{"id":7777,"date":"2012-09-11T00:01:25","date_gmt":"2012-09-10T22:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7777"},"modified":"2022-02-26T08:11:12","modified_gmt":"2022-02-26T07:11:12","slug":"buchner-1213-die-georg-buchner-gedenkjahre-20122013","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/11\/buchner-1213-die-georg-buchner-gedenkjahre-20122013\/","title":{"rendered":"B\u00fcchner 2012\/13"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem gegenw\u00e4rtigen Jahr 2012 und dem kommenden 2013 feiert der Kulturbetrieb den Dichter, Revolution\u00e4r und Wissenschaftler Georg B\u00fcchner, dessen Todestag sich am 19. Februar zum 175. Mal gej\u00e4hrt hat, w\u00e4hrend im n\u00e4chsten Jahr am 17. Oktober sein 200. Geburtstag ansteht. Sowohl auf der B\u00fchne als auch im Deutschunterricht an den Gymnasien ist B\u00fcchner durchgehend pr\u00e4sent. Wer allerdings in den Buchhandlungen nach einem B\u00fcchertisch nach aktuellen Biografien bei den Publikumsverlagen Ausschau h\u00e4lt, sucht bislang vergeblich.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das k\u00f6nnte einen Grund haben. Auf dem Schlachtfeld <a href=\"http:\/\/www.georg-buechner-online.de\/pressech.htm\">B\u00fcchner-Forschung<\/a>\u00a0und\u00a0herrscht mittlerweile zwar <a href=\"http:\/\/www.georg-buechner-online.de\/seiten01.htm\">Waffenstillstand<\/a>, aber das Gel\u00e4nde ist sozusagen ein Tr\u00fcmmerfeld, die wissenschaftliche Wahrheit ist auf der Strecke geblieben. Die beiden gro\u00dfen Kontrahenten, identisch mit den Herausgebern der konkurrierenden Gesamtausgaben des Deutschen Klassiker Verlages bzw. der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Henri Poschmann und Burghard Dedner und deren Kollegen haben ihr editorisches und interpretatorisches Pulver verschossen. An den Universit\u00e4ten wird seitens der nachfolgenden Professorengeneration \u00a0\u2013 mehr oder weniger dogmatisch \u2013 der Status quo abgepr\u00fcft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Statt Werk \u00a0und Leben Georg B\u00fcchners kritisch zu hinterfragen und lebendig werden zu lassen, werden allenthalben die \u00a0historischen politisch-sozialen Daten und Zusammenh\u00e4nge bis zum letzten statistischen Tropfen ausgequetscht. Wer soll daraus eine Biografie zustande bringen? Freilich: dass der Deutschdidaktik hier nichts Neues einf\u00e4llt, braucht nicht zu verwundern. Aber die B\u00fchnen? Indes, man sucht in der falschen Richtung. Man liest B\u00fcchner durch die Brille des \u201eSozialisten\u201c bzw. Sozialrevolution\u00e4rs, die bereits die Familie B\u00fcchner dem (sp\u00e4rlichen) zeitgen\u00f6ssischen Publikum aufgesetzt hatte. Aus gutem Grund.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Womit Georg B\u00fcchners literarisches \u00a0Werk schockierte, war nicht sein politischer Radikalismus. Er war zu unanst\u00e4ndig. Die Frage: warum? wird immer noch nicht wirklich gestellt. Hier wird es n\u00e4mlich brisant. Sexueller Missbrauch, Inzest usw. waren zwar in der Literatur zur B\u00fcchners Zeit keineswegs ein tabuisiertes Thema, aber dieser obsz\u00f6ne Zynismus in Verbindung mit einer schier unfassbaren Aggressivit\u00e4t waren zeitgen\u00f6ssisch so einmalig, dass sie die Moderne auf der B\u00fchne einl\u00e4uteten und f\u00fcr uns immer noch Vorbild sind. So stellt sich B\u00fcchner, trotz Jubil\u00e4um (1813 wurde der \u201eWoyzeck\u201c uraufgef\u00fchrt) und breiter Verankerung im Kulturbetrieb, als sowohl unterkomplex interpretiert wie auch durch und durch dunkel und komplex-geheimnisvoll dar \u2013 eine stabile Gemengelage, die noch durch die Tatsache gest\u00fctzt wird, dass man die Handschriftenentw\u00fcrfe des Woyzeck-Fragments im Hinblick auf den jeweils eigenen Deutungsansatz zurechttrimmt.<\/p>\r\n<p>Der Verfasser kann sich nicht mehr wehren. Auf der Basis dieser Forschungslage entstehen aber auch keine interessanten Biografien. Um zu erz\u00e4hlen, dass Georg B\u00fcchner mit dem Hessischen Landboten weniger eine Revolution lostreten wollte (dazu war er zu sehr Realist) als vielmehr die \u201efreiwillige Verbannung\u201c an den Ort provozieren wollte, an dem seine Geliebte wohnte und er sich wohlf\u00fchlte, n\u00e4mlich Stra\u00dfburg, m\u00fcsste man gegen den Strom schwimmen und br\u00e4uchte man au\u00dfer dem Material der (durch die Familie bzw. den Vater zensierten) Briefe B\u00fcchners, die das mit unmissverst\u00e4ndlicher Offenheit darlegen, auch weitere Quellen, die nur sehr sp\u00e4rlich flie\u00dfen, nicht nur, weil niemand danach sucht. Manche sind in der Tat im Internet problemlos zug\u00e4nglich, wie beispielsweise die Erinnerungen Alexander B\u00fcchners, des J\u00fcngsten der \u00a0B\u00fcchner-Kinder. Vieles aber ist vernichtet, bei einem Feuer \u00a0im Hause B\u00fcchner verbrannt. Die Vermutung, dass dieses Feuer damals nicht unbedingt ungelegen kam, darf riskiert werden.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Georg B\u00fcchner. Dichter, Sp\u00f6tter, R\u00e4tselsteller<\/strong>. Entschl\u00fcsselungen, von Christian Milz, Passagen Verlag, Wien 2012.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Cover.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-7820\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Cover-205x300.png\" alt=\"\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Cover-205x300.png 205w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Cover.png 247w\" sizes=\"auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gattung des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Essays<\/a> h\u00e4lt das freie Denken aufrecht, ohne, da\u00df der literarische Anspruch verlorengeht<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mit dem gegenw\u00e4rtigen Jahr 2012 und dem kommenden 2013 feiert der Kulturbetrieb den Dichter, Revolution\u00e4r und Wissenschaftler Georg B\u00fcchner, dessen Todestag sich am 19. 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