{"id":77962,"date":"2023-01-12T00:01:53","date_gmt":"2023-01-11T23:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77962"},"modified":"2022-02-25T08:44:44","modified_gmt":"2022-02-25T07:44:44","slug":"kramen-i-iv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/12\/kramen-i-iv\/","title":{"rendered":"Kramen I-IV"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Essayistische Alltagsbetrachtungen<\/span><\/p>\n<p>Kramen I<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Kramen in Schubladen kann man so einiges wiederfinden. Meist sind es lang vermisste oder gerade eben nicht vermisste Gegenst\u00e4nde, die dann pl\u00f6tzlich auftauchen und Gedanken einimpfen, die ebenso vergessen schienen und unversehens virulent werden. Vielleicht dieser unglaublich peinliche Liebesbrief, den nun wirklich niemand sehen sollte, der aber so wundervoll geschrieben ist, dass man ihn nicht missen m\u00f6chte, also wird er wieder einmal in dieser Schublade mit dem Namen \u201eWenn nicht da, wo sonst?\u201c (bei anderen Leuten hei\u00dft sie vielleicht auch die Kramlade oder wie auch immer, aber ein Haushalt ohne eine solche Schublade ist ein wirklich armer Haushalt, der ist unpers\u00f6nlich und das sagt sehr viel \u00fcber die Bewohner eines Hauses. Seien wir mal ganz ehrlich, es ist wirklich sch\u00f6n, irgendwann die eigenen Geheimnisse, die man vor sich selbst versteckt hat, wieder zu entdecken.) unter irgendeiner Schachtel verschwinden. Was hatte er damals Herzklopfen verursacht, wieviele Schlaflose N\u00e4chte und die Frage, wie sollte man dem Partner sagen, dass da etwas ist, f\u00fcr dass man selber gar nichts daf\u00fcr kann. Aber so etwas hat Herr Nipp nat\u00fcrlich niemals bekommen, w\u00e4re ja auch noch sch\u00f6ner, wenn sich jemals irgendwer in ihn verliebt h\u00e4tte. Was er gefunden hat aber, will er sammeln und sortieren.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kramen II<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser besagten Schublade hat er auch ein altes Messer gefunden. Eines dieser Taschenmesser, deren Griff aus zwei roten Platten bestehen und die weitere Funktionen als eine Schneide haben. Sie sind sozusagen die Vorl\u00e4ufer von Smartphones. Die Grundeigenschaft wird \u00fcberfrachtet mit allen m\u00f6glichen Werkzeugen, angefangen hatte es wahrscheinlich einmal mit einem Korkenzieher, dann kamen Nagelfeilen und Schraubendreher dazu, ein weiteres, kleines Messer auch. Man sagt, dass einige dieser Schweizer Messer bis zu drei\u00dfig oder sogar noch mehr Funktionen haben. Eben \u00e4hnlich den Smartphones. Die ersten Handys waren zum Telefonieren gedacht. Ein dicker Balken oder Backstein mit langer Antenne, mit dem man eines konnte, von \u00fcberall anrufen, wenn es denn ein Netz gab. Dann kamen mehr und mehr Funktionen dazu, Schreiben, Apps f\u00fcr jeden Sch.., Taschenlampe, Kamera nat\u00fcrlich, nur b\u00fcgeln k\u00f6nnen die Ger\u00e4te noch nicht. Herr Nipp jedenfalls hat eines dieser Messer gefunden, die au\u00dfer einer kleinen und gro\u00dfen Klinge nur einen Korkenzieher besitzen. Klein, praktisch und robust. Als er die gro\u00dfe Klinge ausklappte, muss er feststellen, dass die Spitze fehlt und pl\u00f6tzlich \u00fcberl\u00e4uft es ihn hei\u00df und kalt gleichzeitig. Als w\u00e4re er der kleine Junge von damals. Er hatte sich verbotenerweise dieses Klappmesser von seinem Onkel ausgeliehen, hatte gl\u00fccklich damit geschnitzt. Ein kompletter Haselnussstab war damals verziert worden. Sah super aus. Und dann kam er auf die Idee, an verschiedenen Stellen kunstvolle Durchbr\u00fcche zu machen. Sein Onkel hatte noch am Tag vorher gesagt, dass man niemals mit einem Taschenmesser hebeln d\u00fcrfte, weil die Gefahr besteht, dass die Klinge abbricht. Heute wei\u00df Herr Nipp, dass er Recht hatte, damals glaubte er das einfach nicht. Es gab ein helles sirrendes Ger\u00e4usch damals, die Spitze flog knapp an seinem rechten Auge vorbei. Da war das Messer kaputt. Leider. Und es war ein Gang nach Canossa gewesen, als er seinem Onkel die Tat beichten musste. Der war offen sichtbar sauer gewesen, sah dann das ehrliche Bedauern. Er hat ihm damals dann dieses Messer verschenkt und ein Bonbon obendrauf. Es ist gut, nicht alle kaputten Sachen wegzuwerfen, die Erinnerung an eigene Verfehlungen hilft doch sehr, ebenfalls nachsichtig zu handeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kramen III<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hat auch Pflaster entdeckt, die nicht mehr ganz so vertrauensw\u00fcrdig scheinen, sie werden entsorgt. Das N\u00e4hset allerdings wird er behalten, das hat ihm in Notf\u00e4llen schon h\u00e4ufig geholfen, wenn ein Kopf absprang etwa.<br \/>\nNicht etwa, weil die F\u00e4den so fadenscheinig geworden waren, sondern weil er zugenommen hatte. Gl\u00fccklicherweise ist da auch Sockengarn bei, das ist ein Muss. Vor allen f\u00fcr Herrn Nipp, denn irgendwie beherrscht er die Kunst des Lochs zur Perfektion. Vielleicht ist es auch einfach nicht ganz so gut, feine S\u00f6ckchen in den groben Arbeitsschuhen zu tragen oder in Wanderschuhen bei den sonnt\u00e4glichen dreist\u00fcndigen Spazierg\u00e4ngen. Vor allem aber ist Garn ihm vor Jahren immer wichtig f\u00fcr das N\u00e4hen von Hosen gewesen, denn auch da beherrscht er die Kunst des Lochs. Eine neue Hose mit einem Akkuschrauber verderben? Kein Problem. In der Stadt an irgendeinem herausstehenden H\u00e4kchen h\u00e4ngen bleiben und sich eine Klinke rei\u00dfen? Jede Wette, wenn es so ein H\u00e4kchen gibt, wird er es intuitiv finden. Er wird auch automatisch den Stuhl ausw\u00e4hlen, der jede Hose vernichtet, weil die oberste Furnierschicht ein St\u00fcckchen weit abgel\u00f6st ist. \u201eAber machen wir uns nichts vor\u201c, denkt er dann, \u201ewahrscheinlich geht es vielen anderen Menschen genau so wie mir. Gl\u00fccklicherweise habe ich ein N\u00e4hset.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kramen IV<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da liegt ja auch eine dieser kleinen Fernbedienungen in der Schublade. Hm, zu welchem Ger\u00e4t k\u00f6nnte die denn geh\u00f6ren. Herr Nipp muss \u00fcberlegen. Wenn er ehrlich ist, kommt sie ihm so gar nicht bekannt vor. Die Form und dreifache St\u00e4rke einer Checkkarte, die Tasten bilden eine H\u00fcgellandschaft. Und dann wird ihm urpl\u00f6tzlich klar, woher dieses Ger\u00e4t stammen k\u00f6nnte. Das muss die lange vermisste Fernbedienung f\u00fcr das Garagentor sein, das man seit Jahren nur noch von innen \u00f6ffnen kann. Ja, denkt er, die muss ich gut weglegen, damit auch in Zukunft niemand an das Garagentor kommt, wer wei\u00df, was sich in der Garage befindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-e1549272345570.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-44215 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" \/><\/a>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essayistische Alltagsbetrachtungen Kramen I Beim Kramen in Schubladen kann man so einiges wiederfinden. Meist sind es lang vermisste oder gerade eben nicht vermisste Gegenst\u00e4nde, die dann pl\u00f6tzlich auftauchen und Gedanken einimpfen, die ebenso vergessen schienen und unversehens virulent werden. 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