{"id":77580,"date":"2012-05-06T00:01:10","date_gmt":"2012-05-05T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77580"},"modified":"2023-07-12T05:51:28","modified_gmt":"2023-07-12T03:51:28","slug":"ein-amerikanischer-diogenes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/05\/06\/ein-amerikanischer-diogenes\/","title":{"rendered":"Ein amerikanischer Diogenes"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> Vor 150 Jahren starb Henry David Thoreau. KUNO erinnert an ihn mit einem Essay von Karl Knortz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><b>I.<\/b><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das amerikanische Leben ist nicht geeignet, den Hang zur beschaulichen, tr\u00e4umerischen Einsamkeit oder dauernden Zur\u00fcckgezogenheit zu f\u00f6rdern; denn der dasselbe durchdringende und treibende demokratische Geist zwingt den Menschen unwillk\u00fcrlich, wenn nicht an allen, so doch an den wichtigsten, sich auf die allgemeine Wohlfahrt beziehenden Fragen thatkr\u00e4ftig theilzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich also hier einem einfachen, die ganze Welt verachtenden Diogenesleben ergiebt, setzt sich, einerlei, was auch die Beweggr\u00fcnde daf\u00fcr sein m\u00f6gen, leicht der Gefahr aus, da\u00df sein Gesundheitszustand von der hohen Obrigkeit gepr\u00fcft und da\u00df er, je nach dem Resultate dieser Untersuchung, entweder in ein Irrenhaus gesperrt oder der sogenannten Heerdenmenschheit wieder einverleibt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u00f6ffentliche Leben Amerikas ist das Product seiner gleichberechtigten B\u00fcrger, und jeder Einzelne ist mithin f\u00fcr die Gestaltung desselben je nach dem Maa\u00dfe seines pers\u00f6nlichen Einflusses verantwortlich. Zeigt dasselbe nun Schattenseiten, so ist jedem B\u00fcrger dadurch einfach die moralische Aufgabe gestellt, dieselben durch geeignetes Einwirken auf die regierende Volksmasse zu beseitigen; sich aber von letzterer schmollend abzusondern und sich in irgend einen abgelegenen Winkel zu verkriechen, um den m\u00fc\u00dfigen Welt- und Menschenfeind zu spielen, ist offenbarer, durch nichts zu entschuldigender Wahnsinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"Seite_4\" class=\"PageNumber\"><\/span>Jede absichtliche und beharrliche Fernhaltung vom \u00f6ffentlichen Verkehre wird von dem n\u00fcchternen Amerikaner irgend einer Geistesst\u00f6rung zugeschrieben, und deshalb mu\u00dfte sich auch der hier eingehend zu besprechende Henry D. Thoreau, der doch nur zwei Jahre am Waldensee ein w\u00f6chentlich mehrmals unterbrochenes Einsiedlerleben f\u00fchrte, um ungehindert philosophischen und naturwissenschaftlichen Studien und Betrachtungen huldigen zu k\u00f6nnen, damit begn\u00fcgen, nur bei \u00e4u\u00dferst wenigen Sch\u00f6ngeistern Anerkennung f\u00fcr seine litterarischen Leistungen zu finden, und es sich au\u00dferdem gefallen lassen, von seinen meisten Bekannten f\u00fcr einen unverbesserlichen Narren gehalten zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere moderne Civilisation ist ein k\u00fcnstliches Gewebe, das uns t\u00e4glich immer mehr dem directen, K\u00f6rper, Herz und Gem\u00fcth st\u00e4rkenden Umgang mit der Natur entfremdet und viele der lobenswerthen Eigenschaften und Tugenden raubt, welche den Stolz unserer Vorv\u00e4ter bildeten. Heuchelei, und zwar die ebenso durchsichtige wie unversch\u00e4mte Heuchelei, ist die Signatur unseres Jahrhunderts geworden, und da, wo ein Prediger die R\u00fcckkehr zur Natur verk\u00fcndet, setzt man ihm entweder taube Ohren entgegen, oder man antwortet durch ein sp\u00f6ttisches, skeptisches L\u00e4cheln, obgleich es im Grunde wenig dabei zu lachen giebt. Denn die R\u00fcckkehr zur Natur bezeichnet durchaus nicht die R\u00fcckkehr in den trostlosen Zustand des Barbarenthums mit seinen Greueln, Entbehrungen und seiner geistigen und k\u00f6rperlichen Unfreiheit, sondern vielmehr eine R\u00fcckkehr zur anspruchslosen Einfachheit und zur unbesiegbaren, sich keinen Bedingungen f\u00fcgenden Charakterfestigkeit. Diese R\u00fcckkehr zur Natur soll uns aus der Sklaverei der conventionellen L\u00fcgen unserer Civilisation, sowie von den dadurch hervorgerufenen k\u00fcnstlichen Bed\u00fcrfnissen befreien, damit wir nicht, w\u00e4hrend wir als Riesen der Intelligenz auftreten, moralisch und physisch verkr\u00fcppeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die hier kurz angedeuteten Principien hatte Thoreau zum Leitmotiv seines Lebens, Dichtens und Trachtens genommen, und was wir auch von seiner praktischen Ausf\u00fchrung derselben denken m\u00f6gen, der consequenten Verfolgung seines Zieles k\u00f6nnen wir unsere Achtung nicht versagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Henry David Thoreau<\/i> wurde am 12. Juli 1817 zu Concord in der N\u00e4he Bostons in Massachusetts geboren. Dieses St\u00e4dtchen, in dem sein in bescheidenen Verh\u00e4ltnissen lebender Vater eine kleine Bleistiftfabrik besa\u00df, hatte damals gegen 2000 Einwohner, die meistens dem Handwerkerstande angeh\u00f6rten und die bei aller Anspruchslosigkeit sich doch ernstlich f\u00fcr jede neue Erscheinung auf dem Gebiete der Litteratur und Wissenschaft interessirten. <i>Dr.<\/i> Ripley, ein unitarischer Geistlicher, bildete w\u00e4hrend eines halben Jahrhunderts den leitenden Geist dieses St\u00e4dtchens. Er bewohnte das sogenannte <i>\u201eold manse\u201c<\/i> das sp\u00e4ter durch den Novellisten Hawthorne verewigt wurde. Er war ein bereitwilliger und h\u00fclfreicher Berather in allen \u00f6ffentlichen und privaten Angelegenheiten und Fragen und erfreute sich wegen seiner makellosen Biederkeit des ungetheilten Vertrauens aller Einwohner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Umgebung Concords ist nicht ohne landschaftliche Reize; besonders \u00fcbten die umliegenden kleinen Seen und sanften H\u00fcgel auf das zur Naturschw\u00e4rmerei geneigte Gem\u00fcth Thoreau\u2019s einen unwiderstehlichen Zauber aus. Von seinem sechsten Jahre an trieb er die Kuh seiner Eltern t\u00e4glich auf die Weide, und sobald er eine Schrotflinte tragen konnte und eine Angel zu gebrauchen verstand, vers\u00e4umte er es nicht, flei\u00dfig damit sein Gl\u00fcck zu versuchen. Nach Spielkameraden sehnte er sich aber so wenig wie diese, die ihn seines ernsten Wesens wegen nur den \u201eRichter\u201c nannten, nach seiner Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem Thoreau das sogenannte <i>Concord College<\/i> mehrere Jahre besucht und sich besonders eine ziemlich gr\u00fcndliche Kenntni\u00df der klassischen Sprachen, denen er eine bemerkenswerthe Vorliebe entgegenbrachte, angeeignet hatte, bezog er <i>Harward College<\/i>, woselbst er, da er von seinen Verwandten nur sp\u00e4rliche Unterst\u00fctzung erwarten konnte, sich eines \u00e4u\u00dferst \u00f6konomischen Lebens beflei\u00dfigen mu\u00dfte. In den Ferien hielt er gew\u00f6hnlich auf dem Lande Schule und lie\u00df sich nach dem damaligen Gebrauche von den Bauern Kost und Logis liefern. Bei dieser Gelegenheit lernte er auch einen gebildeten Landgeistlichen kennen, der ihm Unterricht in der deutschen Sprache und Litteratur gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als 1834 Emerson seinen dauernden Wohnsitz in Concord aufschlug und von <i>Dr.<\/i> Ripley auf die Talente und die Mittellosigkeit Thoreau\u2019s aufmerksam gemacht wurde, lie\u00df er es sich nicht nehmen, den jungen Studenten nach Kr\u00e4ften pecuni\u00e4r zu unterst\u00fctzen. Thoreau\u2019s Verwandte waren jedoch von dem Fortschritte seiner Studien, die auch oft durch Kr\u00e4nklichkeit unterbrochen wurden, nicht besonders erbaut, und als er 1837 graduirte, geschah dies ohne jede akademische Auszeichnung. Auf eine solche legte Thoreau, der ein geschworener Feind aller Formalit\u00e4ten war, auch nicht den allergeringsten Werth.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein damaliger Schulkamerad John Wei\u00df, der sich sp\u00e4ter als Geistlicher der Unitarierkirche hervorthat, hat im <i>\u201eChristian Examiner\u201c<\/i> (Juli 1865) dem Universit\u00e4tsleben Thoreau\u2019s eine ausf\u00fchrliche Schilderung gewidmet. Nach diesem wahrheitsgetreuen Berichte wurde Thoreau f\u00fcr einen geistig beschr\u00e4nkten, m\u00fcrrischen Sonderling gehalten, mit dem, da er aus seiner Verachtung alles geselligen Wesens und aus seiner Gleichg\u00fcltigkeit gegen Welt und Menschen durchaus kein Geheimni\u00df machte, keiner seiner Mitsch\u00fcler in kameradschaftlichen Verkehr trat. Auch seine Lehrer hatten wenig Sympathie f\u00fcr ihn \u00fcbrig. Sein Leben, verglichen mit dem anderer Studenten, war die Einfachheit selber. In religi\u00f6sen und socialen Fragen huldigte er schon damals radikaleren Ansichten, als seine Bekannten rathsam fanden. \u201eDie Erziehung,\u201c sagt er, \u201emacht aus einem sich munter dahinschl\u00e4ngelnden, freien Waldb\u00e4chlein eine gerade, allen landschaftlichen Reizen entbehrende Grube; sie erstickt die Originalit\u00e4t, die nat\u00fcrliche Einfachheit und die offene, opferbereite Rechtschaffenheit.\u201c Gegen solche sch\u00e4dliche Einwirkungen wollte er wenigstens sich nach Kr\u00e4ften wehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach seiner Mittheilung hatte er auf <i>Harward College<\/i> nur gelernt, seine Gedanken klar auszudr\u00fccken; f\u00fcr seine Gedanken aber war er keinem Professor, sondern nur gewissen B\u00fcchern, sowie eigenem Sinnen verpflichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Thoreau <i>Harward College<\/i> verlie\u00df, war er zwanzig Jahre alt. Zu Hause angekommen, fragte er seine Mutter, was er nun beginnen solle. Als ihm diese nun anrieth, schnell sein B\u00fcndel zu packen und sein Gl\u00fcck in der Fremde zu suchen, rief seine Schwester energisch: \u201eNein, Henry bleibt hier!\u201c Und so geschah es auch. Zum Reisen hatte er \u00fcberhaupt wenig Lust, denn sein Herz hing mit allen Fasern an seiner geliebten Heimath.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da aber etwas gethan werden mu\u00dfte, um Leib und Seele zusammen zu halten, so entschlo\u00df sich Thoreau, seinem Bruder, der in Concord eine Privatschule leitete, zu helfen; da er dieses jedoch, wie er sp\u00e4ter offen eingestand, nur des schn\u00f6den Gelderwerbes wegen that und zum Lehrer nicht die geringste Neigung besa\u00df, so war es kein Wunder, da\u00df seine schulmeisterliche Carri\u00e8re einen schnellen Abschlu\u00df fand. Nach Channing\u2019s Mittheilung mu\u00dfte Thoreau deshalb seine Stelle aufgeben, weil er den Gebrauch des Stockes verp\u00f6nte und denselben durch Moralpredigten ersetzen wollte. Man bef\u00fcrchtete n\u00e4mlich, da\u00df durch diese unerh\u00f6rte Neuerung das Ansehen der Schule leiden und die Sch\u00fclerzahl abnehmen w\u00fcrde. Von nun an widmete sich Thoreau dem ihm mehr zusagenden, aber wenig eintr\u00e4glichen Studium der Naturwissenschaften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Zeit, von der wir hier sprechen, fing man in Neuengland an, sich gewaltig f\u00fcr transcendentale Philosophie zu interessiren. Die Leiter dieser Bewegung waren George Ripley, Alcott und Emerson. Dieser Transcendentalismus war eine neue protestantische Richtung des Puritanismus, welche den religi\u00f6sen Glauben vom Zwange starrer Dogmen befreien wollte. Da nun die Anh\u00e4nger dieser Religionsphilosophie R\u00fcckkehr zur nat\u00fcrlichen Einfachheit predigten und die Verbindung der Arbeit des Kopfes mit der der Hand bef\u00fcrworteten, so braucht es uns nicht Wunder zu nehmen, da\u00df sich Thoreau dieser Bewegung gegen\u00fcber nicht kalt verhielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Transcendentalisten glaubten ferner, da\u00df die Freiheit des Individuums durch keine Staatsgesetze beengt werden d\u00fcrfte, und da dies unter den obwaltenden Umst\u00e4nden nicht erlaubt werden konnte, so gr\u00fcndeten die Anh\u00e4nger dieser neuen Bewegung kommunistische Ansiedelungen, in denen, wie ein sarkastischer Beurtheiler bemerkt, Alles, nur nicht der gesunde Menschenverstand \u201ekommun\u201c war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was man nun immerhin vom Transcendentalismus Neuenglands denken mag, so viel ist sicher, da\u00df er Amerika mit neuen Ideen und Sch\u00f6pfungen bereicherte und den starren Puritanismus zum Wanken brachte. Letzteres fand allerdings nicht den Beifall des alten Pastors Ripley in Concord, und da er daraus auch kein Geheimni\u00df machte, so lie\u00df sich Thoreau von der Mitgliederliste seiner Gemeinde streichen und weigerte sich, die ihm zum Unterhalt eines Geistlichen auferlegte Steuer zu Zahlen, was ihn beinahe ins Gef\u00e4ngni\u00df gebracht h\u00e4tte. Nur die schriftliche Erkl\u00e4rung, \u00fcberhaupt keiner Gemeinde mehr angeh\u00f6ren zu wollen, sch\u00fctzte ihn vor der drohenden Freiheitsstrafe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBei den meisten Menschen,\u201c \u00e4u\u00dferte sich Thoreau damals, \u201eist die Religion nichts als eine Gewohnheitssache, oder vielmehr die Gewohnheit ist ihre Religion.\u201c Als echter Pantheist verrichtete er seinen Gottesdienst in der freien Natur, ohne jedoch dabei wie ein Uhlandscher Sch\u00e4fer and\u00e4chtig auf die Kniee zu fallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau war ein vollendeter Meister in der Kunst, sich Mu\u00dfestunden zu verschaffen, ohne da\u00df man ihn deshalb gerade des M\u00fc\u00dfigganges anzuklagen braucht. Seine Bed\u00fcrfni\u00dflosigkeit war die Quelle seiner Selbstst\u00e4ndigkeit; er arbeitete \u00fcberhaupt nur dann, wenn es ihm an den n\u00f6thigsten Mitteln zur Stillung seines Hungers gebrach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je weniger der Mensch braucht, desto reicher ist er, pflegte er zu sagen. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, mu\u00df Thoreau f\u00fcr einen der wohlhabendsten M\u00e4nner seiner Zeit angesehen werden. Er wollte ausschlie\u00dflich nach seinen eigenen Ansichten leben und sich nicht zur Beschaffung \u00fcberfl\u00fcssiger Bequemlichkeiten in die Tretm\u00fchle eines bestimmten Gesch\u00e4ftes zw\u00e4ngen lassen. Die Pflichten seines eigentlichen Amtes, wozu er sich selber ernannt, waren: den Lauf der Sonne, Wolken und St\u00fcrme zu beobachten, Alles, was auf Erden kreucht oder in den L\u00fcften fleugt, zu studiren und sich betreffs aller Vorg\u00e4nge in Wald und Feld auf dem Laufenden zu erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Welt und Menschen stellte er wenige Anspr\u00fcche. Wenn ihm das Geld ausgegangen, so war er bereit, irgend eine Arbeit zu verrichten; dann spaltete er Holz f\u00fcr Emerson, half seinem Vater Bleistifte fabriciren oder verrichtete die Dienste eines Landvermessers, wozu er eine besondere Geschicklichkeit besa\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Emerson besa\u00df er einen treuen und zuverl\u00e4ssigen Freund. Derselbe hielt gro\u00dfe St\u00fccke auf ihn; er f\u00fchrte ihn in die Kreise seiner Bekannten ein und beredete ihn auch, einige seiner Aufs\u00e4tze dem \u201eDial\u201c, dem Organe der Transcendentalisten, zu \u00fcberlassen. Von 1841 bis 1843 wohnte Thoreau sogar in Emerson\u2019s Haus und machte sich dort auf mannigfache Weise n\u00fctzlich. In einem an Carlyle gerichteten Briefe schreibt Emerson: \u201eEiner Deiner Leser und Verehrer, Henry Thoreau, wohnt jetzt in meinem Hause. Er ist ein edler, gesetzter junger Mann, auf den Du eines Tages stolz sein wirst. Wir arbeiten jeden Tag in meinem Garten zusammen und ich werde gesund und stark dabei.\u201c Immer war Emerson jedoch nicht zufrieden mit ihm, denn er machte einst die etwas sarkastisch klingende Bemerkung: <i>\u201eThoreau is, with difficulty, sweet.\u201c<\/i> Da Emerson aber als Wanderredner h\u00e4ufig ausgedehnte Reisen zu machen hatte, war er nur zu froh, da\u00df er w\u00e4hrend dieser Zeit sein Haus in den H\u00e4nden eines zuverl\u00e4ssigen und gewissenhaften W\u00e4chters wu\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch mit dem mystischen Schw\u00e4rmer Alcott stand Thoreau auf vertrautem Fu\u00dfe. Zu Margaret Fuller, der geistreichen Redactrice des \u201eDial\u201c, f\u00fchlte er sich jedoch nicht besonders hingezogen. Dieselbe schreibt von ihm, da\u00df er einem \u00f6den Felsen gleiche, der von der warmen Fr\u00fchlingssonne noch nicht beschienen sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine ihm v\u00f6llig wahlverwandte Seele fand Thoreau in William Ellerly Channing, dem Neffen des bekannten gleichnamigen Theologen. Beide lebten mit den gesellschaftlichen Zust\u00e4nden auf best\u00e4ndigem Kriegsfu\u00df und Beide waren der Naturschw\u00e4rmerei leidenschaftlich ergeben. Auch hatte Channing einst l\u00e4ngere Zeit im Staate Illinois als Einsiedler zugebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Novellisten Hawthorne hatte Thoreau wenig Verkehr; Beide aber sch\u00e4tzten sich gegenseitig sehr hoch. Eine Zeitlang hatte er ihn allerdings zum Aufenthalte in der freien Natur begeistert; aber Hawthorne verlor doch gar bald wieder das Interesse an Wind und Wetter, Fischen, V\u00f6geln und Reptilien. Einige Charakterz\u00fcge Thoreau\u2019s aber hat er sp\u00e4ter auf seinen Donatello in \u201eMarble Faun\u201c \u00fcbertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit besonderer Vorliebe bestieg Thoreau die h\u00f6chsten Berge in der Umgebung Concords. \u201eHohe Gipfel,\u201c pflegte er zu sagen, \u201ekann die Civilisation nicht leicht erreichen, sondern sie mu\u00df sich damit begn\u00fcgen, sich am Fu\u00dfe hinzuschl\u00e4ngeln.\u201c Er ha\u00dfte die Menschen gerade nicht, mied sie aber aus dem Grunde, weil er zu verschieden von ihnen war. Was f\u00fcr die gew\u00f6hnlichen Sterblichen Freude und Sorge, Erfolg und Fehlschlag, Hoheit und Gemeinheit bedeutete, lie\u00df ihn v\u00f6llig kalt. Seine Bekannten sahen ihn oft mitleidsvoll an, wenn er Tage lang einsam und zwecklos durch Feld und Wald schweifte; er hingegen bemitleidete sie ebenfalls, weil sie nicht gelernt hatten, ein gleiches sorgenfreies Leben zu f\u00fchren. Doch so ganz ungesellig war Thoreau nicht; er fand nur zu wenige, ihm passende Menschen und, wie hinzugef\u00fcgt werden mu\u00df, er gab sich auch nicht die rechte M\u00fche, sie zu suchen. In Gesellschaft anspruchsloser Farmer befand er sich stets am wohlsten. Kam er mit Gelehrten oder solchen Leuten zusammen, die Anspruch auf Bildung erhoben, so verhielt er sich meist zur\u00fcckhaltend; \u00f6fters aber trat er ihren Anma\u00dfungen auch entschieden und schroff gegen\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1843 nahm Thoreau eine Hauslehrerstelle in der Familie eines Bruders von Emerson auf Long Island an und ward dadurch auch mit Horace Greeley bekannt, der damals in seiner \u201eTribune\u201c Propaganda f\u00fcr die Ideen Fourier\u2019s machte und der auch daf\u00fcr sorgte, da\u00df einige litterarische Arbeiten Thoreau\u2019s im Druck erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau machte nun \u00f6fters Abstecher nach dem benachbarten New-York. Die dortigen Kirchen und Pal\u00e4ste fanden keine Gnade vor seinen Augen, denn er sah in ihnen nichts anderes, als steinerne Gef\u00e4ngnisse f\u00fcr Geist und K\u00f6rper; gr\u00f6\u00dferen Gefallen fand er dagegen an dem dortigen Volksleben auf den Stra\u00dfen und sonstigen Verkehrswegen. Aber auf die Eisenbahnen, welche ihn immerfort in seinen Betrachtungen st\u00f6rten und welche sich best\u00e4ndig nach allen Richtungen ausdehnten, war er schlecht zu sprechen; er verglich sie mit dem trojanischen Pferde, dessen Bemannung nur Ungl\u00fcck bringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Alcott den Versuch machte, eine nach den Principien des Transcendentalismus geleitete kommunistische Kolonie zu gr\u00fcnden, suchte er unter Anderen auch seinen Freund Thoreau zum Eintritt in dieselbe zu bewegen, stie\u00df jedoch bei ihm auf entschiedenen Widerstand. Lieber wollte er, schrieb er damals in sein Tagebuch, als Junggeselle in der H\u00f6lle leben. Daf\u00fcr aber gr\u00fcndete er eine \u201eKolonie\u201c f\u00fcr sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1845 nahm sich Thoreau vor, seinen langgehegten und wohlerwogenen Vorsatz, auf l\u00e4ngere Zeit das Leben eines modernen Einsiedlers zu f\u00fchren, endlich zu verwirklichen und sich am Walden Pond, einem 1 1\/2 Meilen von Concord gelegenen See, der eine Fl\u00e4che von 61 Acker bedeckte, anzusiedeln. \u201eMeine Mitb\u00fcrger,\u201c schrieb er damals, \u201ewerden mir schwerlich ein \u00f6ffentliches Amt \u00fcbertragen, und ich bin daher gezwungen, mir mit meinen sp\u00e4rlichen Mitteln ein Privatgesch\u00e4ft zu gr\u00fcnden.\u201c Und dieses Privatgesch\u00e4ft bestand in philosophischen Betrachtungen, die er dann und wann zur Fristung seines Lebens durch allerlei Frohnarbeiten unterbrach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Waldensee wird von verborgenen Quellen gespeist und hat auch keinen sichtbaren Abflu\u00df; sein Wasser ist so klar, da\u00df man bis zu einer Tiefe von 30 Fu\u00df hineinsehen kann. Zur Zeit Thoreau\u2019s war er mit dicht bewaldeten H\u00fcgeln umgeben, in welchen sich h\u00e4ufig Justizfl\u00fcchtlinge aufhielten. Der Grund und Boden, auf den Thoreau seine H\u00fctte stellte, geh\u00f6rte Emerson.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ende M\u00e4rz des vorhin genannten Jahres borgte sich also Thoreau Alcott\u2019s beste Axt, die dieser wie seinen Augapfel sch\u00e4tzte, hieb einige m\u00e4chtige Tannenb\u00e4ume um und bearbeitete sie zu Balken und Pfosten. Dann kaufte er einige Bretter von einem in der Umgebung wohnenden Irl\u00e4nder und nun ging es an das Aufstellen der H\u00fctte, wobei er von den Schw\u00e4rmern <span id=\"Seite_13\" class=\"PageNumber\"><\/span> Alcott und George Curtis wacker unterst\u00fctzt wurde. Bei dieser Gelegenheit erhielt Ersterer auch seine Axt wieder zur\u00fcck, und war dieselbe zu seiner Freude viel besser gesch\u00e4rft, als jemals zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 4. Juli, also am Tage der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung, bezog Thoreau seine neue Wohnung. Dieselbe hatte ihn baare 28 Dollars gekostet; sie war 10 Fu\u00df breit und 15 Fu\u00df lang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGott sei Dank\u201c, sagte er, \u201eda\u00df ich ohne M\u00f6bel stehen und sitzen kann.\u201c Aber er hatte doch einige M\u00f6bel, n\u00e4mlich einen Tisch, ein Bett und drei selbstgezimmerte St\u00fchle; au\u00dferdem besa\u00df er einen Spiegel, eine Feuerzange, einen Kessel, eine Pfanne, eine Tasse, eine Lampe, zwei Messer und Gabeln und einige Kr\u00fcge f\u00fcr Oel und Molasses. Gardinen brauchte er nicht vor sein Fenster zu h\u00e4ngen, denn Niemand sah sich seine Geheimnisse von au\u00dfen an, und der Blick der Sonne und des Mondes genirte ihn nicht. Jeden Morgen stand er mit der Sonne auf und nahm, vorausgesetzt da\u00df es die Witterung erlaubte, sein Bad im Waldensee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend des ersten Sommers pflanzte er R\u00fcben, Erbsen, Kartoffeln und Bohnen; besondere Sorgfalt verwandte er auf die letztgenannte Frucht, doch sagten die Bauern, die gelegentlich vorbeifuhren und den Sonderling an der Arbeit sahen, da\u00df er die Bohnen erst dann in die Erde stecke, nachdem die \u00fcbrigen Farmer die ihrigen schon l\u00e4ngst eingeheimst h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende des ersten Jahres hatte Thoreau durch den Verkauf seiner Producte die Summe von acht Dollars er\u00fcbrigt, \u2013 ein Resultat, mit dem er \u00fcbrigens vollst\u00e4ndig zufrieden war. Er war wenigstens unabh\u00e4ngiger als irgend ein mit Hypothekenschulden belasteter Farmer und hatte au\u00dferdem noch das beruhigende Bewu\u00dftsein, da\u00df, wenn sein Haus abbrenne oder wenn ihm seine Ernte mi\u00dfrathe, er durch diesen Verlust nicht ruinirt w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da Thoreau so viele Handwerke verstand, wie er Finger an den H\u00e4nden hatte, so fiel es ihm auch nicht schwer, Besch\u00e4ftigung zu erlangen, wenn er Geld brauchte. War Letzteres nicht der Fall, so lief er im Walde herum oder sa\u00df vor seiner Hausth\u00fcr unter einem Schattenbaume und lie\u00df sich von den V\u00f6geln, die seine N\u00e4he zu lieben schienen, ein Concert geben. \u2013 Abends ging er gew\u00f6hnlich am Seeufer spazieren und weckte das Echo durch sein meisterhaftes Fl\u00f6tenspiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Kleidung war so einfach wie seine Wohnung. Seine Nahrung bestand aus Reis, Mais, Kartoffeln und anderen Feldfr\u00fcchten; manchmal fing er sich auch einen Fisch. Sein Getr\u00e4nk war Wasser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Winter besch\u00e4ftigte er sich haupts\u00e4chlich litterarisch. Einfache Naturmenschen, wie Kinder, Farmer, J\u00e4ger und Fischer waren ihm in seiner H\u00fctte stets willkommen. Neugierigen Socialreformern, speculativen Philosophen, langweiligen Philanthropen und sch\u00f6ngeistigen Salbaderern wies er gerade nicht die Th\u00fcre, aber er zeigte ihnen dadurch das Unangenehme ihrer Gegenwart an, da\u00df er pl\u00f6tzlich einem \u201ewichtigen Gesch\u00e4fte\u201c nachging und die an ihn gerichteten Fragen aus immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Entfernung beantwortete. Emerson, Alcott und Channing waren nat\u00fcrlich stets gern gesehene G\u00e4ste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da Thoreau, wie \u00fcberhaupt alle seine Verwandten und Bekannten, ein entschiedener Gegner der Sklaverei war, so hat man nicht mit Unrecht behauptet, da\u00df seine H\u00fctte am Waldensee eine Station der sogenannten unterirdischen Eisenbahn sei, also einer Organisation diente, deren Aufgabe darin bestand, entflohene Sklaven zu unterst\u00fctzen und sie auf geheimen Wegen nach dem freien Canada zu bef\u00f6rdern. Die officielle Sanction der Sklaverei durch seinen Heimathsstaat brachte ihn so in Wuth, da\u00df er beschlo\u00df, durch Steuerverweigerung dagegen zu protestiren. Er wollte dem Staate keine Mittel liefern, um damit Menschen zu kaufen, oder Gewehre anzuschaffen, mit denen Menschen erschossen w\u00fcrden. Als nun Thoreau einst Concord besuchte, um seine Schuhe flicken zu lassen, ward er einfach wegen r\u00fcckst\u00e4ndigen Steuern eingesteckt, was ihm jedoch nicht die geringsten Kopfschmerzen verursachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald Emerson dies erfuhr, eilte er nach dem Gef\u00e4ngnisse. \u201eHenry\u201c, fragte er, \u201eweshalb bist Du hier?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eRalph,\u201c erwiderte Thoreau, \u201eweshalb bist Du nicht hier?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte n\u00e4mlich gehofft, da\u00df seinem Beispiele Tausende folgen w\u00fcrden, denn er war \u00fcberzeugt, da\u00df unter einer ungerechten und tyrannischen Regierung das Gef\u00e4ngni\u00df der einzig anst\u00e4ndige Aufenthaltsort f\u00fcr denkende Menschen sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau mu\u00dfte nun wirklich eine Nacht im Gef\u00e4ngnisse zubringen. Als ihm am n\u00e4chsten Morgen mitgetheilt wurde, da\u00df er wieder gehen k\u00f6nne, da seine Steuern bezahlt worden seien, holte er seine beim Schuster zur\u00fcckgebliebenen Schuhe und eilte wieder in seine H\u00fctte zur\u00fcck, in der sich keine ungerechte Staatsgewalt bemerklich machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Herbste 1847 kehrte Thoreau wieder nach Concord zur\u00fcck, um sich im Hause seines Vaters einzuquartiren. Sein Einsiedlerleben hatte ihn davon \u00fcberzeugt, da\u00df das Leben durchaus keine Plage, sondern ein angenehmer Zeitvertreib sei, wenn man nur das Wichtige von dem Unwichtigen unterscheiden k\u00f6nne. Er hatte seine Lebensphilosophie praktisch erprobt und schien mit dem Resultate vollst\u00e4ndig zufrieden zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau hatte wenige Freunde; er erwartete zu viel von denselben und hatte zu wenig daf\u00fcr zu geben; auch war er der Ansicht, da\u00df man mit der Natur und den Menschen nicht zu gleicher Zeit sympathisiren k\u00f6nne. F\u00fcr die Klagen, Schmerzen und Sorgen seiner Bekannten ging ihm, dem kalten Stoiker, jedes Verst\u00e4ndni\u00df ab. Zuweilen konnte er recht lustig sein, besonders wenn sich eine Anzahl Kinder um ihn versammelt hatte. Dieselben unterhielt er dann durch allerhand Taschenspielerk\u00fcnste oder er spielte ihnen einige St\u00fccke auf der Fl\u00f6te vor. Auch leitete er jedes Jahr die regelm\u00e4\u00dfigen Excursionen der Kinder nach den ihm wohlbekannten Heidelbeerfeldern der Nachbarschaft, und jedes Kind, das sich seiner F\u00fchrung \u00fcberlie\u00df, brachte stets einen wohlgef\u00fcllten Korb nach Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau war ein Mann von Wort; wer sein Vertrauen t\u00e4uschte, machte sich ihn auf ewig zum unvers\u00f6hnlichsten Feinde. Gegen alle aus dem Auslande importirten Moden, Ansichten und Ideen hatte er eine un\u00fcberwindliche Aversion; sein Stolz, Amerikaner zu sein, kannte keine Grenzen. Er w\u00fcrde sich sch\u00e4men, sagte er, wenn der gew\u00f6hnlichste amerikanische Hinterw\u00e4ldler nicht gl\u00fccklicher sei, als es Adam vor dem S\u00fcndenfalle gewesen w\u00e4re. Amerika galt ihm f\u00fcr das beg\u00fcnstigste Land der Erde und Concord f\u00fcr die beg\u00fcnstigste Stadt darauf; doch erlaubte er Jedem, dasselbe von seiner Vaterstadt zu denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau hatte sich eine Sammlung der wichtigsten Schriften des Orientes angelegt, und da\u00df er in denselben gr\u00fcndlich belesen war, zeigen zahlreiche Citate in seinen Werken. Diesen \u201eBibeln\u201c, wie er sie nannte, w\u00fcnschte er besonders unter den Christen eine gro\u00dfe Verbreitung, damit dieselben endlich einmal lernten, liberaler zu denken, und damit sie von dem Wahne befreit w\u00fcrden, im alleinigen Besitze der h\u00f6chsten religi\u00f6sen Weisheit zu sein. Auch das Studium der griechischen und englischen Classiker hatte Thoreau flei\u00dfig kultivirt; von den modernen Schriftstellern gab er Goethe und Carlyle den Vorzug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen wunderbaren Zauber \u00fcbte er auf die Thiere aus. H\u00e4ufig hob er, wie mehrere Augenzeugen berichten, Fische mit der Hand aus dem Waldensee, hielt sie eine Zeit lang in die Luft und lie\u00df sie dann wieder in das Wasser zur\u00fcckfallen. Wenn man ihn gr\u00f6blich beleidigen wollte, brauchte man in seiner Gegenwart nur das Wort \u201eInstinkt\u201c zu erw\u00e4hnen. Oft setzte er sich, wie Emerson schreibt, stundenlang unbeweglich auf einen Felsen, bis ein verscheuchter Vogel oder ein furchtsames Reptil sich wieder in seine N\u00e4he wagte. Als sich einst, w\u00e4hrend er in seinem Felde arbeitete, ein Sperling traulich auf seine Schultern niederlie\u00df, hielt er dies f\u00fcr eine h\u00f6here Ehre, als wenn man ihn pl\u00f6tzlich mit Generalsepauletten geschm\u00fcckt h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau\u2019s Versuche, als Schriftsteller und Wanderredner (<i>lecturer<\/i>) sein Brot zu verdienen, schlugen fehl. Sein Erstlingswerk <i>\u201eA Week on the Concord and Merrimac Rivers\u201c<\/i> (1847) wurde zwar von der Kritik beif\u00e4llig aufgenommen, fand aber keine K\u00e4ufer, so da\u00df er, da es auf seine eigenen Kosten hergestellt worden war, zur Abzahlung seiner Schulden l\u00e4ngere Zeit Frohndienste als Landvermesser verrichten mu\u00dfte. Bis zum Jahre 1853 waren von diesem Werke nur 300 Exemplare verkauft worden. Als er nun die Krebse zur\u00fcck erhielt, schrieb er: \u201eDie Waaren sind wieder in meiner Hand, so da\u00df ich Gelegenheit habe, meinen Kauf zu pr\u00fcfen. Sie sind substantieller als der Raum, wie mein R\u00fccken bezeugen kann, der sie zwei Treppen hinauf an einen Platz getragen hat, welcher dem \u00e4hnlich ist, an dem sie entstanden. Ich habe jetzt eine Bibliothek von 900 B\u00e4nden; 700 davon habe ich selber geschrieben. Ist es nicht sch\u00f6n, da\u00df ein Schriftsteller auch einmal die Fr\u00fcchte seiner Arbeit anblicken kann? Nur ein Gl\u00fcck war mit diesem Gesch\u00e4fte verkn\u00fcpft. Die ungebundenen B\u00fccher waren vom Drucker in starkes Papier verpackt und darauf geschrieben worden: \u201eHenry D. Thoreau\u2019s <i>Concord River<\/i>.\u201c Der Verleger brauchte also nur <i>\u201eRiver\u201c<\/i> auszustreichen, daf\u00fcr <i>\u201eMass.\u201c<\/i> zu setzen und dann die Sendung irgend einem Fuhrmann zur Bef\u00f6rderung an mich zu \u00fcbergeben. Das Resultat meiner Arbeit sehe ich nun vor mir. Trotzdem ergreife ich heute mit gro\u00dfer Gem\u00fcthsruhe die Feder, um meine Gedanken und Erfahrungen niederzuschreiben; denn je weniger man meine Sachen kauft, desto weniger laufe ich Gefahr, in meiner Zur\u00fcckgezogenheit gest\u00f6rt zu werden und desto freier bleibe ich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df dieses Werk, das gedankenvolle Antworten auf allerlei philosophische und sociale Fragen enth\u00e4lt, dem gr\u00f6\u00dferen Publikum nicht behagte, ist leicht erkl\u00e4rlich; denn der darin offen und r\u00fcckhaltlos gepredigte poetisch-mystische Pantheismus galt den Amerikanern, die ja fast Alle in religi\u00f6sen Vorurtheilen befangen sind, als ein frecher Verrath an dem geoffenbarten Evangelium Christi. F\u00fcr die heutige Gemeinde Thoreau\u2019s aber hat dieses Werk einen unbeschreiblichen Reiz, da es unstreitig die Eigenart des Verfassers am treuesten wiederspiegelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau\u2019s zweites Werk, <i>\u201eWalden, or Life in the Woods\u201c<\/i>, das 1854 im Verlage der verdienstvollen Firma Ticknor &amp; Co. in Boston erschien, hatte schon eher Erfolg, da doch die ganze Auflage im Verlaufe weniger Jahre verkauft wurde. Die frische Schreibweise, die anziehende Schilderung des unabh\u00e4ngigen Einsiedlerlebens am Waldensee, sowie die Zeichnung eines hohen, aber leicht erreichbaren Menschheitideals haben dies Buch zum popul\u00e4rsten Werke Thoreau\u2019s gemacht und ihm besonders im Laufe der Zeit in England eine gro\u00dfe Anzahl aufrichtiger Verehrer verschafft. Jeder Fremde, der Sinn f\u00fcr Litteratur besa\u00df und zuf\u00e4llig nach Concord kam, vers\u00e4umte es nicht, sich den \u201eamerikanischen Diogenes\u201c, wie Thoreau von nun an genannt wurde, vorstellen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Grashalmendichter, Walt Whitman, geh\u00f6rte zu Thoreau\u2019s Freunden. \u201eEr ist,\u201c schreibt Letzterer, \u201eder gr\u00f6\u00dfte Demokrat, den die Welt je gesehen hat. Alle F\u00fcrsten und Aristokraten l\u00e4\u00dft er unbarmherzig \u00fcber die Klinge springen, was schon l\u00e4ngst h\u00e4tte geschehen sollen. Whitman ist eine \u00e4u\u00dferst interessante Pers\u00f6nlichkeit; er ist ein echter Gentleman, wenn er auch etwas rauh erscheint.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lekt\u00fcre der \u201eGrashalme\u201c, deren zweite Auflage ihm der Dichter geschenkt, machte einen tieferen Eindruck auf ihn, als alle Schriften, die er seit Jahren gelesen. Einige Stellen darin gefielen ihm allerdings nicht; nach seiner Ansicht aber waren dieselben lange nicht so unsittlich oder gef\u00e4hrlich, wie sie auf den ersten Augenblick schienen. Er w\u00fcnschte nur, da\u00df alle M\u00e4nner und Frauen so vorurtheilsfrei w\u00e4ren, um sie ohne Schaden lesen zu k\u00f6nnen. \u201eIm Ganzen genommen,\u201c f\u00e4hrt Thoreau fort, \u201eist Whitman ein braver, edler Amerikaner; alle sogenannten Predigten, die jemals in diesem Lande gehalten morden sind, gleichen nicht dem heilsamen Evangelium, das er verk\u00fcndet. Wir sollten daher stolz auf ihn sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df auch Whitman gro\u00dfe St\u00fccke auf Thoreau hielt, hat er durch einige Bemerkungen in seinem Buche <i>\u201eSpecimen Days\u201c<\/i> gezeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch mit John Brown, dem bekannten Abolitionisten, schlo\u00df Thoreau einen innigen Freundschaftsbund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ruhm und Reichthum waren unserem Diogenes h\u00f6chst gleichg\u00fcltige Dinge. Wenn die Leute von schlechten Zeiten sprachen, wu\u00dfte er nicht, was sie darunter verstanden. \u201eWenn ein Mann eine Logh\u00fctte besitzt, sein Korn- und Kartoffelfeld bebaut und sein Brennholz vor der Th\u00fcre findet, \u2013 braucht er dann \u00fcber schlechte Zeiten zu klagen? Wenn es regnet, so kann er im Zimmer bleiben und spinnen und weben; ist es drau\u00dfen zu kalt, so findet er doch Holz daselbst.\u201c Dies klingt recht sch\u00f6n, aber nur f\u00fcr einen Mann von der Anspruchslosigkeit Thoreau\u2019s, der schon vollkommen zufrieden war, wenn er nur zu essen hatte und sich nothd\u00fcrftig bekleiden konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine ausgedehnten Ausfl\u00fcge f\u00fchrte er meistens zu Fu\u00df aus; damit das Leder seiner Schuhe, die er niemals wichste, stets weich blieb, rieb er es flei\u00dfig mit einer Talgkerze ein, die er zu diesem Zwecke stets bei sich f\u00fchrte. Die theueren Hotels mied er aus ihm wohlbekannten Gr\u00fcnden und zog es vor, sein Nachtquartier bei einem Farmer oder Fischer aufzuschlagen und sich am Heerdfeuer Geschichten erz\u00e4hlen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn er mit seinem breiten Schlapphut und seinem der Mode und dem Geschmacke der \u00fcbrigen Menschheit spottenden grauen Rocke an einer Farm vorbeiging, wurde er, da er als Tausendk\u00fcnstler \u00fcberall bekannt war, oft angegangen, einen Regenschirm oder eine alte Wanduhr zu repariren, ein Th\u00fcrschlo\u00df in Ordnung zu bringen oder einer Kuh beim Kalben beh\u00fclflich zu sein. Als er mit seinem Freunde Channing einst eine l\u00e4ngere Fu\u00dftour unternahm, wurden beide ihres auffallenden Aussehens wegen l\u00e4ngere Zeit von einem Geheimpolizisten verfolgt, der sie f\u00fcr entflohene Bankr\u00e4uber hielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Ritter vom Regenschirm und Schnappsack reiste Thoreau auch einmal auf kurze Zeit nach Canada. Trotzdem er dort, wie er auch selber eingesteht, herzlich wenig gesehen, so schrieb er doch ein ziemlich dickes Buch dar\u00fcber, das haupts\u00e4chlich deshalb gro\u00dfen Ansto\u00df erregte, weil darin der Katholicismus sowie die politischen Einrichtungen Canadas unglimpflich behandelt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1859 starb der Vater Thoreau\u2019s, und der Sohn f\u00fchrte nun die Bleistiftfabrik im Interesse seiner Mutter und j\u00fcngeren Schwester fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Jahre kam auch John Brown wieder nach Concord, um im Hause Sanborn\u2019s seine letzte Expedition gegen die Sklavenhalter in Virginien zu organisiren. Die Rede, die Thoreau sp\u00e4terhin \u00fcber den Fehlschlag dieses Unternehmens hielt, ist ein Meisterst\u00fcck ihrer Art. Als nun endlich der blutige B\u00fcrgerkrieg ausbrach und der Norden eine Niederlage nach der anderen erlebte, da war Thoreau, dessen Gesundheitszustand niemals der beste war, zum Tode betr\u00fcbt und f\u00fchlte sein Ende herannahen. Auf die Frage, ob er Friede mit Gott geschlossen, erwiderte er, da\u00df er sich niemals mit ihm gezankt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 6. Mai 1862 starb er und wurde auf dem Kirchhof zu Concord begraben. Emerson hielt ihm die Leichenrede. Seine Ruhest\u00e4tte ziert ein einfacher Stein mit Namen und Todestag. Die Stelle am Waldensee, an der seine H\u00fctte stand, ist jetzt durch einen Steinhaufen bezeichnet, der dadurch entstanden ist, da\u00df jeder Besucher dieses Ortes dort einen Stein niedergelegt hat. Auch Whitman hat seiner Zeit diesem Gebrauche gehuldigt.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><b>II.<\/b><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem Goethe in einem seiner Gedichte ernstlich davor warnt, sich nicht der Einsamkeit zu ergeben, da ihn alsdann die Welt in seiner Pein lasse und Jeder weiter lebe und liebe, so war er doch in seinem Leben \u00f6fters gen\u00f6thigt, sich zur geistigen Sammlung vom Tagesgetriebe, besonders von den aufreibenden Festlichkeiten des Weimarer Hofes abzusondern, um ungehindert seiner Muse leben zu k\u00f6nnen. Einsam war er in diesem Falle nat\u00fcrlich nicht, da er ja die Welt nicht aus misanthropischen Gr\u00fcnden floh, sondern lediglich zu dem Zwecke, l\u00e4ngst gefa\u00dfte und Jahre lang mit sich herumgetragene poetische Pl\u00e4ne endlich einmal zur Ausf\u00fchrung zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Goethe ist also in dieser Hinsicht durchaus nicht mit <i>Dr.<\/i> Zimmermann, dem klassischen Bef\u00fcrworter der Einsamkeit, zu vergleichen, der, ein geborener Hypochonder, schon in der Kindheit seine Hauptfreude darin sah, in d\u00fcsteren W\u00e4ldern, zerfallenen Burgen und \u00f6den Gebirgsgegenden herumzuschweifen, um so, wie er glaubte, die einzige, dem Menschen beschiedene Freiheit zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine solche Freiheit sollte sich nach seiner Ansicht ein Jeder zuweilen genehmigen; denn nur sie bildet die wahren Anlagen aus, die dann, vorausgesetzt, da\u00df der Einsiedler kein Egoist ist, nach der R\u00fcckkehr in die Gesellschaft zum Besten derselben verwerthet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zimmermann verstand also unter dem Leben eines Einsiedlers durchaus keine von allem menschlichen Verkehr abgeschlossene Eremitenexistenz; doch er wu\u00dfte recht gut, da\u00df man sich in rauschender Gesellschaft oft viel einsamer f\u00fchlen kann, als in einer stillen Klause, in der man sich doch eingehend und ungest\u00f6rt mit seinen Gedanken besch\u00e4ftigen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Mensch sehnt sich nach individuellem Gl\u00fcck, einerlei, worin dies f\u00fcr ihn bestehen mag. Sieht er, da\u00df die menschliche Gesellschaft dasselbe nicht bef\u00f6rdert, sondern ihm vielmehr hemmend in den Weg tritt, so sucht er es da, wo diese Hindernisse wegfallen und nimmt dabei so wenig R\u00fccksicht auf die Welt, wie diese auf ihn. Die Hauptfrage bleibt nat\u00fcrlich, wie und womit er sich in seiner Einsamkeit besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christus zog sich bekanntlich zuweilen zur geistigen Sammlung in die Berge oder in die W\u00fcste zur\u00fcck, um dann sp\u00e4ter neu gest\u00e4rkt an der Vollendung seines Werkes zu arbeiten. Zum Hinbr\u00fcten hinter Klostermauern hat er keinen seiner Nachfolger zu bewegen gesucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Gesellschaft mu\u00df man vieles \u00fcber sich ergehen lassen; in der Einsamkeit aber ist man wirklich frei, n\u00e4mlich frei von Lug und Trug und der Phrasenhaftigkeit des nur Hohlk\u00f6pfe befriedigenden Alltagslebens. Philister haben niemals Langeweile, denn sie finden \u00fcberall zahlreiche verwandte Seelen, deren geistloser Quatsch ihnen ein Labsal ist. Nach der Einsamkeit sehnen sie sich nur dann, wenn sie einen langen, ungest\u00f6rten Schlaf thun wollen. So d\u00fcrften auch wohl M\u00f6nche mehr durch angeborene Faulheit als durch religi\u00f6se Motive zu einem thatenlosen, weder ihnen noch der Welt zum Nutzen gereichenden Zellenleben gef\u00fchrt worden sein. Doch in der Einsamkeit schafft ihnen ihr krankes Gehirn gew\u00f6hnlich Gesellschaft in Gestalt aufdringlicher Teufel und Teufelinnen, mit denen sie dann auf Tod und Leben k\u00e4mpfen und so ihre m\u00fc\u00dfigen Stunden ausf\u00fcllen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Abwechslung ist die Einsamkeit gesund, ja, f\u00fcr jeden denkenden Menschen ein unabweisbares Bed\u00fcrfni\u00df; eine solche Einsamkeit ist die Ruhe, in der man f\u00fcr den sp\u00e4teren Kampf mit der Welt seine Kr\u00e4fte mustert und seine Pl\u00e4ne schmiedet. Best\u00e4ndige Einsamkeit hingegen verh\u00e4rtet das Herz und macht grillenhaft und hypochondrisch. Nietzsche\u2019s Hang zum einsamen Gr\u00fcbeln und sein Abschlu\u00df von jedem menschlichen Verkehr f\u00fchrte ihn in\u2019s Irrenhaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der einsame Faust verlor das geistige Gleichgewicht und trug sich mit Selbstmordgedanken, bis er dann auf langen und beschwerlichen Umwegen der menschlichen Gesellschaft als n\u00fctzliches Mitglied wieder zur\u00fcckgegeben wurde. Wer die Menschen belehren und reformiren will, mu\u00df zuerst ihre Ansichten kennen und diese erf\u00e4hrt man nur durch den t\u00e4glichen Verkehr mit ihnen, der allerdings nicht immer angenehm ist. Der hinter Klostermauern vergrabene M\u00f6nch bessert und veredelt die Menschheit nicht; sein Wirken hinterl\u00e4\u00dft keinen bemerkenswerthen Einflu\u00df und sein Tod keine empfindliche L\u00fccke. Man mag die Weltflucht als auf unangenehmen Erfahrungen beruhend manchmal besch\u00f6nigen oder rechtfertigen; haltbar aber sind alle Gr\u00fcnde daf\u00fcr schon deshalb nicht, weil der Mensch so zu sagen ein Heerdenthier und zur Erhaltung seiner Existenz auf die H\u00fclfe Anderer angewiesen ist. Au\u00dferdem liefern uns die Schw\u00e4chen und Fehler unserer Mitmenschen mehr Stoff zu philosophischer Gedankenarbeit als alle Maximen der Weisen, die in einsamer Studirstube ausgeheckt worden sind. Lernt doch auch ein Arzt mehr an Kranken als an Gesunden. Findet der zartf\u00fchlende, leicht zu beleidigende Mensch keine Perlen im Meere des Lebens, nun, so betrachte er es als seine moralische Aufgabe, sie hineinzulegen. Wahre Tugend kann nur im Umgange mit den Menschen zum Ausdruck gelangen und alles Wissen ist todtes Capital, sobald es nicht in den Dienst der Allgemeinheit gestellt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst Schopenhauer, der verbissene Pessimist, arbeitete f\u00fcr die Menschheit; dieselbe ekelte ihn allerdings an, trotzdem aber sehnte er sich aufrichtig nach einem ihm zusagenden Umgang und gab einst dem Nibelungendichter Jordan den ernstlich gemeinten Auftrag, wenn er einmal die Bekanntschaft eines wirklichen Menschen mache, ihm denselben zuzuf\u00fchren. Er hielt einfach seine Zeit f\u00fcr viel zu werthvoll, um sie in Gesellschaft langweiliger Schw\u00e4tzer zu vertr\u00f6deln. Aehnlicher Ansicht huldigte auch Rousseau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungest\u00f6rtes Gl\u00fcck ist \u00fcbrigens doch nur in der Einsamkeit denkbar. Mit Niemand ger\u00e4th man da in Streit. Kein Unberufener trinkt einem den Weinkeller leer, liest einem unaufgefordert seine gesammelten Gedichte im Manuscripte vor oder stiehlt einem sonstwie die Zeit ab. Auch beneidet uns Niemand um dieses Gl\u00fcck, weil es Niemand zu kennen scheint. In der Einsamkeit ziehen wir den Schlafrock an; die Gesellschaft verlangt den Frack. In der Einsamkeit ist man F\u00fcrst, in der Gesellschaft Diener, und oft genug nur ein geduldeter. Im Getriebe des menschlichen Verkehrs sammeln wir allerdings den Stoff zu gedankenreichen Werken; aber nur in der Einsamkeit k\u00f6nnen wir dieselben ausarbeiten. Wer sich also ohne hohen Lebenszweck in die Einsamkeit begiebt, begeht moralischen Selbstmord. Sie ist mithin f\u00fcr starke Seelen ein ebenso m\u00e4chtiges Bed\u00fcrfni\u00df, wie die gewohnte Stammkneipe f\u00fcr den kannegie\u00dfernden Philister.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Absolute Einsamkeit existirt \u00fcbrigens nicht. Selbst Elias erfreute sich der Gesellschaft einiger Raben und stieg manchmal, um seinem Grolle Luft zu machen, von seinem Berge herab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derjenige, der die Welt zu sehr geliebt oder zu viel von ihr erwartet hat, wird zum Misanthropen, denn er hat bei der Umarmung der Menschheit einen Eisklumpen an sein Herz gedr\u00fcckt. Aber der Kluge \u00f6ffnet der Welt sein Herz nicht, denn er wei\u00df, da\u00df sie an seine Tugenden nicht glaubt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Verachten der Masse ist leicht; derjenige aber, der sich dies erlaubt, sollte sich vor Abgabe seines Verdammungsurtheiles doch einmal ernstlich fragen, was er denn zur Hebung derselben gethan hat. Als Buddha Kenntni\u00df vom allgemeinen Elende der Menschheit erhalten hatte, verlie\u00df er seinen Palast und brach jede Verbindung mit seinen Angeh\u00f6rigen ab, um in stiller Abgeschiedenheit \u00fcber das Problem der Erl\u00f6sung von allem Uebel nachzudenken. Als er aber seine Gedankenarbeit vollendet hatte, trat er wieder in die Welt zur\u00fcck und verk\u00fcndete ihr das edelste Evangelium der Humanit\u00e4t, das jemals ersonnen worden ist. Seine Lehre von der Weltflucht und der Unterdr\u00fcckung aller W\u00fcnsche hat sich jedoch in Folge sp\u00e4terer Umbildungen der Civilisation, d. h. so wie wir sie verstehen, hinderlich gezeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dante war durch die Verh\u00e4ltnisse zu einem einsamen Leben verdammt worden; dasselbe schien jedoch seinen Neigungen zu entsprechen, denn er wu\u00dfte nur zu gut, da\u00df er, der sich niemals verstellen konnte, bei seiner ernsten Gesinnung, seinem unbeugsamen Charakter und seinem unbezwinglichen Hasse gegen alles Gemeine sich niemals in der Gesellschaft heimisch f\u00fchlen konnte. Als er einst gefragt wurde, weshalb ein gewisser Dummkopf so viele Freunde habe, erwiderte er, da\u00df sich alle Gesch\u00f6pfe gerne bei Ihresgleichen aufhielten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Petrarca, der beredte, freiheitliebende und gro\u00dfm\u00fcthige italienische Dichter sagt in seiner Schrift \u00fcber die Einsamkeit, da\u00df die Ernstlosigkeit und sittliche Verderbni\u00df der Gesellschaft es jedem Menschen unm\u00f6glich machten, vollkommen zu werden. Dieses lasse sich nur durch Ruhe und Freiheit in der Stille des Waldes und des Feldes erreichen. Nichts schien ihm so langweilig, wie die Conversation mit einem unverst\u00e4ndigen, langweiligen Menschen. Nur in der Einsamkeit f\u00fchlte er sich wohl. Dort fand er Rom, Florenz und Athen und schrieb Briefe an seine todten Freunde Homer, Cicero u. s. w. Er bedauerte die Menschen, verachtete sie aber nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Descartes fand in der Zur\u00fcckgezogenheit den ersehnten Frieden. Er \u00e4nderte lieber seine W\u00fcnsche als seine Verh\u00e4ltnisse, wenn nur seine Ruhe dadurch bef\u00f6rdert wurde. Der mi\u00dftrauische Rousseau, der \u00fcberall Verleumder sah, die sich gegen ihn verschworen hatten, hielt die zahlreichen T\u00e4uschungen seines Lebens f\u00fcr ein ihm zugef\u00fcgtes Unrecht; da er ferner die ihm von der Gesellschaft auferlegten Pflichten f\u00fcr eine Beeintr\u00e4chtigung seiner Selbstst\u00e4ndigkeit ansah \u2013 wahre Freundschaft legte nach seiner Ansicht keine Pflichten auf \u2013 so schuf er sich ein seinem Geschmack entsprechendes Phantasieleben und begeisterte sp\u00e4tere Generationen f\u00fcr Freiheit, Natur und Edelsinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der schon erw\u00e4hnte Zimmermann, dessen vielb\u00e4ndiges Werk \u00fcber die Einsamkeit noch immer Leser findet, war, wie Carlyle sagt, zu d\u00fcnnh\u00e4utig f\u00fcr die Welt, um am Getriebe derselben Gefallen zu finden. Die Rohheiten der Masse und die Laster der Reichen widerten ihn an. Da nicht Jeder mit den W\u00f6lfen heulen kann, schreibt er, so bleibt ihm weiter nichts \u00fcbrig, als sich in die Einsamkeit zur\u00fcckzuziehen, in die nur der pa\u00dft, der Niemand \u00e4hnlich ist, der Niemand liebt und der auch von Niemand geliebt wird. Zimmermann selber war schon deshalb nicht f\u00fcr die Einsamkeit geschaffen, weil er ruhms\u00fcchtig war, gerne mit hohen W\u00fcrdentr\u00e4gern verkehrte und Jedem durch sein zuvorkommendes Wesen und seine ritterlichen Manieren Schmeicheleien zu entlocken suchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"Seite_27\" class=\"PageNumber\"><\/span>Der demokratisch gesinnte Beethoven war sein ganzes Leben verstimmt, weil die musikalische Welt zu lange mit der Anerkennung seiner Verdienste z\u00f6gerte; dann st\u00e4rkten seine Taubheit und sein melancholisches Temperament seinen Hang zur Einsamkeit in solchem Grade, da\u00df er sich sogar l\u00e4ngere Zeit mit Selbstmordgedanken trug, von deren Ausf\u00fchrung ihn nur die Liebe zur Kunst abhielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shelley, der zartf\u00fchlende, edle Poet, der die Menschen so unaussprechlich liebte, aber die ersehnte Gegenliebe nicht fand, hat in dem allegorischen Gedichte \u201eAlastor\u201c seinem Hange zur Einsamkeit erhabenen Ausdruck verliehen. Alastor ist von der Sehnsucht nach einem ihm ebenb\u00fcrtigen Geiste inbr\u00fcnstig erf\u00fcllt und da er diesen nur in der Welt seiner Phantasie, nicht aber in der wirklichen Welt findet, so sinkt er entt\u00e4uscht in ein fr\u00fches Grab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Coleridge f\u00fchrte ein einsames Leben. In dem Orte, den er zwanzig Jahre bewohnte, war er so unbekannt, da\u00df, als er starb, Niemand seiner Leiche folgte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand d\u00fcrfte sich in der Einsamkeit wohler gef\u00fchlt haben als Wordsworth. In der Stille der Natur fand er Alles, wonach sein Herz sich sehnte, n\u00e4mlich einen Tempel zur Verrichtung seiner Andacht, einen Ort der Ruhe und Freude und eine Laube zum idyllischen Tr\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Dhahammapada steht zu lesen: \u201eWenn du keinen Freund hast mit dir zu reisen, so reise fr\u00f6hlich alleine, das Ziel vor dir, die Welt hinter dir. Besser alleine mit deinem Herzen, als mit einer Menge von Schw\u00e4tzern.\u201c Diesen Spruch hatte sich Thoreau, auf den wir nun wieder zur\u00fcckkommen, zum Leitstern seines Lebens erkoren. Die Vergangenheit k\u00fcmmerte ihn wenig; er lebte nur f\u00fcr die Gegenwart und hoffte das Beste von der Zukunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Gottesdienst bestand im regen Verkehr mit der Natur. Die christlichen Kirchen nannte er Seelenhospit\u00e4ler und die darin th\u00e4tigen Pastoren geistliche Quacksalber. Seine unumwunden ausgesprochenen Ansichten beleidigten die Heiligen und die S\u00fcnder; bei sich verachtete er beide. Es scheint, als habe er an die Unsterblichkeit der Seele und an eine geistige Regierung der Welt geglaubt; deutlich hat er sich jedoch nicht \u00fcber diese Punkte ausgesprochen. Seine Religion war entschieden praktischer Natur; sie bestand in Selbstveredlung, Selbstachtung, Reinheit der Seele und des K\u00f6rpers und in der Fernhaltung alles Kleinlichen und Unedlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reichth\u00fcmer wollte er nicht sammeln, sich aber auch in keiner Hinsicht von Andern abh\u00e4ngig machen. Wo der gute Landwirth ist, pflegte er zu sagen, da ist auch der gute Boden. Wer von Anderen Wohlthaten annehmen mu\u00df, ist ein Armenh\u00e4usler, auch wenn er in einem Palaste wohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau war stets sein eigener Rathgeber, er sa\u00df lieber allein auf einem K\u00fcrbis, als da\u00df er sich mit Anderen auf einem Sammetkissen zusammengedr\u00e4ngt h\u00e4tte. Eine Vereinigung der Menschen hielt er nur dann f\u00fcr rathsam, wenn es sich um die Verwirklichung eines lobenswerthen, weltbewegenden Zweckes handelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau war der Anarchist des Idealismus. Die bestehende Regierung sei nur so lange zu dulden, bis die Freiheit des Individuums, so wie sie fr\u00fcher bestanden, wieder zur\u00fcckerobert sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tagespolitik k\u00fcmmerte ihn nicht. \u201eSelig sind die Kinder\u201c, sagte er, \u201edenn sie lesen die Botschaften der Pr\u00e4sidenten nicht\u201c. Da bei den politischen Wahlen die Stimme des guten B\u00fcrgers gerade so viel z\u00e4hlt wie die des schlechten, so legte er der Stimmenabgabe \u00fcberhaupt kein gro\u00dfes Gewicht bei; viel wichtiger war ihm die Frage, welchen Menschen man t\u00e4glich aus seinem Hause entl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach seiner Ansicht hatte der Socialismus vorzugsweise den Zweck, entschiedenere und unabh\u00e4ngigere Charaktere zu bilden, als es die gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnisse erm\u00f6glichten. Au\u00dferdem sollte er daf\u00fcr sorgen, da\u00df Jeder an den Segnungen der Civilisation theilnehmen k\u00f6nne, w\u00e4hrend die Jetztzeit den Palast neben das Armenhaus gestellt habe. Thoreau wollte die Einfachheit des wilden mit dem Intellecte des civilisirten Menschen verbunden sehen. Deshalb schrieb er seine B\u00fccher und deshalb hatte er seine Lehren am Waldensee praktisch erprobt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lowell sagt in einem Essay, Thoreau habe sich dadurch der Heuchelei schuldig gemacht, da\u00df er als Einsamkeitsapostel seine H\u00fctte in der N\u00e4he menschlicher Wohnungen und nicht etwa 150 Meilen davon entfernt aufgeschlagen habe; er verga\u00df hier, da\u00df man in der volkreichsten Stadt ebenso einsam wohnen kann wie auf einer unbesiedelten Prairie. Ferner ward ihm vorgeworfen, da\u00df er durch seinen Aufenthalt am Waldensee die Aufmerksamkeit der Masse habe auf sich lenken wollen, was nur in grellstem Widerspruche zu seinem Charakter steht; machte doch auch Emerson Thoreau \u00f6fters den Vorwurf, da\u00df er nicht den geringsten Ehrgeiz bes\u00e4\u00dfe. Thoreau wollte nicht anders sein als er in Wirklichkeit war, und deshalb ist es auch vergeblich dar\u00fcber zu gr\u00fcbeln, was unter anderen Umst\u00e4nden aus ihm geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Werke <i>\u201eWalden\u201c<\/i> klagte er, da\u00df es dem heutigen Arbeiter versagt sei, aufrichtig, edel und rechtschaffen sein zu k\u00f6nnen, denn die Fristung seines Lebens mache ihn nothgedrungen zum L\u00fcgner, Schmeichler und Heuchler. Diese Uebelst\u00e4nde w\u00fcrden durch ein anspruchsloseres Leben leicht beseitigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Dichter, d. h. als Verfasser einiger Arbeiten in gebundener Sprache wird Thoreau ziemlich gering gesch\u00e4tzt; ohne Werth sind seine Gedichte jedoch nicht, wie besonders folgendes, von Emerson so hochgesch\u00e4tztes, zeigt:<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Smoke.<\/i><br \/>\n<i>Light \u2013 winged Smoke! Icarian bird,<\/i><br \/>\n<i>Melting thy pinions in thy upward flight;<\/i><br \/>\n<i>Lark without song and messenger of dawn,<\/i><br \/>\n<i>Circling above the hamlets as thy nest;<\/i><br \/>\n<i>Or else, departing dream and shadowy form<\/i><br \/>\n<i>Of midnight vision, gathering up thy skirts;<\/i><br \/>\n<i>By night star-veiling, and by day<\/i><br \/>\n<i>Darkening the night and blotting out the sun;<\/i><br \/>\n<i>Go thou. my incense, upward from this hearth,<\/i><br \/>\n<i>And ask the gods to pardon this clear flame.<\/i><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thoreau\u2019s bis jetzt ver\u00f6ffentlichten Werke f\u00fcllen zehn B\u00e4nde; dieselben sind bei Houghton, Mifflin &amp; Co. in Boston erschienen und von H. G. O. Blake redigirt worden. Derselbe hat auch in seinem Werkchen: <i>\u201eThoreau\u2019s Thoughts\u201c<\/i> (Boston 1890) eine Bibliographie der Thoreauschen Schriften sowie ein Verzeichni\u00df aller \u00fcber den Einsiedler am Waldensee erschienenen Werke und Abhandlungen geliefert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat Thoreau mehrfach mit Abraham Cowley, einem englischen Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts verglichen. Derselbe hatte sich n\u00e4mlich ebenfalls, aber erst nachdem er alle Ger\u00fcche dieser gro\u00dfen Erdenk\u00fcche gerochen, in die Einsamkeit des Landlebens zur\u00fcckgezogen, dort philosophische Betrachtungen angestellt und dann in elegant stylisirten Essays die R\u00fcckkehr zur Natur empfohlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Neuzeit hat \u00fcbrigens England mehrere Dichter und Denker aufzuweisen, welche man als Nachfolger Thoreau\u2019s bezeichnen kann; so z. B. den 1887 verstorbenen Richard Jeffries. Die auffallende Aehnlichkeit seiner Ansichten mit denen Thoreau\u2019s ist jedoch lediglich auf den Umstand zur\u00fcckzuf\u00fchren, da\u00df beide dieselben Themata von demselben Standpunkte aus behandelten. Auch Jeffries, der Sohn eines armen englischen Farmers, war von Kindheit an ungesellig und von einem krankhaften Hange zur Einsamkeit beseelt. Unter den Kindern seines Dorfes besa\u00df er keine Freunde und dieselben luden ihn auch niemals zu ihren Spielen ein. Nachdem er eine Zeit lang als Reporter an einem Landbl\u00e4ttchen th\u00e4tig gewesen war und sich dann als Novellist versucht hatte, wandte er sich dem Studium der Natur zu und trieb sich, wozu er auch durch seine schwankende Gesundheit veranla\u00dft wurde, flei\u00dfig im Freien herum. Die Naturbilder, die er nun schuf, geh\u00f6ren besonders durch ihre gl\u00e4nzende Detailmalerei zu den hervorragendsten ihrer Gattung. Ein eigentlicher Naturforscher war er ebensowenig wie Thoreau. Wie dieser predigte er die R\u00fcckkehr zur Natur, um die Menschen von den entnervenden K\u00fcnsteleien der Civilisation zu befreien, aber die Sympathie des Amerikaners mit der Thierwelt theilte er nicht. Thoreau sagt, da\u00df der Hase, wenn er in Gefahr gerathe, wie ein Kind weine; Jeffries hingegen behauptet, da\u00df der Hase augenscheinlich nur geschaffen sei, um auf ihn Jagd zu machen. Aufrichtiger aber als Thoreau nimmt er die Partei des Lohnarbeiters, f\u00fcr dessen Dynamitattentate er nur den herzlosen Arbeitgeber verantwortlich macht. Die Existenz der Armenh\u00e4user bezeichnet er als die gr\u00f6\u00dfte Schmach der Civilisation; Nahrung, Kleidung und Obdach liefert die Natur f\u00fcr Alle in H\u00fclle und F\u00fclle und man braucht diese Dinge nur gerecht zu vertheilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Engl\u00e4nder Edward Carpenter und der Amerikaner John Burroughs gelten mit Recht als Sch\u00fcler Thoreau\u2019s; ebenso der nun verstorbene Schweizer H. F. Amiel, der, nachdem er in Berlin und Heidelberg studirt, in Genf eine Professur f\u00fcr Aesthetik und Philosophie bekleidete. Sein Werk <i>\u201eFragments d\u2019un journal d\u2019intime\u201c<\/i> (6. Aufl. 1893), von dem Frau H. Ward eine englische Uebersetzung lieferte, zeigt ihn uns als gef\u00fchlvollen und geistreichen Interpreten der Natur und zugleich als einen der elegantesten Stylisten seiner Zeit. In Frankreich hat man ihn jedoch bis jetzt ziemlich unbeachtet gelassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"Seite_32\" class=\"PageNumber\"><\/span>Doch auch Deutschland scheint neuerdings in Christian Wagner, einem einfachen Bauersmann in Warmbronn, einen Geistesverwandten Thoreau\u2019s zu besitzen. Jedes Ding in Feld und Wald erinnert ihn gr\u00fc\u00dfend an die l\u00e4ngst verschwundene Zeit, da er noch als Theil des Bl\u00e4tterschmuckes zitterte. Auch ihm, dem stark zur Melancholie geneigten Dichter, ist die Natur die einzige Freist\u00e4tte der Armen und Verlassenen. Jedem w\u00fcnscht er Frieden, nur dem Menschen mit gemeiner, k\u00e4uflicher Gesinnung nicht. Kein lebendes Wesen will er zerst\u00f6ren, sondern sein Dasein angenehmer gestalten. Freude an der Existenz ist der Zweck derselben. Nicht in dumpfen Kellerr\u00e4umen, sondern nur in freier Luft singt der Vogel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO empfiehlt: <strong>Waldg\u00e4nger und Rebell.<\/strong> Eine Biographie von Frank Sch\u00e4fer<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Thoreau_Waldga\u0308nger.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-88654\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Thoreau_Waldga\u0308nger.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"329\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Thoreau_Waldga\u0308nger.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Thoreau_Waldga\u0308nger-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Thoreau_Waldga\u0308nger-160x239.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Einf\u00fchrung in Leben und Werk von Gerhard Gutherz findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/05\/06\/nachdenken-ueber-einen-einsiedler\/\">hier<\/a>. Zum 150 Jahren Todestag erinnert KUNO an ihn mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/05\/06\/ein-amerikanischer-diogenes\/\">Essay<\/a> von Karl Knortz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Zu Beginn des Essayjahres machte sich Holger Benkel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13332\">gedanken \u00fcber das denken<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2013 unternahm Constanze Schmidt essayistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Gleichfalls in 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Vor 150 Jahren starb Henry David Thoreau. 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