{"id":77432,"date":"2003-10-01T00:01:00","date_gmt":"2003-09-30T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77432"},"modified":"2024-05-04T08:31:09","modified_gmt":"2024-05-04T06:31:09","slug":"der-politische-massenstreik-und-die-gewerkschaften","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/01\/der-politische-massenstreik-und-die-gewerkschaften\/","title":{"rendered":"Der politische Massenstreik und die Gewerkschaften"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Parteigenossen und Parteigenossinnen! Werte Anwesende!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Ich mu\u00df gestehen, da\u00df ich nicht minder wie Sie \u00fcberrascht war, als ich hier in der au\u00dferordentlichen Mitgliederversammlung des Metallarbeiterverbandes mehrere uniformierte Vertreter unserer Obrigkeit auf Erden erblickt habe. Ich habe erfahren, da\u00df au\u00dfer den paar hochgestellten Herren, die in diesem Raume weilen, auch noch eine ansehnliche Anzahl von Kommissaren und Schutzleuten in der n\u00e4chstliegenden Wache aufgestapelt worden sind. (Bewegung) Parteigenossen und werte Anwesende! Ich mu\u00df gestehen, da\u00df auf mich diese \u00dcberraschung anders gewirkt hat wie auf Sie. Nicht mit Entr\u00fcstung habe ich sie aufgenommen, sondern es ist ein wundervolles Gef\u00fchl der Sicherheit \u00fcber mich gekommen. (Ironisches \u00bbBravo!\u00ab)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parteigenossen! Sie sind hier in Hagen wohl noch nicht so weit in der preu\u00dfischen Kultur wie wir in Berlin; ich komme aus der Hauptstadt Berlin, und es gibt einen Stadtteil in Berlin, der Moabit hei\u00dft. Wir haben dort gelernt, Parteigenossen, da\u00df, wo man Sicherheit und Ordnung bewahren will, da ist die preu\u00dfische Polizei direkt unentbehrlich. (Lachen) Verehrte Anwesende! Erst nachdem ich die Nachricht bekommen habe, da\u00df unser Versammlungslokal so ausgiebig vom polizeilichen Schutz gesegnet worden ist, bin ich ganz ruhig, da\u00df wir mit heilen Nasen, Ohren und Augen und sonstigen K\u00f6rperteilen den Saal verlassen k\u00f6nnen. (Lachen) Ich mu\u00df Ihnen gestehen, da\u00df ich anscheinend eine ganz besondere Anziehungskraft gegen\u00fcber der Polizei besitze. (Heiterkeit) Ich mu\u00df gestehen, da\u00df ich jedesmal eine gewisse Freude und als Referentin auch eine gewisse Dankbarkeit empfinde gegen\u00fcber der l\u00f6blichen Polizei. Ich mu\u00df Ihnen sagen, gerade die Anwesenheit dieser Herren mit ihren behelmten H\u00e4uptern gibt der Sache eine gewisse Spitze. (\u00bbSehr gut!\u00ab) Und heute ist gerade die Anwesenheit der l\u00f6blichen Polizei eine h\u00fcbsche Folie f\u00fcr das Thema, das wir am heutigen Abend behandeln werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde im Laufe des heutigen Abends hoffentlich noch eine Gelegenheit haben, den speziellen Zusammenhang zwischen den Massenaktionen und Massendemonstrationen des Proletariats und der l\u00f6blichen Polizei zu beleuchten. Ich glaube, es ist gut, wenn auch diese Herren einmal die Gelegenheit haben, zu h\u00f6ren, was wir von ihnen denken. (\u00bbSehr richtig!\u00ab) Ich verliere nie die Hoffnung, da\u00df auch sie mal etwas lernen k\u00f6nnen, und daher sollten wir doch nicht so geizig sein mit unseren Worten und Lehren. Wir wollen auch einmal unsere Perlen vor die &#8211; preu\u00dfische Polizei werfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parteigenossen und werte Anwesende! In der Tat kann kein Thema in dem gegenw\u00e4rtigen Moment in einer deutschen Gewerkschaftsversammlung aktueller sein als das Thema: Massenstreik und Gewerkschaften. Wir haben uns hier versammelt, um dieses Thema zu diskutieren, nachzudenken, gewisserma\u00dfen zwischen zwei gewaltigen Schlachten. Erst vor wenigen Wochen haben Sie hier in Hagen auf Schwelm einen musterg\u00fcltigen gro\u00dfartigen Kampf ausgefochten, wie er die Aufmerksamkeit und die Bewunderung der gesamten klassenbewu\u00dften Arbeiterschaft in Deutschland verdient, und in kurzer Zeit, <i>werte Anwesende<\/i>, werden Sie vielleicht gezwungen sein, Sie und Ihre zahllosen Kollegen und Kameraden in ganz Deutschland, in einen so gewaltigen Kampf einzutreten, wie wir ihn in Deutschland noch niemals erlebt haben. Sie wissen alle, da\u00df in wenigen Tagen, \u00fcbermorgen, die Vertreter der organisierten Arbeiterschaft mit den gewaltigen Kapitalmagnaten der Schiffsbauwerften in Verhandlung treten, wonach entschieden werden soll, ob 400 000 deutsche Metallarbeiter aufs Pflaster geworfen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parteigenossen! Sollte es zur Tat werden und sollte daraus folgen, was h\u00f6chstwahrscheinlich von der Solidarit\u00e4t, von dem Klassenbewu\u00dftsein, von der Kampfenergie der gesamten organisierten Metallarbeiterschaft zu erwarten ist, so w\u00fcrden wir in ganz Deutschland Zeugen eines Kampfes sein, wie er vielleicht in der Welt noch nie dagewesen ist, denn zusammen mit den n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen und mit den Familien w\u00fcrden vielleicht eine Million Menschen im Kampfe sein, in einem Kampfe, in dem es sich handelt um Sein oder Nichtsein zwischen der st\u00e4rksten Gewerkschaftsorganisation und dem \u00fcberm\u00e4chtigen protzigen Kapital.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parteigenossen! In einem solchen Moment, wie ich gesagt habe zwischen zwei gewaltigen Schlachten, ist gerade angezeigt f\u00fcr uns, \u00fcber das Thema hier zu sprechen und nachzudenken, was f\u00fcr uns die aktuellste Frage des Gestern und des Morgen bedeutet. So, Parteigenossen, so, werte Anwesende, lernt einmal die k\u00e4mpfende, organisierte Arbeiterklasse in Deutschland und anderw\u00e4rts, mitten im Schlachtfelde, mitten im Feuer des Kampfes, einen Moment erhaschen, um nachzudenken, zu analysieren, um das Bewu\u00dftsein zu sch\u00e4rfen, um die Waffen zu pr\u00fcfen, die sie im Kampfe anzuwenden hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das ist ganz nat\u00fcrlich, das ergibt sich aus dem Wesen des Arbeiterkampfes selbst. Die moderne proletarische Klasse f\u00fchrt ihren Kampf nicht nach irgendeinem fertigen, in einem Buch, in einer Theorie niedergelegten Schema, <b>der moderne Arbeiterkampf ist ein St\u00fcck in der Geschichte<\/b>, ein St\u00fcck der Sozialentwicklung, und mitten in der Geschichte, mitten in der Entwicklung, mitten im Kampf lernen wir, wie wir k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Parteigenossen und werte Anwesende! Das ist ja gerade das Bewundernswerte das ist ja gerade das Epochemachende dieses kolossalen Kulturwerks, das in der modernen Arbeiterbewegung liegt: Da\u00df zuerst die gewaltige Masse des arbeitenden Volkes selbst aus eigenem Bewu\u00dftsein, aus eigener \u00dcberzeugung und auch aus eigenem Verst\u00e4ndnis sich die Waffen zu ihrer eigenen Befreiung schmiedet. Und deshalb ist es au\u00dferordentlich wichtig, da\u00df wir solche kurzen Momente des Stillstandes zwischen Schlachten, wie wir sie hier erleben, vollauf ausnutzen zu kriegerischen Erw\u00e4gungen, zur Analyse, zur Pr\u00fcfung aller Seiten, aller Fragen, aller Probleme, die das Leben an uns stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines der wichtigsten Probleme, die jetzt sowohl die gewerkschaftlichen wie die sozialistischen Organisationen besch\u00e4ftigen, nicht nur in Deutschland, sondern in allen modernen L\u00e4ndern, ist das Problem des Massenstreiks. Und nun sehen Sie, wie eine interessante Erscheinung sich dabei herausstellt. Wie sooft, ergibt sich hier, da\u00df f\u00fcr unser soziales politisches Leben und Tun vollauf gilt, was Mephisto in Goethes \u00bbFaust\u00ab gesagt hat: \u00bbVernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.\u00ab Alles ver\u00e4ndert sich mit der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste Gebot der politischen K\u00e4mpfer, wie wir es sind, ist es, mit der Entwicklung der Zeit zu gehen und sich jederzeit Rechenschaft abzulegen \u00fcber die Ver\u00e4nderung in der modernen Welt wie auch \u00fcber eine Ver\u00e4nderung unserer Kampfstrategie. Parteigenossen und werte Anwesende! In der Geschichte der Idee vom Massenstreik hat sich das ewige Gesetz der geschichtlichen Entwicklung in gl\u00e4nzender und schlagender Weise best\u00e4tigt. Sie wissen alle wohl, da\u00df die Idee des Massenstreiks oder, wie er fr\u00fcher hie\u00df Generalstreik, keine Erfindung der letzten Tage oder Jahre ist &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So standen die Dinge noch vor kurzem, und was sehen wir heutzutage? Blicken wir auf die blo\u00dfen Tatsachen hin, auf die Ergebnisse des letzten Jahrzehnts, auf die Jahre 1900 bis jetzt, blicken wir auf alle die L\u00e4nder der kapitalistischen Entwicklung, so m\u00fcssen wir konstatieren, da\u00df in einem Lande nach dem andern, in einem Jahre nach dem andern, die gewaltigen Generalstreiks und Massenstreiks ausbrechen &#8211; Parteigenossen! Ich will Ihnen nur noch einige der wichtigsten in Erinnerung rufen. Im Jahre 1900 hatten wir den gewaltigen Bergarbeiterstreik der Bergarbeiter in Pennsylvanien, von dem die amerikanischen Parteigenossen behaupteten und erkl\u00e4rten, er habe f\u00fcr die Ausbreitung des sozialistischen Klassenbewu\u00dftseins mehr getan, als 10 Jahre Agitation es sonst tun. Im Jahre 1902 hatten wir den gro\u00dfen Massenstreik der Bergarbeiter in \u00d6sterreich, der zun\u00e4chst, wie es den Anschein hatte, resultatlos verlief, der aber in der Folge durch die Umstimmung der \u00f6ffentlichen Meinung und durch den Druck auf die Regierung und auf das Parlament den neunst\u00fcndigen Arbeitstag f\u00fcr die Bergarbeiter erobert hat. Wir hatten 1903 den Massenstreik der Bergarbeiter in Frankreich, der im weiteren Verlauf f\u00fcr die franz\u00f6sischen Bergarbeiter den achtst\u00fcndigen Arbeitstag erobert hat. Wir hatten noch im Jahre 1902 in Belgien den gro\u00dfen Massenstreik, den politischen Streik, den Kampf um das allgemeine Wahlrecht. Wir hatten 1904, gerade zu Beginn, im Januar, den gewaltigen Generalstreik der holl\u00e4ndischen Eisenbahner, der den kolossalsten Eindruck auf die Welt gemacht hat und der die unerh\u00f6rte Kunde verbreitet hat, da\u00df pl\u00f6tzlich in Holland der ganze Verkehr und damit das ganze wirtschaftliche Leben lahmgelegt wurde, und der erst durch den Willen einer bestimmten Kategorie von Arbeitern zum Stillstand gebracht werden konnte. Und dann, Parteigenossen, kam das Jahr 1905. Im Januar des Jahres 1905 kam nach Europa eine Kunde, die wie aus einem M\u00e4rchenlande lautete. Das war die Kunde, da\u00df in der n\u00f6rdlichen Hauptstadt des Zaren aller Reu\u00dfen &#8211; in Petersburg pl\u00f6tzlich 100000 bis 200000 Proletarier den Massenstreik erkl\u00e4rt haben und zu gleich sich vor das Schlo\u00df begeben haben, um politische Freiheit und den Achtstundentag zu fordern. Nun, Parteigenossen, seit jenem Tage verging kein Monat, ja, kein Tag, da nicht in Ru\u00dfland lokale Generalstreiks und Massenstreiks ausbrachen. In einem Lande, von dem bisher angenommen wurde, da\u00df es \u00fcberhaupt eine Ausnahme der alten Kulturl\u00e4nder darstellt. In einem Lande, von dem man annahm, da\u00df die Gesetze der historischen Entwicklung ohnm\u00e4chtig an seinen Grenzen, an seiner Schwelle zusammenbrechen, in einem Lande, nach welchem die Machthaber aus Deutschland und speziell aus Preu\u00dfen hinblickten, weil sie glaubten, dort sei der einzige Landesvater, dem seine Landeskinder so gar keine Sorge machten. Parteigenossen! In diesem Lande erhob sich zuerst eine gewaltige Masse von Proletariern und gebrauchte das Werkzeug des Massenstreiks, die Waffe des Massenstreiks, des politischen und gewerkschaftlichen zugleich, zum Kampfe gegen die Ausbeuterklasse und zur Eroberung der politischen Freiheit. Und als ein lebhaftes Echo, als ein Nachhall dieser Sturmperiode, hatten wir im Herbst in \u00d6sterreich eine Reihe gewaltiger Massenstreiks als Demonstration und Kampfmittel f\u00fcr das allgemeine Wahlrecht zum Reichsrat und den einzelnen Landtagen in B\u00f6hmen, Galizien und Triest. Im Jahre 1905 gleichfalls hatten wir in Italien den kolossalen Streik der Eisenbahner, in Galizien den Massenstreik von 200000 Landarbeitern, derjenigen Kategorie, die im tiefsten Elend, in der tiefsten Erniedrigung lebt. Seitdem vergeht kein Jahr ohne einen gewaltigen Massenstreik in diesem oder jenem Lande. Im vergangenen Jahre, 1909, hatten wir den unverge\u00dflichen Generalstreik in Schweden, der Ihnen allen in frischer Erinnerung ist. In diesem Moment, in diesem Jahre hatten wir &#8211; ich werde Ihnen das, was Sie selbst erlebt haben, nicht in Erinnerung zu rufen brauchen &#8211; in Amerika zwei gl\u00e4nzend durchgef\u00fchrte und siegreiche Massenstreiks. Der erste begann im M\u00e4rz und endete im April, das war der Massenstreik in Philadelphia, der zweite, j\u00fcngst erst beendete, war der Generalstreik von 70 000 m\u00e4nnlichen und weiblichen Arbeitern der Frauenindustrie in New York, die es durchgesetzt haben, da\u00df in der ganzen Branche in s\u00e4mtlichen Werkst\u00e4tten nur das als Gesetz gilt, was die Gewerkschaft der Arbeiter bestimmt. (\u00bbBravo!\u00ab) Parteigenossen! Das ist sozusagen ein kurzer \u00dcberblick \u00fcber die nackten Tatsachen der Geschichte des Massenstreiks des letzten Jahrzehnts. Und es gen\u00fcgt, diese Tatsachen festzustellen, um daraus den Schlu\u00df zu ziehen: Es hat sich in den Bedingungen der Verwirklichung des Massenstreiks Gewaltiges ver\u00e4ndert in der letzten Zeit. Haben wir denn einen Grund anzunehmen oder zu denken, da\u00df alle diese Massenstreiks und Generalstreiks, die ich Ihnen aufgez\u00e4hlt habe, sozusagen ein versp\u00e4teter Triumph der anarchistischen Idee sei? Nein, durchaus nicht, werte Anwesende, durchaus sind es nicht die Anarchisten, die einen Grund zum Triumphieren und uns nicht darauf hinzuweisen haben, da\u00df wir sozusagen mit Versp\u00e4tung darauf gekommen sind. Merken Sie sich wohl, da\u00df gerade in allen den L\u00e4ndern, wo die wirksamsten und machtvollsten Massenstreiks in der letzten Zeit zustande gekommen sind, da\u00df dort der Anarchismus g\u00e4nzlich ausgestorben ist, und merken Sie sich die interessante Tatsache, da\u00df w\u00e4hrend der russischen Revolution in jenem Lande, wo der Massenstreik als politisches Kampfmittel gewisserma\u00dfen aus der Taufe gehoben ist, gewisserma\u00dfen als epochemachendes gl\u00e4nzendes Beispiel angewandt worden ist, da\u00df in diesem Lande, das au\u00dferdem die Wiege des bekannten Theoretikers und Anarchisten Michael Bakunin ist, mit dem noch Marx und Engels in der Internationale heftige K\u00e4mpfe f\u00fchren mu\u00dften &#8211; da\u00df in Ru\u00dfland selbst w\u00e4hrend der ganzen gro\u00dfen Revolution der Anarchismus nicht nur keine Rolle gespielt hat, sondern da\u00df er g\u00e4nzlich heruntergestampft worden ist von den siegreichen Scharen des organisierten Proletariats. (\u00bbBravo!\u00ab) Denn, Parteigenossen, diese Tatsache mu\u00df doch geschichtlich hervorgehoben werden, in der einzigen Form, in der sich der Name des Anarchismus dieser Schablone in der russischen Revolution erblicken lie\u00df, das war das Aush\u00e4ngeschild des Lumpenproletariats, der Diebe, der Banditen und Strolche, die, um in irgendeinen idealen Mantel sich einzukleiden, sich anarchistische Kommunisten nannten und von der ganzen sozialistischen Arbeiterschaft als das was sie sind, die Vertreter des Lumpenproletariats erkannt wurden. Parteigenossen! Somit trennt sich gewisserma\u00dfen gleich zu Beginn unserer jetzigen Entwicklungsperiode die Idee des Massenstreiks von den anarchistischen N\u00e4hrv\u00e4tern und Propagandisten des Generalstreiks vollst\u00e4ndig. Die Idee des Massenstreiks tritt auf als direkter Gegensatz zu den Hirngespinsten des Anarchismus. Denn, Parteigenossen und werte Anwesende, w\u00e4hrend f\u00fcr die alten Anarchisten die Idee des Generalstreiks ein wundert\u00e4tiges Mittel sein sollte, um gewisserma\u00dfen durch einen Zauberschlag von heute auf morgen, ohne gro\u00dfe M\u00fche, pl\u00f6tzlich in ein Paradies des Sozialismus hin\u00fcberzuspringen, w\u00e4hrend f\u00fcr die Anarchisten die Idee des Massenstreiks ein direkter Gegensatz zur politischen Bet\u00e4tigung, zum politischen Kampf war, erblicken wir jetzt umgekehrt den Massenstreik als politische Waffe, die am meisten dazu dient, dem Volke politische Rechte zu erobern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So, verehrte Anwesende, stellen sich die Tatsachen dar, und nun haben wir allen Grund, uns als denkende K\u00e4mpfer die Frage vorzulegen: Was ist geschehen, wieso ist es m\u00f6glich geworden, da\u00df eine Idee, deren Ausf\u00fchrbarkeit so lange Zeit unpraktisch erschien, unrealisierbar erschien, da\u00df sie gewisserma\u00dfen jetzt zur t\u00e4glichen Erscheinung geworden ist, da\u00df sie heute auf jeder Tagesordnung der politischen und gewerkschaftlichen Bewegung steht? Wenn Sie die Antwort auf diese Idee mit jener Gr\u00fcndlichkeit geben wollen, die zu einem ernsten Politiker geh\u00f6rt, so m\u00fcssen Sie vor allem einen Blick in die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte und namentlich des letzten Jahrzehnts werfen. Werte Anwesende und Parteigenossen, diejenigen, die in einem der wichtigsten Punkte des westlichen Industriegebietes wohnen, wissen selbst, was sie am eigenen Leibe erfahren haben. Der hervorragende Zug in der Entwicklung Deutschlands in der letzten Zeit ist die gewaltige Konzentration des Kapitals, die Konzentration und Ansammlung der Gro\u00dfindustrie in ihrer Macht gegen\u00fcber dem Proletariat! Parteigenossen, erinnern Sie sich, da\u00df vor etwa 12 Jahren in unseren eigenen Reihen, in den Reihen der Sozialdemokratie, sich sehr laute Zweifelstimmen h\u00f6ren lie\u00dfen, die die Revision der ganzen Marxschen Lehre verlangten, die behaupteten, das, was Marx gesagt habe \u00fcber die Linie, \u00fcber die Richtung der organisatorischen Entwicklung des Kapitals, das sei alles, was zum alten Eisen geworfen werden m\u00fcsse. Denn in Wirklichkeit entwickele sich der deutsche Kapitalismus nicht wie es Marx prophezeit habe. Man sagte, die Konzentration des Kapitals geht nicht so vor sich, denn viele kleine Betriebe erhalten sich noch am Leben, und auf diese Weise habe das Proletariat durchweg nicht so rasch n\u00f6tig, mit der kapitalistischen Herrschaft ein Ende zu machen, und &#8211; Parteigenossen &#8211; kaum war diese Ansicht ausgesprochen, kaum begann das gro\u00dfe Werk der Revidierung der Marxschen Lehre, da kam das Leben selbst und zeigte &#8211; und zwar in so deutlicher Weise, da\u00df selbst ein Blinder es sehen mu\u00dfte -, zeigte, da\u00df in Deutschland die kapitalistische Entwicklung gewisserma\u00dfen nach Marxschen Voraussetzungen in gl\u00e4nzender Weise best\u00e4tigte, was unsere Lehre vorausgesagt hatte. Nirgends so wie in Deutschland hat sich gerade im letzten Jahre das Kapital in dieser \u00dcbermacht gegen\u00fcber dem Proletariat zu einer gewaltigen Macht zusammengeballt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nirgends so wie in Deutschland, und speziell hier im westlichen Industriegebiet. Blicken Sie nur auf die wichtigsten Industriezweige. \u00dcberall ist fast das gesamte Kapital, die gesamte Macht \u00fcber die Produktionsmittel konzentriert in wenigen H\u00e4nden, von Kartellen, die allm\u00e4chtig beherrschen das ganze Gebiet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daraus ergibt sich, Parteigenossen, da\u00df auch auf politischem Gebiet jeder Schritt vorw\u00e4rts, da\u00df jedes politische Recht nicht anders, als durch die arbeitenden Massen selbst in einer gro\u00dfen k\u00fchnen Aktion oder vielmehr in vielen langen Aktionen der Massen drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe erworben werden kann. Wir haben ja bisher schon manchen Schritt vorw\u00e4rts getan, wir haben erlebt, Parteigenossen, in diesem Kampfe um das preu\u00dfische Wahlrecht, da\u00df die bestehende herrschende Ordnung auch vor brutalsten Eingriffen in unsere b\u00fcrgerlichen Rechte nicht zur\u00fcckschreckt, um uns den Sieg zu erschweren. Denken wir alle an das sch\u00f6ne Erlebnis, das wir am 6. M\u00e4rz im Berliner Tiergarten hatten, wo wir, eine vieltausendk\u00f6pfige Menge, ganz ruhig und friedlich in der Fr\u00fchlingssonne standen und nichts anderes taten, als einmal \u00fcber das andere zu rufen: \u00bbDas allgemeine, gleiche Wahlrecht lebe hoch!\u00ab Da zeigte sich pl\u00f6tzlich auf dem Platz eine Truppe berittener Polizisten, die mit geschwungenen S\u00e4beln wie eine wilde Horde auf uns losst\u00fcrmten. Da zeigte es sich, wozu, zu welcher Sicherheit die Polizeis\u00e4bel getragen werden. Parteigenossen! Mit Ruhe und Gelassenheit k\u00f6nnen wir diese vergangene Geschichte erz\u00e4hlen, wir haben diese Herren gezwungen, ihre S\u00e4bel wieder in die Plempen zu stecken. Parteigenossen! Wir haben noch mehr gezeigt, wir haben den Chef der Polizei in Berlin gezwungen, nachdem er gewaltige Proklamationen gegen uns, die revolution\u00e4re Partei, erlie\u00df und plakatierte, die Stra\u00dfe geh\u00f6rt dem Verkehr, Demonstrationen werden nicht geduldet, uns die Stra\u00dfen einzur\u00e4umen, und ihn gelehrt, da\u00df die Stra\u00dfen uns, der Masse der Arbeiter, geh\u00f6ren. (\u00bbBravo!\u00ab) So, Parteigenossen, hat uns die Massenbewegung bis jetzt schon gezeigt, da\u00df jeder Schritt vorw\u00e4rts unter dem Druck der gewaltigen Masse der Arbeiter drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe erzwungen werden mu\u00df. M\u00f6gen die herrschenden Gewalten in Preu\u00dfen noch viel mehr mit dem S\u00e4bel fuchteln, Sie haben vielleicht alle geh\u00f6rt, welch neue sch\u00f6ne Geheimnisse von jener Seite auf unserem letzten Magdeburger Parteitag offenbart wurden, wie wiederum ein Herr aus Westfalen, der gewesene Kommandierende General von Bissing, einen ganzen Feldzugsplan gegen das demonstrierende Proletariat in den Stra\u00dfen entworfen hat. M\u00f6gen die Herrschaften, wie sie am 6. M\u00e4rz in Berlin getan haben, ihre Kanonen, ihre mit scharfen Patronen geladenen Gewehre gegen die Massen richten. Gegen die Waffen, die wir in Vorrat haben, helfen keine Kanonen, keine scharfen S\u00e4bel. (\u00bbBravo!\u00ab Sehr richtig!\u00ab) Denn, Parteigenossen, alle bisherigen Erfahrungen haben das bereits gezeigt. Kann denn irgendein Staat, mag er an Verblendung, mag er an Brutalit\u00e4t sogar den preu\u00dfischen Staat \u00fcbersteigen, kann er gegen hunderttausende ruhig und friedlich streikende Arbeiter die Kanonen ausfahren lassen? T\u00f6richt und verblendet w\u00e4re derjenige Staat, der eine so gewaltige Menge Arbeiter niedermetzeln wollte. Denn er w\u00fcrde ja mit eigenen H\u00e4nden die Biene morden, von deren Honig er als Drohne lebt. (\u00bbBravo!\u00ab Sehr richtig!\u00ab) Und, Parteigenossen, kann irgendein Staat &#8211; und mag er s\u00e4mtliche Kanonen gegen uns ausfahren lassen -, kann er friedlich streikende Arbeiter dazu zwingen, die Maschinen in Bewegung zu setzen? Nein! Das vermag auch der despotischste Staat nicht zustande zu bringen, und so erweist sich, da\u00df gerade die friedliche und ruhige Waffe des politischen Massenstreiks die sch\u00e4rfste Waffe ist, zu der wir vielleicht greifen m\u00fcssen, wenn die herrschende Reaktion in ihrer Verbohrtheit und Verblendung weiter beharrt. W\u00e4hrend so, Parteigenossen, die politische Entwicklung uns gerade dazu zwingt, zu Massenstreiks immer mehr zu greifen, um die elementarsten politischen Rechte zu erobern, f\u00fchren wir genau nach derselben Richtung eine solche Politik in der Gewerkschaftsbewegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werte Anwesende! Welchen Umst\u00e4nden verdanken wir die letzten gro\u00dfen Massenstreiks auf wirtschaftlichem Gebiet, und namentlich welche Lehren m\u00fcssen wir ziehen aus dem Gewitter, das heraufzieht \u00fcber ihren bl\u00fchenden Metallarbeiterverband? Es sind ja die Kapitalisten selbst, die mutwillig und planm\u00e4\u00dfig darauf ausgehen, uns zu einer gewaltigen Kraftprobe zu provozieren. Nach den Erfahrungen der Bauarbeiteraussperrung ist es geradezu durch Dokumente erwiesen worden, da\u00df der Streik gegen die Organisation der Bauarbeiter von langer Hand vorbereitet war, da\u00df die Unternehmer es planm\u00e4\u00dfig dazu f\u00fchrten, durch Aussperrungen Proletarier zu einem Verzweiflungskampf zu zwingen, und genau derselbe Plan liegt dem jetzigen Plan der Schiffsbauwerftkapitalisten, ebenso wie der Kapitalisten der Metallindustrie zugrunde. Wenn auf diese Weise die Kapitalisten selbst, die Unternehmer, es in der Hand haben, dank der Protektion einer zusammengef\u00fcgten Gewalt und durch Aussperrung zu einem Massenstreik zu zwingen, so ergibt sich als eine dringende Notwendigkeit f\u00fcr unsere gewerbliche Organisation, mit der Waffe des Massenstreiks auf den Kampf zur Verteidigung des Koalitionsrechtes sp\u00e4ter einmal als unvermeidlich zu rechnen. Daraus ergibt sich, da\u00df es die praktischste Sache ist, der Zukunft klar in die Augen zu blicken, sich zu sagen, je mehr die Massen des Proletariats dazu vorbereitet werden durch klare Erfassung der gesamten Lage, durch das Bewu\u00dftsein der gro\u00dfen Aufgaben, die ihnen bevorstehen, je mehr sie vorbereitet werden, diesen gro\u00dfen Kampf auszufechten, um so mehr Chancen haben wir, aus diesem Kampf als Sieger hervorzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werte Genossen! Es stellen sich mehrere Argumente gegen den Gebrauch des Massenstreiks ein, die meist ins Feld gef\u00fchrt werden. Zun\u00e4chst wird uns gesagt: Wir gehen bei einem Massenstreik, namentlich bei einem politischen Massenstreik, ein gewaltiges Risiko ein, indem wir die gewerkschaftliche Organisation einer gewaltigen Gefahr aussetzen. Unsere Gewerkschaftsorganisation k\u00f6nnte bei einem solchen gro\u00dfen Zusammensto\u00df in St\u00fccke geschlagen werden. Es stimmt schon, da\u00df in diesem oder jenem st\u00fcrmischen Massenstreik vielleicht unsere Organisation im ersten Moment besch\u00e4digt werden k\u00f6nnte. Aber es gibt Lagen, und wir kommen immer mehr in diese Lage, wo ein Kampf auch unter ung\u00fcnstigen Bedingungen aufgenommen werden mu\u00df, wenn \u00fcberhaupt die Ehre der organisierten Arbeiterbewegung verteidigt werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parteigenossen! Die gewerkschaftlichen Organisationen sind da, vor allem dazu geschaffen, uns in unserem Kampfe namentlich zur Verteidigung unseres allerersten Rechtes, des Koalitionsrechtes, das jetzt so bedroht wird, um uns dazu als Waffe im Kampfe zu dienen. Unsere gewerkschaftlichen Organisationen sind ja unsere Kanonen im Kampfe um eine bessere Zukunft. Was w\u00fcrden Sie sagen von einem milit\u00e4rischen Staat, welcher erkl\u00e4ren w\u00fcrde, er k\u00f6nne nicht in den Krieg ziehen vor Bef\u00fcrchtung, seine Kanonen k\u00f6nnten dabei zerschmettert werden? Wozu haben wir die Kanonen anders, um damit gegebenenfalls auf den Feind zu schie\u00dfen? Andererseits sind unsere Waffen nicht von so plumper Beschaffenheit wie die Waffen der Milit\u00e4rstaaten. Die Kanonen der Milit\u00e4rstaaten k\u00f6nnen wirklich in einem Kampfe zerschmettert und unbrauchbar gemacht werden. Unsere Organisationen aber, sie bew\u00e4hren sich im Kampfe, sie k\u00f6nnen nur existieren im Kampfe, sie wachsen nur im Kampfe. Erinnern Sie sich an die Zeit des Sozialistengesetzes. War das nicht die schwerste Zeit, die die deutschen Gewerkschaften zusammen mit der deutschen Sozialdemokratie erlebt haben? Wie sah es in unserer Organisation denn aus im ersten Moment nach der Verwirklichung des Sozialistengesetzes? Unsere Gewerkschaften waren zerschmettert, unsere Presse lahmgelegt, unsere Organisation vernichtet, aber wie sahen wir aus nach 12 Jahren, als das Sozialistengesetz aufgehoben werden mu\u00dfte? Da standen wir da mit verzehnfachter Kraft, das Sozialistengesetz lag zerschmettert. (Tosender Beifall) Und so wird es immer gehen in dem gro\u00dfen Kampfe, der uns durch unsere Gegner aufgezwungen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parteigenossen! Was zeigen die Erfahrungen der letzten Zeit? Sie zeigen uns, da\u00df es keine g\u00fcnstigere Zeit zum Ausbau der gewerkschaftlichen Organisationen gibt als einen gro\u00dfen Massenkampf, der die indifferenten Massen des Proletariats aufr\u00fcttelt und sie aufnahmef\u00e4hig macht f\u00fcr den Anschlu\u00df an die Organisationen<b>.<\/b> (\u00bbSehr richtig!\u00ab) Sie haben es hier in Hagen erlebt, wo seit der letzten Aussperrung Ihr Metallarbeiterverband in so gl\u00e4nzender Weise einen Zuwachs aufzuweisen hat. Genau ebenso best\u00e4tigt sich dies auch anderswo. Nehmen Sie zum Beispiel das fr\u00fcher erw\u00e4hnte Ru\u00dfland. Bis zum Jahre 1905 gab es in Ru\u00dfland fast keine Gewerkschaftsorganisationen. Infolge der gewaltigen Massenstreikaktion, die wir im Jahre 1905 dort erlebt haben, wachsen sie wie Pilze aus der Erde in einem Gouvernement nach dem andern. Kr\u00e4ftige, junge Gewerkschaftsorganisationen. Dasselbe hat seinerzeit in Belgien stattgefunden. Bis zum Jahre 1886 gab es in Belgien keine Spur von Gewerkschaftsorganisation. Zuerst kam da ein Zeichen des allgemeinen Erwachens nach dem Sturm von Massenstreiks in den Eisenwerkst\u00e4tten. Aus diesen Massenstreiks wurde einerseits geboren die politische Bewegung, der Kampf um das allgemeine, gleiche Wahlrecht und zugleich die erste Gewerkschaftsorganisation Belgiens. Und die j\u00fcngste Erfahrung zeigt uns nach dieser Hinsicht sehr lehrreiche Beispiele in Philadelphia in Amerika&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun noch ein anderes Bedenken gegen die Massenstreiks. Parteigenossen! Man weist uns darauf hin &#8211; und das hat auch eine gro\u00dfe Rolle gespielt bei der Besprechung des Massenstreiks im preu\u00dfischen Wahlrechtskampf -, man weist uns darauf hin, da\u00df wir noch zu sehr zu tun hatten mit einer gro\u00dfen Masse gegnerisch organisierter Kollegen. Wir haben noch mit den christlich organisierten Arbeitern zu tun, die nicht auf unserm Standpunkt stehen, und k\u00f6nnen wir denn eine so gro\u00dfe Aktion, wie die des politischen Massenstreiks unternehmen, da wir gegen uns noch so gro\u00dfe Scharen andersdenkender Proletarier haben? Parteigenossen, diejenigen, die diese Bef\u00fcrchtung aussprechen, m\u00fcssen erkennen, da\u00df die Geschichte gerade in dieser Hinsicht umgekehrt wirkt, als sie behaupten. Nicht die christlich Organisierten k\u00f6nnen ein ernstes Hindernis bei der Massenstreikaktion darstellen, sondern umgekehrt. Es gibt kein sichereres Mittel, die gro\u00dfen Scharen der genasf\u00fchrten Arbeiterschaft von ihren b\u00fcrgerlichen F\u00fchrern in christlich-sozialen und andern Verb\u00e4nden loszurei\u00dfen und zu uns zu bringen, als eine k\u00fchne, gro\u00dfe Massenaktion. Denn, Genossen, je mehr Massenbewegungen kommen, je mehr es sich im Kampfe um gro\u00dfe Fragen, um gro\u00dfe Probleme, um Grundinteressen des Proletariats handelt, um so mehr m\u00fcssen die Massen, auch die christlichen Gewerkschaften und Hirsch-Dunckerschen, mit uns zusammengeh\u00f6ren und je mehr kommt heraus, was wir sagen, da\u00df die ganze Politik ihrer F\u00fchrer in den Verb\u00e4nden in Wirklichkeit nichts anderes als eine Nasf\u00fchrung der Gewerkschaften ist. Parteigenossen! Deshalb m\u00fcssen wir uns jedesmal freuen, wenn durch eine gro\u00dfe Massenbewegung die Anh\u00e4nger der christlichen Verb\u00e4nde und der Hirsch-Dunckerschen Verb\u00e4nde zusammenmarschieren. Freilich, dieses Marschieren hat nur dann seinen Zweck erf\u00fcllt, wenn wir dabei die volle \u00d6ffentlichkeit haben und diese politisch ausnutzen, und die Massen, die hinter den b\u00fcrgerlichen F\u00fchrern herlaufen, aufkl\u00e4ren \u00fcber das eigentliche Wesen ihrer Interessen und Aufgaben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parteigenossen! Es gibt noch einen weiteren Einwand, der scheinbar sehr plausibel und eine sehr gef\u00e4hrliche Waffe gegen den politischen Massenstreik ist, und dieser Einwand ist gew\u00f6hnlich der: Wir stellen den Hauptfaktor der Macht unserer gewerkschaftlichen Organisationen, wir stellen unsere Kasse, unsere finanziellen Mittel auf die Probe. Keine Gewerkschaft kann von sich, vor eine gewaltige Massenbewegung, vor einen gewaltigen Massenstreik gestellt, erkl\u00e4ren: wir haben in unserer Gewerkschaft Mittel genug, um ungez\u00e4hlte Hunderttausende w\u00e4hrend langer Monate unterhalten zu k\u00f6nnen. Aber, Genossen, die ganze Auffassung der Sache ist vollst\u00e4ndig falsch. Wir k\u00f6nnen nicht vom Standpunkte des Kassenbestandes \u00fcberhaupt so gewaltige Bewegungen, wie politische Massenstreiks es sind, erw\u00e4gen<b>.<\/b> In solchen F\u00e4llen m\u00fcssen wir vor allem rechnen auf etwas anderes als auf die klingende M\u00fcnze in unsern Kassen und Kassenb\u00fcchern. Wir m\u00fcssen rechnen auf die unersch\u00f6pfliche Quelle des Idealismus bei der Ausf\u00fchrung der Sache. Mit Kassen allein k\u00f6nnen solche gewaltige Schlachten, wie sie uns jetzt bevorstehen, in Zukunft nimmermehr geschlagen werden. Da mu\u00df die gro\u00dfe Hingebung an unsere gro\u00dfen Ziele und Aufgaben angespannt werden, da mu\u00df der Letzte aus der Masse verstehen, da\u00df es sich um solche Aufgaben handelt, um deren Willen man nicht nur monatelang darben kann, um derentwillen man n\u00f6tigenfalls das Leben dran gibt. (\u00bbBravo!\u00ab) Parteigenossen! Bis jetzt hat noch niemals die Rechnung auf die Ideale der Massen in unserer Geschichte versagt. Haben wir nicht Beispiele genug gehabt w\u00e4hrend des modernen proletarischen Kampfes um die Befreiung, da\u00df die Massen wohl das allerschwerste zu ertragen verstehen? Wenn sie nur vor sich klar das Ziel erblicken, das dazu f\u00fchrt, sie von dem Joch des Kapitalismus zu befreien. Parteigenossen! So war es im Jahre 1848, und nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich w\u00e4hrend der ber\u00fchmten Februarrevolution. Damals trugen sich die Proletarier mit dem holden Wahn, da\u00df sie nur eine gro\u00dfe Anstrengung voller Opfer zu machen brauchen, damit sie gleich in k\u00fcrzester Frist die sozialistische Gesellschaftsordnung verwirklichen k\u00f6nnen. Nachdem sie in Frankreich am 24. Februar erzwungen haben bei der provisorischen Regierung, die Republik zu proklamieren, haben sie sofort die Forderung gestellt: Wir verlangen, da\u00df diesmal eine <b>soziale Republik<\/b> in Frankreich eingerichtet wird, in der es f\u00fcr jedermann Zuckererbsen und Brot genug geben soll. Und, Parteigenossen, damals marschierten die franz\u00f6sischen Proletarier auf den Stra\u00dfen von Paris mit einer schwarzen Fahne, auf der geschrieben stand: Arbeiter, lebt oder empfangt den Tod! Die provisorische Regierung, die damals die gr\u00f6\u00dfte Furcht vor dem versammelten Proletariat auf der Stra\u00dfe hatte, versprach, die sozialistische Republik einzurichten und jedem Brot und Arbeit zu sichern: Sie m\u00fcsse aber dazu einige Zeit haben. Die Herrschaften wu\u00dften aber, da\u00df das Feld nach 3 Monaten anders aussehen werde, sie mu\u00dften Zeit gewinnen, um die blauen Bohnen zu sammeln, mit denen sie die Hungernden f\u00fcttern wollten. Parteigenossen! Die Proletarier erkl\u00e4rten damals die denkw\u00fcrdigen historischen Worte durch den Mund eines der Ihren, eines der ersten und besten Arbeiter von Paris. Sie erkl\u00e4rten damals der versammelten provisorischen Regierung: Gut, meine Herren, wir geben euch die Zeit, wir hungern die 3 Monate, wir, das Proletariat von Paris, aber wir wollen die soziale Republik haben. Es kamen 3 Monate furchtbarster Not, und sie haben sie ausgehalten, weil sie glaubten, sie bek\u00e4men die ber\u00fchmte soziale Republik, die f\u00fcr jedermann Brot und Arbeit haben sollte, und als die 3 Monate um waren, da erschien nicht Brot und Arbeit der sozialen Republik, sondern es erschien die Nationalgarde auf der Stra\u00dfe, da erschien die Armee auf der Stra\u00dfe und da gab es die ber\u00fchmten Junik\u00e4mpfe und Junischl\u00e4chtereien, die w\u00e4hrend 3 Tage und 3 N\u00e4chte im Blute den Wahn der sozialen Republik zu ersticken suchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber, Parteigenossen, schon damals hat sich gezeigt, da\u00df die Masse vor keinen Opfern zur\u00fcckschreckt. Damals gab es keine Kassen, um die Proletarier 3 Monate zu erhalten, damals gab es keine Gewerkschaften, keine Organisation, um sie in ihrer Kampfesstimmung aufrechtzuerhalten. Wie erst m\u00fc\u00dfte heutzutage unser Augenmerk darauf hingerichtet sein, f\u00fcr alle K\u00e4mpfe die Opfer zu bringen, die n\u00f6tig sein sollen, nachdem wir solche gewaltige Kulturarbeiten der deutschen Gewerkschaften und der deutschen Sozialdemokratie hinter uns haben! Um diesen Geist, um diesen Idealismus aus der Masse hervorzurufen, brauchen wir nichts anderes, als immer wieder darauf hinzuweisen, da\u00df die K\u00e4mpfe, die wir jetzt f\u00fchren, da\u00df alle Massenstreiks, die wir vor uns haben, nichts anderes sind, als eine notwendige geschichtliche Etappe zur endg\u00fcltigen Befreiung vom Kapitalismus, zur sozialistischen Gesellschaftsordnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parteigenossen! Ist nicht jede Aussperrung, die wir heute erleben, eine gewaltige Propaganda f\u00fcr den Sozialismus? Ist nicht die Tatsache allein, da\u00df wir heutzutage vor einer Entscheidung stehen und uns fragen, ob in den n\u00e4chsten Tagen schon durch einen Machtspruch einer Handvoll Kapitalisten Hunderttausende von M\u00e4nnern und Frauen auf das Stra\u00dfenpflaster geworfen werden &#8211; ist das nicht Beweis genug f\u00fcr den Blinden, da\u00df eine solche Gesellschaftsordnung wert ist, da\u00df sie zum Teufel gejagt wird? (Lebhafter Beifall)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parteigenossen! Jede Aussperrung ist ein Schritt weiter, ist ein neuer Nagel zum Sarge der kapitalistischen Ordnung, denn gerade die jetzt beliebte Methode der Aussperrung, ohne das Proletariat zu besiegen, ist der beste Beweis, da\u00df die bestehende Gesellschaftsordnung nicht mehr m\u00f6glich, sondern unhaltbar geworden ist, da\u00df sie einer andern Platz machen mu\u00df. Und ist nicht jeder Massenstreik ein Schritt weiter vorw\u00e4rts auf dem Wege zu ihrer Beseitigung? Parteigenossen, das ber\u00fchmte \u00bbKommunistische Manifest\u00ab von Marx und Engels schlie\u00dft mit den Worten: Das Proletariat hat nichts zu verlieren als seine Ketten, zu gewinnen eine ganze Welt. Nur dann werden wir gewappnet sein zu der gewaltigen Schlacht, die wir in der n\u00e4chsten Zeit zu schlagen haben, wenn jeder gewerkschaftlich organisierte Proletarier verstanden hat, da\u00df sein Beruf in der Sozialdemokratischen Partei, wenn jeder sozialistische Proletarier versteht, da\u00df er verpflichtet ist, die sozialistische Aufkl\u00e4rungsliteratur sich zu eigen zu machen, da\u00df jeder gewerkschaftlich t\u00e4tige und organisierte Arbeiter zugleich ein zielbewu\u00dfter sicherer K\u00e4mpfer f\u00fcr die sozialistische Befreiung ist. Nur unter diesem Schlachtruf werden wir die n\u00e4chsten Schlachten zum Siege bringen, wenn der letzte Proletarier versteht, da\u00df man zu verlieren blo\u00df seine Ketten, zu gewinnen eine Welt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-100406 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Rosa_Luxemburg-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><em>Quelle<\/em>: Rede in der Generalversammlung der Freien Gewerkschaften in Hagen, am 1. Oktober 1910<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192 <\/strong>In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Gleichfalls in 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Parteigenossen und Parteigenossinnen! Werte Anwesende! Ich mu\u00df gestehen, da\u00df ich nicht minder wie Sie \u00fcberrascht war, als ich hier in der au\u00dferordentlichen Mitgliederversammlung des Metallarbeiterverbandes mehrere uniformierte Vertreter unserer Obrigkeit auf Erden erblickt habe. Ich habe erfahren, da\u00df au\u00dfer den&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/01\/der-politische-massenstreik-und-die-gewerkschaften\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":216,"featured_media":100406,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1247],"class_list":["post-77432","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-rosa-luxemburg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/216"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77432"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77432\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105574,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77432\/revisions\/105574"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100406"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}