{"id":76736,"date":"2023-06-08T00:01:43","date_gmt":"2023-06-07T22:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=76736"},"modified":"2022-02-25T16:29:57","modified_gmt":"2022-02-25T15:29:57","slug":"karl-kraus-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/08\/karl-kraus-2\/","title":{"rendered":"Karl Kraus"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: justify;\">\n<p class=\"article\">\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p class=\"norm\">Im Zimmer meiner Mutter h\u00e4ngt an der Wand ein Brief unter Glas im goldenen Rahmen. Oft stand ich als Kind vor den feinen piet\u00e4tvollen Buchstaben wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein Gesicht dazu, eine Hand, die diesen wertvollen Brief wohl geschrieben haben k\u00f6nnte. Darum auch war ich Karl Kraus schon wo begegnet \u2013 \u2013 in meinen Heimatjahren, beim Betrachten der kostbaren Zeilen unter Glas im goldenen Rahmen. Den Brief hatte ein Bischof geschrieben an meiner Mutter Mutter, ein Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und sanftbewegt seine schmalen Lippen und sein Stirnschatz wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der tr\u00e4gt frauenhaft das Haar \u00fcber die Stirn gek\u00e4mmt. Und immer empfangen seine Augen wie des Priesterdichters Augen gastlich den Tr\u00e4umenden. Immer schenken Karl Kraus\u2019 Augen Audienz. Ich sitze so gerne neben ihm, ich denke dann an die Zeit, da ich den Schreiber des Briefes hinter Glas aus seinem goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. Ich bewundere die goldgelbe Blume \u00fcber seinem Herzen, die er mir mit feierlicher H\u00f6flichkeit \u00fcberreicht. Ich glaube, sie war bestimmt f\u00fcr eine blonde Lady; als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen zu spielen. Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut durch sie zum Denkvertreib die Welt. Bunte Gl\u00e4ser, ob sie fein get\u00f6nt oder vom einfachsten Farbenblut sind, behutsam beh\u00fctend, feiert er die Frau. Verk\u00fcndet er auch ihre Sch\u00e4den dem Leser seiner Aphorismen \u2013 wie der wahre Don Juan, der nicht ohne Frauen leben kann, sie darum ha\u00dft \u2013 im Grunde aber nur die Eine sucht. Ich begegne Karl Kraus am liebsten unter \u00bbkriegsberatenen M\u00e4nnern\u00ab. Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster Absch\u00e4tzung. Ein g\u00fctiger Pater mit Pranken, ein gro\u00dfer Kater, gestiefelte Papstf\u00fc\u00dfe, die den Ku\u00df erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht pl\u00f6tzlich eine K\u00fchle \u00fcber den Raum \u2013 Allerleifurcht. Die gro\u00dfe chinesische Mauer trennt ihn von den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgem\u00e4lde, o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der Haut des Vorgangs. Er bohrt H\u00f6hlen in den Samt des Vorhangs, der die Sch\u00e4den verschleiert schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst zu hassen, weil sein Raunen Fl\u00fcsternde st\u00f6rt, weil sein Wetterleuchten Kerzenflackernden heimleuchtet. Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner Gerechtigkeit bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p class=\"norm\">Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese P\u00e4pste, die aus dem Zusammenhang getreten sind, auf ihrem Stuhl sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht und sucht sie. \u2013 M\u00e4nner und J\u00fcnglinge schleichen um seinen Beichtstuhl und beraten heimlich, wie sie den grandiosen Zynismussch\u00e4del zu Zucker reiben k\u00f6nnen. O, diese Not, heute rot \u2013 \u2013 morgen tot! Unentwendbar inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein lebendiges, \u00fcberschauendes Denkmal. Er bl\u00e4st die Luftt\u00fcrme um und hemmt die Schnell\u00e4ufer, den K\u00f6niginnen mit gewinnendem L\u00e4cheln den Vortritt lassend. Er kennt die schwarzen und wei\u00dfen Figuren von fr\u00fcher her von neuem hin. Mit ruhiger Papsthand klappt er das Schachbrett zusammen, mit dem die Welt zugenagelt ist.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p class=\"article\">\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a><\/span> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>W\u00e4hrend ich am \u201eKraus\u2013Projekt\u201c arbeitete, war ich mir bewusst, dass seine Form der des Online\u2013Diskurses \u00e4hnelt, zumal zu vielen der Fussnoten ja das (via Internet gef\u00fchrte!); ich hatte die leise Hoffnung, dass sorgf\u00e4ltige Leser schon merken w\u00fcrden, dass das Buch das Internet selbst dann affirmiert, wenn es das Netz eigentlich angreift. Aber der Hauptgrund f\u00fcr die Anmerkungen ist, dass Kraus selbst der grosse Anmerker war, der grossartige fr\u00fche postmoderne Meister des Zitats und der Glosse, der direkte Vorfahr der Blogger von heute.<\/em><\/p>\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">Jonathan Franzen<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zimmer meiner Mutter h\u00e4ngt an der Wand ein Brief unter Glas im goldenen Rahmen. 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