{"id":76781,"date":"2023-10-22T00:01:23","date_gmt":"2023-10-21T22:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=76781"},"modified":"2022-02-26T08:20:34","modified_gmt":"2022-02-26T07:20:34","slug":"oskar-kokoschka","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/22\/oskar-kokoschka\/","title":{"rendered":"Oskar Kokoschka"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Wir schreiten sofort durch den gro\u00dfen in den kleinen Zeichensaal, einen Zwinger von B\u00e4rinnen, tappischt\u00e4nzelnde Weibsk\u00f6rper aus einem altgermanischen Festzuge; Met flie\u00dft unter ihren Fellh\u00e4uten. Mein Begleiter fl\u00fcchtet in den gro\u00dfen Saal zur\u00fcck, er ist ein Troubadour; die Herzogin von Montesquio Rohan ist lauschender nach seinem Liede als das B\u00e4renweib auf plumpen Knollensohlen. Denn Treibhauswunder sind Kokoschkas Prinzessinnen, man kann ihre feinen Staub- und Raubf\u00e4den z\u00e4hlen. Blutsaugende Pflanzlichkeiten alle seine atmenden Sch\u00f6pfungen; ihre ersch\u00fctternde \u00c4hnlichkeitswahrheit verschleiert ein Duft, aus H\u00f6flichkeit gewonnen. Warum denke ich pl\u00f6tzlich an Klimt? Er ist Botaniker, Kokoschka Pflanzer. Wo Klimt pfl\u00fcckt, gr\u00e4bt Kokoschka die Wurzel aus \u2013 wo Klimt den Menschen entfaltet, gedeiht eine Farm Gesch\u00f6pfe aus Kokoschkas Farben. Ich schaudere vor den rissig gewordenen spitzen Fangz\u00e4hnen dort im bl\u00e4ulichen Fleisch des Greisenmundes; aber auf dem Bilde der lachende Italiener zerrt gierig am Genu\u00df des prangenden Lebens. Kokoschka wie Klimt oder Klimt wie Kokoschka sehen und s\u00e4en das Tier im Menschen und ernten es nach ihrer Farbe. Liebesm\u00fcde l\u00e4\u00dft die Dame den schmeichelnden Leib aus grausamen Tr\u00e4umen zur Erde gleiten, immer wird sie sanft auf ihren rosenwei\u00dfen Krallen fallen. Das Gerippe der m\u00e4nnlichen Hand gegen\u00fcber dem Frauenbilde ist ein zeitloses Blatt, seine gewaltige Blume ist des Dalai-Lamas Haupt. Auch den bekannten Wiener Architekten erkenne ich am Lauschen seiner b\u00f6sen Gorillenpupillen und seiner stummen Affengeschwindigkeit wieder, ein Tanz ohne Musik. Mein Begleiter weist mit einer Troubadourgeste auf meinen blonden Hamlet; in ironischer Kriegshaltung k\u00e4mpft Herwarth Walden gegen den kargen argen Geist. Auf allen Bildern Kokoschkas steht ein Strahl. Aus der Schwermutfarbe des Bethlehemhimmels reichen zwei Marienh\u00e4nde das Kind. Viele Wolken und Sonnen und Welten nahen, Blau tritt aus Blau. Der Schnee brennt auf seiner Schneelandschaft. Sie ist ehrw\u00fcrdig wie eine Jubil\u00e4umsvergangenheit: D\u00fcrer, Gr\u00fcnewald.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Oskar Kokoschka ist eine junge Priestergestalt, himmelnd seine blauerf\u00fcllten Augen und z\u00f6gernd und hochm\u00fctig. Er ber\u00fchrt die Menschen wie Dinge und stellt sie, barmherzige Fig\u00fcrchen, l\u00e4chelnd auf seine Hand. Immer sehe ich ihn wie durch eine Lupe, ich glaube, er ist ein Riese. Breite Schultern ruhen auf seinem schlanken Stamm, seine doppelt gew\u00f6lbte Stirn denkt zweifach. Ein schweigender Hindu, erw\u00e4hlt und geweiht \u2013 seine Zunge ungel\u00f6st.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wir schreiten sofort durch den gro\u00dfen in den kleinen Zeichensaal, einen Zwinger von B\u00e4rinnen, tappischt\u00e4nzelnde Weibsk\u00f6rper aus einem altgermanischen Festzuge; Met flie\u00dft unter ihren Fellh\u00e4uten. 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