{"id":77780,"date":"2023-01-09T00:01:55","date_gmt":"2023-01-08T23:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77780"},"modified":"2023-04-03T06:32:08","modified_gmt":"2023-04-03T04:32:08","slug":"der-beruehmteste-mann-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/09\/der-beruehmteste-mann-der-welt\/","title":{"rendered":"Der ber\u00fchmteste Mann der Welt"},"content":{"rendered":"<div class=\"poem\">\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>All der Unsinn, den Mister Chaplin<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\"><em>macht, kommt nicht aus dem vergeblichen <\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\"><em>Versuch, klug zu sein, sondern aus<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\"><em>den mi\u00dflingenden Versuchen, so zu sein<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\"><em>wie andere Leute auch.<\/em><\/span><\/p>\n<div align=\"right\"><span style=\"color: #999999;\">St. John Ervine<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\" align=\"right\"><\/div>\n<div align=\"right\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Parlamentarier ist der ber\u00fchmteste Mann der Welt und kein Politiker, weder Wilson noch Poincar\u00e9 \u2013 kein Erfinder ist es, kein Tenor, kein Flugzeugf\u00fchrer. Der ber\u00fchmteste Mensch ist zweifellos Herr Charlie Chaplin, \u00fcber den alle einmal gelacht haben: die Pariser und die Londoner, alle Amerikaner und die australischen Matrosen, die Besucher der chinesischen Kinos und neuerdings auch die Deutschen, der alte Kontinent und der neue \u2013 und da\u00df der Mars noch nicht \u00fcber ihn gelacht hat, liegt nur an der mangelhaften Verbindung zu diesem kinolosen M\u00f6bel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mister Chaplin ist so:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gegend betritt ein kleinerer Mann mit einem kleinen schwarzen H\u00fctchen, einem St\u00f6ckchen, einem Schnurrb\u00e4rtchen. Er geht, wie noch nie ein Mensch auf dieser Welt gegangen ist: er watschelt rasch und eilfertig auf zwei F\u00fc\u00dfen, deren Spitzen ganz nach ausw\u00e4rts gedreht sind. Er hat schwarze, fast traurige Augen, und er sieht bek\u00fcmmert in die Welt, weil es nun doch gleich einen Kummer geben wird. Richtig, da ist er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kummer ist ein dicker Mann, ein roher Bursche von ungeheurem Format, mit dem Herr Chaplin sofort aneinanderger\u00e4t. Weshalb, ist nicht ganz klar. Diese Filme sind \u00fcberhaupt nicht ganz klar. Aber es kommt ja nicht auf ihre Handlungslosigkeit an und auf das Gewirr von Pr\u00fcgeln, Feuerwehrschl\u00e4uchen, jungen M\u00e4dchen, auslaufenden Milchflaschen und herunterfallenden Gipsb\u00fcsten. Es kommt auf ihn an, auf Mister Chaplin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus den acht oder zehn Films, die bis jetzt nach Deutschland gekommen sind, bleibt eine F\u00fclle von Einzelheiten haften, deren jede vollendet gespielt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mister Chaplin l\u00e4dt dreizehn St\u00fchle auf seinen R\u00fccken, sieht aus wie ein Morgensternsches Stuhlschwein und starrt vor lauter Stuhlbeinstacheln: Mister Chaplin ist aus dem Gef\u00e4ngnis entflohen, wo die amerikanischen Str\u00e4flinge bekanntlich gestreifte Kleidung zu tragen haben, und erwacht morgens im Bett: verwundert und deprimiert gleiten seine schwarzen, klugen Augen \u00fcber den gestreiften Pyjama und \u00fcber die Gitterst\u00e4be seines Bettes \u2013 also doch? Wieder Gef\u00e4ngnis? \u2013 Nein, der Diener bringt den Kaffee. Und wie Herr Chaplin dann sofort aus dem geduckten Fl\u00fcchtling ein feiner Herr wird, mit einer Zuckung der Schulter, einem ganz unmerklichen Zusammenrei\u00dfen in den Augen: das ist schlechthin meisterhaft. Herr Chaplin mu\u00df hungrig zusehen, wie ein dicker Mann von vierundzwanzig Tellern sein Fr\u00fchst\u00fcck i\u00dft; dann soll er die leeren Teller abr\u00e4umen. Ein Blick, zwei L\u00f6ffel, und Herr Chaplin beginnt mit sieghafter Geste auf den Tellern Xylophon zu spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All diese Einf\u00e4lle dauern nur einen Augenblick, das geht alles ganz rasch vor\u00fcber, wird mit den sparsamsten Mitteln exekutiert. Er hat sich hinter einem umgest\u00fcrzten K\u00fcchentisch verbarrikadiert und bewirft seine Partner mit gebratenen Kartoffelkl\u00f6\u00dfen: blitzschnell taucht die Assoziation \u201eSch\u00fctzengraben\u201c in ihm auf: er ergreift zwei leere Weinflaschen, steckt den Kopf \u00fcber den Tisch und be\u00e4ugt unendlich strategisch den Feind durch dieses neue Scherenfernrohr \u2013 und blitzschnell taucht er wieder unter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hat eine Komik des Nichttuns entwickelt, die ganz ungeheuerlich ist. Der Mann, der sich nicht traut, durch eine T\u00fcr zu gehen, dreimal ansetzt und viermal umkehrt, ist noch niemals so gespielt worden wie von ihm. Er sitzt in der Heilsarmee und mu\u00df \u00fcber irgend etwas lachen, das neben ihm vorgeht \u2013 der strafende Blick des Predigers f\u00e4llt auf ihn \u2013 Gro\u00dfaufnahme: man sieht ihn fr\u00f6hlich grinsen, und dann ist das Lachen wie mit einer Zange abgekniffen. Unruhig ruckelt ein ger\u00fcffelter Schuljunge auf seinem Platz, und ganze V\u00f6lkerschaften liegen unter dem Tisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Womit er das alles erreicht, ist v\u00f6llig unbegreiflich. Manchmal nur mit einer kleinen Bewegung \u2013 er kann mit den Schultern weinen. Einmal wird einer massiert \u2013 Chaplin sieht den riesigen Bademeister und sein beklatschtes und maltr\u00e4tiertes Opfer. Er wird der N\u00e4chste sein \u2026 Und in den unergr\u00fcndlichen Augen liegt eine solche Angst, eine solche tiefe und fast tierische Furcht und dazu eine Gran Ironie, da\u00df es so etwas gibt \u2026 Und er bewegt sich nicht, und man h\u00f6rt ihn jeden Gedanken denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist so g\u00fctig und so freundlich zu aller Welt! Neben ihm steht ein kleiner Spielhund aus Tuch, ein Spielzeug, wie es die Kinder haben. Eine Flasche l\u00e4uft aus und bekleckert ihm die Hosen. Ingrimmig und chokiert sieht er den Hund an. Dann stellt es sich heraus, da\u00df es doch die Flasche war. Und leise streichelnd, mit einer unendlich zarten Bewegung bittet er das H\u00fcndchen um Verzeihung \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch mu\u00df eine unerh\u00f6rte Beobachtungsgabe haben, ein stehlendes Auge. Er kann die Bewegungen aller Handwerke nachmachen. Einmal frisiert er den Kopf eines B\u00e4renbettvorlegers: mit welch femininer Grazie und mit welch gelangweilter Selbstverst\u00e4ndlichkeit er Kamm und B\u00fcrste handhabt und nach dem Schamponieren leicht und elegant und oberfl\u00e4chlich den<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"> <\/sup>nassen Kopf abtrocknet! Das zeigt die nat\u00fcrliche Komik dieses gro\u00dfen K\u00fcnstlers. Wenn unsere Mimen auf der B\u00fchne einen Handwerker nachmachen, dann sieht man, da\u00df sie ihn niemals beobachtet haben: so klopft kein Schuster, so schreibt kein Schreiber, so bewegt sich kein Kutscher. Chaplin kennt sie alle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er bekommt es fertig, nur durch seine Erscheinung andere Leute l\u00e4cherlich zu machen. Er braucht nur aufzutreten, mit dem kleinen H\u00fctchen, mit dem kleinen St\u00f6ckchen, mit dem kleinen Schnurrb\u00e4rtchen, watscheln auf seinen unm\u00f6glichen Beinen \u2013 und alles drum herum hat pl\u00f6tzlich unrecht, und er hat recht, und die ganze Welt ist l\u00e4cherlich geworden. Es gibt ein Bild von ihm aus dem Kriege, auf dem der Zeichner den deutschen Kaiser abgebildet hat und seine Gener\u00e4le \u2013 mit starrenden Schnurrb\u00e4rten und furchteinfl\u00f6\u00dfenden Helmen. Ihre Augen kullern ihnen fast aus dem Kopf, sie sehen alle auf eine Sache. Denn vor ihnen latscht Chaplin durch den Saal, sich leise einen pfeifend und unbeschreiblich frech sein St\u00f6ckchen schwingend. Und der ganze Militarismus ist hinten heruntergefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAll der Unsinn, den Mister Chaplin macht, kommt aus den mi\u00dflingenden Versuchen, so zu sein, wie andere Leute auch.\u201c Er hat einmal gesehen, wie der Mixer mixt und wie er in dem Affentanz von Eisst\u00fcckchen, Cherrycoblern, Silberbechern und Herumhantieren an jedem Ei kurz riecht, bevor er es in den Topf schl\u00e4gt \u2026 Aha, das macht man so. Und wenn er, Chaplin, mixt, riecht er auch an dem Ei. Aber bevor er es aufschl\u00e4gt. Das kommt in der Fixigkeit nicht so genau darauf an \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sagt, da\u00df er alle seine Filme probeweise Kindern vorspiele. Wenn das nicht wahr ist, ist es brillant erfunden. Denn diese Filme mit der nachdenklichen Komik, mit der lustigen Tragik wenden sich an das Kind im Menschen, an das, was wohl bei allen V\u00f6lkern gleich geblieben ist: an die unverw\u00fcstliche Jugendkraft. Er stellt das primitivste dar, aber das genial. Und er zeigt, wie l\u00e4cherlich es ist, ein erwachsener Mensch zu sein, der sich ernst nimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er einmal von Europa zur\u00fcck nach Los Angeles fuhr, begr\u00fc\u00dften ihn auf einer kleinen amerikanischen Station zweihundert kleine Jungen, alle als Mister Chaplin verkleidet: mit dem kleinen H\u00fctchen, mit dem kleinen B\u00e4rtchen und mit dem kleinen St\u00f6ckchen. So watschelten sie auf ihn zu \u2026 Und weil er sehr kinderlieb ist, hat er ihnen allen Guten Tag gesagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist, wie alle gro\u00dfen Komiker, ein Philosoph. Vers\u00e4umen Sie nicht, ihn sich anzusehen. Sie lachen sich kaputt und werden ihm f\u00fcr dieses Lachen dankbar sein, solange Sie leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da geht er hin und ruckt nach all dem Kummer an einem kleinen Hut und watschelt ab und sagt mit den Beinen: \u201eAuf Wiedersehn \u2013!\u201c<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst erschienen im Prager Tagblatt, Nr. 169. <span id=\"ws-year\">22. Juli 1922<\/span><\/p>\n<div>\n<div id=\"attachment_15606\" style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15606\" class=\"size-medium wp-image-15606\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282-176x300.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15606\" class=\"wp-caption-text\">Kurt Tucholsky in Paris (1928)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>All der Unsinn, den Mister Chaplin macht, kommt nicht aus dem vergeblichen Versuch, klug zu sein, sondern aus den mi\u00dflingenden Versuchen, so zu sein wie andere Leute auch. 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