{"id":78121,"date":"2023-09-02T00:01:58","date_gmt":"2023-09-01T22:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78121"},"modified":"2022-06-05T14:10:57","modified_gmt":"2022-06-05T12:10:57","slug":"von-der-pedanterei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/02\/von-der-pedanterei\/","title":{"rendered":"Von der Pedanterei"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meiner Jugend hab&#8216; ich mich oft dar\u00fcber ereifert, wann ich in der italienischen Kom\u00f6die best\u00e4ndig einen Pedanten als lustige Person auftreten sah und dabei bemerkte, da\u00df die Benennung <i>Magister<\/i> bei uns eben keine ehrenvolle Bedeutung enthielt. Denn, da ich ihnen zur Aufsicht \u00fcbergeben war, was konnte ich weniger tun, als f\u00fcr ihre Ehre zu eifern? Ich gab mir alle M\u00fche, sie wegen der nat\u00fcrlichen Mi\u00dfhelligkeit im Betragen zwischen dem rohen Haufen und den seltenen Personen von vorz\u00fcglichem Verstand und Wissenschaften zu entschuldigen; um so mehr, da zwischen beiden eine ganz entgegengesetzte Lebensweise obwaltet. Darin aber steckte f\u00fcr mich ein unaufl\u00f6sliches R\u00e4tsel, da\u00df die wackersten M\u00e4nner gerade diejenigen waren, bei denen sie in \u00e4rgster Verachtung standen. Ich will nur unsern guten Du Bellay anf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mais je hay par sur tout un s\u00e7avoir pedantesque.\u00a0Beidem ist die Gewohnheit schon alt, denn Plutarch sagt, Grieche und Gelehrter w\u00e4ren bei den R\u00f6mern Spottnamen. Nachmals bei zunehmendem Alter habe ich gefunden, da\u00df man eine sehr gro\u00dfe Ursach hatte und da\u00df magis magnos clericos non sunt magis magnos sapientes.\u00a0Wie es aber zugehe, da\u00df eine mit den Kenntnissen von so vielen Dingen bereicherte Seele nicht lebendiger, nicht t\u00e4tiger werde und da\u00df ein plumper Geist die Gedanken und Urteile der vortrefflichsten K\u00f6pfe, welche die Welt hervorgebracht hat, auswendig lernen k\u00f6nne, ohne sich zu bilden, das begreife ich noch jetzt nicht. Wer so viele fremde gro\u00dfe und starke Gedanken aufnehmen und beherbergen soll, sagte mir ein junges Fr\u00e4ulein, erste Hofdame unserer Prinzessinnen, als sie auf jemand zu reden kam, mu\u00df notwendig seine eigenen zusammendr\u00e4ngen und in die Enge ziehn, um den anderen Platz zu machen. Ich m\u00f6chte gern sagen: gleichwie die Pflanzen von zu vieler Geilung ersticken und die Lampen von zu viel \u00d6l verl\u00f6schen, so geht&#8217;s dem Verstand bei zu vielem Studieren und zu vielen Materien, indem er bei zu gro\u00dfer Verschiedenheit von Gegenst\u00e4nden sich abstumpft und verwirrt und dar\u00fcber vers\u00e4umt, sich zu entwickeln; und diese Last verkr\u00fcmmt und verkr\u00fcppelt ihn. Aber, es befindet sich ganz anders, denn unsere Seele erweitert sich in dem Ma\u00dfe, als sie sich anf\u00fcllt; und aus den Beispielen des Altertums sieht man ganz im Gegenteil, da\u00df die f\u00e4higsten M\u00e4nner zur Besorgung der \u00f6ffentlichen Gesch\u00e4fte, die gr\u00f6\u00dften Feldherrn und gro\u00dfe weise Ratgeber in Staatssachen dabei zugleich f\u00fcr ihre Zeiten sehr gelehrt waren.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Was diejenigen Philosophen anbetrifft, die sich aller \u00f6ffentlichen Gesch\u00e4fte entschlagen, so sind solche freilich zuweilen durch die Freiheit der B\u00fchne zu ihrer Zeit dem Gel\u00e4chter preisgegeben, weil ihre Meinungen und ihre Sitten sie l\u00e4cherlich machten. Wollt ihr sie zu Richtern in einem Proze\u00df machen, wer recht hat? \u00dcber die Handlungen eines Menschen? Da werdet ihr \u00fcbel ankommen! Sie untersuchen noch, ob Leben, ob Bewegung in der Natur vorhanden, ob der Mensch etwas anderes sei als ein Ochs; was es sei: Handeln und Leiden; was Gesetze und Gerechtigkeit f\u00fcr Tiere sind. Reden sie von einer obrigkeitlichen Person oder sprechen sie mit ihr, so geschieht es mit unehrerbietiger, unh\u00f6flicher Freiheit. H\u00f6ren sie einen Prinzen oder einen K\u00f6nig preisen, so ist&#8217;s f\u00fcr sie ein Hirt, unt\u00e4tig wie ein anderer Hirt, mit nichts besch\u00e4ftigt, als seine Herde zu melken und zu scheren, nur plumper noch. Und sch\u00e4tzt man etwa einen Mann etwas h\u00f6her, weil er zweitausend Acker Feldes bebaut, so werden sie h\u00f6hnisch; denn sie haben sich gew\u00f6hnt, die ganze Welt als ihr Eigentum zu betrachten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">R\u00fchmt sich jemand seines Adels, weil er sieben reiche Ahnherrn z\u00e4hlt, so achten sie ihn wenig, weil er keine richtigen Begriffe vom allgemeinen Bild der Natur hat, nicht bedenkt, wieviel jeder von uns Vorfahren gehabt hat, worunter Reiche, Arme, K\u00f6nige, Knechte, Gebildete und Ungebildete sich befinden. Und w\u00e4re einer der f\u00fcnfzigste Enkel von Herkules, sie schelten ihn eitel, wenn er auf dieses Geschenk des Gl\u00fccks irgend einigen Wert setzt. Also verachtete sie der Ungelehrte als Leute, welche die ersten und gemeinsten Dinge nicht verst\u00e4nden und dabei eingebildet und hochm\u00fctig w\u00e4ren. Allein dies platonische Gem\u00e4lde ist weit von dem verschieden, welches auf unsere M\u00e4nner pa\u00dft. Jene beneidete man als solche, die \u00fcber die gemeinen Dinge erhoben w\u00e4ren und \u00f6ffentliche Gesch\u00e4fte verachteten und als Menschen, welche sich eine sonderbare unnachahmliche Lebensart vorgeschrieben, die sich auf Regeln gewisser \u00fcberm\u00fctiger Einbildungen steife und der Gewohnheit zuwider sei: diese verachtet man, weil sie sich unter der gew\u00f6hnlichen Lebensart halten, weil sie zu \u00f6ffentlichen Gesch\u00e4ften untauglich sind, weil sie von noch niedrigeren Sitten sind als der ungelehrte Haufen: Odi homines ignava opera, philosopha sententia.\u00a0Was jene Philosophen anbetrifft, sag&#8216; ich: so wie sie gro\u00df waren in Wissenschaften, so waren sie es auch, und noch gr\u00f6\u00dfer, in allen Handlungen des Lebens.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und ebenso, wie man von dem syrakusanischen Geometer sagt (welchen man in seinen Rechnungen st\u00f6rte, damit er etwas zur Verteidigung seines Vaterlandes erfinden und ins Werk setzen m\u00f6chte), da\u00df er unverweilt solche f\u00fcrchterliche Werkzeuge zustande brachte, die solche Wirkung taten, da\u00df sie allen menschlichen Glauben \u00fcberstiegen \u2013 und er gleichwohl selbst auf diese seine Erfindung mit Gleichg\u00fcltigkeit herabsah und meinte, er habe damit die W\u00fcrde seiner Kunst erniedrigt, f\u00fcr welche seine Werke nichts weiter w\u00e4ren als Lehrlingsarbeit und leichte Spielerei \u2013: also auch jene, wenn man sie zuweilen auf die Probe des Handelns gestellt hat, so hat man sie einen so hohen Flug nehmen sehn, da\u00df man wohl wahrnehmen konnte, ihr Herz und ihre Seele h\u00e4tten sich durch ihre gro\u00dfen Kenntnisse bis zum Bewundern erweitert und bereichert. Dabei aber, weil sie sahen, da\u00df die Stellen der politischen Regierung von unf\u00e4higen Menschen eingenommen waren, haben sie sich davon entfernt. Und derjenige, welcher den Crates fragte, wie lange das Philosophieren getrieben werden m\u00fcsse, erhielt folgende Antwort: Solange bis es keine Eseltreiber mehr sind, die unsere Kriegsheere anf\u00fchren. \u2013 Heraklit trat seinem Bruder die k\u00f6nigliche Regierung ab. Und den Ephesern, welche ihm dar\u00fcber Vorw\u00fcrfe machten, da\u00df er vor den Tempeln mit den Kindern spiele, antwortete er: Ist es nicht besser, dies zu tun, als in euerer Gesellschaft den Staat regieren? Andere, deren Ideen h\u00f6her hinaufstiegen, als die G\u00fcter dieser Welt reichen, achteten die Richtst\u00fchle der Gerechtigkeit und selbst die Throne der k\u00f6niglichen W\u00fcrden f\u00fcr niedrig und gering. Und Empedokles schlug die k\u00f6nigliche Krone aus, welche die Agrigentiner ihm anboten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Thales sprach zuweilen ver\u00e4chtlich von den Sorgen der Nahrung und der Begierde, reich zu werden. Man r\u00fcckte ihm vor, es ginge ihm wie dem Fuchs, der nicht die Beeren erreichen konnte und sie also f\u00fcr sauer verschrie. Nun kam ihn die Lust an, ihnen, blo\u00df zum Zeitvertreib, das Gegenteil zu weisen, und nachdem er, f\u00fcr das Mal, seine Wissenschaft bis zum Dienst des Gewinnes herabgew\u00fcrdigt hatte, leitete er einen Handel ein, der ihm in Zeit von einem Jahr solche Reicht\u00fcmer einbrachte, da\u00df die Erfahrensten in diesem Gewerbe kaum in ihrem ganzen Leben dabei so viel hatten gewinnen k\u00f6nnen. Aristoteles erz\u00e4hlt von einigen, die jenem und dem Anaxagoras und ihresgleichen gesagt h\u00e4tten, sie w\u00e4ren wohl weise gewesen, aber nicht klug, weil sie f\u00fcr n\u00fctzlichere Dinge nicht Sorge genug getragen; abgesehen davon, da\u00df ich diesen Unterschied unter den Worten nicht wohl verdauen kann, so dient es auch meinen M\u00e4nnern zu keiner Entschuldigung; und in Erw\u00e4gung des d\u00fcrftigen und kleinlichen Gehalts, womit sie sich abspeisen lassen, h\u00e4tten wir vielmehr Anla\u00df zu sagen, sie w\u00e4ren keins von beiden, weder weise noch klug.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich lasse diese erste Ursache fallen und glaube, es sei besser zu sagen, dies \u00dcbel entstehe aus ihrer schlechten Art, sich mit den Wissenschaften zu benehmen, und da\u00df nach der gew\u00f6hnlichen Weise, wie wir unterrichtet werden, es kein Wunder ist, wenn weder Sch\u00fcler noch Lehrer dadurch nicht weiser, obgleich gelehrter werden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wirklich zielt die Sorge und der Aufwand unserer V\u00e4ter f\u00fcr uns auf weiter nichts ab, als uns den Kopf mit Wissenschaften anzuf\u00fcllen. Den Verstand und das Herz zu bilden, daran wird nicht gedacht. Ruft dem Volk von einem Vor\u00fcbergehenden zu: O der gelehrte Mann!, und bei einem zweiten: O der gute Mann! Es wird sich nicht abhalten lassen, seine Blicke und seine Verehrung auf den ersten zu richten. Ein dritter hatte recht zu rufen: O der Schafsk\u00f6pfe! \u2013 Wir pflegen gemeiniglich zu fragen: Wei\u00df er Griechisch? Wei\u00df er Latein? Macht er Verse oder schreibt er in Prosa? Ob er aber besser oder verst\u00e4ndiger geworden sei, welches doch wohl die Hauptsache w\u00e4re, das bleibt linker Hand liegen! Wir sollten uns erkundigen, welches der n\u00fctzlichste Gelehrte, nicht wer der gr\u00f6\u00dfte Gelehrte sei. Wir arbeiten nur darauf, das Ged\u00e4chtnis vollzupfropfen, und lassen Verstand und Gewissen leer. Gerade wie die V\u00f6gel zuweilen ausfliegen, K\u00f6rner aufzupicken und sie im Schnabel halten, ohne sie zu kosten, um damit ihre Jungen zu \u00e4tzen, so pl\u00fcndern unsere Pedanten die Wissenschaft aus B\u00fcchern, fassen sie aber nur auf den Rand der Lippen, um sie wieder auszuspein und dem Wind zu \u00fcbergeben. Es ist sehr lustig, wie sich die Torheit so ganz nat\u00fcrlich an mein eigenes Beispiel heftet. Ist es nicht ebendasselbe, was ich an den meisten Stellen dieses Buches tue? Da schlendere ich herum und picke bald aus diesem, bald aus jenem Buch einen Spruch, der mir gef\u00e4llt, nicht um ihn aufzubewahren, denn ich habe keine Vorratskammer, sondern ihn in dieses \u00fcberzutragen; wo er gleichwohl, die Wahrheit zu sagen, ebensowenig mir geh\u00f6rt als an seiner ersten Stelle.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wir sind, so glaub&#8216; ich, nur gelehrt in der Wissenschaft des Gegenw\u00e4rtigen, nicht des Vergangenen, ebensowenig als des Zuk\u00fcnftigen. Was aber das \u00e4rgste ist, auch von ihr ziehen weder Meister noch J\u00fcnger die m\u00f6gliche Nahrung, sondern sie geht blo\u00df von Hand zu Hand, zum einzigen Zweck, damit zu prunken, davon zu sprechen und Erz\u00e4hlungen daraus zu ziehn, wie gepr\u00e4gte Zahlpfennige, unn\u00fctz zu allem \u00fcbrigen Gebrauch als zum Rechnen und Z\u00e4hlen. Apud alios loqui didicerunt, non ipsi secum. Non est loquendum, sed gubernandum. Die Natur, um zu zeigen, da\u00df bei ihrem Verfahren allemal die weisesten Regeln zugrunde liegen, l\u00e4\u00dft oft bei solchen Nationen, welche die wenigste Kunstbildung haben, Geistesprodukte erscheinen, welche mit Produkten der gr\u00f6\u00dften Kunst um den Vorzug streiten. Wie auf meine Materie das gaskognische von einer Schalmei her entnommene Sprichwort sehr fein sagt: Das Blasen kann ich auch, aber beim Fingern ha pert&#8217;s. \u00bbSo sagt Cicero\u00ab; \u00bbdas sind die Sitten des Plato\u00ab; \u00bbdas sind die eigenen Worte des Aristoteles\u00ab: das k\u00f6nnen wir freilich! Was sagen wir aber selbst, wir? Was tun wir? Was ist unser Urteil? Wissen wir denn nichts mehr zu sprechen als ein Starmatz?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dieses Benehmen erinnert mich an den reichen R\u00f6mer, der sich&#8217;s angelegen sein lie\u00df, mit gro\u00dfen Kosten M\u00e4nner, die in aller Art Wissenschaft beschlagen waren, zusammenzubringen, die best\u00e4ndig um ihn sein mu\u00dften, damit, wenn er unter seinen Freunden Anla\u00df h\u00e4tte, von der einen oder der anderen zu reden, sie statt seiner auftreten und allezeit fertig sein sollten, bald einen b\u00fcndigen Spruch, bald einen Vers aus dem Homer zu liefern, je nachdem was ein jeder in seinem Kopfe vorr\u00e4tig h\u00e4tte; und dabei glaubte, diese Gelehrsamkeit sei seine eigene, weil solche in den K\u00f6pfen seiner Leuten stecke. So, wie es auch diejenigen machen, deren ganzes Wissen in ihrem kostbaren B\u00fcchervorrat liegt. Ich kenne einen solchen, welcher, wenn ich frage, ob er dies oder jenes wei\u00df, mir ein Buch abfordert, um es darin aufzusuchen, und sich nicht getraut, mir zu sagen, er habe die Kr\u00e4tze am After, ohne auf der Stelle im W\u00f6rterbuch unter A und K nachzuschlagen, was After und was Kr\u00e4tze hei\u00dft. Wir stellen uns zur Hut und Wache \u00fcber Fremder Wissen und Meinungen und lassen es damit gut sein; zum Eigentum sollten wir uns solche machen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wir gleichen eigentlich jenem Mann, der des Feuers bed\u00fcrftig, zu seinem Nachbar ginge, um welches zu holen, und wann er bei demselben ein h\u00fcbsches, hellbrennendes Feuer f\u00e4nde, sich dabei niedersetzte, sich w\u00e4rmte und nun weiter nicht daran d\u00e4chte, welches mit nach Hause zu nehmen. Was hilft&#8217;s uns, den Magen mit Speisen zu f\u00fcllen, wenn sie nicht verdaut werden, sich nicht in Nahrungssaft wandeln? Wenn sie uns nicht Wachstum und Kr\u00e4fte geben? K\u00f6nnen wir glauben, da\u00df Lukullus, den das Studieren ohne weitere Erfahrung zu einem gro\u00dfen Feldherrn bildete, ebenso wie unsere jetzige Mode ist, studiert habe? Wir lehnen uns so stark auf fremde Schultern, da\u00df wir dar\u00fcber unsere eigenen Kr\u00e4fte vernichten. Will ich mich gegen die Furcht vor dem Tode waffnen? So geschieht es auf Kosten des Seneca. Suche ich Trost f\u00fcr mich selbst oder f\u00fcr einen anderen? Ich borg&#8216; ihn von Cicero. Ich h\u00e4tte es aus mir selbst gesch\u00f6pft, hatte man mich darauf ge\u00fcbt. Ich liebe diese mittelbare oder erbettelte Gelehrsamkeit nicht sonderlich. Durchs Wissen anderer mag es sein, da\u00df wir gelehrter werden, weiser aber werden wir gewi\u00df nicht anders als durch unsere eigene Weisheit. <i>\u039c\u03b9\u03c3\u1ff6 \u03c3\u03bf\u03c6\u03b9\u03c3\u03c4\u03ae\u03bd, \u1f45\u03c3\u03c4\u03b9\u03c2 \u03bf\u03c5\u03c7\u1fbd \u03b1\u03c5\u03c4\u03c9 \u03c3\u03bf\u03c6\u03cc\u03c2\u00a0<\/i>Ex quo Ennius: Nequidquam sapete sapientem, qui ipse sibi prodesse non quiret.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u2013 Si cupidus, si<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vanus, et Euganea quantumvis mollior agna.\u00a0Non enim paranda nobis solum, sed fruenda<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sapientia est. Diogenes lachte \u00fcber die Schulf\u00fcchse, welche sich so emsig \u00fcber die Leiden des Uly\u00df bek\u00fcmmern und von ihren eigenen nichts wissen; \u00fcber die Musiker, welche ihre Pfeifen rein stimmen und ihre Sitten ungestimmt lassen; \u00fcber die Zungendrescher, welche darauf studieren, von Gerechtigkeit zu schwatzen, nicht sie zu \u00fcben. Wenn unsere Seele nicht eine bessere Richtung dadurch bekommt, wenn wir dadurch nicht ein gesunderes Urteil erhalten, so m\u00f6chte mein Z\u00f6gling meinethalben seine Zeit damit hingebracht haben, Ball zu schlagen, so h\u00e4tte sein K\u00f6rper doch wenigstens an St\u00e4rke zugenommen. Man sehe ihn nach so viel verbrachten Jahren von Universit\u00e4ten kommen: Wer ist ungeschickter als er, zu Gesch\u00e4ften angestellt zu werden? Was sich am meisten an ihm erkennen l\u00e4\u00dft, ist, da\u00df sein Latein und sein Griechisch ihn d\u00fcmmer und einbilderischer gemacht haben, als er war, da er von Hause hinreiste. Er sollte mit gen\u00e4hrter, voller Seele zur\u00fcckkommen, aber er hat sie nur aufgeblasen. Sie ist nicht gr\u00f6\u00dfer geworden, sondern nur aufgeschwollen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diese Meister und Lehrer sind, was Plato von den Sophisten sagt, unter allen Menschen diejenigen, welche dem Menschen am n\u00fctzlichsten zu sein versprechen und dennoch nicht nur dasjenige nicht ausbessern, was man ihnen anvertraut, wie doch Zimmerleute und Maurer tun, sondern<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"64\"><\/a>\u00a0es sogar verhunzen und sich noch obendrein bezahlen lassen, da\u00df sie es verhunzt haben. Wenn das Gesetz des Protagoras, das er seinen Sch\u00fclern vorschlug, befolgt w\u00fcrde, da\u00df sie ihm entweder bezahlen sollten, was er forderte, oder da\u00df sie im Tempel beschw\u00f6ren sollten, wie hoch sie den Nutzen sch\u00e4tzen, den sie aus seinem Unterricht gezogen und demzufolge ihn f\u00fcr seine M\u00fche belohnen sollten, so w\u00fcrden sich meine Herren P\u00e4dagogen m\u00e4chtig hinter den Ohren krauen, wenn sie sich auf den Eid meiner Erfahrung berufen h\u00e4tten. Meine ungelehrten Landsleute nennen diese hochgelehrten Herren sehr spa\u00dfhafterweise \u00dcbergelehrte, \u00dcberstudierte; gleichsam zu sagen, als w\u00e4re es bei ihnen durch Studieren \u00fcbergeschnappt, wie man auch wohl zu sagen pflegt. Und wahr ist&#8217;s, die meiste Zeit scheint es, als h\u00e4tten sie den gesunden Menschenverstand aus dem Kopf hinweg studiert. Denn man sehe dagegen nur einen Bauer oder Schuster und Schneider! Sie gehen einf\u00e4ltig und unbefangen ihren Gang fort; sprechen von dem, was sie wissen; jene, um sich zu erheben und zu br\u00fcsten mit ihrem Wissen, das auf der Oberfl\u00e4che ihres Gehirns herumschwimmt, straucheln ohne Unterla\u00df in ihren Spannfesseln. H\u00fcbsche Worte h\u00f6rt man freilich dann und wann von ihnen; aber es geh\u00f6rt jemand dazu, der sie in Ordnung br\u00e4chte. Den Galen kennen sie wohl, aber den Kranken gar nicht. Sie haben euch schon mit Gesetzen den Kopf ganz angef\u00fcllt, worauf es aber bei euerem Rechtsstreit eigentlich ankommt, davon wissen sie noch kein Wort. Von allen und jeden Dingen verstehen sie die Theorie; sucht nur jemand, der sie in Anwendung bringe!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich hatte einen Freund bei mir im Hause, der, indem er mit einem dieser Herrn zu tun hatte, zum Zeitvertreib ein gewisses Rotwelsch ohne Sinn und Bedeutung nachahmte, nur, da\u00df er zuweilen ein Wort einflocht, das dem Klange nach Beziehung auf ihren Streit hatte, und dadurch seinen Dummkopf von Gegner ganze Tage lang foppte, der best\u00e4ndig meinte, er antworte auf die Einwendungen, die er vorgebracht hatte. Und doch hatte der Mann ein Fakult\u00e4tsdiplom \u00fcber seine Gelehrsamkeit aufzuweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vos, o patricius sanguis, quos vivere par est.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Occipiti caeco, posticae occurrite sannae. Wer dies Geschlecht, das sehr zahlreich ist, in der N\u00e4he beleuchtet, der wird wie ich finden, da\u00df sie die meiste Zeit sowenig sich selbst als andere verstehen und da\u00df sie zwar ein gutes, volles Ged\u00e4chtnis, aber einen sehr hohlen Verstand haben. Wofern nicht die Natur sich ein eigenes Gesch\u00e4ft daraus machte, sie anders zu organisieren, wie ich beim Adrian Turnebus gefunden habe. Dieser, ohne jemals etwas anderes getrieben zu haben als Literatur \u2013 in welcher er nach meiner \u00dcberzeugung der gr\u00f6\u00dfte Mann seit den letzten tausend Jahren her war \u2013, hatte dabei gleichwohl nichts anderes an sich, das einen Pedanten verriet, als den Schnitt seines Kleides und einige \u00e4u\u00dfere Manieren, die vielleicht nicht zum hohlen Tone des Hofschranzen pa\u00dften. (Und ich hasse unsere Leute, die sich vielmehr \u00fcber einen altmodischen Scho\u00df oder \u00c4rmel \u00e4rgern als \u00fcber eine schiefe Seele und aus dem Kratzfu\u00df eines Menschen, aus seinen Stiefeln, aus seiner Haarkrause vorher verk\u00fcnden, was an ihm sei.) Denn im \u00fcbrigen war er in seinem Wesen der h\u00f6flichste, artigste Mann von der Welt. Ich hab&#8216; ihn oft mit allem Flei\u00df in Materien verwickelt, die ihm gar nicht gel\u00e4ufig waren: er sah darin so klar, umfa\u00dfte alles so schnell und mit so richtigem Urteil, da\u00df man h\u00e4tte denken sollen, er h\u00e4tte in seinem Leben nichts anderes getrieben als Kriegskunst und Staatswissenschaft. Das sind sch\u00f6ne und starke Seelen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Queis arte benigna<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Et meliore luto finxit praecordia Titan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die sich durch eine schlechte Erziehung durcharbeiten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist aber nicht genug, da\u00df unsere Erziehung uns nicht verderbe, sie soll und mu\u00df uns eigentlich besser machen. Es gibt bei uns in Frankreich einige Parlamente, welche die R\u00e4te und Advokaten, die sie aufnehmen sollen, nur blo\u00df aus ihrer Wissenschaft examinieren; andere hingegen pr\u00fcfen auch ihren Verstand, indem sie ihnen diesen oder jenen Rechtsspruch zur Beurteilung vorlegen. Diese letzteren scheinen mir weit richtiger zu verfahren. Und obgleich zu einer solchen Bedienung beides n\u00f6tig ist, so ist doch das Wissen von geringerem Wert als ein richtiger Verstand. Dieser kann zur Not ohne jenes auslangen; aber nicht dieses ohne jenen. Denn wie der griechische Vers es ausdr\u00fcckt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u1f69\u03c2 \u03bf\u03c5\u03b4\u1f72\u03bd \u1f21 \u03bc\u03ac\u03d1\u03b7\u03c3\u03b9\u03c2, \u1f22\u03bd \u03bc\u1f74 \u03bd\u03bf\u1fe6\u03c2 \u03c0\u03b1\u03c1\u03b7.\u00a0<\/i>Was hilft die Wissenschaft ohne Verstand, sie anzuwenden? Wollte der Himmel, wir w\u00e4ren in Ansehung unserer Rechtspflege so gl\u00fccklich, da\u00df jene ansehnlichen Gerichtsverwalter mit ebensoviel Verstand und Gewissen begabt w\u00e4ren, als es ihnen am Wissen nicht mangelt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Non vitae sed scholae discimus. Nun aber mu\u00df man das Wissen der Seele nicht umtun als ein Gewand, sondern ihr als einen lebendigen Geist einhauchen. Man mu\u00df sie damit nicht anfeuchten, sondern durch und durch f\u00e4rben; und wenn es die Seele nicht \u00e4ndert und ihren unvollkommenen Zustand nicht bessert, so w\u00e4re es wahrlich besser, sich nicht weiter damit zu befassen. Es w\u00e4re ein zweischneidiges Schwert, das seinem F\u00fchrer beschwerlich wird und ihn selbst verwundet, wenn es in schwachen H\u00e4nden ist, die es nicht zu brauchen wissen; ut fuerit melius non didicisse.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht auch ist dies die Ursache, warum wir wie die Theologie nicht viel Kenntnis vom weiblichen Geschlecht verlangen und da\u00df Franz, Herzog von Bretagne, Sohn Johanns des F\u00fcnften, als man mit ihm von seiner Verm\u00e4hlung mit Isabella, einer schottl\u00e4ndischen Prinzessin, sprach und ihn merken lie\u00df, sie sei sehr einfach erzogen und ohne allen Unterricht in wissenschaftlichen Dingen, antwortete: Die Prinzessin sei ihm deswegen um so lieber, und eine Ehefrau sei gelehrt genug, wenn sie das Wams ihres Ehemanns von seinem Hemde zu unterscheiden verst\u00e4nde.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist auch kein so gro\u00dfes Wunder, als man&#8217;s anschreit, da\u00df unsere Vorfahren sich nicht sonderlich viel aus Gelehrsamkeit gemacht haben und da\u00df wir solche noch heutzutage nur zuf\u00e4lligerweise bei den vornehmsten R\u00e4ten unserer K\u00f6nige finden; und wenn nicht der einzige Endzweck, den man uns zu unseren Zeiten vorh\u00e4lt, uns durch die Rechtswissenschaft, die Arzneikunde, die Theologie und durch die P\u00e4dagogik zu bereichern, sie nicht noch in Ansehen erhielte, so w\u00fcrden wir sie ohne Zweifel noch in ebenso zerlappten M\u00e4nteln auftreten sehn als vordem. Schade darum, wenn sie uns weder richtig denken noch handeln lehrt. Postquam docti prodierunt, boni desunt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Alle andere Wissenschaft ist demjenigen nachteilig, der nicht die Kenntnis der G\u00fcte hat.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sollte aber die Ursache, die ich vorhin suchte, nicht darin zu finden sein, da\u00df weil bei uns in Frankreich unser Studieren fast keinen anderen Zweck hat als Broterwerb, und weniger solche Menschen, die von der Natur zu besseren als blo\u00df eintr\u00e4glichen Gesch\u00e4ften bestimmt sind, sich den Studien widmen als andere oder, wenn sie es tun, nicht lange Zeit darauf verwenden (indem sie, bevor sie an den Wissenschaften Geschmack gewinnen k\u00f6nnen, einen Stand ergreifen, der nichts mit den B\u00fcchern zu tun hat) und also gew\u00f6hnlicherweise, um sich ganz den Wissenschaften zu widmen, keine anderen \u00fcbrigbleiben als J\u00fcnglinge von unbemittelten Eltern, die dadurch ihren Unterhalt zu gewinnen suchen? Menschen aber aus dieser Klasse, deren Seelen durch Geburt, durch h\u00e4usliche Erziehung und Beispiele von der niedrigsten Art herabgew\u00fcrdigt worden, machen selten einen echten Gebrauch von den Fr\u00fcchten der Wissenschaften. Denn die Wissenschaften z\u00fcnden kein Licht in einer Seele an, die keinen Brennstoff hat, machen auch keinen Blinden sehend. Ihr Gesch\u00e4ft ist, nicht das Gesicht zu geben, sondern es den Menschen richtig brauchen zu lehren; seinen Gang ordentlich einzurichten, wenn der Mensch nur von Haus aus gerade ist und zum Gehn t\u00fcchtige Beine hat.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Gelehrsamkeit ist ein gutes Apothekerpulver; in der ganzen Apotheke aber gibt es kein einziges, das kr\u00e4ftig genug w\u00e4re, sich ohne alles Verderben brauchbar zu erhalten, wenn das Gef\u00e4\u00df nichts taugt, worin es aufbewahrt wird. Es gibt Menschen, die zwar ganz hell sehen, dabei aber schielen; und also zwar das Gute sehen, an ihm aber vorbeigehen; die Wissenschaft zwar erblicken, aber nicht zum Anwenden ergreifen. Die wichtigste Verordnung, die Plato f\u00fcr seine Republik machte, war, seine B\u00fcrger sollten nach ihren nat\u00fcrlichen F\u00e4higkeiten zu \u00c4mtern angestellt werden. Die Natur kann alles und tut alles. Lahme taugen nicht zu \u00dcbungen des K\u00f6rpers, und zu \u00dcbungen des Geistes keine verkr\u00fcppelten Seelen. Gemeine Bastardseelen sind der Philosophie unw\u00fcrdig. Wenn wir einen Menschen in zerrissenen Schuhen sehen, pflegen wir nach dem Sprichwort zu sagen: Es ist in der Ordnung, wenn&#8217;s am Schuster ist! Ebenso, scheint es, liegt&#8217;s in der Erfahrung, da\u00df wir oft einen Augenarzt mit entz\u00fcndeten Augen antreffen, einen Theologen, dessen Sitten nicht sehr geistlich sind, und da\u00df die Gelehrten gew\u00f6hnlich unanstelliger sind als andere Menschen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aristo Chius hatte vor alters recht zu sagen: die Philosophen schadeten ihren Zuh\u00f6rern; um so mehr, da die wenigsten Seelen f\u00e4hig sind, den Unterricht geh\u00f6rig zunutze zu machen, welcher, wenn er nicht zum Guten angewandt wird, zum Verderben ausschl\u00e4gt.<i> \u1fbd\u0391\u03c3\u03ce\u03c4\u03bf\u03c5\u03c2<\/i> ex Aristippi, acerbos ex Zenonis schola exire. In der sch\u00f6nen Erziehungsweise, die Xenophon von den Persern r\u00fchmt, finden wir, da\u00df sie ihre Kinder die Tugend lehrten, wie andere Nationen die Wissenschaften zu lehren pflegten. Plato sagt: Das \u00e4lteste, zum Throne bestimmte Kind eines K\u00f6nigs sei folgenderma\u00dfen erzogen: Nach seiner Geburt \u00fcbergab man es nicht etwa Weibern, sondern den vornehmsten Verschnittenen, die um die K\u00f6nige zu sein pflegen. Diese sorgten f\u00fcr die Gesundheit und Sch\u00f6nheit seines K\u00f6rpers; und wenn der Knabe sieben Jahre alt war, so lehrten sie ihn Reiten und Jagen. War er bis ins vierzehnte gelangt, so \u00fcbergaben sie ihn den H\u00e4nden von vier M\u00e4nnern; des Weisesten, des Gerechtesten, des M\u00e4\u00dfigsten und des Tapfersten von der Nation. Der erste lehrte ihn die Religion; der zweite best\u00e4ndig wahr sein; der dritte seine Begierden im Zaum halten; der vierte sich vor nichts f\u00fcrchten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdig, da\u00df in der vortrefflichen Gesetzgebung des Lykurg, die man ihrer Vollkommenheit halber einzig in ihrer Art h\u00e4lt, gleichwohl bei der h\u00f6chsten Sorgfalt f\u00fcr die Nahrung der Kinder, als eine der wichtigsten Pflichten des Staates und im Sitze der Musen selbst, so wenig R\u00fccksicht auf Wissenschaft genommen ist; gleichsam, als ob man dieser hochherzigen Jugend, die kein anderes Joch dulden wollte als die Herrschaft, der Tugend, anstatt unserer heutigen Lehrer in den Wissenschaften nur Lehrer der Tapferkeit, der Klugheit und der Gerechtigkeit zu geben f\u00fcr n\u00f6tig erachtet habe. Ein Beispiel, dem Plato in seiner Gesetzgebung gefolgt ist. Der Laked\u00e4monier Verfahren beim Unterricht der J\u00fcnglinge bestand darin, da\u00df sie ihnen Fragen \u00fcber Beurteilung der Menschen und ihrer Handlungen aufgaben, und wenn sie eine Person oder eine Tat verdammten oder lobten, mu\u00dften sie Gr\u00fcnde f\u00fcr ihr Urteil beibringen; auf diese Weise sch\u00e4rften sie zugleich ihren Verstand und lernten das Recht. Astyages befragt beim Xenophon den Cyrus \u00fcber seine letzte Lektion; sie bestand darin, antwortete er: Ein aufgeschossener Bub&#8216; in unserer Schule hatte einen kurzen Rock an, den gab er einem seiner Kameraden, der kleiner von Wuchs war, und zog dem seinen Rock aus, der l\u00e4nger war. Unser Pr\u00e4zeptor machte mich zum Richter \u00fcber diesen Fall. Mein Urteil ging dahin: Man m\u00fcsse es bei dem Tausche bewenden lassen, und beide schienen dabei gewonnen zu haben, indem des einen Rock dem anderen besser pa\u00dfte: hier\u00fcber gab er mir erst einen Wischer, da\u00df ich unrecht h\u00e4tte; denn ich h\u00e4tte mir beigehn lassen, aufs Schickliche zu achten, da man doch vor allen Dingen aufs Recht sehn m\u00fcsse, nach welchem niemand mit Gewalt das seinige genommen werden d\u00fcrfe; und dar\u00fcber w\u00e4re er noch gebakelt worden; gerade so, wie es in unseren Schulen hergeht, wenn ein Sch\u00fcler den ersten Aorist von <i>\u03c4\u03cd\u03c0\u03c4\u03c9\u00a0<\/i>vergessen hat. Mein Rektor w\u00fcrde mir eine h\u00fcbsche Rede in genere demonstrativo halten m\u00fcssen, bevor er mich \u00fcberzeugte, da\u00df seine Schule ebensogut w\u00e4re als jene. Die Alten haben den Weg k\u00fcrzen wollen; und weil doch einmal die Wissenschaften, selbst dann wenn man sie zu sich n\u00e4hme wie die gebratenen Lerchen vom Bratspie\u00df, uns doch nichts weiter lehren k\u00f6nnen als Klugheit, Tapferkeit und Entschlossenheit, so haben sie gleich, ohne alle Umschweife, ihren Kindern geradezu die eigentlichen Wirkungen zeigen und sie unterrichten wollen, nicht durch H\u00f6rensagen, sondern durch Handlungen selbst, und bildeten sie sonach nicht blo\u00df durch Gabe des Worts, sondern vorz\u00fcglich durch Beispiele und Handlungen; damit es in ihren Seelen nicht wohne wie eine Wissenschaft, sondern wie eine von ihr unzertrennliche Natur und Gewohnheit; nicht wie etwas Erlerntes, sondern wie ein angeborener Besitz. Bei einer Unterredung \u00fcber diesen Punkt fragte man den Agesilas, was man nach seiner Meinung die Kinder lehren m\u00fcsse; das, was sie zu tun haben, wenn sie M\u00e4nner geworden sind, antwortete er. Es ist kein Wunder, da\u00df eine solche Schulmethode so herrliche Wirkungen hervorbrachte. Man reiste, sagt man, nach den anderen St\u00e4dten in Griechenland, um Redner, Maler und Tonk\u00fcnstler zu suchen; nach Laked\u00e4mon aber reiste man, um Gesetzgeber, Staatsm\u00e4nner und Feldherrn zu finden. Zu Athen lernte man sch\u00f6n sprechen und hier sch\u00f6n handeln. Dort ein sophistisches Argument zergliedern und die T\u00e4uschung listig verschraubter Worte enth\u00fcllen. Hier sich vor dem Reiz der Wollust h\u00fcten und mit gro\u00dfer Tapferkeit die Drohungen des Ungl\u00fccks und des Todes zernichten. Die Athenienser haschten nach Worten, die Laked\u00e4monier nach Taten. Dort war eine ununterbrochene \u00dcbung der Zunge; hier eine immerw\u00e4hrende \u00dcbung der Seele. Daher es auch nicht befremdlich erscheinen mu\u00df, wenn sie, als Antipater von ihnen f\u00fcnfzig Kinder zu Geiseln forderte, ganz das Widerspiel von dem taten, was wir getan h\u00e4tten, und zur Antwort gaben, sie wollten ihm lieber zweimal soviel erwachsene M\u00e4nner geben. So hoch sch\u00e4tzten sie den Verlust der Erziehung ihres Landes. Wenn Agesilas den Xenophon \u00fcberreden will, seine Kinder nach Sparta zu schicken, um sie dort erziehn zu lassen, so meint er damit nicht, da\u00df sie die Rede- oder Disputierk\u00fcnste erlernen sollen, sondern, wie er sagt, die h\u00f6chste Wissenschaft unter allen zu lernen, n\u00e4mlich die Wissenschaft zu gehorchen und zu befehlen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es macht einem gro\u00dfen Spa\u00df zu sehn, wie Sokrates auf seine Weise den Hippias zum besten hat, als ihm dieser erz\u00e4hlt, wie er in gewissen kleinen St\u00e4dten von Sizilien ansehnliche Summen mit Informieren gewonnen, in Sparta hingegen nicht einen Heller verdient habe. Wie die Spartaner unwissende Leute w\u00e4ren, welche weder Geometrie noch Arithmetik verst\u00fcnden, nichts weder auf die Wohlredenheit noch auf die Dichtkunst hielten, sondern sich blo\u00df dabei aufhielten, die Reihe der K\u00f6nige zu wissen, den Anfang und den Verfall der Staaten und dergleichen losen Plunder \u2013 und wie nun am Ende Sokrates ihn nach und nach dahin lenkt zu gestehn, da\u00df doch die \u00f6ffentliche Regierungsform vortrefflich sei sowie ihr h\u00e4usliches Leben gl\u00fccklich und tugendhaft, und ihm dann am Schlu\u00df die Entbehrlichkeit seiner K\u00fcnste zu erraten \u00fcberl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Beispiele aus dieser milit\u00e4rischen und aus allen ihr \u00e4hnlichen Erziehungsanstalten lehren uns, da\u00df das Studium der Wissenschaften die Gem\u00fcter eher weichlich und weibisch macht als fest und kriegerisch. Der st\u00e4rkste Staat, der gegenw\u00e4rtig auf der Welt zu sein scheint, ist das t\u00fcrkische Reich. Ein Volk, das dazu erzogen wird, die Waffen zu sch\u00e4tzen und die Wissenschaften zu verachten. Ich finde Rom weit tapferer, bevor es gelehrt war. Die kriegerischsten Nationen unserer Zeit sind die rohsten und unwissendsten. Die Skythen, die Parther, Tamerlan u.a.m. dienen uns hier zum Beweise. Als die Goten Griechenland verheerten, standen die B\u00fcchervorr\u00e4te s\u00e4mtlich in Gefahr, dem Feuer geopfert zu werden. Ein Mann rettete sie dadurch, da\u00df er die Meinung ausbreitete, man m\u00fcsse diesen ganzen Hausrat den Feinden lassen, weil er verm\u00f6gend sei, sie von kriegerischen \u00dcbungen abzuhalten und an eine stillsitzende, m\u00fc\u00dfige Lebensart zu verw\u00f6hnen. Als unser K\u00f6nig Karl VIII. fast ohne einmal den Degen zu ziehn Meister von Neapel und einem gro\u00dfen Teil von Toskana ward, so schrieben die Herrn in seinem Gefolge diese unverhoffte Leichtigkeit im Erobern dem Umstand zu, da\u00df die Prinzen und der Adel von Italien mehr darnach strebten, reich und gelehrt zu werden als stark und kriegerisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-16327 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg 275w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der Redaktion:<\/span> W\u00fcrde Michel de Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine <em>Essais<\/em> lesen. Und zwar Wort f\u00fcr Wort. Oder wir nehmen einen charmanten Umweg und lesen Sarah Bakewells <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Wie soll ich leben?<\/a><\/span>. Dies ist nicht nur der Titel ihrer ungew\u00f6hnlichen Biographie, sondern zeigt zugleicht die Methode an, mit der sich die Autorin dem Denken Montaignes n\u00e4hert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Lesen Sie auch einen<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\"> KUNO-Beitrag <\/a>zu\u00a0 Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In meiner Jugend hab&#8216; ich mich oft dar\u00fcber ereifert, wann ich in der italienischen Kom\u00f6die best\u00e4ndig einen Pedanten als lustige Person auftreten sah und dabei bemerkte, da\u00df die Benennung Magister bei uns eben keine ehrenvolle Bedeutung enthielt. Denn, da&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/02\/von-der-pedanterei\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":98980,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1083],"class_list":["post-78121","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-michel-de-montaigne"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78121","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78121"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78121\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99001,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78121\/revisions\/99001"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98980"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78121"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78121"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78121"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}