{"id":76213,"date":"2023-09-08T00:01:18","date_gmt":"2023-09-07T22:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=76213"},"modified":"2022-02-25T19:26:00","modified_gmt":"2022-02-25T18:26:00","slug":"lendenwirbel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/08\/lendenwirbel\/","title":{"rendered":"Lendenwirbel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Abend fuhr ich nach Chicago \u2013 eine eigent\u00fcmliche, modern und antiquiert zugleich erscheinende Skyscraper-Architektur, gute (teure) Gesch\u00e4fte, Blumenk\u00e4sten in den Stra\u00dfen, weniger pollution als in Manhattan. Strand am Lake Michigan, direkt vor der skyline. Ich ging schwimmen und begann BRAVE NEW WORLD zu lesen. Es wurde dunkel, aber die Hitze des Tages hielt sich, ich hatte l\u00e4ngst beschlossen, am Strand zu \u00fcbernachten. Ich vibrierte von den Eindr\u00fccken in der Neuen Welt, die mich umgab, so dass ich keinen Hunger sp\u00fcrte. Huxleys Dystopie mischte mich auf, ich konnte nicht schlafen. Ich lag unter dem Sternenhimmel und dachte \u00fcber mein Dasein in der Welt nach. Genau \u00fcber mir das X des Schwans, dar\u00fcber das Haus der Kassiopeia &#8230; und darunter Pegasus. Ich erz\u00e4hlte mir eine Einschlafgeschichte \u2013 ich flog hinauf zu den Sternen und bestieg das Ross, nun geh\u00f6rte ich zur Familie der Sterne. Ich ritt zum Schwan und verwandelte mich in Zeus, und den Schwan verwandelte ich in die K\u00f6nigstochter &#8230; Bei dem Ritt durch die dunklen Weiten der Leere h\u00f6rte ich den anschwellenden Ton der Glut im Auge des Schwans und sah lebende Worte in meinem Inneren, einen tanzenden Stern, den mein Chaos gebar, und ich f\u00fchlte mich wohl, mir war, als h\u00e4tte ich das Gl\u00fcck erfunden in der Begegnung mit dem Licht im Morgengrauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen erinnerte ich mich nicht mehr an die Traumst\u00fccke, nur an die H\u00f6he des Traums, er bebte noch weiter in der Tiefe meines K\u00f6rpers, ich f\u00fchlte mich hingeschmettert, die Bilder im Kopf wie ein Silberschwindel in verschwommenen Augen: eine Rippe, hinauf in den Himmel geschleudert, schweifte und schwirrte herum wie eine Melodie. Dann l\u00f6schte der Tag endg\u00fcltig meine Nacht und fing mich auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lief zum See, im Sand lagen tote Fische. Ich ging ein paar Meter weiter ins Wasser und schwamm mich wach. Ich bekam Hunger. Es war noch sehr fr\u00fch, die Sonne kam im Westen gerade erst \u00fcber die H\u00e4user. Ich las weiter in meinem Buch. Als die Sonne auf meiner Haut brannte, brach ich auf zu einem der Hotels in der N\u00e4he des Art Institutes, das ich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck besuchen wollte. Nun regierte der lange unterdr\u00fcckte Hunger. F\u00fcr den Weg vom Strand in die South Michigan Avenue brauchte ich keinen Bus. Im Sheraton brachte ich meinen Rucksack an der Rezeption unter und setzte mich auf einen der hohen Hocker an den halbkreisf\u00f6rmigen Tresen, wo das Breakfast serviert wurde. Neben mir sa\u00dfen korrekt gekleidete Mitarbeiter der umliegenden Banken und Beh\u00f6rden. Ich war unrasiert, aber mich kleidete meine unschlagbare Jugend. Jedenfalls kam ich schnell an die Reihe und wurde freundlich bedient. Ich bestellte Bacon, Spiegelei, sunny side up, Toasts und Ahornsirup &#8230; mit einem breiten Pinsel bestrich der Kellner die Toasts mit fl\u00fcssiger Butter, ich hatte so etwas noch nie gesehen. Eine derartige Fr\u00fchst\u00fcckskultur imponierte mir, mir erschien die F\u00fclle und Variationsbreite der Zubereitungen als Ausdruck einer \u00fcberlegenen Kultur mit imperialen Z\u00fcgen, die sich auch in der Stadtarchitektur mit ihren monstr\u00f6sen Hochh\u00e4usern und breiten Stra\u00dfen spiegelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Art Institute konzentrierte ich mich auf die amerikanischen Bilder des 20. Jahrhunderts. <em>Sun in an Empty Room<\/em> von Edward Hopper werde ich nicht mehr vergessen k\u00f6nnen. Das Bild korrespondiert mit der erhellten und erhellenden Leere einer Zimmerecke mit einem Ausblick ins Freie auf ein St\u00fcck Natur, deren obere H\u00e4lfte zwar sichtbar, aber unklar erscheint und deren untere H\u00e4lfte im Dunklen liegt. Innen wiederholt sich das als Wechsel von Schatten und Licht. Das Bild betrifft auch mich selbst, es zeigt mein ambivalentes Inneres, mein Leuchten und meine Einsamkeit. Hoppers Zimmer ist so leer wie mein Palast, von dem ich tr\u00e4umte. Immerhin sind die architektonischen Linien klar und fest &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach meinem Rundgang durch das Museum kaufte ich mir eine Ansichtskarte von Grant Woods <em>American Gothic<\/em>, setzte mich auf eine Bank in der Halle, und schrieb an Grandm\u00e8re. Im Nordgarten des Museums schlug ich meinen Huxley auf und las im Gehen einige Seiten, bis mich eine auffallend sch\u00f6ne \u00e4ltere Dame ansprach, mit der ich fast zusammenstie\u00df:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVorsicht, junger Mann! Fallen Sie mir blo\u00df nicht vor die F\u00fc\u00dfe!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201ePardon\u201c, stotterte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas lesen Sie denn da, dass Sie so in sich selbst verschwinden?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSch\u00f6ne neue Welt\u201c, antwortete ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd? Wie finden Sie diese Welt?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eOh, ich wei\u00df nicht\u201c, stammelte ich, \u201edie Welt in dem Buch \u00e4hnelt erschreckend der Welt, in der wir leben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNa\u201c, sagte sie sanft, \u201eso weit sind wir noch nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber wenn wir so weitermachen &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAch was\u201c, sagte sie, \u201eerfahren Sie erst einmal die ganze Welt, verlieben Sie sich, und Sie werden das Leben lieben lernen!\u201c Sie l\u00e4chelte mir sehr freundlich zu, wie verliebt, drehte sich um und ging ihres Weges. Ihr Kleid war tief und breit ausgeschnitten, so tief, dass ihr R\u00fccken fast bis zum letzten Lendenwirbel entbl\u00f6\u00dft war. Ich fand nicht mehr ins Buch zur\u00fcck, ich starrte auf die helle, im Gehen aus der H\u00fcfte so anmutig bewegte Haut &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Janusd\u00e4mmerung<\/strong>, Roman von Ulrich Bergmann, Free Pen Verlag 2021<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76215 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-679x1024.jpg 679w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-768x1158.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-560x844.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-260x392.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-160x241.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover.jpg 780w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a>Ein junger Mann verliert sich \u2013 im Rausch seiner Tagtr\u00e4ume, in den B\u00fcchern und in der Liebe. Sie hei\u00dft Stella. Sein Name ist Ich. Sein Vorname Janus \u2013 es ist also eine Art Fortsetzung des Romans <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/10\/aus-doppelhimmel\/\">Doppelhimmel<\/a><\/em>, der bereits im Free Pen Verlag erschien. Der Held scheitert in der Literarisierung des eigenen Lebens, und indem er so das Leben flieht, findet er sich erst in der N\u00e4he des Todes wieder und erkennt: \u201eIch darf nicht weiter sterben, ich muss neu beginnen.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em>und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Gegen Abend fuhr ich nach Chicago \u2013 eine eigent\u00fcmliche, modern und antiquiert zugleich erscheinende Skyscraper-Architektur, gute (teure) Gesch\u00e4fte, Blumenk\u00e4sten in den Stra\u00dfen, weniger pollution als in Manhattan. Strand am Lake Michigan, direkt vor der skyline. 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