{"id":78144,"date":"2023-05-02T00:01:55","date_gmt":"2023-05-01T22:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78144"},"modified":"2022-02-25T14:40:16","modified_gmt":"2022-02-25T13:40:16","slug":"was-nuetzlich-ist-und-was-ehrlich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/02\/was-nuetzlich-ist-und-was-ehrlich\/","title":{"rendered":"Was n\u00fctzlich ist und was ehrlich"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Mensch ist davon frei, da\u00df er nicht zuweilen Lappereien sagen sollte, das Ungl\u00fcck ist nur, da\u00df die meisten solche gar zierlich geben wollen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nae iste magno conatu magnas nugas dixerit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich trifft das aber nicht, die meinigen entfallen mir und machen mir ebensowenig M\u00fche, als sie wert sind. Das ist ihnen auch zu raten, denn sobald sie mich nur im geringsten etwas kosteten, so sagte ich ihnen alsobald Heide und Weide auf! Ich mag f\u00fcr solche Spielereien nicht mehr geben und nehmen, als sie w\u00e4gen. Ich spreche mit meinem Papier, wie ich mit dem ersten besten spreche, den ich bei dem Knopf fasse. Da\u00df das wahr sei, was ich sage, das ist die Hauptsache.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wem mu\u00df die schurkische Hinterlist nicht abscheulich sein, da selbst Tiber sich ihrer nicht bedienen wollte, obgleich ihm solche so vorteilhaft werden konnte? Man schrieb ihm aus Germanien, da\u00df, wenn er wollte, man ihm den Hermann oder Arminius durch Gift vom Halse schaffen wollte. Dies war der m\u00e4chtigste Feind der R\u00f6mer, welcher sie unter dem Varus so h\u00e4\u00dflich zugerichtet hatte, und der einzige, der sie hinderte, sich in jenem Lande auszubreiten. Tiberius lie\u00df antworten, das r\u00f6mische Volk sei gewohnt, sich an seinen Feinden \u00f6ffentlich, mit den Waffen in der Hand und nicht durch h\u00e4mische List insgeheim zu r\u00e4chen; er entsagte dem N\u00fctzlichen und w\u00e4hlte das Ehrliche. Es war, wird man mir sagen, ein Gro\u00dfschw\u00e4tzer. Ich glaube es, das ist von Leuten seiner Profession eben kein Wunder. Aber ein Zeugnis f\u00fcr die Tugend ist im Munde eines Menschen, der sie ha\u00dft, nicht weniger g\u00fcltig, um so mehr, weil ihm die Wahrheit solches wider Willen entrei\u00dft und er, wenn er dieselbe auch nicht in seinem Herzen aufnehmen mag, sich doch damit als mit einer Zierde bekleidet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Unser Bauwerk, es gehe ins Gro\u00dfe oder Kleine, ist voller Unvollkommenheit, aber in der Natur ist nichts unn\u00fctz, selbst nicht das Unn\u00fctze; in dieses Weltall ist nichts hineingelegt, das nicht an seinem rechten Platze stehe. Unser Wesen ist aus kr\u00e4nklichen Eigenschaften zusammengesetzt; Ehrgeiz, Eifersucht, Neid, Rachbegier, Aberglaube, Verzweiflung wohnen uns bei und haben uns in einem so nat\u00fcrlichen Besitze, da\u00df das Bild davon sich sogar an den Tieren wahrnehmen l\u00e4\u00dft; ja selbst die Grausamkeit, welche ein so unnat\u00fcrliches Laster ist; denn bei allem unsern Mitleiden f\u00fchlen wir doch innerlich eine gewisse sauers\u00fc\u00dfe Empfindung von boshafter Wollust, wenn wir andere neben uns leiden sehen; selbst Kinder f\u00fchlen sie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Suave mari magno, turbantibus aequora ventis,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">E terra magnum alterius spectare laborem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wer den Samen dieser Eigenschaften im Menschen ausrotten wollte, w\u00fcrde die Hauptbedingungen unseres Lebens st\u00f6ren. Ebenso gibt es in allen b\u00fcrgerlichen Einrichtungen notwendige \u00c4mter, die nicht nur niedrig, sondern sogar widrig sind. Diese Widrigkeiten spielen darin ihre Rolle, und man bedient sich ihrer als R\u00e4te in unserer Verbindung, wie man sich des Gifts zur Erhaltung unserer Gesundheit bedient. Wenn sie dadurch Entschuldigung verdienen, weil sie n\u00f6tig werden, und das Bed\u00fcrfnis des gemeinen Wesens ihre wahre Eigenschaft vertilgt, so mu\u00df man diese Rollen von st\u00e4rkeren und weniger furchtsamen B\u00fcrgern ausf\u00fchren lassen, welche ihre Ehre und ihr Gewissen aufopfern, wie jene M\u00e4nner des Altertums ihr Leben f\u00fcrs Heil ihres Vaterlandes aufopferten; wir andern, Schw\u00e4chern \u00fcbernehmen gern solche Rollen, die leichter und mit weniger Gefahr verbunden sind. Das \u00f6ffentliche Wohl verlangt, da\u00df man verrate, da\u00df man l\u00fcge und da\u00df man metzele. Solche Auftr\u00e4ge wollen wir gehorsameren und geschmeidigeren Leuten \u00fcberlassen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wahrhaftig! Ich habe oft meinen eigenen \u00c4rger dar\u00fcber gehabt, wenn ich so gesehen, da\u00df Richter durch List oder vorgespiegelte Hoffnung von Gnade und Verzeihung den Verbrecher verleiteten, seine Tat zu bekennen, und dabei allerlei unversch\u00e4mte T\u00fccke anwendeten. Es w\u00fcrde der Gerechtigkeitspflege zum Vorteil gereichen und selbst dem Plato, der diesen Gebrauch beg\u00fcnstigt, wenn sie mir andere Mittel, die mehr nach meinem Sinne w\u00e4ren, an die Hand geben wollten. Es ist eine h\u00e4mische Gerechtigkeit, und nach meiner Meinung wird sie durch sich selbst ebensowohl beleidigt als durch andere. Ich antwortete noch vor kurzem, da\u00df ich kaum einen Prinzen eines Privatmanns wegen verraten m\u00f6chte, dem es sehr leid tun w\u00fcrde, irgendeinen Privatmann eines Prinzen wegen zu verraten, und ich hasse nicht nur alle Betr\u00fcgereien \u00fcberhaupt, sondern ich hasse es auch, da\u00df man sich in mir betr\u00fcge, und mag dazu nicht einmal weder Stoff noch Anla\u00df geben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bei demjenigen, was ich bei den Parteien und Unterparteien, die uns jetzt zerrei\u00dfen, unter unsern Prinzen zu verhandeln gehabt habe, nahm ich keine Larve vor und trachtete sorgf\u00e4ltig zu vermeiden, da\u00df sie mich nicht mi\u00dfverstanden. Die diplomatischen M\u00e4nner halten sich immer sehr zugekn\u00f6pft und stellen sich jederzeit so nachgebend und der Vereinigung so nahe als m\u00f6glich; ich \u00e4u\u00dfere immer meine Meinung aufs lebhafteste und auf eine mir ganz eigene Art, als gewissenhafter Unterh\u00e4ndler und als ein Neuling, der lieber seinem Gesch\u00e4ft als sich selbst zu nahe treten mag. Unterdessen geschah es bis auf diese Stunde mit solchem Gl\u00fcck (denn das Gl\u00fcck hat dabei den gr\u00f6\u00dften Anteil), da\u00df wenige Verhandlungen mit geringerem Verdacht, mit mehr Leichtigkeit und gr\u00f6\u00dferer Verschwiegenheit von einer Hand in die andere gegangen sind. Ich habe eine offenherzige Weise, der es leicht wird, Beifall zu finden und sich gleich bei der ersten Bekanntschaft Glauben zu erwerben. Treuherzigkeit und reine Wahrheit fanden zu jederzeit und finden noch ihren Ort und ihre Gelegenheit, wo sie wohl angebracht sind. Dabei ist auch die Freim\u00fctigkeit solcher Menschen, welche dergleichen Gesch\u00e4fte ohne allen eigenen Vorteil besorgen, wenig verd\u00e4chtig und geh\u00e4ssig, und k\u00f6nnen solche nach aller Wahrheit die Antwort anwenden, welche Hyperides den Atheniensern gab, als sich solche \u00fcber den hohen Ton seiner Sprache beschwerten: \u00bbMeine Herren, achten sie nicht darauf, ob ich frei rede, sondern darauf, ob ich es tue, ohne etwas zu nehmen und ohne dadurch meine Umst\u00e4nde im geringsten zu verbessern.\u00ab Meine Freim\u00fctigkeit hat mich auch leicht aus allem Verdacht der Verstellung gesetzt, weil sie nachdr\u00fccklich war (denn ich sagte alles frei heraus, es mochte noch so derbe, noch so treffend sein, ich h\u00e4tte hinter dem R\u00fccken nichts H\u00e4rteres sagen k\u00f6nnen) und weil ihr Unbefangenheit und Einfalt deutlich anzusehen war. Von mei nen Verhandlungen suche ich keine anderen Fr\u00fcchte als die Verhandlungen selbst, und begehre solche nicht durch allerlei Verf\u00e4nglichkeiten in die L\u00e4nge zu ziehen. Jede hat bei mir ihren besondern Zweck, den sie erreichen mag, wenn sie kann. \u00dcbrigens treibt mich keine Leidenschaft, weder des Hasses noch der Vorliebe gegen die Gro\u00dfen, habe auch keinen weder durch Beleidigungen noch Verbindlichkeiten gebundenen Willen. Ich verehre unsere K\u00f6nige mit blo\u00df gesetzlicher und b\u00fcrgerlicher Anh\u00e4nglichkeit, und treibt mich kein besonderer Eigennutz, weder f\u00fcr noch gegen sie zu sein, wof\u00fcr ich mir selbst vielen Dank wei\u00df. Auch die allgemeine und gerechte Sache zieht mich nur m\u00e4\u00dfig und ohne Fieberhitze an sich. Ich bin eben nicht zu tiefen und engen Verbindungen und Verpflichtungen geneigt; Wut und Ha\u00df liegen nicht in den Pflichten der Gerechtigkeit, und sind Leidenschaften, welche blo\u00df denjenigen dienen, welche nicht aus blo\u00dfen Vernunftgr\u00fcnden an ihren Pflichten hangen:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">utatur motu animi, qui uti ratione non potest<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Alle rechtm\u00e4\u00dfigen Vors\u00e4tze sind an und f\u00fcr sich gem\u00e4\u00dfigt; wo nicht, so werden sie unrechtm\u00e4\u00dfig und emp\u00f6rend. Dieserhalben gehe ich allenthalben mit emporgerichtetem Haupt und mit offenem Gesicht und Herzen. Freilich, und ich f\u00fcrchte nicht, es zu gestehen, w\u00fcrde ich im Notfalle dem St. Michael eine Wachskerze bringen und eine andere seinem Drachen, wenn es den Abend vorher so ausgemacht w\u00e4re; der gerechten Partei w\u00fcrde ich bis an den Scheiterhaufen folgen, aber nur bis hinan, wenn es bei mir st\u00e4nde. Mag Montaigne mit dem gemeinen Wesen zugrunde gehen, wenn es die Not heischt; wenn es aber die Not nicht heischt, so will ich es dem Gl\u00fcck sehr wohl nehmen, wenn er gerettet wird. Und so viel Tau, wie mir meine Pflicht in der Hand l\u00e4\u00dft, werde ich anwenden, ihn \u00fcber Wasser zu halten. Rettete sich nicht Atticus, der es mit der gerechten Partei, welche unterlag, hielt, durch seine M\u00e4\u00dfigung aus dem allgemeinen Schiffbruche der Welt, unter so vielem Wandel und Wechsel der Dinge? Privatm\u00e4nnern, wie er war, ist das leicht, und in solcher Art von Gesch\u00e4ften finde ich, da\u00df man mit Recht und Ehrgeiz entsagen kann, sich freiwillig und von selbst in die H\u00e4ndel zu mischen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bei \u00f6ffentlichen Unruhen und in den Streitigkeiten der Parteien seines Landes hin und her schwankend zu bleiben, sich zu keiner zu halten und sich durch nichts aus seinem Gleichgewicht bringen zu lassen, das finde ich weder sch\u00f6n noch bieder:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ea non media, sed nulla via est, velut eventum exspectantium, quo fortunae consilia sua applicent.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das mag in Ansehung der Streitigkeiten unter Nachbarn erlaubt sein, und Gelon, Tyrann von Syrakus, lie\u00df solchergestalt seine Gesinnung bei dem Kriege der Barbaren gegen die Griechen unentschieden, indem er zu Delphi eine Gesandtschaft bereithielt, mit Geschenken f\u00fcr diejenige Partei, welcher das Gl\u00fcck zufallen w\u00fcrde, und diesem Gesandtschaftsbefehle, den Zeitpunkt des Sieges wohl wahrzunehmen, um ihn mit den Siegern zu befreunden. In eignen einheimischen Unruhen, an welchen man notwendigerweise teilnehmen mu\u00df, w\u00e4re dies eine Art von Verr\u00e4terei; an einem Mann aber, der dabei weder Amt noch Befehlshaberstelle hat, finde ich es eher zu entschuldigen, wenn er nicht allenthalben hinten und vorn ist; doch bedarf ich dieser Entschuldigung nicht f\u00fcr mich als wie in einem fremden Kriege, an dem nach unsern Gesetzen jedermann nach eigenem Belieben teilnehmen oder nicht teilnehmen darf. Gleichwohl k\u00f6nnen diejenigen, welche sich g\u00e4nzlich darauf einlassen, es mit solcher Ordnung und mit solcher M\u00e4\u00dfigung tun, da\u00df das Gewitter \u00fcber ihren Kopf wegziehen kann, ohne sie zu besch\u00e4digen. Hatten wir nicht recht, dasselbe vom verstorbenen Bischof von Orl\u00e9ans, Herrn von Morvilliers, zu hoffen? Und ich kenne einige tapfere Krieger unserer Tage von so billigem und sanftem Benehmen, da\u00df sie deswegen immer aufrecht stehenbleiben werden, was f\u00fcr Unfall oder traurigen Gl\u00fcckwechsel der Himmel uns auch vorbereitet. Nach meinem Daf\u00fcrhalten ist es eigentlich nur die Sache der K\u00f6nige, es mit andern K\u00f6nigen aufzunehmen, und lache ich \u00fcber die unruhigen K\u00f6pfe, welche sich so mutwilligerweise in so ungleichen Kampf einlassen; denn man f\u00e4ngt mit einem Prinzen keinen pers\u00f6nlichen Hader an, wenn man \u00f6ffentlich und herzhaft, der Ehre und seiner Pflicht wegen, gegen ihn zu Felde zieht; wenn der Prinz einen solchen Mann nicht liebt, so tut er noch etwas Besseres, er achtet ihn. Und vorz\u00fcglicherweise hat die Sache der Gesetze und die Verteidigung der alten Verfassung dies immer f\u00fcr sich, da\u00df selbst diejenigen, welche aus besondern Nebenabsichten dagegen streiten, deren Verteidiger wenigstens entschuldigen, wenn sie dieselben auch nicht ehren.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man mu\u00df aber nicht, wie wir t\u00e4glich zu tun pflegen, eine innere Bitterkeit, die aus pers\u00f6nlichem Vorteil und Leidenschaft entspringt, Pflicht nennen; noch ein verr\u00e4terisches, heimt\u00fcckisches Betragen Mut und Tapferkeit. Auch nennen die Menschen ihren Hang zur Bosheit und Grausamkeit gern Eifer. Es ist nicht die vermeinte gerechte Sache, welche sie erhitzt, es ist ihr Interesse; sie zetteln den Krieg an, nicht weil der Krieg gerecht ist, sondern weil es Krieg ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nichts steht im Wege, da\u00df man sich nicht ganz gem\u00e4chlich und gesetzm\u00e4\u00dfig zwischen Menschen durchbringen k\u00f6nne, welche einander feind sind; man benehme sich nur unter ihnen, wo nicht mit v\u00f6llig gleicher Freundschaft (denn diese vertr\u00e4gt ein verschiedenes Ma\u00df), zum wenigsten so gem\u00e4\u00dfigt, da\u00df man einem Teil nicht so v\u00f6llig anhange, da\u00df er von uns alles fordern k\u00f6nne, und begn\u00fcge man sich gleichfalls mit einem gem\u00e4\u00dfigten Anteil an der Gunst beider, und in tr\u00fcbem Wasser hinzugleiten, ohne darin fischen zu wollen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die andere Art und Weise, sich dem einen oder dem andern mit aller seiner St\u00e4rke anzubieten, ist noch weniger klug als gewissenhaft. Derjenige, dem zu Gefallen man einen verr\u00e4t, dem man ebenso willkommen ist, wei\u00df er nicht, da\u00df man bei Gelegenheit es mit ihm ebenso machen wird? Er h\u00e4lt euch f\u00fcr einen ruchlosen Menschen; indes h\u00f6rt er euch an, forscht euch aus, und zieht seinen Nutzen aus eurer Unredlichkeit. Denn die Menschen, welche auf beiden Achseln tragen, sind so lange n\u00fctzlich, als sie zubringen; man mu\u00df sich aber wohl h\u00fcten, da\u00df sie nicht mehr mitnehmen, als sie sollen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich sage dem einen nichts, was ich dem andern zu seiner Zeit nicht auch sagen k\u00f6nnte, vielleicht mit etwas ver\u00e4ndertem Ton, und erz\u00e4hle keinem, mit dem ich Verhandlung habe, andere als bekannte und gleichg\u00fcltige Sachen, oder solche, die allen Teilen n\u00fctzlich sind. Aber ich w\u00fc\u00dfte keinen Nutzen, weswegen ich mir erlauben m\u00f6chte, ihnen eine Unwahrheit zu sagen. Was man meinem Stillschweigen anvertraut hat, das verwahre ich aufs heiligste; aber ich weiche auch soviel als m\u00f6glich aus, mir Geheimnisse anvertrauen zu lassen. Es ist eine beschwerliche Arbeit f\u00fcr jemanden, der dabei nichts zu schaffen hat, das Geheimnis eines F\u00fcrsten zu bewachen. Ich lasse mir gern die Bedingungen gefallen, da\u00df sie mir wenig vertrauen, aber mir fest in alledem trauen, was ich ihnen vortrage. Ich habe immer noch mehr erfahren, als ich gewollt habe. Eine offenherzige, treuherzige Rede erweckt eine ebensolche Gegenrede und macht offen und vertraut wie der Wein und die Liebe. Philippides antwortete nach meiner Meinung dem K\u00f6nig Lysimachus sehr weise, als ihn dieser fragte: \u00bbWas soll ich dir von meinen Sch\u00e4tzen mitteilen?\u00ab \u2013 \u00bbWas du willst, nur keins von deinen Geheimnissen!\u00ab Ich sehe, da\u00df jedermann es \u00fcbelnimmt, wenn man ihm den Grund der Gesch\u00e4fte verbirgt, wobei man sich seiner bedient, oder wenn man sich dabei einen oder den andern Punkt vorbeh\u00e4lt; ich meinesteils aber bin damit zufrieden, da\u00df man mir weiter nichts sage, als soviel man will, da\u00df ich ins Licht stellen soll, und verlange nicht, da\u00df das, was ich wei\u00df, meine Worte \u00fcberschreiten oder \u00e4ngstlich machen soll. Soll ich ja als ein Werkzeug des Betrugs dienen, so lasse man wenigstens mein Gewissen aus dem Spiele. Ich verbitte es, mich f\u00fcr einen so treuergebenst gehorsamsten Diener zu halten, da\u00df ich dazu t\u00fcchtig und geschickt erfunden werde, irgendeinen Menschen zu betr\u00fcgen. Wer sich selbst untreu ist, der wird es auch leicht seinem Herrn. Aber es sind F\u00fcrsten, welche die Menschen nicht halb brauchen wollen und die Dienste verachten, die man ihnen mit Einschr\u00e4nkungen und Bedingungen leisten will. Dagegen hilft nichts. Ich sage ihnen ganz aufrichtig heraus, wie weit ich gehen kann; denn Sklave soll ich nur von der Vernunft sein, und auch das will mir nicht einmal immer gl\u00fccken; und sie haben unrecht, von einem freien Mann ebensolche Unterw\u00fcrfigkeit zu ihren Diensten zu fordern und ebensolche Verbindlichkeit als von einem, den sie zum Sklaven gemacht oder gekauft haben oder den das Gl\u00fcck ganz besonders und ausdr\u00fccklich an ihren Willen gefesselt hat. Die Gesetze haben mich einer gro\u00dfen M\u00fche \u00fcberhoben; sie haben mir einen Herrn gegeben und eine Partei f\u00fcr mich gew\u00e4hlt. Alle andere Oberherrschaft und andere Verbindlichkeit, die nicht damit in Verh\u00e4ltnis steht, ist mir ung\u00fcltig. Doch will ich damit nicht sagen, da\u00df ich, wenn mich meine Neigung anders leiten wollte, augenblicklich die H\u00e4nde dazu bieten w\u00fcrde. Der Wille und das Verlangen sind sich selbst Gesetz; die Handlungen aber sind den \u00f6ffentlichen Gesetzen unterworfen. Dieses mein ganzes Verfahren stimmt nicht so ganz v\u00f6llig mit unsern Formen \u00fcberein; es m\u00f6chte damit nicht auf die Dauer gut gehen und keine gro\u00dfe Wirkungen hervorbringen; die Unschuld in leiblicher Gestalt m\u00f6chte zu unserer Zeit nicht wohl ohne Verstellung negoziieren noch mit wahrem Ja und Nein feilschen und handeln k\u00f6nnen. Auch sind \u00f6ffentliche Gesch\u00e4fte nichts weniger als Wild f\u00fcr meine Lieblingsjagd. Soviel mir meine Lage davon auftr\u00e4gt, leiste ich in der prunklichsten Form, die mir m\u00f6glich ist. Als Kind noch ward ich bis \u00fcber die Ohren hinein versenkt, und es gl\u00fcckte mir; indessen machte ich mich beizeiten davon los. Ich bin nachher oft der Gelegenheit ausgewichen, mich damit zu befassen, habe selten welche angenommen, nie mich dazu gedr\u00e4ngt und habe immer dem Ehrgeiz den R\u00fccken zugekehrt gehalten, freilich nicht wie die Ruderleute, welche r\u00fccklings vorw\u00e4rts treiben, doch auf eine solche Weise, da\u00df wenn ich mich nicht darauf eingelassen habe, ich solches weniger meinem Entschlu\u00df als meinem guten Gl\u00fcck zu verdanken habe; denn es gibt Wege, die meinem Geschmack nicht so sehr zuwider und meinen Kr\u00e4ften angemessener sind; und wenn es mich ehedem auf diesen zum \u00f6ffentlichen Dienst der Welt und dadurch zu Ansehen und W\u00fcrden h\u00e4tte berufen wollen, so wei\u00df ich, da\u00df ich \u00fcber die Gr\u00fcnde meiner Vernunft hinweggeschritten sein w\u00fcrde, um dem Rufe zu folgen. Diejenigen, welche gew\u00f6hnlich gegen mein Bekenntnis sagen, was ich in meinen Sitten Freim\u00fctigkeit, Unbefangenheit und Einfachheit nenne, sei Kunst und feine Verschlagenheit und vielmehr Klugheit als G\u00fcte, mehr studiertes als nat\u00fcrliches Betragen, mehr Verstand als Gl\u00fcck, die legen mir dadurch mehr Ehre bei, als sie mir entziehen; gewi\u00df aber machen sie meine Feinheit gar zu fein, und wer mir auf der Spur gefolgt und in der N\u00e4he mich beleuchtet hat, dem will ich gewonnen geben, wenn er nicht eingestehen mu\u00df, da\u00df es in ihrer Schule keine Regel gibt, welche diese nat\u00fcrliche Bewegung hervorbringen und den Anschein von zwangloser Freiheit behaupten k\u00f6nne, die bei alle den krummen und verschiedenen Wegen sich immer so gleich und unverschroben w\u00e4re, und da\u00df all ihr Sinnen, Bestreben und alle ihre Werkzeuge es nicht bis dahin bringen k\u00f6nnen. Der Pfad der Wahrheit ist einfach und gerade; der Weg des pers\u00f6nlichen Nutzens und des Heils der Gesch\u00e4fte, welches man auf sich hat, ist doppelt, ungerade und ungewi\u00df. Ich habe oft eine nachgemachte, erk\u00fcnstelte Freim\u00fctigkeit anwenden gesehen, die meiste Zeit aber ohne allen Erfolg. Es geht damit gern wie dem Esel beim Aesop, welcher, um dem Hund es gleichzutun, sich gar liebreicherweise mit beiden Vorderklauen \u00fcber die Schultern seines Herrn herwarf; aber indessen der Hund \u00fcber eine \u00e4hnliche Freundlichkeit geliebkoset ward, erhielt der arme Esel daf\u00fcr doppelt soviel Pr\u00fcgel.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Id maxime quemque decet, quod est cuiusque suum maxime.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich will der Betr\u00fcgerei ihre W\u00fcrde nicht nehmen, das hie\u00dfe sich sehr schlecht auf die Welt verstehen; ich wei\u00df, da\u00df sie sehr oft sehr n\u00fctzliche Dienste geleistet hat und da\u00df sie die meisten St\u00e4nde der Menschen er n\u00e4hrt und erh\u00e4lt. Es gibt Untaten, die als gesetzlich erlaubt im Schwange gehen, so wie viele Handlungen, die entweder gut oder zu entschuldigen sind, von den Gesetzen bestraft werden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die an sich nat\u00fcrliche und allgemeine Gerechtigkeit hat an und f\u00fcr sich bessere und edlere Regeln als die andere spezielle und Nationalgerechtigkeit, welche unter dem Zwange der Staatseinrichtung steht:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Veri juris germanaeque justitiae solidam et expressam effigiem nullam tenemus; umbra et imaginibus utimur.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So meinte der weise Dandamys, als er die Lebensbeschreibung des Sokrates, Pythagoras und Diogenes vorlesen h\u00f6rte, es w\u00e4ren in allem \u00fcbrigen sehr gro\u00dfe M\u00e4nner gewesen, nur h\u00e4tten sie eine zu gro\u00dfe Unterw\u00fcrfigkeit gegen die Gesetze bezeigt; weil die wahre Tugend, um die Gesetze in Ansehen zu erhalten und solche zu unterst\u00fctzen, so viel von ihrer urspr\u00fcnglichen Kraft aufopfern m\u00fcsse, und weil verschiedene Schlechtigkeiten nicht nur durch ihre Erlaubnis, sondern durch ihre Verf\u00fcgung stattf\u00e4nden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ex senatusconsultis plebisquescitis scelera exercentur.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich folge der gew\u00f6hnlichen Sprache, welche einen Unterschied unter n\u00fctzlichen und ehrlichen Dingen macht, indem sie nat\u00fcrliche Handlungen, die nicht nur n\u00fctzlich, sondern auch notwendig sind, unredlich und schmutzig nennt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber la\u00df uns bei unserm Beispiel von Verr\u00e4terei bleiben; zwei Pr\u00e4tendenten zum Thrakischen Reiche gerieten in H\u00e4ndel \u00fcber ihre Rechte. Der Kaiser verhinderte sie, zu den Waffen zu greifen; aber einer von beiden, unter dem Vorwand, einen friedlichen Vergleich zu treffen, wenn sie sich pers\u00f6nlich spr\u00e4chen, hatte seinen Mitwerber zu einem Gastmahl in sein Haus gebeten, lie\u00df ihn gefangennehmen und t\u00f6ten. Die Gerechtigkeit verlangte, da\u00df die R\u00f6mer diese Missetat bestraft h\u00e4tten; die Schwierigkeit, die dabei war, verhinderte den gew\u00f6hnlichen Weg. Was die R\u00f6mer nicht gesetzm\u00e4\u00dfig, ohne Krieg und ohne Wagst\u00fcck vermochten, unternahmen sie, durch eine Verr\u00e4terei auszurichten; was sie auf eine redliche Weise nicht konnten, taten sie auf eine n\u00fctzliche Weise, wozu sich ein gewisser Pomponius Flaccus geschickt befand. Dieser, als er unter verstellten Worten und Versicherungen den Mann in sein Netz gelockt hatte, schickte ihn, anstatt der versprochenen Ehre und Gunst, an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gebunden<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"209\"><\/a>\u00a0gen Rom. Ein Verr\u00e4ter verriet den andern gegen die t\u00e4gliche Gewohnheit; denn sie sind gew\u00f6hnlich sehr mi\u00dftrauisch und es h\u00e4lt hart, sie in ihrer Kunst zu \u00fcbert\u00f6lpeln; wie die schwere Hand der Erfahrung uns belehrt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sei Pomponius Flaccus wer da will, und es mag wohl viele geben, die es sein wollen. Ich meinesteils behaupte, mein Wort und meine Treue m\u00fcsse, wie alle \u00fcbrigen St\u00fccke, von einem Tuch sein. Ihr bester Endzweck ist zum Dienst des gemeinen Wesens, das halte ich einmal f\u00fcr allemal f\u00fcr vorausgesetzt; eben aber so, wie wenn man mir bef\u00f6hle, ich sollte Oberrichter und Prokurator und Advokat zugleich sein, ich antworten w\u00fcrde: Ich versteh&#8216; das nicht; oder wenn man wollte, ich sollte die Schanzgr\u00e4ber bei einer Festung anf\u00fchren, ich sagen w\u00fcrde: Ich bin zu einer w\u00fcrdigeren Rolle berufen; ebenso wenn mich jemand gebrauchen wollte, zu l\u00fcgen, zu verraten, einen Meineid zu schw\u00f6ren, um irgendeines wichtigen Nutzen willen, wenn auch gleich kein Meuchelmord oder keine Vergiftung dabei von mir gefordert w\u00fcrde, so w\u00fcrde ich sagen: Hab&#8216; ich jemanden beraubt oder bestohlen, so schickt mich lieber hin auf die Galeeren; denn es ist einem ehrlichen Mann erlaubt, ebenso zu reden wie die Laked\u00e4monier in ihren Unterhandlungen mit dem, welcher sie geschlagen hatte: Du kannst uns zu schweren und dr\u00fcckenden Verrichtungen verdammen, das steht in deinem Willen, aber zu schimpflichen und entehrenden, das steht keinesweges, auch wenn du es noch so sehr willst, in deiner Gewalt. Jedermann mu\u00df sich selbst zugeschworen haben, was die \u00e4gyptischen K\u00f6nige die Richter ihres Landes aufs feierlichste beschw\u00f6ren lie\u00dfen, da\u00df sie niemals ihrem Gewissen entgegenhandeln wollten, die K\u00f6nige m\u00f6chten ihnen auch noch so sehr das Gegenteil befehlen. Bei solchen Auftr\u00e4gen liegt immer offenbar Schimpf und Schande zugrunde, und wer euch solche gibt, ist euer Ankl\u00e4ger, und gibt sie euch, wenn ihr es recht begreift, als Bestrafung. Soviel die \u00f6ffentlichen Angelegenheiten durch eine solche Verrichtung sich bessern, ebensosehr verschlimmern sich die eurigen. Je besser ihr einen solchen Auftrag ausrichtet, je gr\u00f6\u00dfer ist der Schimpf, den er euch zuzieht, und es wird eben nichts Neues sein, auch vielleicht nicht ohne scheinbare Gerechtigkeit, da\u00df euch derjenige selbst bestraft, der euch dazu angestellt hat.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn in irgendeinem Fall Verr\u00e4terei zu entschuldigen w\u00e4re, so m\u00f6chte es in dem einzigen sein, wenn sie dazu angewandt wird, einen Verr\u00e4ter zu verraten und zu bestrafen. Es gibt der F\u00e4lle genug, wo Verr\u00e4terei nicht nur von denjenigen selbst, denen zum Besten sie geschehen sollte, abgelehnt, sondern sogar bestraft wurde. Wer kennt nicht das Urteil des Fabricius \u00fcber einen Arzt des Pyrrhus?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber auch das findet man noch, da\u00df jemand den Verrat befahl, und solchen hernach an dem, welchen er dazu angestellt hatte, aufs strengste bestrafte, indem er es nicht an sich kommen lassen wollte, da\u00df er eine so grenzenlose Macht bes\u00e4\u00dfe und einen so niedertr\u00e4chtigen, knechtischen, b\u00fcbischen Gehorsam verlangt habe. Jaropolk, russischer Zar, beredete einen ungarischen Edelmann, den K\u00f6nig Boleslaus von Polen zu verraten, und ihn entweder zu ermorden oder den Russen Gelegenheit zu verschaffen, ihm eine starke Schlappe anzuh\u00e4ngen. Dieser Ungar \u00fcbernahm die Sache mit vieler Geschicklichkeit und diente dem K\u00f6nig noch emsiger als zuvor, so da\u00df er in seinen geheimen Rat und unter seine Treuesten aufgenommen wurde. Bei diesen Vorz\u00fcgen und weil er die gelegene Zeit wahrnahm, da sein K\u00f6nig abwesend war, verriet er den Russen Wisilicz, eine gro\u00dfe und reiche Stadt, welche ganz verheert und zum Schutthaufen verkehrt wurde, wobei nicht nur alle ihre Einwohner ohne Unterschied des Geschlechts und Alters niedergemacht wurden, sondern auch noch ein Teil des umherwohnenden Adels, den er des Endes dahin versammelt hatte. Jaropolk, nachdem er seine Rache und seinen Zorn, welche gleichwohl nicht ohne Grund waren (denn Boleslaus hatte ihn stark und durch ein \u00e4hnliches Verfahren beleidigt), nun an der Furcht dieser Verr\u00e4terei ges\u00e4ttigt und die H\u00e4\u00dflichkeit derselben nackt und blo\u00df vor sich sah und mit kaltem, nicht weiter von seiner Leidenschaft brausenden Blicke betrachtete, empfand dar\u00fcber eine so starke Reue und einen so heftigen Unwillen, da\u00df er ihrem Vollstrecker die Augen ausstechen und Zunge und Schamteile ausrei\u00dfen lie\u00df.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Antigonus \u00fcberredete die Soldaten des Argyraspides, ihm den Eumenes, ihren obersten Befehlshaber, seinen Gegner, in die H\u00e4nde zu liefern. Aber kaum hatte er solchen, nachdem sie ihn \u00fcberliefert, t\u00f6ten lassen, als er selbst den Bevollm\u00e4chtigten der g\u00f6ttlichen Gerechtigkeit vorstellen wollte, um ein so abscheuliches Verbrechen zu bestrafen, und die Verr\u00e4ter den H\u00e4nden des Statthalters der Provinz mit dem ausdr\u00fccklichen Befehl \u00fcbergab, sie zu t\u00f6ten und hinzurichten, auf welche Weise es auch geschehen m\u00f6ge. Dergestalt, da\u00df von der ganzen gro\u00dfen Anzahl dieser Soldaten nicht ein einziger den Boden von Mazedonien wieder betrat. Je besser sie ihn bedient hatten, desto boshafter und strafbarer hielt er sie.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Sklave des P. Sulpicius, der den heimlichen Aufenthalt seines Herrn verraten hatte, wurde, freilich nach dem Versprechen des Sylla, freigelassen, aber um zugleich dem Versprechen der Staatsgerechtigkeit genugzutun, vom tarpejischen Felsen gest\u00fcrzt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und unser K\u00f6nig Chlodowig lie\u00df die drei Bedienten des Cannacres aufh\u00e4ngen, anstatt ihnen die goldnen Waffen zu geben, die er ihnen versprochen hatte, als er sie \u00fcberredete, ihren Herrn zu verraten. Man l\u00e4\u00dft die Verr\u00e4ter an den Galgen h\u00e4ngen und bindet ihnen die Beutel an den Hals, worin sich die Bezahlung ihres Bubenst\u00fccks befindet. Wenn man seinem zweiten und besondern Versprechen ein Gen\u00fcge getan, so leistet man auch dem ersten und der allgemeinen Gerechtigkeit ein Gen\u00fcge.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als Mohammed der Zweite sich wegen Sicherstellung der Thronfolge, nach dieses Stammes Gewohnheit, seines Bruders entledigen wollte, bediente er sich dazu eines Offiziers, welcher denselben dadurch aus der Welt brachte, da\u00df er ihn eine Menge Wasser auf einmal hinunterschlucken lie\u00df, woran er erstickte. Als das geschehen war, \u00fcbergab Mohammed den M\u00f6rder zum Vers\u00f6hnungsopfer des Totschlagens der Mutter des Erw\u00fcrgten (denn sie waren Br\u00fcder von einem Vater und zwei M\u00fcttern). Diese schnitt in seiner Gegenwart dem M\u00f6rder den Leib auf, griff hinein und ri\u00df ihm das Herz aus, welches sie den Hunden vorwarf. Selbst solchen Menschen, die im Grunde nichts taugen, kommt es s\u00fc\u00df vor, nachdem sie einmal Vorteil aus einer schlechten Handlung gezogen haben, einen Zug von G\u00fcte und Gerechtigkeit daran heften zu k\u00f6nnen, der sie nicht viel kostet und das Ansehen gibt, als ob ihr Gewissen zarter geworden sei und sie sich bessern wollten. Dazu kommt noch, da\u00df sie die Werkzeuge solcher scheu\u00dflichen Untaten als Leute betrachten, die ihnen solche vorwerfen und daher durch ihren Tod die Zeugen und Mithelfer dieser sch\u00e4ndlichen R\u00e4nke aus der Welt schaffen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Oder wenn man vielleicht einem Verr\u00e4ter den Lohn seiner M\u00fche erteilt, um im Notfall f\u00fcr das Wohl des Staates ein solches au\u00dferordentliches und verzweifeltes Mittel wieder anwenden zu k\u00f6nnen, so h\u00e4lt derjenige, der diesen Lohn erteilt, den Verr\u00e4ter, wenn er es nicht selbst ist, f\u00fcr ein verruchtes Scheusal und verabscheut ihn noch weit mehr als selbst derjenige, an welchem er den Verrat ver\u00fcbte. Denn er greift ja die Bosheit des Verr\u00e4ters mit H\u00e4nden, der sich gegen ihn keinesweges verstellen kann; gleichwohl bedient er sich seiner, gerade wie man sich eines verlornen Menschen bedient als eines Vollstreckers der Urteile des Kriminalrichters, welches zwar ein n\u00fctzliches Gewerbe ist, aber dennoch f\u00fcr unehrlich gehalten wird. Au\u00dfer der Schimpflichkeit solcher Auftr\u00e4ge l\u00e4uft auch etwas mit unter, was das Gewissen befleckt. Als die Tochter des Sejanus, nach gewissen rechtlichen Formen, die in Rom \u00fcblich waren, nicht mit dem Tode bestraft werden konnte, weil sie Jungfrau war, ward sie, um den Rechten freien Weg zu lassen, vom Nachrichter geschw\u00e4cht, bevor er sie erdrosselte; nicht nur die Hand, sondern auch die Seele eines solchen B\u00fcttels sind blinde Werkzeuge, deren sich der Staat zu seiner Bequemlichkeit bedient.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als Amurath der Erste, um die Strafe derjenigen noch peinlicher zu machen, welche zu dem vaterm\u00f6rderischen Aufruhr seines Sohnes die H\u00e4nde gereicht hatten, befahl, da\u00df die n\u00e4chsten Anverwandten diese ihre Hinrichtung mit eigenen H\u00e4nden vollziehen sollten, fanden sich einige dieser Verwandten, welche sich lieber ungerechterweise f\u00fcr Mitschuldige des Vatermordes halten lassen als der Gerechtigkeit durch eignen Verwandtenmord dienen wollten, und das war nach meiner Meinung ehrlich gehandelt. Und wenn ich in einigen elenden Festungen, die man zu meiner Zeit einnahm, Schurken gesehen habe, welche, um ihr Leben zu schonen, sich es gefallen lie\u00dfen, ihre Freunde und Mitgenossen aufzuh\u00e4ngen, so habe ich sie f\u00fcr elendere Gesch\u00f6pfe gehalten als die geh\u00e4ngten. Man sagt, da\u00df Witthold, ein litauischer F\u00fcrst, bei seiner Nation die Gewohnheit einf\u00fchrte, da\u00df ein zum Tode verurteilter Verbrecher sich mit seiner eignen Hand abtun m\u00fcsse, weil er es f\u00fcr unbillig hielt, da\u00df ein Dritter, an dem Vergehen Unschuldiger, sein Gewissen mit einem Menschenmord bel\u00e4stigen sollte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ein F\u00fcrst, der durch dringende Umst\u00e4nde oder durch irgendeinen unerwartet hereinbrechenden Zufall, der seinen Staat in Gefahr setzt, sich gen\u00f6tigt sieht, sein Wort und seine Zusage zu brechen oder sonst auf eine andere Weise gegen seine gew\u00f6hnlichen Pflichten zu handeln, mu\u00df diese Notwendigkeit f\u00fcr eine g\u00f6ttliche Strafrute halten. Laster ist es nicht, denn er hat seinen eigenen Willen und seine eigene Meinung dem allgemeinen und st\u00e4rkern Willen unterworfen; aber ein Ungl\u00fcck ist es gewi\u00df. Und einem, der mich fragte, was ist dagegen f\u00fcr ein Mittel, antwortete ich: \u00bbGar keins, wenn er wirklich zwischen beiden Extremen keine Wahl hatte.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sed videat, ne quaeratur latebra periurio.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er mu\u00dfte so handeln; handelte er aber so ohne Widerwillen, war ihm wohl dabei zumute, da er so handelte, so ist das ein Zeichen, da\u00df es mit seinem Gewissen mi\u00dflich steht. F\u00e4nde sich einer, dessen Gewissen so zart w\u00e4re, da\u00df ihm keine Heilung eines so verzweifelten Mittels wert schiene, den w\u00fcrde ich deswegen nicht weniger verehren. Er k\u00f6nnte sich auf keine ruhmw\u00fcrdigere und redlichere Weise zugrunde richten. Wir k\u00f6nnen nicht alles, so oder so m\u00fcssen wir oft unser Schiff der blo\u00dfen F\u00fchrung des Himmels, als dem letzten Notanker, anvertrauen. Welcher gerechteren Not spart ein solcher F\u00fcrst sich auf? Was ist ihm weniger m\u00f6glich zu tun als das, was er nicht anders als auf Kosten seiner \u00f6ffentlichen Treue und seiner Ehre tun kann? Dinge, welche ihm vielleicht lieber sein m\u00fcssen als seine eigene zeitliche Wohlfahrt und die Wohlfahrt seines Volks. Wenn er mit in den Scho\u00df gelegten H\u00e4nden weiter nichts tut, als Gott um seine Hilfe anrufen, mu\u00df er da nicht hoffen, da\u00df die g\u00f6ttliche G\u00fcte ihre au\u00dferordentliche Hilfe einer reinen und gerechten Hand am wenigsten versagen werde? Es sind gef\u00e4hrliche Beispiele; seltene und ungeb\u00fchrliche Ausnahmen von unsern nat\u00fcrlichen Regeln; man mu\u00df ihnen nachgeben, aber mit gro\u00dfer M\u00e4\u00dfigung und Behutsamkeit. Kein pers\u00f6nlicher Vorteil verdient, da\u00df wir ihm zu Gefallen diesen Zwang unserm Gewissen antun; der Vorteil des Staats mache es, wenn er sehr offenbar und sehr wichtig ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Timoleon stellte sich gl\u00fccklich in Sicherheit, aber das Auffallende bei seiner Tat, dadurch, da\u00df er helle Tr\u00e4nen weinte und sich erinnerte, da\u00df eine br\u00fcderliche Hand den Tyrannen get\u00f6tet habe, das war es, was billigerweise sein Gewissen folterte, da\u00df er in der Notwendigkeit gewesen, die \u00f6ffentliche Wohlfahrt um den Preis der Ehrlichkeit seiner Sitten zu erkaufen. Der Senat selbst, der durch ihn von der Dienstbarkeit befreit worden, wagte es nicht, \u00fcber eine so ungew\u00f6hnliche Tat geradehin zu entscheiden, und war \u00fcber diesen doppelten Gesichtspunkt derselben in gro\u00dfer Uneinigkeit und Verlegenheit. Als aber die Syrakuser gerade um diese Zeit Gesandte geschickt hatten, um die Korinther um ihren Schutz und um einen Feldherrn zu bitten, der es w\u00fcrdig sei, ihre Stadt wieder in ihrem vorigen Glanz herzustellen, und Sizilien von verschiedenen Tyrannen zu s\u00e4ubern, die es dr\u00fcckten, so deputierte der Rat den Timoleon mit dieser etwas neugewendeten Erkl\u00e4rung: je nachdem er sich wohl oder \u00fcbel in seiner neuen Stelle betr\u00fcge, w\u00fcrde ihr k\u00fcnftiger Ausspruch entweder zugunsten des Befreiers seines Vaterlandes oder zum Nachteil des Bruderm\u00f6rders ausfallen. Diese grillenhafte Entscheidung l\u00e4\u00dft sich wohl ein wenig entschuldigen; wegen der Gefahr des Beispiels und wegen der Wichtigkeit einer Tat, die auf so widersprechenden Gr\u00fcnden beruht, tat der Senat recht, dar\u00fcber sein Urteil von sich abzuwenden und auf etwas anderes zu st\u00fctzen und von andern Erw\u00e4gungen abh\u00e4ngig zu machen. Nun aber brachte das Betragen des Timoleon auf dieser Reise ein helleres Licht in seine Sache; denn er betrug sich in allen seinen Unternehmungen und in allen R\u00fccksichten h\u00f6chst edel und w\u00fcrdig. Und das Gl\u00fcck, welches ihn bei den schwierigsten Unternehmungen begleitete und womit er alle \u00fcberwand, schien ihm von den G\u00f6ttern zugesandt zu sein, seine v\u00f6llige Rechtfertigung zu beg\u00fcnstigen. Der Endzweck der Tat des Timoleon entschuldigt sie, wenn irgendeine entschuldigt werden kann.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Vorteil aber, die \u00f6ffentliche Einnahme zu vermehren, welche der r\u00f6mische Senat bei jener schmutzigen Entscheidung zum Vorwand nahm, die ich im Begriff bin zu erz\u00e4hlen, war nicht wichtig genug, einer solchen Ungerechtigkeit ein M\u00e4ntelchen umzuh\u00e4ngen. Gewisse St\u00e4dte hatten sich auf Verordnung und mit Bewilligung des Senates aus den H\u00e4nden des L. Sulla losgekauft und f\u00fcr einen bestimmten Preis wieder frei gemacht. Als die Sache von neuem zur Umsprache kam, unterwarf sie der Senat durch seinen Ausspruch von neuem allen Abgaben und erkl\u00e4rte sie des f\u00fcr ihre Freiheit gezahlten L\u00f6segeldes verlustig. Die b\u00fcrgerlichen Kriege erzeugen oft solche sch\u00e4ndliche Beispiele, da\u00df wir die Menschen bestrafen, weil sie uns f\u00fcr ehrlich gehalten haben, wenn wir es nicht waren, und da\u00df ein und derselbe Richter uns die Folgen seiner Sinnes\u00e4nderungen f\u00fchlen l\u00e4\u00dft, wof\u00fcr wir nichts konnten. Der Schulmeister st\u00e4upt seinen Sch\u00fcler wegen seiner Gelehrigkeit und der Leiter seinen Blinden; entsetzliches Bild der Gerechtigkeit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In der Philosophie gibt es falsche und unhaltbare Regeln. Das Beispiel, welches man uns vorlegt, um den pers\u00f6nlichen Vorteil wichtiger zu machen als die gegebene Zusage, erh\u00e4lt von den Umst\u00e4nden, unter welchen man den Fall voraussetzt, nicht Gewicht genug. R\u00e4uber haben uns gefangen, in Freiheit gesetzt und einen Eid abgenommen, ihnen eine gewisse Summe zu bezahlen. Man hat unrecht, zu sagen, da\u00df ein ehrlicher Mann seinen Eid nicht zu halten und das Geld nicht zu bezahlen brauche, wenn er ihren H\u00e4nden entgangen ist. Das ist falsch. Das, was die Furcht mich einmal hat wollen lassen, bin ich gehalten, auch ohne Furcht zu wollen, und h\u00e4tte die Furcht auch nur meine Zunge gezwungen, ohne den Willen, so bin ich dennoch gehalten, meinen Worten treu zu sein. Was mich betrifft, wenn zuweilen meine Zunge un\u00fcberlegterweise fr\u00fcher gesprochen, als ich gedacht hatte, habe ich mir dennoch immer ein Gewissen daraus gemacht, sie L\u00fcgen zu strafen. Sonst w\u00fcrden wir nach und nach dahin geraten, alle Rechte zu vernichten, die ein Dritter aus unsern Versprechungen erh\u00e4lt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Quasi vero forti viro vis possit adhiberi.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In einem einzigen Punkt hat das pers\u00f6nliche Interesse das Gesetz f\u00fcr sich, und wir k\u00f6nnen uns mit gutem Gewissen berechtigt halten, unsere Zusage zu brechen, wenn wir n\u00e4mlich etwas, das an sich unrecht und sch\u00e4dlich ist, versprochen haben. Denn das Recht der Tugend geht dem Rechte unserer Verbindlichkeit vor.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Oben habe ich den Epaminondas auf die h\u00f6chste Stufe vortrefflicher Menschen gesetzt, und nehme mein Wort nicht zur\u00fcck. Bis wie weit kam bei ihm die Erw\u00e4gung seiner eigenen Pflichten in Anschlag?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Niemals t\u00f6tete er einen Menschen, den er \u00fcberwunden hatte. Nicht einmal des unsch\u00e4tzbaren Gutes wegen, seinem Vaterland die Freiheit wieder zu schaffen, konnte er es \u00fcber sein Gewissen bringen, einen Tyrannen oder seine Helfershelfer ohne vorg\u00e4ngige gerichtliche Untersuchung zu t\u00f6ten, und hielt denjenigen f\u00fcr einen schlechten Menschen, so ein guter B\u00fcrger derselbe \u00fcbrigens auch sein mochte, der unter seinen Feinden und selbst in der Feldschlacht seinen Freund oder nur Gastfreund nicht verschonte. Er hatte wirklich eine h\u00f6chst vortreffliche Seele. Er vereinigte mit den h\u00e4rtesten, gewaltsamsten Handlungen der Menschheit G\u00fcte und Menschenfreundlichkeit, ja die allersanfteste, die man nur in der Schule der Philosophen lernen kann. War es Natur oder Kunst, welche diesen so gro\u00dfen Mut, der sich gegen Schmerz, Tod und Armut so m\u00e4chtig steifte, bis zu dem Grade einer au\u00dferordentlichen Sanftheit und Gutherzigkeit abschliff? F\u00fcrchterlich durch Stahl und Blut beugte und dem\u00fctigte er eine Nation, welche jedem un\u00fcberwindlich war, nur ihm nicht, und lie\u00df mitten in dem Get\u00fcmmel solcher Schlacht seine Freunde und Gastfreunde unversehrt davonkommen. Traun, der schickt sich wohl am besten zum F\u00fchrer des Krieges, der solchem das Gebi\u00df der Sanftmut im Augenblick seiner gr\u00f6\u00dften Hitze ins Maul legen kann, so erhitzt er auch sei und so sehr er vor Wut und Blutdurst sch\u00e4umen mag. Es ist h\u00f6chst selten, mit dergleichen Handlungen nur einigen Schein von Gerechtigkeit verbinden zu k\u00f6nnen; aber allein der Unbiegsamkeit des Epaminondas war es m\u00f6glich, Sanftheit und Leichtigkeit der weichsten Sitten und der reinsten Unschuld damit zu verbinden. Pompejus sagte zu den Mamertinern, da\u00df Statuten gegen bewaffnete Menschen keine G\u00fcltigkeit h\u00e4tten, C\u00e4sar zu einem Tribun des Volks, da\u00df die Zeiten der Gerechtigkeit und die Zeiten des Krieges ganz verschieden w\u00e4ren, Marius, das Ger\u00e4usch der Waffen hindre ihn, die Stimme des Gesetzes zu vernehmen; Epaminondas aber ward nicht einmal verhindert, die Stimme der H\u00f6flichkeit und Gesittetheit zu vernehmen. Borgte er nicht von seinen Feinden<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"218\">[218]<\/a>den Gebrauch, den Musen zu opfern, wenn er in den Krieg zog, um durch ihre holde Sanftmut die Heftigkeit und Wut des Krieges zu mildern? La\u00dft uns nach einem so gro\u00dfen Lehrer nicht f\u00fcrchten, die Meinung zu gestehen, da\u00df man sich gewisse Dinge selbst gegen den Feind nicht erlauben d\u00fcrfe; da\u00df das gemeinsame Interesse nicht alles von allen gegen das pers\u00f6nliche Interesse verlangen d\u00fcrfe;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">manente memoria, etiam in dissidio publicorum foederum, privati juris<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Et nulla potentia vires<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Praestandi, ne quid peccet amicus, habet<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und da\u00df einem Biedermann weder f\u00fcr den Dienst seines K\u00f6nigs noch f\u00fcr das allgemeine Beste und die Gesetze gleich alles erlaubt sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Non enim patria praestat omnibus officiis, &#8230; et ipsi conducit pios habere cives in parentes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine Lehrvorschrift zu rechter Zeit. Wir brauchen unsere Herzen nicht durch eiserne Klingen zu verh\u00e4rten; genug, wenn unsere Schultern nur eisern sind, genug, da\u00df wir unsere Federn in Tinte tunken, wozu soll das Schreiben mit Blut? Wenn es Gr\u00f6\u00dfe des Mutes ist und Wirkung einer sonderbar ausgezeichneten, seltenen Tapferkeit, die Freundschaft zu verachten, seiner geselligen Verh\u00e4ltnisse, Verwandten und Zusagen wegen des allgemeinen Bestens und des Gehorsams gegen die Obrigkeit zu vergessen, so kann es uns wahrhaftig schon hinl\u00e4nglich entschuldigen, wenn wir nach dieser Gr\u00f6\u00dfe nicht sehr l\u00fcstern sind, da\u00df sie sich mit dem Mut des Epaminondas nicht vertragen konnte. Ich verabscheue das w\u00fctende Aufhetzen jener andern sch\u00e4ndlichen Seele:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230;Dum tela micant, non vos pietatis imago<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulla, nec adversa conspecti fronte parentes<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Commoveant; vultus gladio turbate verendos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">La\u00df uns den ruchlosen, blutgierigen und falschen Gem\u00fctern diesen Vorwand des Rechts benehmen! Fort mit dem ungeheuren Rechte, das an sich selbst nagt, und halten wir uns an menschlichere Nachbildungen. Wieviel verm\u00f6gen nicht Zeit und Beispiele! In einem Scharm\u00fctzel w\u00e4hrend des b\u00fcrgerlichen Krieges gegen den Cinna hatte ein Soldat des Pompejus, ohne es zu wollen, seinen Bruder get\u00f6tet, der sich in der Gegenpartei befand, und erstach sich selbst auf der Stelle vor Scham und Reue. Einige Jahre nachher, w\u00e4hrend eines andern b\u00fcrgerlichen Krieges unter demselben Volk, begehrte ein anderer Soldat von seinen Anf\u00fchrern eine Belohnung daf\u00fcr, da\u00df er seinen Bruder get\u00f6tet habe.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man urteilt nicht richtig von der Sch\u00f6nheit und R\u00fchmlichkeit einer Tat, wenn man blo\u00df auf ihren Nutzen R\u00fccksicht nimmt, und es ist ein Fehlschlu\u00df, wenn man meint, wenn eine Tat nur n\u00fctzlich sei, so sei gleich jedermann dazu verpflichtet, und sei sie f\u00fcr jedermann ehrlich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Omnia non pariter rerum sunt omnibus apta.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wollen die notwendigste und n\u00fctzlichste Verbindung des geselligen Lebens zum Beispiel nehmen, das ist der Ehestand. Gleichwohl hat man im Rat der Heiligen das Gegenteil ausgemacht! H\u00e4lt den ehelosen Stand f\u00fcr ehrlicher und untersagt den Ehestand der ehrw\u00fcrdigsten Klasse von M\u00e4nnern, gerade als ob wir in unsern Stutereien nur die schlechtesten Hengste zu Besch\u00e4lern aufstellen wollten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-16327 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg 275w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der Redaktion:<\/span> W\u00fcrde Michel de Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine <em>Essais<\/em> lesen. Und zwar Wort f\u00fcr Wort. Oder wir nehmen einen charmanten Umweg und lesen Sarah Bakewells <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Wie soll ich leben?<\/a><\/span>. Dies ist nicht nur der Titel ihrer ungew\u00f6hnlichen Biographie, sondern zeigt zugleicht die Methode an, mit der sich die Autorin dem Denken Montaignes n\u00e4hert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Lesen Sie auch einen<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\"> KUNO-Beitrag <\/a>zu\u00a0 Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Kein Mensch ist davon frei, da\u00df er nicht zuweilen Lappereien sagen sollte, das Ungl\u00fcck ist nur, da\u00df die meisten solche gar zierlich geben wollen: Nae iste magno conatu magnas nugas dixerit. Mich trifft das aber nicht, die meinigen entfallen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/02\/was-nuetzlich-ist-und-was-ehrlich\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":98980,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1083],"class_list":["post-78144","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-michel-de-montaigne"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78144","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78144"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78144\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100551,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78144\/revisions\/100551"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98980"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}