{"id":77391,"date":"2023-08-12T00:01:57","date_gmt":"2023-08-11T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77391"},"modified":"2022-02-25T18:55:52","modified_gmt":"2022-02-25T17:55:52","slug":"unter-strom-im-fruehlicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/12\/unter-strom-im-fruehlicht\/","title":{"rendered":"Unter Strom im Fr\u00fchlicht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Grundrissbild aus der Orientierung gerissen,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">mit dem Wind in die W\u00fcste. Ohne Halt das Ged\u00e4chtnis,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">wenn die Transportkraft des Windes nachl\u00e4sst.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ablagerung sein. \u00dcber Abgelagertem.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Berliner <a href=\"https:\/\/www.ddrbildarchiv.de\/info\/ddr-fotos\/grenzuebergang-oberbaumbruecke-berlin-26102.html\">Oberbaumbr\u00fccke<\/a> in Kreuzberg war in den 70er und 80er Jahren mein Sehnsuchtsort, Sehnsuchtsweg. Von ihrer Westberliner Seite \u00a0aus verband ich den Traum, sie einmal selbstverst\u00e4ndlich g\u00e4nzlich \u00fcberqueren zu k\u00f6nnen. Ich stand w\u00e4hrend meiner Arbeitsaufenthalte auf abendlichen Spazierg\u00e4ngen manchmal jeden Abend darunter. Sie war <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oberbaumbr%C3%BCcke#\/media\/Datei:Oberbaumbr%C3%BCcke19860817.jpg\">t\u00f6dlich gesichert<\/a>. Das Haus, in dem ich lebte, blickte auf die Grenze hinaus. Die Grenzposten beobachteten uns, wenn wir abends auf dem langen Balkon an Tischen noch bis in die D\u00e4mmerung hinein zeichneten und sprachen. Ich tr\u00e4umte immer wieder davon, einmal \u00fcber sie zu schreiten, auf die andere Seite und von dort aus hinein in den anderen Teil der Stadt, in den anderen Teil des Landes. Sogar in den Tr\u00e4umen besetzte mich die Furcht, beobachtet zu werden, was ich tr\u00e4umte. Es war wie eine Passion, &#8211; stand ich unten und schaute ich hinauf, dr\u00e4ngte es mich, diese wenigen Meter \u00fcber die Sperrungen hinweg zu \u00fcberwinden. Pl\u00f6tzlich stand ich auf der ge\u00f6ffneten Oberbaumbr\u00fccke, wenige Tage nach der Mauer\u00f6ffnung, meinen Reisepass von nur leicht verst\u00f6rten, gewohnt m\u00fcrrischen Beamten in der Hand und: abgestempelt. Der Stempel nahm viel Raum ein. (Ich w\u00fcrde nicht h\u00e4ufiger hin- und herpassieren k\u00f6nnen, diese Bef\u00fcrchtung beherrschte mich w\u00e4hrend der ersten Wochen) Dann durchfuhr es mich: \u201eOb sie dich zur\u00fcck wieder hin\u00fcbergehen lassen?\u201c Ich flanierte hin\u00fcber, es war ein fr\u00fcher k\u00fchler Morgen und noch d\u00e4mmrig. Ich hatte es nicht eilig. Dann durchstr\u00f6mte mich ein Gef\u00fchl wie ein kleiner Dauerschreck, Dauerblitz, der immer neu den ganzen K\u00f6rper durchfuhr, er war positiv und freudig, fast nicht auszuhalten, \u00a0und mein Herz klopfte stark. So hatte ich Vorfreude als Kind erfahren. Ich blieb stehen und atmete tief durch, atmete die kalte Morgenluft, die etwas brandig ankam. Ich befand mich schlie\u00dflich in einer Raum einnehmenden, aber nicht realen Stille. Eine Stille zwischen mir und diesem Ort. Dann kamen mir Menschen entgegen, langsam schien es, fast in Zeitlupe und wie in einem Film, ja, sie z\u00f6gerten mit ihren Schritten auf mich zu, denn hinter mir standen nur wenige, z\u00f6gerlich wie ich. Schattige, bewegte Schemen, Menschengruppen ziemlich eng nebeneinander gehend, mit gro\u00dfen leeren Taschen und kleinen Ziehwagen. Noch gesichtslose Schemen im beginnenden Morgenlicht Berlins.\u00a0 Das Hintergrundrauschen des Verkehrs und einiger Baufahrzeuge schien lauter als gewohnt. Ich zwang mich zu gehen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8230;GEHEN, GEHEN, ANGST VOR DEM N\u00c4CHSTEN SCHRITT J\u00c4MMERLICHE BANALIT\u00c4T, WAS, WENNS NICHT WEITERGEHT: EIN BEIN BLEIBT STEHEN, EINS GENEIGT ZUM WECHSEL, \u00a0SEKUNDENKURZ,<\/em><em>EHE DAS GLEICHGEWICHT UNHALTBAR WIRD &#8211; IN DER LUFT SIND KEINE HALTEGRIFFE, DIE AUGEN K\u00d6NNEN SICH NICHT IM UMRAUM FESTHALTEN, ES ZITTERT DER SOCKEL DER DEN REST TR\u00c4GT, BR\u00dcCHIGES ST\u00dcCK FLEISCH, ORTSZEIGER: WO BLEIBT DEIN WOHIN, DAS WOHER N\u00dcTZT DIR NICHTS; AUS DEM GEHIRN SCHIESST DER BEFEHL AN DIE ARME: PADDELT IM SEICHTEN, UNGREIFBAREN DES LUFTRAUMS SCHNELLER UND SCHNELLER SCHWANKT DER LEIB, BLITZSCHNELLE BEWEGUNG SCHAFFT KONSTANTES &#8211; ABER DOCH NUR F\u00dcRS AUGE, NICHT F\u00dcR DIESE MASSE ICH HIER, DIE HALTEN WILL WAS UNHALTBAR IST AUF DAUER, BLOSS NICHT, SAGT ES, DAS GESICHT AUF DEN BODEN DEN KOPF NICHT, SO BEISS DOCH IN DIE LUFT, VIELLEICHT L\u00c4SST JEMAND EIN SEIL HERUNTER, JETZT WEISST DU SCHON, DU WIRST ST\u00dcRZEN: WAHL BLEIBT ZWISCHEN FRONTALEM UND R\u00dcCKW\u00c4NDIGEM STURZ &#8211; WAS ICH NICHT ANSTEUERN KANN MIT DEN AUGEN, IST MIR UNHEIMLICH, ALSO VORW\u00c4RTS, ZUMINDEST DEIN KOPF, DIE H\u00d6CHSTE STELLE DEINES LEIBES WIRD WEITER SEIN, ALS ES DER LETZTE SCHRITT VERMOCHTE &#8211; JA, TRIUMPHIERT DAS ZERDACHTE GEHIRN, AUCH EINE SPUR WIRD ES GEBEN, EINDRINGLICHER, ALS ES SCHRITTE JE VERM\u00d6GEN, WAS NICHT IN DIE LUFT BEISSEN KANN, WIRD IN STEIN BEISSEN, FALLEN WILL GELERNT SEIN, ALSO RUHE BEWAHREN, UM DICH ZU BEWAHREN VOR DER SCHMACH, J\u00c4MMERLICH ZU VERENDEN, &#8211; INDEM DEIN KOPF UNZ\u00c4HLIGE VARIATIONEN DES SICHEREN FALLENS ERDENKT, W\u00c4HREND ER AUSBLUTET &#8211; DAS SICHERE FALLEN WIRD EIN FLIESSEN IN DEN TOD, EIN VERGEHEN OHNE SCHRITTWEISHEIT &#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230;und passierte die Br\u00fccke und wanderte den ganzen Tag durch den unbekannten Teil der endlich mit ihrer zweiten H\u00e4lfte durchg\u00e4ngig verbundenen Stadt. \u00dcberall Gesichter wie das verwischte Foto einer \u00dcberraschung, wie fest-gestellt, die Stimmen lauter, aber nur vereinzelt auff\u00e4llig. Dann stand ich nach Stunden wieder auf der Oberbaumbr\u00fccke, mit dem gestempelten Pass in der Hand. Und wieder kamen mir Menschen entgegen, Schemen, schattige Schemen ohne Gesichter, Menschengruppen, nun mit Abstand untereinander, mit gro\u00dfen gef\u00fcllten Taschen und mit kleinen Handkarren, die sie zogen und schoben, voller Ger\u00e4te, mit Paketen, angebundenen Plastet\u00fcten, ein buntes lachendes V\u00f6lkchen im N\u00e4herkommen, und immer noch diese verwischte, fest-gestellte \u00dcberraschung in den Gesichtern, nunmehr \u00a0konzentriert auf ihr Gep\u00e4ck. Und ich l\u00e4chelte, ich w\u00fcrde zur\u00fcckk\u00f6nnen, aber ich w\u00fcrde auch schon bald nicht mehr zur\u00fcck wollen. Wir alle tauchten ein in den Abend; \u00fcber unsere einstigen Abgr\u00fcnde hatten wir eine Br\u00fccke gebaut, \u00fcber die wir gemeinsam flanierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gesicht vor Gesicht, die Sinne linienverbunden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Ort ist beliebig, die Zeit eine Staffel.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Bilder grauen in der Gegend ringsum, das<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ausgesprochene taugt f\u00fcrs Erinnern kaum.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Und wo stillt sich, aus dem Zusammengesetzten,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>das \u00dcbrige?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher habe ich mir eine, wenn auch noch so kurze Reise mit dem Zug, ohne in einem Buch zu lesen, kaum vorstellen k\u00f6nnen. Lesen und Reisen geh\u00f6rten f\u00fcr mich zusammen. Heute schaue ich, vor allem auf Reisen in der Region, zwar noch immer mit dem Buch auf dem Scho\u00df, den Finger zwischen den Seiten, hier und da einen Blick auf eine Passage oder in die vorpommersche Landschaft riskierend, in die Gesichter der Mitreisenden, als sei mir hierzu eine Verpflichtung zuteil geworden, lausche mit einer gewissen Unruhe dem Klang ihrer Worte, blicke auf ihre sich nach unbekannten Regeln \u00f6ffnenden, schlie\u00dfenden, sich verziehenden M\u00fcnder, und mein Leseblick wandert \u00fcber die Fl\u00e4chen und Vertiefungen ihrer Physiognomien. Ich denke nach, erinnere mich, versuche zu behalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hermetisch geschlossene Gef\u00e4\u00dfe, denen bis zur g\u00e4nzlichen Leere Atem entzogen wurde, reagieren durch einen pl\u00f6tzlichen, schlagartigen Druck, \u00dcberdruck von au\u00dfen, mit ihrer Selbstzerst\u00f6rung, einer Form heftigen sich Zerstreuens und Verteilens auf den Umraum, nach einer sog\u00e4hnlichen Selbstanziehung aller ihr angeh\u00f6renden Elemente, die sekundenkurz noch Anlass zur Hoffnung auf eine endlich konzentrierte, selbstbestimmte Gestalt gegeben hatte, bis sich ihre besonders feinen und unendlich geteilten Partikel auf allen zug\u00e4nglichen Oberfl\u00e4chen ablagern, diese verundeutlichen, verwischen, vergiften, l\u00f6schen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder suche ich nach einem geeigneten Medium, auszudr\u00fccken, was mit diesen mir in ihren Haltungen und Gesten vertrauten Menschen passiert ist, die mir durch die Briefe und Erz\u00e4hlungen meiner Gro\u00dfmutter und nicht zuletzt durch einige Besuche vor der Wende vertraut geworden waren, \u00a0bevor ich endg\u00fcltig hierher \u00fcbersiedelte, zur\u00fcck zu den \u201eHerkunftsregionen\u201c meiner Eltern und Gro\u00dfeltern. Dass ich das alles in seiner Differenz zu Erfahrungen in meinen l\u00e4ngst sich entfernenden Zeiten und Gegenden wahrnehmen kann, \u201everdanke\u201c ich vor allem diesen Aufenthalten f\u00fcr einige teure Wochen (Umtauschzwang) lange vor der Wende. Drei\u00dfig Jahre nach dem <em>Zusammenbruch<\/em>nehme ich noch immer Spuren allein nur in den Gesichtern der \u00c4lteren, manchmal auch ihrer Kinder und sogar Enkel wahr;. Auf die Gefahr hin, missverstanden zu werden, m\u00f6chte ich dennoch versuchen, es zu beschreiben, denn ich geh\u00f6re seit meiner \u00dcbersiedlung hierher. Mich hatten vierzig Jahre lang unger\u00fchrte, glatte, dramatisch verzerrte, zufriedene, selbstgef\u00e4llige, unger\u00fchrte und gierige Gesichter begleitet. Diese Gesichte geh\u00f6rten in einen Teil der Republik, der sich \u00fcber Besitz, Arbeitsplatz, Konsum so definierte, als habe man Anspruch darauf. Das sah ich in den hiesigen Physiognomien nicht. Da ist etwas in ihnen, das, trotz oder gerade wegen der manchmal immer noch Verwischungen, vererbbar scheint, was sich noch in den Generationen <em>danach<\/em> eingeschrieben hat und widerspiegelt. Und schon w\u00e4hrend ich dies niederschreibe und immer wieder auch versucht habe, meine Beobachtung allein f\u00fcr mich zu behalten, sozusagen im Stillen f\u00fcr mich Formulierungen zu finden, die \u00fcberhaupt eine Fixierung rechtfertigen k\u00f6nnten, beschleicht mich ein ungutes, ein unangenehmes, ein schamvolles und schuldbewu\u00dftes Gef\u00fchl, \u00fcberhaupt nur Andeutungen zu wagen. Diffamierende Gedanken, Empfindungen, Beobachtungen sind das, werfe ich mir vor, beleidigende und hybride Anw\u00fcrfe der eigenen Lebensgruppe gegen\u00fcber, in deren Mitte ich einvernehmlich schon seit drei Jahrzehnten lebe und arbeite, mit Ihnen Wunderbares und auch Entt\u00e4uschendes erlebt habe, stets so, als seien wir alle durch das unsichtbare Band der gemeinsamen Heimatregion verbunden. Ich durfte lernen, etwas tun, etwas auch ver\u00e4ndern, dass es aus Eurer Geschichte in die meine und aus meiner Geschichte in die Eure und aus Eurer Geschichte hinausgewachsen ist und nur durch Eure Geschichte m\u00f6glich werden konnte, eine Strecke gemeinsame Geschichte seit 30 Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Implosion<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sie entbinden sich aller Zutat, die auf Verknotungen beruht, solange sie einander befestigen am immer Beweglichen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Bewegliche hat geordneten Raum und eine Zeit, die sich der Dauer versichert, solange Haltlosigkeit sich Chaos nennt. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da gibt es offene Stellen ohne Einblick, von Hinweistafeln verdeckt. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es\u00a0 gibt \u00dcberdeckungen, die vertraut bleiben sollten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ich zu beschreiben versuche, Physiognomien, anger\u00fchrt und durchdrungen vom Nachhall einer lange zur\u00fcckliegenden, andauernden Ersch\u00fctterung. Diese in die Gesichter gezeichnete Ersch\u00fctterung \u00a0findet sich durch alle Bev\u00f6lkerungs- und Bildungsschichten hindurch, doch regellos. Ich fand sie nicht bei einem Tischler, nicht bei einem Tierarzt, nicht bei einer Friseurin, und wieder fand ich sie bei einer Schriftstellerin, bei einem Schlosser, bei Kindern langarbeitsloser Eltern, bei einer Servicekraft, die schwarzarbeitend von Zeit zu Zeit in Gastst\u00e4tten und K\u00fcchen aushilft, bei zahllosen Beamten im mittleren Dienst und bei fast allen arbeitslosen wie arbeitenden Krippenerzieherinnen, Melkerinnen und einigen Kunstschaffenden, und fand sie nicht bei vielen jungen Leuten, die heute eine weiterf\u00fchrende Schule besuchen, aber bei Kumpeln ihres Alters einer Regionalschule und auch nicht bei einem alten G\u00e4rtner, der Jahr um Jahr sein gro\u00dfes Kartoffelfeld beackert und nie aus seinem Dorf hinauskam, nicht bei einem jungen Maurergesellen, der seinen Ersatzdienst in einer Klinik ableistete und wieder doch bei seiner Chefin mit vielversprechender Karriere, ganz orientiert gen Westen und in der Politik\u00a0 aufstrebend, bei vielen Lehrerinnen und Lehrern der Grundschule, bei Pflegekr\u00e4ften nahe am Rentenalter, bei einem ehrgeizigen Fu\u00dfballtrainer, bei einer strenggl\u00e4ubigen Krankenschwester, ja, bei einem, ihrem Pfarrer. Ohne es zu wollen, haben wir zueinander Abst\u00e4nde gesucht. An den Stra\u00dfen standen die ausrangierten Anbaureihen. Ich sah die suchenden Blicke, uners\u00e4ttliche Blicke beim Bl\u00e4ttern in Katalogen und Prospekten. Andere leben zwischen diesen Anbaureihen und den curryfarbenen, gut gepflegten Polsterm\u00f6beln noch heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Blick, unverschlie\u00dfbares Gef\u00e4\u00df<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wir haben uns im Abstandnehmen versch\u00e4tzt. Von Anfang an haben wir uns in der Wahl der Ma\u00dfeinheit versch\u00e4tzt. Wir haben uns in der Verwendbarkeit der Ger\u00e4te get\u00e4uscht. Wir haben uns in der Handhabung der Ger\u00e4te get\u00e4uscht. Wir hatten mit einem solchen Fehler nicht gerechnet. Wir haben nicht damit gerechnet, uns verrechnen zu k\u00f6nnen. Wir haben es einfach nicht glauben k\u00f6nnen, dass das, an das wir glaubt hatten, einfach nicht stimmte. Wir hatten von vornherein eine unangemessene Abstandnahme ausgeschlossen<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch Jahre nach der Wende \u00a0nahm ich zunehmend eindringlicher etwas endg\u00fcltig Gebrochenes, in der Haltung Niedergedr\u00fccktes, ja, bei manchen im Ausdruck des Verst\u00f6rtbleibens noch ein sich Gest\u00f6rtf\u00fchlen wahr, eine noch nicht abgefundene Ergebenheit in den unumkehrbaren Verlust an Vertrautem. In seiner Ausstrahlung bitter, das Bleiben und Ausharren darin ein solidarisches Band zwischen den Menschen, Menschen der unerwartet entrissenen Zeiten. Fast einge\u00fcbt wie vor einem\u00a0unzuverl\u00e4ssigen Spiegel, an seiner Grenze schon grimassierend erstarrt, eingeschr\u00e4nkt im Minenspiel auf ein paar Signale nur, die Mundwinkel \u00a0in Abgefundenheit nach unten gezogen und doch vage offen gehalten f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, ungezielt und anlasslos zu l\u00e4cheln oder auch ins Leere die Lippen auseinander zu ziehen, das Kinn vorgeschoben, die Partien um die Augen wie vereist, wie nach durchwachten N\u00e4chten kurz vor einer schweren Erk\u00e4ltung, die Augen tiefer gebettet und vielfach umschattet: \u00a0Ich empfand einen Mangel in ihnen als Echo auf sich zunehmend vom Vertrauten Entfernendes, und dann dieser Sucher- und auch Hungerblick. Ich kannte diese Blickfolgen aus meinem mehrj\u00e4hrigen Barackenleben in nahegelegenen Gro\u00dfdorf, meiner Arbeitsstelle zwischen R\u00fcckbau- Recycling und Sozialprojekten. Oftmals ein fahrig suchender Blick ohne Orientierung, allzu fr\u00fch im belanglosen Wortabtausch niedergeschlagen und dort sich an nichts erneut festmachend. Und doch transportieren diese Physiognomien, meist umrahmt von praktischen, ja pfiffigen und forschen Frisuren, etwas einstmals Festgelegtes, ja, Aspekte solidarisch \u00fcberzeugter Ausrichtung und Pr\u00e4gung: Ein wie stets neu erinnertes und wieder zu verwischendes Wissen um gute Lebens-M\u00f6glichkeiten f\u00fcr sich und die vertrauten Freunde, Kollegen, Familienmitglieder. Dann wird der Blick heller f\u00fcr Sekundenbruchteile und mit ihm wie in einer Kurzschaltung: der Aufschein eines anderen Gesichtes, das nicht mehr wie in einer begonnenen Frage steckengeblieben zu sein scheint, sondern ansetzt, zu sprechen, deutlich, unverbl\u00fcmt, ichbeginnend, entspannt. Doch schon sinkt dieses Gesicht wieder ins <em>Ungef\u00e4hre<\/em>. Die M\u00e4nner reiben sich die oftmals Augen allzu heftig, und in ihnen tr\u00fcbt sich M\u00fcdigkeit und Ersch\u00f6pfung wieder ein, und der Blick st\u00fcrzt ins Entfernte. Manche Frauen spielen nerv\u00f6s an ihrem Str\u00e4hnchenhaar, kleine Kontrollgeste im Ertasten des Outfits, sto\u00dfen, manchmal \u00a0lachend grundlos, eine resignierte, \u00fcberraschende Redewendung aus; Lebensklugheit als Br\u00fccke zwischen zwei Welten. Manche der J\u00fcngeren, Frau, Mann, mit noch denk- und dankbarer Erinnerung an die Zeit vor dem Zusammenbruch des Systems, in das sie noch hineingeboren worden waren, trollen sich wie junge Hunde herum oder davon ohne ein Abschiedswort. Der Redefluss setzt bei allen fast gleichzeitig wieder ein, f\u00e4llt ein vertrauter Name, ein unaufh\u00f6rliches Kreisen um aktuelle, zuk\u00fcnftige oder vergangene leibliche Befindlichkeiten und Bed\u00fcrfnisse jeder Schattierung, ein Festhalten an der kleinen Sorge um die Gestaltung des T\u00e4glichen, die ablenkt von der &#8211; irgendwo unterwegs zu scheinbar sicheren W\u00fcnschen verlorenen-, beherzten, einmal sicher geglaubten W\u00fcrde ihrer unumkehrbaren, heute vernachl\u00e4ssigten, nostalgisierten und somit an manchen Stationen nicht mehr ernst genommenen Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Sprache spricht sich<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Lage der Dinge gibt es Verschiebungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entgegengesetztes trifft sich in Erg\u00e4nzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verwandtes trennt sich vom Plan,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ParallelLaufendes w\u00e4chst zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00e4uschung entlarvt, was Fehler benannt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Satz kr\u00e4uselt sich bildhaft sch\u00f6n,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ja,\u2028ein Wort zur Lage ein paarmal gewendet,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ein Tr\u00fcmmer, ein Grund, ein St\u00fcck,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">darauf baut sich die Regel, das Spiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Worte, die Ihr benutzt habt, sind mir bekannt. Noch immer scheinen sie \u00a0einer mir<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">unbekannten Sinnregion anzuzugeh\u00f6ren. <em>So wie<\/em> die Worte bei mir ankommen, scheint sich bei Euch zuvor etwas verschoben zu haben. Und es gibt lange Momente des Staunens \u00fcber die Beharrlichkeit und den fast heiligen Ernst im Sprechen, im Aussprechen redundanter und in ihrem Erinnerungs- oder Ereigniswert zerdehnter Zusammenh\u00e4nge, deren Adressat und konkretes Ziel mir oft verborgen bleibt. Verborgene, nie mehr erz\u00e4hlbare Geschichte in Geschichten. Ich habe erfahren, dass sich dieses Sprechen um des Sprechens willen, vielleicht auch aus rhetorischen Absichten heraus, sich zu verselbst\u00e4ndigen droht: finde hier eine wieder neue Bedeutungsvariante! Die aber auch auf unausgesprochenen Vereinbarungen beruht, die,- man m\u00f6chte es fast nicht annehmen, &#8211; etwas Heimeliges, ja <em>Heimatanh\u00e4ngliches<\/em> mittragen kann, Geheimcode der Verlorenheit in einer vagen Ablehnung der endlich durchschauten Zwangsbegl\u00fcckung durch Ergattern bald schon wertlosen Besitzes. Heimat, die an <em>uns<\/em> l\u00e4ngst wie ein ausrangierter Zug, der unaufhaltsam gegen den Prellbock prallen muss, allm\u00e4hlich vorbeigeglitten ist, mit einem Aufpralll\u00e4rm bei Ankunft mit Zwangsaufenthalt, L\u00e4rmschmerz, der alles ersch\u00fcttert, den eigenen Leib, die Wohnstatt. Die nur noch Erinnerungen an Arbeitsorte sind, grellbuntes <em>Durcheinanderwirbeln<\/em>\u00a0 gegen die einst gesicherte Ordnung. \u00a0Ordnungsgesetz, das sich nie wieder zu Recht r\u00fccken l\u00e4sst, seine einst in das sicher geglaubte Dasein gestempelte Struktur mit ihren Abl\u00e4ufen und Gepflogenheiten, mit den inneren Grenzen. Grenzen, die sich in einer fast gem\u00fctlich anmutenden Logik von Notwendigkeiten verloren hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wir sind Ausgewanderte aus uns selbst, im fremdgewordenen Eigenland einander begegnend, ohne doch gereist zu sein<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Verschworene Kleinkreise<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die R\u00e4nder als Gebrauchsgrenzen ins Vereinbarte gebettet bis: auf\u2019s Wort. Das Gelernte bew\u00e4hrt sich als inwendig wirkungslos. Da w\u00e4re nichts mehr, was \u00fcberspannt und auseinanderrei\u00dft. da w\u00e4re Sprache ein unsichtbarer Spiegel, in den man nicht hineinschaut. Man kennt die Gesetze der Oberfl\u00e4che und deren Wahrnehmung, der Blick bequemt sich am Offensichtlichen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Und da w\u00e4re: Etwas Zus\u00e4tzliches, ein Ungeh\u00f6riges, unbegleitbar vom Gegebenen, das weit reicht ohne zu gen\u00fcgen, das Verletzbarste, das Sicherste am Unbestimmten, der grundlose Sturz durchs Banale ohne Ankunft irgendwo als wieder im Banalen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal wage ich mich kaum bemerkbar zu machen, aber niemand bemerkt, dass ich mich als unerlaubt Lauschende empfinde wie unterwegs im Zug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige \u00a0meiner KollegInnen schienen es darauf anzulegen, ihr Reden mit einer wachsenden, nahezu dramatischen Bewertung banaler Inhalte so zu steigern, dass am Ende an Greif- und Erinnerbarem nichts blieb. Sie standen zusammen, oft im Kreis, ich sah es vom Barackenb\u00fcrofenster aus, beneidete sie, \u00a0w i e\u00a0 sie dort eng zusammenstanden und einander etwas mitteilten, mit kleinen vertrauten Gesten und Ber\u00fchrungen. Und manchmal war ich auch dabei, erreicht von diesen Gesten und Ber\u00fchrungen, zunehmend h\u00e4ufiger. Endlos gestalteten sich diese verschworenen kleinen Kreistreffen, und noch nie lernte ich f\u00fcr die gleichen einfachen S\u00e4tze und Bemerkungen zu Befindlichkeiten und Alltagsereignissen so viele Synonyms\u00e4tze,- gesteigert bis ins fast Unertr\u00e4gliche. Vielleicht um einen zu Grund finden, auseinanderzugehen &#8211; anders, als ich es bisher gewohnt war, sich mit befriedigenden finalen Sinnfindungen oder sich mit viel versprechenden Vereinbarungen zu verabschieden. Es scheint auch heute noch eine Form h\u00f6flichen Umgangs darzustellen, dieses auf eine gewisse Sprechdauer angelegte Ausd\u00fcnnen von Sinn und Verbindlichkeit in einer Art Quantifizierung, ja Inflationierung von einander jagenden Banal-S\u00e4tzen, S\u00e4tzen oft \u00e4hnlichen Inhalts, die hintereinandergeschaltet werden nach einem mir unbekannten Gesetz. Etwa so, dass ihr Verlust an Sinn in einer gesteigerten Begeisterung in den Redefluss m\u00fcndet und alles noch Rettbare sich dort einfach verliert. Ist es eine vergessen geglaubte Freude an dem verl\u00e4sslichen Klang, Singsang, Tonfall fr\u00fcherer Zeiten, deren H\u00f6hepunkt die einvernehmliche, erleichternde Verabschiedung und endlich Trennung darstellt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dies da, in der Ferne unantastbar, l\u00e4sst es sich greifen, dem Gesichtssinn der Hand nah. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das, was mit Worten Distanz schafft, entzieht sich in die erstarrende Geste. Die Beharrlichkeit des Abstandes wandert und\u00a0 bleibt als Gewusstes. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, ich habe\u00a0 versucht, an diesen mir von au\u00dfen gesehen willk\u00fcrlich erscheinenden Prozessen teilzunehmen, indem ich mir verordnet, ja befohlen habe, gehalt-volle Sinns\u00e4tze <em>nicht<\/em> anzusprechen, ganz Gegenwart zu sein, zu \u00a0s p r e c h e n , meine Antworten mit dem Geh\u00f6rten abzustimmen, nur minimal gewandelt, um so m\u00f6glichst lange &#8222;beim Thema&#8220; zu bleiben und dieses \u201eauf der Stelle sprechen\u201c in immer neuen Abwandlungen, Redundanzen, von Aphorismen und kleinen Ausrufen der Best\u00e4tigung sanft begleitet, wie ein magisches Rinnsal zu verfolgen. Es war eine neue Erfahrung, nicht un\u00e4hnlich dem Erlernen eines Rituals. Seit ich dies in Situationen praktizierte, die es aushielten, weder in Selbstzweifel noch in Peinlichkeiten zu geraten, erlebte ich immer wieder neu das Wunder, dazuzugeh\u00f6ren, als Fremde aus abwegiger Gegend im eigenen Land nicht mehr auff\u00e4llig zu sein. Oft gab man sich nach einiger Zeit h\u00f6chst \u00fcberrascht, als man \u00a0zuf\u00e4llig von meiner Herkunft erfuhr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch immer sind solche Szenen, nach 30 Jahren Sesshaftigkeit am selben Ort, \u00a0\u00dcbungen f\u00fcr mich, die ich nicht als unaufrichtig, nicht als \u00fcberheblich, jedoch als notwendig empfinde, um \u00a0v e r s t e h e n\u00a0 z u\u00a0 l e r n e n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es klingt vermutlich absurd, sich in Praktiken der Vermittlung des Nichtverstehens professionalisieren zu wollen, um verstehen zu lernen. Neulich erfuhr ich, dass man sogar eine Wissenschaft daraus gemacht hat, um Verdummungspraktiken und Hybridwissenschaften gemeinsam sich findend auf die Spitze zu treiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft lausche ich nur auf die Melodie der Stimmen, die Rhythmik der nicht zu Ende formulierten S\u00e4tze, auf die neue, unbeendete S\u00e4tze in eine oft ganz andere als die Richtung des Gespr\u00e4chspartners folgen, und ich antworte mit meinen, auf grammatikalische Schl\u00fcssigkeit bedachten S\u00e4tze in der gleichen Melodie, wobei ich jedoch auf kleine Unentschiedenheiten, Unsicherheiten achte, die eine vorl\u00e4ufige Fortsetzung des Gespr\u00e4chs mit zunehmendem Interesse an einem Fehlen von Tiefe oder Hintergrund garantieren k\u00f6nnen. Zerdehntes Sprechen, das ist Ausdruck einer\u00a0 erlernbaren F\u00e4higkeit zur Geduld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Wenn das Gespr\u00e4ch endlich jene Station erreicht hat, die eine offiziell nie genannte, aber stets g\u00fcltige Solidarit\u00e4t zu allen Zeiten bezeugen konnte, n\u00e4mlich die h\u00e4uslichen Verh\u00e4ltnisse mitsamt ihren herrlichen M\u00f6glichkeiten des Einkaufens, Kochens, Organisierens von Feierlichkeiten, Fahr- und Sitzgelegenheiten, Trink- und Essgelegenheiten, Bekannt- und Verwandtheiten, gilt es, diesen H\u00f6hepunkt m\u00f6glichst breit anzulegen und mit allen seinen k\u00f6stlich denkbaren Zuf\u00e4lligkeiten, \u00c4hnlichkeiten, N\u00fctzlichkeiten offenzuhalten. Die Menschen und ihre Gesichter bl\u00fchen auf, die Bewegungen und Gesten riskieren Eindeutigkeit, die Verwischungen und Gr\u00e4mlichkeiten weichen einer zeitlosen Heiterkeit und ernstzunehmenden Kompetenz. Jetzt verb\u00fcnden sich Neigung mit Erfahrung, mit Ich sagen mit Du sagen, ein realistisches, ja, freudiges Mangelbewusstsein mit ungeahnten F\u00e4higkeiten zur Improvisation. Mir d\u00e4mmert es, dass ich \u00fcber diese Dinge zuvor in dieser anderen abwegigen Gegend des selben Landes nie ausf\u00fchrlich gesprochen habe, dass sie einen Wert darstellen, dass sie endlich<em> die <\/em>Farbe absondern f\u00fcr die Grauzeichnungen des Alltags , dass sie das Fl\u00fcchtige, Fahrige, das gleich G\u00fcltige t\u00e4glichen Zust\u00e4ndigseins mit Handlungsballast beschweren, dass es <em>die<\/em> Dinge sind, mit denen wir alle, oft nicht zugegebenerma\u00dfen, viel Zeit verbringen, Dinge, die wir mit T\u00e4tigkeiten verbinden, die auf ein Ende gerichtet sind, um Fassung zu finden angesichts t\u00e4glicher, unberechenbarer, immer wieder neu und fremd definierter Drohungen und Verluste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erkennen von Deines- Meines-gleichen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wie die Verletzungen zustande gekommen w\u00e4ren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wie man sich h\u00e4tte trotz des Ernstes der Lage <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>weiter fortbewegen k\u00f6nnen. Wie man h\u00e4tte den Ernst der Lage \u00fcbersehen k\u00f6nnen. Wie man sich trotzdem den Ernst der Lage zunutze gemacht hatte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wie weit man h\u00e4tte auf den Ernst der Lage Einfluss nehmen k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Inwiefern<\/em><em> sich der<\/em><em> Ernst der Lage <\/em><em>auf die Folgerichtigkeit der fortzusetzenden Handlung h\u00e4tte auswirken k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir sagte noch vor 10 Jahren eine Pressedame, die ihrer Ausstrahlung und ihrer Haltung nach auch in einem der vielen kleinen B\u00fcros von &#8222;Existenzneugr\u00fcndungen&#8220; in einem Hinterhofgeb\u00e4ude vor einem antiquarischen Computer h\u00e4tte sitzen k\u00f6nnen (&#8222;Die Wessis sind doch alle mit der neuesten Software ausgestattet!&#8220;), dass sie immer noch &#8222;die Anderen&#8220;, \u201edie Zugezogenen\u201c schon \u00fcber gro\u00dfe Entfernungen hinweg erkenne, ebenso, wie sie &#8222;ihresgleichen&#8220; in der Fremde sofort wiedererkenne und man sich fast gleichzeitig anspreche <em>wie wir jetzt<\/em>, und als ich sie fragte, woran sie diese in der Fremde oft begl\u00fcckende Gewissheit festmache, verriet sie mir: &#8222;Es liegt am Gesicht und an der Haltung, das musst du doch wissen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie nun aber kommt es, dass auch &#8222;ihresgleichen&#8220; eine zunehmende Affinit\u00e4t zu &#8222;den Anderen&#8220;, den \u201eZugezogenen\u201c \u00a0ansteuert oder immer schon besessen hat, dass das Wesen dieser Anderen im heftigen Nachwendewind sich, von jenen Verwischungen frei, auch freier bewegt, ohne doch von westlicher Herkunft oder Ideologie gezeichnet zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach fast einem Jahr Arbeit, 60 Stunden die Woche, in einer der alten Baracken im n\u00e4chsten Gro\u00dfdorf, wo mein Jugendclubb\u00fcro eingerichtet war, \u00a0h\u00f6rte mein Kollege zuf\u00e4llig ein Telefonat mit einer Kollegin aus dem Westen mit, w\u00e4hrend er scheinbar unbeteiligt doch konzentriert auf das Auft\u00fcrmen der gr\u00fcn umrandeten Tassen und Untertassen zu einer Pyramide sein feierabendt\u00e4gliches Abschlie\u00dfen mit dem Tag signalisierte. Als ich aufgelegt hatte, sah er mich, die letzte Tasse noch in der Hand, \u00a0entt\u00e4uscht und dann heftig erbost an: \u201eDas h\u00e4tte ich nie, niemals von Ihnen gedacht, ich dachte Sie w\u00e4ren <em>eine von uns<\/em>! Warum bleiben sie <em>hier<\/em> und fahren nicht zur\u00fcck zu Ihresgleichen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis heute bin ich nicht einig mit mir, ob ich mich h\u00e4tte dar\u00fcber freuen oder gr\u00e4men sollen. Ich antwortete damals: \u201eNun, jetzt wissen Sie es endlich. Aber was \u00e4ndert das?\u201c Er war schweigend hinausgegangen, um das Thema nur dann \u00a0anzusprechen, wenn ich ein paar Tage Urlaub hatte: \u201eJetzt fahren Sie wieder zu Ihresgleichen, viel Spa\u00df!\u201c \u00a0Aber wir fuhren weiter\u00a0 gemeinsam \u00fcber die D\u00f6rfer zu unseren wieder\u00a0 installierten Jugendclubs, verteilten Fu\u00dfb\u00e4lle, S\u00fc\u00dfigkeiten und Gesellschaftsspiele, ABM-Almosen, machten Landkino und er lie\u00df sich, wie ich es gewohnt war, w\u00e4hrend der langen Strecken zwischen den D\u00f6rfern verbittert und b\u00f6se \u00fcber \u201e<em>den Westen<\/em>\u201c aus, den er bis heute, ein schwerkranker Mann, nicht betreten hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>N\u00e4he und Distanz wandern <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Au\u00dfer Reichweite sein.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da gibt es hinter jedem Gesicht ein bekanntes Gesicht, verborgen hinter einem unbekannten. Das unbekannte Gesicht ansprechen, als sei man sicher. Memorymusik darf nicht abschrecken, die kommt aus einem unbeteiligten Zimmer nebenan. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Je l\u00e4nger man sich den zunehmenden Verwicklungen verf\u00fcgbar h\u00e4lt, desto m\u00f6glicher wird das Beabsichtigte. Die Enge bleibt aufgesetzt und steht als Kursivwort zwischen den Gesichtern, keine Variation zulassend. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vielen Anderen, die ich kennengelernt habe, &#8211; auch sie haben den Mangel erlitten, ihn nicht gepflegt, nicht beklagt, nicht wirklich ausgelebt. Fast alle haben in DDR-Zeiten wie auch heute eine Distanz gewahrt, die nur m\u00f6glich geworden ist durch die Gewissheit, von etwas zu wissen, etwas zu besitzen, das von diesem Mangel unangetastet bleiben konnte und kann, und das im Status einer berechtigten Hoffnung trotz aller notvollen und w\u00fcrdelosen Einschr\u00e4nkungen und Ver\u00e4chtlichkeiten wirklich existiert hatte. Davon lesen wir in keinem Geschichtsbuch etwas. Es wird in den Medien verniedlicht, bel\u00e4chelt, romantisiert, nostalgiert, entwertet und irgendwann f\u00fcr unwesentlich befunden und gel\u00f6scht. Nein, Ideale oder heimlich anverwandelte und eingeschriebene Ideologien waren sie nicht, diese Gewissheiten, die uns niemand nehmen kann, sondern liebevolle Akzentuierungen von Werten des t\u00e4glichen Lebens, wie ein seltenes, nie infrage gestelltes Vertrauen in Familie und Freundeskreis , die Liebe zu Kreat\u00fcrlichem, die an der Pflege eines Gartens oder von Haustieren wachsen konnte, die Liebe zu alten, soliden Dingen, zu einem gut gebauten Werkst\u00fcck, zu einer redlich (ein Wort, das sich entfernt hat) ausgef\u00fchrten Arbeit, auch B\u00fccher, deren Inhalte keineswegs eine Mangelgesellschaft best\u00e4tigten, wenn es auch von ihrer Art viel zu wenige gibt.\u00a0 Doch hatte ich einige Jahre vor der Wende in einer kleinen Dorfb\u00fccherei Michel Butors <em>Zeitplan, <\/em>Hemmingways Pariser Skizzen und <em>Kore in der H\u00f6lle<\/em> von William Carlos Williams gefunden! &#8211; begl\u00fcckt und staunend. <em>Auch gab es eine <\/em>Musik, deren Vernehmbarkeit nicht an Grenzen oder Ideologien gebunden war. Und die Menschen liebten sich, wenn diese Musik erklang, sie liebten sich <em>ausdr\u00fccklich<\/em>und leise. Ich hatte es bei einer Disko in einem Neubauviertel am Rande einer Kleinstadt in den 80ern erlebt. Die Paare, sehr sorgf\u00e4ltig gekleidet, steif und feierlich, tanzten ernst miteinander, ihre Beine bewegten sich pflichtgem\u00e4\u00df zur \u201eflotten\u201c Musik, die Paare wichen einander nach unsichtbaren Choreografien aus, der Ernst ihrer voneinander abgewandten Gesichter dr\u00fcckte eine tiefe, aber wie hypnotisierte Sehnsucht und zugleich Zugeh\u00f6rigkeit aus. Es waren gerade die wenig n\u00fctzlichen, die eigentlich ungreifbaren Dinge, Dinge, die die Zeit nicht rechnete , die &#8222;die Anderen&#8220; vor jenen Verwischungen und Verst\u00f6rungen bewahrt hatten, Dinge, deren Werte nirgendwo festzuhalten, nirgendwo belobigt werden konnten, die gerade nicht durch <em>Verdinglichung<\/em> zum Verschwinden gebracht werden konnten, und seltener, so erfuhr ich, hatten gerade diese Anderen Kontakte zum sogenannten Westen. Ja, diese Anderen hatte ich bei meinen Aufenthalten zu Vorwendezeiten nicht kennenlernen d\u00fcrfen, ich hatte es immer nur mit den <em>sp\u00e4ter Entt\u00e4uschten <\/em>zu tun gehabt, deren Mangel ein Sog war und deren Besitzuwachs an n\u00fctzlichen Dingen zu noch gr\u00f6\u00dferen Mangelzust\u00e4nden gef\u00fchrt hatte, zu denen auch der Neid, der Geiz und das z\u00e4he Beharren auf unverr\u00fcckbare verordnete G\u00fcltigkeiten geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal hat mich eine fast sehns\u00fcchtig machende Ahnung gestreift. Dann immer, wenn ich meinen Zwangsumtausch in die Haushaltsgesch\u00e4fte und vor allem Buchl\u00e4den in vielen D\u00f6rfern und Kleinst\u00e4dten der Republik trug und ich mich von dort vorl\u00e4ufig nicht mehr fortbewegen wollte. Dort war die Atmosph\u00e4re auf eine manchmal unmerklich euphorisierende Weise gespannt und verursachte Herzklopfen, und ich war zerrissen zwischen meiner Fahndung nach B\u00fcchern, die es sonst nirgendwo gab und dem Bed\u00fcrfnis, die Menschen anzusehen, anzusprechen, die jene B\u00fccher in H\u00e4nden hielten und sie wie ich zur Kasse trugen. Doch unsere Vor-Pr\u00e4gung witterte \u00fcberall ein Gef\u00e4hrden, sich selber und jener Anderen. Hinzu kam meine Scham \u00fcber mein Anderssein, dessen Auff\u00e4lligkeit trotz meiner bescheidenen Kleidung bemerkt wurde, da verrieten sich \u00fcberall, wohin ich auch ging, ob allein oder in Begleitung: &#8222;Das Gesicht und die Haltung.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Vorw\u00e4rts mit R\u00fcckspiegel<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nach dem Lesen der Geschichte die Geschichte selbst<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>aufsp\u00fcren. Man z\u00f6gert nicht, den n\u00e4chstbesten Zug<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>zu nehmen, im Abteil die Fahrkarte nachzul\u00f6sen, die<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>eine Wahl des Ausstiegs an 2 Bahnh\u00f6fen offen l\u00e4sst.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das bisher mitgef\u00fchrte Buch wird am Aussteigebahnhof dem zuerst auftauchenden Koffertr\u00e4ger \u00fcbergeben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dann setzt man sich ins Bahnhofsrestaurant m\u00f6glichst <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>ans Fenster, bestellt eine Kleinigkeit und f\u00e4hrt mit <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>einer neuen Lekt\u00fcre aus dem Buchladen des Bahnhofs<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>mit dem n\u00e4chstbesten Zug zur\u00fcck.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und einmal, es war 1987, als ich einige Stunden Wartezeit zum Umsteigen auf dem Greifswalder Bahnhof zu verbringen hatte, in winterlicher K\u00e4lte und bei schon einbrechender, die wenigen Farben aufsaugenden D\u00e4mmerung, wanderte ich mit meinem schweren Gep\u00e4ck vom trostlosen, kaum von Menschen frequentierten Bahnhofsgeb\u00e4ude gegen\u00fcber hin zu einem park\u00e4hnlich angelegten Wall, \u00fcber den nur vereinzelt Menschen eilig liefen, mit geneigten K\u00f6pfen und hochgezogenen Schultern, sehr leise und abgewandt sprechend. Die Art ihrer Bewegungen, die Orientierung ihres Gehens lie\u00dfen vermuten, dass unweit die Stadt zu finden war, eine lebendige Stadt mit allm\u00e4hlich eingeschalteten Lichtern in H\u00e4usern und Gesch\u00e4ften, vielleicht mit einer Kaffeestube und Menschen&#8230;Wie w\u00fcnschte ich mir diese Stadt jetzt zu erleben, sollte ich etwa das Gep\u00e4ck aufgeben und dorthin gehen, wo es heller zu sein schien? Aber w\u00fcrde man das Gep\u00e4ck annehmen? Und wenn, w\u00fcrde man es mir wiedergeben? Und w\u00fcrde man mich \u00fcberhaupt aus dem Bahnhof hinauslassen? Hatte ich nicht jetzt schon etwas Verbotenes getan, indem ich mich von meinem Bestimmungsort des Wartens entfernt hatte? Und was w\u00fcrde mir geschehen, wenn der Zug vielleicht fr\u00fcher abgefahren war, wenn ich zu sp\u00e4t kam? Die wenigen Menschen, die an mir vorbeiliefen, schienen mich kaum zu bemerken, mich, die nun auf einer der steinernen B\u00e4nke zusammengekauert Platz genommen hatte, zitternd vor K\u00e4lte, ein Buch in der Hand, dessen Umschlag ich verdeckt hielt, in das ich von Zeit zu Zeit nur unaufmerksam hineinschaute, im Blick den nun allm\u00e4hlich von der Dunkelheit eingeh\u00fcllten Bahnhof dr\u00fcben und die Taschen rechts und links von mir &#8211; \u00a0jenen Menschen nachschauend, die in dieser Stadt zuhause waren, die eine alte Universit\u00e4tsstadt sein sollte, eine deutsche, versteht sich, und mir wurde noch elender zumute. Ich erinnere mich sehr gut, wie ich begann, \u00fcber die Begriffe &#8222;h\u00fcben&#8220; und &#8222;dr\u00fcben&#8220; nachzudenken und es in meinem Kopf rundging, was h\u00fcben und was dr\u00fcben sei, von wo aus gesehen, usw., und ich kam einfach zu keinem Ergebnis, au\u00dfer, dass ich diese beiden Begriffe in ihrer Verbindung als trotzdem amputiert und als verlogen &#8211; fatalistisch befand. Eine westdeutsche Abendsendung hatte diesen Namen getragen:\u00a0 Seit meiner Kindheit hatte sich die pathetische Stimme des Rundfunksprechers &#8222;h\u00fc\u00fcben und dr\u00fc\u00fcben&#8220;, auf die ein Gong folgte, wie ein tautologischer Aphorismus in mein Sprachdenken eingenistet. Einige Monate sp\u00e4ter hatte ich dazu eine kleine Funkerz\u00e4hlung geschrieben, die an einem Berliner Grenzsee spielte und die von einem berufswestberliner Radiomacher h\u00f6hnisch abgewiesen worden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch heute kann ich k\u00f6rperlich diesem unendlich z\u00e4hen Vergehen der Zeit auf der Greifswalder Bank auf dem Wall nachf\u00fchlen, noch nie und niemals wieder sind mir 5 Minuten, immer wieder neue 5 Minuten so lang erschienen, so nutzlos und so ungef\u00fcllt. Als ich endlich im Anschlusszug sa\u00df, durchgefroren, hungrig, leer, in einem der \u00fcberheizten Abteile mit den durchgehenden Sitzb\u00e4nken aus dunkelrotem Kunstleder einander gegen\u00fcber, fanden sich sehr schnell weitere Reisende ein, das Abteil f\u00fcllte sich mit Menschen aus der arbeitenden Bev\u00f6lkerung, sie r\u00fcckten ohne Vorbehalte sehr nahe an mich heran, ich verstaute endg\u00fcltig mein Buch im Gep\u00e4ck und ich schaute zum ersten Mal bewusst in einige der gleichm\u00fctigen Gesichter, vom Alltagsgeschehen noch gezeichnet und in letzter Feierabendfreude einander freundlich best\u00e4tigend und erg\u00e4nzend, die sich, \u00a0ungeachtet meiner Person, munter und ausgiebig \u00fcber g\u00fcnstige Gelegenheiten, an Kohle und Brikett zu kommen, unterhielten, was ich bei Ankunft sofort meiner Gastgeberverwandtschaft mitteilen konnte. \u00a0Eine wertvolle Information, wie ich erfuhr, die sie dankbar, ja zun\u00e4chst\u00a0 erstaunt \u00fcber mein internes Wissen, bald schon verwerten konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur wenige Jahre sp\u00e4ter wusste ich, dass ich h\u00e4tte meinem Bed\u00fcrfnis folgen d\u00fcrfen, und die Stadt aufsuchen sollen, und heute wissen jene anderen Menschen, die fast all jene B\u00fccher kennen, die ich einmal als Schatz von h\u00fcben nach dr\u00fcben transportiert und manchmal auch geschmuggelt hatte, von meiner Greifswalder Bahnhofs-Passion. Sie leben in Greifswald und sie sind meine Freunde und nur wenige 100 Meter weiter hatte ich Lesungen und Vortr\u00e4ge, habe Ausstellungen aufgebaut, er\u00f6ffnet, ja, habe H\u00f6rspiel- und Kunstwerkst\u00e4tten geleitet, drei gro\u00dfe Kulturfestivals organisiert, Pressetexte ver\u00f6ffentlicht und an vielen Sitzungen teilgenommen, war sp\u00e4ter wochenlang schwerkrank in der Universit\u00e4tsklinik gelegen, und immer waren sie da. Ob es jene Eiligen waren, die an mir vorbeigehastet waren, die leise und abgewandt von mir, miteinander gesprochen hatten, die ich h\u00e4tte ansprechen sollen &#8211; es ist heute unwichtig&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Verschwiegene Geschenke<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der beharrliche Versuch, die Dinge in ihrer fremden Umgebung wiederzubeleben, misslang\/die Erinnerungen z\u00e4hlten sich falsch zusammen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Man bleibt unterwegs zwischen eindeutig Bestimmbarem und sucht nach Unma\u00dfgeblichkeiten. Die Dinge \u00fcberbieten sich an N\u00fctzlichkeit, sodass\u00a0 man ihnen keinen festen Standort zuweisen kann, ohne an ihre Brauchbarkeit erinnert zu werden, die im D\u00e4mmer des Vergangenen als fl\u00fcchtige Zutat zum Allt\u00e4glichen erschienen waren. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor einigen Wochen las ich in meinem fahlgr\u00fcnen Schulheft aus jener Zeit. Angesichts der unvermittelbaren und fremd anmutenden F\u00fclle meiner Eindr\u00fccke hatte ich bis heute literarisch nichts damit beginnen wollen. Da war die Rede von sozialistischer Wartegemeinschaft, von Lebensbedarfsmangel (&#8222;Beziehungen schaden nur dem, der keine hat.&#8220;). Seitenlang hatte ich immer abends, wenn ich w\u00e4hrend meiner DDR-Aufenthalte allein war, Listen gef\u00fchrt \u00fcber Dinge, die hier fehlten, die ich nach und nach besorgen, schicken wollte, wie Kuchengabeln, Schuhb\u00e4nder, alles von Nivea, Puzzles f\u00fcr Kinder, verschiedene, n\u00e4her bezeichnete Schrauben, Vitamintabletten, Paprikasaatgut, Schmackos f\u00fcr den Hund, Str\u00fcmpfe mit Muster&#8230;und da war noch ein Witz, der etwa so lautete: &#8222;Wie viele Leute muss man kennen, um alles zu bekommen? Hinz und Kunz.&#8220; Ich hatte den Witz damals einfach nicht verstehen wollen, weil mir nicht der Sinn danach stand, <em>alles <\/em>zu bekommen, doch konnte sich wohl ab einem gewissen Status des Mangels dieses Bed\u00fcrfnis zu einem festen Wert entwickeln, dachte ich. Der Preis f\u00fcr vieles, das man sich w\u00fcnschte, war hoch, oft zu hoch. Schon damals war mir aufgefallen, dass so manches, das ich besorgt oder vermittelt hatte, eigenartigerweise\u00a0 ohne jedes Echo geblieben war. Ich brauche keine Worte,\u00a0 um Dankbarkeit an eine grammatische Struktur zu binden, aber ich erwartete ein Zeichen, dass die Dinge angekommen waren. Die Geschenke blieben nach Erhalt unausgepackt irgendwo stehen oder liegen, hilfreiche Neuigkeiten in Briefen blieben unkommentiert. Und noch heute, nachdem ich 30 Jahre hier lebe, wo &#8222;die DE-Mark mit dem Westen angekommen und wieder gegangen ist&#8220;, lasse ich mich noch immer von diesem Ph\u00e4nomen irritieren. Jene besorgten und vermittelten &#8222;n\u00fctzlichen Dinge&#8220; ben\u00f6tigen eine Zeit der Reife nach ihrer Ankunft, es muss gesichert sein, dass diese Gaben ohne Gegengaben, in welcher Weise auch immer, dem Genuss \u00fcbereignet werden d\u00fcrfen. In keinem anderen Lebensraum ist mir dieses schmerzliche Misstrauen im Beschenktwerden begegnet. Die F\u00e4higkeit zur Freude ist blockiert, und gerade dort, wo ich sp\u00e4ter mit gr\u00f6\u00dfter Anstrengung f\u00fcr meine Leute in den Baracken etwas erreicht hatte, das mit der Erleichterung auch noch die Bewusstwerdung verschiedener M\u00f6glichkeiten der Freiheit im sich Wehren auch gegen Vor-Gesetzte aufzeigte, eine Freiheit, die ich freudig weitergegeben hatte, <em>ohne<\/em> ausdr\u00fccklich auf ihr einstiges, ja, noch immer akutes\u00a0 Fehlen hinzuweisen, erntete ich Schweigen, Gleichmut und Tatenlosigkeit, und manchmal gar Abwehr und offenes Misstrauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Schatten der Ger\u00e4tschaftentr\u00e4ger<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Gedanke an Flucht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die \u00dcberg\u00e4nge leugnen. Was zwischen HIER und DORT liegt, auf die Sekunde bringen. Einmal hingelangt, splittert schnell, was als Vermutung nahe lag: <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Pl\u00f6tzliche schaltet sich ab, nun als Hohlraum bewohnbar, die Dauer teilt sich in Zuruf und Antwort, die Antwort scheidet Abwegiges aus, vor Endg\u00fcltigkeiten sich abschirmend, setzt St\u00f6rungen in Gang, die, was am Rand aufw\u00e4chst\u00a0 und reglos in Jahreszeiten, im Passieren niederdr\u00fcckt ohne R\u00fccksicht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach solchen entt\u00e4uschenden Erlebnissen erinnere ich mich wieder an das platonische H\u00f6hlengleichnis, das mich in meinen ersten Studienjahren fasziniert hatte, in dem gefesselte Gefangene in einer dunklen H\u00f6hle nur <em>eine <\/em>Wirklichkeit kennen: das Bild eines \u00fcber ihr Gelass hinwegf\u00fchrenden \u00dcbergangs, auf dem fremde, in einem diffusen Licht wahrnehmbare Gestalten regelm\u00e4\u00dfig verschiedene Ger\u00e4tschaften vorbei- und davontragen, deren Sinn ihnen trotz aller Spekulationen verborgen bleibt. (Heute sehe ich auch mich unter der Oberbaumbr\u00fccke hinaufschauen, mit Bildern vor dem inneren Auge, die ich in meinen Tr\u00e4umen gew\u00e4hren lie\u00df, ohne sie zu befragen)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von ihrem hoffnungslosen Ort her wahrgenommene Wirklichkeit steigert in den H\u00f6hlengefangenen nur den einen Wunsch: an Stelle dieser Gestalten dort oben, im Besitz dieser Ger\u00e4tschaften zu wandeln, auf ein unbekanntes\u00a0 Ziel, auf ein unbekanntes Licht zu, aus dessen Quelle diese zeitlos sich wiederholende Wahrnehmung sichtbar zu werden scheint. Ich hatte dieses Bild f\u00fcr mich gedeutet als ein Bild der Grenze zwischen dem Wirklichen und M\u00f6glichen, ein Bild f\u00fcr die Transzendenz im Diesseitigen, f\u00fcr ein Signalbild aus einer Dimension, die uns zu Lebzeiten verborgen bleiben wird&#8230; Und nun geschieht das Unfassliche und zugleich unbedingt Notwendige f\u00fcr den Fortgang dieser Geschichte: einem der H\u00f6hlengefangenen gelingt es, sich von seinen Fesseln zu befreien. Er findet einen Weg hinauf zu dieser Balustrade, auf diesen Weg und \u00dcbergang, unbemerkt von seinen Leidensgef\u00e4hrten, deren Blick wie paralysiert ist in Konzentration auf das immer Gleiche dort oben: wie dort Gestalten, deren Wuchs und Beweglichkeit das Spiegelbild der Sehnsucht darstellt, einen scheinbar wertvollen Besitz vorbeitragen ins Offene, immer wieder neu, immer mehr Ger\u00e4tschaft wird \u00fcber ihnen transportiert und verschwindet, um neue Gestalten auftauchen zu sehen. Der selbstbefreite H\u00f6hlengefangene reiht sich ein in die Karawane der langsam schreitenden Tr\u00e4ger, die ihm f\u00fcr Sekundenbruchteile jenen Raum zubilligen, der ihn nun zu ihrem Element macht, ein Zugeh\u00f6riger. Er, der selber ohne greifbaren Besitz ist &#8211;\u00a0 au\u00dfer seiner Geb\u00e4rde, die in Augenh\u00f6he die mit der Ber\u00fchrung der H\u00e4nde zusammengef\u00fchrten Arme ein imagin\u00e4res Selbst-Besitzumfangen deuten wollen, aufrecht im Schrittrhythmus der Anderen. Der Anderen, der ihm Fremden, er, der sich bei ihnen eingefunden hatte, gegen ein heller werdendes Licht mitschreitend auf einen unvordenklichen Ausgang zu, und als er im Blickzentrum seiner Leidensgef\u00e4hrten so vorbeipassiert, geh\u00f6rt er schon dazu, ja, und man hat sein Fehlen unten nicht einmal bemerkt. Er wird mit ihnen, die ihm vorangehen und ihm ruhigen Schrittes folgen, in eine Helle des Tages und des Ausgangs treten, und erst jetzt wird er sich verraten, weil er geblendet von der \u00fcberaus gro\u00dfen Helligkeit, nach einer nur noch pl\u00f6tzlich in sein Ged\u00e4chtnis sich einschreibenden Erkenntnis dessen, was vor ihn liegt, zu Boden st\u00fcrzt. Er ist geblendet, doch entfaltet und konturiert sich in der Dunkelheit seines zusammengeballten K\u00f6rpers das Nachbild: jetzt wird er, sollte er auch f\u00fcr immer geblendet und blind bleiben, wissen, wohin sein Weg f\u00fchren wird. Er wird mit diesem ihm eingebrannten Bild der \u00dcberhelle und der \u00dcberklarheit \u00fcberleben wollen, und er speichert f\u00fcr ihn unausl\u00f6schlich all die M\u00f6glichkeiten dazu; er setzt die Solidarit\u00e4t seiner neuen Gef\u00e4hrten fraglos voraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst jetzt wird er von seinen Vor- und Nachg\u00e4ngern bemerkt, man nimmt sich seiner an, bettet ihn in den Schatten, man k\u00fchlt seinen gl\u00fchenden Leib, man erkl\u00e4rt seinem blinden Ged\u00e4chtnis die Einzelheiten. Er weint, und mit den ersten Tr\u00e4nen, die auf das neue Land fallen, das er mit seinem K\u00f6rper bedeckt, gewinnt er allm\u00e4hlich sein Augenlicht zur\u00fcck und sein Verm\u00f6gen, zu erz\u00e4hlen, woher er kommt. Seine neuen Gef\u00e4hrten h\u00f6ren zu, und ihr Jasagen ist dorthin gerichtet, woher er gekommen ist. Sie wissen, so wie er spricht, wird er sich wieder davonmachen, ihre schweigende Erwiderung best\u00e4rkt ihn nicht, sie brauchen ihn nicht, sie treten zur\u00fcck, wenn er, den allm\u00e4hlich gew\u00f6hnten Blick auf das Offene, wieder schlie\u00dft, sich umwendet und gegen das endlose Gefolge der Ger\u00e4tschaftentr\u00e4ger aus dem D\u00e4mmer hinaus ins Licht, sich wieder gegen das Vergangene wendet, erz\u00e4hlen, das gilt, erz\u00e4hlen, erz\u00e4hlen! Und alle, die dort, jetzt fern von mir, im Vergangenheitsraum zeitlos unbeweglich verharren, jetzt mitnehmen! Er hat keine M\u00fche, zur\u00fcckzufinden, ja, unter seinen einstigen Gef\u00e4hrten wieder in der attrappierten Fesselung zu liegen, als sei nichts geschehen. So, wie er sich in die Fesseln zur\u00fcckgefunden hat, so deutlich buchstabiert sich ihm die Katastrophe seines wieder Gefangenseins, und jetzt gilt es, zu vermitteln, dass er unterwegs gewesen ist. Er sei gereist, er habe bei seiner Reise nicht in die Gesichter der Mitreisenden gesehen, sondern erst, als er angekommen sei. Ich bin an das Licht gereist, ohne es zu wissen, erz\u00e4hlt er, und dieses Licht ist wunderbar! Er habe aus den Gesichtern, die ihn aus dem Geblendetsein ins Erwachtsein hinein angeschaut h\u00e4tten, lesen k\u00f6nnen, dass ein Mensch, ein Gefangener, stark sein m\u00fcsse, um zu fliehen. Und er wolle sie alle f\u00fchren, seine Gef\u00e4hrten der Fesseln, er wolle sie aus der Pl\u00f6tzlichkeit seiner Erkenntnis \u00fcber den von ihnen unbemerkten \u00dcberdruss hinausf\u00fchren, weil sie lange genug <em>dahinter<\/em>gelebt h\u00e4tten, er wolle sie nicht weg von dem Licht, sondern <em>hinter<\/em> das Licht f\u00fchren, das sie immer ahnbar wahrgenommen h\u00e4tten. Da schlugen sie auf ihn ein und fingen an, an ihm zu riechen und ihn am ganzen K\u00f6rper zu untersuchen wie unter Zwang, da er einen fremden Geruch verstr\u00f6mte. <em>Gegen<\/em>das lange an die Ichn\u00e4he gepresste erwartungslose Eigene hatte sich dieser Geruch durchgesetzt, den er jetzt gel\u00fcftet und ozonhaltig und gemischt mit dem Duft der Natur dort drau\u00dfen, verstr\u00f6mte. Die wirklichkeitsnahen Balustradeng\u00e4nger wanderten weiter \u00fcber ihnen mit ihrer Ger\u00e4tschaft, ohne das Geschehen unter ihnen zu w\u00fcrdigen, doch am Ausgang wartete ein mit offenen Armen schon erstarrter Empfang, w\u00e4hrend einer, der in die Tiefe dumpfgesch\u00fctzter nicht enden wollender Gegenw\u00e4rtigkeit zur\u00fcckgeflohen war, um seine neu gefundene und durch fremde N\u00e4hen l\u00e4ngst gesch\u00fctzte Freiheit zu vervielf\u00e4ltigen, gescheitert und totgeschlagen worden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was sich Dir in Sichtn\u00e4he aufz\u00e4hlt, die zaghaften Anl\u00e4sse f\u00fcrs Orientieren, der Irritation schon verschrieben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das hebt sich eins aus dem Anderen hervor, mit\u00a0 dem Augenschein rechnend. Da w\u00e4hlst Du mit Fingerzeig und machst Dich auf den Weg. Da verbirgst Du\u00a0 Dich, je n\u00e4her Du anlangst. Da erkennt Dich niemand wieder wenn Du angekommen bist.\u00a0 <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Platon hat nichts dar\u00fcber gesagt, ob der R\u00fcckkehrer sich in diesem neuen Zustand seiner wieder verlorenen Freiheit von den anderen noch immer unterschied oder ob er nun wieder einer der ihren geworden war. Auch wei\u00df ich nicht, ob sein abgelehntes Ansinnen Einfluss gehabt hat auf die Fortsetzung der beschriebenen H\u00f6hlenwirklichkeit.\u00a0 Und nichts ist bekannt dar\u00fcber, ob von den Ger\u00e4tschaftstr\u00e4gern und Bewohnern der helleren Erkenntnislandschaft jemand die Weg hinab zu den Protagonisten des dumpf beschriebenen Dauerungl\u00fccks gefunden hat, oder ob auch ihnen jene d\u00fcstere Wirklichkeit der Anderen dort unten als Voraussetzung dienen muss, um ihre ununterbrochenen Wege ans Licht beschreiten zu k\u00f6nnen, mit immer neuer Ger\u00e4tschaft. Oder waren es immer dieselben Gegenst\u00e4nde, die sie hinaus und \u00fcber die Balustrade wieder hinein und dann wieder fort ans Licht trugen? Ich stelle mir die Gesichter der wieder zur Ruhe gekommenen H\u00f6hlengefangenen vor; es sind Gesichter von Implodierten. Die Implodierten sind die nach gro\u00dfen Ersch\u00fctterungen an ihrer immer letzten Gegenwart Haftende, sie verweigern all jene Geschenke, die ihre Verst\u00f6rtheit st\u00f6rt. Auch ich habe mich nach fr\u00fchesten Ersch\u00fctterungen, die ich erinnern kann, nicht anders gef\u00fchlt. Das platonische H\u00f6hlengleichnis, als ein gro\u00dfer philosophischer Wurf f\u00fcr die m\u00f6gliche Deutung menschlicher Erkenntnisfindung und -verweigerung, ist ein vages Beispiel f\u00fcr das, was mich bewegt, seit ich gewusst habe, dass ich hier bleiben will, unterwegs zwischen den Ebenen des Gewahrwerdens dessen, was das Handeln und die Dinge belichtet, wobei ich nur eines wei\u00df: ich bin nicht in der Lage, mit Requisiten zu arbeiten, weder mit Ger\u00e4tschaft noch mit Fesseln&#8230;- vielleicht\u00a0 werde ich mich dazu entschlie\u00dfen m\u00fcssen, wieder ein Buch in die Hand zu nehmen und wirklich darin zu lesen, wenn ich unterwegs bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es wird eine Geschichte daraus, wenn die Bilder sich jagen. Dann werden Ma\u00dfnahmen getroffen, die damit nichts zu tun haben. Die Auswahl folgt der Hand auf dem Fu\u00dfe: &#8222;Das Vereinbarte wiederherstellen!&#8220; <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein fr\u00fcher k\u00fchler und klarer Morgen und noch d\u00e4mmrig. Sie stand bereits auf der Br\u00fccke. Sofort durchstr\u00f6mte sie ein Gef\u00fchl, ein kleiner Dauerschrecken, Dauerblitz, der immer neu den K\u00f6rper durchfuhr. Er stimmte sie positiv und freudig, fast nicht auszuhalten, und ihr Herz klopfte. Sie blieb stehen und atmete tief durch; sie befand sich in einer r\u00e4umlichen, aber nicht realen Stille, die in ihr eine Erweiterung suchte und fand. Sie sah hinab, und ganz klein bewegten sich unten im vagen Licht des beginnenden Tages Fahrzeuge, Tiere und Menschen. Dann kamen ihr\u00a0 Menschen entgegen, an denen sie sich vorbeidr\u00fcckte. Sie blickte ihnen nach, aber sie liefen unbeirrt weiter, als h\u00e4tten sie sie nicht bemerkt. <em>Vor der Absperrung pr\u00fcfte sie den Inhalt jener Botschaft, die ihrer Mission einen Sinn verleihen sollte, \u00a0noch einmal durch den geschlossenen Umschlag. Sie fixierte das Gesicht hinter der Verglasung, das von der Gestik routinierten Hin\u00fcberlangens vollkommen beherrscht schien: sie schob das Kuvert und den von ihr angefertigten Orientierungsplan durch den Schlitz zwischen Sichtscheibe und Geldablage. In der anderen Hand hielt sie das Buch, das sie in der S-Bahn lesen wollte. &#8222;Inwendig irgendwas Handgeschriebenes?&#8220;. Die saubere Hand vibriert \u00fcber der Briefwaage. &#8222;Sie m\u00fcssen mit Linealblicken Verbindungslinien zwischen eingebildeten Punkten ziehen&#8220;, sagte sie.\u00a0 \u201eAb wann treten wieder Schwankungen auf\u201c, fragte die Person hinter Glas betont gleichg\u00fcltig und ohne aufzublicken: \u201eDer Absender muss deutlicher.\u201c <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Das Ausgewichene, bei der Erinnerung.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_77397\" style=\"width: 754px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Oberbaumbru\u0308cke.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-77397\" class=\"size-full wp-image-77397\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Oberbaumbru\u0308cke.jpg\" alt=\"\" width=\"744\" height=\"515\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Oberbaumbru\u0308cke.jpg 744w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Oberbaumbru\u0308cke-300x208.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Oberbaumbru\u0308cke-560x388.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Oberbaumbru\u0308cke-260x180.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Oberbaumbru\u0308cke-160x111.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-77397\" class=\"wp-caption-text\">Die Oberbaumbr\u00fccke, jenes merkw\u00fcrdige Gebilde aus dem Spielbaukasten-Stil wird repariert. Quelle: <span class=\"mw-mmv-filename\">Bundesarchiv<\/span><\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n<\/div>\n<footer class=\"entry\">\n<p class=\"tags\" style=\"text-align: justify;\">\n<\/footer>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Grundrissbild aus der Orientierung gerissen, mit dem Wind in die W\u00fcste. Ohne Halt das Ged\u00e4chtnis, wenn die Transportkraft des Windes nachl\u00e4sst. Ablagerung sein. \u00dcber Abgelagertem. \u00a0 Die Berliner Oberbaumbr\u00fccke in Kreuzberg war in den 70er und 80er Jahren mein&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/12\/unter-strom-im-fruehlicht\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":53,"featured_media":97863,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[918],"class_list":["post-77391","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-angelika-janz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77391","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/53"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77391"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77391\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100683,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77391\/revisions\/100683"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97863"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77391"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77391"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77391"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}