{"id":76532,"date":"2019-01-27T00:00:36","date_gmt":"2019-01-26T23:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=76532"},"modified":"2022-02-17T17:26:48","modified_gmt":"2022-02-17T16:26:48","slug":"was-darf-satire","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/01\/27\/was-darf-satire\/","title":{"rendered":"Was darf Satire?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Frau Vockerat: \u201eAber man mu\u00df doch <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">seine Freude haben k\u00f6nnen an der <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Kunst.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Johannes: \u201eMan kann viel mehr haben <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">an der Kunst als seine Freude.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\"><i>Gerhart Hauptmann<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt \u00fcbel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: \u201eNein!\u201c Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire bei\u00dft, lacht, pfeift und trommelt die gro\u00dfe, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und tr\u00e4ge ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verr\u00e4t sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Satiriker ist ein gekr\u00e4nkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Satire eines charaktervollen K\u00fcnstlers, der um des Guten willen k\u00e4mpft, verdient also nicht diese b\u00fcrgerliche Nichtachtung und das emp\u00f6rte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bek\u00e4mpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelspr\u00fcchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend \u00fcber die F\u00e4ulnis gebreitet war, und sage: \u201eSeht!\u201c \u2013 In Deutschland nennt man dergleichen \u203aKra\u00dfheit\u2039. Aber Trunksucht ist ein b\u00f6ses Ding, sie sch\u00e4digt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. Und so ist das damals mit dem Weberelend gewesen, und mit der Prostitution ist es noch heute so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Einflu\u00df Kr\u00e4hwinkels hat die deutsche Satire in ihren so d\u00fcrftigen Grenzen gehalten. Gro\u00dfe Themen scheiden nahezu v\u00f6llig aus. Der einzige \u203aSimplicissimus\u2039 hat damals, als er noch die gro\u00dfe, rote Bulldogge rechtens im Wappen f\u00fchrte, an all die deutschen Heiligt\u00fcmer zu r\u00fchren gewagt: an den pr\u00fcgelnden Unteroffizier, an den stockfleckigen B\u00fcrokraten, an den Rohrstockpauker und an das Stra\u00dfenm\u00e4dchen, an den fettherzigen Unternehmer und an den n\u00e4selnden Offizier. Nun kann man gewi\u00df \u00fcber all diese Themen denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff f\u00fcr ungerechtfertigt und einen anderen f\u00fcr \u00fcbertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten zunichte gemacht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbertreibt die Satire? Die Satire mu\u00df \u00fcbertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bl\u00e4st die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in St\u00e4nden, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzbl\u00e4tter, unsere Lustspiele, unsere Kom\u00f6dien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedr\u00fcckt und dahockt: fett, faul und lebenst\u00f6tend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht einmal dem Landesfeind gegen\u00fcber hat sich die deutsche Satire herausgetraut. Wir sollten gewi\u00df nicht den scheu\u00dflichen unter den franz\u00f6sischen Kriegskarikaturen nacheifern, aber welche Kraft lag in denen, welch elementare Wut, welcher Wurf und welche Wirkung! Freilich: sie scheuten vor gar nichts zur\u00fcck. Daneben hingen unsere bescheidenen Rechentafeln \u00fcber U-Boot-Zahlen, taten niemandem etwas zuleide und wurden von keinem Menschen gelesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle \u2013 Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und \u00c4rzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte \u2013 wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und gro\u00dfe Schw\u00e4chen. Und wir m\u00fcssen nun nicht immer gleich aufbegehren (\u203aSchl\u00e4chtermeister, wahret eure heiligsten G\u00fcter!\u2039), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz \u00fcber uns rei\u00dft. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen \u2013 aber er wende nicht verletzt, emp\u00f6rt, gekr\u00e4nkt das Haupt. Es wehte bei uns im \u00f6ffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle \u00fcbel n\u00e4hmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So aber schwillt st\u00e4ndischer D\u00fcnkel zum Gr\u00f6\u00dfenwahn an. Der deutsche Satiriker tanzt zwischen Berufsst\u00e4nden, Klassen, Konfessionen und Lokaleinrichtungen einen st\u00e4ndigen Eiertanz. Das ist gewi\u00df recht grazi\u00f6s, aber auf die Dauer etwas erm\u00fcdend. Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was darf die Satire?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle: Berliner Tageblatt, 27. Januar 1919, Nr. 36 \/ Autorenangabe: Ignaz Wrobel<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-20097 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlechte Zeiten sind gute Zeiten f\u00fcr Satiriker. Der gro\u00dfe literarische Satiriker der Gegenwart ist aber noch zu entdecken. Sein Name, dieser Verdacht mehrt sich zumindest im deutschen Sprachraum, ist wahrscheinlich <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrascz_Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a>. Er h\u00e4lt in seinem Werk der Gesellschaft das entgegen, was sie in ihrem allt\u00e4glichen Wortgebrauch unterschl\u00e4gt. Ein guter Einstieg in sein Werk ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\"><em>Zombies<\/em><\/a>, das unter Weigoni-Aficionados als zug\u00e4nglichstes Buch gilt: \u201eDiese Erz\u00e4hlungen sind voller Humor und streckenweise so schwarz, da\u00df sie unter der Kohlenkiste noch einen Schatten werfen w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Vockerat: \u201eAber man mu\u00df doch seine Freude haben k\u00f6nnen an der Kunst.\u201c Johannes: \u201eMan kann viel mehr haben an der Kunst als seine Freude.\u201c Gerhart Hauptmann Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/01\/27\/was-darf-satire\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":81,"featured_media":97977,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2766,2765,1099],"class_list":["post-76532","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-gerhart-hauptmann","tag-ignaz-wrobel","tag-kurt-tucholsky"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76532","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/81"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=76532"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76532\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97983,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76532\/revisions\/97983"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97977"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=76532"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=76532"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=76532"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}