{"id":77665,"date":"2024-12-14T00:01:40","date_gmt":"2024-12-13T23:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77665"},"modified":"2022-02-21T05:44:28","modified_gmt":"2022-02-21T04:44:28","slug":"ein-multifunktionales-lyrisches-ich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/12\/14\/ein-multifunktionales-lyrisches-ich\/","title":{"rendered":"ein multifunktionales lyrisches Ich"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVaterland der Ruhelosigkeit\u201c \u2013 unter diesem Titel bildet das letzte Gedicht in dem vorliegenden Band der renommierten rum\u00e4nischen Autorin Ana Blandiana ein Leitmotiv, das den Willen zur Ver\u00e4nderung in einem leidgepr\u00fcften Land ebenso zum Ausdruck bringt wie die Bereitschaft, auf etwas Unbestimmtes zu hoffen. Doch die Spuren zur Entzifferung sind, so das vorl\u00e4ufige Ergebnis dieser Suche, unsichtbar: \u201eWird es mir jemals gelingen,\/ die unsichtbaren Spuren zu entziffern,\/ von denen ich wei\u00df, dass es sie gibt und sie darauf warten,\/ ins Reine geschrieben zu werden, \/ in mein Vaterland A4?\u201c (S. 143).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Suche nach m\u00f6glichen Spuren dieser Ruhelosigkeit begibt sich ein multifunktionales lyrisches Ich in vielschichtige Sph\u00e4ren von imagin\u00e4ren, irdischen und kosmischen R\u00e4umen. Schwalben, dem Glauben gleich, werden von Glocken aufgescheucht, Engel entziehen sich ihrer Ber\u00fchrung durch den Menschen, der Planet ist vom Todesgeheul eines unbekannten Tieres erf\u00fcllt, die Sanduhr \u00e4hnelt dem Traum vom Stehenbleiben vor dem Tod, w\u00e4hrend der Jagd auf die Zeit wird das lyrische Ich zu einer Beute, ohne zu wissen warum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeichnet sich Rettung vor dieser Flucht in einen real empfundenen Raum ab? \u201eDrau\u00dfen auf den H\u00fcgeln findet die Seele \/ ihren Atem wieder,\u201c \u2013 hier im mittleren Abschnitt des Gedichtbandes unterwirft sich die Seele dem Gras, das es von ihrer Unruhe erl\u00f6st, keine Ruhe findet. Im Gegenteil, Horizonte wickeln sich wie Bandagen um eine nun verk\u00f6rperte Seele, der gef\u00fcrchtete Mob bedr\u00e4ngt sie, betatscht ihre Wunden, bedr\u00e4ngt ihren K\u00f6rper, und die Freiheit l\u00e4sst sich machtlos ersetzen, denn, so klagt das leidende Ich, der Natur graut es vor der Leere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hinweise auf das sich qu\u00e4lende Ich h\u00e4ufen sich bereits im ersten Teil des Gedichtbandes. Im \u201eExorzismus\u201c hei\u00dft es: \u201eWenn ich barfu\u00df durch das Gras gehe, flie\u00dft Elektrizit\u00e4t durch mich hindurch \/ in die Erde, \/ genau wie der Teufel \/ in die Erde verschwindet \u2026\u201c (S. 31) Und welcher Ausweg bietet sich dem Ich in dieser Situation an? Es unterwirft sich dem Gras. Doch dieser Unterwerfungsprozess l\u00e4uft auch, wie Ana Blandianas Gedichte \u00fcber beseelte Naturr\u00e4ume verdeutlichen, zwischen Tannen und in Laubh\u00f6lzern ab, bestimmt die nat\u00fcrlichen Abl\u00e4ufe in\u00a0 den Ein\u00f6den, erf\u00fcllt selbst Stoffwechselprozesse am Riemen eines Rucksacks (!) (vgl. S. 45). Eine besonders intime Studie \u00fcber die wechselhaften Beziehungen von psychischen Stimulationen zwischen Mensch und Natur enth\u00e4lt die \u201eBiografie\u201c, in der ein kindliches Ich beobachtet, \u201ewie die Bl\u00e4tter \/im Rhythmus meiner Gedanken zitterten\u201c (S. 49). Selbst V\u00f6gel reagieren auf von Menschen erzeugte Laute. Es ist ein von hoher gegenseitiger Wahrnehmung erf\u00fcllter Vorgang, der von der phantasiegeladenen Sensibilit\u00e4t der Dichterin zeugt. In der folgenden Vision folgen selbst Tiere ihren lautmalerischen Artikulationen, ein Vorgang, der das kindliche Ich mit Angst erf\u00fcllt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt viele andere Beispiele f\u00fcr das schwebende Spiel des Ich mit Tieren, die von einer g\u00f6ttlichen Einsicht erf\u00fcllt sind. Wie zum Beispiel in dem Gedicht \u201eGebet\u201c: \u201eGott der Libellen, der Nachtfalter, \/ der Lerchen und der Eulen, \/ Gott der W\u00fcrmer und Skorpione, \/ und der K\u00fcchenschaben, \/ Gott, der du jeden anderes gelehrt hast, \/ und im voraus alles wei\u00df, was jedem passieren wird,\u201c (S. 83) Doch dieser Gott erweist sich schuldig, \u201eweil du einige zu Opfern, andere zu Henkern gemacht hast\u201c. Er ist deshalb ein Gott der Schuld, \u201eder ganz allein bestimmt hat, das Verh\u00e4ltnis zwischen Gut und B\u00f6se\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es ein weiteres Beispiel f\u00fcr die vielschichtige dialogische Poetik Ana Blandianas gibt, dann ist es das aus zw\u00f6lf Gedichten bestehende \u201eRequiem\u201c (vgl. S. 114-127). Es ist ein imagin\u00e4res Gespr\u00e4ch zwischen einem mit irdischen und transzendentalen Wahrnehmungen erf\u00fclltes Ich und einem vielschichtigen Du, das einen Dialog mit \u201eNiemand\u201c f\u00fchrt. Es ist ein raffiniertes Verfahren, in dem der Dialogpartner mit Eigenschaften ausgestattet wird, die das Ich gerne besitzen w\u00fcrde. In diesem intensiven Gespr\u00e4ch werden sowohl Zeugen aus der antiken Philosophie wie Plotin als auch der Romantiker Novalis bem\u00fcht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso auff\u00e4llig ist, dass in den meisten Texten die zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte der Weltgesellschaft benannt werden. Gegen sie richten sich die Bem\u00fchungen der Dichterin, die d\u00fcnne zivilisatorische Schicht zu unterst\u00fctzen, Sie hat vor allem in den j\u00fcngsten Jahrhunderten den Dialog mit der Natur wieder aufgenommen, indem sie deren schwere Verwundungen zu heilen versucht. Ob dieser Heilungsproze\u00df gelingen wird, ist in dem Gedicht \u201eWunde\u201c nachempfunden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJemand hat um den Stamm des Kirschbaums \/ einen Draht gewunden \/ und ihn ohne Mitleid tief verletzt, \/ weil er nicht wusste, dass auch ein Kirschbaum verwundbar ist \u2026\u201c (S. 111). Rettung aber f\u00fcr den schwer verletzten Baum ist in Sicht, weil der Kirschbaum den helfenden Bem\u00fchungen der Menschen \u201eGlauben schenkt\u201c. Zeichnet sich da ein Lichtschimmer in dem Prozess einer Sinnlosigkeit ab, die der Tenor im Sp\u00e4twerk von Blandiana ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das hoch zu lobende Werk der drei \u00dcbersetzer*innen Katharina Kilzer, Horst Samson und Maria Herlo, die diesem Gedichtband eine deutschsprachige Klangkraft verliehen haben, in der die vielschichtige Dialogizit\u00e4t und die poetische Eleganz von Ana Blandiana zum Tragen kommt. Die dem Gedichtband beigef\u00fcgten Lebens- und Schaffensdaten der aus Timisoara stammenden Dichterin und Prosaistin verdichten sich zu einem in sich geschlossenen Eindruck einer renommierten Vertreterin einer europ\u00e4ischen Literatur, in der die rum\u00e4nische poetische Stimmkraft immer deutlicher zu vernehmen ist. Sie gewinnt nicht zuletzt an Gewicht, weil Ana Blandiana bereits in den dunkelsten Stunden der rum\u00e4nischen Nachkriegsgeschichte ihren poetisch hoch aufgeladenen Widerstand h\u00f6rbar machte und nach 1989 zu einer weltweit pr\u00e4senten Zeugin der Aufarbeitung der j\u00fcngsten Geschichte wurde. Die zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen in renommierten deutschen Verlagen, im Anhang des vorliegenden Gedichtbandes abgedruckt, verdeutlichen, dass das Werk von Ana Blandiana nunmehr auch ein immer breiteres Lesepublikum erreicht, dank der Bem\u00fchungen vor allem der \u00dcbersetzer*innen, die aus dem Banat und Siebenb\u00fcrgen in den 1970er\/80er Jahren in die Bundesrepublik Deutschland ausgewandert sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mein Vaterland A4 Patria mea<\/strong>. Gedichte von Ana Blandiana. Deutsch \/ Rum\u00e4nisch. Ludwigsburg (Pop Verlag) 2020<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Blandiana_Cover-e1615299105278.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-77667 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Blandiana_Cover-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" \/><\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eVaterland der Ruhelosigkeit\u201c \u2013 unter diesem Titel bildet das letzte Gedicht in dem vorliegenden Band der renommierten rum\u00e4nischen Autorin Ana Blandiana ein Leitmotiv, das den Willen zur Ver\u00e4nderung in einem leidgepr\u00fcften Land ebenso zum Ausdruck bringt wie die Bereitschaft,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/12\/14\/ein-multifunktionales-lyrisches-ich\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2170,1158],"class_list":["post-77665","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ana-blandiana","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77665","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77665"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77665\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99024,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77665\/revisions\/99024"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}