{"id":76777,"date":"2023-09-22T00:01:44","date_gmt":"2023-09-21T22:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=76777"},"modified":"2022-02-25T19:57:25","modified_gmt":"2022-02-25T18:57:25","slug":"loos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/22\/loos\/","title":{"rendered":"Loos"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an den Totensch\u00e4del eines Gorillas; wendet mir Loos langsam das Gesicht zu, pr\u00fcfen mich scharf des Gorillas runde, hellbraune Augen. Die sind gef\u00e4hrlich, greifen aus einem andern Denken, aus einem fremden, geschwinden Grund. Die Blicke der G\u00e4ste strafen mich f\u00fcr meinen Ausspruch, Loos selbst aber scheint nichts geh\u00f6rt zu haben. Ist er schwerh\u00f6rig? Auf mich wirkt sein Unvernehmen geisterhaft, wundersam wund; f\u00fcr den unverstandenen Sprecher \u2013 unverst\u00e4ndlich. Senkt Loos den Kopf, neigen sich seinem Ohre die Lippen zu; o, wie sanft er die Lider h\u00e4ngen l\u00e4\u00dft \u2013 man hat ihn dann lieb, die Lotosseele unter den Gorillen. Schielende, deren Z\u00fcge etwas R\u00fchrendes erhalten, und Hinkende, die im verlorenen Gleichgang s\u00fc\u00dfe Interessantheit hinschaukeln \u2013 zehnfach t\u00f6nt Loos das Wort wieder, ruft man es in ihn hinein. Dann wird er ein rei\u00dfender Geist, den man im Echo heraufbeschwor, ein affenb\u00f6ser K\u00fcnstler, rei\u00dft er dem die Per\u00fccke vom Kopf, setzt ihm den Skalp wieder an, da\u00df er mit seiner Person vernarbe. Ein handgreiflicher Philosoph ist er, dem die Verschn\u00f6rkelung der Architektur ein eitler Greuel, ein verwirrtes Kn\u00e4uel ist, den er r\u00fccksichtslos l\u00f6st. Loos will Ordnung schaffen in den Welten \u00a0hier unten, in der Welt, die sich der von sich abstrebende Mensch erschaffen l\u00e4\u00dft vom Architektenmenschen und nicht hineinpa\u00dft. Wie viele sitzen und schwitzen in fremden vier H\u00e4uten, denn die W\u00e4nde unseres Gemaches sollen unser passendstes Kleid sein, sie sollen die Schrift unseres Atems tragen. Die Seuche der Einrichtung hat sich schon in die Schl\u00f6sser der F\u00fcrsten begeben, auf Alt\u00e4ren liegen \u00bbstilvolle\u00ab Decken, und durch die Tempel der K\u00fcnstler flutet das elektrische Licht der Birnen aus neuerfundenen Kelchen. Wollte man mir sogar auf den R\u00fccken meines Zigeunerkarrens, meines gr\u00fcnen Holzvogels, die sogenannte aufsteigende Kurve (ich wei\u00df gar nicht, was das ist) und langweilige k\u00fchle Linien ziehen, die gro\u00dfe Klassikerlinie Weimarer Sp\u00e4tgeburt van de Veldisch architektiert. Man sehnt sich rein nach dem Buckel. Die W\u00e4nde meiner Rast sind auch die W\u00e4nde meiner Last, sind mit mir verwachsen, aufgewachsen. Meine Behausung gleicht mir auf ein Haar. Darum springe ich gerne aus meiner Haut mal, am liebsten in das mir verm\u00e4hlte Zimmer. Ist sein Bewohner auch meist nicht in seiner Hauptperson anwesend, sein Heim aber spricht f\u00fcr ihn. K\u00fchlritterblau empf\u00e4ngt mich das Tapetengesicht; ich setze mich vor den Schreibtisch, vor Rhodopes farbige Statuette, meines auserw\u00e4hlten Zimmers heimliche Liebe. \u00dcber den Fl\u00fcgeldeckel kehren Lieder heim und legen sich auf die Tasten \u2013 schlummern und tr\u00e4umen laut; hingezaubert sitzt ja ihr Sch\u00f6pfer auf dem runden Stuhl und spielt. Ich denke an meine Prinzessinnenzeit\u2026 Wer salbt meine toten Pal\u00e4ste, sie trugen alle die Kronen meiner V\u00e4ter. \u2013 Ich hasse die Tische, St\u00fchle, Sessel und so weiter, die sich verkuppeln lie\u00dfen, mit ihrem Plebejerbesitzer; das sind Mesallianzen, Sessel, deren Lehne sich beugte immer tiefer ihrem Sitz zu. Ich denke an einen wie ein Melancholischer. \u2013 Ich helfe dir r\u00e4umen, Loos, aber wehe dir, wenn ich nach Wien komme, und du sitzt nicht auf einem australischen Urwaldast zur\u00fcckgezogen hinter Gedanken tausendgitterig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Von der Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an den Totensch\u00e4del eines Gorillas; wendet mir Loos langsam das Gesicht zu, pr\u00fcfen mich scharf des Gorillas runde, hellbraune Augen. 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