{"id":77681,"date":"2022-07-12T00:01:47","date_gmt":"2022-07-11T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77681"},"modified":"2022-02-22T19:55:51","modified_gmt":"2022-02-22T18:55:51","slug":"sparsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/12\/sparsamkeit\/","title":{"rendered":"Sparsamkeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"initial\" style=\"text-align: justify;\">Als ich die folgenden Seiten, oder vielmehr den gr\u00f6\u00dften Teil derselben schrieb, lebte ich allein im Walde, eine Meile weit von jedem Nachbarn entfernt in einem Hause, das ich selbst am Ufer des Waldenteiches in Concord, Massachusetts, erbaut hatte und erwarb meinen Lebensunterhalt einzig durch meiner H\u00e4nde Arbeit. Ich lebte dort zwei Jahre und zwei Monate. Jetzt nehme ich wieder am zivilisierten Leben teil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00fcrde meine Angelegenheiten nicht so sehr der Kenntnis meiner Leser aufdr\u00e4ngen, wenn nicht meine Mitb\u00fcrger solch genaue Erkundigungen \u00fcber meine Lebensweise eingezogen h\u00e4tten, da\u00df mancher ihr Vorgehen wohl als unertr\u00e4glich bezeichnen w\u00fcrde, w\u00e4hrend ich es, in Anbetracht der obwaltenden Verh\u00e4ltnisse, als sehr erkl\u00e4rlich und gar leicht ertr\u00e4glich empfand. Die einen fragten, was ich gegessen, ob ich mich einsam gef\u00fchlt oder Furcht gehabt habe usw. Andere h\u00e4tten gern gewu\u00dft, welcher Teil meines Einkommens von mir zu Wohlt\u00e4tigkeitszwecken bestimmt gewesen sei, und wieder andere, die gro\u00dfe Familien hatten, wollten wissen, wieviel arme Kinder ich unterst\u00fctzte. Ich bitte deshalb diejenigen meiner Leser, die kein besonderes Interesse f\u00fcr mich f\u00fchlen, um Verzeihung, wenn ich es wage einige dieser Fragen in diesem Buche zu beantworten. In den meisten B\u00fcchern sucht man das \u00bbIch\u00ab, die erste Person, zu vermeiden. Hier will ich sie beibehalten. Das ist, was den Egoismus anbetrifft, der einzige Unterschied. Meistens vergessen wir, da\u00df es doch nur die erste Person ist, die redet. Ich w\u00fcrde nicht so viel \u00fcber mich selber sprechen, wenn es einen anderen Menschen g\u00e4be, den ich gerade so gut kennen w\u00fcrde. Leider bin ich durch den engen Kreis meiner Erfahrungen auf dieses Thema beschr\u00e4nkt. \u00dcberdies verlange <a id=\"page28\" title=\"wedi\/gary\" name=\"page28\"><\/a>ich f\u00fcr meine Person von jedem Schriftsteller als Vorrede oder als Schlu\u00dfwort einen einfachen und ehrlichen Bericht \u00fcber sein Leben, und nicht blo\u00df das, was er \u00fcber anderer Menschen Leben h\u00f6rte. Einen Bericht, wie er ihn etwa aus fernem Lande an seine Verwandten schicken w\u00fcrde. Denn wenn er ehrlich und lauter gelebt hat, so mu\u00df das in einem weit von mir entfernten Lande gewesen sein. Vielleicht sind diese Zeilen haupts\u00e4chlich an arme Studenten gerichtet. Meine \u00fcbrigen Leser m\u00fcssen sich schon die Stellen, die ihnen genehm sind, aneignen. Ich hoffe zuversichtlich, da\u00df niemand bei der Anprobe die N\u00e4hte des Rockes ausdehnt, denn der Rock kann dem, dem er pa\u00dft, vielleicht gute Dienste leisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte gern mancherlei sagen \u2013 nicht so viel \u00fcber die Chinesen und Sandwichsinsulaner als \u00fcber Euch, die Ihr diese Zeilen lest und die Ihr in Neuengland leben sollt; etwas \u00fcber Eure Zust\u00e4nde, haupts\u00e4chlich \u00fcber Eure \u00e4u\u00dferen Zust\u00e4nde oder Verh\u00e4ltnisse in dieser Welt, in dieser Stadt, welcher Art sie sind, ob sie notwendiger Weise so schlecht sein m\u00fcssen wie sie sind, oder ob sie nicht ebenso leicht verbessert werden k\u00f6nnten wie nicht. Ich bin kreuz und quer in Concord herumgewandert, und \u00fcberall in den L\u00e4den, in den B\u00fcros und auf den Feldern gewann ich den Eindruck, da\u00df die Bewohner auf tausendfache, merkw\u00fcrdige Weise f\u00fcr ihre S\u00fcnden b\u00fc\u00dften. Ich habe geh\u00f6rt, da\u00df die Brahmanen sich der Hitze von vier Feuern aussetzen, ins Antlitz der Sonne schauen, oder da\u00df sie, den Kopf nach unten, \u00fcber einem Feuer h\u00e4ngen, da\u00df sie \u00fcber ihre Schulter gen Himmel blicken, \u00bbbis es ihnen unm\u00f6glich wird ihre nat\u00fcrliche Stellung wieder einzunehmen, w\u00e4hrend durch die Verdrehung des Halses nur Fl\u00fcssigkeiten in den Magen gelangen k\u00f6nnen.\u00ab Ich habe geh\u00f6rt, da\u00df sie ihr ganzes Leben angekettet an die Wurzel eines Baumes verbringen, oder da\u00df sie wie Raupen kriechend ungeheure Reiche ausmessen, oder mit einem Fu\u00dfe auf der Spitze einer S\u00e4ule stehen. Doch diese \u00c4u\u00dferungen bewu\u00dfter Reue sind kaum unglaublicher oder erstaunlicher als die Szenen, deren Zeuge ich t\u00e4glich bin. Die zw\u00f6lf Arbeiten des Herkules waren belanglos im Vergleich mit denen, die meine Nachbarn unternommen haben. Denn Herkules hatte nur zw\u00f6lf <a id=\"page29\" title=\"wedi\/gary\" name=\"page29\"><\/a>Arbeiten zu verrichten, dann war er fertig. Ich konnte dagegen niemals beobachten, da\u00df diese Menschen ein Ungeheuer erschlugen oder einfingen, oder da\u00df sie irgend eine Arbeit beendigten. Ihnen fehlte der Freund Jolaos, der mit gl\u00fchendem Eisen den Hals der Hydra versengte. Darum wachsen, sobald ein Kopf zerschmettert ist, zwei neue nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehe junge Leute, meine Mitb\u00fcrger, deren Ungl\u00fcck es ist, da\u00df sie Bauernh\u00f6fe, H\u00e4user, Scheunen, Vieh und Ackerger\u00e4t geerbt haben. Denn solche Dinge sind leichter erworben als an den Mann gebracht. Es st\u00e4nde besser um sie, w\u00e4ren sie auf offener Weide geboren und von einer W\u00f6lfin ges\u00e4ugt, denn dann w\u00fcrden sie mit klareren Augen erkennen, wo das wahre Feld ihrer T\u00e4tigkeit liegt. Wer hie\u00df sie Sklaven des Bodens sein? Warum sollen sie ihre 60\u00a0Morgen Land verzehren, wenn ein Mensch doch nur dazu verdammt ist sein H\u00e4ufchen Schmutz zu essen? Warum sollen sie gleich nach der Geburt damit beginnen ihr Grab zu graben? Sie sollen ein Menschendasein f\u00fchren, sich dabei mit all diesen Dingen abplagen und so gut wie m\u00f6glich vorw\u00e4rts zu kommen versuchen. Wie manche arme unsterbliche Seele kreuzte meinen Weg, fast erdr\u00fcckt und erstickt unter ihrer Last! Sie kroch des Lebens Gleis hinab und plagte sich mit St\u00e4llen ab, die 75 zu 40\u00a0Fu\u00df gro\u00df waren \u2013 mit <i>Augiasst\u00e4llen,<\/i> die niemals gereinigt wurden, mit hundert Morgen Land, \u00c4ckern, Wiesen, Weiden und Waldparzellen! Die Unbeg\u00fcterten, die sich nicht mit solchen unn\u00f6tigen, ererbten Fronen herumbalgen, haben genug zu tun ein paar Kubikfu\u00df Fleisch zu beherrschen und zu kultivieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Menschheit krankt an einem Irrtum. Der bessere Teil der Menschen ist bald als D\u00fcnger unter den Erdboden gepfl\u00fcgt. Das scheinbare Verh\u00e4ngnis \u2013 gew\u00f6hnlich Schicksal genannt \u2013 hei\u00dft sie, wie in einem alten Buche geschrieben steht, Sch\u00e4tze sammeln, welche die Motten und der Rost fressen und denen die Diebe nachgraben und stehlen. Ein Narrenleben haben sie gef\u00fchrt: das wird ihnen am Abend ihres Daseins, vielleicht auch schon fr\u00fcher klar werden. Man erz\u00e4hlt, da\u00df Deukalion und Pyrrha dadurch Menschen erzeugten, da\u00df sie Steine \u00fcber ihre H\u00e4upter hinter sich warfen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\"><i>\u00bbInde genus durum sumus, experiensque laborum<br \/>\n\u00bbEt documenta damus qua simus origine nati.\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Raleighs wohlklingende \u00dcbersetzung dieser Worte lautet:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\"><i>\u00bbFrom thence our kind hard-hearted is, enduring pain and care,<br \/>\n\u00bbApproving that our bodies of a stony nature are.\u00ab<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Menschen sind, selbst in diesem verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig freien Lande, aus reiner Unwissenheit und Verblendung so sehr durch die k\u00fcnstlichen Sorgen und die \u00fcberfl\u00fcssigen, groben Arbeiten des Lebens in Anspruch genommen, da\u00df seine edleren Fr\u00fcchte nicht von ihnen gepfl\u00fcckt werden k\u00f6nnen. Ihre Finger sind durch \u00fcberm\u00e4\u00dfige Arbeit zu plump geworden, sie zittern zu sehr bei solchem Beginnen. Tats\u00e4chlich hat der arbeitende Mensch Tag f\u00fcr Tag keine Zeit zur inneren L\u00e4uterung. Es ist ihm unm\u00f6glich die menschlichen Beziehungen zu den Menschen zu unterhalten. Seine Arbeit w\u00fcrde auf dem Markte im Preise sinken. Er hat nur Zeit eine Maschine zu sein. Wie kann der seiner Unwissenheit abhelfen \u2013 und das fordert doch seine geistige Weiterentwickelung\u00a0\u2013, der seine Kenntnisse so oft gebrauchen mu\u00df! Wir sollten ihn ab und zu aus eigenem Antrieb ern\u00e4hren und kleiden, ihm eine Herzerquickung geben, bevor wir ein Urteil \u00fcber ihn f\u00e4llen. Die kostbarsten Eigenschaften unseres Wesens k\u00f6nnen, wie der Flaum der Fr\u00fcchte, nur durch die zarteste Behandlung erhalten bleiben. Doch wir behandeln weder uns selbst noch die andern so zartf\u00fchlend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige von Euch sind arm, das wissen wir alle. Einige von Euch haben schwer mit dem Leben zu k\u00e4mpfen und schnappen, sozusagen, von Zeit zu Zeit nach Luft. Ich bezweifle nicht, da\u00df einige Leser dieses Buches nicht imstande sind alle die Mittagsessen, die sie in Wirklichkeit verzehrten, oder die Kleider und Schuhe, die so schnell sich abnutzen oder schon abgetragen sind, zu bezahlen, da\u00df sie nur deshalb bis hierher gelesen haben, weil sie geliehene oder gestohlene Zeit dazu verwendeten und somit ihre Gl\u00e4ubiger um eine Stunde betrogen. F\u00fcr mich ist es eine nackte Tatsache, da\u00df manche von Euch ein elendes und niedriges Dasein f\u00fchren, denn meine Augen sind durch die Erfahrung gesch\u00e4rft. Alle Eure Versuche drehen sich darum, ins Gesch\u00e4ft hinein- oder aus Schulden herauszukommen, aus jenem uralten Moraste, den die R\u00f6mer <i>aes alienum<\/i> nannten, eines anderen Kupfer, denn einige ihrer M\u00fcnzen wurden aus Kupfer verfertigt. Ihr lebt, Ihr sterbt, Ihr werdet begraben durch das Kupfer eines anderen. Immer versprecht Ihr zu bezahlen, morgen zu bezahlen, und dabei sterbt Ihr heute \u2013 bankerott. Auf alle Arten versucht Ihr Euch bei anderen einzuschmeicheln, Kundschaft zu bekommen \u2013 nur vor Gesetzes\u00fcbertretungen und Gef\u00e4ngnis h\u00fctet Ihr Euch. Ihr l\u00fcgt, schmeichelt, w\u00e4hlt, kriecht mit Eurer H\u00f6flichkeit in ein Schneckenhaus hinein oder dehnt Euch zu einer Wolke seichter und dunstiger Gro\u00dfmut aus, um Euren Nachbarn zu bewegen Euch seine Schuhe oder seinen Hut, seinen Anzug oder seinen Wagen machen zu lassen oder seinen Gew\u00fcrzkram f\u00fcr ihn importieren zu d\u00fcrfen. Ihr macht Euch krank, damit Ihr etwas f\u00fcr Eure kranken Tage zusammenspart, etwas, was man in einer alten Truhe oder in einem Strumpf hinter dem Wandbewurf, oder um noch sicherer zu gehen, bei einem Bankier versteckt \u2013 einerlei wo, einerlei wieviel oder wie wenig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wundere mich manchmal dar\u00fcber, da\u00df wir \u2013 ich m\u00f6chte fast sagen \u2013 so frivol sein k\u00f6nnen, uns um die schmutzige, aber etwas ferner liegende Form der Sklaverei, um die sogenannte Negersklaverei zu k\u00fcmmern. Gibt es doch viele schlaue und findige Sklavenhalter gerade so gut im Norden wie im S\u00fcden. Es ist hart einem s\u00fcdlichen, h\u00e4rter einem n\u00f6rdlichen Sklavenaufseher zu unterstehen. Am schlimmsten aber ist es um den bestellt, der sein eigener Sklaventreiber ist. Da schw\u00e4tzt man vom G\u00f6ttlichen im Menschen! Schaut Euch den Fuhrmann auf der Landstra\u00dfe an, der zu Markte f\u00e4hrt bei Tag oder bei Nacht. Offenbart sich in ihm die Gottheit? Seine h\u00f6chste Pflicht hei\u00dft: F\u00fcttere und tr\u00e4nke deine Pferde! Was gilt ihm mehr \u2013 sein Schicksal oder der Frachtverkehr? F\u00e4hrt er nicht f\u00fcr Herrn \u00bbNimmerrast\u00ab? Inwiefern ist er gott\u00e4hnlich, inwiefern unsterblich? Seht nur, wie er sich b\u00fcckt und kriecht, wie er sich planlos den lieben langen Tag qu\u00e4lt, er der weder unsterblich noch g\u00f6ttlich ist, sondern nur der Gefangene und Sklave des Bildes, das er von sich selbst entwarf, und das auf seinen Taten fu\u00dft. Die \u00f6ffentliche Meinung ist ein schwacher Tyrann im Vergleich zu unserer eigenen Privatmeinung. Was ein Mensch von sich selbst denkt, das ist es, wodurch sein Schicksal bestimmt oder vielmehr prophezeit wird. Wo ist der Wilberforce, <span class=\"footnote\">Wilberforce, britischer Philanthrop, 1759-1833. Er k\u00e4mpfte haupts\u00e4chlich gegen den Sklavenhandel.<\/span> der es vermag, selbst in den westindischen Gebieten einer launenhaften Phantasie Selbstbefreiung durchzusetzen? Man m\u00f6ge ferner an die Damen des Landes denken, die bis zum letzten Tage Toilettenkissen sticken, nur um kein allzu lebhaftes Interesse an ihrem Schicksal zu verraten! Als ob es m\u00f6glich w\u00e4re die Zeit totzuschlagen, ohne die Ewigkeit zu verletzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mehrzahl der Menschen verbringt ihr Leben in stiller Verzweiflung. Was wir \u00bbResignation\u00ab nennen ist absolute Verzweiflung. Von der verzweifelten Stadt zieht man aufs verzweifelte Land hinaus. Dort tr\u00f6stet man sich mit der Tapferkeit der Sumpfotter und der Moschusratte. Eine stereotype, wenn auch unbewu\u00dfte Verzweiflung ist selbst hinter den sogenannten Vergn\u00fcgungen und Unterhaltungen der Menschheit verborgen. Da kann von Vergn\u00fcgen nicht die Rede sein, denn das kommt nach der Arbeit. F\u00fcr den Weisen ist es charakteristisch, da\u00df er nichts Verzweifeltes unternimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir uns \u00fcberlegen, was (um die Worte des Katechismus zu gebrauchen) die Hauptbestimmung des Menschen ist und worin die notwendigen Lebensbed\u00fcrfnisse wirklich bestehen, so scheint es, als ob die Menschen nach reifer \u00dcberlegung die ordin\u00e4re Art zu leben gew\u00e4hlt h\u00e4tten, weil sie ihr vor jeder anderen den Vorzug geben. Sie glauben allen Ernstes keine Wahl zu haben. Frische und gesunde Naturen erinnern sich dagegen, da\u00df die Sonne klar aufging. Es ist niemals zu sp\u00e4t unsere Vorurteile aufzugeben. Auf keine Folge von Gedanken oder Taten, einerlei wie alt, kann man sich ohne Pr\u00fcfung verlassen. Was jedermann nachbetet oder mit Stillschweigen als wahr dahingehen l\u00e4\u00dft, kann morgen als falsch sich erweisen \u2013 als blo\u00dfer Ansichtsdunst, den manche f\u00fcr eine Wolke hielten, die befruchtenden Regen auf ihre Felder ergie\u00dfen w\u00fcrde. Was alte Leute f\u00fcr unausf\u00fchrbar halten, wir versuchen es, wir finden, da\u00df es ausgef\u00fchrt werden kann. Alte Taten f\u00fcr alte Leute, neue Taten f\u00fcr die neuen! Einst gen\u00fcgte das Wissen unserer Ahnen nicht, um Brennmaterial zum Unterhalten des Feuers zu sammeln. Die Menschen von heute legen ein wenig trockenes Reisig unter einen Kessel und sausen um den Erdball so schnell wie die V\u00f6gel. Den Alten w\u00fcrde dabei, wie man sagt, angst und bange werden. Das Alter ist nicht besser, ja kaum so gut zum Lehrmeister geeignet als die Jugend. Denn es hat nicht soviel gewonnen als es verlor. Man kann mit Recht bezweifeln, ob der weiseste Mensch irgend etwas von absolutem Wert durch das Leben gelernt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Wirklichkeit verm\u00f6gen die Alten der Jugend keinen wertvollen Rat zu geben. Ihre eigenen Erfahrungen sind St\u00fcckwerk geblieben, ihr Leben ist \u2013 aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden wie sie nat\u00fcrlich glauben \u2013 ein solch kl\u00e4glicher Mi\u00dferfolg gewesen. Und doch ist es m\u00f6glich, da\u00df sie noch etwas Selbstvertrauen \u00fcbrig haben, welches diese Erfahrung L\u00fcgen straft. Sie sind ja nur weniger jung als sie gewesen sind. Ich habe einige drei\u00dfig Jahre auf diesem Planeten zugebracht, und doch habe ich bislang noch nicht die erste Silbe eines wertvollen oder selbst ernsthaften Ratschlages von meinen \u00e4lteren Mitmenschen geh\u00f6rt. Sie haben mir nichts Zweckentsprechendes gesagt, sind dazu auch wahrscheinlich nicht imstande. Hier ist das Leben \u2013 ein im wesentlichen von mir noch nicht versuchtes Experiment. Da\u00df <i>sie<\/i> es versuchten, n\u00fctzt <i>mir<\/i> nichts. Zu irgend einer Erfahrung, die ich f\u00fcr wertvoll halte, haben meine Ratgeber, nach meiner \u00dcberzeugung, nichts zu sagen gehabt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Farmer erkl\u00e4rte mir: \u00bbSie k\u00f6nnen nicht von Pflanzenkost allein leben, denn sie tr\u00e4gt nichts zur Knochenbildung bei.\u00ab Darum widmet er gl\u00e4ubig einen Teil des Tages der Versorgung seines K\u00f6rpers mit dem Rohmaterial f\u00fcr Knochen. Und w\u00e4hrend er, fortw\u00e4hrend sprechend, hinter seinen Ochsen hergeht, wird er von ihnen und ihren durch Vegetabilien gen\u00e4hrten Knochen mit seinem schwankenden Pfluge \u00fcber alle Hindernisse hin und her gezerrt. Manche Dinge sind f\u00fcr gewisse Kreise wirklich Lebensbed\u00fcrfnisse, und zwar f\u00fcr die Hilflosen und Kranken, w\u00e4hrend sie f\u00fcr andere blo\u00df Luxusgegenst\u00e4nde, und wieder anderen v\u00f6llig unbekannt sind. Es gibt Leute, die da glauben, das ganze Gebiet des Menschenlebens sei bereits von ihren Vorfahren in allen H\u00f6hen und Tiefen durchforscht, alle Dinge seien bereits besorgt. Nach Evelyn <span class=\"footnote\">Evelyn, englischer Rechtsgelehrter.<\/span> gab der Weise Salomo sogar f\u00fcr die Entfernung der B\u00e4ume voneinander Vorschriften. Die r\u00f6mischen Pr\u00e4toren bestimmten wie oft man, ohne die Gerechtsame zu verletzen, seines Nachbars Grund betreten d\u00fcrfe, um die abgefallenen Eicheln aufzulesen, und wieviel davon dem Nachbarn geb\u00fchre, Hippokrates hat uns sogar Anweisungen hinterlassen, wie wir unsere N\u00e4gel schneiden sollen: n\u00e4mlich in gleicher H\u00f6he mit den Fingerspitzen, weder k\u00fcrzer, noch l\u00e4nger. Ohne Zweifel sind gerade Lebens\u00fcberdru\u00df und Langeweile, die voraussetzen, da\u00df alle Abwechselung und Freude im Leben ausgekostet ist, alt wie Adam. Doch der Menschen F\u00e4higkeiten hat man noch nicht ausgemessen. Wir k\u00f6nnen auch nach dem, was bislang geschehen ist, auf das was geschehen kann, nicht schlie\u00dfen, so wenig ist noch versucht worden. Wo auch immer Du bisher erfolglos gewesen bist: sei nicht bek\u00fcmmert, mein Kind, denn wer soll Dich f\u00fcr das, was Du nicht vollbracht hast, verantwortlich machen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen unser Leben an tausend einfachen Dingen erproben, zum Beispiel daran, da\u00df die gleiche Sonne meine Bohnen reift und zugleich ein ganzes System von Weltk\u00f6rpern wie unsere Erde beleuchtet. Wenn ich daran gedacht h\u00e4tte, w\u00e4ren einige Irrt\u00fcmer vermieden worden. Solche Erleuchtung besa\u00df ich nicht, als ich Bohnen hackte! Wie wunderbar sind die Dreiecke, deren Spitzen von Sternen gebildet werden! Wie verschieden, wie weit voneinander entfernt sind in des Weltalls mannigfachen Wohnungen die Gesch\u00f6pfe, die sie zu gleicher Zeit betrachten! Die Natur und das menschliche Leben sind so wandelbar wie unsere Konstitution. Wer vermag zu sagen, welche Aussicht das Leben einem andern bietet? W\u00e4re es nicht das gr\u00f6\u00dfte aller Wunder, wenn der eine f\u00fcr einen Augenblick mit den Augen der anderen s\u00e4he? In einer Stunde w\u00fcrden wir in allen \u00c4onen der Welt, ja in allen Welten der \u00c4onen leben! Geschichte, Poesie, Mythologie! \u2013 Ich habe \u00fcber die Erfahrung anderer nichts gelesen, was so staunenswert und lehrreich w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Herzensgrunde glaube ich, da\u00df der gr\u00f6\u00dfere Teil von dem, was meine Nachbarn f\u00fcr klug halten, schlecht ist, und wenn ich irgend etwas bereue, so ist es aller Wahrscheinlichkeit nach mein anst\u00e4ndiger Lebenswandel. Was f\u00fcr ein D\u00e4mon beherrschte mich, da\u00df ich mich so gut betragen habe? Sprich Deiner Weisheit Inbegriff aus, Du alter Mann, der Du siebenzig Jahre, nicht ohne in Ehren grau zu werden, gelebt hast, \u2013 ich h\u00f6re eine unwiderstehliche Stimme, die mich von all dem fortlockt. Eine Generation verl\u00e4\u00dft die Unternehmungen der anderen wie gestrandete Schiffe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, da\u00df wir unbeschadet viel mehr Vertrauen haben k\u00f6nnten als wir zeigen. Wir sollten uns selbst gerade soviel Sorgfalt widmen, als wir ehrlich anderen schenken. Die Natur pa\u00dft sich ebensogut unserer Schw\u00e4che wie unserer St\u00e4rke an. Die unaufh\u00f6rliche Angst und Anstrengung mancher Menschen ist eine nahezu unheilbare Krankheit. Wir pflegen die Wichtigkeit unserer Werke zu \u00fcbersch\u00e4tzen! Und doch: wie viele Dinge geschehen ohne unser Zutun! Und wenn wir nun gar krank w\u00fcrden? Wie genau wir da Acht geben, fest entschlossen uns nicht auf unseren Glauben zu verlassen, wenn wir es vermeiden k\u00f6nnen. Den ganzen Tag sind wir auf unserer Hut, abends sprechen wir unwillig unser Nachtgebet und ergeben uns dem Ungewissen. So sehr h\u00e4ngen wir mit allen Fasern am Leben, da\u00df wir es anbeten und die M\u00f6glichkeit eines Wechsels leugnen. Das ist der einzig richtige Weg, sagen wir. Und doch gibt es so viele Wege, als wir Radien von einem Mittelpunkt aus ziehen k\u00f6nnen. Jede Ver\u00e4nderung macht den Eindruck eines Wunders. Doch solch Wunder vollzieht sich in jedem Augenblick. Confucius hat gesagt: \u00bbZu wissen, da\u00df wir wissen, was wir wissen, und da\u00df wir nicht wissen, was wir nicht wissen, das ist das wahre Wissen.\u00ab Sobald nur ein Mensch ein Ergebnis seiner Phantasie auf ein Ergebnis seines Intellekts zur\u00fcckgef\u00fchrt hat, werden alle Menschen ihr Leben auf dieser Basis aufbauen. Ich sehe das voraus. Wir wollen einen Augenblick \u00fcberlegen, um was sich die erw\u00e4hnte M\u00fch&#8216; und Sorge dreht und in wieweit es notwendig ist uns zu m\u00fchen oder wenigstens uns zu sorgen. Es w\u00e4re recht n\u00fctzlich, bed\u00fcrfnislos, wenn auch inmitten \u00e4u\u00dferlicher Zivilisation, ein Grenzerleben zu f\u00fchren, blo\u00df um die gr\u00f6beren Lebensbed\u00fcrfnisse und die Methode ihrer Gewinnung kennen zu lernen. Man k\u00f6nnte auch die alten Gesch\u00e4ftsb\u00fccher der Kaufleute durchbl\u00e4ttern, um zu sehen, was die Menschen am meisten kauften, was vorr\u00e4tig gehalten wurde, d.\u00a0h. welche Waren am wichtigsten sind. Denn der Fortschritt im Laufe der Jahrhunderte hat nur geringen Einflu\u00df auf die Grundgesetze der menschlichen Existenz gehabt. Sind doch auch unsere Skelette wahrscheinlich von denen unserer Vorfahren nicht zu unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Worte \u00bbLebensbed\u00fcrfnisse\u00ab meine ich alle G\u00fcter, die der Mensch durch seine eigene Arbeit erwirbt, die von Anbeginn oder durch lange Gewohnheit so wichtig f\u00fcr das menschliche Leben geworden sind, da\u00df nur einzelne, wenn \u00fcberhaupt welche, sei es im Zustand der Wildheit, aus Armut oder aus Philosophie je versuchten ohne sie auszukommen. Viele Gesch\u00f6pfe haben in diesem Sinne nur ein Lebensbed\u00fcrfnis \u2013 Nahrung. Der B\u00fcffel in der Prairie findet sie in einigen Quadratzoll wohlschmeckenden Grases und in einem Trunk Wasser, falls er nicht des Waldes Schutz und des Berges Schatten aufsucht. Kein Tier der Sch\u00f6pfung bedarf mehr als Nahrung und Unterschlupf. Die Lebensbed\u00fcrfnisse der Menschen in unserem Klima kann man ziemlich ersch\u00f6pfend unter folgenden Rubriken zusammenfassen: Nahrung, Obdach, Kleidung, Feuerung. Dann erst, wenn wir uns dieser Dinge versichert haben, sind wir vorbereitet, den wahren Problemen des Lebens in Freiheit und mit einiger Aussicht auf Erfolg nachzuforschen. Der Mensch hat nicht nur H\u00e4user erfunden, sondern auch Kleidung und das Zubereiten der Nahrung. Und m\u00f6glicherweise entstand durch die zuf\u00e4llige Entdeckung der W\u00e4rme des Feuers und durch die damit verbundene Nutzanwendung, die anfangs Luxus war, unser heutiges Bed\u00fcrfnis am Feuer zu sitzen. Wir k\u00f6nnen bei Katzen und Hunden das Annehmen derselben Gewohnheit beobachten. Durch zweckm\u00e4\u00dfige Wohnung und Kleidung bewahren wir vern\u00fcnftigerweise unsere innere W\u00e4rme. Wenn wir aber mit diesen Dingen, gerade wie mit der Feuerung, nicht Ma\u00df halten, d.\u00a0h. wenn die \u00e4u\u00dfere Hitze gr\u00f6\u00dfer ist als unsere Eigenw\u00e4rme, gibts da nicht ein Verbr\u00fchen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Naturforscher Darwin erz\u00e4hlte folgende \u00fcberraschende Beobachtung, die er bei den Feuerl\u00e4ndern machte: w\u00e4hrend er und seine Begleiter warm gekleidet nahe am Feuer gesessen h\u00e4tten, ohne es auch nur im geringsten <i>zu<\/i> warm zu finden, sei an den nackten Wilden, die weit vom Feuer entfernt standen, \u00bbob solchen R\u00f6stens\u00ab der Schwei\u00df in Str\u00f6men heruntergelaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wissen wir, da\u00df der Neuholl\u00e4nder ungestraft nackt umherspaziert, w\u00e4hrend der Europ\u00e4er in seinen Kleidern fr\u00f6stelt. Ist es unm\u00f6glich die Widerstandsf\u00e4higkeit dieser Wilden mit der Intelligenz der zivilisierten Menschen in Einklang zu bringen? Nach Liebig ist des Menschen K\u00f6rper ein Ofen, und Nahrung die Feuerung, die den inneren Verbrennungsproze\u00df in der Lunge unterh\u00e4lt. Bei kaltem Wetter essen wir mehr, bei warmem weniger. Die animalische W\u00e4rme ist das Produkt einer langsamen Verbrennung, und Krankheit und Tod treten ein, wenn sie zu rasch von statten geht oder wenn aus Mangel an Feuerung oder an Sauerstoffzufuhr das Feuer erlischt. Nat\u00fcrlich kann die Lebensw\u00e4rme nicht mit dem Feuer verglichen werden. Doch genug von dieser Analogie. Es ergibt sich also aus dem soeben Gesagten, da\u00df der Ausdruck \u00bbanimalisches Leben\u00ab nahezu gleichbedeutend mit dem Ausdruck \u00bbanimalische W\u00e4rme\u00ab ist. Und wie die Nahrung als Feuerung betrachtet werden kann, die unser inneres Feuer unterh\u00e4lt \u2013 und Feuerung nur dazu dient, diese Nahrung herzustellen oder unsere K\u00f6rperw\u00e4rme durch Zufuhr von au\u00dfen zu erh\u00f6hen \u2013 so dienen Wohnung und Kleidung auch nur dazu, die also erzeugte und absorbierte W\u00e4rme festzuhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Hauptbed\u00fcrfnis f\u00fcr unsern K\u00f6rper besteht also darin warm zu bleiben, die Lebensw\u00e4rme in ihm zu erhalten. Was f\u00fcr M\u00fchen machen wir uns aber auch, nicht nur wegen unserer Nahrung, Kleidung\u00a0und Wohnung, sondern auch wegen unserer Betten, die unsere Nachtkleider sind! Nest und Brust der V\u00f6gel berauben wir, um diese Wohnung in einer Wohnung herzurichten, gerade wie der Maulwurf, der sein Bett aus Gras und Bl\u00e4ttern am Ende seines Ganges macht. Arme Menschen klagen gew\u00f6hnlich \u00fcber diese kalte Welt; auf K\u00e4lte, physische sowohl wie soziale, f\u00fchren wir unmittelbar einen gro\u00dfen Teil unserer Leiden zur\u00fcck. In einigen Klimaten gestattet die Sommerzeit den Menschen eine Art paradiesisches Leben. Feuerung ist dann nicht notwendig au\u00dfer zum Kochen. Die Sonne ist ihr Feuer und manche Fr\u00fcchte sind gen\u00fcgend durch ihre Strahlen gekocht. Die Nahrung wird abwechselungsreicher, ist leichter zu beschaffen. Kleidung aber und Wohnung sind ganz oder teilweise entbehrlich. Heutzutage sind in diesem Lande \u2013 ich habe das an mir selbst erfahren\u00a0\u2013, einige Werkzeuge: ein Messer, eine Axt, ein Spaten, eine Schubkarre usw., und f\u00fcr den Gelehrten: Lampenlicht, Schreibmaterial und die Gelegenheit einige B\u00fccher zu benutzen die n\u00e4chst wichtigen Lebensbed\u00fcrfnisse. All diese Dinge sind f\u00fcr billiges Geld zu haben. Doch einige Toren wandern auf die andere Seite des Erdballs in unkultivierte und ungesunde Gegenden, widmen sich zehn oder zwanzig Jahre lang dem Handel, damit sie leben, d.\u00a0h. sich gem\u00fctlich warm halten k\u00f6nnen, und schlie\u00dflich sterben sie in Neuengland. Die im \u00fcppigen Reichtum Lebenden sitzen jedoch nicht in behaglicher W\u00e4rme, sondern in unnat\u00fcrlicher Hitze; ich sagte es schon: sie werden gekocht, nat\u00fcrlich <i>\u00e0 la mode.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast jeder Luxus und viele der sogenannten Bequemlichkeiten des Lebens sind nicht nur absolut \u00fcberfl\u00fcssig, sondern geradezu Hindernisse f\u00fcr die fortschreitende Entwickelung des Menschengeschlechtes. In Hinsicht auf Luxus und Bequemlichkeit haben die Weisesten immer ein einfacheres und armseligeres Leben gef\u00fchrt als die Armen. Niemals war jemand an weltlichen G\u00fctern \u00e4rmer, an inneren G\u00fctern reicher als die alten Philosophen in China, Indien, Persien und Griechenland. Wir wissen nicht viel \u00fcber sie. Merkw\u00fcrdig ist, da\u00df wir \u00fcberhaupt so viel \u00fcber sie wissen. Dasselbe gilt von den neueren Reformatoren und Wohlt\u00e4tern ihrer V\u00f6lker. Nur wer den freien Blick\u00a0besitzt, den freiwillige Armut er\u00f6ffnet, kann unparteiisch und weise das menschliche Leben betrachten. Ein luxuri\u00f6ses Leben zeitigt Luxus, sei es im Ackerbau, im Handel, in der Literatur oder in der Kunst. Heutzutage gibt es Dozenten der Philosophie, aber keine Philosophie. Wie man einst trefflich sein Leben verbrachte, dar\u00fcber h\u00f6rt man heute trefflich dozieren. Geistreiche Gedanken und selbst die Gr\u00fcndung einer Schule machen noch keinen Philosophen. Vielmehr mu\u00df man die Weisheit solcherma\u00dfen lieben, da\u00df man nach ihren Vorschriften lebt, ein Leben der Einfachheit, Unabh\u00e4ngigkeit, der Gro\u00dfmut und des Vertrauens. Einige Probleme des Lebens sollen wir nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch l\u00f6sen. Der Erfolg gro\u00dfer Gelehrter und Denker ist h\u00e4ufig eine Art H\u00f6flingserfolg, kein k\u00f6niglicher, kein m\u00e4nnlicher Erfolg. Mit ihrem Anpassungsverm\u00f6gen schlagen sie sich k\u00fcmmerlich durchs Leben, gerade wie auch ihre V\u00e4ter. In keiner Hinsicht sind sie die Erzeuger einer edleren Menschenrasse. Doch warum degenerieren die Menschen stets? Warum sterben Familien aus? Wie mu\u00df der Luxus beschaffen sein, der Nationen entnervt und vernichtet? Sind wir sicher, da\u00df nichts davon in unserem eigenen Leben vorhanden ist? Der Philosoph eilt seiner Zeit voraus, selbst in der \u00e4u\u00dferen Lebensform. Er unterscheidet sich durch seine Nahrung, Wohnung, Kleidung und durch sein W\u00e4rmebed\u00fcrfnis von seinen Zeitgenossen. Wie kann man den Menschen einen Philosophen nennen, der keine besseren Methoden zur Erhaltung seiner Lebensw\u00e4rme kennt, als andere Leute?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ein Mensch durch die verschiedenen Methoden, die ich beschrieben habe, gew\u00e4rmt ist, was hat er dann zun\u00e4chst n\u00f6tig? Sicherlich nicht noch mehr W\u00e4rme derselben Art, z.\u00a0B. reichlichere und reichere Nahrung, gr\u00f6\u00dfere und pr\u00e4chtigere H\u00e4user, bessere und elegantere Kleider, zahlreichere, best\u00e4ndigere und w\u00e4rmere Feuer usw. Wenn er die Dinge erlangt hat, die f\u00fcr das Leben notwendig sind, ist es ihm anheimgestellt sich um etwas anderes als um das \u00dcberfl\u00fcssige zu bem\u00fchen, d.\u00a0h. er kann sich jetzt, wo er niedriger Arbeit enthoben ist, an das Leben selbst wagen. Der Boden ist, wie es scheint, f\u00fcr die Saat geeignet, denn sie hat in der Tiefe Wurzel gefa\u00dft; so\u00a0sie denn jetzt ihre Sprossen auch vertrauensvoll nach oben senden. Warum hat der Mensch seine Wurzeln so fest in die Erde geschlagen, wenn er nicht in demselben Ma\u00dfe in den Himmel dort oben wachsen will? Edlere Pflanzen beurteilt man nach ihren Fr\u00fcchten, die sie schlie\u00dflich, frei vom Erdboden, in Luft und Licht erzeugen. Sie werden darum auch nicht wie die niederen N\u00e4hrpflanzen behandelt, die, auch wenn sie zweij\u00e4hrig sind, nur so lange gepflegt werden, bis ihre Wurzel ausgewachsen ist und deren oberer Teil oftmals gerade zu diesem Zwecke ganz abgeschnitten wird, so da\u00df die Menschen sie in ihrer Bl\u00fctezeit gar nicht kennen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe nicht die Absicht starken und mutigen Naturen Vorschriften zu geben. Sie k\u00f6nnen ihre eigenen Angelegenheiten selbst erledigen, sei es im Himmel oder in der H\u00f6lle. Sie bauen vielleicht gro\u00dfartiger, verschwenden freigebiger als die Reichen, und werden doch nie arm. Sie wissen selbst nicht wie sie leben \u2013 vorausgesetzt, da\u00df es \u00fcberhaupt solche Menschen gibt. Man nimmt das ja an. Auch zu denen rede ich nicht, die Ermutigung und Begeisterung gerade in den gegenw\u00e4rtigen Zust\u00e4nden finden und sie mit der Innigkeit und mit dem Enthusiasmus Liebender hegen und pflegen; bis zu einem gewissen Grade geh\u00f6re ich selbst zu dieser Zahl. Auch wende ich mich nicht an diejenigen, welche sich, einerlei unter welchen Umst\u00e4nden, gut besch\u00e4ftigen, und die wissen, ob sie sich gut besch\u00e4ftigen oder nicht. Nur zu der Masse jener Menschen spreche ich, die unzufrieden sind, die sich vergeblich \u00fcber die H\u00e4rte ihres Schicksals oder der Zeiten beklagen, w\u00e4hrend sie beides verbessern k\u00f6nnten. Manche Leute st\u00f6hnen auf das heftigste, sind untr\u00f6stlich, weil sie, wie sie sagen, ihre Pflicht tun. Ich denke auch an die reiche und doch so unendlich arme Klasse jener Menschen, die Tand auf Tand h\u00e4ufen, und nicht wissen, was sie damit tun, wie sie denselben los werden k\u00f6nnen. Sie haben sich ihre eigenen goldenen oder silbernen Fesseln geschmiedet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich versuchen wollte zu schildern, wie ich in fr\u00fcheren Tagen mein Leben zu verbringen w\u00fcnschte, w\u00fcrden wahrscheinlich diejenigen meiner Leser, die meinen wirklichen Lebenslauf kennen, \u00fcberrascht sein. Diejenigen, die gar nichts davon wissen, w\u00fcrden einfach staunen. Ich will nur einige Unternehmungen, an denen ich meine Freude hatte, andeuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei jedem Wetter, zu jeder Tages- oder Nachtstunde versuchte ich den gegebenen Augenblick zu benutzen. Immer war ich bedacht dort festen Fu\u00df zu fassen, wo zwei Ewigkeiten \u2013 Vergangenheit und Zukunft \u2013 zusammentreffen, d. h. gerade im jeweiligen Augenblick. Gerade dort wich ich keinen Zoll. Mit einigen Unklarheiten mu\u00df der Leser schon Nachsicht haben, denn in meinem Handwerk gibt es mehr Geheimnisse als in den meisten anderen. Und doch werden diese nicht vors\u00e4tzlich geh\u00fctet, sondern die Natur der Sache bringt es mit sich. Ich w\u00fcrde mit Freuden alles, was ich dar\u00fcber wei\u00df, mitteilen und niemals an meine T\u00fcr schreiben: \u00bbZutritt verboten\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor langer Zeit verlor ich einen Jagdhund, ein rotbraunes Pferd und eine Turteltaube. Noch immer suche ich sie. Zahlreich sind die Wanderer, mit denen ich \u00fcber die Verlorenen sprach, denen ich die Spuren beschrieben habe und die Rufe, auf die meine Tiere h\u00f6rten. Ein paar Leute hatten das Bellen des Hundes, den Hufschlag des Pferdes vernommen, ja sie hatten auch die Taube gesehen, wie sie gerade hinter einer Wolke verschwand. Und sie waren so erpicht darauf sie wieder einzufangen, als ob sie selbst sie verloren h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gilt, nicht nur dem Sonnenaufgang und der Morgend\u00e4mmerung, nein, wom\u00f6glich der Natur selbst zuvorzukommen! Wie oft bin ich in der Fr\u00fche, im Sommer wie im Winter, bevor noch irgend ein Nachbar zur Arbeit sich anschickte, bei meiner Arbeit gewesen. Sicherlich haben mich manche meiner Mitb\u00fcrger gesehen, wenn ich von meiner Besch\u00e4ftigung zur\u00fcckkehrte: Farmer, die im Zwielicht nach Boston wanderten oder Holzhacker, die zur Arbeit gingen. Allerdings, ich half der Sonne nicht wesentlich beim Aufgehen, aber zweifellos war allein schon meine Anwesenheit bei diesem Ereignis von allerh\u00f6chster Wichtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie viele Herbst- und Wintertage verlebte ich au\u00dferhalb der Stadt, um zu h\u00f6ren, was der Wind sagte, und dann das Geh\u00f6rte als Eilgut weiterzutragen: Fast mein ganzes Verm\u00f6gen steckte ich hinein und verlor obendrein meinen Atem bei dem Handel, wenn ich ihm entgegenst\u00fcrmte. H\u00e4tte er von politischen Parteien erz\u00e4hlt, Ihr k\u00f6nnt Euch drauf verlassen, es h\u00e4tte unter \u00bbNeueste Nachrichten\u00ab alsbald in der Zeitung gestanden. An anderen Tagen hielt ich von dem Observatorium eines Felsens oder eines Baumes aus Wache, um irgend eine ungewohnte Ankunft weiter zu telegraphieren, oder ich wartete abends auf den Gipfeln der H\u00fcgel darauf, da\u00df der Himmel sich herniedersenke, damit ich ein St\u00fcckchen davon erwischen k\u00f6nne. Doch ich erwischte niemals viel, und selbst das zerschmolz wie Manna in der Sonne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lange Zeit war ich Berichterstatter bei einer nicht sehr weit verbreiteten Zeitung, deren Herausgeber sich bisher noch nicht bewogen f\u00fchlte den gr\u00f6\u00dferen Teil meiner Beitr\u00e4ge zu drucken. So bezahlte sich, wie das bei Schriftstellern fast regelm\u00e4\u00dfig geschieht, meine M\u00fche nur durch meine Arbeit. In diesem Fall trug \u00fcbrigens meine M\u00fche ihren Lohn schon in sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lange Jahre hindurch war ich selbstangestellter Inspektor der Schneest\u00fcrme und Regenschauer; ich tat getreulich meine Pflicht. Ich war auch Aufseher, zwar nicht der Landstra\u00dfen, aber der Waldpfade und Feldwege, die ich in allen Jahreszeiten gangbar erhielt. Auch Schluchten \u00fcberbr\u00fcckte ich, wenn die Fu\u00dfstapfen des Publikums zu solch n\u00fctzlichem Tun ermunterten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00fcberwachte den Wildstand meiner Mitb\u00fcrger, der einem pflichttreuen Hirten genug zu schaffen machte, weil das Gehege oft \u00fcbersprungen wurde. Ich lie\u00df meine Augen in die entlegenen Ecken und Winkel der Farm wandern. Zwar wu\u00dfte ich nicht immer, ob Jonas oder Salomo auf diesem oder jenem Acker heute arbeitete \u2013 das ging mich auch nichts an. Ich bego\u00df die roten Heidelbeeren, die Sandkirschen und den Nesselbaum, die Rottanne und die Schwarzesche, den wei\u00dfen Wein und das gelbe Veilchen, die vielleicht sonst in trocknen Jahreszeiten verdorrt w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz, so trieb ich es eine lange Zeit. Ich kann, ohne zu prahlen, sagen, da\u00df ich mein Amt pflichtgetreu versah. Allm\u00e4hlich aber erkannte ich mehr und mehr, da\u00df meine lieben Mitb\u00fcrger gar nicht daran dachten mich in die Stadtverwaltung zu w\u00e4hlen oder mir eine Sinekure mit bescheidenem Gehalte zu geben. Meine Abrechnungen, deren Genauigkeit ich beschw\u00f6ren kann, wurden tats\u00e4chlich nie angesehen, geschweige denn anerkannt, selbstverst\u00e4ndlich auch nie bezahlt oder \u00bbsaldiert\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist noch nicht lange her, da kam ein herumziehender Indianer zu dem Hause eines in meiner Nachbarschaft wohlbekannten Rechtsanwaltes, um K\u00f6rbe zu verkaufen. \u00bbWollen Sie K\u00f6rbe kaufen?\u00ab fragte er. \u00bbNein, wir haben keinen Bedarf\u00ab, war die Antwort. \u00bbWas\u00ab, rief der Indianer, als er zur T\u00fcr hinausging, \u00bbwollt Ihr uns vielleicht Hungers sterben lassen?\u00ab Da er gesehen hatte, da\u00df es seinen flei\u00dfigen, wei\u00dfen Nachbarn gut ging, da\u00df der Rechtsanwalt nur Argumente zu flechten brauchte um Geld und eine gute Stellung zu erhalten, kam ihm der Gedanke: Ich werde auch ein Gesch\u00e4ft anfangen \u2013 ich werde K\u00f6rbe flechten, das ist etwas, was ich fertig bringe. Er dachte, wenn er die K\u00f6rbe hergestellt habe, sei seine Pflicht und Schuldigkeit getan, Pflicht und Schuldigkeit der Wei\u00dfen sei es alsdann, seine K\u00f6rbe zu kaufen. Daran hatte er \u00fcberhaupt nicht gedacht, da\u00df die andern notwendigerweise sein Angebot auch des Ankaufs f\u00fcr wert halten oder hiervon wenigstens \u00fcberzeugt werden m\u00fc\u00dften, oder da\u00df er etwas anderes herstellen k\u00f6nne, was anderen kaufenswert erschiene. Auch ich hatte eine Art Korb von feinem Geflecht angefertigt, aber niemand bem\u00fchte sich ihn zu kaufen. Trotzdem glaubte ich, es sei lohnend ihn zu weben. Aber anstatt zu versuchen ihn den Leuten anzupreisen, \u00fcberlegte ich vielmehr, wie ich der Notwendigkeit ihn zu verkaufen enthoben werden k\u00f6nnte. Es gibt nur <i>eine<\/i> Lebensweise, die von den Menschen gepriesen und als erfolgreich angesehen wird. Aber warum wollen wir von der <i>einen<\/i> so viel Aufhebens auf Kosten der anderen machen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich mir klar dar\u00fcber wurde, da\u00df meine lieben Mitb\u00fcrger mir wahrscheinlich kein B\u00fcro im Rathaus, keine Pfarre oder irgend einen anderen Broterwerb anbieten w\u00fcrden, da\u00df ich vielmehr mir selbst helfen m\u00fcsse, wandte ich mein Augenmerk mehr denn je den W\u00e4ldern zu. Dort war ich besser bekannt. Ich beschlo\u00df, mein Gesch\u00e4ft\u00a0sofort zu er\u00f6ffnen, nicht zu warten, bis ich das \u00fcbliche Kapital erworben habe, sondern die sp\u00e4rlichen Mittel, die ich bereits besa\u00df, zu verwenden. Als ich zum \u00bbWaldenteich\u00ab zog, wollte ich dort weder billig noch teuer leben, sondern Privatgesch\u00e4fte m\u00f6glichst ungehindert erledigen. H\u00e4tte ich mich durch Mangel an gesundem Menschenverstand, an Unternehmungsgeist oder Gesch\u00e4ftstalent davon abhalten lassen, \u2013 es w\u00e4re eher t\u00f6richt als bedauerlich gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe mich stets bem\u00fcht strenge Gesch\u00e4ftsprinzipien zu erlernen. Sie sind f\u00fcr jedermann unumg\u00e4nglich notwendig. Wer mit dem \u00bbHimmlischen Reich\u00ab Handel treibt, kann sich durch eine kleine Filiale an der K\u00fcste, in irgend einem \u00bbSalem-Hafen\u00ab <span class=\"footnote\">Hafen an der neuenglischen K\u00fcste.<\/span> eine gen\u00fcgende Basis schaffen. Man wird jene Artikel, die im Lande produziert werden, exportieren: viel Eis, Tannenholz und etwas Granit \u2013 alles in Schiffen, die in Amerika gebaut wurden. Das w\u00e4re keine schlechte Spekulation. Da gilt es alle Einzelheiten pers\u00f6nlich zu \u00fcberwachen. Lotse und Kapit\u00e4n, Eigent\u00fcmer und Versicherungsagent zugleich zu sein, zu kaufen, zu verkaufen und die B\u00fccher zu f\u00fchren, jeden Brief, der einl\u00e4uft, zu lesen und jeden Brief, der abgehen soll, zu schreiben und durchzulesen, das Eintreffen der importierten Waren bei Tag und bei Nacht zu \u00fcberwachen, an vielen Orten der K\u00fcste fast gleichzeitig zu sein \u2013 oft wird n\u00e4mlich die reichste Fracht in einem ganz unzivilisierten Lande gel\u00f6scht. Da gilt es sein eigener Telegraph zu sein, unerm\u00fcdlich den Horizont abzusuchen und alle Schiffe, die landen wollen, anzusprechen, einen konstanten Warenversand zu unterhalten und einen entlegenen und kaufkr\u00e4ftigen Markt zu versorgen, die Schwankungen des Marktes genau zu verfolgen, \u00fcberall die Aussichten auf Krieg und Frieden und die Tendenzen des Handels und der Zivilisation vorherzusehen, d.\u00a0h. die Ergebnisse der Entdeckungsreisen vorteilhaft zu verwenden, indem man neue Durchfahrten und alle Verbesserungen der Schiffahrt benutzt. Auch Karten mu\u00df man studieren, sich die Lage von Riffen, neuen Leuchtfeuern und Bojen einpr\u00e4gen und ohne Unterla\u00df Logarithmentabellen korrigieren, denn oft zerschellt ein Schiff, das im freundlichen Hafen alsbald Anker werfen sollte, infolge eines Berechnungsfehlers an\u00a0einem Felsen \u2013 man denke an das r\u00e4tselhafte Schicksal von \u00bb <i>La Perousa<\/i>\u00ab. Es gilt gleichen Schritt zu halten mit allen Gebieten der Wissenschaft, den Lebenslauf aller gro\u00dfen Entdecker und Seefahrer, aller gro\u00dfen Gl\u00fccksritter und Kaufherren, von Hanno und den Ph\u00f6niziern an bis auf unsere Tage hinab zu studieren, kurz, man mu\u00df von Zeit zu Zeit das Lager aufnehmen, um seinen Abschlu\u00df zu machen. Solche Arbeit kann als Pr\u00fcfstein f\u00fcr die F\u00e4higkeiten eines Mannes gelten, solche Probleme von Gewinn und Verlust, von Verzinsung, von Taxe und Rabattbewilligung, solch sachkundige Kritik \u00fcber alle Gebiete erfordert ein universelles Wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaubte, da\u00df der Waldenteich ein guter Gesch\u00e4ftsplatz sein m\u00fcsse, nicht allein wegen der Eisenbahn oder des Eishandels. Er bietet Vorteile, die man am besten nicht verr\u00e4t, wenn man klug ist. Er liefert eine gute Stellung, eine gute Basis. Newas\u00fcmpfe sind nicht auszuf\u00fcllen. Doch \u00fcberall mu\u00df man auf selbstgef\u00fcgtem Fundamente bauen. Man behauptet, da\u00df eine Sturmflut bei Westwind mit Eisgang in der Newa St.\u00a0Petersburg vom Angesicht der Erde wegfegen k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da mein Gesch\u00e4ft ohne das \u00fcbliche Kapital begonnen werden sollte, ist es nicht leicht zu erraten, woher die Mittel, die zu irgend einem solchen Unternehmen stets notwendig sind, genommen werden konnten. Was die Kleidung betrifft \u2013 um sogleich zum praktischen Teil der Frage zu kommen\u00a0\u2013, so lassen wir uns bei der Auswahl derselben vielleicht h\u00e4ufiger durch die Modesucht und durch die Kritik unserer Mitmenschen als durch wirkliche praktische Gesichtspunkte leiten. Wer arbeiten mu\u00df, soll nicht vergessen, da\u00df die Kleidung erstens zur Erhaltung der Lebensw\u00e4rme und zweitens \u2013 infolge unserer heutigen sozialen Verh\u00e4ltnisse \u2013 zum Verh\u00fcllen der Nacktheit dienen soll. Er wird dann erkennen, wie viel notwendige oder wichtige Arbeit er verrichten kann ohne den Inhalt seines Kleiderschrankes zu vermehren. K\u00f6nige und K\u00f6niginnen, die ihre Gew\u00e4nder nur einmal tragen, k\u00f6nnen, selbst wenn diese von einem \u00bbHoflieferanten f\u00fcr Herren- oder Damengarderoben\u00ab angefertigt w\u00fcrden, gar nicht wissen, was f\u00fcr eine Annehmlichkeit ein\u00a0gut passender Anzug ist. Sie sind nichts weiter als h\u00f6lzerne St\u00e4nder, \u00fcber die man saubere Kleider h\u00e4ngt. Mit jedem Tage werden unsere Kleider uns selbst \u00e4hnlicher. Immer mehr nehmen sie von dem Charakter des Tr\u00e4gers in sich auf. Schlie\u00dflich, wenn alle \u00e4rztliche Hilfe versagt hat, trennen wir uns nur z\u00f6gernd von ihnen und unter solch feierlichen Zeremonien, wie wir unsern Toten erweisen. Niemals sank ein Mensch in meiner Achtung, weil er einen Fleck in seiner Kleidung hatte. Und doch: ich bin \u00fcberzeugt, im allgemeinen ist man mehr darauf bedacht, moderne oder wenigstens reine und fleckenlose Kleider zu haben als ein reines Gewissen. Und selbst wenn das Loch nicht gestopft ist: das schlimmste Laster, das es verr\u00e4t, hei\u00dft doch nur \u2013 Unvorsichtigkeit. Bisweilen stelle ich meine Bekannten durch Fragen wie die folgende auf die Probe: \u00bbWer kann einen Flicken oder auch nur zwei Extran\u00e4hte \u00fcber dem Knie tragen?\u00ab Die meisten benehmen sich, als ob sie glaubten, durch solch eine Tat w\u00fcrde die Zukunft ihres Lebens ruiniert. Es w\u00fcrde ihnen leichter fallen, mit einem gebrochenen Bein zur Stadt hinabzuhumpeln als mit einer zerrissenen Hose. Wenn die Beine eines Herren durch einen Unfall verletzt werden, k\u00f6nnen sie oftmals wieder hergestellt werden. Doch wenn ein \u00e4hnlicher Anfall seinen Beinkleidern zust\u00f6\u00dft, gibt es keine Hilfe: denn er k\u00fcmmert sich nicht um das, was achtungswert <i>ist<\/i>, sondern was als achtungswert <i>gilt<\/i>. Wir kennen nur wenige M\u00e4nner, aber sehr viele R\u00f6cke und Hosen. Bekleide eine Vogelscheuche mit Deinem neuesten Anzug und stelle dich nackend neben sie \u2013 wer w\u00fcrde da nicht zuerst die Vogelscheuche gr\u00fc\u00dfen? Als ich k\u00fcrzlich an einem Kornfeld vor\u00fcberging und dort einen Hut und Rock an einem Stecken h\u00e4ngen sah, erkannte ich den Besitzer der Farm. Er war nur etwas mehr verwittert wie damals, als ich ihn zum letzten Mal sah. Man hat mir von einem Hunde erz\u00e4hlt, welcher Fremde, die sich in Kleidern dem Geh\u00f6ft seines Herrn n\u00e4herten, ankl\u00e4ffte, der aber von einem nackten Diebe leicht zum Schweigen gebracht wurde. Es ist eine interessante Frage, bis zu welchem Grade die Menschen ihren jeweiligen Rang behalten w\u00fcrden, wenn sie sich ihrer Kleider entledigt h\u00e4tten. K\u00f6nnte man in solchem Falle unter einer Anzahl gebildeter Menschen mit Sicherheit diejenigen bezeichnen, die sich des gr\u00f6\u00dften Ansehens erfreuen? Als Madame Pfeifer, <span class=\"footnote\">Ida Pfeifer, Reisende, 1797\u20131858. Ihre Reiseberichte haben geringen wissenschaftlichen Wert.<\/span> auf ihrer k\u00fchnen Weltreise von Ost nach West, heimkehrend ins asiatische Ru\u00dfland gekommen war, f\u00fchlte sie, wie sie sagte, die Notwendigkeit ihr Reisekost\u00fcm mit einem andern zu vertauschen, sobald sie mit Beh\u00f6rden zu verkehren hatte. Denn sie war \u00bbin einem zivilisierten Lande, wo man die Leute nach ihren Kleidern beurteilt\u00ab. Selbst in unsern demokratischen St\u00e4dten Neuenglands bedingt der zuf\u00e4llige Besitz von Verm\u00f6gen, der sich in der Kleidung und in der Einrichtung zu erkennen gibt, f\u00fcr den Besitzer eine fast allgemeine Hochachtung. Aber die Menschen, die solche Hochachtung zollen, sind, so gro\u00df ihre Zahl auch ist, nichts weiter als G\u00f6tzendiener, denen man einen Mission\u00e4r schicken sollte. Au\u00dferdem ist durch die Kleidung die N\u00e4harbeit entstanden, eine Arbeit, die man endlos nennen kann. Ein Frauenkleid wenigstens wird niemals fertig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat ein Mensch schlie\u00dflich eine Besch\u00e4ftigung gefunden, so gebraucht er keinen neuen Anzug f\u00fcr diese Besch\u00e4ftigung. Ihm gen\u00fcgt der alte, der wer wei\u00df wie lange im Staube der Bodenkammer gelegen hat. Ein Held wird ein Paar alte Schuhe l\u00e4nger tragen als sein Diener \u2013 vorausgesetzt, da\u00df der Held \u00fcberhaupt je einen Diener hat. Nackte F\u00fc\u00dfe sind \u00e4lter als Schuhe, und auch sie gen\u00fcgen zu jedem Vorhaben. Nur wer zu \u00bbSoireen\u00ab und zu Versammlungen am \u00bbgr\u00fcnen Tische\u00ab geht, mu\u00df neue Kleider haben, mu\u00df seinen Anzug so oft wechseln, wie er in ihnen wechselt. Wenn aber mein Wams und meine Hosen, mein Hut und meine Stiefel gut genug sind, um Gott darin zu dienen, so sind sie \u00fcberhaupt gut. Oder nicht? War wirklich je ein alter Anzug \u2013 ein alter Rock \u2013 so sehr abgetragen, so v\u00f6llig in die urspr\u00fcnglichen Bestandteile aufgel\u00f6st, da\u00df er nicht noch einem armen Burschen als milde Gabe geschenkt werden konnte, damit dieser ihn vielleicht einem noch \u00e4rmeren schenke? Oder sollen wir ihn einen reicheren nennen, da er weniger bedurfte? Ich sage Euch: H\u00fctet Euch vor allen Besch\u00e4ftigungen, die neue Kleider und nicht einen neuen Tr\u00e4ger der Kleider verlangen. Wie kann ein neuer Anzug passen, wenn der Mensch nicht neu ist? Plant Ihr irgend ein neues <a id=\"page48\" title=\"JohannN\/quantenspringer\" name=\"page48\"><\/a>Unternehmen, so versucht es in Euren alten Kleidern. Die Menschen brauchen kein bestimmtes Arbeitsfeld, sondern Arbeit oder vielmehr Erfolg. Vielleicht sollten wir uns erst dann einen neuen Anzug anschaffen \u2013 einerlei, wie zerrissen und schmutzig der alte auch ist \u2013 wenn wir f\u00fchlen, da\u00df unser Benehmen, unsere Taten und die Fahrten unseres Lebensschiffes uns zu neuen Menschen in alten Kleidern gemacht haben. Behalten wir aber auch dann den alten Anzug, so bergen wir gleichsam neuen Wein in alten Schl\u00e4uchen. Die Zeit der Mauserung mu\u00df, wie beim Federvieh, eine Krisis in unserem Leben bedeuten. W\u00e4hrend dieser Zeit zieht sich der Taucher auf einsame Teiche zur\u00fcck. Auch die Schlange wirft ihre Haut und die Raupe ihr wurmiges Wams ab, infolge einer inneren Gesch\u00e4ftigkeit und Ausdehnung. Kleider sind nur \u00e4u\u00dfere Haut, unser \u00bbsterblich Teil\u00ab. <span class=\"footnote\">Siehe \u00bbHamlet\u00ab, Monolog.<\/span> Denn sonst k\u00f6nnte man eines Tages entdecken, da\u00df wir unter falscher Flagge segeln. Dann aber w\u00fcrde uns unsere eigene Meinung und die unserer Mitmenschen unnachsichtig kassieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Walden; or, Life in the Woods\u00a0<\/strong>\u2013\u00a0auch als <i>Walden oder H\u00fcttenleben im Walde<\/i> erschienen, von\u00a0Henry David Thoreau, 1854<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/220px-1854_Walden_byThoreau.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-14940\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/220px-1854_Walden_byThoreau.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"378\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/220px-1854_Walden_byThoreau.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/220px-1854_Walden_byThoreau-174x300.jpg 174w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a><\/strong>Henry David Thoreau gilt als Schriftsteller auch in formaler Hinsicht als eine der markantesten Gestalten der klassischen amerikanischen Literatur. Eine Einf\u00fchrung in Leben und Werk von Gerhard Gutherz findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/05\/06\/nachdenken-ueber-einen-einsiedler\/\">hier<\/a>. Als sorgf\u00e4ltig feilender Stilist, als hervorragender Sprachk\u00fcnstler hat er durch die f\u00fcr ihn charakteristische Essayform auf Generationen von Schriftstellern anregend gewirkt. Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Als ich die folgenden Seiten, oder vielmehr den gr\u00f6\u00dften Teil derselben schrieb, lebte ich allein im Walde, eine Meile weit von jedem Nachbarn entfernt in einem Hause, das ich selbst am Ufer des Waldenteiches in Concord, Massachusetts, erbaut hatte&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/12\/sparsamkeit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":217,"featured_media":99597,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1207],"class_list":["post-77681","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-henry-david-thoreau"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77681","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/217"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77681"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77681\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99602,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77681\/revisions\/99602"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99597"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77681"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77681"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77681"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}