{"id":78132,"date":"2023-07-02T00:01:35","date_gmt":"2023-07-01T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78132"},"modified":"2022-02-25T16:59:11","modified_gmt":"2022-02-25T15:59:11","slug":"ueber-die-einsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/02\/ueber-die-einsamkeit\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Einsamkeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die weitl\u00e4ufige Vergleichung des einsamen mit dem t\u00e4tigen oder geselligen Leben wollen wir linker Hand liegen lassen. Und was die glatten Worte anlangt, hinter welche sich die Ehrsucht und der Geldgeiz verbergen wollen, \u00bbda\u00df wir nicht blo\u00df unsertwegen, sondern f\u00fcr das allgemeine Beste auf dieser Welt sind\u00ab, so wollen wir es denen, die eben am Tanze sind, ganz dreist ins Gewissen schieben, und sie m\u00f6gen die Hand aufs Herz legen und sagen, ob man nicht, gerade im Gegenteil, Stand und \u00c4mter und den Wirrwarr der Welt nur deswegen sucht, um vom allgemeinen Wesen seinen eigenen und besondern Vorteil zu ziehen; die elenden Mittel, wodurch man sich zu unsern Zeiten hineindr\u00e4ngt, zeigen deutlich, da\u00df der Zweck nicht viel taugt. Der Ehrsucht la\u00df uns antworten: da\u00df es gerade sie selbst sei, die uns Gefallen an der Einsamkeit einfl\u00f6\u00dft; denn was flieht sie geflissentlicher als gesellschaftlichen Umgang, was sucht sie emsiger als weiten Spielraum f\u00fcr sich allein? Es l\u00e4\u00dft sich allenthalben Gutes tun und B\u00f6ses; wenn indessen der Spruch des Bias wahr ist, da\u00df der schlechteste Teil der gr\u00f6\u00dfere ist, oder auch der Spruch des Predigers Salomon: Unter tausend ist auch nicht einer, der gut sei:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rari quippe boni: numero vix sunt totidem quot<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thebarum portae, vel divitis ostia Nili<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">so ist die Ansteckung im Gedr\u00e4nge sehr gef\u00e4hrlich. Man mu\u00df die verderbten Menschen entweder nachahmen oder sie hassen. Beides aber ist gef\u00e4hrlich, sowohl da\u00df man sie nachahme, weil ihrer so viele; als so viele zu hassen, weil sie uns un\u00e4hnlich sind. Und haben die Kaufleute recht, welche Seereisen tun, darauf zu sehen, da\u00df keine liederlichen Menschen, Gottesl\u00e4sterer oder andere B\u00f6sewichter mit ihnen ein Schiff besteigen, weil solche Gesellschaft Ungl\u00fcck bringt. Daher sagte Bias gar treffend zu einigen Menschen von solchem Schlage, die in einem wackern Seesturm mit ihm auf einem Schiffe sich befanden und die G\u00f6tter um Hilfe anflehten: \u00bbHaltet doch &#8217;s Maul,\u00ab sagte er, \u00bbdamit sie nicht merken, da\u00df ich euch bei mir habe!\u00ab Und ein noch b\u00fcndigeres Beispiel gibt der portugiesische Vizek\u00f6nig in Indien, Albuquerque: Als er sich auf dem Meere in gro\u00dfer Gefahr befand, nahm er einen jungen Knaben auf die Schultern, in der einzigen Absicht, ihm werde die Unschuld des Kindes in der gemeinschaftlichen Not zur Rettung und zur Empfehlung in die Gunst des Himmels dienen, um ihn an Land zu bringen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht zu leugnen, der Weise kann allenthalben zufrieden leben; ja selbst im Gedr\u00e4nge der Pal\u00e4ste einsam sein und sich selbst genie\u00dfen: hat er aber die Wahl, so wird er, sagt die Schule, selbst ihren Anblick fliehen; er wird, wenn es n\u00f6tig ist, das erste ertragen; steht&#8217;s aber bei ihm, so wird er das letztere w\u00e4hlen. Ihn d\u00fcnkt, er habe sich noch nicht hinl\u00e4nglich der Fehler entschlagen, solange er mit den Lastern andrer k\u00e4mpfen soll. Charondas belegte diejenigen mit Strafen, welche \u00fcberzeugt wurden, da\u00df sie sich in schlechten Gesellschaften befunden h\u00e4tten. Nichts in der Welt ist so ungesellig und zugleich so gesellig als der Mensch; das eine durch seine Schuld und das andre nach seiner Natur. Und deucht mich, Antisthenes habe denjenigen nicht befriedigt, der ihm seinen Umgang mit schlechten Leuten vorr\u00fcckte, wenn er darauf erwiderte: \u00bbHalten doch die \u00c4rzte mit den Siechen Umgang; denn wenn sie den Siechen zur Gesundheit dienen, so schw\u00e4chen sie ihre eigene durch die Ansteckung, durch fortw\u00e4hrende Besuche und durch h\u00e4ufigen Umgang mit ihnen.\u00ab Also ist, nach meiner Meinung, das Resultat einerlei, n\u00e4mlich: mehr f\u00fcr sich und nach seiner eigenen Gem\u00e4chlichkeit zu leben. Man sucht aber nicht immer ernsthaft den Weg dahin. Oft meint man den Gesch\u00e4ften entsagt zu haben, und man hat nur damit gewechselt. Es ist nicht viel weniger Last dabei, eine Haushaltung zu regieren als einen ganzen Staat. Womit die Seele einmal besch\u00e4ftigt ist, daran h\u00e4ngt sie sich ganz; und wenn auch die h\u00e4uslichen Angelegenheiten minder wichtig sind, so sind sie doch nicht minder l\u00e4stig. Noch mehr! Wenn wir auch dem Hofe und den \u00f6ffentlichen \u00c4mtern entsagt haben, so sind wir deswegen doch noch nicht von den vornehmsten Sorgen unsers Lebens entledigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ratio et prudentia curas,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Non locus effusi late maris arbiter aufert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehrsucht, Geiz, Unentschlossenheit, Furcht und andre Leidenschaften und Begierden verlassen uns deswegen nicht, weil wir die Gegend ver\u00e4ndern!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Et\u00a0Post equitem sedet atra cura.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie folgten uns oft nach bis in die Klausen und in die Schulen der Philosophie. Weder W\u00fcsten noch H\u00f6hlen in Felsen, noch h\u00e4renes Gewand, noch Fasten sch\u00fctzen uns dagegen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haeret lateri letalis arundo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sagte dem Sokrates, ein gewisser Mensch habe sich auf seinen Reisen um nichts gebessert. \u00bbDas glaub&#8216; ich wohl,\u00ab sagte er, \u00bber hatte sich ja selbst mitgenommen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quid terras alio calentes<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sole mutamus? Patria quis exsul<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Se quoque fugit?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer nicht zuvor seine Seele und sich selbst von der Last erleichtert, die ihn dr\u00fcckt, dem wird sie durchs R\u00fctteln und Sch\u00fctteln noch schwerer zu tragen werden, so wie ein Schiff leichter segelt, wenn die Ladung gut gestaut ist. Man tut dem Kranken mehr weh als wohl, wenn man ihn den Ort ver\u00e4ndern l\u00e4\u00dft! Das \u00dcbel sackt sich wie Mehl, wenn man es stark r\u00fcttelt; und ein Pfahl geht tiefer in die Erde, wenn man ihn dreht und wendet. Deswegen ist es nicht genug, sich vom Volke entfernt zu haben, nicht genug, den Ort zu ver\u00e4ndern, man mu\u00df sich von der Weise des Volks entfernen; man mu\u00df sich selbst zu l\u00f6sen und zu binden verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rupi jam vincula dicas:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nam luctata canis nodum arripit; attamen illi,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cum fugit, a collo trahitur pars longa catenae.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir nehmen unsre Ketten mit uns. Das ist keine v\u00f6llige Freiheit. Wir sehen zur\u00fcck nach den Sachen, die wir dahinten lassen; unser Dichten und Trachten ist darauf gerichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nisi purgatum est pectus, quae proelia nobis<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Atque pericula tunc ingratis insinuandum?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quantae conscindunt hominem cuppedinis acres<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollicitum curae? quantique perinde timores?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quidve superbia, spurcitia ac petulantia, quantas<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Efficiunt clades? quid luxus desidiesque?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser \u00dcbel liegt in der Seele; die aber kann sich selbst nicht vermeiden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In culpa est animus, qui se non effugit unquam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also mu\u00df man sie bei uns zu Hause f\u00fchren und ihr ihre Wohnung heimlich machen. Das ist die wahre Einsamkeit, deren man mitten in St\u00e4dten und an den H\u00f6fen der K\u00f6nige genie\u00dfen kann; freilich aber genie\u00dft man ihrer f\u00fcr sich allein mit mehr Bequemlichkeit. Da es nun aber unser Vorsatz ist, allein zu leben und der Gesellschaft zu entsagen, so la\u00df es uns auch so anfangen, da\u00df unsre Zufriedenheit nur bei uns stehe. La\u00df uns auf alle Verbindungen Verzicht tun, welche uns an andre Menschen heften. Wir m\u00fcssen so viel \u00fcber uns gewinnen, da\u00df wir mit vollem Wissen und Willen allein leben und daran Behagen finden k\u00f6nnen. Stilpon war aus der allgemeinen Feuersbrunst seiner Stadt entflohen, worin er Frau, Kinder und Fahr und Habe verloren hatte. Demetrius Poliorcetes, der ihn nach dieser gro\u00dfen Verw\u00fcstung seiner Geburtsstadt mit unerschrockenem Gesicht einhergehen sah, fragte ihn, ob er keinen Schaden erlitten. Er antwortete, nein, und habe er, gottlob, nichts von dem Seinigen verloren. Ebenso angenehm h\u00f6rt sich&#8217;s, was der Philosoph Antisthenes sagte, der Mensch m\u00fcsse sich mit solchem Vorrat versorgen, welcher auf dem Wasser schwimmen und solchergestalt mit ihm dem Schiffbruche entgehen k\u00f6nnte. Gewi\u00df, der Mensch von Verstand hat nichts verloren, solang er sich selbst besitzt. Als die Barbaren die Stadt Nola verw\u00fcsteten, hatte dabei Paulinus, der daselbst Bischof war, alles das Seinige eingeb\u00fc\u00dft und war obendrein gefangengenommen. Dennoch betete er folgenderma\u00dfen: \u00bbBeh\u00fcte mich, lieber Herr Gott, da\u00df ich diesen Verlust nicht f\u00fchle, denn du wei\u00dft, da\u00df sie noch nichts von dem ber\u00fchrt haben, was mein ist.\u00ab \u2013 Die Reicht\u00fcmer, die ihn reich, die G\u00fcter, die ihn gut machten, waren noch unangetastet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Darin eben besteht die Richtigkeit der Wahl der Sch\u00e4tze, die weder Motten noch Rost fressen, und des Orts ihrer Niederlage, wozu niemand gelangen und den niemand verraten kann als wir selbst. Sorge derjenige, der&#8217;s vermag, da\u00df er Weib, Kinder, Verm\u00f6gen und vor allen Dingen Gesundheit habe; aber la\u00df ihn seine Seele nicht so fest daran h\u00e4ngen, da\u00df er sein ganzes Gl\u00fcck darauf baue. Man mu\u00df ein Hinterst\u00fcbchen f\u00fcr sich absondern, in welchem man seinen wahren Freiheitssitz und seine Einsiedelei aufschlagen kann. Hier m\u00fcssen wir vern\u00fcnftigen Umgang mit uns selbst unterhalten; und zwar so abgesondert, da\u00df darin keine andre Bekanntschaft oder Mitteilung fremder Dinge stattfinde. Hier mache man ernsthafte \u00dcberlegungen, und hier lache man, als ob man weder Frau noch Kinder, noch Verwandte, noch Hausgesinde h\u00e4tte, damit, wenn der Fall eintreten sollte, da\u00df man sie verl\u00f6re, es einem nicht schwer sei, sich ohne sie zu behelfen. Unsre Seele ist, ihrer Natur nach, f\u00fcr alle Lagen geschickt. Sie ist f\u00e4hig, sich selbst Gesellschaft zu sein; f\u00e4hig anzugreifen; f\u00e4hig sich zu verteidigen, zu empfangen und zu geben; in dieser Einsamkeit haben wir nicht zu besorgen, da\u00df wir vor langweiligem M\u00fc\u00dfiggange verrosten werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In solis sis tibi turba locis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tugend ist sich selbst genug; ohne Vorschrift, ohne Worte, ohne Wirkung nach au\u00dfen. Unter unsern gew\u00f6hnlichen Handlungen ist nicht eine unter tausend, die uns selbst angehe. Jenen dort, den du, au\u00dfer sich selbst vor Wut, die durchl\u00f6cherte Mauer hinan klimmen und so vielen Feuerschl\u00fcnden blo\u00dfgestellt siehst, und diesen andern, den du bedeckt mit Narben, vor Hunger bleich und kraftlos erblickst, fest entschlossen gleichwohl eher zu sterben als jenem das Tor zu \u00f6ffnen: meinst du, sie w\u00e4ren da f\u00fcr ihr eignes Interesse? Es hat sich wohl! F\u00fcr das Interesse einer Person vielleicht, die sie nie mit Augen gesehen haben und die sich um ihre Taten gar nicht bek\u00fcmmert und w\u00e4hrend der Zeit im M\u00fc\u00dfiggang und Wohlleben ihr Leben vertr\u00e4umt. Diesen hier, den du mit keuchender Brust, triefenden Augen, ungewaschen und ungek\u00e4mmt nach Mitternacht aus seiner B\u00fccherkammer hervorschleichen siehst, von dem denkst du wohl, er forsche in den B\u00fcchern, wie er immer mehr und mehr ein rechtschaffener Mann, zufriedener und weiser werden k\u00f6nne? Nichts von alledem! Er will, und sollt&#8217;s ihm auch das Leben kosten, die Nachwelt das Silbenma\u00df des plautinischen Verses lehren und die wahre Lesart eines lateinischen Wortes herstellen. Wer gibt nicht gern Gesundheit, Ruhe und Leben hin, um Ehr und Ruhm, so unn\u00fctz, leicht und falsch die eingetauschte M\u00fcnze auch sein mag? Unser Tod machte uns noch nicht Furcht genug, la\u00df uns ja noch die Furcht f\u00fcr unsre Frauen, Kinder und Hausgenossen auf unsre Achseln laden! Unsre Gesch\u00e4fte machten uns noch nicht genug Sorgen, so la\u00df uns, das Ma\u00df voll zu machen und uns den Kopf zu zerbrechen, die Sorgen unsrer Nachbarn und Freunde noch dazu nehmen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vah quemquamne hominem in animum instituere, aut!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parare, quod sit carius, quam ipse est sibi?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Einsamkeit, deucht mich, habe mehr Anschein von vern\u00fcnftigen Gr\u00fcnden f\u00fcr diejenigen Menschen, welche nach dem Beispiel von Thales der Welt ihre t\u00e4tigen wirksamen Jahre geweiht hatten. Wenn man genug f\u00fcr andre gelebt hat, so kann man das letzte Endchen des Lebens wenigstens auch f\u00fcr sich selbst leben, auf uns und unsre Ruhe la\u00df uns unsere Gedanken und Vors\u00e4tze hinlenken. Es ist keine so leichte Sache, sich mit Sicherheit zur\u00fcckzuziehen. Ein solcher R\u00fcckzug gibt uns alle H\u00e4nde voll zu tun, ohne da\u00df es noch andrer Unternehmungen bed\u00fcrfe. Weil Gott uns Zeit und Mu\u00dfe gibt, f\u00fcr die R\u00e4umung unsrer Wohnung Einrichtung zu treffen; so la\u00df uns beizeiten die Anstalten machen, unsre Sachen einpacken und von der Nachbarschaft Abschied nehmen, uns loswinden von den leidenschaftlichen Banden, die uns an andre fesseln und uns von uns selbst entfremden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Unsre so starken Verbindlichkeiten m\u00fcssen wir aufl\u00f6sen; dann und wann dies lieben und jenes: aber kein ewiges Band als mit uns selbst kn\u00fcpfen; das hei\u00dft, das \u00fcbrige sei unser, nur nicht so mit uns verfugt und verleimt, da\u00df es nicht anders von uns abgetrennt werden k\u00f6nne, als da\u00df unsre Haut dran klebe oder ein St\u00fcck von uns selbst daran h\u00e4ngenbleibe. Es ist Zeit, uns von der Gesellschaft loszusagen, weil wir ihr nicht weiter frommen k\u00f6nnen. Denn wer nicht mehr leihen kann, der mu\u00df sich nicht erlauben, auf Borg zu nehmen. Unsre Kr\u00e4fte schwinden: la\u00df uns davon sparen und zusammenhalten, was noch \u00fcbrig ist. Wer solch eine Menge Pflichten der Freundschaft und der Geselligkeit durcheinandermengen und in seinem Unverm\u00f6gen verwechseln und auf sich selbst ziehen kann, der mag es tun. In diesem Unfall aber, der ihn seinen Freunden unn\u00fctz, l\u00e4stig und beschwerlich macht, mag er sich in acht nehmen, da\u00df er nicht ihm selbst unn\u00fctz werde und beschwerlich und l\u00e4stig. Mag er sich streicheln und liebkosen, besonders aber den Z\u00fcgel anhalten, damit er vor seiner Vernunft und seinem Gewissen die geh\u00f6rige Ehrfurcht erhalte und sich scheue, in ihrer Gegenwart zu straucheln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rarum est enim, ut satis se quisque vereatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sokrates sagt: J\u00fcnglinge m\u00fcssen sich belehren lassen, M\u00e4nner sich \u00fcben, richtig zu handeln; die Alten sich aber von allen Kriegs- oder Staatsgesch\u00e4ften abziehen, nach ihren eignen Einsichten leben, ohne zu gewissen Pflichten gen\u00f6tigt zu sein!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Unter den verschiedenen Temperamenten sind einige nach diesen Vorschriften f\u00fcr die Einsamkeit tauglicher als andre. Diejenigen, welche von langsamem, schlaffem Geiste sind, von so verweichelten Neigungen und verz\u00e4rteltem Willen, da\u00df sie sich nicht leicht an Steuer und Ruder stellen lassen, worunter ich mit geh\u00f6re, sowohl von Natur als aus \u00dcberlegung; die werden sich diesem Rate eher f\u00fcgen als die wirksamen, t\u00e4tigen Seelen, welche alles umfassen, sich in alles einlassen, an allem warmen Anteil nehmen; welche ihren Beistand anbieten, herbeieilen und bei jeder Gelegenheit sich hergeben. Man mu\u00df sich der zeitlichen G\u00fcter, so zuf\u00e4llig und unsicher sie an sich sein m\u00f6gen, bedienen, solange sie uns Vergn\u00fcgen machen, aber niemals daraus unsre Hauptst\u00fctze machen; das verbieten Natur und Vernunft. Und warum wollten wir, gegen deren Gebot, unsre Zufriedenheit von einer fremden Gewalt abh\u00e4ngig machen? Gegen ihr Gebot schon im voraus die Schl\u00e4ge des Gl\u00fccks f\u00fchlen? Uns der Gem\u00e4chlichkeiten berauben, die wir in H\u00e4nden haben, wie solches schon viele aus And\u00e4chtelei und einige Philosophen aus Vern\u00fcnftelei getan haben? \u2013 Sich ohne alle Bedienung behelfen? Auf hartem Lager schlafen? Sich selbst die Augen ausstechen? Seine Reicht\u00fcmer in den Flu\u00df werfen? Sich mit Flei\u00df Schmerzen machen? \u2013 Wenn dies einige tun, um gegen Qualen dieses Lebens die Seligkeiten eines andern einzutauschen, und andre wieder, um, wenn sie sich auf die niedrigste Stufe stellen, gegen einen neuen Sturz um so sicherer zu sein: so sind das Handlungen einer \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Tugend. La\u00df andre, die steifer und st\u00e4rker sind, selbst ihre Abgeschiedenheit von der Welt zum gl\u00e4nzenden Beispiele erheben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tuta et parvula laudo,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cum res deficiunt, satis inter vilia fortis:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verum, ubi quid melius contingit et unctius, idem<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hos sapere, et solos aio bene vivere, quorum<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Conspicitur nitidis fundata pecunia villis.<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"156\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir wird es schon sauer genug, ohne so weit zu gehen. Mir gen\u00fcgt es schon, wenn ich mich w\u00e4hrend der Gunst des Gl\u00fccks auf seine Ungnade vorbereiten kann und mir, solange mir&#8217;s wohl ist, das k\u00fcnftige widrige Schicksal, soweit meine Einbildung reicht, vorstellen kann: so ungef\u00e4hr, wie wir uns an Ringen und Fechten gew\u00f6hnen und mitten im tiefen Frieden Kriegsspiele treiben. Ich sch\u00e4tze den Philosophen Arcesilaus deswegen nicht minder, weil ich wei\u00df, da\u00df er aus goldnen und silbernen Gef\u00e4\u00dfen a\u00df und trank, da es ihm seine Gl\u00fccksumst\u00e4nde verstatteten, und halte ihn um so h\u00f6her, weil er sich derselben mit Bescheidenheit und Freigebigkeit bediente, als wenn er seinen Reichtum im Kasten verschlossen h\u00e4tte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich kenne die Schranken der nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnisse, und wenn ich den armen Bettler vor meiner T\u00fcr betrachte, der oft froher und gesunder ist als ich, so versetz&#8216; ich mich an seine Stelle und versuche, wie meine Seele in seinen Schuhen gehen w\u00fcrde; und indem ich die andern Beispiele durchlaufe, so gut ich auch denke, da\u00df Tod, Armut, Verachtung und Krankheiten mir auf den Versen folgen, so wird mir doch der Vorsatz leicht, nicht vor Unf\u00e4llen zu erschrecken, die ein Geringerer als ich so geduldig ertragen kann; und ich will und mag nicht glauben, da\u00df ein eingeschr\u00e4nkter Verstand mehr verm\u00f6ge als ein st\u00e4rkerer oder da\u00df die Wirkung des Nachdenkens und der \u00dcberlegung nicht so weit reichen sollte als die Wirkung der Gewohnheit. Und da ich einsehe, an wie d\u00fcnnen Faden die Nebeng\u00fcter h\u00e4ngen, so ist mitten in meinem vollen Genu\u00df meine vornehmste Bitte, die ich zu Gott schicke, er m\u00f6ge mich bei der Zufriedenheit mit mir selbst und mit den G\u00fctern, die in mir selbst liegen, erhalten. Ich kenne junge, starke und frische Leute, welche gleichwohl einen Teig zu Pillen in ihren Koffern bei sich f\u00fchren, um sich derselben zu bedienen, wenn sie ein Schnupfen befallen sollte; welchen sie dann um so weniger f\u00fcrchten, weil sie in ihren Gedanken das Mittel dagegen bei der Hand haben. So mu\u00df man&#8217;s machen und noch dazu, wenn man sich einer schlimmern Krankheit unterworfen f\u00fchlt, und sich mit solchen Mitteln versorgen, welche das kranke Glied bet\u00e4uben und einschl\u00e4fern.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Besch\u00e4ftigung, die man f\u00fcr ein einsames Leben w\u00e4hlt, mu\u00df weder erm\u00fcdend noch langweilig sein; sonst haben wir vergebens darauf gerechnet, darin zu verweilen. Das h\u00e4ngt aber ab von dem besondern Geschmacke eines jeden. Der meinige vertr\u00e4gt sich gar nicht mit der Landwirtschaft. Wer sie liebt, mu\u00df sich mit gro\u00dfer M\u00e4\u00dfigung darauf legen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Conentur sibi res, non se submittere rebus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sonst ist&#8217;s, wie Sallust es nennt, Knechtswerk. Sie hat Teile, die angenehmer sind; wie z.B. die Gartenpflege, wie solche Xenophon dem Cyrus zuschreibt, und es l\u00e4\u00dft sich ein Mittelweg denken zwischen dieser niedrigen, angestrengten und immerw\u00e4hrenden Sorge, die man an den Menschen wahrnimmt, welche sich ganz hineinwerfen, und zwischen der tiefen und \u00e4u\u00dfersten Nachl\u00e4ssigkeit, die man an andern bemerkt, welche alles zugrunde und zu Boden gehen lassen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Democriti pecus edit agellos<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cultaque, dum peregre est animus sine corpore velox.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber la\u00df uns den Rat vernehmen, welchen der j\u00fcngere Plinius seinem Freunde Cornelius Rufus in Ansehung dieser Art von Einsamkeit erteilt: \u00bbIch rate dir, in dieser fruchtbaren und fetten Einsiedelei, worin du bist, deinen Leuten die niedrige und ver\u00e4chtliche Aufsicht \u00fcber die Landwirtschaft zu \u00fcberlassen und dich aufs Studium der Wissenschaften zu legen, um von diesen etwas zu ernten, welches ganz dir eigen geh\u00f6re.\u00ab Er versteht darunter den Ruhm im Sinne des Cicero, welcher sagt, er wolle seine Einsamkeit und Ruhe von \u00f6ffentlichen Gesch\u00e4ften dazu anwenden, um sich durch seine Schriften die Unsterblichkeit zu erwerben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Usque adeone<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Scire tuum nihil est, nisi te sire hoc, sciat alter<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soviel scheint billig zu sein, da man doch einmal davon spricht, sich der Welt zu entziehen, sie zu betrachten, als ob sie uns nichts weiter angehe. Diese Herren tun das aber nur halb; sie werben schon um einen Anhang, auf die Zeit, da sie nicht mehr auf der Welt sein werden. Die Fr\u00fcchte ihrer Bem\u00fchungen wollen sie gleichwohl noch dann von der Welt ziehen, wenn sie nicht mehr da sind. Das ist eine l\u00e4cherliche Ungereimtheit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Imagination, welche die Herzen derer, die aus frommer Andacht die Einsamkeit suchen, mit der Gewi\u00dfheit der g\u00f6ttlichen Verhei\u00dfungen des zuk\u00fcnftigen Lebens erf\u00fcllt, ist viel heiliger gestimmt. Ihr Verlangen ist auf Gott als auf das unendlich g\u00fctige und allm\u00e4chtige Wesen gerichtet. Die Seele findet hier reichliche und freie Nahrung f\u00fcr ihre W\u00fcnsche. Die Leiden und Schmerzen gedeihen zu ihrem Vorteil, indem sie daf\u00fcr ewige Gesundheit und unverg\u00e4ngliche Freuden erlangen, und die fleischlichen Begierden sind bald durch Enthaltung ged\u00e4mpft und eingeschl\u00e4fert; denn nichts unterh\u00e4lt sie st\u00e4rker als die Befriedigung. Dieser einzige Zweck eines zuk\u00fcnftigen seligen und ewigen Lebens verdient mit Recht, da\u00df wir den Erg\u00f6tzlichkeiten und Gem\u00e4chlichkeiten dieses unseres gegenw\u00e4rtigen Lebens entsagen. Und wer seine Seele wirklich und anhaltend von diesem lebendigen Glauben und dieser festen Hoffnung erw\u00e4rmen kann, der baut sich in der Einsamkeit ein so herrliches Freudenleben, da\u00df kein andres damit zu vergleichen ist. Vom Rate des Plinius gefallen mir hingegen weder der Zweck noch die Mittel. Wir fallen dabei aus der Traufe in den Schlagregen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diese Besch\u00e4ftigung mit den B\u00fcchern ist ebenso beschwerlich als eine jede andre und der Gesundheit ebenso zuwider, auf welche doch haupts\u00e4chlich R\u00fccksicht zu nehmen ist. Und mu\u00df man sich auch von dem Vergn\u00fcgen nicht einschl\u00e4fern lassen, das man daran findet. Gerade das Vergn\u00fcgen ist es, das dem Landwirt, dem Geizhals, dem Woll\u00fcstling, dem Ehrs\u00fcchtigen so sch\u00e4dlich wird. Die Weisen lehren uns genug, uns vor der Verr\u00e4terei unsrer Begierden h\u00fcten, und die wahren, unverf\u00e4lschten Freuden von den gemischten und mit allerlei M\u00fchseligkeit aufgef\u00e4rbten Vergn\u00fcgen unterscheiden. Denn die meisten Vergn\u00fcgungen, sagen sie, kitzeln uns und umarmen uns nur, um uns zu ersticken, wie die R\u00e4uber taten, welche die \u00c4gypter Phileten nannten; und wenn uns die Kopfschmerzen vor dem Rausche \u00fcberfielen, so w\u00fcrden wir uns h\u00fcten, zuviel zu trinken; da geht aber die Wollust vorauf und verbirgt uns ihr Gefolge. Die B\u00fccher sind angenehm allerdings; wenn aber der Umgang mit denselben uns zuletzt um unsre Munterkeit und Gesundheit bringt, welche das Beste sind, was wir haben, so la\u00df uns sie weglegen! Ich geh\u00f6re zu denen, welche meinen, ihr Nutzen k\u00f6nne diesen Verlust nicht aufw\u00e4gen. So wie Menschen, welche sich lange Zeit her von kr\u00e4nklichen Umst\u00e4nden geschw\u00e4cht f\u00fchlen, sich endlich der Kunst des Arztes \u00fcberlassen und sich Gesundheitsregeln vorschreiben lassen, um solche genau zu befolgen, so mu\u00df auch derjenige, der sich, weil er der Dinge satt und m\u00fcde ist, dem gemeinen Leben entziehen will, die Einsamkeit den Vorschriften der Vernunft unterwerfen und solche im voraus nach reiflicher \u00dcberlegung einrichten. Er mu\u00df von aller Art Arbeit Abschied genommen haben, unter welcher Gestalt sie sich auch darbiete; und ganz vorz\u00fcglich alle Leidenschaften fliehen, welche die Ruhe des Leibes und der Seele st\u00f6ren, und dem Wege folgen, der seiner Sinnesart am besten behagt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unusquisque sua noverit ire via.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Wirtschaft, beim Studieren, auf der Jagd und bei allen andern \u00dcbungen mu\u00df er sich innerhalb der \u00e4u\u00dfersten Grenzen des Vergn\u00fcgens halten und sich h\u00fcten, so weit hinauszugehen, wo sich der Verdru\u00df darunter mischt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man mu\u00df sich so viel leichte Arbeit und Besch\u00e4ftigung aussp\u00fcren, als n\u00f6tig ist, um sich in Atem zu erhalten und sich vor der Unlust zu sch\u00fctzen, welche das andre \u00dcberma\u00df vom tr\u00e4gen, schl\u00e4frigen M\u00fc\u00dfiggang nach sich zieht. Es gibt trockne und heiklige Wissenschaften, die meistens nur B\u00fcchermacherwerk f\u00fcr Druckerpressen sind, die mu\u00df man denen \u00fcberlassen, die im Dienste der Welt stehen. Ich, meinesteils, liebe nur die angenehmen, leichten B\u00fccher, welche mich aufmuntern, oder solche, die mich tr\u00f6sten und mir Rat erteilen, wie ich es mit meinem Leben und mit meinem Tode halten soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tacitum silvas inter reptare salubres,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Curantem, quidquid dignum sapiente bonoque est.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weisere Leute, die eine starke r\u00fcstige Seele haben, m\u00f6gen sich eine ganz geistige Ruhe zuschneiden: bei meiner gemeinen Seele mu\u00df ich, um mich aufrechtzuerhalten, die k\u00f6rperlichen Bequemlichkeiten zu Hilfe nehmen, und da das Alter mir fast alle geraubt hat, die mehr nach meinem Gefallen waren, so richte und sch\u00e4rfe ich meinen Appetit auf solche, welche mehr mit meinen Jahren bestehen. Mit Z\u00e4hnen und F\u00e4usten mu\u00df man den Genu\u00df der Vergn\u00fcgungen des Lebens festhalten, welche uns unsre Jahre, eins nach dem andern, mit starken Klauen wegrei\u00dfen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Carpamus dulcia; nostrum est.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quod vivis; cinis et manes et fabula fies.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was nun aber den Zweck des Ruhms anlangt, den Cicero und Plinius uns vorhalten, so ist solcher weit entfernt von meiner Rechnung. Die allerunvertr\u00e4glichste Gem\u00fctsart mit der Einsamkeit ist der Ehrgeiz. Ruhm und Ruhe sind G\u00e4ste, die nicht unter einem Dache herbergen k\u00f6nnen. Nachdem, was ich sehe, bleiben Seele und Absicht solcher Menschen, die nur Arme und Beine befreit haben, \u00e4rger in den Banden verstrickt als jemals.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tun&#8216;, vetule, auriculis alienis colligis escas?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sind nur deswegen zur\u00fcckgegangen, um einen st\u00e4rkern Anlauf zu nehmen und durch einen kr\u00e4ftigern Sprung eine gr\u00f6\u00dfere L\u00fccke in dem Haufen zu tun. Hat man Lust zu sehen, wie sie um ein Gran zu leicht sind? La\u00df uns die Meinung zweier Philosophen auf die andre Schale legen. Sie waren von zwei sehr verschiedenen Sekten und schrieben, der eine an den Idomen\u00e4us, der andre an den Lucilius, ihre Freunde, um solche von der Verwaltung der Staatsgesch\u00e4fte abzumahnen, vor Standesh\u00f6he zu warnen und ihnen zur Einsamkeit zu raten. Ihr habt, sagen sie, bisher auf Wellen treibend und schwimmend gelebt, kommt und beschlie\u00dft euer Leben im Hafen. Euer voriges Leben lebtet ihr in der Sonnenhitze, lebt das folgende im lieblichen Schatten. Es ist unm\u00f6glich, den Gesch\u00e4ften zu entsagen, wenn ihr nicht ihren Fr\u00fcchten entsagt; zu diesem Ende entschlagt euch aller Sorgen f\u00fcr einen ber\u00fchmten Namen. Es ist zu bef\u00fcrchten, da\u00df der Glanz eurer vollbrachten Taten euch nur zu stark umgl\u00e4nze und euch bis in eure Landh\u00fctte folge. Mit den \u00fcbrigen Woll\u00fcsten legt auch diejenige ab, welche aus dem Beifall andrer entspringt. Und was eure Gelehrsamkeit und Wissenschaft betrifft, so la\u00dft die euch nicht so tief zu Herzen gehen; sie werden ihre Wirkung nicht verlieren, wenn ihr dadurch bessere Men schen werdet. Erinnert euch jenes Menschen, den man fragte, warum er sich&#8217;s in einer Kunst so sauer werden lasse, f\u00fcr die es so wenige Kenner gebe. \u00bbIch habe an einigen wenigen genug\u00ab, antwortete er, \u00bbich habe genug an einem; ich habe genug an gar keinem.\u00ab Er sagte sehr wahr. Ihr und ein Geno\u00df seid euch einander oder euch selbst ein hinl\u00e4nglicher Schauplatz; das Volk sei euch einer, und einer sei euch ein ganzes Volk. Es ist doch eine \u00e4rmliche Ruhmsucht, aus seiner Gesch\u00e4ftslosigkeit und Abgeschiedenheit sich eine Ehre machen wollen. Man sollte es machen wie die Tiere, die vor dem Eingang ihrer H\u00f6hle die Spur auskratzen. Darauf kommt es nicht mehr, da\u00df die Welt von euch spreche, sondern darauf, was ihr mit euch selbst zu sprechen habt. Kehrt in euch selbst zur\u00fcck! Vorher aber bereitet euch darauf, euch da aufzunehmen: es w\u00e4re Torheit, euch selbst zu trauen, wenn ihr euch nicht zu beherrschen versteht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Solange ihr euch nicht selbst dahin gebracht habt, da\u00df ihr es nicht mehr wagt, ohne Zeugen zu straucheln, und bis ihr Ehrfurcht und Scheu vor euch selbst habt, solange k\u00f6nnt ihr so gut in der Einsamkeit unn\u00fctze Dinge tun als in voller Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obversentur species honestae animo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stellt euch best\u00e4ndig in eurer Einbildung den Cato vor, und den Phocion und den Aristides, in deren Gegenwart selbst die Narren ihre Fehler verbargen, und bestellt sie zu Aufsehern aller eurer innern Gedanken. Sollten sie auf Nebenwege geraten, so wird die Ehrfurcht vor solchen M\u00e4nnern sie wieder auf die rechte Bahn leiten. Sie werden euch auf derselben erhalten und euch<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"163\">[163]<\/a> mit euch selbst zufrieden machen, damit ihr von niemand etwas borgt als von euch selbst, und so werden sich eure Seelen in gewissen gem\u00e4\u00dfigten Grenzen des Denkens erhalten und befestigen, worin sie sich wohl befinden werden; und wenn sie die wahren G\u00fcter richtig kennengelernt haben, deren man nur in dem Ma\u00dfe genie\u00dft, wie man sich darauf versteht, so werden sie sich damit begn\u00fcgen, ohne der Verl\u00e4ngerung des Lebens oder der Vergr\u00f6\u00dferung des Ruhms zu begehren. So klingt der Rat der wahren und ungeschm\u00fcckten Philosophie; nicht einer prahlerischen und geschw\u00e4tzigen wie die Philosophie der andern beiden Ratgeber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-16327 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg 275w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der Redaktion:<\/span> W\u00fcrde Michel de Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine <em>Essais<\/em> lesen. Und zwar Wort f\u00fcr Wort. Oder wir nehmen einen charmanten Umweg und lesen Sarah Bakewells <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Wie soll ich leben?<\/a><\/span>. Dies ist nicht nur der Titel ihrer ungew\u00f6hnlichen Biographie, sondern zeigt zugleicht die Methode an, mit der sich die Autorin dem Denken Montaignes n\u00e4hert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Lesen Sie auch einen<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\"> KUNO-Beitrag <\/a>zu\u00a0 Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die weitl\u00e4ufige Vergleichung des einsamen mit dem t\u00e4tigen oder geselligen Leben wollen wir linker Hand liegen lassen. Und was die glatten Worte anlangt, hinter welche sich die Ehrsucht und der Geldgeiz verbergen wollen, \u00bbda\u00df wir nicht blo\u00df unsertwegen, sondern&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/02\/ueber-die-einsamkeit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":98980,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1083],"class_list":["post-78132","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-michel-de-montaigne"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78132","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78132"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78132\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100624,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78132\/revisions\/100624"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98980"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78132"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78132"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78132"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}