{"id":77909,"date":"2023-07-08T00:01:32","date_gmt":"2023-07-07T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77909"},"modified":"2024-05-15T11:20:34","modified_gmt":"2024-05-15T09:20:34","slug":"kurze-prosa-lange-nachwirkung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/08\/kurze-prosa-lange-nachwirkung\/","title":{"rendered":"Kurze Prosa, lange Nachwirkung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Fl\u00fcsse sind wie Seelen \u2013 so grundverschieden, dass wir f\u00fcr jeden Fluss eine andere Sprache entwickeln m\u00fcssten.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Vladimir Nabokov<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Erscheinen der <em>Vignetten<\/em> ging das Projekt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/das-konzept\/\">Labor<\/a> im Jahr 2009 in ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a> \u00fcber. Wie alle Rebellen braucht auch A.J. Weigoni keinen Grund, er \u00fcberschreibt in einer Art von Trauerarbeit eine Literaturgattung neu und praktiziert damit mehr als das sogenannte <em>kreative Schreiben<\/em>, diese Novelle ist &#8211; wenn man dem Nachwort von Enrik Lauer folgt\u00a0ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/25576\/\">Sich-Einschreiben in die Welt<\/a>.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Schreibstab auf dem Cover von: Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist schwierig \u00fcber die Poesie von Weigoni zu sprechen, ohne dabei auch sein Konzept von Raum und Ort zu thematisieren. Zu pr\u00e4sent sind sie als \u00fcbergeordnete Topoi in seinem Werk, und das bereits von Beginn an. Der Rhein ist sein lebenslanger Bezugspunkt, der sich durch sein Werk m\u00e4andert. In den <em>Vignetten <\/em>stellt Weigoni mit der Poesie die Wellenbewegungen des Rheins denen des Nils gegen\u00fcber, und \u00fcbersetzt sie in Wellenbewegungen des Lichts und der Gedanken. Wie auch bei seinen anderen Prosa-Projekten pflegt Weigoni die Form der Langzeitbeobachtung.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Jeder Text ist immer kulturell verankert, meist sogar mehrfach. In den <em>Vignetten<\/em> wird alles Sp\u00e4tere pr\u00e4figuriert, es blitzt die Kunst der Verknappung und die Wucht der schmerzhaft pr\u00e4zisen S\u00e4tze auf, und schlie\u00dflich setzt sich aus den Einzelteilen eine konkrete Geschichte zusammen. Diese Novelle erh\u00e4lt sich das prek\u00e4re Gleichgewicht aus Sch\u00f6nheit, Spannung und Melancholie bis zum Schlu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht diesem Poeten um theoretisch-philosophische Fragestellungen, historische Schwerpunkte und Formen medialen Transfers in den Bereichen Neue Medien und Intermedialit\u00e4t. Weigonis Kunst dient sich nicht als bildungsb\u00fcrgerlicher Konsumartikel an, er st\u00fcrzt sich ebensowenig in den Mainstream, weil dort die Nuance, um die es ihm geht, systembedingt sofort weggeschliffen wird. Es ist ein Br\u00fcckenschlag zwischen der Poesie und den einzelnen kulturen Disziplinen (Kunstgeschichte, Philosophie, Musik) und leistet damit einen Beitrag zur Entwicklung einer Kulturtransferforschung, welche der besonderen Rolle der \u00dcbersetzungen bei der \u00dcberschreitung kultureller Grenzen gerecht zu werden vermag. Seine B\u00fccher erscheinen in einer handsignierten und limitierten Auflage.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Informationelle Selbstbestimmung<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_44223\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-image-44223 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg 194w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg 657w\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-caption-text\">Covermontage: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p class=\"vspace\" style=\"text-align: justify;\">Alles was wir sind, ist ein Resultat dessen, was wir gedacht haben. Eigentlich ist virtuelle Realit\u00e4t nichts anderes als der Versuch, diese alte Weisheit in Praxis umzusetzen, statt sie an die Wand zu pinnen. Die Literatur ist k\u00f6rperlos und\u00a0A.J. Weigoni tut sein M\u00f6glichstes, um diesen Prozess der Abl\u00f6sung von der Materie zu bef\u00f6rdern. Diese K\u00e4ltetendenz r\u00fchrt vom Eindringen der Physik in die moralische Idee. Auch wenn den Lesern die Inhalte vielleicht nicht immer gefallen, weil sie nicht gef\u00e4llig sind, sondern die Realit\u00e4t hinter der Maske von Schein zeigen, das Scheinbare zum offensichtlichen Phantom degradieren, sch\u00e4tze ich Weigonis literarische Qualit\u00e4t. Ein Wort zu einem anderen zu f\u00fcgen und dabei beide gegenseitig sich hinterfragen zu lassen, stetig zu hinterfragen, das verm\u00f6gen nicht viele. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, diese Prosa zu lesen. Die \u00c4sthetik der Kunst besteht nur vordergr\u00fcndig in Vordergr\u00fcndigem, erst wer zum Hintergrund gelangt und die Beziehungen der verschiedenen Schichten und Verwerfungen zu erkennen vermag, wird zur wahren Sch\u00f6nheit gelangen.<\/p>\n<p class=\"vspace\" style=\"text-align: justify;\">Weigonis Interesse gilt der Erforschung des Unbewu\u00dften der Gegenwart, den unausgesprochenen \u00c4ngste und heimlichen Begierden; und der Rolle, die deren Reflexion und Analyse in diesem Unbewussten spielt. So lassen sich seine Novellen auf einer Achse zwischen den Polen Gewalt und Erkenntnis verorten. Sein zentrales Thema ist die Vertechnisierung der Sinne und die Versinnlichung der Technik. Dabei betreibt er eine Aufkl\u00e4rung gegen die Technikgl\u00e4ubigkeit. Eines der wesentlichen Merkmale seiner Prosa ist ein dekonstruktivistischer Ansatz, der im Zerlegen und neuen Zusammensetzen kultureller Erscheinungen besteht. F\u00fcr ihn ist jedes Buch ein Ort, den er mit seiner Sprache durchwandert. Das Lesen seiner Prosa ist weniger ein Akt des Verstehens und Dechiffrierens als so etwas wie Versenkung und Kontemplation. Diese Prosa ist gepr\u00e4gt von einem erkennbaren Rhythmus und einem hohen Grad an Sprachreflexion. Im beziehungsreichen Metaphernspiel n\u00e4hrt Weigoni zwar den Anschein, die zwischenmenschliche Verst\u00e4ndigung mithilfe der Sprache h\u00e4tte ihren Sinn verloren, zugleich aber reduziert er den allm\u00e4chtigen W\u00f6rterschwall der herrschenden Poesie auf ein Minimum. Er glaubt bei allem schwarzen Pessimismus an die Unverf\u00fcgbarkeit der Seele, die kein Zwangseingriff zum Schweigen bringen kann und n\u00e4hert sich den Trivialmythen aus der Perspektive des Connaisseurs, beutet den popkulturellen Rohstoff aus, beschw\u00f6rt den anarchistischen Geist des Rock\u2019n\u2019Roll und verhandelt seine Lebensthemen: Anderssein und Ausbruch, Repression und Libertinage, Rausch und Sexualit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"vspace\" style=\"text-align: justify;\">In Zeiten des kulturellen Allesfressertums und dem Verschwimmen der Grenzen von High und Low Culture l\u00e4\u00dft sich \u00fcber \u00e4sthetische Pr\u00e4ferenzen kein Dinstinktionsgewinn mehr einfahren. Weigoni bringt die spielerische Dramaturgie eines postmodernen Patchwork-Romans und die psychologische Tiefe eines realistischen Gesellschafts-Epos, die Entwicklung der Musikindustrie von der Hippie-Kultur der sechziger Jahre bis in eine von Gadget-versessenen Kleinkindern regierte Zukunft sowie zig verschiedene Charaktere, Generationen und Genres in einem \u00fcberaus originellen und temporeich erz\u00e4hlten Buch zusammen. <em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em> ist eine Com\u00e9die humaine der Gegenwart. Die Figuren von Weigoni stecken in metaphysischen Schicksalshorizonten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das realistische Erz\u00e4hlen wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer Form des Widerstands<\/em><\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_97950\" style=\"width: 217px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97950\" class=\"wp-image-97950 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Zombies-207x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-97950\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese <em>Zombies<\/em> sind Fiktion, dabei ist kaum etwas\u00a0 erfunden. Die von A.J. Weigoni als \u201ahypermoderne Menschen\u2018 beschriebenen Typen erleben eine Zergliederung und Fragmentierung des Abgebildeten, Ver\u00e4nderungen und Verst\u00fcmmelungen des eigenen K\u00f6rpers, sie sind das \u00e4sthetische Untersuchungsprogramm. Es ist ein Blick darauf zur\u00fcck, wie A.J. Weigoni die Erz\u00e4hlung auf ein komplett neues Niveau gehoben hat, er machte sie l\u00e4nger und komplexer. Fr\u00fcher galt das Ideal, eine Short-Tory sollte kurz und knackig sein. Weigoni entdeckte, wie viel Leben man darin unterbringen kann, ohne die Regel der Knappheit zu verletzen. Seine Figuren leuchten in der ganzen Pracht ihrer Einzigartigkeit. Dieser Romancier wollte immer beides: den \u00dcberblick und die Nahsicht. Seine Spezialit\u00e4t war die erhabene Sch\u00e4bigkeit und Kleinteiligkeit der Lebensl\u00e4ufe, in die er tief eintauchte, ohne an ihnen rumzupolieren. Er arbeitete sie mit raumgreifenden Zeitspr\u00fcngen, band innerhalb in den Erz\u00e4hlungen disparate Handlungselemente durch motivische oder thematische Parallelen ein. Er schuf zugleich \u00fcber den einzelnen Text hinausreichende Bezugsnetze zu den <em>Cyberspasz<\/em>&#8211;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/16\/dystopische-zukunftsforschung\/\">Novellen<\/a>, durch welche die sich gegenseitig beleuchten und inhaltlich vertiefen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Toten warten auf der Gegenschr\u00e4ge. Manchmal halten sie eine Hand ins Licht. Als lebten sie. Bis sie sich ganz zur\u00fcckziehen in ihr gewohntes Dunkel das uns leuchtet.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Fjodor Gladkow<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigonis Polaroids der Schattenseiten der Gesellschaft sind bestechend scharf. Als Erforscher von Trivialmythen sind dabei die Bruchstellen f\u00fcr Weigoni von besonderem Interesse, er \u00fcberpr\u00fcft mit dieser Poesie, was es mit der k\u00f6rperlichen Verdinglichung des 21. Jahrhunderts auf sich hat. Weigoni geht den immensen Br\u00fcchen in der sozialen Tektonik nach, ohne in ein ohnm\u00e4chtiges Lamento zu verfallen. Statt die triste Realit\u00e4t der Abgeh\u00e4ngten einfach nur abzubilden oder triviale Welterl\u00f6sungsmanifeste zu verfassen, trifft in diesen Erz\u00e4hlungen das Arkanum auf das Allt\u00e4gliche, das Offensichtliche wird durch Symbolische entlarvt. Vorbei die Zeit, da Literatur die grossen Schlachten der Gesellschaft austragen muss. Diese Erz\u00e4hlungen stehen im selben gesellschaftlichen Kontext mit dem chorischen Zusammenschluss vieler K\u00f6rper, der Massenidentit\u00e4t. Das realistische Erz\u00e4hlen wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer Form des Widerstands.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Eine Parodie auf die unsch\u00f6ne Gutmenschenwelt<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Romancier ver\u00e4ndert Variablen und macht damit die Grenze zwischen M\u00f6glichkeit und Wirklichkeit durchscheinender, er transformiert das Kommensurable, den Abfall, den L\u00e4rm und die schlechte Luft der Metropole, in das Inkommensurable, den Sumpf einer verkommenen Gesellschaft. Die soziale Welt, wie Menschen sie in dieser Frivolit\u00e4tsepoche erleben, entspricht selten ihren W\u00fcnschen, aber es liegt im Bereich der menschlichen Kraft, sie diesen W\u00fcnschen entsprechender zu machen. So manches, was hier erz\u00e4hlt wird, kann nie im Leben so gewesen sein. Aber diese Zombies bringen uns das Leben n\u00e4her, als dieses es selbst kann. Weigoni setzt sich \u00fcber die Wirklichkeit hinweg, um der Wahrheit n\u00e4her zu kommen. Je unglaubw\u00fcrdiger es wird, desto glaubw\u00fcrdiger wird diese Literatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Weigoni handhabt das Wort bei Bedarf so k\u00fchl wie der Anatom sein Skalpell.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Enrik Lauer<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Romancier erz\u00e4hlt er von der existenziellen Einsamkeit des Menschen, von Gottlosigkeit, davon, wie sich Zivilisation und Natur feindlich gegen\u00fcberstehen. Der Erz\u00e4hlband <em>Zombies<\/em> ist gro\u00dfartige Fiktion \u2013 dabei ist kaum etwas davon frei erfunden. Die von ihm als hypermoderne Menschen beschriebenen Kreaturen erleben eine Zergliederung und Fragmentierung des Abgebildeten, Ver\u00e4nderungen, ja Verst\u00fcmmelungen des eigenen K\u00f6rpers sie sind das \u00e4sthetische Untersuchungsprogramm. Von besonderem Interesse f\u00fcr Weigoni sind dabei die Bruchstellen, als wolle er penibel pr\u00fcfen, was es mit der k\u00f6rperlichen Verdinglichung des 21. Jahrhunderts auf sich hat. Diese Erz\u00e4hlungen stehen im selben gesellschaftlichen Kontext mit dem chorischen Zusammenschluss vieler K\u00f6rper, der Massenidentit\u00e4t: Das satirische Erz\u00e4hlen wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer Form des Widerstands. Dem abgesicherten Literaturbetrieb w\u00e4re eine R\u00fcckkehr dieser w\u00fctenden Drastik zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Sind diese Zombies paranoid in einer \u00fcberangepassten Welt, oder sind sie die einzig Vern\u00fcnftigen in einer durch und durch paranoiden Welt?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bedeutung des Erz\u00e4hlens kann hier als Kompensation von Modernisierungssch\u00e4den erkannt werden. Die Erz\u00e4hlungen haben einen formal innovativen Ansatz, man erkennt die Figuren unmittelbar an ihrer unverwechselbaren Sprache, die so brennscharf die Realit\u00e4t abbildet und den Lesern neue Wahrnehmungsm\u00f6glichkeiten verschafft. In diesem Werk herrscht ein gro\u00dfes Gedr\u00e4nge der Untoten, Weigoni exorziert damit seine Zeitgenossen. Er hat die &#8222;hypermodernen Menschen&#8220; ganz k\u00fchl literarischen Versuchsanordnungen ausgesetzt, doch tat er dies, weil er Anteil nahm am Schicksal der Menschen. Zu heilsamen Remystifikation der modernen Welt w\u00fcrde der Einbruch von Zeichen nicht reichen, bei aller Pr\u00e4zision, bei aller Raffinesse und technischen Virtuosit\u00e4t verf\u00fcgen Weigonis Menschenerkundungen \u00fcber ein hohes Ma\u00df an Empathief\u00e4higkeit. Die Figuren sind nicht blo\u00dfe Versuchsobjekte; sie sind Menschen, und sie kommen uns auch als solche immer wieder entgegen, treten aus dem Konstruktionsgef\u00fcge heraus. Diese Literatur \u00f6ffnet den Blick f\u00fcr das nie Gesehene, nie Gedachte, so wie Kleist \u00fcber den M\u00f6nch am Meer bemerkte, es sei, wenn man das Bild betrachte, als ob einem die Augenlider weggeschnitten w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das kapitalistische System bringt sich selbst um, es ist wie ein Zombie: In gewisser Weise ist es tot. Es l\u00e4uft noch umher, weil wir keine Vorstellung haben, was wir anders machen k\u00f6nnten.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">David Graeber<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Erz\u00e4hlungen sind vergn\u00fcglich zu lesende Et\u00fcden in Sarkasmus, allesamt dazu geeignet, die Zumutungen der Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen. Weigonis <em>Zombies <\/em>sind ein Meisterst\u00fcck der Disproportion, keine leichte Kost, er beschreibt die Menschen, aber bewertet sie nicht. Nichts passt hier zueinander, man r\u00e4tselt die ganze Zeit, wie diese heillos \u00fcberdrehten Irren eigentlich zusammengefunden\u00a0haben. Der Langsamschreiber Weigoni arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten unter dem Radar des Mainstream, er hofft, sich dem Wesenskern einer Sache immer weiter anzun\u00e4hern, zu pr\u00e4zisieren, zu verbessern. Das gilt besonders f\u00fcr die <em>Zombies<\/em>. Diese Erz\u00e4hlungen sind ein Gewebe, in das Bestandteile erfahrener Realit\u00e4t eingewoben sind, damit \u00fcberwindet dieser antikonformistische Manierist die spielerische Postmoderne und setzt sich mit realen Gesellschaftsproblemen auseinander, ohne bei der teilnehmenden Beobachtung der Entwertungsgeschwindigkeit auf Ironie zu verzichten. Weigoni weicht der gelebten Wirklichkeit nicht aus, er versteht es, aus den vielen Ungereimtheiten, die er im Alltag vorfanden, eine Poesie zu machen, die durch ihren Bildcharakter vorf\u00fchren, da\u00df die Widerspr\u00fcche den Sachverhalten oft immanent sind, sich gegenseitig bedingen, und in der Literatur nicht ausschlie\u00dflich mit dialektischer Eleganz darstellen lassen, es sei denn, man nimmt in Kauf, da\u00df die Wahr\u00adhaftig\u00adkeit, mit der sie im Leben vorkommen, g\u00e4nzlich zur Ausl\u00f6schung gebracht wird<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Gesellschaftskritische Erz\u00e4hlungen mit einer fazinierenden, reduzierten Sprache.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nico Schoffer, Twitter<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die S\u00e4tze werden k\u00fcrzer, die Beobachtungen genauer. Weigoni begreift Schreiben als Attacke auf die Konsenskultur, auf die Toleranzh\u00f6lle des Westens. Bei den Motiven seiner Figuren verschmelzen Perversion und Normalit\u00e4t mit der vor allem das m\u00e4nnliche Geschlecht begleitenden ewigen Trinit\u00e4t von Gewalt, Sex und Suff; mit hilfloser Empathie und gerechtem Zorn, der nur selten fruchtet. Seine Lieblingsfeinde sind die sogenannten 68-er, ein grandioses Exempel daf\u00fcr, wie progressive gesellschaftliche Utopien, sobald sich ihre Realisierung als Chim\u00e4re erweist, in rigide autorit\u00e4re Systeme umschlagen und ihre Verfechter zu Handlangern totalit\u00e4rer Regime werden k\u00f6nnen. Dieser Romancier pflegt einen Stil, der Imagination mit Sachlichkeit, K\u00e4lte mit Empathie, Realismus mit Parodie, Reflexion mit Narration, Komik mit Utopie, Ironie mit Verzweiflung, Wahnsinn mit Trauer verbindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-51718 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie-136x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"136\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie-136x300.jpeg 136w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie-463x1024.jpeg 463w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie.jpeg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 136px) 100vw, 136px\" \/><\/a>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2009 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe als Hardcover.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">A. J. Weigoni, <strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen, Edition Das La\u00adbor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Cyberspasz, a real virtuality<\/strong>, Novellen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2012.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Exemplare des Prosa-Werks sind handsigniert und limitiert in einem <em>Schuber<\/em> aus schwarzer Kofferhartpappe erh\u00e4ltlich. Es ist ein Akt der Werkoffenbarung. Darin enthalten sind die Novelle <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12899\"><em>Vignetten<\/em><\/a>, die Erz\u00e4hlungen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12913\">Zombies<\/a>, der Novellen-Band <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34359\"><em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em><\/a><em>.\u00a0<\/em>Der erste Roman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> und der \u201eHeimatroman\u201c <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/18\/seismograph-des-uebergangs-2\/\"><em>Lokalhelden<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nur in diesem Schuber enthalten sind das H\u00f6rbuch <em>630, <\/em>sowie Weigonis Gebrauchsprosa <em>Vorlass, <\/em>in dem biographische, werkgenetische und poetologische Fragen beantwortet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fl\u00fcsse sind wie Seelen \u2013 so grundverschieden, dass wir f\u00fcr jeden Fluss eine andere Sprache entwickeln m\u00fcssten. 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