{"id":76901,"date":"2021-08-08T00:01:14","date_gmt":"2021-08-07T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=76901"},"modified":"2021-08-08T01:02:05","modified_gmt":"2021-08-07T23:02:05","slug":"transitverkehr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/08\/08\/transitverkehr\/","title":{"rendered":"Transitverkehr"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thors Vater hat sein Auskommen vom Umkommen andrer. Den Dackel der Reifenstuhl hatte er neulich unter der Rei\u00dfe. Wobei Rei\u00dfe was W\u00f6rtliches hat. Das alte Innenleben raus \u2013 die Seele sowieso schon fl\u00f6ten, fl\u00fcchtiges Ding; h\u00e4tte nichts zum Dran-Weiden gehabt, weil Ausweiden was f\u00fcrn Schlachtergem\u00fct und zugeh\u00f6rige Metzelfinger \u2013 aber dann, sobald &#8217;s Weiden zuend, was f\u00fcr die feinen, Finger und Gem\u00fcter, sobald der Balg am St\u00fcck gebeizt: das Stopfen und Anf\u00fcttern, als z\u00f6ge mit Werg und S\u00e4gesp\u00e4nen eine neue Seele ein, ganz der Alte, gr\u00fcne Augen hat er gehabt, nun schimmert&#8217;s aus den Tiefen vom Glasfluss, unges\u00e4umt \u00fcbern Styx (Umspannwerk Haspe, die Ennepe hatte ihr&#8217;n \u00d6lfilm aufgelegt wie ne Dirne Rouge: traf ihn der Schlag) mitten ins dralle Leben gerissen (oder: wie man was Sterblichem anzieht &#8217;s Gewand der Unsterblichkeit). Tierpr\u00e4parator also. Thors Gro\u00dfvater mit Hunde\u00f6l im Gesch\u00e4ft. Das Feuer unter den Sudkesseln gibt Thors N\u00e4chten Glanz. Selbst auf die karmesinrote Glut ist er scharf; wenn Neumond ist oder das Himmelsst\u00fcck \u00fcberm Hof nichts als Wolken, kann er sie, das Gesicht ans Barackenfenster gedr\u00fcckt, ausmachen. Die Stirn schwarz vom Quetschen. Fettige Tatze. Oleum caninum, wie ausm M\u00e4rchen, wo&#8217;s nur B\u00f6sewichte und finstres Gelichter hat, das sich gegenseitig das Fell abzieht und den Teig bis aufs dunkle Herzst\u00fcck und die blanken Knochen auskocht. Thor wischt sich die Balz mitm Glas von der Stirn \u2013 und immer ran mit der Schmierage an die Hose. Geht sowieso nicht mehr ab. Als ob&#8217;s Hunde\u00f6l \u00fcberall seine Marken setzt. Je fetter der Pudel gewachsen, desto kerniger die Erinnrung an ihn. Kleinstadtapotheker, den Kittelsaum von zweifelhafter F\u00e4rbung, Siedlungsweiber mitm Ruf irgendwas zwischen Engel der Armen und Kurpfuscherin und Land\u00e4rzte, denen die Wartezimmer dritter Klasse nicht leer werden von den Kindern, denen die Lunge unter Tage kohlraben- gewachsen ist, solche nehmen dem Gro\u00dfvater seine r\u00e4udige Medizin ab. Was \u00fcber bleibt, verschickt er von Haspe weg mit der Bahn bl\u00f6ckeweise an Seifensiedereien im Sauerland.<\/p>\n<p>Als der Gro\u00dfvater stirbt, gehn die Kessel ans Altmetall. Glockeschlagen im Treppenhaus. Die Riefe, wo der eine, der gro\u00dfe Kessel den Putz gefr\u00e4st, heute noch wie f\u00fcr Thors Finger gemacht. Legt er ein&#8217;n rein. Mittelfinger, wie zum Groll ausgestreckt. Denkt an den Schuppen: erst eine Zeitlang leer, (sagen wir:) halbsommer\u00fcber, bis dem Hauswart der Winter in&#8217;n Sinn kommt, Lager f\u00fcr Kohlen und Kohl, dann nur noch Kartoffeln, dann Schrumpfk\u00f6pfe von\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Kartoffeln, reine Schimmelwelt, ein Druck drauf1 und es weckt die Sporen: schnaufst du&#8217;s ein, bist du tot; dann weg der Bretterverschlag mit der Schwengelpumpe davor, ein Aufwasch, die Stra\u00dfenbahn zwei Querstra\u00dfen weiter glaubt ebenfalls mit an den Fortschritt, Thor hat die Schule grade geschmissen. An der Kreuzung die Gleise gleich raus, breitergelegt, drei Spuren Auto-mobil die eine, drei die andere Richtung, der Raum staunt (was die Pl\u00e4ne vom Hochbauamt ihm schon zu ahnen gaben): soviel Licht und Himmel zum Dummwerden, kann man im Leben nicht aus- und zu Ende denken; die Reifenstuhl schleift ihren Hund an der kurzgehaltenen Leine \u00fcber die kurzgeratene Ampelphase, dass sie wenigstens da mitkommt \u2013 aber Thor, Thor! will die Arme nur noch ausgestreckt, quer vom K\u00f6rper weg, wenn er die Kreuzung mit nem Zug nimmt, dass ihm schwindelt \u2013 ne, Schwindel kennt er nicht. Thor! In den Gleisstummeln steht der Regen. Der Rost gedeiht. Auf dass sie die Stadt weiter verderben. Thor tr\u00e4umt nach vorn. Der Mariannenplatz war blau &#8230; Steine, Pack, Scherben. Br\u00fcder und Schwestern. Aus dem braunget\u00fcnchten, wie zusammengeklappt wirkenden Haus von gegen\u00fcber kommt ihm einer manchmal auf der Kreuzung entgegen, da h\u00f6rt er S\u00e4tze wie Sage vom Ganzen \/ den Satz, den Bruch, \/ das geteilte Geschrei, den \/ tr\u00e4gen Ton, der Tage \/ Licht.Notizzettel im Handteller, der Asphalt leuchtet. S hat auch was mit den Br\u00fcdern und Schwestern zu tun, das sp\u00fcrt er. Sieht aus, mutet an wie einer von den Handwerkern vom Glasfenster vom Hauptbahnhof, der mit der wilderen M\u00e4hne und der Grabgabel in der Hand, auf die er sich halb st\u00fctzt, halb loslegt mit der. Als g\u00e4b&#8217;s gewaltig was zum Umgraben, hier und sofort. Das Hemd aus der Hose, auch da die Bewegung. Der andre den Kragen \u00fcberm Jackett, die Krawatte, wenn, dann zu kurz. Die Stirn vor, ins Leben geplatzt, das Kinn zur\u00fcck, als erschr\u00e4k&#8217;s dar\u00fcber, Angriff und R\u00fcckzug zugleich. Der Geist \u00fcberm Kleingeist. Schwebend. Am End&#8216;, sagt der Kleingeist, ersaufen eh alle im selben Wasser, was tust du so hochgereckt? So einer br\u00e4ucht&#8216; einen Spaten. Zum Ausmisten. Zum Totewecken. Thor spricht ihn an. Die Fu\u00dfg\u00e4ngerampel dreht auf Rot. Der Verkehr rei\u00dft sich los. Sie auf der Mittelinsel, Gestrandete, zwanglos frei. Die Beine im Schlick, doch Luft zum Atmen genug. \u201eNussschale\u201c, sagt der mit dem Glanz auf der Stirn und deutet auf den wei\u00dfwarnenden Randstein. Pass auf! &#8230; so viele Bullen waren da &#8230; Er sagt: \u201eIch hab noch einen. Einen Chemigrafen. Er hat eine Vision, er hat Bilder gesehen, demonstrierende Arbeiter mit Transparenten. Er schreibt davon und schickt mir das, was er schreibt.\u201c Thor z\u00f6gert. \u201eHier ist es nicht so\u201c, sagt Thor. \u201eHier?\u201c Der mit der Stirn macht eine Bewegung, die die ganze Kreuzung einschlie\u00dft. \u201eDas mit den Visionen\u201c, sagt Thor. \u201eNicht hier und nicht da\u201c, sagte der andre und winkt hinter sich mit dem Finger. \u201eTod immer.\u201c Thor denkt, er zitiert was, das jemand geschrieben hat. Wom\u00f6glich er selbst. \u201eKlingt wie&#8217;n\u00a0<\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">1 \u201edrauf\u201c evtl. streichen\u00a0<\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Spaten\u201c, sagt Thor. \u201eAber keiner, der Gr\u00e4ber aushebt. Einer der nach dem Leben sticht, Blatt um Blatt. Sch\u00f6ne gl\u00e4nzende Schnitte.\u201c Der andre nickt, kaum dass Thor &#8217;s merkt. Die Ampel schaltet zum dritten, zum vierten Mal auf Gr\u00fcn. \u201eMeister\u201c, sagt der mit dem Spaten im Kopf, \u201eErnst Meister\u201c \u2013 und weist auf das Haus mit der T\u00fcnche, die es versteckt. \u201eKomm r\u00fcber \u2013\u201c, er wartet \u2013 \u201eThor\u201c, sagt Thor, als er spannt, dass da einer die Hand hinh\u00e4lt, ob er sich offenbare \u2013 er geht los, h\u00e4lt inne, kippt den Kopf mit dem Wind, sagt dem bereits Gehenden, Meister, in den R\u00fccken: \u201eIch komm&#8216;.&#8220;<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Thor kommt. Erst einmal, sp\u00e4ter mehrmals die Woche. Er liest Gedichte von Meister. Er liest, was der Chemigraf schreibt, Nicolas. Frischer, gleichwohl stachliger Trieb auf der Schutthalde der auf jung und unschuldig geschminkten Republik: Born. Zum Erquicken. \u201eErsticken\u201c, sagt Nicolas, \u201esollen sie.\u201c Lacht. Thor mit der abgebrochenen Schule. Meister versteht ihn. Er hasst seine Arbeit in der v\u00e4terlichen Firma \u2013 und hat keinen Ausweg. Er sagt nicht: Lern etwas. Hat es ihm etwas gen\u00fctzt? Sie sprechen \u00fcber den Kleinmut der Menschen, die Trostlosigkeit ihrer Verrichtungen, womit sie die Herzen auszehren und tr\u00e4ge machen. Diese Unwirtlichkeit, diese Hitze, die nicht w\u00e4rmt, in der sich Leute f\u00fcr Geld vernichten, schreibt Born. Meister sagt, wenn das Leben kein Ende h\u00e4tte, wenn der Tod nicht w\u00e4re, w\u00fcrde der Mensch sich trauen; er w\u00fcrde aus seinen Fehltritten lernen (er sagt solche W\u00f6rter, sagt: Grimm, Bitterkeit, Missgunst: Brutst\u00e4tten und Keime der Abwege, die man dann freilich nicht mehr so nennen k\u00f6nne, \u2013 aber nicht streng, unbarmherzig, sondern wie&#8217;n l\u00e4ssliches, kaum ernst zu nehmendes Ding sagte er das), seine Verfehlungen st\u00fcnden ihm nicht wie ein Druck im R\u00fccken, den man nur loswird, indem man sich nicht mehr umdreht und so tut, als w\u00e4r&#8217;s nicht geschehn, \u2013 sondern (er liest ab, ein hektographierter Zettel) die unbegrenzte Zeit g\u00e4be einem unbegrenzten Mut \u2013 die Schw\u00e4chen, die Unzul\u00e4nglichkeiten, man k\u00f6nnte sich umschaun, sich selbst ins alte, ewig junge Gesicht, und dann w\u00e4r&#8217;s soweit f\u00fcr den zweiten, den wievielten Anlauf. Misslingen w\u00e4re nur das Tor zu neuem Mut. Thor dr\u00fcckt derweil mit dem groben Pinsel ein schwarzes Rund aufs Papier, nach oben, zur Seite hin l\u00e4sst er es offen, der gut daumenbreite, satte Strich franst an den zueinandergestellten Enden aus. Auf dem Sofa knetet das M\u00e4dchen seine Puppe. Seine Haare lassen den Vater ahnen: ungest\u00fcm, schwer, seitlich gescheitelt, ein Zug nach unten. Der Bub mit den Malkreiden kennt nur sein Blatt. Der Gro\u00dfe erkundet auf einem Bogen, der den Beistelltisch \u00fcberlappt, Raufaserschnitt, glattgek\u00f6pft, eine Welt aus Trichtern und konischen Gebilden, welche H\u00f6hlen und Himmel belauschen. Thor denkt an die berittenen Polizisten, denen er \u2013 die Schalmeienz\u00fcge waren eben durch, die gest\u00e4rkten Westen, die gl\u00e4nzenden Messingkn\u00f6pfe, die Gesichter, die vom wiedereingefundenen Sonntagsbraten sich bereits andeutungsweise spannten, manche schon feist \u2013 an der Gruga, um eine Stra\u00dfenbreite getrennt,\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">gegen\u00fcberstand, die Grundschule durch, er in der Lederb\u00fcchse, die Oberschenkel knapp bedeckt, die Puschen, deren Riemen die Sohle ans nackte Fu\u00dfgew\u00f6lbe presste, dass aus Holz und Schwei\u00df sich eine grade so ausgehaltene N\u00e4he ergab, obendrein eine fast wolll\u00fcstige Vorform von Schmerz \u2013 selbiger von den Berittenen (in den steifen Klepperm\u00e4nteln wie zur kommenden Liturgie auserkoren) auf die Menge der jungen Leute \u00fcberging \u2013 mittels Holz- und Gummikn\u00fcppeln, Thors Augen schnappten und kamen nicht los: eine Haarstr\u00e4hne, die sich mit Blut auf der Schl\u00e4fe paarte, frisch wie zum Lecken, ein schwarz aufgerissener Mund mit dem Laut des allgemeinen Gejohls und Geschreis, ein Mund, dem die Heftnadeln in den Lippen zu stecken schienen, H\u00e4nde, die an einem Kleppermantel rei\u00dfen, und der Reiter bekommt eine Unwucht, das Tschako segelt plump ins Gew\u00fchl, dann eine Welle zur\u00fcck, als eine ausscherende Staffel die Menge abdr\u00e4ngt, zwei Gr\u00fcnuniformierte treiben&#8217;s \u00fcber einem bereits zu Boden Gestreckten mit h\u00e4rteren Bandagen, einen schleifen sie, willf\u00e4hrig seine Glieder, kein Mucks, in den Windschatten ihrer Verrichtungen, \u2013 und erst, als die Fronten die Quartiere ihrer verlorenen Unschuld beziehn, dort das verwilderte Pack, da die ordnende Hand, kommt die Staatsmacht wieder ins Nahgebiet ihres Begreifens, einen in der Z\u00e4surhaftigkeit langen Moment h\u00e4lt die Ruhe, von Kehllauten und Pfiffen gesalzt, das Zepter hoch, \u00fcberblickt das Gew\u00fchl, das sich inwendig abm\u00fcht, tausendf\u00fc\u00dflerhaft, bis \u2013 er h\u00f6rt eine Fliegenklatsche sausen \u2013 ein Schuss f\u00e4llt, Thors Herz eine Doppelsystole hinlegt und seine Puschen das Pflaster abklatschen. Das Gekreisch, das ihm im und \u00fcber dem Nacken h\u00e4ngt, gilt \u2013 er wehrt sich gegen das Schrein in seinem Kopf, das ihn drei H\u00e4userbl\u00f6cke weit, kreuz und quer steinigt, bis er sich hechelnd mit Oberk\u00f6rpergewicht und immer noch, von dem Muskeldrang her, Schwung holenden Armen gegen die Knie stemmt \u2013 nicht ihm. Am n\u00e4chsten Tag liest er: In Abwehr offener Widersetzlichkeit polizeilich erschossen: Philipp M\u00fcller. Aus der H\u00fcfte schiebt Meister den Pinsel, ein St\u00f6ckchen in seiner fleischigen Hand, an den blauen und gelben Lineaturen entlang, gr\u00f6\u00dftm\u00f6glich abst\u00e4ndig, die genoppte Strickweste h\u00e4lt seine (m\u00fchsam \u2013 wohin? und wof\u00fcr?) aufgesparte Kraft in Zaum. Dann gibt er nach; sitzt, l\u00e4ssig und beinah elegant, im Sessel, der Pinsel Stab eines Dirigenten, der die Musik vom Blatt weg erzwingt. \u201eFolgt etwas daraus?\u201c, fragt ihn Meister. Thor schiebt sich die Finger in die Ohren, um das Geschrei loszuwerden. Er zieht einen weniger harten, weniger deutlichen Strich quer durch und an dem geschlossnen Segment auch ein St\u00fcck weit \u00fcber den Kreis, von links unten in Richtung der rechten oberen \u00d6ffnung. Die letzte kurze Strecke wieder mit Nachdruck. \u201eFolgt was?\u201c, wiederholt Thor. \u201eNichts folgt\u201c, sagt Meister. \u201eMan h\u00e4lt still.\u201c Er stippt den Finger auf den Boden der Zigarettenschachtel, das R\u00f6llchen schl\u00fcpft. \u201eIch m\u00f6cht&#8216; nur den ungeborenen Kindern in die Augen blicken k\u00f6nnen\u201c, sagte er unvermittelt. \u201eDas Leben ist so erb\u00e4rmlich\u00a0<\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">kurz und finster. Die Welt muss eine andere werden!\u201c Er l\u00e4sst das Feuerzeug schnappen. Thor l\u00e4sst die Daumenkuppe unter den Versen entlanggleiten: Und ich wollt doch \/ das Auge nicht missen \/ entlang den Geschlechtern nach uns. \u201eIn Klammern gesetzt\u201c, sagt Meister ruhig, \u201eweil&#8217;s sonst zu weh tut.\u201c Thor schmei\u00dft seine Zigarette \u00fcber den Tisch. \u201eIch will das Leben nicht in Klammern setzen\u201c, f\u00e4hrt er auf. Steht pl\u00f6tzlich \u00fcbergro\u00df im engen Wohnzimmer. Papier, Graphitstifte, die N\u00e4pfchen mit Farben, der seiner N\u00e4pfchen beraubte Blechkasten, das Wasserglas zwingen den hochgekurbelten Tisch in die Beine \u2013 beinah, denkt Thor. Noch ein Schrei meinerseits oder von Seiten der Welt, und&#8217;s kracht. Meister schickt die Kinder nach drau\u00dfen. \u201eIch auch nicht\u201c, sagt er leise und steckt zwei N\u00e4pfchen auf ihren Steg im Kastengrund. \u201eIch will nichts verraten\u201c, presst er, w\u00e4hrend er weitere N\u00e4pfchen einrasten l\u00e4sst. Fahr fort, denkt Thor und st\u00f6\u00dft Meister sacht am Ellenbogen an. Wie einen Pinsel, der sich in Zeichen und Farbe offenbaren soll. \u201eNicht gewusst &#8230;\u201c, sagt Meister, und Thor merkt, dass er Anlauf nimmt \u2013 \u201eNicht gewusst\u201c, wiederholt Thor wie zum Anschub \u2013 \u201eNicht gewusst &#8230;\u201c, Meister sch\u00f6pft Atem, als w\u00e4r&#8217;s unm\u00f6glich, nicht zu ersticken; l\u00e4sst dem Zigarettenrauch seinen Lauf, eine bl\u00e4uliche Helix steht in der Luft, \u201e&#8230; dass mir Liebe geweissagt war aus der Liebe.\u201c Thor steckt ein N\u00e4pfchen neben Meisters letzte paar ein, zieht dessen massigen Leib n\u00e4her, bis sich die beiden in ein paar gemeinsamen Punkten, flachen Stellen, ber\u00fchrn. Br\u00fcder und Br\u00fcder und Schwestern und Schwestern, denkt Thor. Los.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 5\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Thor lernt Schriftsetzer. Thor geht nach Berlin. Meister hat ihm den Schl\u00fcssel f\u00fcr seine Hagener Wohnung in die Hand gelegt. Der Grat von den Bartzinken gl\u00e4nzt silbrig scharf. Wenn er wiederkommt, kann er aufsperren, ohne zu l\u00e4uten. Die Kinder schlafen vielleicht. Die Frau hat mit einer Radierplatte im \u00c4tzbad zu tun. Thor ballt die Faust \u00fcberm Metall. Thor wohnt m\u00f6bliert, Dienstbotenkammer mit Badmitbenutzung am Freitag und Klo auf dem Halbstock. Er fertigt Flugbl\u00e4tter f\u00fcr ein Druckereikollektiv. Als die Witwe eines Freitagmorgens, ungebadet, der Boiler kocht gerade hoch, stirbt, schlie\u00dft er sich Hausbesetzern in der Taborstra\u00dfe an, ein ausgesacktes St\u00fcck Blinddarm Kreuzbergs, das in den Osten schw\u00e4rt. Die weiten, von halben Baumleichen bestandenen Stra\u00dfen, die St\u00e4mme wie Bleistifte d\u00fcnn, menschenleer und von einer D\u00fcsternis, die jeder neu aufgest\u00e4nderten Stadtautobahn dr\u00fcben im Westen, jedem Planierraupenvorschub, jedem Amalgam aus Baustahl und Beton spottet. Nachts geht Thor mit der Taschenlampe aus dem Haus, um den Weg nicht zu verliern, im Winter schon am fr\u00fchen Nachmittag. Die Trottoirs hei\u00dfen ihn mit Stolpersteinen willkommen. Sein Eiland tr\u00e4gt ein Gesicht aus Abwehr. Er macht sich&#8217;s warm. Er verputzt W\u00e4nde und legt Abwasserrohre. Er heizt den Badeofen mit kleingehacktem Bauholz, den seine Eltern in die Kiesgrube gekippt haben samt Chaiselongue vom Gro\u00dfvater. Er teilt, doch das Wort Kommunismus schreibt er mit\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">gemischten Gef\u00fchlen (und setzt&#8217;s in Fraktur). Heute kein Brot \u2013 morgen rot \u2013 wer glaubt das noch? Es gibt Brot und Torte. Mit Nicolas f\u00e4hrt er nach Adlershof. Der Kohlerauch auf der andren Spreeseite beizt Z\u00e4hne und Glasscheiben gelb; der Trambahnwagen, der sie zur Wohnung der Dichterin bringt \u2013 ein Rekowagen gelinder Alptr\u00e4ume: als h\u00e4tt&#8216; man ein Armeleut&#8216;-Paradies aus umgekommner Hoffnung, Knauser und Notzucht rekonstruiert. Das Laub in verbackenen Fladen und raunzigen Halden, Besen: Saisonartikel f\u00fcr den Sommer, der am Ende der Kohlezeit wiederkehrn mag. Seghers spricht, als lebten Ulbricht und Stalin noch. Der Sombrero auf dem Schreibtisch (Mexiko, sagt sie) so unwirklich, als h\u00e4tte sie ihn selbst aus dem mit unbedingtem Aufbauwillen gedroschenen Stroh des Arbeiter- und Bauernstaates geflochten. Das B\u00fcgeleisen zum Pl\u00e4tten harrt hinter dem Vorhang vom Ausgusstisch. Sie betet die Litaneien sozialistischer Schriftsteller. Die der willigen. Die andere ist Stalins Kirchenreform zum Opfer gefallen: subversive T\u00e4tigkeiten, Konspiration mit dem Westen, Landesverrat. Wer bereute, wanderte trotzdem in Zuchthaus und Steinbruch. \u201eArnold Zweig\u201c, sagt Thor, und sie reagiert nicht. \u201eErich Arendt\u201c, sagt Nicolas, und sie blickt auf das Aquarell, das den Stierk\u00e4mpfer zeigt, im Begriff, den Speer dem zum letzten Mal schwer entgegenbockenden Tier in den Nacken zu treiben. Darunter steht: Augenblick der Wahrheit. \u201eHanns Eisler, Erwin Strittmatter\u201c, sagt Thor und die Dichterin sagt: \u201eNeruda und Laxness waren da.\u201c Sie dreht ein Hufeisen in den H\u00e4nden, legt es neben der hochbr\u00fcstigen Schreibmaschine ab. Brechts Arbeitsjournale von einer schwarzen Madonna erdr\u00fcckt. \u201eBesch\u00fctzerin der Seeleute\u201c, sagt die Seghers, und Thor tritt auf den Kastenbalkon, nippt vom schwefligen Dunst und fragt, von innen geduckt: \u201eWelches Meer? Wollte Brecht nicht, dass die Regierung sich ein neues Volk w\u00e4hlt? \u00dcber welchen Ozean will man das herschippern?\u201c Die Seghers bittet ihn auf das braune Velours des Sofas zum Kaffee. Nicolas krampft dort schon. Thor muss sich b\u00fccken, so tief ist der Tisch. Das Steinzeug schabt. Thor h\u00f6rt&#8217;s scharren. Mit welchen Hufen? So geht das also, denkt er sich. Dein Ozean hei\u00dft Treue. Deine Zuversicht wiegt so schwer wie das Hufeisen. Sag schon: jenseits der stapelgehefteten Mustererz\u00e4hlungen, die&#8217;s den Recht- und Linksgl\u00e4ubigen predigen und den Bigotten noch einmal von vorn, von der Genesis her buchstabieren, gibt\u2019s da Sprache? Oder nur offene M\u00fcnder und nichts als Seufzer der Anbetung? Zungenloser Lobpreis? Solcher Lall. Wer braucht Schulmeister? Woher die Gewissheit, wer Freund und wer Feind ist? Der Kachelofen gl\u00fcht zum Kakteenk\u00f6pfen. Von der Kehrseite her mit Schweigen beschlagen, denkt Thor. Die Seghers r\u00fcckt den Flechtschuh am \u00dcberseezwirn daran zurecht. Gl\u00fch uns was vor von Mexikos Hitze!, denkt er sich. Dein lauer Kaffee als \u00dcbungsweg. Dauerausnahmezustand des Mittelma\u00dfes. \u00dcberall alarmiert. Diese Unwirtlichkeit, diese Hitze, die nicht w\u00e4rmt. Wieviel Bet\u00f6rtheit, wieviel Verrat an sich selbst<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 7\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>braucht es, um soviel Hitze auszuhalten? Wieviel Ergebenheitsadressen, wieviel Bleiwesten in ihrem kalten Glanz, die Organe der Empfindsamkeit zu sch\u00fctzen? Zum Abschied zieht die Seghers einen Sonderdruck ihrer fr\u00fchen Erz\u00e4hlungen aus dem Flurregal. Das Tapirfig\u00fcrchen davor r\u00fcckt sie behutsam zur Seite und schiebt es dann wieder zur\u00fcck. Nicolas nimmt eine Giraffe mit halbgestutztem Bein vom Brett. Bringt ein Fabelwesen, irgendwas zwischen Hirsch und Elch (keins von beidem, sagt die Seghers), aus dem Geviert seiner staubfreien Schonung. Die Seghers setzt beide zur\u00fcck. \u201eDie m\u00f6gen&#8217;s gern ungest\u00f6rt\u201c, sagt sie. Thor denkt nur: Finger weg von den B\u00fcchern! Haltet still! Er z\u00e4hlt: einen lapislazuliblau glasierten Frosch, einen gr\u00fcn patinierten Gusseisenfrosch, einen aus Messing. Macht drei. Die Seghers hat ihnen (und den Fr\u00f6schen schon lange nicht mehr) kein Wasser angeboten. Zuletzt zeigt Thor noch auf eine Pappscheibe voller Zahlenkolonnen, in Jahresringen von innen nach au\u00dfen gedruckt, ein Zeiger, mit einer Drahtklammer im Mittelloch angeheftet, l\u00e4sst sich verstellen. \u201eMeine Kalorientabelle\u201c, sagt die Seghers. Kann man Angst messen?, denkt Thor. Als die Seghers die Tabelle an den Nagel zur\u00fcckh\u00e4ngt, greift Thors linke Hand nach dem Wohnungsschl\u00fcssel f\u00fcr ungebetene G\u00e4ste. Die Seghers stellt den Zeiger auf Brot. Thors Hand schiebt sich locker in den Hosensack. Die rechte sagt der Dichterin tonlos Worte des Abschieds, der Mund redet zahm. Ich komme wieder, denkt Thor. Deine Kalorientabelle fetz&#8216; ich auf Durchmarsch.<\/p>\n<p>Wann ist es soweit, zu schrein? Das Land richtet sich ein. Nicolas zieht ins Wendland. Beruf: Dichter der erdabgewandten Seite, dem Menschen allein zugewandt. Der Atomm\u00fcll bekommt seine eigene Grabstelle, eine Familiengruft, offen f\u00fcr Zuwachs. Gorleben soll auf dem salzigen Stein stehn. Auf dass Generationen von Schafen sich die Zungen wund lecken daran und das Blut arm und wei\u00df wird davon. Welche Proteste pissen dem B\u00fcrger ans Bein? Wieviele Kn\u00fcppel helfen dem Aufschwung? Welche Randalierer ritzen das wohlanst\u00e4ndige Tuch? F\u00fcr alle wird\u2019s reichen. Noch zwei, drei Jahrzehnte buckeln, aber dann! Das Leben nimmt Fahrt auf, Beschleunigungsstreifen linker- und rechterhand, doppelt gespurt. Morgen ist Zukunft. Die Geschichte kommt an ihr Ende. Standstreifen, Parkbucht, Tief- und Hochgaragen, Aufz\u00fcge automatisch. F\u00fcr jeden ein Pl\u00e4tzchen. Noch sind die Bruchstellen zu sehn: Am genauesten sieht man sie wenn der Zug \/ langsam entlangf\u00e4hrt an den R\u00fcckseiten der St\u00e4dte \/ Lagerhallen H\u00f6fe, die Kehrseite der W\u00e4sche \/ und der Blumenfenster \u2013 schreibt der Dichter der erdabgewandten Seite der Geschichte. Am 15. Juni 1979 stirbt Meister, am 7. Dezember Nicolas. Vier Jahre sp\u00e4ter, im Juni, wie Meister, doch zwei Wochen fr\u00fcher, die Seghers. Thor ist noch keine vierzig Jahre alt, als er das letzte Mal den Schl\u00fcssel ins Schloss der Hagener Wohnungst\u00fcr steckt. Meisters Kinder sind gro\u00df geworden, ob aufgewacht, wei\u00df Thor nicht,\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">doch er tut gut daran, es zu vermuten. Er braucht sie nicht zu wecken. Der Vater hat mit ihnen Verse und das Brot der geheimen Zeichen geteilt, sie k\u00f6nnen lesen. Die beiden \u00e4ltesten sind in Nicolas&#8216; Alter, als dieser den letzten Hopser in Richtung Staub tut. Thor \u00fcbernimmt einen Teil seines Hofs. Thor pflanzt B\u00e4ume und w\u00e4ssert Gem\u00fcse. Er stopft seins und andere hungrige M\u00e4uler. Er druckt die Gedichte seiner Freunde. Er schreibt von der menschenzugewandten Seite des Menschen und druckt auch das. Er leckt sich die Zunge blutig daran. Thors Gro\u00dfvater hat Hunde\u00f6l gekocht, sein Vater Kadavern den Anschein des Lebens verliehen: wie echt. Thor will es roh und wund.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 8\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>An Nicolas&#8216; Todestag, die Seghers ist kein halbes Jahr unter der Erde, f\u00e4hrt er nach Ostberlin. Die unter der Moos- und Algendecke s\u00fc\u00dflich verrottende Halbtonne des Bahnhofs Friedrichstra\u00dfe passiert er im D\u00e4mmer. Bekannte b\u00fcrgen f\u00fcr ihn. Zweitagesvisum. Die S-Bahn nach Sch\u00f6nefeld nimmt das Ostkreuz im tiefergelegten Gleisbogen, er k\u00f6nnte dahertrotten neben dem Schreihals; Kreischen ins Knochenmark. Die Pneumatik der T\u00fcren ruft kein pneuma, keinen Heiligen Geist wach. Die Zangengriffe knallen aufs Holz zur\u00fcck. Der Gummiduft w\u00e4rmt, ein Kumpel aus Kinderzeit. Er passt eine \u00e4ltere Frau ab, die ihr Taschengespann vor dem Eingang der Hausnummer 81 abstellt und erst Kellert\u00fcr, dann Kellerverschlag aufklinkt. Der Schl\u00fcssel gleitet ins Schloss. Rechts die B\u00fccherregale, Papier, das die S\u00e4ure m\u00fcrb frisst. Ein Angru\u00df k\u00fcnstlicher Vanille. Thor zieht das T\u00fcrblatt an den Rahmen, es tut einen Ruck und Riegel und Kasten sind satt. Der Drehknopf vom Licht schmatzt, zweimal, ein j\u00e4hes Aufrei\u00dfen des Tempelvorhangs, dann nur noch ein Knistern von den Flammen des Heiligtums und kurz mit Blindheit geschlagen. Sonst schmerzt nichts. Thor hangelt sich an den Regalen entlang. Er h\u00f6rt eine aus einer Schulklasse nach der Kalorientabelle fragen. Die Leiterin der Gedenkst\u00e4tte gibt beflissen Auskunft: Die Seghers und ihr Gewicht! Der Zeiger steht jetzt auf Eier. Brot mit Ei, Vorbote der himmlischen Speisen, Seghers&#8216; letzte Mahlzeit. Thor l\u00e4sst sich ins schmiegsame Velours des Sofas fallen. Feine Cordrippen sind dabei, seine Finger fahren dar\u00fcber. Cordvelours. Gibt es das? Nach einer Weile, das orangefarbene Peitschenlicht wirft es durchs Ast- und Zweigwerk in den Raum, als k\u00e4me kein morgen, knipst Thor das Kastenradio an. Der Drucktaster rastet ein. Das arktische Hintergrundleuchten der Skala erwacht. Ein Gardeltango kommt hoch. Thor regelt die Lautst\u00e4rke ab. Gerade so, dass er den S\u00e4nger des hochgepuschten Schmerzes h\u00f6rt, wenn er sich nicht regt. Als Seghers Verleger Walter Janka 1957 der Schauprozess gemacht wird: Konspiration, Landesverrat \u2013 die b\u00f6se verstimmte Leier, Beweise zur\u00fcckgehalten oder gef\u00e4lscht, sitzt die Dichterin auf den Zuschauerpl\u00e4tzen und kneift hart den Mund zu. Welches Totemtierchen steht davor Wache? Welcher Frosch trocknet aus? F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, Janka\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">kommt frei, auf den Beinen zwar, innerlich indes von anderer Welt: bodenlos gest\u00fcrzt oder niedergerungen, sie kann ihren Mund nicht halten (ist es Notwehr, ist es Zynismus angesichts des Flickwerks und Abgrunds ihrer unwahr gewordenen Jugendtr\u00e4ume \u2013 knapp vorm Eingest\u00e4ndnis, ist es ein Biss, der ihr selber gilt?): Ich bin der Meinung, dass du jetzt eine Ausbildung an der Parteihochschule absolvieren solltest! Janka schreibt das Drehbuch zu Seghers Roman Die Toten bleiben jung \u2013 hat er sich so sehr im Tollhaus gef\u00fchlt? Jung \u2013 und doch tot? Thor ruckt hoch, Gardels Stimme schmilzt in den \u00c4ther. Warum bringt das Radio nicht st\u00fcndlich Nachrichten aus der Welt der sch\u00f6nen, guten und wahren K\u00fcnste? L\u00e4sst die L\u00fcgner vor den abgeschalteten Mikrofonen reden, bis sie heiser sind? Erz\u00e4hlt den Ringen des Saturn von euren Atombunkern und Wasserstoffbomben! Von den Startcodes f\u00fcr eure Raketen! Von euren Gl\u00fccksmomenten im Bleiglanz der Druckbeh\u00e4lter! Zimmermanns neue Oper geborn. Dichter reimen f\u00fcr den Weltfrieden. Teach-in der Versschmiede. Liveschaltung zum Woodstock der Einf\u00e4ltigen und Arglosen. Thor wischt sich den Tapir in die hohle, aufgehaltene Hand. Kassiert den ersten Frosch. L\u00e4sst die Schneckengeh\u00e4use aus Mexiko in der Hosentasche gegeneinanderklirren, eins pr\u00e4chtiger und vielfarbiger ge\u00e4dert als das andere. Der Hirsch und der Elch, die Porzellanpilze und rohen Tonfl\u00e4schchen, das Nilpferd im Niedrigbrand sacken in den Beutel. Er greift sich die Bleistiftstummel, die auf dem Schreibtisch bereit liegen wie die Abgeordneten des Schriftstellerverbandes der gesamtsozialistischen Republiken, Reih und Glied, dicht geschlossen. Er horcht, ob die B\u00fccher ihrer Befreiung bereits gewahr werden. Dort raschelt es, da klaffen zwei Buchdeckel auf, zeigt sich ein Spaltbreit Luft zwischen den Seiten. Der Schund schweigt, er hat schon lange nichts mehr zu sagen. Andere werden lauter. Brecht macht Vorschl\u00e4ge; passt auf! Nehmt sie nicht vorschnell an. Das Wirrwarr h\u00f6hnt. Thor setzt sich an den niederen Beitisch, horcht nur noch halb, dann viertel hin, nimmt die Haube von der Schreibmaschine, zieht die oberste Schublade auf, fasriges Normpapier, er spannt einen Bogen ein, dreht in die Mitte, das Farbband schl\u00e4gt an: Hier, \/ gekr\u00fcmmt \/ zwischen zwei Nichtsen, \/ &#8230; \u2013 eine dritte Stimme legt sich \u00fcber Gardels Jammer- und Lobgesang und Meisters Stimme, Nicolas seine: Libuda (Thor, denkt Thor) erreicht das offene Land. Libuda (Thor, denkt er wieder) hat, wie eine Kinderkrankheit, die Stadt hinter sich. Er wird antworten: Ich bin nur durchgefahren. \u2013 Er tippt die letzten drei Worte. Morgen wird jemand sie lesen. Die T\u00fcr schnappt ins Schloss. Die Kreuzungen sind gefegt. Niemand kommt ihm entgegen. Er blickt sich um. Die Fenster von Seghers Wohnung stehn offen. Die schwarze Madonna sitzt auf dem Klodeckel, ihr Zugang zum Meer. Auf Durchreise auch sie. Von der S-Bahn der Sington der Drehstrommotoren. Transitverkehr. Hier, \/ gekr\u00fcmmt \/ zwischen zwei Nichtsen, \/ sage ich Liebe.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><span id=\"productTitle\" class=\"a-size-extra-large\"><strong>Volk der Freien<\/strong>, von Bernd Marcel Gonner. <span class=\"publisherprop\">KILLROY media<\/span>, 2021<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76906 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-665x1024.jpg 665w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-768x1183.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-560x863.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-260x401.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-160x247.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k.jpg 786w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a>Geschichten von Grenzg\u00e4ngern und Grenzg\u00e4ngen allesamt. Im Berlin der Weimarer Republik taumeln Gustav Regler und Ernst Bloch durch den Vorschein ihrer Utopien \u2013 scheinbar mit H\u00e4nden zu greifen, doch Worte wiegen ihnen mehr \u2013, und blicken zugleich in die Fratzen der alten und der heraufkommenden Zeit, Anna Seghers verbarrikadiert sich im Ost-Berlin der 70er-Jahre, w\u00e4hrend Nicolas Born sich vom Mauern der BRD ab- und dem Menschen allein zuwendet, Ernst Meister m\u00f6chte in einem Staat, der wieder mit Gummikn\u00fcppeln seine Sachen zu ordnen beginnt, noch den ungeborenen Kindern in die Augen sehen k\u00f6nnen, Jaro sehnt sich im Berlin der knappen Nachwende nach der Tag- und Nachtgleiche der Liebenden, statt nach der einen schnellen Liebesnacht \u2013 und vorbei \u2013, eingeklemmt zwischen einem fallenden und einem auf dessen Tr\u00fcmmern trampelnden Staat, in den Ruinen Leipzigs (dystopisch gedacht m\u00f6glicherweise) richten junge Aussteiger und Anarchisten einen subversiven Laden zur Aufkl\u00e4rung von Kindern ein, um diese aus den Zw\u00e4ngen des Systems zu holen, in einem abgerockten Europa mit Epizentren in den gro\u00dfen St\u00e4dten wie in den hintersten Winkeln der L\u00e4nder suchen allerlei Heranwachsende, im Gep\u00e4ck wenig mehr als hei\u00dfen Kopf, Herz und Hand, nach Gef\u00e4hrten, mit denen sie ein neues Wechselspiel zwischen Denken und Verh\u00e4ltnissen buchstabieren und aufbauen lernen k\u00f6nnen \u2013 Jano\u0161, Lena, Karl und Paul zum Beispiel sind ihre Namen und wieder Karl und Paul, Wiederg\u00e4nger wie die Geschicht(en). Geschichten davon, wie der Mensch das Gef\u00fcge von \u201eoben\u201c und \u201eunten\u201c ins Werk gesetzt hat: das von Bevormundung und Duckm\u00e4usertum, das ihm wie eine zweite Haut anh\u00e4ngt \u2013, und was es hei\u00dft zu brennen: f\u00fcr die Sache des aufrechten Gangs und des \u201eKeine Macht f\u00fcr niemand\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Thors Vater hat sein Auskommen vom Umkommen andrer. Den Dackel der Reifenstuhl hatte er neulich unter der Rei\u00dfe. Wobei Rei\u00dfe was W\u00f6rtliches hat. Das alte Innenleben raus \u2013 die Seele sowieso schon fl\u00f6ten, fl\u00fcchtiges Ding; h\u00e4tte nichts zum Dran-Weiden&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/08\/08\/transitverkehr\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":214,"featured_media":76906,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2619],"class_list":["post-76901","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-bernd-marcel-gonner"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/214"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=76901"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76901\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=76901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=76901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=76901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}