{"id":76787,"date":"2023-12-07T00:01:54","date_gmt":"2023-12-06T23:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=76787"},"modified":"2022-02-26T13:34:50","modified_gmt":"2022-02-26T12:34:50","slug":"bei-guy-de-maupassant","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/07\/bei-guy-de-maupassant\/","title":{"rendered":"Bei Guy de Maupassant"},"content":{"rendered":"<p class=\"tre01\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Eine Phantasie<\/span><\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Dir allein will ich mein interessantestes Geheimnis anvertrauen, aber du mu\u00dft dies als meine Beichte betrachten und bewahren wie ein Amtsgeheimnis.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Paris!<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Ich stand an den T\u00fcrpfeiler eines Magazins gelehnt und weinte, als wolle ich mich in Tr\u00e4nen aufl\u00f6sen. Am Himmel standen schwarze Gewitterwolken, und der Boulevard war nicht allzu \u00fcberf\u00fcllt von Spazierg\u00e4ngern; aber auch unter den wenigen Menschen, die mich erstaunt betrachteten, litt ich uns\u00e4glich. O, petite, o, was fehlt Ihnen, Mademoiselle? Sehen Sie doch, Madame, wie bla\u00df die Kleine aussieht, und die gro\u00dfen Augen.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Ich war damals ungef\u00e4hr sechzehn Jahre alt, und noch in best\u00e4ndigem Kontakt mit meinem Gotte. Ich bildete mir n\u00e4mlich ein, da\u00df, als pl\u00f6tzlich ein furchtbarer Donnerschlag erdr\u00f6hnte, der liebe Herrgott aus besonderer Freundschaft zu mir es gewittern lie\u00dfe, \u00fcber den Menschen, inmitten derer ich litt. Die auff\u00e4llige Kritik \u00fcber meine Person, die sich in diesem lauten Bedauern aussprach, entfachte auch schlie\u00dflich meinen Zorn. So glaubte ich, da\u00df die zwei Passanten, die pl\u00f6tzlich vor mir haltmachten, kein anderes Motiv leitete, als die Lust zur Neckerei. Namentlich erbitterte es mich, da der hell\u00e4ugige der beiden seinem Begleiter zurief: \u00bbMon cher, sehen Sie doch einmal den kleinen Teufel!\u00ab Der gro\u00dfe Herr runzelte die Stirn, dabei murmelte er ein paar leichte Worte; ich verstand sie wohl, aber ich m\u00f6chte sie im Interesse meiner Person lieber verschweigen; wieder fielen gro\u00dfe Regentropfen aus meinen Augen, dann meinte der dunkle Herr in milderem Ton: \u00bbEs handelt sich hier wieder um eine Bettelnovellette\u00ab, und reichte mir ein Geldst\u00fcck hin. Ich war sehr betroffen und konnte mich nicht enthalten zu rufen: \u00bbO, Monsieur, ich bin keine Kom\u00f6diantin und keine Bettlerin.\u00ab Er sch\u00e4mte sich und versuchte durch allerhand Reden sich zu entschuldigen. \u00bbPardonnez, Mademoiselle, pardonnez, aber da Sie, wie ich aus Ihrer Aussprache entnehme, keine Franz\u00f6sin sind, werden Sie sich schwerlich eine Vorstellung von der Schauspielkunst unserer Nichtdamen machen k\u00f6nnen. Und m\u00f6chte ich Sie bitten, sich mir anzuvertrauen.\u00ab \u00bbIch bin so allein, Herr\u00ab, sagte ich; ich glaube, sonst erwiderte ich nichts mehr, denn ich war ermattet bis zum Tode. W\u00e4hrend wir noch beisammen standen, trat ein dritter zu den beiden und klopfte dem dunklen auf die Schulter: \u00bbNa, mon ami, schon wieder im Dienste der Frauen?\u00ab Der Hell\u00e4ugige, den ich trotz meiner tragischen Stimmung heimlich seiner Sch\u00f6nheit halber bewunderte, schob seinen Arm in den des hinzukommenden Herrn \u2013 ich glaube [55] auf ein paar leise gesprochene Worte des Dunklen hin \u2013 und zog ihn, leise auf ihn einredend, mit sich fort. Dann wandte sich der Bleibende mir zu, und es war eine eigent\u00fcmliche Mischung von Erk\u00fchnen und G\u00fcte in seinem dunklen Auge, das mich in Furcht jagte und zu gleicher Zeit mir Mut machte. \u00bbHier ist kein Platz f\u00fcr Auseinandersetzungen, mein kleines Fr\u00e4ulein, und ich bitte Sie, mir zu folgen.\u00ab Der energische Ton meines Besch\u00fctzers wirkte suggerierend auf mich, und ich folgte ihm. Er schwieg, bis wir die gegen\u00fcberliegende Seite des Boulevards erreicht hatten; dann fa\u00dfte er meine Hand und sagte, jedes einzelne Wort betonend: \u00bbMademoiselle, wenn Sie in mir einen Freund gewinnen wollen, so f\u00fcrchten Sie sich nicht und vertrauen Sie mir Ihr Schicksal an.\u00ab Ich war sehr gl\u00fccklich \u00fcber seine lieben Worte und atmete auf und w\u00fcnschte mir nichts sehnlicher im Augenblick, als seine Hand zu dr\u00fccken. Wir nahmen Platz im Garten eines Restaurants; der Fremde bestellte zun\u00e4chst Bouillon und dann ein H\u00fchnchen, welches er mir wie einem Baby vorschnitt. Dabei fl\u00fcsterte er mir zu: \u00bbGrade so ein kleines H\u00fchnchen wie Sie, Mademoiselle.\u00ab Dann mu\u00dfte ich ihm meine Lebensgeschichte erz\u00e4hlen, wie ich aus meiner Heimat durchgebrannt bin. \u00bbUnd warum gerade nach Paris, kleiner Robinson?\u00ab Z\u00f6gernd und fast tonlos entgegnete ich: \u00bbIch wollte in ein Meisteratelier.\u00ab Dann fragte der Fremde: \u00bbHaben Sie schon an eines angeklopft?\u00ab \u00bbNein\u00ab, sagte ich verlegen, \u00bbich habe mich mit meinem Gelde verrechnet [56] und wollte mir erst etwas verdienen, um wenigstens f\u00fcr einen Monat die Kosten zu erschwingen.\u00ab \u00bbUnd was dann?\u00ab fragte er nachdr\u00fccklich. \u00bbJa, dann, hoffe ich, Stipendien zu bekommen.\u00ab Hierbei holte ich einen Zettel aus der Tasche, worauf die Adresse jenes Kleidermagazins stand, in dem ich engagiert war. Mein Besch\u00fctzer begann zu lachen und meinte: \u00bbEine Direktrice k\u00f6nnen Sie doch sicher mit Ihrem schlanken Fig\u00fcrchen nicht abgeben.\u00ab \u00bbAber eine Kost\u00fcmzeichnerin.\u00ab \u00bbAh, Sie wollen mit Stilleben Ihre Karriere beginnen.\u00ab Wir lachten beide. \u2013 Nach einer Weile fragte ich ihn, ich glaube sehr scheu:<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbHerr, wer sind Sie?\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin ebenfalls ein Kunstj\u00fcnger.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbMaler?\u00ab fragte ich.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, aber Schriftsteller.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Ich atmete auf in der sicheren Empfindung, mich in verl\u00e4\u00dflichen H\u00e4nden zu befinden.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, kleiner Robinson, zumal ich Sie nicht Ihrem Schicksal \u00fcberlassen werde, bis Sie Ihre gesch\u00e4ftliche Angelegenheit geordnet haben. Ich bringe Sie zu einer Freundin, die mir lieb und teuer ist, zu einer Madame L. T., die wird Sie mit Vergn\u00fcgen aufnehmen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Wir erhoben uns.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAllons, Mademoiselle!\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Beim Verlassen versuchte ich, meinem Begleiter seine Auslagen zur\u00fcckzuerstatten, obgleich dies meine letzte Barschaft war. Ich durfte die Bitte gar nicht zu Ende sprechen, als er schon den Kopf sch\u00fcttelte: \u00bbAber Mademoiselle, Sie sind mein Gast.\u00ab \u2013 In der Rue de R. hielt das Kabriolett vor einem villenartigen Hause. Ein zierliches M\u00e4dchen in Rosa \u00f6ffnete die T\u00fcr und sagte, ohne meinen Begleiter zu Worte kommen zu lassen, fast vorwurfsvoll: \u00bbO, Monsieur, Madame hat bis vor einer halben Stunde auf Sie gewartet, nun ist sie allein in den Bazar gefahren.\u00ab Betreten murmelte mein Begleiter: \u00bbMon Dieu, wie konnte ich das vergessen!\u00ab Ich f\u00fchlte mich als die Schuldige, dieses mochte der Fremde empfinden, da er beruhigend sagte: \u00bbIch nehme die Schuld auf mich.\u00ab Ich h\u00f6rte ihn leise vor sich hinsagen: \u00bbEine liebe Person ist Madame L. T.\u00ab Dann wandte er sich wieder zu mir: \u00bbNun, ich werde Sie gegen Abend hinbringen, und Sie werden sie sch\u00e4tzen lernen, wie ich.\u00ab \u2013 \u00bbGef\u00e4llt Ihnen mein Heim?\u00ab fragte Guy de Maupassant, der mir unterwegs endlich seinen Namen genannt hatte, von dessen Bedeutung ich damals noch keine Ahnung hatte. \u00bbJetzt wollen wir uns ruhig \u00fcberlegen, was wir zu tun gedenken. Kommen Sie doch aus Ihrem Winkel hervor und f\u00fcrchten Sie sich nicht vor mir! Haben Sie auch schon daran gedacht, falls Sie noch Eltern haben, da\u00df die in Besorgnis sein werden, und da\u00df ich eigentlich verpflichtet bin, ihnen Nachricht zukommen zu lassen?\u00ab Er mochte wohl meinen Schreck bemerken, denn er f\u00fcgte schnell hinzu: \u00bbNun, wir sind ja Kollegen, au\u00dferdem bin ich kein Moralprediger, und Ihr Unternehmen r\u00fcge ich keineswegs, im Gegenteil, es imponiert mir, aber na, diesen Punkt wollen wir gemeinsam mit Madame L. T. \u00fcberlegen. F\u00fcr den Augenblick bin ich daf\u00fcr, da\u00df der kleine Robinson von den Strapazen seines Abenteuers sich etwas ausruht. Ich werde unterdessen ein wenig ausgehen und fr\u00fchzeitig wieder erscheinen.\u00ab Er war fort, und ich allein, mutterseelenallein im fremden Hause. Zun\u00e4chst betrachtete ich die Gegenst\u00e4nde des Zimmers. Auf dem Schreibtisch standen einige Photographien, unter denen ich auch den hell\u00e4ugigen Herrn von heute morgen fand. Zu meiner gro\u00dfen Freude, denn er gefiel mir schon wegen seiner blonden Locken sehr gut. Dann aber sp\u00fcrte ich die so lange zur\u00fcckgehaltene M\u00fcdigkeit, legte mich auf eines der Kanapees und deckte mich mit den Decken zu, die Maupassant f\u00fcr mich bereitgelegt hatte. Aus traumlosem Schlaf, wahrscheinlich durch das Ger\u00e4usch einer aufgehenden T\u00fcr aufgewacht, mu\u00dfte ich meine Gedanken erst m\u00fchsam sammeln. \u00bbHerr Gott, wo war ich denn eigentlich?\u00ab Ich eilte ans Fenster, und mir scho\u00df pl\u00f6tzlich angesichts der fremdartigen Uniformen auf der Stra\u00dfe unten der Gedanke durchs Hirn: \u00bbWie kam\u2019s doch noch, da\u00df ich in Paris bin.\u00ab Mich \u00fcberkam pl\u00f6tzlich die Angst eines Gefangenen, der keinen Ausweg wei\u00df. \u00bbHerr Gott, wenn nun der fremde, dunkle Mann ein Verbrecher w\u00e4re?\u00ab Mir wurden pl\u00f6tzlich alle Sensationsgeschichten meines Lebens grauenvoll lebendig. Um mich zu orientieren, um gleichsam die Waffen meines Feindes kennen zu lernen, ging ich an den Schreibtisch. \u00bbWas, Goethe!\u00ab Nun f\u00fchlte ich mich in Sicherheit. Und was mich am meisten interessierte, da lag ja auch Pet\u00f6fi. Der Dichter, der mir gefiel in seiner ungarischen Studentenuniform. \u00bbAch, Monsieur!\u00ab rief ich erstaunt und erschreckt. Maupassant stand n\u00e4mlich vor mir, ich mu\u00dfte sein Klopfen \u00fcberh\u00f6rt haben. \u00bbNun, mein kleiner Robinson, Sie sehen ja so frisch aus, wie ein Dijonkn\u00f6spchen; jetzt wollen wir weitere Dispositionen treffen. \u00dcbrigens \u00f6ffnen Sie einmal die beiden Schachteln, mit deren Inhalt bald zwei kleine Buben spielen werden.\u00ab In der einen Schachtel lagen schonungsvoll Bleisoldaten geschichtet, mit dunklen Waffenr\u00f6cken und roten Hosen. In der Mitte der Schachtel aber lag, umgeben von seinen Getreuen, Napoleon der Dritte, hoch zu Ro\u00df. Aus der andern Schachtel glotzten mich porzellanene Froschaugen an, Enten mit gelben Schn\u00e4beln, Reptilien aller Arten \u2013 ein ganzes Aquarium. Ich richtete die Soldaten paradem\u00e4\u00dfig. Maupassant hatte w\u00e4hrenddes eine Waschsch\u00fcssel herbeigeholt, und wir lie\u00dfen nun die Ungeheuer auf den Fluten, die wir zu k\u00fcnstlichen St\u00fcrmen erregten, nach Herzenslust austoben.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Wir, Maupassant und ich, waren auf einmal intim wie zwei Gespielen. Das fand auch Maupassant. \u00bbWir w\u00fcrden uns, glaube ich, sehr gut vertragen\u00ab, sagte er pl\u00f6tzlich und klopfte mir auf die Backe. Dann aber begann er ernstlich \u00fcber meine Situation zu reden. \u00bbIch habe eben Erkundigungen eingezogen \u00fcber das Magazin. Der Chef steht keineswegs in gutem Leumund. Ich rate Ihnen davon ab, dort einzutreten, aber vielleicht haben Sie noch andere Fertigkeiten, die sich verwerten lie\u00dfen?\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch ja, Herr Maupassant, ich tanze sehr gut.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo, dann w\u00e4re ja der Zirkus oder das Ballett gar nicht \u00fcbel!\u00ab meinte er nicht ohne Ironie. \u00bbUnd welcher Tanz w\u00e4re denn Ihre Spezialit\u00e4t?\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDanse de ventre.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo?\u00ab Maupassant l\u00e4chelte erstaunt. \u00bbDa m\u00fcssen Sie mir gleich eine Probe Ihrer Fertigkeit ablegen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEh bien!\u00ab rufe ich in heller Begeisterung: \u00bbSie werden der Pascha sein, vor dem ich mich mit meinem Kost\u00fcm produziere.\u00ab \u00bbSo h\u00e4tten wir auch das Lokalkolorit\u00ab, erg\u00e4nzte er. Ich war indessen schon so eingeb\u00fcrgert in der gastlichen Wohnung, da\u00df ich die T\u00fcre \u00f6ffnete und Maupassant bat, so lange meine Toilette w\u00e4hrte, zu verschwinden. Eine golddurchwirkte Decke, die auf einem der Tischchen lag, nahm ich und wand sie um meine Lenden bis zu den F\u00fc\u00dfen herab. Ich l\u00f6ste meine Haare und entnahm einer Vase einige Nelken, die ich mir kreuzf\u00f6rmig um den Kopf flocht. Ich mu\u00df ausgesehen haben wie eine Wilde.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEntrez, monsieur le Pascha, s\u2019il vous pla\u00eet.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Maupassant trat ein, auf dem ausdrucksvollen Kopfe einen Fez und um den Hals eine reiche M\u00fcnzenkette, mit majest\u00e4tischem Ernst nahm er auf einem zum Thron umdrapierten Sessel w\u00fcrdig und feierlich Platz, und die Vorstellung begann.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbCharmant, dr\u00f4le, superbe!\u00ab rief er ein \u00fcber das andere Mal, und seine W\u00fcrde vergessend, begann er taktm\u00e4\u00dfig den Kopf hin- und herzuwiegen bei jedem, Kastagnettenschlag markierenden, Schnippen meiner Finger. Die Nelken aus den Haaren nehmend, kniete ich zum Schlu\u00df vor ihm nieder. \u00bbMein F\u00fcrst und Gebieter, hat deine Prinzessin Gnade vor deinen Augen gefunden?\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas begehrst du?\u00ab rief der Pascha mit Pathos.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDeine Freundschaft, Herr.\u00ab \u2013 Wir fuhren am Abend noch, da Maupassant sich dagegen str\u00e4ubte, mich in das obskure und f\u00fcr mich g\u00e4nzlich ungeeignete Hotel \u00bbMaison Boh\u00e8me\u00ab zu bringen, in dem ich bei meiner Ankunft, da es mir wie ein Wahrzeichen erschien, abgestiegen war, zu Madame L. T. \u2013 Unterwegs bat er mich, ihn zu k\u00fcssen, da er doch mein Gespiele sei. Ich war im Begriff, meinen Kopf in die H\u00f6he zu recken und ihn zu k\u00fcssen, da ich seinen Wunsch ganz nat\u00fcrlich fand \u2013 doch nein, \u2013 pl\u00f6tzlich senkte ich meinen Kopf wieder in die alte Lage zur\u00fcck, denn in diesem Augenblick fiel mir ein, was Maupassant mir gesagt: \u00bbIch verachte die Frauen, weil ich sie n\u00f6tig habe.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, pl\u00f6tzlich anders gewillt?\u00ab rief er erstaunt und gekr\u00e4nkt.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAh so\u00ab meinte er l\u00e4chelnd. \u2013 \u2013 \u2013<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Madame L. T. empfing mich liebensw\u00fcrdig und k\u00fc\u00dfte mich nach franz\u00f6sischer Sitte auf beide Wangen. \u00bbHier bring\u2019 ich Ihnen einen kleinen Robinson\u00ab, erkl\u00e4rte Maupassant. \u00bbUnd vor allen Dingen une belle fille\u00ab, sagte Madame L. T. weiter. \u00bbDas finde ich keineswegs\u00ab, warf Maupassant ein, \u00bbapart \u2013 ja \u2013 ein M\u00e4dchen mit Knabenaugen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Mit ged\u00e4mpfter Stimme unterhielten sich die Beiden, wahrscheinlich \u00fcber meine Zukunft, hinter der Portiere, und dann empfahl sich mein Besch\u00fctzer, nicht ohne mich nochmals ausdr\u00fccklich zu beruhigen: \u00bbMein liebes Fr\u00e4ulein, seien Sie unbesorgt, Sie befinden sich in den besten H\u00e4nden!\u00ab Madame f\u00fchrte mich in ein kleines Boudoir, wo wir den Tee einnahmen. Sie h\u00f6rte nicht auf mit Liebkosungen; und noch mehr wie meine Leidensgeschichte interessierte sie mein Renkontre mit Maupassant. Meine Wangen gl\u00fchten im Gespr\u00e4ch, und ich machte ihr das Gest\u00e4ndnis, da\u00df Maupassant mir sehr gut gefiele, da\u00df er mich habe k\u00fcssen wollen, was ich aber stolz abgelehnt. Als ich schwieg, begann die Dame, die w\u00e4hrend meiner begeisterten Aussprache erbla\u00dft war, mir klar zu machen, in der delikatesten Weise, da\u00df man die Liebe eines Mannes wie Maupassant sich am besten bewahre durch Zur\u00fcckhaltung. Und dann verstand sie in r\u00fchrender [63] Weise, mich aufmerksam zu machen, wie besorgt meine Angeh\u00f6rigen nun wohl um mich sein w\u00fcrden. Sie brachte mich zu Bette wie ein Kind, und ich konnte nicht unterlassen, meine Arme um sie zu schlingen wie instinktiv, um ihr Abbitte zu leisten daf\u00fcr, da\u00df ich ihr Schmerzen bereitet hatte. Ich weinte bitterlich diese Nacht, nicht ohne das wohltuende Gef\u00fchl einer gewissen Hochachtung vor mir selbst \u2013 denn ich fa\u00dfte den Entschlu\u00df, eine heroische Tat zu vollbringen, Paris zu verlassen \u2013 Maupassant nie wiederzusehen.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Morgens fr\u00fch klopfte ich an die T\u00fcr der Dame und teilte ihr meinen Entschlu\u00df mit, da\u00df, falls sie mir das Geld zur R\u00fcckreise borgen wolle, ich Paris verlassen w\u00fcrde. Ich glaube, im Grunde plagte mich das Heimweh, das durch das Wort Madame L. T\u2019s., noch gesch\u00fcrt wurde.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbO, meine liebe Madame L. T., nicht wahr, Sie gr\u00fc\u00dfen Monsieur Maupassant von mir?\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Phantasie Dir allein will ich mein interessantestes Geheimnis anvertrauen, aber du mu\u00dft dies als meine Beichte betrachten und bewahren wie ein Amtsgeheimnis. 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