{"id":77480,"date":"2006-04-20T00:01:27","date_gmt":"2006-04-19T22:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77480"},"modified":"2024-08-16T12:52:25","modified_gmt":"2024-08-16T10:52:25","slug":"aphorismen-zur-lebensweisheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/04\/20\/aphorismen-zur-lebensweisheit\/","title":{"rendered":"Aphorismen zur Lebensweisheit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Schopenhauers Nachlass findet sich die Notiz: \u00abMein Fluch \u00fcber Jeden, der, bei k\u00fcnftigen Drucken meiner Werke, irgend etwas daran wissentlich \u00e4ndert, sei es eine Periode, oder auch nur ein Wort, eine Silbe, ein Buchstabe, ein Interpunktionszeichen.\u00bb Leider haben sp\u00e4tere Herausgeber in den \u00abAphorismen zur Lebensweisheit\u00bb dergleichen Eingriffe vorgenommen, sei es um nachgelassene Notizen Schopenhauers posthum einzuf\u00fcgen, sei es um die Orthographie zu aktualisieren. In der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts wurde auch die Seitengestaltung modernisiert.<\/p>\n<dl>\n<dd><i>Akzente<\/i><\/dd>\n<\/dl>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verfasst wurden die \u00abAphorismen\u00bb f\u00fcr eine gegl\u00fcckte Lebensbew\u00e4ltigung. Durchgehend, in allen Punkten tauglich, d\u00fcrften sich die Ratschl\u00e4ge wohl nur f\u00fcr freiwillige Au\u00dfenseiter erweisen. Die nun wieder finden hier eine Rechtfertigung ihrer intuitiv gew\u00e4hlten Eigenst\u00e4ndigkeit. Doch bei der individualistischen Gl\u00fcckslehre ist es nicht geblieben. Sie \u00fcberbietend hat Schopenhauer zugleich ein Werk der psychologischen Anthropologie verfasst, kulturelle Eigenheiten des 19. Jahrhunderts festgehalten (darunter Umgangsformen aus dem Ehrenkodex der Oberschicht von A wie Anspucken bis Z wie Zweikampf) und Anachronismen seiner Epoche aufs Korn genommen, z. B. das Duell-Unwesen, dessen Stupidit\u00e4t er entlarvt. In einer f\u00fcnften Lesart schlie\u00dflich kann der Text als Schopenhauers Lebensbilanz aufgefasst werden.<\/p>\n<dl>\n<dd><i>Ton<\/i><\/dd>\n<\/dl>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ton wirkt misanthrop, das Fazit f\u00e4llt pessimistisch aus. Mitunter entsteht der Eindruck, als rechne Schopenhauer hier verbittert mit der Menschheit ab. Immerhin stand w\u00e4hrend der Arbeit am Manuskript sein Ruhm als Philosoph und Denker noch aus. Der Verleger Brockhaus in Leipzig hatte sich entschieden, die Erstausgabe von \u00abDie Welt als Wille und Vorstellung\u00bb (1819) um wenigstens einigen Nutzen daraus zu ziehen, gr\u00f6\u00dftenteils zu Makulatur zu machen\u00bb, da das Werk sich nur schwer verkaufen lie\u00df. Die Mitteilung \u00fcber die Buchvernichtung erreichte Schopenhauer 1835.<\/p>\n<dl>\n<dd><i>Schopenhauers Naturell<\/i><\/dd>\n<\/dl>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schopenhauer war im Umgang schwierig. So richtete er sich z. B. bei der Wahl seiner Gespr\u00e4chsthemen mehr nach eigenen Bed\u00fcrfnissen und als nach denen seines Gegen\u00fcbers. Potentielle Gespr\u00e4chspartner trachteten danach, sich vor ihm in Sicherheit zu bringen. Sogar von seiner Mutter Johanna Schopenhauer wurde er als Zumutung empfunden. Sie f\u00fchrte in Weimar einen literarischen Salon, den auch Goethe besuchte. Doch den 19-j\u00e4hrigen Sohn hatte die Mutter aus ihrem Haus gewiesen. Er musste sich anderswo Zimmer mieten. \u00abDeine finstern Gesichter, deine bizarren Urteile\u00bb, \u00abdein leidiges Disputieren, deine Lamentationen \u00fcber die dumme Welt\u00bb \u2013 so lauteten ihre Vorw\u00fcrfe in einem Brief, der erhalten ist \u2013 konnte sie nicht ertragen. In vorger\u00fcckten Jahren nun lobt der unfreiwillige Au\u00dfenseiter, seine eigene Lebensf\u00fchrung rechtfertigend, die Besinnung auf sich selbst als Halt und Orientierung sowie Einsamkeit als Schutz vor den Mitmenschen. Die nun wieder entlarvt er so pointiert, dass man ihm nur selten widersprechen kann.<\/p>\n<dl>\n<dd><i>Wirkung<\/i><\/dd>\n<\/dl>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der psychologisch-anthropologische Beitrag von 1851 war es, der auf Schopenhauer aufmerksam machte und seinen Ruhm, wenn nicht begr\u00fcndete, so doch einleitete. Die \u00abLebensweisheiten\u00bb avancierten zu seiner meist gedruckten Schrift. In vorger\u00fcckten Jahren lobt Schopenhauer in ihr, seine Lebensf\u00fchrung rechtfertigend, die intellektuelle Besinnung auf sich selbst als Orientierung sowie Einsamkeit als Schutz vor der Menge. Nietzsche wird sie sp\u00e4ter \u00abdie Herdentiere\u00bb nennen. Die nun wieder entlarvt Schopenhauer so pointiert, dass man ihm nur selten widersprechen kann. &#8211; Der menschenkundliche Anteil der \u00abAphorismen\u00bb mit seinen zeitlosen Wahrheiten &#8211; das darf durchaus behauptet werden &#8211; geh\u00f6rt zum deutschsprachigen Bildungskanon. Vor allem Kreativen und Individualisten bietet die Schrift Trost und Best\u00e4rkung.<\/p>\n<dl>\n<dd><i>Quelle<\/i><\/dd>\n<\/dl>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Exzerpte wurden aus dem Erst- und Urdruck aus Band I von \u00abParerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften von Arthur Schopenhauer\u00bb, S. 297 &#8211; 265; Berlin: A. W. Hayn 1851 entnommen. Die Innenseiten dort messen 125 x 210 mm, das Textfeld 95 x 165 mm bei 38 Zeilen pro Seite, gesetzt \u00fcberwiegend in Breitkopffraktur, vereinzelt in Book Antiqua und Altgriechisch. Nur dieser Druck ist von Schopenhauer autorisiert, die erweiterte zweite Auflage von 1862 nicht. Sie wurde posthum erg\u00e4nzt, indem der damalige Herausgeber Schopenhauers Notizen aus dessen mit Leerseiten durchschossenem Handexemplar eingef\u00fcgt hat, teils in den Flie\u00dftext, teils als Fu\u00dfnoten. <sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><a href=\"https:\/\/de.wikiversity.org\/wiki\/Schopenhauer_Aphorismen_zur_Lebensweisheit#cite_note-1\">[1]<\/a><\/sup><\/p>\n<dl>\n<dd><i>Typographie<\/i><\/dd>\n<\/dl>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Beitrag ist der Original-Text in Arial Bold typographiert, die Kommentare in kursiv. Beibehalten wurden die zeitgen\u00f6ssische Orthographie und die Interpunktion des von Schopenhauer autorisierten Erstdrucks. Die Ziffern in eckigen Klammern geben die Seitenzahl des Erstdrucks an.<\/p>\n<dl>\n<dd><i>Emendation<\/i><\/dd>\n<\/dl>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Schriftsetzern von 1851 waren kleinere Fehler unterlaufen, die Schopenhauer vermutlich beim Lesen der Korrekturabz\u00fcge \u00fcbersehen hat (z. B. \u00abLeibnitz\u00bb statt \u00abLeibniz\u00bb). Sie wurden kenntlich korrigiert.<\/p>\n<dl>\n<dd><i>Authentizit\u00e4t<\/i><\/dd>\n<\/dl>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Urdruck ist die Orthographie nicht durchgehend identisch. So finden sich \u00abseyn\u00bb, vereinzelt aber auch \u00absein\u00bb, oder \u00abunsrer\u00bb und \u00abunserer\u00bb oder \u00abedler\u00bb und \u00abedeler\u00bb sowie analoge Variationen. Sie wurden unver\u00e4ndert aus dem Urdruck \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Schopenhauers.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-77483 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Schopenhauers-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Schopenhauers-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Schopenhauers-260x416.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Schopenhauers-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Schopenhauers.jpg 312w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong> Ein einf\u00fchrender Rezensionsessay von Holger Benkel in den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/03\/21\/kurze-saetze\/\">Aphorismus<\/a>. \u00dcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/16\/small-is-beautiful\/\">Vorl\u00e4ufer der Twitteratur<\/a> berichtet Maximilian Zander. Ein Essay \u00fcber die Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/06\/twitteratur-die-kunst-der-verkuerzung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In Schopenhauers Nachlass findet sich die Notiz: \u00abMein Fluch \u00fcber Jeden, der, bei k\u00fcnftigen Drucken meiner Werke, irgend etwas daran wissentlich \u00e4ndert, sei es eine Periode, oder auch nur ein Wort, eine Silbe, ein Buchstabe, ein Interpunktionszeichen.\u00bb Leider haben&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/04\/20\/aphorismen-zur-lebensweisheit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":103220,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2816,94],"class_list":["post-77480","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-arthur-schopenhauer","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77480","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77480"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77480\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106027,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77480\/revisions\/106027"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/103220"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}