{"id":77708,"date":"2023-08-20T00:01:31","date_gmt":"2023-08-19T22:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77708"},"modified":"2022-02-25T19:02:31","modified_gmt":"2022-02-25T18:02:31","slug":"die-vertreibung-aus-dem-paradiese","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/20\/die-vertreibung-aus-dem-paradiese\/","title":{"rendered":"Die Vertreibung aus dem Paradiese"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist eine Welt, die zwischen Morgen- und Abendblatt lebt und sich von dem D\u00e4mmerschein des neuen Jahrhunderts nicht bange machen l\u00e4sst. Irgendwo ist ihr pl\u00f6tzlich der Begriff f\u00fcr Dimensionen abhanden gekommen und sie beeilt sich darum, jeder Winzigkeit eine historische Geberde zu verleihen. Scheinbar ist es nur eine stolze Epoche der Z\u00fcndh\u00f6lzchen-Automaten,\u00a0die sie sich bereitet hat, aber, wie das schon so mit den technischen Fortschritten zu gehen pflegt, zugleich auch eine Epoche des automatisch erzeugten Ruhmes und der sich selbst enth\u00fcllenden Monumente. Dass in einer Zeit, die aller Tradition entsagt hat und die man versteht, wenn man in ihrem Schlagw\u00f6rterverzeichnis ein wenig bl\u00e4ttert, Cultur kaum in sorgsam geh\u00fcteten Treibh\u00e4usern zu gedeihen vermag \u2014 wen soll es bek\u00fcmmern? In \u00d6sterreich hat die Verkehrtheit der menschlichen Dinge Couleurstudenten zu F\u00fchrern einer Nation gemacht. Wird von dem Verzweiflungskampfe der Deutschen, der sich an einer Pilsener Stra\u00dfentafel austobte und nachher im Parlamente nur noch unarticulierte Laute fand, ein nennenswertes Literaturdocument k\u00fcnftigen Generationen erz\u00e4hlen? Verm\u00f6chte ein Nationalismus, der in der Zerst\u00f6rung der anderssprachigen Schule eine Errungenschaft sieht, das Geistesleben der Volkheit sonderlich zu vertiefen? Und wird sich die Erinnerung an ein Heroenzeitalter von Versammlungssprengern nicht am Ende blo\u00df zu epischen Gassenhauern verdichten lassen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein Zug von aufreizender Bizarrerie, wenn die Rasse, die im politischen Kleinkampf Dichter zu zeugen verabs\u00e4umt und ihren Boden zur Unfruchtbarkeit verdammt hat, weil sie seine Grenzen vertheidigen muss, tagt\u00e4glich aus jenen Kreisen, die auch dem edelsten nationalen Streben theilnahmslos gegen\u00fcberstehen, geistigen Zuschuss erh\u00e4lt. Nicht etwa, als ob unseren Kunstw\u00e4rtern das sociale Gewissen \u00fcber v\u00f6lkisches Bewusstsein gienge, als ob sie von der H\u00f6he modernen Denkens jedweder nationalen Beth\u00e4tigung den Respect versagten. Nicht doch \u2014 was diese Industrieritter vom Geiste zur Herrschaft gelangen lie\u00df, ist einfach die gr\u00f6\u00dfere Behendigkeit und die rasche Occupation des Marktes, dessen gangbare Werte ein politisch besch\u00e4ftigtes Volk nie recht gekannt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie das Recept, nach dem die literarische Nahrung der Massen verf\u00e4lscht wird, Geheimnis einiger weniger\u00a0Unternehmer ist, mag im Folgenden gezeigt werden. Ich will es versuchen, ein Bild jenes Marktes und seiner lautesten Schreier zu zeichnen, ein Gruppenbild, das erst auf dem Hintergrund der Wiener Gesellschaft und der Wiener Presse die richtigen Contouren gewinnt. Man wird schlie\u00dflich finden, es sei ein Familienidyll der Corruption, so recht traulich und in abendliche Stimmungen getaucht. &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In anderen Centren sind die Beziehungen loser und schwerer aufzudecken; die Hand hat einen weiten Weg, um die andere zu waschen, einen weiteren, um in die Taschen des Publicums zu gelangen. Aber hier in Wien, wo jeder von jedem wei\u00df, mit wem er bereits verfeindet ist oder wen er noch betr\u00fcgt, ist es helllichter Tag, wenn die Gesch\u00e4fte abgemacht werden. Eine Presse, die au\u00dferhalb jeglichen politischen Einflusses gestellt ist und die im Drange der Verh\u00e4ltnisse sich gen\u00f6thigt sah, ihren Freisinn zum Freikartensinn umzugestalten, versorgt in eigener Regie den Theatermarkt und wacht mit Argusaugen, dass kein Berufener eindringe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast alle B\u00fchnen sind ihr tributpflichtig, fast alle haben ihr t\u00e4gliches Quantum an Gratisbilletten abzuliefern und jene St\u00fccke aufzuf\u00fchren, die sie selbst verfasst oder zumindest vidiert und protegiert hat. Dieselben Leute, die gestern noch als freie Recensenten auf freien Pl\u00e4tzen sa\u00dfen, tauchen heute als dankbare Autoren vor dem Vorhang auf und werden morgen von den Redactionscollegen \u00fcberaus schmeichelhaft besprochen sein. Kritische Machthaber, welche aus der von ihrer Gunst und Gnade abh\u00e4ngigen Theaterkanzlei Tanti\u00e8men beziehen \u2014 ich bin zu wenig Staatsanwalt, um sogleich den richtigen Ausdruck f\u00fcr solche \u00dcbung zu finden. Da steht diese Bande in den Zwischenacten der Premi\u00e8re auf einem Fleck beisammen, h\u00e4lt die Passage des Mittelganges versperrt und t\u00e4uschelt Ansichten \u00fcber die Frage aus, wie viel \u00bbH\u00e4user\u00ab\u00a0das St\u00fcck voraussichtlich \u00bbmachen\u00ab\u00a0werde. W\u00e4hrend das\u00a0\u00fcbliche Meinungscartell f\u00fcr die Morgenbl\u00e4tter zustandegebracht wird, sprengen literarische Galopins auf und ab, den L\u00f6wy zu suchen und in hohem Auftrag auch die anderen Correspondenten der Berliner Bl\u00e4tter zu bearbeiten; ein strebsamer J\u00fcngling schie\u00dft hin und her, um Stimmung zu machen, und die Hy\u00e4nen vom Schlachtfelde des Durchfalls schleichen von Reihe zu Reihe und beschn\u00fcffeln jeden, bei dem sie ein selbst\u00e4ndiges Urtheil vermuthen. Da qu\u00e4lt sich ein Librettist zum Beifall, dem der Concurrentenneid aus dem Auge leuchtet, und ein Componist, von Tanti\u00e8mengier gesch\u00fcttelt, kann seinen \u00c4rger kaum unterdr\u00fccken, dass der andere ihm eine Arie vorweggestohlen hat. &#8230; Und diese saubere Gesellschaft treibt ihr Gewerbe unter den Augen eines Publicums, welches das journalistische Ergebnis der erb\u00e4rmlichsten theatralischen Schacherpolitik immerzu als Orakel aufnimmt. Aus unmittelbarer Anschauung k\u00f6nnte es jedesmal klar und deutlich erkennen, wie die Sache gemacht wird, und mit raschem Entschlusse, wenn es sich im Zwischenact organisierte, den Bund der Autorit\u00e4ten auseinanderjagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seitdem die bodenw\u00fcchsige Vorstadtposse verblichen ist, m\u00fcssen wir das Wiener Theater einem regelrechten Speculantenthum preisgegeben sehen. Journalistische Schmarotzer, die eben erst aus dem Kehricht der \u00f6ffentlichen Meinung emporgetaucht sind, Operettenwucherer und Coulissiers, die, wenn schon nicht dem Gerichtssaal, so doch der Gerichtssaalrubrik entsprungen sind, tummeln sich auf der Scene, die einst Nestroy und einem herrlich verwienerten Offenbach geh\u00f6rt hat. Vollends in den letzten Jahren, die den Wirkungskreis des Wiener Liberalismus auf ein Premi\u00e8renparket beschr\u00e4nkten, hat das literarische Manchesterthum eine Entwicklung genommen, die geradenwegs einer Katastrophe zutreiben muss. Nie ist der Einfluss der Tagespresse schamloser in bares Geld umgem\u00fcnzt, nie der Theatertheil der Journale offenkundiger \u00a0zum Vortheil derer, welche ihn redigieren, ben\u00fctzt worden, nie hat Selbstlob in \u00e4hnlich verbrecherischer Weise der Beutegier allm\u00e4chtiger Impotenzen Vorschub geleistet. Gelang es, durch zwei Jahrzehnte jede k\u00fcnstlerische Regung im Tanti\u00e8menreiche niederzuhalten, dem auf sich selbst gestellten Schaffen den Weg zur B\u00fchne mit allen Chicanen zu verrammeln, so hatten doch Beeinflussung botm\u00e4\u00dfiger Directoren und Feindseligkeit gegen Talente, die den Canossagang zu Redactionsdienern verschm\u00e4hten, ehedem eine gewisse, ich m\u00f6chte sagen: Anstandsgrenze. Heute sind die Kaffeehaustische markiert, an denen vorbei der Weg zu B\u00fchnenerfolgen f\u00fchrt, und \u00bbreine K\u00fcnstler\u00ab\u00a0m\u00fcssen sich gl\u00fccklich preisen, wenn sie, nach dornenvollem Streben von Tisch zu Tisch, in der Runde der laut mit Theaterwerten feilschenden Zwischenh\u00e4ndler sesshaft geworden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026 Weit dehnt sich das Gehirnweichbild des Wiener Literatenthums, t\u00e4glich erfolgt neuer Zuzug von Talenten, die der Entdeckung harren, und die Billardspieler f\u00fchlen sich bereits geniert. Die Jugend fordert ihre Rechte, die ungest\u00fcme Jugend, die alle Entwicklung von der Er\u00f6ffnung des Caf\u00e9 Glattauer datiert und in ketzerischem \u00dcbermuthe vergessen m\u00f6chte, dass es einst auch eine Epoche Griensteidl gegeben hat. Aber unter allen Abtheilungen, die in der heutigen Ordnung dem k\u00fcnstlerisch besch\u00f6nigten M\u00fc\u00dfiggang zugewiesen sind, hat die dramatische ihren alten Zauber bewahrt, und neugierig und verlangend steht mancher Anf\u00e4nger vor der Schwelle ihrer Mysterien. Jawohl \u2014 mag die umliegende Welt in Tr\u00fcmmer gehen, in diesem Tanti\u00e8menkotter wird noch immer mit dem gleichen Ernst \u00fcber den Cassenausweis einer 25. Auff\u00fchrung gesprochen und, wenn das Gesch\u00e4ftliche erledigt ist, noch immer mit der gleichen Heiterkeit jeder Kaffeeschluck aufgenommen, den der als Witztyrann gef\u00fcrchtete Tischpr\u00e4sident gethan hat. Ein Absolutismus des Lachens, der heisere Unterthanen straft, aber Gnaden vertheilt,\u00a0wo eine t\u00fcchtige Kehle in allen Stimmlagen Beweise unverbr\u00fcchlicher Loyalit\u00e4t gegeben hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie hei\u00dft doch der Herr, von dessen Gesicht zuvorkommende Tischgenossen es im Nu ablesen k\u00f6nnen, wenn ihm gerade nichts einfallen will, und der dann, jedesmal \u00e4ngstlich pr\u00fcfend, im Kreise der Getreuen nur strahlende Gesichter erblickt? Wie hei\u00dft der Herr, der von seinem Kaffeehausst\u00fchlchen die Wiener Theaterwelt beherrscht, die gesammte Journalistik seinen W\u00fcnschen f\u00fcgsam zu machen wei\u00df und ihren Heerbann, der dem Wink seines Hasses folgt, gegen jene aufr\u00fchrerischen Elemente entsendet, welche sich unter dem Erbtheil Heinrich Heines etwas anderes als \u00f6des Kalauern, gepaart mit d\u00fcrftiger Versroutine, vorzustellen wagen? Nein \u2014 es gibt gewiss nichts, das die kl\u00e4gliche Kleinheit dieses geistigen Wien besser bezeichnen k\u00f6nnte, als die Thatsache, dass der Mann, dem die Collegenschaft tagt\u00e4glich Lobeshymnen singt, die einem dramatischen S\u00e4kularmenschen gegen\u00fcber als aufdringliche Reclame wirken m\u00fcssten \u2014 Julius Bauer hei\u00dft. Dieses ans Groteske streifende Missverh\u00e4ltnis zwischen der \u00e4u\u00dferen Macht und der wesentlichen Unbetr\u00e4chtlichkeit eines Journalisten ist es, was die endliche Abwehr herausfordert, und der kleine B\u00e4nkeldichter erscheint ernsthafterer Betrachtung wert, wenn er zum Mentor der literarischen Jugend ausgerufen wird, wenn vor ihm die Mimen in Devotion ersterben und seines Geistes Werke, m\u00f6gen sie auch noch so geringe Zugkraft \u00fcben, keine Direction vom Repertoire abzusetzen wagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Theaterleute schmachten unter dem Drucke dieses Recensenten, dessen unbedenkliche Art, einem Buchstabenwitz zuliebe einen Erfolg zu schm\u00e4lern, sie kennen. Die B\u00f6rsengesellschaft, die doch in ihren Reihen manch urspr\u00fcnglicheren Humoristen aufweist, sch\u00e4tzt ihn, weil er eine ihr minder gel\u00e4ufige Nuance, den Commis voyageur-Witz repr\u00e4sentiert. Die Zeitungsleute, die gerade in dieser Species wiederum eine verwandte\u00a0Saite anklingen h\u00f6ren, feiern ihn als den Nachfolger Heinrich Heines, wenn sie es nicht vorziehen, Aristophanes mit ihm in entehrende Beziehungen zu bringen. Nun, es wird hier noch \u00f6fter Gelegenheit sein, an dem R\u00fccken dieser Sippschaft ihre Ma\u00dfst\u00e4be zu zerbrechen; f\u00fcr heute mag sie sich in ihrem \u2014 wenn ich nicht irre \u2014 nach Raab zust\u00e4ndigen, m\u00fchsam zu Budapester Cultur erzogenen Abgott getroffen f\u00fchlen. Auch ist es mir zun\u00e4chst um die armen Schauspieler und versch\u00fcchterten Literaturneulinge zu thun, welche sich im H\u00f6rigkeitsverh\u00e4ltnis zu Herrn Julius Bauer viel weniger wohl zu f\u00fchlen scheinen, als die Collegenschaft, die erst \u00dcberlegenheit des K\u00f6nnens und der Bildung als Druck empfinden w\u00fcrde. Aber Herr Julius Bauer, der unverdrossene Buchstabenverwechsler, der den Franz-Josefs-Quai lachen macht, wenn er statt \u00bbMusentempel\u00ab\u00a0\u00bbBusentempel\u00ab, wohlgemerkt: B statt M, und statt \u00bbIm Wein liegt Wahrheit\u00ab\u00a0\u00bbIm Bein liegt Wahrheit\u00ab, wohlgemerkt: B statt W sagt, der Routinier einer seit Heine sattsam strapazierten und l\u00e4ngst ausgeleierten Versform, \u00fcbersteigt wahrhaftig das Niveau der Genossen nicht. Gewiss gibt es auch unter den Journalangeh\u00f6rigen Wiens ungleich bessere und gebildetere Stilisten, die nur aus Indolenz oder missverstandener Collegialit\u00e4t sich gegen den widerlichen Cultus eines kleinen Theaterplauderers nicht auflehnen. Unerfindlich bleibt, wie z. B. Hugo Wittmann, der doch \u2014 man mag gegen den ausgedienten Feuilletonisten der Bourgeoisie alles m\u00f6gliche einwenden \u2014 an Kenntnissen und erzogenem Geschmack den Journalistendurchschnitt weit \u00fcberragt, sich mit Herrn Bauer zum Operettenbunde verm\u00e4hlen konnte. Unerfindlich, wie Herr Speidel nach Schluss einer Burgtheaterpremi\u00e8re sich von dem schon inspirationsbed\u00fcrftig in der Garderobe wartenden Bauer auch nur in den Winterrock helfen lassen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literarisch gemessen, ist Herr Bauer ein Nachtischhumorist, den man eventuell auch gr\u00f6\u00dferen Vereinen\u00a0zuziehen k\u00f6nnte, aber mit dem Theater haben seine Sp\u00e4sschen nichts zu schaffen, und nur ein Premi\u00e8renparket, das auch seine Tafelfreuden mit Herrn Bauer theilt, k\u00f6nnte sie ertragen. Sein Witz entspringt nicht dem launigen Erfassen einer Situation und geh\u00f6rt somit nicht auf die Scene; sein Witz entspringt aber auch keinem Gef\u00fchl, keinem Zorn, keiner Meinung \u2014 somit geh\u00f6rt er nicht auf Druckpapier. Herr Bauer w\u00e4re nicht einmal f\u00e4hig, seine eigene Missgunst, mit der er j\u00fcngeren Gesellschaftswitzlingen begegnen soll, schriftstellerisch zu gestalten. Welcher Laune sollte auch ein Humor gehorchen, der im Wortklang sich befriedigt und dem kein ad\u00e4quater Ernst als Widerspiel entspricht? Zwischen den Wahrheiten, die dieser Satiriker lachend verk\u00fcndet, und den L\u00fcgen, die er bek\u00e4mpft, liegt zumeist nur ein Buchstabe, und wenn den der Setzer \u00fcbersieht \u2014 ist das Erbe Heinrich Heines licitando zu vergeben. War die Handschrift deutlich und ist der Setzer achtsam gewesen, wird man Herrn Bauer eine gewisse Fixigkeit, mit der er seine Banalit\u00e4ten schon fast mechanisch los wird, kaum bestreiten k\u00f6nnen; aber ebensowenig, dass der Vers \u2014 dieser notorische Hochstapler \u2014 zur Hebung des geringen Witzgehaltes wesentlich beitr\u00e4gt. Nicht drei gute Prosazeilen verm\u00f6chte Herr Bauer zu schreiben, die, losgel\u00f6st von Kalauern, an und f\u00fcr sich zu wirken h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man glaubt es anderw\u00e4rts nicht, dass ein Mensch, der, urtheilslos und ungebildet, an Literarisches mit einer durch Wortwitzsucht getr\u00fcbten Objectivit\u00e4t des Reporters herangeht, bei uns seit Jahren als Kritiker, als Burgtheaterkritiker, in Betracht kommt, dass wir einen Gelegenheitshumoristen die Werke Ibsens beurtheilen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie aber sollte man an der kritischen F\u00fchrerschaft einer Null Ansto\u00df nehmen, wo die Verseuchung der Vorstadtb\u00fchnen durch den n\u00e4mlichen Herrn Julius Bauer zu den Selbstverst\u00e4ndlichkeiten einer jeden Saison geh\u00f6rt? Wo ein aus dem Schlamm der schmierigsten Halbweltanschauung geschaffenes Zeug, wie dieses\u00a0\u00bbAdam und Eva\u00ab, wiewohl ihm bei der Premi\u00e8re der intensivste Durchfall, den eine Operette seit Jahren erlebt hat, beschieden war, dennoch Dank der beispiellosen Pression des Zeitungsconsortiums auf die Theaterkanzlei einen Winter hindurch den Spielplan \u00bbbeherrschen\u00ab\u00a0konnte. Was da von dem hurtigen Aufgebot aller Cliquenm\u00e4nner geleistet, wie da, vom Tage der Erstauff\u00fchrung an, die Meinung der Theaterbesucher in t\u00e4glich variierten, mit allem Raffinement wirksamer Abwechslung ersonnenen Reclamenotizen gef\u00e4lscht, wie da das st\u00f6rrische Publicum f\u00f6rmlich mit Peitschenhieben in das Theater getrieben wurde \u2014 das verdient als Denkmal von der Haltung des geistigen Wien am Ausgang dieses Jahrhunderts k\u00fcnftiger Culturberichterstattung \u00fcberliefert zu werden. Als nichts mehr verfangen wollte und das Arsenal der L\u00fcgen von ausverkauften H\u00e4usern, eigens nach Wien geeilten Directoren u.\u00a0s.\u00a0w. ersch\u00f6pft war, durfte, ohne dass der Staatsanwalt, dem die Theatersph\u00e4re gewiss mancherlei Anregung bieten m\u00fcsste, auch nur den Finger ger\u00fchrt h\u00e4tte, dreist erz\u00e4hlt werden, Erzherzog Franz Ferdinand habe bei einer Auff\u00fchrung von \u00bbAdam und Eva\u00ab\u00a0dem Regisseur sagen lassen, dass er sich ausgezeichnet unterhalte und den Dialog aus dem Textbuch noch einmal kennen zu lernen w\u00fcnsche. Die Leute, die kurz zuvor durch Herausgabe einer Jubil\u00e4umsschrift krampfhafte und dennoch mit keinem Orden belohnte Anbiederungsversuche an die h\u00f6chste Stelle gemacht hatten, glaubten jetzt ohne R\u00fccksicht auf den \u00a7\u00a064 (Beleidigung eines Mitglieds des Kaiserhauses) keck behaupten zu d\u00fcrfen, dass es den Geschmack des Thronfolgers nach den geistigen Sumpfniederungen eines Bauer\u2019schen Librettos ziehe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss sich nur die Ungeheuerlichkeiten alle ins Ged\u00e4chtnis rufen, die sp\u00e4ter als Offenbarung eines begnadeten und in seiner Laune unersch\u00f6pflichen Witzkopfes gepriesen wurden \u2014 von denselben Herren gepriesen wurden, die am Abend der Premi\u00e8re von dem unzweideutigen Misserfolg consterniert und kopfh\u00e4ngerisch\u00a0dagesessen waren, als ob sie Mitglieder jener anderen \u00bbConcordia\u00ab\u00a0w\u00e4ren, die wirklich Leichen bestattet, und nicht des Vereins, der dem todtgeborenen Erzeugnis eines Collegen zu k\u00fcnstlichem Scheinleben verhilft. Man erinnert sich noch der geschmacklosen Auswucherung biblischer Motive, die nicht anders als etwa eine religionsl\u00e4sternde Annonce des \u00bbPaprika-Schlesinger\u00ab\u00a0wirkte, und der gleichfalls \u2014 in beiden F\u00e4llen wurde auch \u00fcber \u00bbReaction\u00ab\u00a0gejammert \u2014 die unverdiente Ehre einer Censurierung zutheil ward. Noch t\u00f6nt uns der Refrain Bauer\u2019scher Bibelauffassung in den Ohren:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>\u00a0\u00bbIch bin der Josef Jakobsohn,<br \/>\nBekannt im ganzen Land,<br \/>\nDer Sohn vom Jakob Kohn,<br \/>\nDer auf der Leiter stand \u2026\u00ab<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">noch denken wir an jene andere erquickliche Situation des bilderreichen Werkes, da Sokrates und Plato von einer lebendig gewordenen Herkulesstatue gepr\u00fcgelt werden und Diogenes, der in der \u00bbSch\u00f6nlaterngasse\u00ab\u00a0zu wohnen vorgibt, dem Streite ein Ende macht. Es ist dies eine hellenische Welt, wie sie etwa Stammg\u00e4ste des Caf\u00e9 <span class=\"polytonic\" lang=\"grc\">\u1f08\u03b2\u03b5\u03bb\u03b7\u03c2<\/span> oder des dem Carltheater so nahen Caf\u00e9 Tifoxilos mit der Seele suchen. Ja, das ist Gro\u00dfverschlei\u00df attischen Salzes. Witzperle reiht sich an Witzperle, und ein ganzer attischer Salzgries liegt vor unseren Augen. Kein Wunder, seit Bauer Herrn Leo Ebermann protegiert hat, kennt er das Griechenthum \u2026 Und die actuellen Anspielungen in Menge, die deutlich zeigen, dass Bauers Schaffensgebiet nicht von einem nahen Theaterhorizont begrenzt ist, dass auch die gro\u00dfen Fragen der Zeit ihn besch\u00e4ftigen und der Menschheit Kummer die empfindsame Saite seines Humors erklingen l\u00e4sst. So wei\u00df er einerseits, dass Dreyfus Unrecht geschieht, anderseits, dass in Wien behufs Gasrohrlegung die Stra\u00dfen in schlechtem Zustande sind, und er hat diesem seinem tief socialen Empfinden in beweglichen Coupletstrophen Ausdruck gegeben, oder \u2014 wie am andern Tage ein resoluter\u00a0Schmock niederschrieb \u2014 \u00bber bohrt mit aristophanischer Sonde an Zeitverh\u00e4ltnissen herum\u00ab\u00a0\u2014 \u2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es fiele mir wahrhaftig nicht ein, Herrn Bauers Kreise st\u00f6ren zu wollen wenn sie sich blo\u00df mit den Kreisen dinierender und amusementbed\u00fcrftiger B\u00f6rsenm\u00e4cene deckten, und ich w\u00fcrde unserem Satiriker, der mit loyalen Verslein immerdar zur Stelle ist, sobald ein Regierungsjubil\u00e4um gefeiert wird oder gar Herr von Taussig eine seiner T\u00f6chter verheiratet, sogar das l\u00e4ngst ersehnte Ordensb\u00e4ndchen oder den \u00bbkaiserlichen Rath\u00ab\u00a0g\u00f6nnen, dessen Fehlen der Lebensanschauung des Humoristen zuweilen einen melancholischen Zug verleihen mag. Allein der arme Wortwitzhascher, der allzulange schon in einem Unsterblichkeitsd\u00fcnkel dahinlebt und nicht f\u00fchlt, dass er in Wahrheit nur ein winziger Nachkomme des der Wiener Kunstluft einst so gef\u00e4hrlichen Saphir\u2019schen Canalgeistes ist, hat die endliche Zurechtweisung verdient. Weit w\u00e4re es mit der neu-\u00f6sterreichischen Literatur gekommen, wenn sie ernstlich darauf angewiesen bliebe, sich ihre Wege von dem Hofnarren Rothschilds, vom Aristophanes des Herrn von Taussig bestimmen zu lassen. Wir werden es nicht mehr dulden, dass die wichtigsten Ehrenstellen, welche die Literaturgeschichte zu vergeben hat, in einer Ausschusssitzung des Pensionsfonds der \u00bbConcordia\u00ab\u00a0vertheilt werden, und da Heinrich Heine und die andern Gro\u00dfen kein anderes Mittel der Abwehr mehr haben, als sich gegebenenfalls so im Grabe umzudrehen, dass sie mit der R\u00fcckenseite gegen Herrn Julius Bauer und die ihn heute noch umheulende Rotte liegen bleiben \u2014 wird unsere Pflicht es sein, ihre Namen gegen freche Verunglimpfung zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es den Herren beliebt, sie m\u00f6gen weiter untereinander in kritischer Blutschande leben und uns noch \u00f6fter das Schauspiel bereiten, dass, wie es k\u00fcrzlich erst geschah, eine f\u00fchrende Zeitung ihre Theaterrubrik wochenlang den Bed\u00fcrfnissen dreier ihrer eigenen Redacteure zur Verf\u00fcgung stellt, die im artigen Turnus\u00a0gegenseitigen Lobes t\u00e4glich vor den Augen des Publicums abwechseln. Aber neugierig sind wir, ob dieses Publicum noch lange zusehen wird, neugierig, ob es sich bis ins neue S\u00e4culum hinein eine Presse gefallen lassen wird, die den Antisemitismus besser zu erzeugen als zu bek\u00e4mpfen vermag und die deshalb gegenw\u00e4rtig um nichts hei\u00dfer bem\u00fcht ist, als der Phrase von der \u00bbSchmach des Jahrhunderts\u00ab\u00a0angesichts des nahen Verfallstages die n\u00f6thige Prolongation zu erwirken \u2014 eine Presse, die gegen ihre plumpsten und d\u00fcmmsten Widersacher unterliegen muss, weil sie Wahrheitsfanatiker entsendet, deren Schuh den Koth schmutzig macht, und die, was sie durch ihre politische und financielle Gebahrung verschuldet hat, nun rasch auch auf dem Gebiete des Theaters producieren m\u00f6chte. Wenn sie heute in sp\u00e4ten Thr\u00e4nen \u00fcber die ver\u00e4nderte Sinnesart der Bev\u00f6lkerung ihre eigene schmutzige W\u00e4sche auswindet, so sollte sie nicht vergessen, dass auch die Theatersph\u00e4re den von ihr beklagten Einfl\u00fcssen eines Tages unterliegen k\u00f6nnte. Weil drau\u00dfen heute \u2014 ein nat\u00fcrlicher Wetterwechsel \u2014 unfreundliche politische L\u00fcfte weh\u2019n, m\u00f6ge sie sich doppelt h\u00fcten, das Foyer zum Ghetto zu verwandeln. Ihr zum Trotz, die unverdrossen t\u00e4glich ihr \u00bbLacht nur bei Julius Bauer!\u00ab\u00a0annoncierte, ist \u00bbAdam und Eva\u00ab, von einem entsetzten Publicum t\u00e4glich von Neuem angeblasen, endlich und endgiltig von der Bildfl\u00e4che verschwunden. Langsam scheint man sich zu besinnen, und, wenn die Zwischenh\u00e4ndler des Geistes nicht freiwillig bald ein anderes Gebiet industrieller Beth\u00e4tigung aufsuchen, so wird die allgemeine Vertreibung aus dem Paradiese der Theaterherrschaft nicht mehr allzulange auf sich warten lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle: Die Fackel, 1899<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/220px-Fackel_Kraus_1899_1_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-16321\" title=\"220px-Fackel_Kraus_1899_(1)_Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/220px-Fackel_Kraus_1899_1_Cover-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/220px-Fackel_Kraus_1899_1_Cover-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/220px-Fackel_Kraus_1899_1_Cover.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Fackel<\/em> war eine von Karl Kraus von 1899 bis 1936 herausgegebene satirische Zeitschrift.\u00a0In der Vorrede zur <i>Fackel<\/i> sagt Kraus sich von allen R\u00fccksichten auf parteipolitische oder sonstige Bindungen los. Unter dem Motto \u201eWas wir umbringen\u201c, das er dem rei\u00dferischen \u201eWas wir bringen\u201c der Zeitungen entgegenhielt, sagte er der Welt \u2013 vor allem der der Schriftsteller und Journalisten \u2013 den Kampf gegen die Phrase an und entwickelte sich zum vermutlich bedeutendsten Vork\u00e4mpfer gegen die Verwahrlosung der deutschen Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Die Fackel<\/i> kam als Heftchen mit rotem Umschlag heraus, etwa im Format DIN A5. In den ersten Jahren zeigte das Titelblatt die Zeichnung einer Fackel vor der Silhouette Wiens mit dem Symbol des Theaters und der darstellenden K\u00fcnste \u2013 der antiken Theatermasken, die Kom\u00f6die und Trag\u00f6die symbolisieren. Da sein ehemaliger Verleger sich darauf die Rechte gesichert hatte, erschien <i>Die Fackel<\/i> sp\u00e4ter mit einem n\u00fcchternen Titel, der nur aus Text bestand.<\/p>\n<p><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das ist eine Welt, die zwischen Morgen- und Abendblatt lebt und sich von dem D\u00e4mmerschein des neuen Jahrhunderts nicht bange machen l\u00e4sst. 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