{"id":77824,"date":"2023-03-08T00:01:25","date_gmt":"2023-03-07T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77824"},"modified":"2022-02-25T13:09:33","modified_gmt":"2022-02-25T12:09:33","slug":"das-dornroeschen-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/08\/das-dornroeschen-2\/","title":{"rendered":"Das Dornr\u00f6schen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir leben im Zeitalter des Socialismus, der Frauenbewegung, des Verkehrs, des Individualismus. Gehen wir nicht dem Zeitalter der Jugend entgegen?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls leben wir in einer Zeit, wo man keine Zeitschrift aufschlagen kann, ohne da\u00df einem das Wort \u201eSchule\u201c in die Augen f\u00e4llt, in einer Zeit, wo die Worte Coeducation, Landerziehungsheim, Kind und Kunst durch die Luft schwirren. Die Jugend aber ist das Dornr\u00f6schen, das schl\u00e4ft und den Prinzen nicht ahnt, der naht, es zu befreien. Und da\u00df die Jugend erwache, da\u00df sie teilnehme an dem Kampfe, der um sie gef\u00fchrt wird, dazu will ja unsere Zeitschrift nach Kr\u00e4ften beitragen. Sie will der Jugend zeigen, welchen Wert und Ausdruck sie erhalten hat im Jugendleben der Gro\u00dfen: eines Schiller, eines Goethe, eines Nietzsche. Sie will ihr Wege weisen, das Gemeinschaftsgef\u00fchl, das Bewu\u00dftsein ihrer selbst in sich zu wecken, als derjenigen, die in einigen Lustren die Weltgeschichte weben und gestalten wird.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df dieses Ideal einer sich selbst als eines k\u00fcnftigen Kulturfaktors bewu\u00dften Jugend nicht von heute stammt, da\u00df es eine Anschauung ist, die schon die Gro\u00dfen der Literatur deutlich ausgesprochen haben, das beweist ein fl\u00fcchtiger Blick auf die Weltliteratur.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohl wenige Ideen gibt es, die unsere Zeit erf\u00fcllen und die nicht schon Shakespeare in seinen Dramen, vor allem in der Trag\u00f6die des modernen Menschen, in Hamlet, ber\u00fchrt h\u00e4tte. Da sagt Hamlet die Worte:<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<p>\u201eDie Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram,<br \/>Da\u00df ich zur Welt, sie einzurenken kam.\u201c<\/p>\r\n<\/div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hamlets Herz ist verbittert. Seinen Oheim sieht er als M\u00f6rder seine Mutter in Blutschande leben. Und welches Gef\u00fchl gibt ihm diese Erkenntnis? Wohl empfindet er Ekel vor der Welt, aber nicht in misanthropischem Eigenwillen kehrt er sich von ihr ab, sondern in ihm lebt das Gef\u00fchl einer Mission: er kam zur Welt, sie einzurenken. Auf wen k\u00f6nnten diese Worte wohl besser passen, als auf die heutige Jugend? Trotz aller Worte von Jugend, Lenz und Liebe liegt in jedem denkenden jungen Menschen der Keim zum Pessimismus. Doppelt stark ist dieser Keim in unserer Zeit. Denn wie kann ein junger Mensch, vor allem der Gro\u00dfst\u00e4dter, den tiefsten Problemen, dem socialen Elend gegen\u00fcberstehen, ohne, wenigstens zeitweise, vom Pessimismus \u00fcbermannt zu werden? Da gibt es denn keine Gegenbeweise, da mu\u00df und kann nur helfen das Bewu\u00dftsein: und mag die Welt noch so schlecht sein, so kamst du, sie zu erheben. Das ist nicht Hochmut, sondern nur Pflichtbewu\u00dftsein.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses hamletische Bewu\u00dftsein von der Schlechtigkeit der Welt und von der Berufung sie zu bessern, erf\u00fcllt auch Karl Moor. Doch wenn Hamlet \u00fcber die Schlechtigkeit der Welt nicht sich selbst vergi\u00dft, alle Rachegel\u00fcste niederzw\u00e4ngt, um selbst rein zu bleiben, so verliert Karl Moor in seinem anarchistischen Freiheitsrausch die Z\u00fcgel \u00fcber sich selbst. So mu\u00df er, der als Befreier auszog, sich selber unterliegen. Hamlet unterliegt der Welt und bleibt Sieger.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter hat Schiller noch einmal einen Repr\u00e4sentanten der Jugend geschaffen: Max Piccolomini; aber mag er auch sympathischer sein als Karl Moor, als Mensch steht er uns (uns Jungen) nicht so nahe; denn Karl Moors K\u00e4mpfe sind unsere K\u00e4mpfe, die ewige Auflehnung der Jugend, die K\u00e4mpfe mit Gesellschaft, Staat, Recht. Max Piccolomini steht in einem engeren ethischen Konflikt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Goethe! Erwarten wir bei Goethe Sympathie f\u00fcr die Jugend? Wir denken an den Tasso, wir glauben sein strenges Gesicht oder sein ganz feines sarkastisches L\u00e4cheln hinter der Maske des Antonio zu gewahren. Und doch \u2013 Tasso. Da ist wieder die Jugend, allerdings auf ganz anderem Grunde; nicht umsonst ist ein Dichter der Held. Am Hofe von\u00a0Ferrara sind Sitte und Anstand die strengeren Ma\u00dfst\u00e4be. Nicht die \u201eplumpe\u201c Sittlichkeit. Jetzt erkennen wir \u2013 Tasso ist die Jugend. Er h\u00fctet ein Ideal \u2013 das der Sch\u00f6nheit. Aber da er sein jugendliches Feuer nicht bez\u00e4hmen kann, da er tut, was kein Dichter tun d\u00fcrfte, da er die Schranken der Sitte in seiner Liebe zur Prinzessin durchbricht, sein eigenes Ideal verletzt, so mu\u00df er sich beugen vor dem Alter, dem Convention \u201eSitte\u201c geworden ist. Das ist die Ironie seiner letzten Worte:<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<p>\u201eSo klammert sich der Schiffer endlich noch<br \/>Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte,\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">da\u00df er sich jetzt am Felsen der Convention festklammert, er, der das Ideal der Sch\u00f6nheit gesch\u00e4ndet. Karl Moor scheitert, indem er seinem sittlichen, Tasso indem er seinem \u00e4sthetischen Ideal untreu wird.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der universellste Repr\u00e4sentant der Jugend ist Faust, sein ganzes Leben ist Jugend, denn nirgends ist er beschr\u00e4nkt, stets sieht er neue Ziele, die er verwirklichen mu\u00df; und jung ist ein Mensch, so lange er sein Ideal noch nicht v\u00f6llig in die Wirklichkeit umgesetzt hat. Das ist das sichere Zeichen des Alters: im Gegebenen das Vollkommene zu sehen. Daher mu\u00df Faust sterben, daher endet seine Jugend mit dem Augenblick, da er sich am Gegebenen freuen kann und nichts mehr \u00fcbrig sieht. W\u00fcrde er weiter leben, so w\u00fcrden wir in ihm einen Antonio finden. An Faust zeigt es sich deutlich warum diese Jugend-Helden es zu \u201enichts bringen\u201c d\u00fcrfen, warum sie im Augenblick der Erf\u00fcllung untergehen oder einen ewigen erfolglosen Kampf f\u00fcr die Ideale f\u00fchren m\u00fcssen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese erfolglosen K\u00e4mpfer f\u00fcr das Ideal hat besonders in zwei ergreifenden Typen Ibsen gezeichnet: in Dr. Stockmann im \u201eVolksfeind\u201c und noch stiller und ergreifender im Gregers Werle in der \u201eWildente\u201c. Gregers Werle pr\u00e4gt besonders sch\u00f6n jenes eigentlich Jugendliche aus, jenen Glauben an das Ideal und jene Aufopferung, die unersch\u00fctterlich bleibt auch wenn das Ideal ein v\u00f6llig unerf\u00fcllbares, ja ein ungl\u00fcckbringendes ist. (Denn Gl\u00fcck und Ideal sind oft Gegens\u00e4tze.) Denn am Schlu\u00df der Wildente, als Gregers die Folgen seines fanatischen Idealismus sieht, bleibt sein Entschlu\u00df dem Ideal zu dienen, doch fest. Sollte es jedoch unerf\u00fcllbar sein, so ist das Leben f\u00fcr ihn wertlos; dann ist seine Lebensaufgabe \u201eder Dreizehnte bei Tisch zu sein\u201c \u2013 zu sterben. Noch ein anderes tritt in der Wildente hervor. Wie viele Ibsensche St\u00fccke, wird auch dieses von Problemen bewegt \u2013 sie werden nicht gel\u00f6st. Diese Probleme sind eben nur der Untergrund, die Zeitatmosph\u00e4re, aus welcher der Charakter eines Gregers hervortritt, der durch sein eigenes Leben, den Willen, die Absicht seiner sittlichen Tat, die Kulturprobleme f\u00fcr sich l\u00f6st.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Jugend selbst hat Ibsen dargestellt in der Hilde Wangel des Baumeister \u201eSolness\u201c. Doch unser Interesse wendet sich dem Baumeister, nicht der Hilde Wangel zu, die nur das blasse Symbol der Jugend ist.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuletzt komme ich zu dem j\u00fcngsten Dichter der Jugend. Zugleich zu einem Dichter der heutigen Jugend, vor allen genannten: zu Karl Spitteler. Wie Shakespeare in Hamlet, wie Ibsen in seinen Dramen, stellt auch Spitteler Helden dar, die f\u00fcr das Ideal leiden. Noch ausgesprochener als bei Ibsen f\u00fcr ein universales Menschheitsideal. Eine neue Menschheit des Wahrheitsmutes sehnt Spitteler herbei. Vor allem seine beiden gro\u00dfen Sch\u00f6pfungen: die Epen, \u201ePrometheus und Epimetheus\u201c und der \u201eolympische Fr\u00fchling\u201c sind der Ausdruck seiner Ueberzeugung und hier, wie auch in seinem herrlichen Bekenntnis-Roman \u201eImago\u201c, den ich f\u00fcr das sch\u00f6nste Buch f\u00fcr einen jungen Menschen halte, stellt er die Stumpfheit und Feigheit der Durchschnittsmenschen bald tragisch, bald l\u00e4cherlich oder sarkastisch dar. Auch er geht vom Pessimismus aus, um sich zum Optimismus im Glauben an die sittliche Pers\u00f6nlichkeit zu erheben. (Prometheus, Herakles im olympischen Fr\u00fchling.) Macht ihn schon sein universales Menschheits-Ideal und seine Ueberwindung des Pessimismus zu einem Dichter f\u00fcr die Jugend und besonders f\u00fcr unsre Jugend, so vor allem sein herrliches Pathos, das er einer Sprachbeherrschung verdankt, die er wohl mit keinem Lebenden teilt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So steht die Erkenntnis, in der unsre Zeitschrift wirken will, schon fest begr\u00fcndet da in den Werken der Gr\u00f6\u00dften der Literatur.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98124\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Walter_Benjamin-e1645553136487.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" \/>KUNO erinnert an Walter Benjamin. Er ist ein undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir in diesem Jahr Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"linkDestination\":\"custom\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\">\u00a0<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Wir leben im Zeitalter des Socialismus, der Frauenbewegung, des Verkehrs, des Individualismus. Gehen wir nicht dem Zeitalter der Jugend entgegen? 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