{"id":77928,"date":"2023-06-01T00:01:22","date_gmt":"2023-05-31T22:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77928"},"modified":"2023-09-11T10:06:20","modified_gmt":"2023-09-11T08:06:20","slug":"zeitgeschichtsilluminierung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/01\/zeitgeschichtsilluminierung\/","title":{"rendered":"Zeitgeschichtsilluminierung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Hier ist er also, der gro\u00dfe Zeitroman f\u00fcr Marcel-Reich-Ranicki.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><span style=\"color: #999999;\">Wend K\u00e4ssens, NDR 3, Literatur vor Mitternacht<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">a.j. weigoni hat einen roman mit zeitgeschichtlichem hintergrund geschrieben, der zwischen 1989 und 2014 entstand und dessen handlung im jahr 1989 beginnt und 1990 endet. orte sind d\u00fcsseldorf und berlin sowie die fluchtpunkte paris, r\u00fcgen und new york. der leser findet viele genaue beobachtungen sozialer und kultureller verh\u00e4ltnisse. der autor spielt mit facetten von lebensformen und wahrnehmungsweisen, die zudem intellektuell reflektiert werden. wichtig ist dabei immer die sprachliche dimension. das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">Nachwort<\/a> von Regine M\u00fcller erkl\u00e4rt: \u00bbNicht Sinn will dieser Poet mit seinem Werk schaffen, sondern Bedeutung.\u00ab und:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Als Sprachskeptiker h\u00e4lt Weigoni die Erinnerung indes bereits f\u00fcr Fiktion.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">etwa stellt die figurensprache milieus und charaktere dar. dialektworte und slang, so anglizismen der szenesprache, verweisen auf identit\u00e4ten. wer seine figuren derart in ihrer alltagssprache beschreibt, kennt sie zweifellos genau und kann beil\u00e4ufig und lakonisch, also gut, von ihnen erz\u00e4hlen. mitunter w\u00e4ren vielleicht noch r\u00fcckblenden m\u00f6glich gewesen, die kindheitserlebnisse, grunderfahrungen und fr\u00fche pr\u00e4gungen der figuren zeigen, von denen ihr handeln, denken und empfinden in ihrem miteinander und gegeneinander beeinflu\u00dft wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ironie ist Teil seiner Lebenshaltung, die nicht auf Wahrheit aus ist, sondern vielmehr auf Vermeidung von Grausamkeit.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zugleich betreibt weigoni ein spiel mit klischees, die teile des textes zur persiflage oder farce machen. einen ironischen unterton mu\u00df der leser also immer mitdenken. \u00fcber moritz, die m\u00e4nnliche hauptfigur, erf\u00e4hrt man: \u00bbIronie ist Teil seiner Lebenshaltung, die nicht auf Wahrheit aus ist, sondern vielmehr auf Vermeidung von Grausamkeit.\u00ab wenn angek\u00fcndigt wird: \u00bbDiese Schrift enth\u00e4lt zahlreiche Schilderungen von Obsz\u00f6nit\u00e4ten, die geeignet sind, die Fantasie jugendlicher Leser negativ zu belasten, sie zu sexuellen Handlungen zu animieren und damit die Erziehung zu beeintr\u00e4chtigen.\u00ab, so fragt man sich, ob dies marketing oder satire sei, m\u00f6glicherweise beides. der roman enth\u00e4lt durchaus erotische und sexuelle szenen, aber keine angsterregenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">lautnachahmende urspr\u00fcnge<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">weigoni ist auch in seiner prosa, wie in seinen gedichten, ein sprachk\u00fcnstler. man entdeckt bei ihm viele sinnliche und schriftsprachlich eher seltene worte, besonders sinnliche verben, so \u00bbmault\u00ab, \u00bbketzt\u00ab, \u00bbn\u00f6hlt\u00ab, \u00bbknatscht\u00ab, \u00bbkrabetzt\u00ab, \u00bbkarjolt\u00ab, \u00bbplustert\u00ab, \u00bbschnoddert\u00ab, \u00bbprustet\u00ab, \u00bbschnackert\u00ab, \u00bbgrinst\u00ab, \u00bbzwinkert\u00ab, \u00bbrunzelt\u00ab, \u00bbstiert\u00ab, \u00bbschnorrt\u00ab, \u00bbstiebitzt\u00ab, \u00bbstakst\u00ab, \u00bbtapst\u00ab, \u00bbwieselt\u00ab, \u00bbtapert\u00ab, \u00bbschlackert\u00ab, \u00bbpurzelt\u00ab, \u00bbst\u00f6bert\u00ab, \u00bbstupst\u00ab, \u00bbpafft\u00ab \u00bbpuhlt\u00ab, \u00bbnudelt\u00ab, \u00bbsemmelt\u00ab, \u00bbratschen\u00ab, \u00bbglitschen\u00ab, \u00bbpritscheln\u00ab oder \u00bbkr\u00f6keln\u00ab. einige dieser w\u00f6rter haben lautnachahmende urspr\u00fcnge, was mit der beschreibung akustischer wahrnehmungen im roman korrespondiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Diese W\u00f6rter und noch andere, welche T\u00f6ne ausdr\u00fccken, sind nicht blo\u00dfe Zeichen, sondern eine Art von Bilderschrift f\u00fcr das Ohr.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">lichtenberg nannte an einer stelle ganz \u00e4hnliche w\u00f6rter, donnert, heult, br\u00fcllt, zischt, pfeift, braust, saust, summet, brummet, rumpelt, qu\u00e4kt, \u00e4chzt, singt, rappelt, prasselt, knallt, rasselt, knistert, klappert, knurret, poltert, winselt, wimmert, rauscht, murmelt, kracht, gluckset, r\u00f6chelt, klingelt, bl\u00e4set, schnarcht, klatscht, lispelt, kocht, keuchen, schreien, weinen, schluchzen, kr\u00e4chzen, stottern, lallen, girren, hauchen, klirren, bl\u00f6ken, wiehern, schnarren, scharren und sprudeln, und schrieb dann: \u00bbDiese W\u00f6rter und noch andere, welche T\u00f6ne ausdr\u00fccken, sind nicht blo\u00dfe Zeichen, sondern eine Art von Bilderschrift f\u00fcr das Ohr.\u00ab andererseits begegnet man in weigonis roman einem abstrakteren intellektuellen und ideologischen vokabular, das h\u00e4ufig weltbilder beschreibt. abstraktionen der sprache k\u00f6nnen auf entt\u00e4uschungen und verwundungen hindeuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Eine Welt, die sich in den Massenmedien spiegelt, hat weder ein gemeinsames Ziel noch kennt sie ein kollektives Begehren.<\/em> (Jean Baudrillard)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zun\u00e4chst kommen generationserfahrungen der um 1960 in der bundesrepublik geborenen ins bild. man findet die zerrissenheiten von menschen, denen traditionelle wertvorstellungen als \u00fcberholt gelten und die zugleich keinen grundlegenden umbruch vor sich sehen. \u00bbFacetten und Erscheinungsformen \u00e4ndern sich, doch Entscheidendes ist nicht ver\u00e4nderbar.\u00ab idealistische entw\u00fcrfe lassen sich auch im privaten nur zeitweilig verwirklichen, nicht zuletzt weil die figuren unterm \u00bbSchuppenpanzer des Narzissmus\u00ab beziehungsunf\u00e4hig sind oder glauben, es zu sein. \u00bbBei manchen Menschen trifft gerade das Umarmungsbed\u00fcrfnis auf die Unber\u00fchrbarkeitssehnsucht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Selbstversuch mit offenem Ausgang<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der roman ist nicht zuletzt die geschichte der identit\u00e4tssuche und der desillusionierungen von moritz, die erfahrungen mit frauen inbegriffen, die wohl das empfindungszentrum, die tiefste und literarischste schicht bilden. die liebe der beiden hauptfiguren moritz und charlotte wird als \u00bbSelbstversuch mit offenem Ausgang\u00ab beschrieben. eigentlich stimmt und pa\u00dft da einiges, indem sich menschen mit verwandten interessen begegnen. man denkt beim lesen dar\u00fcber nach, weshalb diese beziehung derart schnell zerbricht, wobei das ende ein erneutes zusammenfinden nicht ganz ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im b\u00fcrgerlichen Roman sind es traditionell die authentischen Gef\u00fchle der Figuren, die ihre Handlungen, Sehns\u00fcchte und Selbstzweifel motivieren und mit der \u00e4u\u00dferen, gesellschaftlichen Wahrheit in Konflikt geraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der autor reflektiert die liebessehns\u00fcchte und liebeserfahrungen seiner figuren ausgiebig: \u00bbLiebe macht gl\u00fccklich, es ist die letzte Idee, die wir noch haben, um an etwas zu glauben.\u00ab, \u00bbLiebe ist \u2013 wie jede andere Religion \u2013 nur rein, wenn sie Poesie ist.\u00ab, \u00bbWahre Leidenschaft weiss nichts von Gesetzen. Im unweigerlichen Konflikt zwischen Gesetz und Gl\u00fcck bringt sie nichts als Ungl\u00fcck hervor.\u00ab, \u00bbdie Akzeptanz der eigenen Einsamkeit w\u00e4re die Voraussetzung, um einen anderen wirklich zu lieben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend M\u00e4nner zu Philosophen werden, sind Frauen die H\u00fcterinnen einer \u00fcberlegenen Lebensklugheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00fcber charlotte, bei der energie und zartheit, kraft und zerbrechlichkeit ineinander \u00fcbergehn und die in einem gleicherma\u00dfen unbefangenen und intellektuell geschulten ton spricht, wird gesagt, sie spiele die archetypische jungfrau, die nur darauf warte, da\u00df ihre welt in unordnung gebracht und die wirklichkeitswahrnehmung infrage gestellt werde. eine ihrer redensarten ist \u00bbAch du lieber Schreck.\u00ab vielleicht trifft auf sie zu, was michel serres schrieb:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So besitzt die Kompa\u00dfnadel Sensibilit\u00e4t: Sie vibriert und sucht ein Gleichgewicht um einen fragilen Ruhepunkt. Aufgrund minimaler Anregungen, die von \u00fcberall her kommen und nach Qualit\u00e4t, Dimension und Intensit\u00e4t \u00fcber das gesamte Spektrum verteilt sind, zittert und fluktuiert die Sensibilit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bei weigoni hei\u00dft es: \u00bbCharlotte und Moritz leben in einer schrillen Augenblickswelt, exakt zwischen dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht. Sie befinden sich zwischen dem Stellungskampf um ihre Karriere und den Bed\u00fcrfnissen ihres privaten Gl\u00fccks.\u00ab und: \u00bbSie haben das Problem, dass jeder der Fixstern des anderen sein will, und in ihrem Eifer, es dem anderen beweisen zu m\u00fcssen, nicht merken, dass sie in ihrem Mikrokosmos die Sonne ihrer kleinen Eitelkeiten umkreisen.\u00ab, wobei sensibilit\u00e4t wieder zerst\u00f6rt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">manchmal hat man den eindruck, figuren vor sich zu haben, die oft noch, spontanen eingebungen folgend, wie kinder agieren und zugleich ziemlich eigenst\u00e4ndig erwachsensein spielen. weigoni fragt nach dem zustand von partnerschaften, die heute m\u00f6glicherweise h\u00e4ufig scheitern, da ihre akteure denkundspielformen mit der lebenswirklichkeit vertauschen und verwechseln, weil sie beide sph\u00e4ren nicht dauerhaft zur einheit zusammenzwingen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Verbindlich ist nur die Glaubw\u00fcrdigkeit unseres Diskurses.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schuld an der abk\u00fchlung ist eher moritz, nicht weil er mit jane, der operns\u00e4ngerin, fremd geht, oder fremdgegangen wird, sondern da er die emotionalen liebesanspr\u00fcche der charlotte, die ihm offenbar angst und schmerzen bereiten, nicht dauerhaft aushalten und erwidern kann. moritz verdirbt es mit ihr, indem er, der doch einf\u00fchlend liebt, sich, statt sie wahrzunehmen, narzi\u00dftisch, und teils grobianisch, hinter eigenen unbew\u00e4ltigten gef\u00fchlen und gef\u00fchlsverh\u00e4rtungen verpanzert. subtilit\u00e4t und grobheit, einf\u00fchlung und abweisung liegen bei ihm dicht beieinander. da m\u00fcssen erhebliche entt\u00e4uschungen urspr\u00fcnglicher hoffnungen und intentionen vorausgegangen sein. auch die demonstrative coolness, die sich bisweilen aggressiv aufl\u00e4dt, l\u00e4\u00dft dies vermuten. wahrscheinlich gehen die verh\u00e4rtungen auf fr\u00fche und elementare seelische und psychische verwundungen zur\u00fcck, w\u00e4hrend er subtil und einf\u00fchlend ganz zu sich kommt, indem er dem innersten seiner seele entspricht. die ehrlichkeit, mit der dies geschildert wird, geh\u00f6rt zum anr\u00fchrendsten und ersch\u00fctterndsten dieses romans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schn\u00e4ppchenj\u00e4gerin der Liebe<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">jane, die dritte hauptfigur, die als franz\u00f6sisches kind einer amerikanischen truppenbetreuerin in einem englischen internat erzogen wurde, wird als \u00bbgefallener Engel der Verzweiflung\u00ab und \u00bbSchn\u00e4ppchenj\u00e4gerin der Liebe\u00ab bezeichnet. sie lebt ganz den intensiven moment: \u00bbSie will nicht begreifen, dass die Zeit nicht verzeiht, was man ohne sie tut, dass Ideen langsam reifen wie Pflanzen, und dass Menschen im allgemeinen leiden, wenn man sie hetzt. Sie will nicht wissen, dass die Menschen eine Vergangenheit haben, dass sie Besitz haben, daran h\u00e4ngen und daran festhalten, eine Geschichte haben und darin verwurzelt sind. Im Gegenzug dazu besitzt sie rasante Zukunftsvisionen und brennt vor Ungeduld.\u00ab schlie\u00dflich ist sie von moritz schwanger und l\u00e4\u00dft, unentschieden, das kind abtreiben. vermutlich w\u00fcrden alle beteiligten figuren dar\u00fcber nachdenken, wie man das ungeborene kind retten k\u00f6nne, wenn sie diese geschichte in einem film gesehen h\u00e4tten. im leben aber und selbst betroffen reagieren sie anders. in woody allens film &gt;Manhattan&lt; gibt es eine szene, wo der fernsehautor isaac davis, gespielt von woody allen selbst, sagt, moral beweise sich erst, wenn unten im flu\u00df, w\u00e4hrend man oben auf der br\u00fccke stehe, jemand zu ertrinken drohe. ob man dann den ertrinkenden rette, das w\u00e4re die entscheidende frage. ihn d\u00fcrfe man aber nicht fragen, er k\u00f6nne nicht schwimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Schreibnutten<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">moritz ist sportreporter, freilich einer mit den interessen eines kulturjournalisten, der einiges von literatur, theater, film, musik und oper versteht, und charlotte kulturredakteurin mit einer auch kultursoziologischen beobachtungsgabe. ihre berufssph\u00e4re betrachten beide zunehmend skeptisch. vom \u00bbMedienstrich\u00ab ist die rede. \u00bbWirklichkeit ist das Aas, von dem sich journalistische Hy\u00e4nen n\u00e4hren.\u00ab, \u00bb<i>Medienprofis<\/i> gleichen ihre Medienfassung der Welt pausenlos untereinander ab, ihre Wirkung wird dann wiederum durch Meinungsforschungsinstitute \u00fcberpr\u00fcft.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gef\u00e4hrliche Liebschaften<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">Nachwort<\/a> hei\u00dft es, in diesem roman werde nach der m\u00f6glichkeit einer besseren welt gefragt, \u00bbinklusive aller melancholischen Zweifel, die ein Privileg der Jugend sind, zugleich aber mit einem nachschwingenden Ver\u00e4nderungsfuror, von dem die heutige Generation nur tr\u00e4umen kann.\u00ab der autor erfand sogar eine eigene oper, \u00bbdas Kraftwerk der Gef\u00fchle\u00ab, nach dem roman <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gef%C3%A4hrliche_Liebschaften\">Gef\u00e4hrliche Liebschaften<\/a> von choderlos de laclos. \u00bbDie Liebenden stolpern in der Inszenierung von LES LIAISONS DANGEREUSES \u00fcber ihre selbst gespannten Fallstricke, die Kom\u00f6die schl\u00e4gt in bittere Tragik um. Im Spannungsfeld zwischen Liebe und Tod erlaubt die Oper Menschenversuche auf offener B\u00fchne.\u00ab erkl\u00e4rt weigonis roman, der \u00fcberhaupt immer wieder die wirkungen von musik beschreibt, die eines seiner motivfelder bildet, wobei die grenzen zwischen ernster und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24425\">popul\u00e4rer musik<\/a> von vornherein flie\u00dfend sind. daneben wird auch die filmkunst thematisiert, die ebenfalls weigonis literarischen stil beeinflu\u00dft hat, etwa indem er mit filmschnittartigen techniken arbeitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nicht die politische Avantgarde hat gesiegt, sondern die Waren\u00e4sthetik.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">charlotte unterst\u00fctzt, idealistisch inspiriert, als rundfunkredakteurin k\u00fcnstler, die eine schlie\u00dfung des musiktheaters d\u00fcsseldorf verhindern wollen. dieses engagement f\u00fchrt zu zahlreichen erkenntnissen und desillusionierungen: \u00bbHinter jedem Protest steckt letztendlich eine verratene Liebe.\u00ab, \u00bbDer Mensch ist immer auf ein ganz pers\u00f6nliches Gl\u00fcck aus. Und wenn er das nicht bekommt, wird er politisch.\u00ab, \u00bbDie gro\u00dfen Ideen der Menschheitsgeschichte haben die Tendenz, sich im Zuge ihrer Realisierung selbst zu vernichten.\u00ab, \u00bbEine aufgekl\u00e4rte Demokratie wertet Proteste nicht durch Verbote auf, sondern l\u00e4sst sie kontrolliert ins Leere laufen.\u00ab, \u00bbWo die Ursachen kultureller und sozialer Missst\u00e4nde nicht ver\u00e4nderbar sind, wirken die moralischen Kundgebungen nurmehr karnevalistisch.\u00ab, \u00bb<i>Alles<\/i> ist Performance. <i>Nichts<\/i> hat mehr Bedeutung.\u00ab, \u00bbRegieren und Inszenieren sind <i>eins<\/i> geworden.\u00ab, \u00bbEs gibt keine wirkliche Kulturpolitik, weil die Wirtschaft die eigentliche Stelle von Politik vertritt.\u00ab, \u00bbNicht die politische Avantgarde hat gesiegt, sondern die Waren\u00e4sthetik.\u00ab, \u00bbEine Demokratie braucht nicht noch mehr Patrioten, sie braucht Skeptiker und Menschen, die Fragen stellen.\u00ab, \u00bbWer die Zw\u00e4nge der Welt hinter sich gelassen hat, kann wahr sprechen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><i>Migropolen<\/i> machen aus Menschen nerv\u00f6se Monaden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schlie\u00dflich geht charlotte als korrespondentin nach paris. erlebnisse von charlotte und jane in paris verbindet weigoni mit kultursoziologischen studien, so \u00fcber musiker in der pariser m\u00e9tro, franz\u00f6sische e\u00dfgewohnheiten oder die geschichte der architektur. \u00fcber die st\u00e4dte insgesamt hei\u00dft es: \u00bb<i>Migropolen<\/i> machen aus Menschen nerv\u00f6se Monaden.\u00ab, \u00bbGlasfassaden der modernen Grossstadt erzeugen die Illusion einer nahtlosen Verbindung zwischen Innen und Au\u00dfen, aber sie schneiden in Wirklichkeit die sinnliche Erfahrung ab.\u00ab und \u00bbDie Bewohner wissen nicht mehr, wann die Inszenierung aufh\u00f6rt und das Leben anf\u00e4ngt, sie k\u00f6nnen nicht allein sein, wollen nicht sp\u00fcren, wie einsam sie sind.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Heja, heja DEG!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">als sportreporter beim rundfunk ger\u00e4t moritz, der gerade in berlin\/west ein eishockey-spiel kommentiert, in die ereignisse des jahres 1989 in berlin\/ost und berichtet \u00fcber die grenz\u00f6ffnung. dabei begegnet er dem osten zun\u00e4chst als fremder, beinahe wie ein r\u00f6mischer reisender, der eine neu eroberte oder sich \u00f6ffnende provinz besucht. wer das soziale und kulturelle leben von au\u00dfen betrachtet, erkennt elementares und prinzipielles, hierarchien, strukturen, mechanismen, doktrinen, konventionen, illusionen, abh\u00e4ngigkeiten und manipulationen sch\u00e4rfer und klarer. der innenbetrachter betont mehr nuancen des subjektiven erlebens, die er jedoch oft \u00fcbersch\u00e4tzt, w\u00e4hrend ersterer sie leicht vernachl\u00e4ssigt und das fundamentale \u00fcberbewertet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Von dem, was er aus der Ferne kennt, hat er eine vage Vorstellung, ohne es auf den Begriff zu bringen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">durch die erz\u00e4hlperspektive, die \u00fcber lange strecken der sicht von moritz entspricht, erscheint die westliche lebenswelt meist in innenansichten, die \u00f6stliche mitunter im draufblick. westliche lebensformen werden detaillierter beschrieben, \u00f6stliche eher erkl\u00e4rt. \u00bbVon dem, was er aus der Ferne kennt, hat er eine vage Vorstellung, ohne es auf den Begriff zu bringen.\u00ab liest man. bisweilen entsteht auf die \u00f6stliche lebenswelt bezogen genau der umgekehrte eindruck. es wird etwas analytisch auf den punkt gebracht, aber die konkrete lebensreale vorstellung bleibt stellenweise vage. wohl deshalb entstehen dann teils emblematische und kulissenhafte zeitbilder, die indes nicht selten ironisch gebrochen sind. manchmal scheint das \u00f6stliche material auch dem kunstvollen im wege zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Daniel arbeitet an einem Destillat aus \u00f6stlicher Resignation und westlichem Skeptizismus.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mit anne trifft moritz eine kosmopolitische bisexuelle ost-berliner k\u00fcnstlerin, die schon beinahe alle illusionen hinter sich hat und dennoch immer wieder neue projekte beginnt. bei daniel, einem ostdeutschen maler und intellektuellem grenzg\u00e4nger, der aus einer j\u00fcdisch-kommunistischen familie stammt und in keines der \u00fcblichen ideologischen denkraster pa\u00dft, staunt moritz \u00fcber viele gemeinsamkeiten im denken: \u00bbDaniel arbeitet an einem Destillat aus \u00f6stlicher Resignation und westlichem Skeptizismus.\u00ab moritz steigt nach wiederholten kontroversen mit seinem chefredakteur aus der rundfunkarbeit aus, ohne sofort anderswo anzukommen, und f\u00e4hrt mit daniel gemeinsam auf die ostseeinsel r\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">der titel des romans ist ein begriff aus der philatelie<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das reflexive und diskursive dieses romans zeigt sich auch an den vielen kursiv geschriebenen schlagworten verschiedenen zeitgeistes. die figuren, die sich begegnen, \u00f6stliche wie westliche, reden viel miteinander. dabei haben die gesellschaftskritisch denkenden gespr\u00e4chspartner meist mehr fragmentarische als geschlossene weltbilder, die durch ihre realen erfahrungen noch weiter fragmentiert werden. mitunter sind die ideologischen kontroversen allerdings auch ein austausch gegenseitiger vorurteile oder kolportage von zeitgeistdenken. der titel des romans ist ein begriff aus der philatelie, was die frage aufwirft, ob man menschen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25780\">briefmarken<\/a> behandeln kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">das zeitalter der ideologien ist vorbei<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">da\u00df das zeitalter der ideologien vorbei sei, war eine illusion zu beginn der 90er jahre, die wahrscheinlich, \u00e4hnlich wie die legende vom ende der geschichte, von personen forciert worden ist, die selbst ideologisch dachten, im sinne der herrschenden verh\u00e4ltnisse. parallel wurde auch noch das ende der religion, philosophie, utopie, moral, literatur und wirklichkeit sowie des subjekts, bewu\u00dftseins und humanismus und des menschen \u00fcberhaupt verk\u00fcndet. insgeheim meinen alle diese end-verhei\u00dfungen, da\u00df es nur noch eine ideologie, wirklichkeit, geschichte und moral auf erden geben solle, n\u00e4mlich die der jeweils eigenen gegenwart.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00bbtats\u00e4chlich das zu sehen, worauf man sie warten l\u00e4\u00dft.\u00ab (roland barthes)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mit ostdeutschen k\u00fcnstlern und intellektuellen spricht moritz \u00fcber die ereignisse des herbstes 1989. dabei wird diskutiert, ob und inwieweit die ideen, aufbr\u00fcche und impulse dieser zeit weiterwirken k\u00f6nnen und als fermente alternativen denkens gegenw\u00e4rtig bleiben. revolutionen, oder was so genannt wird, sind freilich immer auch t\u00e4uschungszust\u00e4nde. die mehrheit h\u00e4lt die intensit\u00e4t und das \u00fcberraschende solcher ereignisse selten l\u00e4nger aus. der massemensch bekommt angst, sobald realerlebnisse seinen horizont allzu sehr \u00fcbersteigen. er m\u00f6chte zwar stets neues haben, also ersehnen, erblicken, erwerben, aber nur wenn er selbst das ungewohnte auf vertrautes, und damit auf die eingefleischten und normierten raster seines denkens und empfindens, zur\u00fcckf\u00fchren kann. soll er unerwartetes erleben, so will er es wenigstens wahrnehmen wie etwas vorhergesehenes. ebenso, und das ist nur die dazugeh\u00f6rige kehrseite, sind viele bereit, \u00bbtats\u00e4chlich das zu sehen, worauf man sie warten l\u00e4\u00dft.\u00ab (roland barthes), weshalb sie das ersehnte solange nicht wirklich bekommen m\u00fcssen, wie die manipulation funktioniert. solchen hoffnungen und desillusionierungen begegnet moritz auch in berlin und auf r\u00fcgen, wo er nach alternativen sucht und letztlich nur andere zerrissenheiten findet. es ist nach wie vor <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15188\">kein ende der pioretten in sicht<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Rheinland, ein Kosmos der skurrilen Nebenfiguren<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">a.j. weigoni betrachtet in seinem roman <em>Lokalhelden<\/em>, der im jahrzehnt vor der jahrtausendwende im \u00bbLandeshauptdorf\u00ab, also d\u00fcsseldorf, spielt, vor allem in der \u00bb<em>Alkstadt<\/em>\u00ab, die rheinl\u00e4nder im \u00bbWeltdorf\u00ab, und damit die globale provinz, ironisch und sarkastisch: \u00bbDieses Dorf ist f\u00fcr das Neurosenb\u00fcrgertum gross genug, um nicht langweilig zu sein; und klein genug, um nicht darin umzukommen.\u00ab, \u00bbDie negativste Eigenschaft des Rheinl\u00e4nders ist, dass er sich so positiv vorkommt.\u00ab, \u00bbNiemand l\u00e4sst sich im Rheinland von seinem Ungl\u00fcck abhalten. Alle sind freiwillig hier.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der autor relativiert in diesem buch, das er eine \u00bbruppige Liebeserkl\u00e4rung\u00ab nennt, ein b\u00fcrgerliches bild vom rheinland. seine figuren sind sozial und kulturell durchaus verschieden gepr\u00e4gt. rheinl\u00e4nder, denen das rheinland hochkultur verk\u00f6rpert, w\u00fcrden einem satz wie \u00bbDie meisten Menschen im Rheinland sind unverbesserlich, sie machen immer die gleichen Fehler und besitzen nicht die saturierte M\u00f6glichkeit, das Leben mit Kultur zu verfeinern.\u00ab sicher widersprechen. die heutigen folkloristischen identit\u00e4tsk\u00e4mpfe zwischen linksrhein und rechtsrhein kultivieren, trotz vorhandener historisch gewachsener unterschiede, freilich eher vorurteile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und es gibt ja auch viele \u00fcbereinstimmungen in der rheinischen mentalit\u00e4t, die permanent konventionen im detail unterwandert. \u00bbOriginalit\u00e4t entsteht im Rheinland nicht aus sich selbst, sondern in Abweichung vom Modell, in seiner zitierenden \u00dcberschreibung.\u00ab und \u00bbIm Rheinland lebt man eine Mischung aus Sehnsucht, Ironie, doppelb\u00f6digem Gr\u00f6ssenwahn und Witz.\u00ab immer wieder wird auf den spielerischen umgang mit freuden und lasten des lebens hingewiesen. \u00bbDie Rheinl\u00e4nder nutzen Sprache nicht, um etwas mitzuteilen, sie erz\u00e4hlen von der Illusion der eigenen Wirklichkeit.\u00ab und \u00bbM\u00f6glicherweise existiert das Rheinland nicht wirklich; ist diese Region eine Halluzination, geboren im Rausch.\u00ab in einem gespr\u00e4ch zitierte der autor albert camus: \u00bbDie Phantasie tr\u00f6stet die Menschen \u00fcber das hinweg, was sie nicht sein k\u00f6nnen \u2212 der Humor \u00fcber das, was sie sind.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">weigoni, der bemerkt, man erfahre \u00bban den R\u00e4ndern einer Gesellschaft mehr \u00fcber ihren Zustand als in ihrem Zentrum.\u00ab, betrachtet realit\u00e4ten aus der perspektive derjenigen, die verh\u00e4ltnisse \u00fcberwiegend als objekt erleben und sich ihre subjektivit\u00e4t erst erk\u00e4mpfen und erarbeiten m\u00fcssen, also von unten. so erkundet er den \u00bbBodensatz des Rheinlands\u00ab, das randst\u00e4ndige und absonderliche, und darin das wesentliche im vermeintlich nebens\u00e4chlichen. edgar allan poe vermerkte: \u00bbErfahrung hat gezeigt, dass ein gro\u00dfer, vielleicht der gr\u00f6\u00dfere Teil der Wahrheit aus dem scheinbar Unwichtigen gesch\u00f6pft wird.\u00ab und \u00bbdass gerade die Absonderlichkeiten es sind, die der Vernunft auf ihrer Suche nach der Wahrheit die beste Handhabe bieten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lokalhelden<\/em> schildert die vielfalt entfremdeter lebensformen in einer welt, die \u00e4u\u00dferlichkeiten, masken, kost\u00fcme und etiketten h\u00e4ufig mehr sch\u00e4tzt als innere werte, inhalte, haltungen und f\u00e4higkeiten. hat der wirtschaftliche sieg des b\u00fcrgertums zu einem verfall der b\u00fcrgerlichen werte gef\u00fchrt? viele der figuren, von denen dieser roman vor allem handelt, wollen zwar individuell sein, folgen aber letztlich nur verschiedenen facetten des zeitgeistes, die sie f\u00fcr ihre selbstvermarktung nutzen, und sind so, obwohl nicht selten, gewollt oder unfreiwillig, au\u00dfenseiter, oft blo\u00df postmodern und kleinb\u00fcrgerlich systemkonform.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">man begegnet k\u00fcnstlern, etwa musikern unterschiedlicher stilrichtungen, mitarbeitern des kulturbetriebs, regionalpolitikern, journalisten, restaurantbetreibern, fu\u00dfball-fans, kleinkriminellen, haftentlassenen, geheilten drogenabh\u00e4ngigen. sogar ein polizeichef taucht auf. hinzu kommen intellektuelle, die ihre meist wirkungslos kritischen weltsichten verk\u00fcnden. die dialoge dieser \u00bb<em>Schwadrosophen<\/em>\u00ab erinnern bisweilen an die bemerkung lichtenbergs \u00bb<em>Ein gro\u00dfes Licht<\/em> war der Mann eben nicht, aber ein gro\u00dfer <em>Leuchter<\/em> &#8230; Er war Professor der Philosophie.\u00ab in der b\u00fcrgerlichen welt ist die folgenlosigkeit der kunst und literatur, und damit die entfremdung der k\u00fcnstler und schriftsteller gegen\u00fcber der gesellschaft, die voraussetzung ihrer freiheit und autonomie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">all diese gestalten des tages und der nacht f\u00fchren sich in diesem roman mit ihren handlungen, wie die sprechenden figuren mit ihren worten, selber vor, wodurch psychogramme entstehen. gruppen der jugendkultur werden geradezu ethnologisch beschrieben, besonders randgruppen, bis hin zu antirassistischen skinheads. wiederholt spielt der fu\u00dfball eine rolle. \u00bbSport ist erst Sport, wenn Resultate in Zahlen zerlegt werden, und addiert eine Statistik ergeben. Es geh\u00f6rt zu den deutschen Tugenden, die Dinge vom Ergebnis her zu betrachten.\u00ab was br\u00e4uchte man, wenns den fu\u00dfball nicht g\u00e4be? vielleicht hahnenk\u00e4mpfe oder kampfhunde. damit verglichen ist fu\u00dfball immer noch die kultiviertere variante.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auch gibt der roman einblicke in die kriminalit\u00e4t d\u00fcsseldorfs, die offenbar metropolenniveau hat. wo kriminelle besonders aktiv sind, ist urbaner lebensraum. hierzu f\u00e4llt einem wiederum lichtenberg ein: \u00bbDie Linien der Humanit\u00e4t und der Urbanit\u00e4t fallen nicht zusammen.\u00ab statistiken belegen, je gr\u00f6\u00dfer die einwohnerschaft einer stadt, umso h\u00f6her wird die kriminalit\u00e4t pro kopf der bev\u00f6lkerung. einbr\u00fcche und diebst\u00e4hle gelten inzwischen sowieso als kavaliersdelikte und werden kaum noch aufgekl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die meisten szenen und dialoge, und nicht selten monologe, von \u00bbLokalhelden\u00ab spielen tats\u00e4chlich in lokalen, vor allem der d\u00fcsseldorfer innenstadt, einige indes auch an der frischen luft. ebenso begegnen sich sonst getrennte menschengruppen in der stra\u00dfenbahn, die einst lokomobile hie\u00df, also fahrender raum, oder bewegter ort. \u00fcberdies erf\u00e4hrt der leser manches aus der geschichte der popul\u00e4ren musik, der gastronomie, von brauereien und biersorten und der kunst des bierbrauens sowie kulinarischer spezialit\u00e4ten und ihrer zubereitung am rhein. das cover-bild zeigt ein gef\u00fclltes \u00bbAlt\u00ab-bierglas.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">weigoni ist ein autor der verknappungen und der roman in einem skeptischen tonfall geschrieben. \u00bbViele Worte zu machen, um wenige Gedanken mitzuteilen, ist all\u00fcberall ein untr\u00fcgliches Zeichen von Mittelm\u00e4\u00dfigkeit.\u00ab die meisten figuren sprechen umgangssprachlich, dialekt und jargon inbegriffen. so liest, oder h\u00f6rt, man in diesem buch etliche wortpr\u00e4gungen regionaler herkunft sowie der szenesprache. gleich am anfang tauchen worte auf wie \u00bbGesichtsbaracke\u00ab oder \u00bbM\u00fcrbekuchenantlitz\u00ab. michel der montaigne vermerkte: \u00bbIch w\u00fcnschte, ich benutzte nur solche Worte, die auch in den Markthallen zu Paris gebr\u00e4uchlich sind!\u00ab aufgrund der dialektankl\u00e4nge las ich mitunter auch hochdeutsche passagen im rheinischen tonfall. das unverhohlene und zugleich mehrdeutig andeutungsvolle umgangssprachliche reden, das zahlreiche sprachliche verfremdungen verwendet und erfindet, lie\u00df mich ans berlinische denken. da\u00df im rheinland \u00bbwohlkalkulierte P\u00f6beleien gerade wegen ihrer Unbestimmtheit wirken.\u00ab, hei\u00dft es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">eine vorbemerkung lautet: \u00bbDie deutsche Rechtschreibung (gem\u00e4ss Dudenredaktion) konnte auf diesen <em>Heimatroman<\/em>nur bedingt angewendet werden, weil diese Schreibweisen den Figuren den Atem geraubt h\u00e4tten.\u00ab lichtenberg meinte: \u00bbEs gibt eine wahre und eine f\u00f6rmliche Orthographie.\u00ab nicht untypisch f\u00fcr weigonis kommentierenden schreibstil, der sprache gleicherma\u00dfen ernsthaft und persiflierend nutzt, ist ein satz wie: \u00bbDie Rheinl\u00e4nder sind nicht von vornherein einverstanden mit der Gesamtsituation, sie changieren zwischen schlechter Laune und sp\u00e4tjuveniler Verzweiflung, plus autoerregter Adoleszensaggression und tuberkul\u00f6sem Ganzk\u00f6rperseufzen, Weltschmerz und Weltekel; dabei geht es ihnen weniger um das grosse Ganze als um das kaputte Kleine.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lokalhelden<\/em> ist ein buch der desillusionierungen. der roman betont einerseits rheinische eigenheiten, hat aber zugleich die deutsche gesellschaft insgesamt im blick, die er analytisch beschreibt. wo weigoni rheinland und rheinl\u00e4nder sagt, meint er vielfach die verh\u00e4ltnisse und verhaltensweisen der menschen der gegenw\u00e4rtigen epoche. \u00bbAus Untertanen wurden B\u00fcrger, die zu Kunden mutierten, denen mit der Kommerzialisierung des \u00f6ffentlichen Lebens auch die W\u00fcrde abhanden kam.\u00ab, \u00bbDie Katastrophe wird negiert, um einer Gesellschaft die M\u00f6glichkeit zu geben, selbst zu \u00fcberleben.\u00ab und \u00bbDer Sozialstaat ist keine Wohltat, sondern Abschlagzahlung daf\u00fcr, dass der B\u00fcrgerkrieg unterbleibt.\u00ab da mu\u00df man hoffen, da\u00df die verantwortlichen dies immer noch wissen. schlie\u00dflich haben die folgen sozialen elends zu kriegen und v\u00f6lkermorden gef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der autor konstatiert: \u00bbEtwas ist verloren gegangen, eine Instanz im Menschen, welche nicht nur materiell, sondern auch moralisch wertet, die den Wert kennt und nicht den Preis.\u00ab, \u00bbIm Zeitalter des Authentizit\u00e4tswahns wird Emp\u00f6rung inszeniert.\u00ab, \u00bbAn der Front der Frustrierten treffen sich jene Modernit\u00e4tsverlierer, f\u00fcr die das Verlieren zur zweiten Natur geworden ist.\u00ab, und \u00bbAggressivit\u00e4t scheint die letzte Form \u00fcbriggebliebener Freiheit zu sein, eine Notwehr von Antriebslosen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">giorgio agamben schrieb in \u00bbKindheit und Geschichte \/ Zerst\u00f6rung der Erfahrung und Ursprung der Geschichte\u00ab \u00fcber den mangel an verinnerlichten existentiellen erfahrungen beim modernen menschen: \u00bbHeute aber wissen wir, da\u00df es zur Zerst\u00f6rung der Erfahrung keinerlei Katastrophe bedarf und da\u00df die friedliche Alltagsexistenz in einer Gro\u00dfstadt zu diesem Zweck vollkommen gen\u00fcgt.\u00ab und: \u00bbDer zeitgen\u00f6ssische Mensch kehrt abends nach Hause zur\u00fcck und ist v\u00f6llig ersch\u00f6pft von dem Wirrwarr von Erlebnissen \u2212 unterhaltenden oder langweiligen, ungew\u00f6hnlichen oder gew\u00f6hnlichen, furchtbaren oder erfreulichen \u2212, ohne da\u00df auch nur eines davon zu Erfahrung geworden w\u00e4re.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das gr\u00f6\u00dfte denkhindernis ist das leben selbst. menschen sind perfekt darin, realit\u00e4ten f\u00fcr sich auszunutzen, die sie nicht verstehen wollen. sobald sie lebensinteressen haben, halten sie f\u00fcr richtig, was sie sofort ablehnen w\u00fcrden, wenn es au\u00dferhalb ihres lebens gesch\u00e4he. der mensch im allgemeinen hat nichts gegen unrecht. er will nur selber nicht darunter leiden und m\u00f6glichst noch davon profitieren, am besten, indem die unrechtshandlungen in unpers\u00f6nliche strukturen ausgelagert werden. was aber, wenn sich herausstellt, da\u00df gesellschaftliches unrecht nicht nur dem aktuellen entwicklungsstand der menschheit entspricht, sondern sogar der genetischen pr\u00e4disposition des menschen? man m\u00fc\u00dfte also, wenn man eine humane gesellschaft erreichen wollte, den menschen an sich ver\u00e4ndern, was unweigerlich zu neuen deformationen f\u00fchren w\u00fcrde. gegen diese pessimistischen aussichten sei walter benjamin zitiert:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Menschen als Spezies stehen zwar seit Jahrtausenden am Ende ihrer Entwicklung; Menschheit als Spezies aber steht an deren Anfang.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">dies ist nat\u00fcrlich sehr idealistisch gedacht. einige jahrtausende werden wohl noch vergehen, ehe eine humane menschheit entsteht. einstweilen wird man sich mit lokalen humanit\u00e4tsinseln begn\u00fcgen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lokalhelden,<\/strong> Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2018 &#8211; Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-51718 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie-136x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"136\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie-136x300.jpeg 136w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie-463x1024.jpeg 463w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie.jpeg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 136px) 100vw, 136px\" \/><\/a>Alle Exemplare des Prosa-Werks sind handsigniert und limitiert in einem <em>Schuber<\/em> aus schwarzer Kofferhartpappe erh\u00e4ltlich, es ist ein Akt der Werkoffenbarung. Darin enthalten sind die Novelle <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12899\"><em>Vignetten<\/em><\/a>, die Erz\u00e4hlungen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12913\">Zombies<\/a>, der Novellen-Band <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34359\"><em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em><\/a><em>.\u00a0<\/em>Der erste Roman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> und der \u201eHeimatroman\u201c <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/18\/seismograph-des-uebergangs-2\/\"><em>Lokalhelden<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nur in diesem Schuber enthalten sind das H\u00f6rbuch <em>630, <\/em>sowie Weigonis Gebrauchsprosa <em>Vorlass, <\/em>in dem biographische, werkgenetische und poetologische Fragen beantwortet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier ist er also, der gro\u00dfe Zeitroman f\u00fcr Marcel-Reich-Ranicki. Wend K\u00e4ssens, NDR 3, Literatur vor Mitternacht a.j. weigoni hat einen roman mit zeitgeschichtlichem hintergrund geschrieben, der zwischen 1989 und 2014 entstand und dessen handlung im jahr 1989 beginnt und 1990&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/01\/zeitgeschichtsilluminierung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":98410,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,94,3913,2683],"class_list":["post-77928","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-holger-benkel","tag-jean-baudrillard","tag-wend-kaessens"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77928","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77928"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77928\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104943,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77928\/revisions\/104943"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98410"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77928"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77928"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77928"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}