{"id":77108,"date":"2023-09-19T00:01:56","date_gmt":"2023-09-18T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=77108"},"modified":"2022-02-25T19:54:03","modified_gmt":"2022-02-25T18:54:03","slug":"das-bronzepferd","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/19\/das-bronzepferd\/","title":{"rendered":"Das Bronzepferd"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im siebten Jahr verliebte sich Janus. Er sah das M\u00e4dchen mit den tiefblauen Augen und den langen schwarzen Haaren in der Mittagsstunde, als er auf dem Weg von der Schule nach Hause in die Gro\u00dfe Steinstra\u00dfe einbog. Schon lange war sie ihm aufgefallen, und schon einmal, als er die Akazienbl\u00e4tter rupfte, dachte er an sie und stellte sich ihre N\u00e4he vor. Er dachte, sie k\u00f6nnte nur Christa hei\u00dfen. Das M\u00e4dchen im Gro\u00dfen Steinweg spielte im Vorgarten mit Blumen, flocht eine Kette aus Gr\u00e4sern und Bl\u00fcten und band sie sich ums Handgelenk. Janus sah sie schon aus der Ferne vom Trottoir aus, es ging leicht bergauf. Er ging langsam, er war ein Tr\u00f6delkind, er beobachtete alles, was er auf dem Weg sah, die Steinplatten auf dem B\u00fcrgersteig und die Kreidebilder der Kinder darauf, das Springspiel \u201eHimmel und H\u00f6lle\u201c, oder \u201eDeutschland erkl\u00e4rt den Krieg\u201c, die weggeworfenen Dinge, die Pf\u00fctzen in den Absenkungen der gepflasterten Stra\u00dfe, den Sand in der Bordsteinrinne, die Pfeiler und Eisengitter der Vorg\u00e4rten, Hausnummern und Fassaden. Er kannte jedes Haus, jeden Eingang, jedes Auto, das da parkte. Er sah die wei\u00dfe Haut unter Christas schwarzen Haaren, wie sie ihren Kopf drehte und so tat, als s\u00e4he sie Janus nicht. Janus blieb am rostigen Gitter des Vorgartens stehen und schaute ihr zu. Nun konnte sie nicht mehr so tun, als ob sie in ihr Spiel versunken w\u00e4re. Sie kauerte auf dem Kiesweg an einem Blumenbeet. Janus sagte nichts. Er wartete, bis sie zu ihm hoch schaute. Sie lie\u00df die Blumen sanft auf den Kies fallen, erhob sich und sah ihn an. So standen sie beide eine ganze Weile. Janus fasste die Gitterst\u00e4be und versuchte seinen Kopf durchs Gitter zu stecken. Dabei rieb er sich Schl\u00e4fen und Ohren rostig. Sein Kopf passte nicht durch. Aber mit dem Gesicht war er zwischen den St\u00e4ben. Christa verlie\u00df den Kiesweg und trat auf den Rasen am Gitter. Sie lie\u00df den Blick nicht von Janus. Die Augen schauten tief in ihn hinein, und er schaute sie genauso an. Ihm wurde hei\u00df, das Blut stieg ihm in den Kopf, die Haut brannte. Er sah, wie auch Christa sich verf\u00e4rbte und das leuchtende Wei\u00df verlor. Er sah ihren Pulsschlag und f\u00fchlte ihn als den eigenen. Er hob den Kopf leicht an, damit der Mund auf der H\u00f6he ihres Mundes war. Sie umschloss mit ihren H\u00e4nden seine H\u00e4nde an den Gitterst\u00e4ben, beugte sich vor und ber\u00fchrte mit ihren Lippen seine, zuerst ganz zart, dann fester. Ihre Augen blieben ge\u00f6ffnet. Janus wusste nicht mehr, ob er noch mit offenen Augen in die blaue Tiefe schaute oder die Augen geschlossen hatte. Sie presste ihre Lippen auf seine Lippen. Sie gl\u00fchten beide. Keiner st\u00f6rte sie, keiner sah sie. Wann sie sich wieder l\u00f6sten, wussten sie nicht. Sie sprachen kein Wort. Janus fragte nicht nach ihrem Namen, er kannte ihn auch so. Er kam wieder zu sich, als er nach Hause lief. Usch war nicht da. Er schloss die T\u00fcr auf und rannte in die Vorderwohnung zu Mama Louise. Sie sah, wie rot ihr Junge bis \u00fcber beide Ohren war. \u201eWas ist denn passiert?\u201c \u201eNichts\u201c, sagte Janus. \u201eMama Louise, gib mir das Bronzepferd von Robert!\u201c \u201eWas willst du damit?\u201c \u201eIch will es nur zeigen, ich bring es gleich wieder.\u201c Sie holte das Pferd, das Robert vor dem Krieg im Turmspringen gewonnen hatte, aus dem Salon, wo es auf Carls Schreibtisch stand. Janus bekam es zur Taufe von Mama Louise, damit er an seinen Vater in Sibirien dachte; er wollte das Pferd, mit dem er nicht spielen konnte, weil es in der Gr\u00f6\u00dfe nicht zu seinen Indianern und Rittern passte, auf Carls Schreibtisch haben, denn da sa\u00df er am liebsten, wenn er las. Auch die Hausaufgaben erledigte er an Carls Schreibtisch. Mama Louise gab ihm das Pferd: \u201eEs ist sehr wertvoll.\u201c \u201eIch wei\u00df\u201c, sagte Janus, lief durch Uschs Wohnung, st\u00fcrzte die Treppe hinunter, \u00fcber den Hof auf die Stra\u00dfe, rannte zu Christa und gab ihr durch die Gitterst\u00e4be das Pferd: \u201eDas\u00a0 schenke ich dir.\u201c Sie nahm es in beide H\u00e4nde, brachte kein Wort heraus und wurde so rot wie vor einer Viertelstunde. Janus sagte auch nichts und lief \u00fcbergl\u00fccklich nach Hause. Als Usch am Abend von der B\u00fcroarbeit zur\u00fcckkam, sp\u00fcrte sie sofort, wie unruhig Janus war. \u201eWas ist nur mit dir los?\u201c, fragte sie. Janus sagte: \u201eNichts.\u201c Usch ging in die K\u00fcche, Janus zu seinen Spielsachen. Er w\u00fchlte in der Kiste und fand die Spieluhr. Er zog sie auf und sah zu, wie sich die Walze drehte und eine Melodie zum Erklingen brachte, die er mitsummte und variierte, wenn die Mechanik stillstand. Die Spieluhr wollte er Christa morgen geben. Da klingelte es an der Wohnungst\u00fcr, Usch \u00f6ffnete, und Janus h\u00f6rte, wie sie mit einer Frau sprach. Er schlich auf den langen Flur, aber da ging die Frau schon wieder und Usch schloss die Wohnungst\u00fcr. \u201eHier hast du dein Bronzepferd wieder\u201c, sagte sie ohne Vorwurf, als sie Janus im Flur stehen sah. Janus stand starr und weinte still in sich hinein. Usch nahm seinen Kopf in beide H\u00e4nde, dr\u00fcckte ihn an ihren Bauch und sagte: \u201eEs ist alles gut.\u201c Nach einer Weile f\u00fcgte sie hinzu: \u201eH\u00f6rst du, wie das Herz schl\u00e4gt?\u201c \u201eJa\u201c, sagte Janus. \u201eEs sind zwei Herzen, die du schlagen h\u00f6rst\u201c, sagte Usch. Janus schwieg, er dachte nach. Zwei Herzen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Doppelhimmel<\/strong>, Roman von Ulrich Bergmann. Free Pen, Bonn 2012<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"307\" class=\"wp-image-65047\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Doppelhimmel_Cover.jpeg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Doppelhimmel_Cover.jpeg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Doppelhimmel_Cover-195x300.jpeg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Doppelhimmel_Cover-160x246.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Janus Rippe w\u00e4chst bei Usch, seiner Mutter, und den Gro\u00dfeltern in Halle an der Saale auf. Robert, sein Vater, lebt als Kriegsgefangener in sowjetischen Straflagern und wird f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. Usch heiratet sieben Jahre sp\u00e4ter den DDR-Richter Hardy. Kurz darauf kommt Robert aus der Gefangenschaft wieder &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich Bergmann schreibt den Roman einer Kindheit im geteilten Deutschland. Es ist die Geschichte einer vom Krieg 1939-1945 verwundeten Familie. Er erz\u00e4hlt von Flucht und Trennung, und wie Janus in Bonn am Rhein eine neue Heimat findet und wie seine Kindheit endet.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Doppelhimmel<\/em> einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/02\/janus-zwischen-den-himmeln\/\">Rezensionsessay<\/a> von Holger Benkel. Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im siebten Jahr verliebte sich Janus. Er sah das M\u00e4dchen mit den tiefblauen Augen und den langen schwarzen Haaren in der Mittagsstunde, als er auf dem Weg von der Schule nach Hause in die Gro\u00dfe Steinstra\u00dfe einbog. Schon lange&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/19\/das-bronzepferd\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-77108","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77108","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77108"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77108\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100730,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77108\/revisions\/100730"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77108"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77108"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77108"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}