{"id":77428,"date":"2003-03-05T00:01:20","date_gmt":"2003-03-04T23:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77428"},"modified":"2022-05-23T14:16:53","modified_gmt":"2022-05-23T12:16:53","slug":"karl-marx","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/05\/karl-marx\/","title":{"rendered":"Karl Marx"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Philosophen haben die Welt nur verschieden <em>interpretiert,<\/em> es kommt aber darauf an, sie zu <em>ver\u00e4ndern.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\"><em>11. These Marx\u2019 \u00fcber Feuerbach.<\/em><\/span><\/p>\n<p class=\"fst\" style=\"text-align: justify;\">Vor zwanzig Jahren hat Marx seinen gewaltigen Kopf zur Ruhe gelegt, und trotzdem wir erst vor wenigen Jahren erlebt haben, was man in der Sprache der deutschen Professoren \u201edie Krise des Marxismus\u201c genannt hat, so gen\u00fcgt ein Blick auf die Massen, die heute dem Sozialismus allein in Deutschland folgen, auf seine Bedeutung im \u00f6ffentlichen Leben aller sogenannten Kulturl\u00e4nder, um das Werk des Marxschen Gedankens in seiner Riesenhaftigkeit zu fassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00e4me es darauf an, dasjenige, was Marx f\u00fcr die heutige Arbeiterbewegung getan, in wenigen Worten zu formulieren, so k\u00f6nnte man sagen: Marx hat die moderne Arbeiterklasse als historische Kategorie, d.\u00a0h. als eine Klasse mit bestimmten geschichtlichen Daseinsbedingungen und Bewegungsgesetzen, sozusagen entdeckt. Vor Marx existierten wohl in den kapitalistischen L\u00e4ndern eine Masse von Lohnarbeitern, die, durch die Gleichartigkeit ihres sozialen Daseins innerhalb der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zur Solidarit\u00e4t gef\u00fchrt, tastend nach einem Ausweg aus ihrer Lage und teilweise nach einer Br\u00fccke ins gelobte Land des Sozialismus suchten. Marx hat sie erst zur <em>Klasse<\/em> erhoben, indem er sie durch die besondere historische Aufgabe verband: durch die Aufgabe der Eroberung der politischen Macht zur sozialistischen Umw\u00e4lzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Br\u00fccke, die Marx zwischen der proletarischen Bewegung, wie sie elementar aus dem Boden der heutigen Gesellschaft emporw\u00e4chst, und dem Sozialismus errichtet hat, war also: <em>Klassenkampf um die politische Machtergreifung.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bourgeoisie zeigte sich jeher einen sicheren Instinkt, wenn sie besonders die <em>politischen<\/em> Bestrebungen des Proletariats mit Ha\u00df und Furcht verfolgte. Schon im Jahre 1831, als Casimir Perier im November in der franz\u00f6sischen Deputiertenkammer \u00fcber die erste Regung der Arbeiterklasse auf dem Kontinent, \u00fcber die Revolte der Seidenweber in Lyon, berichtete, sagte er: \u201eMeine Herren, wir k\u00f6nnen ruhig sein! In der Bewegung der Arbeiter von Lyon <em>ist nichts von Politik<\/em> zum Vorschein gekommen.\u201c Jede politische Regung des Proletariats war n\u00e4mlich f\u00fcr die herrschenden Klassen ein Vorzeichen der herannahenden Emanzipation der Arbeiter von ihrer politischen Bevormundung durch die Bourgeoisie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber erst Marx ist es gelungen, die Politik der Arbeiterklasse auf den Boden des bewu\u00dften Klassenkampfes zu stellen und so zur t\u00f6dlichen Waffe gegen die bestehende Gesellschaftsordnung zu schmieden. Die Basis der heutigen sozialdemokratischen Arbeiterpolitik, das ist n\u00e4mlich die <em>materialistische Geschichtsauffassung<\/em> im allgemeinen und die Marxsche <em>Theorie der kapitalistischen Entwicklung<\/em> im besonderen. Nur f\u00fcr wen das Wesen der sozialdemokratischen Politik und das Wesen des Marxismus gleicherma\u00dfen ein Geheimnis ist, kann sich die Sozialdemokratie, \u00fcberhaupt klassenbewu\u00dfte Arbeiterpolitik, au\u00dferhalb der Marxschen Lehre denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Engels hat in seinem Feuerbach das Wesen der Philosophie als die ewige Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Denken und Sein, von menschlichem Bewu\u00dftsein in der objektiven materiellen Welt formuliert. \u00dcbertragen wir die Begriffe von <em>Sein<\/em> und <em>Denken<\/em> auf der abstrakten Naturwelt und der individuellen Spekulation, worin die Berufsphilosophen mit der Stange herumfahren, auf das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens, so l\u00e4\u00dft sich in gewissem Sinne dasselbe vom <em>Sozialismus<\/em> sagen. Er war seit jeher das Tasten, das Suchen nach Mitteln und Wegen, um das Sein mit dem Denken, n\u00e4mlich die geschichtlichen Daseinsformen mit dem gesellschaftlichen Bewu\u00dftsein, in Einklang zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war Marx und seinem Freunde Engels vorbehalten, die L\u00f6sung der Aufgabe zu finden, an der sich Jahrhunderte gem\u00fcht haben. Durch die Entdeckung, da\u00df die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften <em>in letzter Linie<\/em> die Geschichte ihrer Produktions- und Austauschverh\u00e4ltnisse ist und da\u00df die Entwicklung dieser sich unter der Herrschaft des Privateigentums in den politischen und sozialen Einrichtungen als Klassenkampf durchsetzt, durch diese Entdeckung hat Marx die wichtigste Triebfeder der Geschichte blo\u00dfgelegt. Damit war erst eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das notwendige Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen dem Bewu\u00dftsein und dem Sein, zwischen dem menschlichen Wollen und dem sozialen tun, zwischen den Absichten und den Resultaten in den bisherigen Gesellschaftsformen gewonnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch den Marxschen Gedanken ist also die Menschheit zuerst hinter das Geheimnis ihres eignen gesellschaftlichen Prozesses gekommen. Durch die Aufdeckung der Gesetze der kapitalistischen Entwicklung war aber ferner auch der Weg gezeigt, den die Gesellschaft aus ihrem naturw\u00fcchsigen, unbewu\u00dften Stadium, worin sie ihre Geschichte machte, wie die Bienen ihre Wachszellen bilden, in das Stadium der bewu\u00dften, gewollten, wahrhaft <em>menschlichen<\/em> Geschichte geht, worin der Wille der Gesellschaft und ihr tun zum ersten Male in Einklang miteinander kommen, worin, der soziale Mensch zum ersten Male seit Jahrtausenden <em>das<\/em> tun wird, was er <em>will.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser, um mit Engels zu sprechen, endg\u00fcltige \u201eSprung aus dem Tierreich in die menschliche Freiheit\u201c<a id=\"f3\" href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1903\/03\/marx1.htm#n3\" name=\"f3\"><\/a>, den f\u00fcr die gesamte Gesellschaft erst die sozialistische Umw\u00e4lzung verwirklichen wird, vollzieht sich schon <em>innerhalb der heutigen Ordnung<\/em> \u2013 in der <em>sozialdemokratischen Politik.<\/em> Mit dem Ariadnefaden der Marxschen Lehre in der Hand ist die Arbeiterpartei heute die einzige, die vom historischen Standpunkt <em>wei\u00df, was sie tut,<\/em> und deshalb <em>tut, was sie will. <\/em>Darin liegt das ganze Geheimnis der sozialdemokratischen Macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die b\u00fcrgerliche Welt stutzt seit langem vor der erstaunlichen Unverw\u00fcstlichkeit und dem steten Fortschritt der Sozialdemokratie. Von Zeit zu Zeit finden sich einzelne greisenhaften Kindsk\u00f6pfe, die, durch besondere moralische Erfolge unsrer Politik geblendet, der Bourgeoisie raten, sich an uns \u201eein Beispiel\u201c zu nehmen, von der geheimnisvollen Weisheit und dem Idealismus der Sozialdemokratie zu trinken. Sie begriffen nicht, da\u00df, was f\u00fcr die Politik der aufstrebenden Arbeiterklasse Lebensquell und Jungbrunnen der Kraft, f\u00fcr die b\u00fcrgerlichen Parteien ein t\u00f6dlich Gift ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn was ist es in der Tat, das uns vor allem die innere sittliche Kraft gibt, die gr\u00f6\u00dften Unterdr\u00fcckungen, wie ein jahrdutzend des Sozialistengesetzes, mit diesem lachenden Mut zu ertragen und abzusch\u00fctteln? Ist er etwa die Z\u00e4higkeit der Enterbten in der Verfolgung einer kleinen materiellen Verbesserung ihrer Lage? Das moderne Proletariat ist nicht der Philister, nicht der Kleinb\u00fcrger, um um der Alltagsbehaglichkeit willen zum Helden zu werden. Wie wenig die blo\u00dfe Aussicht auf geringe materielle Vorteile in der Arbeiterklasse einen sittlichen Flug in die H\u00f6he zu erzeugen vermag, zeigt die platte, n\u00fcchterne Engbr\u00fcstigkeit der englischen Trade-Unions-Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist es, wie bei den Urchristen, der asketische Stoizismus einer Sekte, der in geradem Verh\u00e4ltnis zu den Verfolgungen immer lichterloher aufflackert? Der moderne Proletarier als Erbe und Z\u00f6gling der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ist viel zu sehr geborener Materialist, zu sehr gesund-sinnlicher Fleischesmensch, um der Sklavenmoral entsprechend aus den Martern allein Liebe und Kraft f\u00fcr seine Ideen zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist es endlich die \u201eGerechtigkeit\u201c der Sache, die wir f\u00fchren, was uns so unbezwingbar macht? Die Sache der Chartisten und Weitlingianer<a id=\"f5\" href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1903\/03\/marx1.htm#n5\" name=\"f5\"><\/a>, die Sache der utopistisch-sozialistischen Schulen war nicht minder \u201egerecht\u201c, und doch erlagen sie allesamt gar bald den Widerst\u00e4nden der bestehenden Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die heutige Arbeiterbewegung, allen Gewaltstreichen der gegnerischen Welt trotzend, siegreich die Mahnen sch\u00fcttelt, so ist es vor allem die ruhige Einsicht in die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der objektiven historischen Entwicklung, die Einsicht in die Tatsache, da\u00df \u201edie kapitalistische Produktion &#8230; mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Expropriation\u201c \u2013 n\u00e4mlich: die Expropriation der Expropriateure, die sozialistische Umw\u00e4lzung \u2013 erzeugt, diese Einsicht ist es, in der sie die feste B\u00fcrgschaft des schlie\u00dflichen Sieges erblickt und aus der sie nicht nur den ungest\u00fcm, sondern auch die Geduld, die Kraft zur Tat und den Mut zur Ausdauer sch\u00f6pft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erste Bedingung einer erfolgreichen Kampfpolitik ist das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Bewegungen des Gegners. Was gibt uns aber den Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der b\u00fcrgerlichen Politik bis in ihre kleinsten Verzweigungen, bis in die Verschlingungen der Tagespolitik, ein Verst\u00e4ndnis, das uns gleicherma\u00dfen vor \u00dcberraschungen wie vor Illusionen bewahrt? Nichts andres als die Erkenntnis, da\u00df man alle Formen des gesellschaftlichen Bewu\u00dftseins, in ihrer inneren Zerissenheit aus den Klassen- und Gruppeninteressen, aus den Widerspr\u00fcchen des materiellen Lebens und in letzter Instanz \u201eaus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkr\u00e4ften und Produktionsverh\u00e4ltnissen\u201c erkl\u00e4ren m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was gibt uns die F\u00e4higkeit, unsre Politik neuen Erscheinungen des politischen Lebens, wie z.\u00a0B. der Weltpolitik, anzupassen und sie vor allem, auch ohne besonderes Talent und Tiefsinn, mit einer Tiefe des Urteils einzusch\u00e4tzen, die den Kern selbst der Erscheinung trifft, w\u00e4hrend die talentvollsten Kritiker der Bourgeoisie nur in ihrer Oberfl\u00e4che tasten oder sich bei jedem Blick in die Tiefe in ausweglose Widerspr\u00fcche verwickeln? Wiederum nichts andres als der \u00dcberblick \u00fcber den historischen Entwicklungsgang an der Hand des Gesetzes, da\u00df es \u201edie Produktionsweise des materiellen Lebens\u201c ist, die \u201eden sozialen, politischen und geistigen Lebensproze\u00df bedingt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem aber, was gibt uns einen Ma\u00dfstab bei der Wahl der einzelnen Mittel und Wege im Kampfe, zur Vermeidung des planlosen Experimentierens und kraftvergeudender utopischer Seitenspr\u00fcnge? Die einmal erkannte Richtung des \u00f6konomischen und politischen Prozesses in der heutigen Gesellschaft ist es, an der wir nicht nur unsren Feldzugsplan in seinen gro\u00dfen Linien, sondern auch jedes Detail unsres politischen Strebens messen k\u00f6nnen. Dank diesem Leitfaden ist es der Arbeiterklasse zum erstenmal gelungen, die gro\u00dfe Idee des sozialistischen Endziels in die Scheidem\u00fcnze der Tagespolitik umzuwechseln und die politische Kleinarbeit des Alltages zum ausf\u00fchrenden Werkzeug der gro\u00dfen Idee zu erheben. Es gab vor Marx eine von Arbeitern gef\u00fchrte b\u00fcrgerliche Politik, und es gab revolution\u00e4r Sozialismus. Es gibt erst seit Marx und durch Marx <em>sozialistische Arbeiterpolitik,<\/em> die zugleich und im vollsten Sinne beider W\u00f6rter <em>revolution\u00e4re Realpolitik<\/em> ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir n\u00e4mlich als Realpolitik eine Politik erkennen, die sich nur erreichbare Ziele steckt und sie mit wirksamsten Mitteln auf dem k\u00fcrzesten Wege zu verfolgen wei\u00df, so unterscheidet sich die proletarische Klassenpolitik im Marxschen Geiste darin von der b\u00fcrgerlichen Politik, da\u00df die b\u00fcrgerliche Politik vom Standpunkte der <em>materiellen Tagespolitik<\/em> real, w\u00e4hrend die sozialistische Politik es vom Standpunkte der <em>geschichtlichen Entwicklungstendenz<\/em> ist. Er ist genau derselbe Unterschied wie zwischen einer vulg\u00e4r\u00f6konomischen Werttheorie, die den Wert als eine dingliche Erscheinung vom Standpunkte des Marktstandes, und der Marxschen Theorie, die ihn als gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis einer bestimmten historischen Epoche auffa\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die proletarische Realpolitik ist aber auch revolution\u00e4r, indem sie durch alle ihre Teilbestrebungen in ihrer Gesamtheit \u00fcber den Rahmen der bestehenden Ordnung, in die sie arbeitet, hinausgeht, indem sie sich bewu\u00dft nur als das Vorstadium des Aktes betrachtet, der sich zur Politik des herrschenden und umw\u00e4lzenden Proletariats machen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf diese Weise ist alles: die sittliche Kraft, mit der wir die F\u00e4hrnisse \u00fcberwinden, unsre Taktik im Kampfe bis in die Einzelheiten, die Kritik, die wir an den Gegnern \u00fcben, unser t\u00e4gliche Agitation, die uns die Massen gewinnt, unser gesamtes Tun bis in die Fingerspitzen, durchdrungen und durchleuchtet von der Lehre, die Marx geschaffen. Und wenn wir uns hie und da der Illusion hingeben, unsre heutige Politik mit all ihrer inneren Macht w\u00e4re unabh\u00e4ngig von der Marxschen Theorie, so zeigt sich das nur, da\u00df in unsrer Praxis Marx reden, wie der moli\u00e9rische Bourgeois Prosa redete, auch wo wir es nicht wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gen\u00fcgt, sich die Leistung Marxens vor die Augen zu f\u00fchren, um zu verstehen, da\u00df Marx sich durch die von ihm im Sozialismus wie in der Arbeiterpolitik herbeigef\u00fchrte Umw\u00e4lzung die b\u00fcrgerliche Gesellschaft zum Todfeind machen mu\u00dfte. F\u00fcr die herrschenden Klassen ward es klar: die moderne Arbeiterbewegung \u00fcberwinden hei\u00dft Marx \u00fcberwinden. Die 20 Jahre seit Marx\u2019 Tode sind eine ununterbrochene Reihe von Versuchen, den Marxschen Geist in der Arbeiterbewegung theoretisch und praktisch zu vernichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte der Arbeiterbewegung von Anfang an ringt sich hindurch zwischen dem revolution\u00e4r-sozialistischen Utopismus und der b\u00fcrgerlichen Realpolitik. Den historischen Boden der ersteren bildete die ganz- oder halbabsolutistische, vorb\u00fcrgerliche Gesellschaft. Der revolution\u00e4r-utopistische Abschnitt des Sozialismus in Westeuropa schlie\u00dft im gro\u00dfen und ganzen mit der \u2013 obwohl wir einzelne R\u00fcckf\u00e4lle bis in die neueste Zeit beobachten \u2013 Entfaltung der b\u00fcrgerlichen Klassenherrschaft ab. Die andre Gefahr \u2013 das Versinken in der Flickarbeit der b\u00fcrgerlichen Realpolitik \u2013 kommt erst mit der Erstarkung der Arbeiterbewegung auf dem Boden des Parlamentarismus auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus sollten auch Waffen zur <em>praktischen<\/em> \u00dcberwindung der revolution\u00e4ren Politik des Proletariats entnommen werden, der demokratische Zusammenschlu\u00df der Klassen und der soziale Frieden der Reform sollten den Klassenkampf ersetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was hat man erreicht? Die Illusion mochte hier und da eine Weile dauern, die Untauglichkeit der b\u00fcrgerlichen Methoden der Realpolitik f\u00fcr die Arbeiterklasse hat sich sofort erwiesen. Das Fiasko des Ministerialismus in Frankreich, der Verrat des Liberalismus in Belgien, der Zusammenbruch des Parlamentarismus in Deutschland \u2013 Schlag auf Schlag ging der kurze Traum der \u201eruhigen Entwicklung\u201c in St\u00fccke. Das Marxsche Gesetz der tendenziellen Zuspitzung der sozialen Gegens\u00e4tze als Grundlage des Klassenkampfes brach sich siegreich Bahn, und jeder Tag bringt neue Zeichen und Wunder. In Holland haben 24 Stunden des Eisenbahnerstreiks wie ein Erdbeben \u00fcber Nacht einen g\u00e4hnenden Spalt mitten in der Gesellschaft aufgetan, der Klassenkampf loderte aus ihm empor, und Holland steht in Flammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bricht in einem Lande nach dem andern unter dem \u201eMassentritt der Arbeiterbataillone\u201c der Boden der b\u00fcrgerlichen Demokratie, der b\u00fcrgerlichen Gesetzlichkeit wie eine d\u00fcnne Eisdecke, um der Arbeiterklasse immer von neuem zum Bewu\u00dftsein zu bringen, da\u00df ihre Endbestrebungen <em>nicht<\/em> auf diesem Boden ausgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Dies ist das Resultat der vielen Versuche, Marx \u201epraktisch\u201c zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>theoretische<\/em> \u00dcberwindung des Marxismus haben Hunderte strebsamer Apologeten der Bourgeoisie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, zum Sprungbrett ihrer Laufbahn. Was haben sie Erreicht? Sie haben es fertiggebracht, in den kreisen der gl\u00e4ubigen Intelligenz die \u00dcberzeugung von den \u201eEinseitigkeiten\u201c und \u201e\u00dcbertreibungen\u201c Marxens hervorzurufen. Aber selbst ernstere unter den b\u00fcrgerlichen Ideologen, wie Stammler, haben eingesehen, da\u00df \u201egegen\u00fcber einer so tief angelegten Lehre\u201c mit \u201ejenen Halbheiten, mit \u201aetwas mehr oder weniger\u2018\u201c nichts erreicht werden k\u00f6nne. Allein, was vermag die b\u00fcrgerliche Wissenschaft der Marxschen Lehre <em>als Ganzes<\/em> entgegenzustellen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Marx auf dem Gebiete der Philosophie, der Geschichte und der \u00d6konomie den historischen Standpunkt der Arbeiterklasse zur Geltung gebracht hat, ist der b\u00fcrgerlichen Forschung auf diesen Gebieten der Faden abgeschnitten. Die Naturphilosophie im klassischen Sinne ist zu Ende. die b\u00fcrgerliche Geschichtsphilosophie ist zu Ende. Die wissenschaftliche National\u00f6konomie ist zu Ende. In der Geschichtsforschung hat, wo nicht unbewu\u00dfter oder inkonsequenter Materialismus herrscht, die Stelle jeder einheitlichen Theorie ein in allen Farben schillernder Eklektizismus, also Verzicht auf einheitliche Erkl\u00e4rung des Geschichtsprozesses, d.\u00a0h. auf Geschichtsphilosophie \u00fcberhaupt, eingenommen. Die \u00d6konomie schwankt zwischen zwei Schulen, der \u201ehistorischen\u201c und der \u201esubjektiven\u201c, von denen die eine ein Protest gegen die andre, beide ein Protest gegen Marx sind, wobei die eine, um Marx zu negieren, die \u00f6konomische Theorie, d.\u00a0h. die Erkenntnis auf diesem Gebiete, prinzipiell negiert, die andre aber die einzige \u2013 objektive \u2013 Forschungsmethode negiert, die die National\u00f6konomie erst zur Wissenschaft gemacht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich bringt noch die sozialwissenschaftliche B\u00fcchermesse nach wie vor jeden Monat ganze Berge von Erzeugnissen b\u00fcrgerlichen Flei\u00dfes, und von strebsamen modernen Professoren werden die dickleibigsten B\u00e4nde mit echt gro\u00dfkapitalistischer, maschinenm\u00e4\u00dfiger Geschwindigkeit auf den Markt geworfen. Aber es sind entweder flei\u00dfige Monographien, wo sich die Forschung wie der Vogel Strau\u00df mit dem Kopfe in den Sand der kleinen Splittererscheinungen begr\u00e4bt, um keine gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4nge sehen zu m\u00fcssen und nur f\u00fcr den Tagesbedarf zu arbeiten, oder wo Gedanken und \u201eSozialtheorien\u201c simuliert werden, da ist es im letzten Schlu\u00df immer nur ein Reflex des Marxschen Gedankens, unter \u00fcberladen Flitterverzierungen im Geschmack der \u201emodernen\u201c Basarware versteckt. Ein selbst\u00e4ndiger Gedankenflug, ein k\u00fchner Blick ins Weite, eine belebende Deduktion ist nirgends zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn der soziale Fortschritt wieder eine Reihe neuer wissenschaftlicher Probleme aufgestellt hat, die ihrer L\u00f6sung noch harren, so ist es wiederum nur die <em>Marxsche<\/em> Methode, die eine Handhabe zu ihrer L\u00f6sung bietet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist also allenthalben nur Theorielosigkeit, was die b\u00fcrgerliche soziale Wissenschaft der Marxschen Theorie, Erkenntnisskepsis, was sie der Marxschen Erkenntnis entgegenzustellen vermag. Die Marxsche Lehre ist ein Kind der b\u00fcrgerlichen Wissenschaft, aber die Geburt dieses Kindes hat der Mutter das Leben gekostet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Somit hat in der Theorie wie in der Praxis gerade der Aufschwung der Arbeiterbewegung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft diejenigen Waffen aus der Hand geschlagen, womit sie gegen den Marxschen Sozialismus zu Felde ziehen wollte. Und heute, 20 Jahre nach Marx\u2019 Tode, ist sie um so ohnm\u00e4chtiger ihm gegen\u00fcber, Marx aber lebendiger als je.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich bleibt der heutigen Gesellschaft ein Trost \u00fcbrig. W\u00e4hrend sie sich vergeblich abm\u00fcht, um ein Mittel der \u00dcberwindung der Marxschen Lehre zu finden, bemerkt sie nicht, da\u00df das einzige wirkliche mittel hierf\u00fcr in dieser Lehre selbst verborgen ist. Durch und durch historisch, beansprucht sie nur eine zeitlich beschr\u00e4nkte G\u00fcltigkeit. durch und durch dialektisch, tr\u00e4gt sie in sich selbst den sicheren Keim ihres Unterganges.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Marxsche Lehre in allgemeinsten Umrissen besteht, wenn wir von ihrem unverg\u00e4nglichen Teil, n\u00e4mlich von der historischen Forschungsmethode absehen, in der Erkenntnis des historischen Weges, der aus der letzten \u201eantagonistischen\u201c, auf Klassengegens\u00e4tzen beruhenden Gesellschaftsform in die auf Interessensolidarit\u00e4t aller Mitglieder aufgebaute kommunistische Gesellschaft f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie ist vor allem, wie die fr\u00fchere klassischen Theorie der National\u00f6konomie auch, der geistige Reflex einer bestimmten Periode der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung, n\u00e4mlich des \u00dcberganges aus der kapitalistischen in die sozialistische Phase der Geschichte. Aber sie ist mehr als nur Reflex. Der von Marx erkannte historische \u00dcbergang kann n\u00e4mlich gar nicht vollzogen werden, ohne da\u00df die Marxsche Erkenntnis zu gesellschaftlichen, zur Erkenntnis einer bestimmten Gesellschaftsklasse, des modernen Proletariats, geworden ist. Die von der Marxschen Theorie formulierte historische Umw\u00e4lzung hat <em>zur Voraussetzung,<\/em> da\u00df die Theorie von Marx zur Bewu\u00dftseinsform der Arbeiterklasse und als solche <em>zum element<\/em> der Geschichte selbst ward.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bewahrheitet sich die Marxsche Lehre fortschreitend mit jedem neuen Proletarier, der zum Tr\u00e4ger des Klassenkampfes wird. Die Marxsche Lehre ist also zugleich ein Teil des geschichtlichen Prozesses, also auch selbst ein Proze\u00df, und die soziale Revolution wird das Schlu\u00dfkapitel des <em>Kommunistischen Manifestes<\/em> sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Marxsche Lehre wird somit in ihrem f\u00fcr die bestehende Gesellschaftsordnung gef\u00e4hrlichsten Teil \u00fcber kurz oder lang \u201e\u00fcberwunden\u201c werden. Aber nur <em>zusammen<\/em> mit der bestehenden Gesellschaftsordnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Rosa_Luxemburg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-77404 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Rosa_Luxemburg-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Rosa_Luxemburg-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Rosa_Luxemburg-260x393.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Rosa_Luxemburg-160x242.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Rosa_Luxemburg.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a>Quelle: Rosa Luxemburg, <em>Gesammelte Werke<\/em><strong>,<\/strong> Bd.\u00a0\u00a01, 2.\u00a0Hlbd.\u00a0, S.\u00a0\u00a0369\u2013377.<br \/>\nDieser Artikel ist nicht gezeichnet. Aus einem Brief Rosa Luxemburgs an Clara Zetkin geht hervor, da\u00df sie die Verfasserin ist.<\/p>\n<h5><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong><\/h5>\n<p class=\"note\" style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu ver\u00e4ndern. 11. These Marx\u2019 \u00fcber Feuerbach. Vor zwanzig Jahren hat Marx seinen gewaltigen Kopf zur Ruhe gelegt, und trotzdem wir erst vor wenigen Jahren erlebt&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/05\/karl-marx\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":216,"featured_media":100406,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1024,1247],"class_list":["post-77428","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-karl-marx","tag-rosa-luxemburg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77428","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/216"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77428"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77428\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103190,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77428\/revisions\/103190"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100406"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77428"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77428"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77428"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}