{"id":76742,"date":"2023-01-22T00:01:36","date_gmt":"2023-01-21T23:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=76742"},"modified":"2022-02-25T09:47:53","modified_gmt":"2022-02-25T08:47:53","slug":"unser-cafe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/22\/unser-cafe\/","title":{"rendered":"Unser Caf\u00e9"},"content":{"rendered":"<p class=\"tre01\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein offener Brief an <span class=\"s_ku\">Paul Block<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Sire, Sie m\u00f6chten etwas aus unserem Caf\u00e9 wissen, aber unser Caf\u00e9 ist schon seit ungef\u00e4hr Pfingsten nicht mehr unser Caf\u00e9. Gestern las ich in einer Chicagoer Zeitung, die mir meine Schwester aus Amerika sandte, schwarz auf wei\u00df, warum unser Caf\u00e9 nicht mehr unser Caf\u00e9 ist, bitte h\u00f6ren Sie Sire. \u00bbFr\u00fcher war das Stelldichein all dieser \u203aRadikalen\u2039 das Caf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn. Aber eines Tages verbot der Besitzer der Dichterin Else Lasker-Sch\u00fcler, die zu diesem Kreise geh\u00f6rt, das Lokal, weil sie nicht genug verzehre. Man denke! Ist denn eine Dichterin, die viel verzehrt, \u00fcberhaupt noch eine Dichterin? Sie empfand das mit Recht als eine unerh\u00f6rte Beleidigung, als schimpfliches Mi\u00dftrauen gegen\u00fcber ihrer dichterhaften Echtheit. Ebenso dachten die anderen. Daher verlie\u00dfen sie emp\u00f6rt das Lokal.\u00ab<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Ob das alles nun wortgetreu wiedergegeben ist, \u2013 jedenfalls begab sich die Schreckenstat an einem Sonntag, meine Seele wurde Werktag, b\u00e4umte sich auf und sehnte sich nach Revolution. Kein Vers, keine Stimmung, kein Pathos, nicht der sch\u00e4umendste \u00dcberschwang hatte unsere Gemeinschaftlichkeit so f\u00e4denverstrickt zusammengerollt, wie diese unerh\u00f6rte Begebenheit; Herr Caf\u00e9-des-Westens hatte mir, uns allen, das Betreten seines Caf\u00e9s ein f\u00fcr allemal untersagt. Ungeheuer! Allerdings, wenn ich auch nichts verzehrt h\u00e4tte. Aber dem war nicht so, ich war gerade im Begriff, meine zweite Bestellung zu entrichten, Schokolade mit Sieb (da ich die Haut nicht mag), als Herr Caf\u00e9-des-Westens aus einer Ecke auf mich Lesende losst\u00fcrmte und rief, es geht nicht, da\u00df Sie hier sitzen bleiben, ohne etwas zu verzehren!!! Neben mir sa\u00df mein Reichskanzler Bisam O. Er ist feig, aber seine rosa Haare standen H\u00fcgel, wurden brandrot und spr\u00fchten Feuer. Dann kamen hintereinander meine verehrten Freunde, die H\u00e4uptlinge und die Schlacht begann.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Soll ich Ihnen nun noch \u00fcber die fr\u00fcheren Ereignisse dieses Caf\u00e9s erz\u00e4hlen oder gen\u00fcgt es, wenn ich Ihnen sage, Sire, da\u00df wir dort die sch\u00f6nsten Abende, namentlich zu Zeiten Lublinskis, erlebten; den haben wir alle kolossal verehrt, und er lachte selbst herzhaft, wenn ihn der \u00bbBl\u00fcmner\u00ab nachahmte. Unser Zorn liegt nun \u00fcber dem Caf\u00e9 des Westens wie \u00fcber einem verlorenen Paradies, in dem wir nicht s\u00fcndigten, aber das an uns s\u00fcndigte. Als wir auf der Stra\u00dfe standen, gedachten wir mit Wehmut des Gr\u00fcnders unseres verlorenen Caf\u00e9s. Herr Rocco hatte es sich als besondere Freude angerechnet, da\u00df wir K\u00fcnstler in seinen R\u00e4umen verkehrten; wir K\u00fcnstler haben sozusagen das Caf\u00e9 des Westens mit auf die Welt gebracht, wir K\u00fcnstler haben ihm das erste Feierkleid geschenkt, wir K\u00fcnstler haben es zur K\u00f6nigin aller Caf\u00e9s erhoben! Einer von uns hielt diese Rede in die Nacht hinaus, ich glaube, ich war\u2019s, und den Chor gaben meine tiefergriffenen Kameraden und Kameradinnen. Allerdings war Rocco kein B\u00e4r, noch nicht einmal ein Tanzb\u00e4r, keinesfalls ein Brummb\u00e4r. \u2013 \u2013 \u2013<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Nur einmal in der Woche treffen wir uns nun Konditorei Josty am Zoo, wir wollen keine Kaffern mehr sein. Auf einer Erh\u00f6hung sitzen wir an zwei Tischen, und Sonnabend halten wir Geheimsitzung. (Unter Diskretion bitte.) Wir wollen Herrn Caf\u00e9-des-Westens zwingen, sich zu entleiben, ich schlage vor, mit dem Caf\u00e9l\u00f6ffel. Bitte, hochverehrter Sire, kommen Sie doch unverhofft einmal, aber machen Sie sich keine Illusionen. Wir sind ganz leise und fl\u00fcstern, scheint\u2019s nur so von Mund zu Mund, lauter Spielereien. W\u00e4re doch einmal nur einer gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig. Hysterisch sind nur Dilettanten. Manchmal aber rei\u00dft einer unseres Stammes schnaubend die T\u00fcre der Konditorei Josty um Mitternacht auf, den Tubutsch im Gewande. Doch unsere gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung bleibt, wenn unser S\u00e4nger kommt, der Dresdener Hofoperns\u00e4nger Franz Lindner. Aus der Liedertafel holte ihn mein Heimatfreund Paul Zech. Noch sitzt \u00fcberflie\u00dfender Tenor in seiner Kehle, er mu\u00df uns den Rest weich \u00fcber den Tisch her\u00fcber singen. Dann kommt eine innige Freude des Beisammenseins \u00fcber uns, denn wir K\u00fcnstler sind Kinder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong>KUNO w\u00fcrdigte die Poetin mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80975\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein offener Brief an Paul Block Sire, Sie m\u00f6chten etwas aus unserem Caf\u00e9 wissen, aber unser Caf\u00e9 ist schon seit ungef\u00e4hr Pfingsten nicht mehr unser Caf\u00e9. 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