f6nnen, der \u00f6ffentlichen Gesellschaft die Dienste und Pflichten zu leisten hat, die ihm obliegen. Wer ganz und gar nicht f\u00fcr andere lebt, lebt nur f\u00fcr sich.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Qui sibi amicus est, scito hunc amicum omnibus esse.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die haupts\u00e4chlichste Pflicht, welche wir auf uns haben, besteht darin, da\u00df ein jeder sich wohl betrage. Darum sind wir hier. So wie derjenige, welcher verg\u00e4\u00dfe, selbst wohl und heilig zu leben und damit seine Schuldigkeit getan zu haben glaubte, wenn er andere dahin wiese und f\u00fchrte, ein Narr w\u00e4re, ebenso schl\u00e4gt derjenige, nach meiner Meinung, einen ganz falschen Weg ein, welcher vers\u00e4umt, f\u00fcr sich selbst ruhig und gl\u00fccklich zu leben und sein Leben nur zum Dienst anderer verwendet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich will damit nicht, da\u00df man den \u00c4mtern, welche man \u00fcbernimmt, Aufmerksamkeit, M\u00fchwaltung, Worte und Schwei\u00df, ja selbst im Notfall sein Blut versagen soll:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Non ipse pro caris amicis,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aut patria, timidus perire.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es mu\u00df nur zuf\u00e4lliger- und erborgterweise geschehn, so da\u00df der Geist ruhig und kr\u00e4ftig bleibt, nicht unt\u00e4tig, jedoch ohne Verdru\u00df und Leidenschaftlichkeit. T\u00e4tigkeit an sich selbst kostet dem Geist so wenig, da\u00df er sogar im Schlaf t\u00e4tig ist. Aber man mu\u00df ihn mit Behutsamkeit in T\u00e4tigkeit setzen, denn der K\u00f6rper tr\u00e4gt die Lasten mit, die man dem Geist auflegt, gerade nach ihrem Gewicht. Der Geist vergr\u00f6\u00dfert und erschwert solche oft auf seine Kosten, indem er solche nach eigenem Gefallen ausdehnt. Man verrichtet \u00e4hnliche Dinge mit verschiedener Anstrengung und verschiedener Willens\u00e4u\u00dferung. Eins tun und das andre nicht lassen. Wie viele Menschen wagen sich nicht t\u00e4glich in Kriege, die sie nichts angehen, und laufen und ringen nach den Gefahren der Schlachten, deren Verlust ihnen den n\u00e4chsten Schlaf nicht beunruhigen wird? Ein anderer ist in seinem Hause au\u00dfer aller Gefahr, die er nicht einmal mit anzusehen gewagt h\u00e4tte, viel heftiger besorgt \u00fcber den Ausgang dieses Krieges, und beunruhigt seine Seele weit mehr damit als der Soldat, welcher darin Leib und Leben wagt. Ich habe mich mit \u00f6ffentlichen \u00c4mtern befa\u00dft, ohne mich dar\u00fcber selbst nur einen Nagel breit aus dem Gesicht zu verlieren, und mich andern geben k\u00f6nnen, ohne mich mir selbst zu nehmen. Lebhaftigkeit und Heftigkeit des Verlangens hindert die Ausf\u00fchrung dessen, was wir \u00fcbernehmen, mehr, als es solche bef\u00f6rdert. Es erf\u00fcllt uns mit Ungeduld nach dem Ausgang, der entweder widrig sein oder sich verz\u00f6gern kann, und mit Bitterkeit und Argwohn gegen diejenigen, mit welchen wir zu tun haben. Wir f\u00fchren niemals eine Sache wohl, welche uns \u00e4ngstlich im Kopfe liegt und treibt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Male cuncta ministrat<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Impetus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer dabei nichts anwendet als kalten Verstand und Geschicklichkeit, kommt weit leichter zurecht. Er verstellt sich, biegt ein, gibt nach mit Leichtigkeit, so wie es die Gelegenheit verlangt. Er harrt, ohne sich zu qu\u00e4len, ohne sich zu betr\u00fcben, und ist fertig und bereit zu einem neuen Unternehmen. Ein solcher Mann h\u00e4lt immer den Z\u00fcgel fest in der Hand. Der hingegen, welchen die Heftigkeit und Gewalt seiner Absicht berauscht, begeht notwendigerweise viel Unbesonnenheit und Ungerechtigkeit. Die Gewalt seines Verlangens rei\u00dft ihn fort. Es sind gewagte Bewegungen, die, wenn das Gl\u00fcck nicht viel dabei tut, nichts fruchten. Die Philosophie verlangt, da\u00df wir bei Bestrafung der empfangenen Beleidigung allen Zorn beiseite setzen. Nicht damit die Rache geringer sei, sondern vielmehr im Gegenteil treffender und wichtiger, welches nach ihrer Meinung durch Heftigkeit vermindert w\u00fcrde. Nicht nur macht der Zorn, da\u00df wir dunkel sehen, sondern, an sich selbst schon, erm\u00fcdet er die Arme desjenigen, welcher straft. Sein Feuer l\u00e4hmt und verzehrt alle Kraft. So ergeht es auch der \u00dcbereilung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Festinatio tarda est.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Eile schl\u00e4gt sich selbst ein Bein unter, verwickelt sich und h\u00e4lt sich auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ipsa se velocitas implicat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Beispiel, nach allem was ich aus der Erfahrung sehe, hat der Geiz keinen gr\u00f6\u00dferen Widersacher als sich selbst. Je angestrengter und heftiger er arbeitet, je unfruchtbarer ist er. Gew\u00f6hnlicherweise h\u00e4uft er viel schneller Reicht\u00fcmer zusammen, wenn er sich hinter das Bild der Freigebigkeit versteckt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ein gewisser von Adel, ein sehr redlicher Mann und mein Freund, h\u00e4tte sich fast den Kopf durch eine zu leidenschaftliche Anstrengung und T\u00e4tigkeit in Gesch\u00e4ften eines Prinzen, seines Herrn, verwirrt. Sein Herr schilderte sich selbst gegen mich auf folgende Art: \u00bbIch sehe die Wichtigkeit der Ereignisse so gut wie ein anderer; bei solchen aber, denen nicht mehr zu helfen ist, entschlie\u00dfe ich mich auf der Stelle, sie geduldig zu leiden. Gegen andre treffe ich die n\u00f6tigen Vorkehrungen, welches ich verm\u00f6ge der Lebhaftigkeit meines Geistes auf der Stelle tun kann, und erwarte sodann in Ruhe, was daraus werden mag.\u00ab In der Tat habe ich ihn auch so befunden, da\u00df er bei wichtigen und sehr verwickelten Dingen eine gro\u00dfe Sorglosigkeit und Freiheit im Handeln und in Geb\u00e4rden behauptet. Ich finde ihn viel gr\u00f6\u00dfer und viel f\u00e4higer bei widrigem als bei gutem Geschick. Seine Niederlagen machen ihm mehr Ruhm als seine Siege und seine Trauer mehr als sein Triumph.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man bemerke nur, da\u00df selbst in solchen Handlungen, die an sich gering und nichtsbedeutend sind, z.B. beim Schachspiel, beim Ballschlagen und dergleichen die gar zu gro\u00dfe Emsigkeit und Hitze eines zu heftigen Verlangens nach Sieg, den Geist und die Glieder unmittelbar in Unordnung und Unaufmerksamkeit versetzen. Man verblendet und verwirrt sich selbst. Derjenige, der sich gegen Gewinn und Verlust mit mehr M\u00e4\u00dfigkeit betr\u00e4gt, ist immer bei sich selbst. Je weniger einer beim Spiele hitzig und leidenschaftlich ist, mit desto mehr Vorteil und Sicherheit wei\u00df er es zu lenken.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Im \u00fcbrigen verhindern wir die Ergreifung und Festhaltung der Seele, wenn wir ihr zuviel auf einmal zu umfassen geben. Einige Dinge mu\u00df man ihr blo\u00df vorhalten, andere anheften, noch andere einverleiben. Sie mag immerhin alle Dinge sehen und empfinden, aber n\u00e4hren mu\u00df sie sich nur von sich selbst. Sie mu\u00df unterrichtet sein, was sie nur ber\u00fchrt und was eigentlich ihres Seins und Wesens ist. Die Gesetze der Natur lehren uns, was wir genau bed\u00fcrfen. Nachdem die Weisen uns gesagt haben, der Natur nach sei kein Mensch arm, wohl aber seiner Meinung nach, unterscheiden sich gleichfalls sehr fein die Begierden, welche aus der Natur entstehen, von den Begierden, welche aus der Unordnung unserer Einbildung entspringen. W\u00fcnsche, deren Ende wir absehen, sind Werke der Natur, W\u00fcnsche aber, die immer vor uns fliehen, die wir nicht erreichen k\u00f6nnen, sind unser eigenes Werk. Der Armut an G\u00fctern ist leicht abgeholfen, der Armut der Seele unm\u00f6glich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nam si, quod satis est homini, id satis esse potesset,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoc sat, erat, nunc, quum hoc non est, qui credimus porro,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Divitias ullas animum mi explere potesse?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Sokrates durch seine Stadt eine gro\u00dfe Menge Reicht\u00fcmer, Edelgesteine und kostbares Hausger\u00e4t zur Schau herumtragen sah, rief er aus: \u00bbO wie viele Dinge, deren ich nicht begehre!\u00ab Metrodorus nahm t\u00e4glich an Nahrungsmitteln nach dem Gewicht nicht mehr zu sich als zw\u00f6lf Unzen. Epikur noch weniger. Metrokles schlief im Winter bei einer Herde Schafe und im Sommer in den Kreuzg\u00e4ngen der Kirchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sufficit ad id natura, quod poscit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cleanthes lebte von seiner H\u00e4nde Arbeit und r\u00fchmte sich, da\u00df Cleanthes, wenn er wollte, noch einen anderen Cleanthes ern\u00e4hren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn das, was die Natur urspr\u00fcnglich und im genauesten Sinne zur Erhaltung unseres Daseins von uns fordert, so gar wenig ist (wie es denn wirklich ist, und wie wir nicht besser ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, mit wie wenigem unser Leben erhalten werden kann, als durch die Bemerkung, da\u00df es so wenig sei, da\u00df es durch seine Geringf\u00fcgigkeit dem Einflu\u00df und den Schl\u00e4gen des Gl\u00fccks entgeht), so la\u00df uns die Sorgen f\u00fcr ein Mehreres fahrenlassen, la\u00df uns auch das noch Natur nennen, was den Stand und die Lage eines jeden von uns betrifft; la\u00df uns nach diesem Ma\u00dfe uns selbst sch\u00e4tzen und behandeln. Bis dahin la\u00df uns unsere Rechnungen und Lagerb\u00fccher erstrecken, denn mich deucht, da\u00df wir bis dahin wohl zu entschuldigen stehen. Die Gewohnheit ist eine zweite Natur und nicht minder m\u00e4chtig. Was mir an dem mangelt, woran ich gewohnt bin, das deucht mich, mangele mir wirklich, und mir w\u00fcrde es wirklich ebenso lieb sein, man nehme mir das Leben, als wenn man es mir sehr verk\u00fcmmerte und mich weit von dem Zustand herabsetzte, in welchem ich seit so langer Zeit lebe. Ich bin nicht mehr in den Jahren, wo ich einen gro\u00dfen Gl\u00fcckswechsel ertragen noch mich an eine neue und ungewohnte Lebensart gew\u00f6hnen k\u00f6nnte; nicht einmal an eine reichere. Meine Zeit ist dahin, ein anderer Mensch zu werden. Und wie ich ein gro\u00dfes Gl\u00fcck, wenn es mir zu dieser Zeit in die H\u00e4nde fiele, beklagen w\u00fcrde, da\u00df es nicht in der Zeit gekommen w\u00e4re, da ich es h\u00e4tte genie\u00dfen k\u00f6nnen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quo mihi fortunam, si non conceditur uti?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ebenso w\u00fcrde ich mich \u00fcber einen gro\u00dfen Seelenerwerb beklagen. Es ist gewisserma\u00dfen besser, niemals als sp\u00e4t ein ehrlicher Mann zu werden oder richtig leben zu lernen, wenn man nicht mehr zu leben hat. Ich, der ich auf meiner Abreise begriffen bin, k\u00f6nnte es gar leicht einem Ank\u00f6mmling \u00fcberlassen, was ich durch den Umgang mit der Welt an Klugheit lerne. Das ist Senf, der nach vollendeter Mahlzeit aufgesetzt wird. Was soll ich mit dem Gut, mit welchem ich nichts anfangen kann? Wozu Gelehrsamkeit einem Menschen, der keinen Kopf mehr hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist Feindseligkeit und Geh\u00e4ssigkeit des Schicksals, wenn es uns Geschenke zuwirft, die uns einen gerechten \u00c4rger verursachen, da\u00df wir solche zu geh\u00f6riger Zeit entbehren mu\u00dften. Entziehet mir nur euren Arm, ich kann nicht mehr gehen! Von allen Gliedern, welche die Geschicklichkeit hat, ist mir Geduld allein hinreichend. Wozu einem S\u00e4nger die Einsicht, eine sch\u00f6ne Diskantstimme zu f\u00fchren, wenn schon seine Lunge verfault ist? Wozu die Beredsamkeit einem Einsiedler in den W\u00fcsten Arabiens? Zum Fallen braucht es keiner Kunst. Das Ende ergibt sich bei jeder Besch\u00e4ftigung von selbst. Meine Welt sinkt unter mir weg, meine Form ist verdunstet. Ich geh\u00f6re ganz der Vergangenheit und bin verbunden, daran zu haften und meinen Abgang ihr gem\u00e4\u00df einzurichten. Ich will dieses hier als ein Beispiel anf\u00fchren, da\u00df die neue p\u00e4pstliche Verk\u00fcrzung des Jahres um zehn Tage mir so sp\u00e4t \u00fcberkommen ist, da\u00df ich mich nicht recht darein finden kann. Ich bin noch aus den Jahren her, wo man anders rechnete. Ein so alter und langer Gebrauch h\u00e4lt mich fest und will mich nicht loslassen. Ich bin gezwungen, in diesem St\u00fcck ein wenig ketzerisch zu denken. Ich bin keiner Neuerung mehr f\u00e4hig, selbst nicht der Verbesserung. Meine Einbildung wirft sich, trotz meinem guten Willen, immer um zehn Tage vorw\u00e4rts oder um zehn Tage zur\u00fcck, und murmelt mir in die Ohren: \u00bbDiese Vorschrift geht eigentlich nur die an, welche kommen sollen!\u00ab Wenn die Gesundheit selbst, welche so s\u00fc\u00df ist, zuweilen bei mir einspricht, so ist es mehr, um mir ein Bedauern einzufl\u00f6\u00dfen, als sich mir zu genie\u00dfen zu geben. Ich wei\u00df nicht mehr, wo ich sie beherbergen soll. Die Zeit verl\u00e4\u00dft mich, und ohne sie besitzt man nichts. O wie wenig w\u00fcrde ich mir aus diesen gro\u00dfen Wahlw\u00fcrden machen, die ich in der Welt sehe, zu welchen man nur solche M\u00e4nner w\u00e4hlt, die auf dem Punkt stehen, davonzugehen! Bei denen man nicht sowohl darauf sieht, wie gut, als wie kurz sie verwaltet werden d\u00fcrften; bei deren Antritt man schon auf den Hintritt blickt. Kurz, ich bin jetzt hier, diesen Menschen zu vollenden, nicht aber einen neuen daraus zu machen. Durch langen Gebrauch ist mir meine Form wesentlich, mein Schicksal zur Natur geworden. Ich sage also, da\u00df ein jeder von uns Schw\u00e4chlingen zu entschuldigen ist, wenn er dasjenige, was unter dieses Ma\u00df f\u00e4llt, f\u00fcr das Seinige erachtet. Aber \u00fcber dieses Ma\u00df hinaus ist auch nichts als Verwirrung. Es ist die weiteste Ausdehnung, die wir unsern Rechten erteilen k\u00f6nnen. Je mehr wir unsere Bed\u00fcrfnisse und unsere Besitzungen vergr\u00f6\u00dfern, um so mehr stellen wir uns den Schl\u00e4gen des Gl\u00fccks und den Widerw\u00e4rtigkeiten blo\u00df. Die Schranken unserer W\u00fcnsche m\u00fcssen auf ein nachbarliches Ziel eingeengt und verk\u00fcrzt werden, auf die Bequemlichkeiten dessen, was uns am n\u00e4chsten zur Hand liegt. Und \u00fcbrigens mu\u00df auch ihr Lauf nicht in gerader Linie fortgehen, die immer aus uns hinausf\u00fchrt, sondern in einem Kreise, dessen beide Punkte sich in uns selbst durch eine kurze Rundung ber\u00fchren und endigen. Alles Treiben, bei welchem diese unerl\u00e4\u00dfliche und wesentliche Bedingung nicht stattfindet, zum Beispiel das Treiben des Geizigen, des Ruhms\u00fcchtigen und so vieler andern, welche gerade auslaufen und deren Gang sie immer vorw\u00e4rts f\u00fchrt, ist ein irriger, kr\u00e4nklicher Betrieb.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die meisten unserer Besch\u00e4ftigungen sind Gaukelpossen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mundus universus exercet histrioniam.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man mu\u00df seine Rolle geh\u00f6rig vorstellen, aber wie die Rolle einer erborgten Person. Man mu\u00df aus dem Federbusch, aus Stern und Band keine wesentliche Sache machen noch aus dem Fremden etwas Eigent\u00fcmliches. Wir wissen nicht zwischen Haut und Hemd zu unterscheiden. Es ist schon genug, das Gesicht mit Mehl wei\u00df zu machen, die Brust bedarf dessen nicht. Ich kenne Leute, die sich in ebenso viele neue Gestalten und Wesen umformen und verwandeln, als sie \u00c4mter \u00fcbernehmen; die selbst ihrem Herzen und Eingeweiden den Hahnenkamm aufsetzen und ihre W\u00fcrde bis auf ihren Leibstuhl mitnehmen. Ich kann es ihnen nicht in den Kopf bringen, da\u00df sie das Hutabziehen, welches ihnen gilt, von demjenigen unterscheiden, welches ihrem Amte, ihrem Gefolge oder auch ihrem Maultiere widerf\u00e4hrt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Tantum se fortunae permittunt, etiam ut naturam dediscant.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie bl\u00e4hen und schwellen ihre Seele und ihren nat\u00fcrlichen D\u00fcnkel nach dem Verh\u00e4ltnis auf, wie ihr Richterstuhl gesetzt ist. Der Maire und Montaigne waren allemal zwei auffallend verschiedene Personen. Wenn jemand Advokat oder Finanzier ist, mu\u00df er darum den Betrug nicht verkennen, der bei solchem Gewerbe stattfindet. Ein ehrlicher Mann ist f\u00fcr die Laster oder Dummheiten seines Standes nicht verantwortlich und mu\u00df den noch die Aus\u00fcbung desselben nicht von sich ablehnen. Es ist einmal die Art und Weise seines Landes und gibt ihm etwas einzubrocken. Man mu\u00df von der Welt leben und sie nutzen, wie man sie findet. Aber der Verstand eines Kaisers mu\u00df \u00fcber sein Kaisertum hinausgehen und es ansehen und betrachten als eine fremde Zuf\u00e4lligkeit. Er mu\u00df sein Ich besonders zu genie\u00dfen verstehen und sich, wie Hans und Peter, wenigstens sich selbst mitzuteilen wissen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich kann mich nicht tief und v\u00f6llig auf etwas einlassen. Wenn mich mein Wille einer Partei \u00fcbergibt, verbinde ich mich nicht so gewaltsam mit ihr, da\u00df mein Verstand darunter litte. Bei den gegenw\u00e4rtigen Verwirrungen unseres Staates hat mich mein Vorteil ebensowenig die guten Eigenschaften unsrer Gegner verkennen lassen als die tadelhaften Eigenschaften derjenigen, mit denen ich es halte. Sie verg\u00f6ttern alles, was auf ihrer Seite ist. Ich hingegen entschuldige nicht einmal die meisten Dinge, welche auf der meinigen vorgehen. Eine sch\u00f6ne Schrift verliert bei mir dadurch nichts von ihren Vorz\u00fcgen, da\u00df sie gegen mich zu Gericht eingegeben worden. Insofern es nicht auf den Streitknoten ankommt, habe ich mich immer im Gleichgewicht und Gleichg\u00fcltigkeit erhalten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Neque extra necessitates belli, praecipuum odium gero.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wor\u00fcber ich mir um so mehr wohl will, weil ich sehe, da\u00df man gew\u00f6hnlich durch das Gegenteil fehlt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Utatur motu animi, qui uti ratione non potest.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diejenigen, welche ihren Zorn und ihren Ha\u00df weiter erstrecken, als der Zank reicht, wie die meisten zu tun pflegen, zeigen, da\u00df solche aus andern Quellen und besondern Ursachen entspringen; geradeso, wie wenn einem Menschen noch das Fieber anklebt, nachdem er von einem Geschw\u00fcr geheilt ist; was ein Merkzeichen ist, da\u00df das Fieber von geheimen Ursachen entstanden ist. Es r\u00fchrt daher, da\u00df sie nicht blo\u00df der Sache als Sache, und insofern sie allgemein ist und das Interesse aller und des Staats betrifft, feind sind; sondern sie blo\u00df hassen, insofern ihnen solche allein weh tut. Das ist die Ursache, weswegen sie sich besonders entr\u00fcsten und \u00fcber Gerechtigkeit und \u00f6ffentliches Recht hinausgehen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Non tam omnia universi, quam ea quae ad quemque pertinere, singuli carpebant.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00fcnsche, da\u00df der Vorteil auf unserer Seite sein m\u00f6ge, aber ich gerate nicht in Wut, wenn er&#8217;s nicht ist. Ich halte mich stark an die vern\u00fcnftigste Partei, aber ich mache mir kein besonderes Gesch\u00e4ft daraus, da\u00df man mich vor allen andern als einen Feind des Gegenteils und \u00fcber die allgemeinen Grunds\u00e4tze hinaus betrachte. Ich mi\u00dfbillige diese unschickliche Meinung aufs \u00e4u\u00dferste: \u00bbEr geh\u00f6rt zur Ligue, denn er bewundert die Geschicklichkeit des Prinzen von Guise. Er staunt \u00fcber die T\u00e4tigkeit des K\u00f6nigs von Navarra, er ist also ein Hugenott. Er hat dieses oder jenes gegen die Sitten des K\u00f6nigs einzuwenden, er ist also in seinem Herzen ein Aufr\u00fchrer.\u00ab Ich gestatte nicht einmal der Obrigkeit, da\u00df sie ein Buch mit Recht verurteilt habe, weil es einen Ketzer unter den besten Dichtern unserer Zeit auff\u00fchrte. D\u00fcrfen wir nicht mehr von einem Diebe sagen, er sei ein fixer Kerl? Mu\u00df ein M\u00e4dchen, das sich einmal verleiht, deswegen eine Metze hei\u00dfen? Nahm man in den alten weiseren Zeiten dem Marcus Manlius den pr\u00e4chtigen Titel Capitolinus wieder ab, den man ihm zuvor als Erhalter der Religion und \u00f6ffentlichen Freiheit erteilt hatte? Erstickte man das Andenken an seine Freigebigkeit, an seine Heldentaten und die kriegerischen Belohnungen, die sich seine Tapferkeit erworben hatte, weil er nachher, trotz den Gesetzen seines Landes, nach der k\u00f6niglichen W\u00fcrde strebte? Wenn die Menschen einen Widerwillen gegen einen Advokaten bekommen, so leugnen sie ihm tags darauf seine Beredsamkeit ab. Ich habe anderw\u00e4rts \u00fcber den Eifer gesprochen, welcher ehrliche Leute zu solchen Fehlern verleitet. Ich meinesteils kann wohl sagen: \u00bbDieses macht er sehr schlecht und jenes gut.\u00ab So verlangt man bei den widrigen Vorhersagungen oder Auskaufen der Sachen, da\u00df jedweder blind und dumm an seiner Partei h\u00e4ngen soll; da\u00df unser Urteil und unsere \u00dcberzeugung nicht sowohl der Wahrheit diene als vielmehr den Entw\u00fcrfen unserer W\u00fcnsche. Ich m\u00f6chte lieber auf der Gegenseite ausschweifen, aus Furcht, da\u00df meine W\u00fcnsche mich best\u00e4chen. Dazu kommt, da\u00df ich meinen Hoffnungen wenig traue.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe zu meiner Zeit eine au\u00dferordentliche Leichtgl\u00e4ubigkeit des Volks gesehn, sich t\u00f6richterweise in seinen Hoffnungen und Vertrauen bei der Nase fassen zu lassen, an welcher Seite und Stelle es seinen F\u00fchrern gut ged\u00fcnkt hat, obwohl diese sich hundertmal hintereinander verrechneten, und dabei allen vorgespiegelten Gaukeleien und Traumgebilden zu glauben. Ich wundere mich nicht mehr \u00fcber diejenigen, welche sich von den Affereien des Apollonius von Thyane und Mahomets ank\u00f6rnen lie\u00dfen. Ihr Geist und Gef\u00fchl wird ganz und gar durch ihre Leidenschaft erstickt. Ihre \u00dcberlegung hat weiter keine Wahl als unter solchen Dingen, die sie anlachen und ihrer obwaltenden Sache einen sch\u00f6nen Schein geben. Dies habe ich durchg\u00e4ngig bei dem ersten Anfalle unseres Staatsfiebers bemerkt. Der andere Anfall, welcher nachher sich ge\u00e4u\u00dfert und ihn nachgeahmt hat, ist noch weiter gegangen. Daraus schlie\u00dfe ich, da\u00df es eine von den Volksirrt\u00fcmern unzertrennliche Eigenschaft sei. Nach der ersten Meinung, welche ausbricht, dr\u00e4ngen und sto\u00dfen sich alle und folgen Wind und Wellen. Man geh\u00f6rt nicht zum Ganzen, wenn man seine eigene Meinung f\u00fcr sich beh\u00e4lt, wenn man nicht mit der ganzen Flotte segelt. Aber wahrhaftig, man tut der gerechten Partei unrecht, wenn man sie durch Heuchler verst\u00e4rken will. Dawider habe ich mich immer laut erkl\u00e4rt. Dies Mittel kann nur schwachen K\u00f6pfen gefallen. Gesunde und helle schlagen nicht nur einen ehrlicheren, sondern auch einen gewisseren Weg ein, um ihren Mut zu erhalten und sich bei widrigem Geschicke zu tr\u00f6sten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Himmel hat keine so gro\u00dfe Zwistigkeit gesehen als die des C\u00e4sar und Pompejus und wird in aller Zukunft keine \u00e4hnliche erblicken. Gleichwohl glaube ich an diesen beiden edlen Seelen eine au\u00dferordentliche M\u00e4\u00dfigkeit des einen gegen den andern zu erkennen. Es war ein Neid \u00fcber Ehre und Herrschsucht, der sie niemals bis zum w\u00fctenden, unvern\u00fcnftigen Hasse trieb und best\u00e4ndig frei von Heimt\u00fccke und Verleumdung blieb. In ihrem heftigsten Streben entdecke ich noch immer eine gewisse Hochachtung des einen gegen den andern, und urteile-demnach, da\u00df, wenn es ihnen m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, jeder von ihnen gew\u00fcnscht h\u00e4tte, lieber ohne als mit dem Untergang seines Nebenbuhlers zu seinem Ziele zu gelangen. Wie ganz anders verhielten sich Marius und Sulla. Das erw\u00e4ge man doch! Man mu\u00df sich nicht blindlings von seinem Vorteile und seinen Neigungen hinrei\u00dfen lassen. Wie ich in meiner Jugend mich dem Fortgang der Liebe widersetzte, die mir \u00fcberm\u00e4chtig zu werden schien, und durch \u00dcberlegung herausbrachte, es w\u00fcrde mir nicht angenehm sein, wenn sie mich am Ende zw\u00e4nge und ganz unter ihre Gewalt br\u00e4chte, so mache ich es bei allen andern Veranlassungen, wo meine Neigung sich zu heftig anl\u00e4\u00dft. Ich h\u00e4nge mich an ihr Gegengewicht, sobald ich sehe, da\u00df sie untertaucht und sich in ihrem Wein berauscht. Ich weigere mich, ihr Vergn\u00fcgen so weit zu n\u00e4hren, da\u00df ich solche nicht mehr ohne blutigen Kampf zur\u00fcckbringen k\u00f6nnte. Die Seelen, welche aus Stumpfsinn eine Sache nur halb sehen k\u00f6nnen, genie\u00dfen des Gl\u00fccks, da\u00df ihnen sch\u00e4dliche Dinge minder Kummer machen. Es ist eine geistige Armut, welche ein Ansehen von Gesundheit hat, und zwar von einer solchen Gesundheit, die der Philosophie ganz und gar nicht ver\u00e4chtlich ist. Gleichwohl ist es nicht schicklich, solche Weisheit zu nennen, wie wir oft tun. Auf diese Weise verspottete jemand, vor alters, den Diogenes, welcher im tiefen Winter ganz nackt eine Schneegestalt zum Beweis seiner Geduld umarmte. Als jener diesen dar\u00fcber betraf, sagte er zu ihm: \u00bbFriert dich jetzt sehr?\u00ab \u00bbGanz und gar nicht,\u00ab antwortete Diogenes. \u00bbWas glaubst du denn,\u00ab fragte der andere, \u00bbSchweres und Musterhaftes zu tun?\u00ab Um die Standhaftigkeit zu messen, mu\u00df man durchaus wissen, wie weit das Leiden geht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber die Seelen, welche die widerw\u00e4rtigen Zuf\u00e4lle und die Schl\u00e4ge des Gl\u00fccks in ihrer ganzen St\u00e4rke und Widerw\u00e4rtigkeit auffassen, welche solche in ihrer nat\u00fcrlichen Bitterkeit, in ihrer Last und ihrem Gewicht erw\u00e4gen und kosten, m\u00fcssen ihre ganze Geschicklichkeit aufbieten, ihrer Ursache zu entrinnen, ihren Einflu\u00df abzuwenden. Was tat der K\u00f6nig Cotys?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er bezahlte das sch\u00f6ne und reiche Silberger\u00e4te, das man ihm dargebracht hatte, sehr gro\u00dfm\u00fctig; weil es aber au\u00dferordentlich zerbrechlich war, zerbrach er es auf der Stelle selbst, um sich beizeiten eine so leichte Veranlassung des Z\u00fcrnens gegen seine Bedienten zu benehmen. Auf ebendiese Weise habe ich ihnen verh\u00fctet, da\u00df meine Angelegenheiten nicht in Unordnung gerieten und dahin getrachtet, da\u00df meine G\u00fcter nicht mehr an die G\u00fcter meiner Verwandten oder solcher Personen grenzten, mit denen ich in genauer Freundschaft stehe, woraus sonst gew\u00f6hnlich Anla\u00df zu Kaltsinn und Ungeselligkeit entspringt. Ehedem liebte ich Gl\u00fccksspiele in Karten und W\u00fcrfeln. Seit langer Zeit habe ich mich davon losgesagt; blo\u00df deswegen, weil, so gelassen ich auch bei meinem Verlust aussehen mochte, ich gleichwohl dar\u00fcber innerlich Verdru\u00df vermerkte. Ein Mann von Ehre, der keine Beleidigung mit kaltem Blut erdulden, keine kahle Entschuldigung f\u00fcr Ersatz und Verg\u00fctung annehmen darf, mu\u00df ja alles weitl\u00e4ufige Wortgez\u00e4nk vermeiden. Ich fliehe alle m\u00fcrrischen und z\u00e4nkischen Gem\u00fcter wie die Pest, und alle Gespr\u00e4che, welche ich nicht ohne Teilnahme und mit kaltem Blut behandeln kann, darein mische ich mich nicht, wenn mich nicht Pflicht dazu zwingt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Melius non incipient, quam desinent.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die sicherste Art und Weise ist also, sich vorzubereiten, ehe die Gelegenheit eintritt. Ich wei\u00df wohl, da\u00df einige Weise einen andern Weg eingeschlagen und sich nicht gef\u00fcrchtet haben, sich \u00fcber verschiedene Gegenst\u00e4nde lebhaft zu zanken und zu streiten. Solche Leute waren ihrer Kr\u00e4fte versichert, in welcher Versicherung sie sich vor jeder feindlichen Macht gedeckt hielten und allem Nachteil die St\u00e4rke der Geduld entgegensetzten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Velut rupes, vastum quae prodit in aequor,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obvia ventorum furiis, expostaque ponto,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vim cunctam atque minas perfert caelique marisque,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ipsa immota manens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">La\u00df uns diese Beispiele nicht \u00fcber den Haufen werfen wollen, wir w\u00fcrden damit nicht zurechtkommen. Sie bestehen fest darauf und ohne sich zu beunruhigen, den Untergang ihres Landes anzusehen, welches ihren ganzen Willen besa\u00df und beherrschte. F\u00fcr unsere gew\u00f6hnlichen Seelen wird dazu zu viel Kraft und Anstrengung erforderlich sein. Cato verlie\u00df dar\u00fcber das edelste Leben, das jemals gelebt ward. Wir andern kleinen Seelen m\u00fcssen den Sturm schon von fern fliehen, mehr auf das Gef\u00fchl als auf die Geduld achten und den Schl\u00e4gen ausweichen, welche wir nicht abwehren k\u00f6nnen. Als Zeno den Chremonides, einen J\u00fcngling, welchen er liebte, sich n\u00e4hern sah, um sich bei ihm niederzusetzen, stand er pl\u00f6tzlich auf, und als ihn Cleanthes nach der Ursache dieses Aufstehens fragte, versetzte er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie \u00c4rzte verordnen gegen jede Geschwulst haupts\u00e4chlich Ruhe und verbieten alle Bewegungen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sokrates sagt nicht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbErgebet euch nicht den Reizen der Sch\u00f6nheit, widersteht ihr, zwinget euch zum Widerstand!\u00ab, sondern: \u00bbFliehet sie, entfernt euch aus ihrem Gesicht und ihrer N\u00e4he: h\u00fctet euch vor ihr als vor einem starken Gifte, welches schon von ferne trifft und wirkt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sein guter J\u00fcnger, wenn er die seltenen Vollkommenheiten des gro\u00dfen Cyrus erdichtet oder erz\u00e4hlt (nach meiner Meinung erz\u00e4hlt er solche viel mehr, als er sie erdichtet), malt ihn als mi\u00dftrauisch auf seine St\u00e4rke gegen die g\u00f6ttlichen Sch\u00f6nheitsreize der ber\u00fchmten Panthea, seiner Gefangenen, und \u00fcberl\u00e4\u00dft den Besuch und die Bewachung derselben einem andern, dem nicht so viel freistand als ihm. Ebenso der Heilige Geist lehrt uns beten: F\u00fchre uns nicht in Versuchung! Wir beten nicht, da\u00df unsere Vernunft durch unsere Begierden unbek\u00e4mpft bleibe und obsiege; sondern da\u00df solche selbst nicht einmal auf die Probe gestellt werden, da\u00df wir nicht einmal in den Zustand geraten m\u00f6gen, die Ann\u00e4herung, Verf\u00fchrung und Versuchung zur S\u00fcnde auszuhalten, und bitten unsern Herrn, unser Gewissen ruhig zu erhalten, fern und v\u00f6llig befreit von der Ann\u00e4herung zum B\u00f6sen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diejenigen, welche sagen, da\u00df sie die Leidenschaft der Rache oder irgendeine andere Art von Leidenschaft besiegt haben, sagen oft die Wahrheit in Betracht der Sache, wie sie ist, aber nicht in Betracht dessen, wie sie war. Sie sagen uns das, wenn die Ursache ihres Irrtums durch L\u00e4nge der Zeit hinf\u00e4llig geworden ist. Geht man aber zur\u00fcck, f\u00fchrt man die Ursachen auf die Zeit ihrer Entstehung zur\u00fcck, so sitzen sie auf dem trocknen. Wollen sie, da\u00df ihr Fehler geringer werde, weil er \u00e4lter ist, und da\u00df ein ungerechter Anfang eine gerechte Folge habe? Wer seinem Vaterland das Beste w\u00fcnscht wie ich, ohne deswegen sich abzuh\u00e4rmen oder einen Leib voller Schw\u00e4ren zu haben, dem wird es h\u00f6chst unangenehm sein, ohne dabei aus der Haut zu fahren, wenn er dasselbe mit dem Untergang bedr\u00e4ut oder dessen l\u00e4ngere Dauer verderblich findet. Ungl\u00fcckliches Schiff, das die Winde, die Wellen und der Steuermann selbst so j\u00e4mmerlich von der sichern Fahrt hin und her werfen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In tam diversa, magister,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ventus, et unda, trahunt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer nicht nach der Gunst der F\u00fcrsten als nach einer Sache lechzt, deren er nicht entbehren kann, achtet nicht viel auf die K\u00e4lte ihres Empfangs noch ihrer Mienen, noch auf die Unbest\u00e4ndigkeit ihres Wohlwollens. Wer nicht \u00fcber seinen Kindern oder \u00fcber seinen Ehrentiteln mit sklavischer Anh\u00e4nglichkeit br\u00fctet, kann immer nach ihrem Verlust ganz gem\u00e4chlich leben. Wer das Gute haupts\u00e4chlich in R\u00fccksicht auf sein inneres Vergn\u00fcgen tut, wird dar\u00fcber nicht aus seiner Fassung kommen, wenn er sieht, da\u00df die Menschen nicht nach Verdienst von seinen Handlungen urteilen. Gegen solche \u00dcbel ist ein Quentlein Geduld mehr als hinl\u00e4nglich. Ich befinde mich wohl bei diesem Rezept. Es erleichtert mir dadurch gleich anfangs alle \u00dcbel und Beschwerden. Mit geringer Anstrengung bes\u00e4nftige ich alle Aufwallungen der Gem\u00fctsbewegungen und lasse die Dinge, welche mir l\u00e4stig zu werden beginnen, dahinfahren, bevor sie mich mit sich fortrei\u00dfen. Wer es nicht hindern kann, vom Lande zu sto\u00dfen, wird auch die Macht der Wellen nicht hindern. Wer seine T\u00fcr nicht verschlie\u00dfen kann, kann auch den Eingang nicht versagen. Wer mit dem Anfang nicht zurechtkommen kann, wird mit der Beendigung einer Sache noch weniger zurechtkommen. Wer die Ersch\u00fctterung nicht verhindern kann, kann auch nicht den Einsturz verhindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etenim ipsae se impellunt, ubi semel a ratione discessum est; ipsaque sibi imbecillitas indulget, in altumque provehitur imprudens, nec reperit locum consistendi.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich f\u00fchle beizeiten die leichten Winde, welche in meinem Inwendigen um mich her f\u00e4cheln und lispeln und Vorl\u00e4ufer des Sturms sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ceu flamina prima<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cum deprensa fremunt silvis, et caeca volutant<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Murmura, venturos nautis prudentia ventos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wievielmal habe ich mir ein offenbares Unrecht angetan, um dem Wagest\u00fcck zu entgehen, das mir unberufene Richter nach einem Jahrhunderte von Verdru\u00df und heimlichen schmutzigen Schlichen, die meiner Natur noch mehr zuwider sind als Folter und Feuer, zuf\u00fcgen k\u00f6nnten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Convenit a litibus, quantum licet, et nescio an paulo plus etiam, quam licet, abhorrentem esse: Est enim non modo liberale, paululum nonnunquam de suo jure decedere, sed interdum etiam fructuosum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir recht vern\u00fcnftig w\u00e4ren, sollten wir uns ebenso freuen und r\u00fchmen, wie ich eines Tages sehr aufrichtig von einem Kind von gro\u00dfem Hause h\u00f6rte, das alle Menschen, die es um sich sah, treuherzig aufforderte, sich mit ihm dar\u00fcber zu freuen, da\u00df seine Mutter ihren Proze\u00df verloren habe, als w\u00e4re sie ihres Hustens oder ihres Fiebers oder sonst einer verdrie\u00dflichen Sache losgeworden. Selbst die Beg\u00fcnstigungen, welche das Gl\u00fcck mir durch Verwandtschaft und\u00a0Bekanntschaft mit solchen Menschen, die im h\u00f6chsten Ansehen stehen, gew\u00e4hrt haben k\u00f6nnte, habe ich sehr nach meiner \u00dcberzeugung angesehen und aufs genaueste vermieden, solche zum Nachteile anderer anzuwenden, und keinen gr\u00f6\u00dferen Gebrauch davon gemacht, als mich bei meinen Rechten ohne weiteres zu erhalten. Mit einem Wort: ich habe auf meiner Lebensreise dahin gestrebt, zur guten Stunde sei es gesagt, da\u00df ich bis diesen Augenblick in Ansehung aller Prozesse noch Jungfrau bin, ob ich gleich oft sehr lockenden Anla\u00df gehabt h\u00e4tte, sehr gerechte Prozesse anzufangen, wenn es mir beliebt h\u00e4tte, dazu meine Ohren zu leihen. Ebenso jungfr\u00e4ulich bin ich in R\u00fccksicht auf allen Zank und habe bald ein h\u00fcbsches langes Leben hingebracht, ohne zu schelten oder gescholten zu werden und ohne mich anders als bei meinem Namen nennen zu h\u00f6ren. Eine seltene Gnade des Himmels!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Unsere gr\u00f6\u00dften Beunruhigungen entstehen aus l\u00e4cherlichen Gr\u00fcnden und kommen von ebensolchen Triebfedern. Wieviel Unheil begegnete nicht unserm letzten Herzog von Burgund durch den Streit \u00fcber einen Karren mit Schafsh\u00e4uten. War nicht der Stich eines Petschaftes die erste und vornehmste Ursache der entsetzlichsten Verheerung, welcher dieser Erdball jemals erlitten hat. Denn Pompejus und C\u00e4sar sind nur Abk\u00f6mmlinge zweier andern, und ich habe zu meiner Zeit gesehen, da\u00df die weisesten K\u00f6pfe dieses K\u00f6nigreichs sich mit gro\u00dfer Feierlichkeit und auf \u00f6ffentliche Kosten versammelt haben, um \u00fcber eine Vereinigung zu ratschlagen, deren wahre Entscheidung gleichwohl haupts\u00e4chlich von der Willk\u00fcr eines Damenkabinetts und von dem Eigensinn dieses oder jenes Weibleins abhing. Die Poeten, welche Griechenland und Asien wegen eines Apfels in Feuer und Flamme geraten lie\u00dfen, sahen diese Wahrheit trefflich ein. Man betrachte doch, warum jener seine Ehre und sein Leben auf die Spitze des Schwerts und des Dolchs setzt. Man frage ihn, woher seine Wut entsteht. Er kann nicht, ohne zu err\u00f6ten, darauf antworten; so eitel und geringf\u00fcgig ist die Veranlassung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Beim Einschiffen kam es nur auf eine kleine Grille an; nach der Abfahrt aber fa\u00dft jedes Segel Wind. Nunmehr kommt es auf gro\u00dfe Zur\u00fcstungen und Reisebed\u00fcrfnisse an, und alles wird schwerer und wichtiger. Es ist viel leichter, nicht einzusteigen als wieder herauszusteigen. Man mu\u00df grade das Widerspiel vom Schilfrohr halten, welches anfangs einen langen geraden Halm erzeugt, hernach aber, gleichsam als ob es sich durch schnelles Wachstum ersch\u00f6pft h\u00e4tte, setzt es Sch\u00fcsse und dicke Knoten als Ruhepunkte, welche beweisen, da\u00df es nicht mehr die vorige Kraft und Best\u00e4ndigkeit hat. Man mu\u00df vielmehr leise und kalt beginnen und seinen Atem und seine Kraftschwinge bis zum wichtigsten Punkt und bis zur Vollendung des Gesch\u00e4fts aufsparen. Wir leiten die Gesch\u00e4fte bei ihrem Anfang und haben sie in unserer Gewalt. Nachher aber, wenn sie erst in Schwung gesetzt sind, leiten sie uns und rei\u00dfen uns hin, dann m\u00fcssen wir ihnen folgen. Unterdessen ist hiermit nicht gesagt, da\u00df mich dieser Rat von aller Schwierigkeit befreit habe und da\u00df ich nicht oft alle H\u00e4nde voll zu tun gehabt h\u00e4tte, meine Leidenschaften zu z\u00fcgeln. Sie f\u00fcgen sich nicht immer unter das Ma\u00df der Veranlassung und treten oft heftig und hitzig genug ein. Gleichwohl kann man aus diesem Rate guten Nutzen und Fr\u00fcchte ziehen. Nur diejenigen nicht, welche beim Richtighandeln sich mit keinem Nutzen, keiner Frucht begn\u00fcgen, wenn dabei nicht Ruhm und Ehre einzuernten ist. Denn im Grunde macht ein jeder \u00fcber Nutzen und Frucht die Berechnung nach seiner eignen Weise. Ihr seid zufriedener, aber nicht h\u00f6her gesch\u00e4tzt, wenn ihr euch reiflich besinnt, bevor ihr beginnt und ehe die Materie des Handelns sichtbar war. Indessen ist auch, nicht nur in dieser Sache, sondern in allen \u00fcbrigen Pflichten des Lebens, der Weg derjenigen, deren Augenmerk die Ehre ist, sehr verschieden von der Bahn, auf welcher sich diejenigen halten, welche auf Ordnung und Vernunft sehn. Ich finde verschiedene Menschen, welche sich ohne alle Bed\u00e4chtigkeit w\u00fctend in die Schranken st\u00fcrzen und im Laufe immer matter werden. Wie Plutarch sagt, da\u00df diejenigen, welche aus Bl\u00f6digkeit nachgebend sind und alles bewilligen, was man von ihnen fordert, auch wieder sehr leicht ihre Zusage vergessen und ihr Wort brechen. So auch diejenigen, welche leicht in Zorn und Zank geraten, h\u00f6ren ebenso leicht wieder auf und werden gut. Eben die Schwierigkeit, welche mich abh\u00e4lt, etwas zu beginnen, w\u00fcrde mich auch treiben, dabei fest zu beharren, wenn ich einmal im Gange und warm geworden w\u00e4re. Es ist eine \u00fcble Art. Ist man aber einmal auf dem Wege, so mu\u00df man fortgehen oder platzen. Beginne mit K\u00e4lte, sagte Bias; aber verfolge mit Hitze! Aus dem Mangel der Klugheit verf\u00e4llt man in den Mangel des Mutes, welcher noch weniger ertr\u00e4glich ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die meisten Vertr\u00e4ge nach unsern heutigen Streitigkeiten sind schimpflich und l\u00fcgenhaft. Wir suchen nur den Dingen einen h\u00fcbschen Anstrich zu geben und verraten gleichwohl unsere wahren Absichten, deren wir nicht Wort haben wollen. Wir verkleistern die Tatsache. Wir wissen wohl, wie wir es gesagt und gemeint haben, das wissen auch die, die dabeistehen und unsere Freunde, denen wir unsern Vorteil haben zu verstehen geben wollen. Es geschieht auf Kosten unserer Freim\u00fctigkeit und auf Kosten der Ehre unserer Tapferkeit, da\u00df wir unsre Meinung ableugnen und in der Falschheit Kaninchenl\u00f6cher suchen, um uns zu vertragen. Wir strafen uns selbst L\u00fcgen, um uns aus dem Handel zu ziehen, wenn wir andere L\u00fcgen gestraft haben. Es kommt nicht darauf an, ob unsere Handlungen oder Worte anders ausgelegt werden k\u00f6nnen, sondern darauf, da\u00df wir bei unserer wahren, aufrichtigen Erkl\u00e4rung und Deutung beharren, es m\u00f6ge uns auch kosten, was es wolle. Es kommt hier auf Tugend und Gewissenhaftigkeit an. Das sind keine Teile, die man verlarven darf. Solche elende Behelfe und Ausfl\u00fcchte la\u00dft uns der juristischen Schikane \u00fcberlassen. Die Entschuldigungen und Gen\u00fcgeleistungen, welche ich t\u00e4glich machen sehe, um \u00dcbereilungen zu besch\u00f6nigen, kommen mir noch h\u00e4\u00dflicher vor als die \u00dcbereilungen selbst. Besser w\u00e4re es, seine Widersacher noch einmal beleidigen, als sich selbst durch solche Verg\u00fctung beleidigen. Ihr habt ihm im aufgebrachten Zorn getrotzt, und nun bei kaltem und besserm Verstand wollt ihr ihn bes\u00e4nftigen und schmeicheln. Also leistet ihr eine Genugtuung, die gr\u00f6\u00dfer ist, als eure Beleidigung war. Ich finde f\u00fcr einen Ehrenmann keine Worte, die so dem\u00fctigend w\u00e4ren, als wenn er seine Worte zur\u00fccknimmt, besonders wenn man ihn zu dieser Zur\u00fccknahme zwingt, weil ihm Eigensinn und Halsstarrigkeit noch eher zu \u00fcbersehen stehn als bl\u00f6de Feigherzigkeit. Meinen Leidenschaften kann ich ebenso leicht ausweichen, als es mir schwer ist, solche zu m\u00e4\u00dfigen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Exscinduntur facilius animo, quam temperantur.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wer nicht bis zu dieser stoischen Unverwundbarkeit reichen kann, der rette sich beizeiten in den Scho\u00df meiner niedrigen F\u00fchllosigkeit. Was jene Helden aus Tugend taten, dahin suche ich mich durch meine Stimmung zu bringen. Die Gewitter schweben in der mittlern Luft. Die beiden \u00e4u\u00dfern Enden, der Philosoph und der Bauer, treffen in Rache und Gl\u00fcckseligkeit zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Felix, qui potuit rerum cognoscere causas,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Atque metus omnes et inexorabile fatum<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Subiecit pedibus, strepitumque Acherontis avari!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fortunatus et ille, deos qui novit agrestes,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Panaque, Silvanumque senem, Nymphasque sorores.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Dinge sind bei ihrer ersten Entstehung zart und schwach. Gleichwohl mu\u00df man ihren Anfang mit offenen Augen betrachten; denn, so wie man an einem Dinge, solange es noch klein ist, das Gef\u00e4hrliche nicht bemerkt, so entdeckt man auch nachher, wenn es angewachsen ist, kein Gegenmittel mehr dawider. Mir w\u00e4ren eine Million Querstriche begegnet, die mir t\u00e4glich schwerer zu verdauen geworden w\u00e4ren, h\u00e4tte ich meinem Ehrgeiz den Z\u00fcgel gelassen, als es mir leicht geworden ist, den nat\u00fcrlichen Hang zu hemmen, der mich dahin leitete:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jure perhorrui<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Late conspicuum tollere verticem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle \u00f6ffentlichen Handlungen sind ungewissen und verschiedenen Auslegungen blo\u00dfgestellt, denn gar zu viele K\u00f6pfe urteilen dar\u00fcber. Einige sagten von meiner B\u00fcrgermeisterf\u00fchrung (und ich will hier wohl ein Wort dar\u00fcber sprechen, nicht weil es der Rede wert ist, sondern weil es zu einem Pr\u00f6bchen meines Betragens in solchen Dingen dienen kann), ich habe mich dabei betragen wie ein Mann, der zu schwer in Bewegung zu setzen ist und sich der Sachen nicht mit geh\u00f6riger W\u00e4rme annimmt, und die haben gar gro\u00dfen Schein f\u00fcr sich. Ich versuche es, meine Seele und meine Gedanken in Ruhe zu erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cum semper natura, tum etiam aetate jam quietus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn sie sich zuweilen durch einen starken, tiefen Eindruck in Unordnung bringen lassen, so geschieht das gewi\u00df gegen meinen Willen. Aus dieser nat\u00fcrlichen Unt\u00e4tigkeit mu\u00df man gleichwohl keinen Beweis f\u00fcr mein Unverm\u00f6gen ziehen wollen (denn Mangel an Sorgfalt und Mangel an Verstand sind zwei verschiedene Dinge), noch weniger aber daraus schlie\u00dfen, ich sei unerkenntlich und undankbar gegen die B\u00fcrgerschaft gewesen, welche alle \u00e4u\u00dfern Mittel, die sie in H\u00e4nden hatte, hervorsuchte, mir ihr Wohlwollen zu bezeugen, sowohl bevor sie mich kannte als nachher. Auch tat sie weit mehr f\u00fcr mich, da sie mir mein Amt abermals auftrug, als da sie mir solches zuerst beilegte. Ich will ihr alles m\u00f6gliche Liebe und Gute. Und gewi\u00df, h\u00e4tte sich die Gelegenheit dazu gezeigt, so w\u00fcrde ich nichts unterlassen haben, um ihr Dienste zu erweisen. Ich war f\u00fcr sie so t\u00e4tig als f\u00fcr mich selbst. Es ist eine gute kriegerische, gro\u00dfm\u00fctige B\u00fcrgerschaft, dabei gleichwohl des Gehorsams und der Zucht f\u00e4hig, wovon sich ein guter Gebrauch machen l\u00e4\u00dft, wenn sie gut angef\u00fchrt wird. Andre sagen, die Zeit meiner Verwaltung sei hingegangen, ohne merkw\u00fcrdige Spuren zu hinterlassen. Gut das! Man klagt meine Unterlassung zu einer Zeit an, wo fast jedermann des Zuvieltuns \u00fcberwiesen war. Bei Dingen, die ich mit Entschlossenheit angreife, habe ich ein Ansehen von Mut und Hitze, diese Hitze aber ist eine Feindin der Beharrlichkeit. Wer sich meiner bedienen will, wo ich ihm n\u00fctzen kann, der gebe mir Gesch\u00e4fte, wozu Kraft geh\u00f6rt und Freiheit, welche geradewegs und in K\u00fcrze ausgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Erfordert die Ausf\u00fchrung lange Zeit, Spitzfindigkeit, viel M\u00fche und Kunst und krumme Wege, so tut man besser, man wendet sich an einen andern. Alle \u00c4mter, welche wichtig sind, sind deswegen noch nicht schwer. Ich war darauf vorbereitet, mich ein wenig h\u00e4rter anzugreifen, wenn es sehr n\u00f6tig gewesen w\u00e4re. Denn es steht in meinem Verm\u00f6gen, ein wenig mehr als gew\u00f6hnlich und als ich gern tun m\u00f6chte, zu tun. Soviel ich wei\u00df, vers\u00e4umte ich kein Gesch\u00e4ft, das meine wohlverstandene Pflicht von mir forderte. Diejenigen, welche der Ehrgeiz unter die Pflichten mischt und ihnen sein Siegel aufdr\u00fcckt, habe ich leicht vergessen. Da sind solche, welche am meisten in Aug und Ohr zu fallen pflegen und den Menschen zufriedenstellen. Es ist dabei mehr Schein als Gehalt. Die Menschen meinen, man schlafe, wenn man kein Ger\u00e4usch macht. Meiner Gem\u00fctsart ist alles L\u00e4rmen und Aufsehen zuwider. Ich ersticke gern eine Unruhe, ohne mich selbst zu beunruhigen, und m\u00f6chte gern Unordnung bestrafen, ohne mich dabei zu \u00e4rgern. Ist es n\u00f6tig, da\u00df ich in Zorn und Flamme ausbreche, so nehme ich das Ansehen und die Larve an. Meine Sitten sind weichlich und viel mehr kahnicht als sauer. Ich tadle keine Obrigkeit, welche schl\u00e4ft, wenn nur diejenigen, die unter ihrer Aufsicht stehen, ebensogut schlafen als sie. Die Gesetze schlafen auch. Ich, meinesteils, lebe nur ein sanft hingleitendes Leben, schattig und stumm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neque submissam et abiectam, neque se efferentem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Schicksal will es so. Ich bin in einer Familie geboren, welche ohne Ger\u00e4usch und Aufsehen lebte und seit langem Gedenken nur nach dem Ruhm der Biederkeit strebte. Unsere heutigen Menschen sind dergestalt zu Gew\u00fchle und Schimmer gebildet, da\u00df die G\u00fcte, die M\u00e4\u00dfigkeit, die Billigkeit, die Best\u00e4ndigkeit und dergleichen ruhige dunkle Eigenschaften nicht mehr geachtet werden. Rauhe, ungeschlachte K\u00f6rper f\u00fchlt man bald; zartgeschliffene schl\u00fcpfen unmerklich durch die Hand. Krankheit empfindet man, Gesundheit wenig oder gar nicht; so wie man auch Dinge weniger f\u00fchlt, die uns wohl, als die uns weh tun. Es hei\u00dft f\u00fcr seinen Ruhm und eigenen Nutzen und nicht f\u00fcrs allgemeine Beste arbeiten, wenn man das, was man in seinem Ratskabinettchen abtun konnte, aufschiebt, um es auf \u00f6ffentlichem Markt zu verrichten, und am hellen Mittag das, was man die Nacht vorher h\u00e4tte abmachen k\u00f6nnen; auch wenn man eifrig ist, dasjenige selbst zu beschicken, was ein Amtsgenosse ebensogut beschicken konnte. So machten einige griechische Wund\u00e4rzte die Operationen ihrer Kunst auf aufgeschlagenen B\u00fchnen, vor den Augen der Vor\u00fcbergehenden, um dadurch mehr Kundschaft und Gewinn zu erlangen. Einige Leute glauben, man werde die guten Verordnungen nicht verstehen, wenn sie solche nicht mit Posaunenton ausrufen lassen. Der Ehrgeiz ist nicht das Laster kleiner Wichte noch solchen Taten angemessen, als die unsrigen sind. Man sagte dem Alexander: Dein Vater wird dir ein gro\u00dfes, ruhiges und friedliches Reich hinterlassen. Der Knabe ward neidisch auf die Siege seines Vaters und auf die Gerechtigkeit seiner Regierung. Ruhig und friedlich h\u00e4tte ihm die Regierung der ganzen Welt nicht gen\u00fcgt. Alcibiades beim Plato will lieber jung, sch\u00f6n, reich, edel, gelehrt und im h\u00f6chsten Grade der Vollkommenheit sterben, als auf halbem Wege am Leben bleiben. Diese Krankheit ist vielleicht bei einer so starken, erhabenen Seele zu verzeihen. Wenn aber kleine Zwergseelen ihnen nach\u00e4ffen wollen und denken ihren Namen weit umher zu verherrlichen, weil sie irgendeinen Proze\u00df richtig geschlichtet, die Wache in den Toren einer Stadt in Ordnung gehalten haben, so zeigen sie um desto mehr ihr nacktes Hinterteil, je mehr sie hoffen, den Kopf in die H\u00f6he zu recken. Ihr bi\u00dfchen Rechttun hat weder Leib noch Leben, es stirbt schon wieder im ersten Mund und gelangt nicht von einer Ecke der Gasse zur andern. Erz\u00e4hlt nur dreist davon euerm Sohn und euerm Bedienten, wie jener Mann bei den Alten, welcher, da er keine anderen Zuh\u00f6rer seines Eigenlobs und kein anderes Echo seiner Tapferkeit hatte, sich gegen seine Hausmagd herausstrich und ausrief:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbO Kathrine, was hast du f\u00fcr einen tapfern und geschickten Herrn!\u00ab Wenn euch niemand anh\u00f6ren will, so ruft euch selbst zum Zeugen; wie ein gewisser mir bekannter Ratsherr, der mit saurer M\u00fche und Schwei\u00df ein sehr wortreiches und ebenso schales Referat zutage gewirkt hatte und nun aus der Ratsstube nach dem Pi\u00dfwinkel ging, woselbst man ihn ganz and\u00e4chtig zwischen den Z\u00e4hnen murmeln h\u00f6rte: \u00bbNicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre!\u00ab Wer nicht anders kann, zahlt sich aus seinem Beutel. Der Nachruhm prostituiert sich nicht f\u00fcr einen erb\u00e4rmlichen Preis. Die seltnen exemplarischen Handlungen, welchen er rechtm\u00e4\u00dfigerweise geb\u00fchrt, w\u00fcrden die Gesellschaft dieser unz\u00e4hlbaren Menge von Alltagshandlungen nicht neben sich dulden. La\u00dft noch so viele Marmortafeln, ein renovatum est, euren Vor- und Zunamen und Titel aufh\u00e4ngen, wenn ihr etwa eine alte Mauer ausbessern oder einen verschlammten Bach habt reinigen lassen; die Inschrift wird von euch sprechen, aber kein Mensch von irgend schlichtem Verstand. Der Nachklang folgt nicht immer auf alles, was Gutes geschah, wenn nicht Schwierigkeiten oder auffallende Umst\u00e4nde damit verbunden waren. Ja selbst die blo\u00dfe Achtung geb\u00fchrt, nach der Meinung der Stoiker, keiner Handlung, wenn solche nicht tugendhaft ist. Diese wollen nicht einmal, da\u00df man demjenigen Dank wisse, der sich aus M\u00e4\u00dfigung einer alten trief\u00e4ugigen Vettel enth\u00e4lt. Diejenigen, welche die vortrefflichen Eigenschaften des Scipio Africanus gekannt haben, verweigern ihm den Ruhm, welchen Pan\u00e4tius ihm zuschreibt, da\u00df er keine Geschenke genommen, weil es ein Ruhm sei, der nicht sowohl ihm als seinem Jahrhundert geb\u00fchre. Wir haben den Genu\u00df, welcher sich zu unseren Verm\u00f6gensumst\u00e4nden pa\u00dft; warum wollten wir uns noch den der Gr\u00f6\u00dfe anmessen? Unser Genu\u00df ist nat\u00fcrlicher und um so dauerhafter und sicherer, als er niedriger ist. T\u00e4ten wir es nicht aus Gewissenhaftigkeit, so la\u00dft uns wenigstens aus Ehrgeiz dem Ehrgeiz entsagen. Weg mit diesem Hunger nach Ruhm und Ehre, der so kriechend und schlingelhaft ist, da\u00df er uns alle Art von Leuten anbetteln l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quae est ista laus, quae possit e macello peti?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Scherflein sei auch noch so gering, das sie uns zuwerfen k\u00f6nnen! Also geehrt zu werden, ist wahre Schande. La\u00dft uns doch lernen, nicht nach mehr Ehre zu geizen, als wir deren f\u00e4hig sind. Sich wegen jeder n\u00fctzlichen und unschuldigen Handlung aufbl\u00e4hen, geziemt nur Leuten, denen so etwas au\u00dferordentlich und selten scheint. Sie wollen solche Handlungen so teuer anschlagen, als sie ihnen zu stehen kommen. In ebendem Ma\u00dfe, wie eine gute Handlung Aufsehen erregt, in ebendem Ma\u00dfe dinge ich ab von ihrer G\u00fcte und gerate auf den Argwohn, da\u00df sie mehr des Aufsehens wegen als ihrer G\u00fcte halber erzeugt worden. Ausgekramt ist schon halb bezahlt. Solche Taten haben viel mehr W\u00fcrde, die der Hand des Werkmeisters entwischen, ohne Ger\u00e4usch und gleichsam ohne Vorsatz, und die hernach erst irgendein Ehrenmann aufhebt, dem Schatten entzieht und solche ihrer innern G\u00fcte wegen ans Tageslicht stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mihi quidem laudabiliora videntur omnia, quae sine venditatione, et sine populo teste fiunt, sagt einer der ruhms\u00fcchtigsten Menschen von der Welt. Ich hatte nur zu bewahren und fortzupflanzen, welches Gesch\u00e4fte sind, die im stillen und ohne Ger\u00e4usch verrichtet werden. Etwas Neues einf\u00fchren ist sehr gl\u00e4nzend. Aber in dieser Zeit, wo wir nichts Angelegentlicheres zu tun haben, als uns gegen alle Neuerungen zu verteidigen, ist das verbotene Arbeit. Es ist zuweilen ebenso verdienstlich, sich von gewissen Dingen zu enthalten, als sie zu unternehmen und auszuf\u00fchren. Dabei ist aber weniger Trompetenschall, und das wenige Verdienst, das ich habe, liegt vielleicht alles auf dieser Seite. Kurz zu sagen, alle Gelegenheit und Veranlassung bei diesem Amt stimmten ganz gut zu meiner Gesinnung, welches mir denn sehr lieb und angenehm war. M\u00f6chte wohl ein Mensch deswegen krank sein, um seinen Arzt recht gesch\u00e4ftig zu sehen? Und m\u00fc\u00dfte man nicht dem Arzt die Rute geben, der uns die Pest an den Hals w\u00fcnschte, um uns seine Kunst zu zeigen? Ich habe niemals den gottlosen, obgleich ziemlich gew\u00f6hnlichen Wunsch gehabt, da\u00df die Unruhen und Krankheiten der Verh\u00e4ltnisse dieser Stadt meine Verwaltung ehren und in ein hohes Licht stellen m\u00f6chten. Ich habe von Herzen gern ihre Unschwierigkeit und Leichtigkeit auf meine Schultern genommen. Wer sollte mir nicht die sanfte, stille Ruhe, die w\u00e4hrend meiner Amtsf\u00fchrung vorwaltete, Dank wissen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenigstens kann er mir den Anteil nicht rauben, der auch mir w\u00e4hrend dieser Zeit am Gl\u00fcck geb\u00fchrte. Und ich bin nun einmal so, da\u00df ich ebenso gern gl\u00fccklich sein mag als weise und da\u00df ich das, was mir gelingt, ebenso gern der blo\u00dfen Gnade Gottes als der Vermittelung meiner eigenen Ratschl\u00e4ge verdanke. Ich hatte der Welt meine Unt\u00e4tigkeit in \u00f6ffentlichen Gesch\u00e4ften offenherzig genug bekanntgemacht. Ungeschicklichkeit ist nicht mein gr\u00f6\u00dfter Fehler, sondern da\u00df ich damit nicht einmal unzufrieden bin und ihr nicht abzuhelfen suche, in R\u00fccksicht der Lebensart, die ich mir vorgeschrieben habe. Ich habe mir bei dieser Verwaltung freilich selbst nicht einmal Gen\u00fcge geleistet. Aber so ungef\u00e4hr bin ich doch dahingelangt, zu leisten, was ich mir versprach; auch habe ich das \u00fcbertroffen, was ich denen versprach, mit welchen ich zu tun hatte. Denn ich verspreche gern etwas weniger, als was ich vermag und was ich hoffe, leisten zu k\u00f6nnen. Ich bin versichert, da\u00df ich niemanden beleidigt oder zum Ha\u00df Anla\u00df gegeben habe, sondern da\u00df man mich dort ungern vermi\u00dft; obgleich ich nicht \u00e4ngstlich danach strebte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mene huic confidere monstro!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mene salis placidi vultum, fluctusque quietos<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ignorare!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98980\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Michel_de_Montaigne_1-e1645727597349.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"300\" \/><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der Redaktion:<\/span> W\u00fcrde Michel de Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine <em>Essais<\/em> lesen. Und zwar Wort f\u00fcr Wort. Oder wir nehmen einen charmanten Umweg und lesen Sarah Bakewells <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Wie soll ich leben?<\/a><\/span>. Dies ist nicht nur der Titel ihrer ungew\u00f6hnlichen Biographie, sondern zeigt zugleicht die Methode an, mit der sich die Autorin dem Denken Montaignes n\u00e4hert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Lesen Sie auch einen<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\"> KUNO-Beitrag <\/a>zu\u00a0 Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im Vergleich mit gew\u00f6hnlichen Menschen r\u00fchren mich wenige Dinge, oder um besser zu sagen, fesseln mich wenige. Denn es ist ganz recht, sich von ihnen r\u00fchren zu lassen, wenn sie uns nur nicht besitzen. 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