{"id":77898,"date":"2023-11-09T00:01:46","date_gmt":"2023-11-08T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77898"},"modified":"2023-11-06T13:47:44","modified_gmt":"2023-11-06T12:47:44","slug":"auf-zur-expedition-heimat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/09\/auf-zur-expedition-heimat\/","title":{"rendered":"Auf zur Expedition Heimat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Jeder gute Roman ist ein Meta-Roman, der \u00fcber die Kunst der Fiktion reflektiert. Deshalb hat unsere Heimat, sobald man etwas intensiver \u00fcber sie nachdenkt, die Tendenz, sich in Fiktion aufzul\u00f6sen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Stefan Kutzenberger<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_98410\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98410\" class=\"wp-image-98410 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/RomanCoverMotiv-194x300.jpg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98410\" class=\"wp-caption-text\">Postwertzeichen erschienen zum 20. Jahrestag der DDR. Entwertet am 9. November 1989<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Titelbild dieses Epochenromans zeigt eine Neigung zur Philatelie, eine Briefmarke, die im Jahr der Mondlandung zum 20. Jahrestag der DDR erschienen ist, wird mit dem Poststempel vom 9. November 1989 entwertet. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=506\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> ist ein endzeitliches Panorama \u00fcber die Sp\u00e4tphase der DDR und zugleich dem Verblassen der alten BRD, das in dieser Binnen- und Draufsicht so noch nicht beschreiben wurde. Dieses Werk ist auf einer Metaebene eine geschichtsphilosophische Deutung dieses Momentums. Der Text ist pr\u00e4ideologisch, die Sprache formuliert nicht Denkresultate, sondern skizziert den Denkprozess der Figuren.\u00a0A.J. Weigoni hat die Authentizit\u00e4t des ersten Blicks auf ein Unbekanntes, den Schrecken der ersten Erscheinung des Neuen. Er unterstreicht einen Anspruch, die historische Totalit\u00e4t dieses Epochenbruchs abzubilden, und zwar in einer symbolischen, gleichnishaften Erz\u00e4hlweise. Es ist sehr aufschlussreich zu lesen wie kurzatmig man bisher die Untergangsgeschichte der DDR und \u00fcber das Verl\u00f6schen der alten BRD erz\u00e4hlt hat. Als Geschichte einer Vertreibung aus dem Paradies, wie es Ingo Schulze in <em>Adam und Evelyn<\/em> es getan hat &#8211; oder als Blick in die realsozialistische Vorh\u00f6lle wie Uwe Tellkamp in <em>Der Turm<\/em>. Die strukturelle Vielgestaltigkeit der Szenen in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24922\">Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/a>, die Wechsel in Stilebene und Erz\u00e4hlform nutzt Weigoni, um auch in die hinteren Winkel seines Panoramas zu spiegeln und somit auch den Untergang der alten BRD zu zeigen. In lange und vor allem geduldig ausgesponnenen Handlungsf\u00e4den werden viele verschiedene Personen miteinander verbunden und streben gemeinsam dem Ende entgegen. Poesie ist immer auch eine Befragung der identit\u00e4ren Konzepte, der Wahrnehmungen, der Zuschreibungen, weil genau die Diskurse, die sich sehr eng um Identit\u00e4t drehen, selbst das Problem sind. Im Mittelpunkt des weit verzweigten Romans steht das zentrale Dreigestirn der Lebensabschnittsgef\u00e4hrten Charlotte, Jane und Moritz symbolisiert durch den Kapiteltrenner, der sich generiert durch jedes Kapitel des Romans zieht, beginnend von Adams herzhaftem Biss, bis hinzu dem, was von der Liebe \u00fcbrig blieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00c9criture von A.J. Weigoni ist Enth\u00fcllungsarbeit, Trauerarbeit, Arbeit am Denken. Und letztlich an der Sprache selbst. In <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21500\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> zeigt er Entwurzelte, die an der alten Gesellschaftsordnung scheitern. Es ist die enorme kompositorische Leistung, mit der Weigoni in 25-j\u00e4hriger Arbeit die Stoffmasse bew\u00e4ltigt hat. Das Buch ist von epischem Zuschnitt und gleichsam entwirft es ein gro\u00dfes erz\u00e4hlerisches Spektrum mit den Schaupl\u00e4tzen D\u00fcsseldorf, Berlin, R\u00fcgen, Paris und New York, sowie den unterschiedlichsten Lebensl\u00e4ufen, die er zudem mit einer Vielzahl literarischer Mittel darstellt und diese Details zu einer inneren Geschlossenheit zusammenzuf\u00fcgen. Dazu setzt er geschickt wiederkehrende Motive und seine F\u00e4higkeit zur differenzierten Schilderung von Lebensl\u00e4ufen ein. Auf einen Wenderoman will man dieses Buch nicht reduziert wissen, denn \u00fcber das Erz\u00e4hlte hinaus arbeitet Weigoni an einem unausgesprochenen Projekt einer R\u00fcckgewinnung des Epischen. Er\u00a0 entwirft in diesem Roman den Kosmos der untergehenden BR\/D\/DR v\u00f6llig wieder erkennbar und v\u00f6llig neu als Musik aus Gedanken, Worten, Figuren, Realit\u00e4t und Fantasie. Es ist der Aufbruch aus einer stillgelegten Zeit, die hier beschrieben wird, und aus der Kulturversunkenheit herausgerissen wird. Dieser Schriftsteller einwirft ein spiegelverkehrtes Panorama der verkrusteten BRD, das die Schichten und Milieus der DDR-Gesellschaft von der Intelligenzija, der Nomenklatura, den Ausreisewilligen, den Arbeitern bis zu aufm\u00fcpfigen K\u00fcnstlern und b\u00f6sartigen Nachbarn erfasst. Wir finden epische, niemals langweilige Schilderungen, eine souver\u00e4ne Komposition dieses Romans, seiner Stimmigkeit, den zahllosen, nie aufdringlichen literarischen Anspielungen und Symbolen. Au\u00dferdem entfaltet der Roman eine soghafte Wirkung, der man sich nicht entziehen kann. Ausgefeilte assoziative Passagen zeigen Weigonis F\u00e4higkeit zur Verdichtung, zu einem elegischen, symbolischen Schreiben. Die einzige Rekonstruktion der Vergangenheit, die in diesem Jahrzent Lebendigkeit beanspruchen kann, ist ihre kongeniale\u00a0Neusch\u00f6pfung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Hinter Braunschweig beginnt die asiatische Steppe.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Konrad Adenauer<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ist gepr\u00e4gt durch eine Erinnerungsscham. Weigoni wagt den coolen Blick auf die untergehende \u00d6stliche und der drei westlichen <em>Besatzungszonen. <\/em>Die Sichtweise, dass Gesellschaften ab einem gewissen Zivilisationsgrad die Werkzeuge politischer Willensbildung abhandenkommen, wirkt zum Ende hin erhellend. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> ist ein gro\u00dffl\u00e4chig angelegtes Selbstvergewisserungsverbuch. Es geht um nicht weniger als den Versuch, dieses neue Verh\u00e4ltnis, das &#8222;Zeit\u00adalters der Extreme&#8220; (Eric Hobsbawm), zu begreifen. Weigoni widerlegt poetisch, dass deutsche Themen im Zusammenhang mit der 68er-Bewegung bew\u00e4ltigt wurden, auf dem Territorium der DDR sind sie weiterhin virulent. Selbstverst\u00e4ndlich geht es in diesem Epochenroman um die deutschesten Themen: Innerlichkeit, individuelles Pathos und um Schicksal. Dieses Epos ragt zum 25. Jubil\u00e4um des sogenannten Mauerfalls aus der Saisonware deutscher Gegenwartsliteratur weit heraus. Dieser Schriftsteller hat den ultimativen Roman \u00fcber die DDR, diese l\u00e4cherliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden, und die v\u00f6llig ausgelaugte alte BRD geschrieben. Weigoni verweigert bei aller Detailgenauigkeit des Blicks\u00a0 den verkl\u00e4renden Gestus. Dies allein w\u00e4re bereits, nach all dem <i>Wischy-waschy<\/i> der Biermanns, Wolfs, und Heins, eine Erl\u00f6sung. Dieser sprachm\u00e4chtige Schriftsteller pr\u00e4sentiert was die deutsche Literatur der letzten Jahrzehnte nicht hatte, er ist: genialisch ausufernd, nutzt die ganze Bandbreite vorhandener Erz\u00e4hlmittel, ist voller Humor und Melancholie, Wut und Sentimentalit\u00e4t, Spott Ernsthaftigkeit und versteckt dabei nicht Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Es ist ein Echolot in die Zeit zweier untergehender L\u00e4nder. Was warum in welchem Umfang als erinnerungsw\u00fcrdig gilt, ist auf eine konstruktive Weise unklar, dies entscheidet nicht die Vergangenheit, sondern &#8211; mit geb\u00fchrendem Abstand &#8211; die Jetztzeit. Darauf kann man aufbauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der Roman ist stets ein hybrides Gebilde und ein Laboratorium des Erz\u00e4hlens gewesen, in dem Autoren und Leser die Probe auf das Exempel der Schreibweisen und Lesarten machen konnten, die ihre Kultur und Mentalit\u00e4t bestimmen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Matthias Bauer<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_97843\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97843\" class=\"wp-image-97843 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Weigoni-e1645728140426.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><p id=\"caption-attachment-97843\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e1s (A. J.) Weigoni (* 18. Januar 1956 in Budapest\/Ungarn, Flucht mit den Eltern nach dem Volksaufstand; \u2020 26. Januar 2021 in D\u00fcsseldorf)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeiten, in denen literarische Heimatmotive oder -gef\u00fchle unter Kitsch-Verdacht standen und \u201eHeimatkunst\u201c mit v\u00f6lkisch-nationalen Traditionen ganz eng assoziiert war, sind seit etlichen Jahren vorbei. Die den Ausgrenzungseffekt scheinbar relativierenden \u00d6ffnungen der \u201eHeimat\u201c t\u00e4uschen nicht dar\u00fcber hinweg, dass die impliziten Differenzbildungen des Eigenen und Fremden wirkungsm\u00e4chtig bleiben und jederzeit in gesellschaftliche Selektions- bzw. Ausschlussprozesse m\u00fcnden k\u00f6nnen. Auf die Heimat bezogene Literatur umfasst alles von rosarotem Kitsch bis zu d\u00fcsterstem Horror. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrascz_Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a> verhandelt in den <i>Lokalhelden<\/i> Themen wie Heimat, Grenze, Fremde und damit eng verkn\u00fcpft die Identit\u00e4tskonzepte des Rheinl\u00e4nders. Seine Erinnerungsarbeit besteht aus vielen kleinen allt\u00e4glichen Szenen, die dem Leser die alte Bonner Republik n\u00e4herbringen, ihren Humor begreiflicher und ihr Ende melancholischer machen als jede Objektivit\u00e4t abzielende Darstellung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Erz\u00e4hlen gleicht dem Rhein, es m\u00e4andert. Wenn man alle S\u00e4tze die Weigoni \u00fcber das Rheinland geschrieben hat, zu Stra\u00dfen f\u00fcr einen Stadtplan formt, dann winden sie sich. Dieser Romancier l\u00e4\u00dft sie ansteigen, schl\u00e4ngeln und im wahrsten Sinne des Wortes versacken. Durch diese Prosa kann man gleichsam flanieren; es ist lesbare Topografie. Mit den <em>Lokalhelden<\/em> hat Weigoni das Unm\u00f6gliche gewagt: in einem Roman, der strengsten Formgesetzen folgt, gleichzeitig das Chaos des t\u00e4glichen Lebens mitzuerz\u00e4hlen. Man verliert sich in dieser Prosa, verweilt bei Impressionen, steigt durch Hinterh\u00f6fe, rastet auf Rheinterrassen, verl\u00e4sst das Geschriebene f\u00fcr Augenblicke und findet sich meist in einem Brauhaus wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman ist ein eigenwilliger Hybrid aus Erz\u00e4hlweisen. Die <em>Lokalhelden<\/em> zeichnet sich durch eine simultane Kompositionstechnik aus, welche die Anwendung von Montage forcierte und mittels Einbau der rheinischen Mythen sowie einer ungew\u00f6hnlichen Interpunktionsweise auf dem Rahmen f\u00e4llt. Fulminant ist zugleich die zeitliche Reduktion der Handlung auf einen Tag im \u201eLandeshauptdorf\u201c, die aus den parallel zueinander verhandelten Schicksalen verschiedener Figuren das Leben in der Achsenzeit reflektierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni hat die Fl\u00fcchtigkeit und die Volatilit\u00e4t des vielgestaltigen Rheinlands eingefangen und dem kontinuierlichen Kommen und Vergehen ein Schnippchen geschlagen. Alles fliesst, alles dreht sich unabl\u00e4ssig um sich selbst. Nichts l\u00e4uft auf etwas hinaus, es gibt keinen Endpunkt, kein Ziel, keine Letztbegr\u00fcndung, keine Grenze. Es sind die feinen Risse in der scheinbar sorglos-gem\u00fctlichen Welt zwischen dem 9. November 1989 und dem 11.09. 2001, die diese Prosa offenlegt. Weigonis hat ein feines Sensorium f\u00fcr soziale Wirklichkeiten, in dieser Prosa macht er gleichsam die inneren Landschaften sichtbar, sie leuchtet wie die Gaslaternen in dem <em>Veedel<\/em>, in der er lange Jahre gelebt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die festgefahrenen Lese- und Wahrnehmungsgewohnheiten der Leser aufzumischen, ist ein Anliegen von Weigoni. Aus rein formaler Sicht erreicht der 60-J\u00e4hrige das mit sprachspielerischer Leichtigkeit. Es findet sich eine stilistische Kargheit als das auffallendste k\u00fcnstlerische Mittel dieses Romans auch bereits in seinem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25222\">Vorg\u00e4nger<\/a> angelegt. Der stabilitas loci des Rheinlands wird in den <i>Lokalhelden<\/i> sowohl als identit\u00e4tssichernde Einbindung in beruhigend Vertrautes, als auch als Ausgeliefertsein an die Schrecken einer \u00fcberm\u00e4chtigen Tradition dargestellt, der das Individuum vergeblich zu entkommen sucht. Sp\u00e4testens seit Ludwig Thoma gibt es in der Literatur satirische Bissigkeit gegen\u00fcber dieser Zurichtung der jeweiligen Heimat zur touristischen Traumwelt, dieser wird ern\u00fcchternder Realismus durch Beschreibung der nicht-idyllischen und nicht-idealen Seiten der jeweiligen Region entgegengesetzt. Damit schleicht sich ein Bewusstsein von Inszenierung in den Begriff Heimat ein, ein Schuss Ironie. Man erlaubt sich Heimat im Modus gesellschaftskritisch auf sie blickender Uneigentlichkeit, was beim Blick auf die Sensationen des Gew\u00f6hnlichen dazu f\u00fchrt, von ihren Zumutungen in Anspruch genommen zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Edgar Reitz\u2019 Filmreihe hat sich die Tendenz als \u201ekritischer Regionalismus\u201c etabliert. Die <i>Lokalhelden<\/i> setzen \u2013 wenn man so will \u2013 die kritische Heimatliteratur fort wie Johannes Bobrowskis <i>Litauische Claviere<\/i>, Horst Bieneks <i>Gleiwitzer Tetralogie<\/i> oder Manfred Peter Heins <i>Fluchtf\u00e4hrte<\/i>, in denen die verlorene Heimat zugleich beschworen sowie als Ort der Ideologien dargestellt und daraufhin befragt wird, wie sich nationales Denken ausgebreitet hat. Mit gro\u00dfer K\u00f6nnerschaft skizziert Weigoni das Geschehen und gew\u00e4hrt Einblicke in Leben und Denken der Rheinl\u00e4nder. Formale Akrobatik trifft in diesem Roman auf Sprachspielereien und tiefgr\u00fcndige Metaphern. Es ist in perfekt arrangiertes Nebeneinander von knallhartem Realismus, Beschreibungen eines gest\u00f6rten Zusammenlebens und feinsinnigen inneren Monologen. Weigoni entwickelt Typen aus Bewegungsmustern, Marotten, Stereotypen und allem, was die K\u00f6rper sonst noch der Erf\u00fcllung gesellschaftlicher Rollenerwartungen unbewusst entgegensetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Rheinl\u00e4nder gilt es mit Selbstbewusstsein am Vorl\u00e4ufigen zu arbeiten. 1989 ist zu einem Datum geworden, das janusk\u00f6pfig nun das Vorher mit einem unruhigen Danach verschr\u00e4nkt. In einem Metanarrativ wirft Weigoni die Frage auf, in welchen erz\u00e4hlerischen Formen und Formaten sich rheinische Lebensl\u00e4ufe \u00fcberhaupt sinnf\u00e4llig binden lassen \u2013 ohne ihnen Unrecht oder Gewalt anzutun. Es ist eine die scharfsichtige Demaskierung des \u201eWeiter so Deutschland\u201c. Dieser Roman beschreibt die rheinische Seele und ihren Mikrokosmos. Eine Funktion, die der Darstellung von Emotionen dabei zukommt, besteht in der Organisation der verschiedenen Identit\u00e4tsangebote f\u00fcr diese Figuren. Es ist, als w\u00fcrden der Alkohol pl\u00f6tzlich nicht mehr wirken und man ist gezwungen, sich mit der Fassadenhaftigkeit der D\u00fcsseldorfer Altstadt zu befassen, wie schmutzig es hinter all dem sch\u00f6nen Schein ist. Die unerbittliche Diagnose lautet: auch die rheinische Bourgeoisie ist nicht heilbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Heimat-Erlebnis wird ausgel\u00f6st durch Signifikanten, die Vertrautheit implizieren. Der rheinische Dialekt ist einerseits die Sehnsucht nach dem Authentischem, nach dem Ereignis, und damit Ausdruck einer Tr\u00e4gheit des Individuums gegen\u00fcber den vereinheitlichenden Welt- und Erkl\u00e4rungsmodellen; andererseits aber sind sie wiederum nur Teil eines autoreferenziellen Spiels der Zeichen, eine weitere Drehung eines Kreislaufs der Simulation. Die Ego-Zweifel, die die Rheinl\u00e4nder plagen, sind gleichzeitig Leid und Vergn\u00fcgen, sie machen sie erst zu Menschen, zu solchen, die sich gerne Gedanken um sich selbst machen. Sie sind klug, liebevoll und liebenswert und stehen immer kurz davor zusammenzubrechen. Heimat ist in den <i>Lokalhelden<\/i> mehr als ein nur Gegebenes, Heimat ist in diesem Roman ein Konzept, das \u00fcber Gegebenes gelegt wird und dort Vorstellungen von Heimat dekonstruiert. Eine gro\u00dfe St\u00e4rke dieses Romanciers ist sein literarisches Fingerspitzengef\u00fchl f\u00fcr die Feinheiten, die nicht auserz\u00e4hlt werden oder sich erst sp\u00e4ter erschlie\u00dfen. Das Rheinland befindet sich in dieser Prosa in einem fortw\u00e4hrenden Schwebezustand. Mit diesem Roman hat Weigoni seine eigene Lebensgeschichte in die Topografie des Rheinlands eingeschrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zur historischen Abfolge der Stacheldrahteinkerbung in die Landschaft (incl. \u201eTodesstreifen\u201c), eine historische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25344\">Einf\u00fchrung<\/a>. Den Klappentext, den Phillip Boa f\u00fcr diesen Roman schrieb lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24425\">hier<\/a>. Einen Essay von Regine M\u00fcller lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">hier<\/a>.\u00a0Angelika Janz, eine Schwester im Geiste, \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/27\/zeitraum-und-raumzeit\/\">Begegnung<\/a> mit Weigoni und Werk. Eine Rezension von Jo Wei\u00df findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24394\">hier<\/a>. Beim <em>vordenker<\/em> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/09\/lebensabschnittsgefaehrten\/\">entdeckt<\/a> Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/26\/parallelfuehrung-der-liebesverhaeltnisse\/\">Fixpoetry<\/a> arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu <em>Jahrestage<\/em> von Uwe Johnson wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24922\">hier<\/a> gezogen. Die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26315\">hier<\/a> thematisiert. In der Neuen Rheinischen Zeitung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/13\/liebe-sinnlich-ideologisch\/\">w\u00fcrdigt<\/a> Karl Feldkamp wie A.J. Weigoni in seinem ersten Roman den Leser zu Hochgenuss verf\u00fchrt. Ein abschliessender Essay erkundet, wie A. J. Weigoni die Welt auf die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/11\/09\/jahrestag-des-mauerfalls\/\"><em>Verg\u00e4nglichkeitsprobe<\/em><\/a> stellte.<\/p>\n<div id=\"attachment_98379\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98379\" class=\"wp-image-98379 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Lokalhelden_Cover-e1645862905963.jpeg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98379\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Jo Lurk<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lokalhelden,<\/strong> Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2018 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesenswert auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\">Nachwort<\/a> von Peter Meilchen sowie eine\u00a0bundesdeutsche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34388\">Sondierung<\/a>von Enrik Lauer. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lektoratsgutachten<\/em><\/a> von Holger Benkel und ein Blick in das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31462\">Pre-Master<\/a> von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44781\">Hintergrundmaterial<\/a>. Ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet. Constanze Schmidt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34331\">Ethnographie<\/a> des Rheinlands. Ren\u00e9 Desor mit einer Au\u00dfensicht auf die untergegangene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30641\">Bonner<\/a> Republik. Jo Wei\u00df \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34337\">Nachschl\u00fcsselroman<\/a>. Margaretha Schnarhelt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34340\">kulturelle Polyphonie<\/a> des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088\">Heimatroman der tiefsinnigeren Art<\/a>. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder gute Roman ist ein Meta-Roman, der \u00fcber die Kunst der Fiktion reflektiert. Deshalb hat unsere Heimat, sobald man etwas intensiver \u00fcber sie nachdenkt, die Tendenz, sich in Fiktion aufzul\u00f6sen. 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