{"id":77336,"date":"2021-04-27T00:01:17","date_gmt":"2021-04-26T22:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77336"},"modified":"2021-11-23T05:59:00","modified_gmt":"2021-11-23T04:59:00","slug":"eurotrash","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/27\/eurotrash\/","title":{"rendered":"Eurotrash"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Z\u00fcrich. Es war ganz schrecklich. Aus Nervosit\u00e4t dar\u00fcber hatte ich mich das gesamte verl\u00e4ngerte Wochenende \u00fcber so unwohl gef\u00fchlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einf\u00e4llt, \u203aFaserland\u2039 genannt hatte. Es endet in Z\u00fcrich, sozusagen auf dem Z\u00fcrichsee, relativ traumatisch.<\/span><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Eurotrash.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-77339 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Eurotrash-182x300.jpg\" alt=\"\" width=\"182\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Eurotrash-182x300.jpg 182w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Eurotrash-260x428.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Eurotrash-160x263.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Eurotrash.jpg 303w\" sizes=\"auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px\" \/><\/a>Christian Krachts neuer Roman beginnt mit einer Erinnerung: vor 25 Jahren irrte in <em>Faserland<\/em> ein namenloser warenfetischverliebter Ich-Erz\u00e4hler (war es Christian Kracht?) durch ein von allen Geistern verlassenes Deutschland. Der Ich-Erz\u00e4hler ist ein namenloser Endzwanziger und der Sohn einer reichen Familie, der von Nord nach S\u00fcd durch Deutschland und weiter in die Schweiz f\u00e4hrt bzw. fliegt. Dabei ist er mehr unfreiwilliger Zuschauer als Teilnehmer der geschilderten Ereignisse. Von Sylt aus erreicht er nach Aufenthalten in Hamburg, Frankfurt, Heidelberg, M\u00fcnchen und Meersburg am Bodensee schlie\u00dflich Z\u00fcrich. An jedem dieser Orte erlebt er exzessive Alkohol-, Drogen- und Sex-Partys, die von den Teilnehmenden nicht mehr als positive Erlebnisse erfahren werden, sondern lediglich Ausdruck ihrer Hoffnungslosigkeit sind. Der Protagonist beobachtet die Dekadenz seiner Generation \u2013 am ausf\u00fchrlichsten veranschaulicht am Beispiel eines wohlhabenden Jugendfreundes, der in der Villa seiner Eltern am Bodensee eine Luxusparty veranstaltet und anschlie\u00dfend Suizid begeht \u2013 und registriert, w\u00e4hrend er gleichzeitig eigene Kindheitserinnerungen reflektiert, auch seinen pers\u00f6nlichen Niedergang. In <em>Eurotrash<\/em> geht derselbe Erz\u00e4hler erneut auf eine Reise \u2013 diesmal nicht nur ins Innere des eigenen Ichs, sondern in die Abgr\u00fcnde der eigenen Familie, deren Geschichte sich auf tragische, komische und bisweilen spektakul\u00e4re Weise immer wieder mit der Geschichte dieses Landes kreuzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Autobiography sells!<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Matthias Wittig<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P\u00fcnktlich zum Erscheinen des Romans gab Kracht der <i>SZ<\/i> ein Interview, das erstaunlich redefreudig ausfiel, ein Kokettieren mit dem Echtheitssiegel. Die Quasi-Fortsetzung von <em>Faserland<\/em> handelt von einem Ich-Erz\u00e4hler, der den Roman <em>Faserland<\/em> geschrieben hat, was naturgem\u00e4\u00df zu Fragen nach dem autofiktionalen Charakter des Buches f\u00fchrt und ob Kracht wohl selbst diese Figur sei, was den Interview-Kracht sofort \u00fcberfordert: &#8222;Oh Gott. Sie fangen ja gleich mit der schwierigsten Frage an&#8220;, st\u00f6hnt er. &#8222;Sagen wir also lieber, der Erz\u00e4hler meines Romans spielt mit seiner eigenen Identit\u00e4t. &#8230; In all meinen Romanen gibt es eine bestimmte Stelle, in der sich der Erz\u00e4hler vor einem Spiegel wiederfindet, oft ist es auch ein Doppelspiegel, in dem sich dann das gespiegelte Bild in der Unendlichkeit verliert. Und in meinem neuen Roman sieht sich eben nicht nur der Erz\u00e4hler in einem solchen Doppelspiegel, sondern auch all meine anderen Romane werden formell zwischen den Buchdeckeln von &#8218;Eurotrash&#8216; imitiert.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dieses Druckwerk ist f\u00fcr den Leipziger Buchpreis nominiert worden. Was sagt das \u00fcber die B\u00fccher und was \u00fcber die Kritik?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dieser <em>Faction<\/em> testet Kracht erz\u00e4hlerischen Grenzen aus, es ist eine Versuchsanleitung mit Referenzen und Autofiktion, ein Versuch zwischen verlogener Selbstdarstellung und prosaischer Gebrauchsliteratur. <em>Eurotrash<\/em> ist angef\u00fcllt mit Verweisen auf die Biographie des Autors Kracht: einmal wird der Vater als &#8222;rechte Hand Axel Springers&#8220; erw\u00e4hnt (Krachts Vater war Generalbevollm\u00e4chtigter der Axel Springer AG), an anderer Stelle erw\u00e4hnt der Protagonist, dass er &#8222;vor 25 Jahren&#8220; eine Geschichte namens &#8222;Faserland&#8220; geschrieben h\u00e4tte, die dramatisch am Z\u00fcrichsee geendet h\u00e4tte (Krachts Roman &#8222;Faserland&#8220; erschien 1995, das dramatische Ende spielt freilich am Bodensee, am Z\u00fcrichsee folgt nur eine Art Epilog, aber egal). Und nat\u00fcrlich kommt man nicht umhin, die Geschichte als Eins-zu-Eins-\u00dcbertragung des Autors auf die Figur Christian zu lesen. Diese schreibende Selbstvergewisserung erweist sich als journalistisches Produkt des t\u00e4glichen Bedarfs. Das Genre &#8222;Autobiografie&#8220; ist kein literarisches Genre, sondern eine Seinsweise &#8211; wer rezensiert schon gern Personen? Und wer braucht daf\u00fcr noch Literatur?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Ist &#8222;Eurotrash&#8220; auch <em>Trash <\/em>oder wie bei der sogenannten Pop-Literatur nur ein Eitikettenschwindel?<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a>KUNO hat ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>. Produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">Trash-Lyrik <\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Z\u00fcrich. Es war ganz schrecklich. Aus Nervosit\u00e4t dar\u00fcber hatte ich mich das gesamte verl\u00e4ngerte Wochenende \u00fcber so unwohl gef\u00fchlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. 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