{"id":76044,"date":"2020-02-29T00:01:11","date_gmt":"2020-02-28T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=76044"},"modified":"2022-02-23T11:42:44","modified_gmt":"2022-02-23T10:42:44","slug":"lebte-die-seife","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/29\/lebte-die-seife\/","title":{"rendered":"Lebte die Seife?"},"content":{"rendered":"<div class=\"field-name-body\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLebte die Seife?\u201c Mit dieser rhetorisch-unheimlichen Frage ist man bereits mittendrin im Kosmos eines Projekts von Vera Kattler (Grafiken) und Danilo Pockrandt (Texte), das sich im ersten Band der <em>edition unbewohnt<\/em>, die die beiden Urheber damit auch als gegr\u00fcndet postulieren, pr\u00e4sentiert: Unter dem Titel sind dort eine Reihe Zeichnungen und Kurzprosast\u00fccke vereint, die einem langen Austausch folgen und doppelte Gestalt annehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausgangsort dieses Buches ist das legend\u00e4re Schloss Wiepersdorf im Fl\u00e4ming, das stille Haus der von Arnims, seit vielen Jahren eines der Traumdomizile vieler K\u00fcnstler aus ganz Europa. Dort begegneten sich Vera Kattler und Danilo Pockrandt 2011 w\u00e4hrend eines Stipendiums. An dieser heilig-heimeligen St\u00e4tte, deren Bestand immer wieder bedroht und doch immer wieder gesichert scheint, entstanden schon eine Reihe Ideen f\u00fcr gemeinsame Projekte. Und so ist der Kattler\u2019sche Zyklus \u201eDas sch\u00f6ne Gewand\u201c nun einer Reihe \u00fcber die Jahre des Kontakts entstandener Pockrandt-Miniaturen gegen\u00fcbergestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Konzept ist dabei so einfach wie faszinierend \u2013 dem feinen Strich Kattlers, der eine Textur aus Flie\u00dfendem und Molluskenscherben vereint, stellt Pockrandt kleine, stille und ins ins Surreale hakende Beobachtungen als Mosaik aus kurzen Prosast\u00fccken gegen\u00fcber. Kinder werden da in aller Vorsicht und Aufmerksamkeit jongliert, die Dunkelheit des Waldes vom Zipfel der Bettdecke aus erkundet, das Firmament wird durch die beschlagene Scheibe des Fensters dirigiert. Und scheinbar gipfelt die Erkundung in der Frage: \u201eLebte die Seife?\u201c Es ist auch eine Zumutung, dass die Seife, wann immer man ans Waschbecken zur\u00fcckkehrt, einen Bart hat, den man zwar wegwischen kann, der jedoch immer wieder kommt und die kleinen Mitbewohner in der Bude vertreibt, bis eben die Seife alle ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gesehen vereint dieses schmale, aber gro\u00dfformatige Buch auf beiden Seiten der Kunst Striche und Notate, wie sie aus den Tr\u00e4umen aufsteigen und mit dem Erwachen zu Schemen oder Klarnebeln werden \u2013 in den Zeichnungen weich und kantig zugleich, in den Texten mit jenem stillen Aufruhr, ausgesetzten Staunen versehen, wie man sie auch von den Gedichten und Kindertexten Pockrandts kennt, der selbst ein ausgewiesener Zeichner und Buchk\u00fcnstler ist, und dessen dringliches Moment im Sprechen immer wieder auch eine Richtung ins Helle, wenngleich, wie man vermuten darf, erst jenseits des Endes des Textes, impliziert, oft genug, wenn man bereits Atem holt, mit einer Kehrtwende ins Grelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es ist, so scheint es, auch nicht f\u00fcr alle Teilnehmer dieser Texte vorgesehen, aus den sich m\u00e4anderf\u00f6rmig wie die Stoff- oder Perlmuttb\u00f6gen der Kattler\u2019schen Strichanordnungen in ein h\u00f6heres zu f\u00fcgen oder gar zu befreien. Gerade in der Schlussprosa, die in der Tat zum Genre der \u201aletzten Texte\u2018 gez\u00e4hlt werden darf, wird mehr als das deutlich. Das Erz\u00e4hlchen, das sich auch geschwisterlich zu den Texten eines Thomas B\u00f6hme (\u201eDer Kaventsmann mit der Sammeltasse\u201c oder, ganz frisch, das fulminant-k\u00fchl-schweigsam-beredte \u201ePuppenkino\u201c) denken l\u00e4sst, beobachtet das Treiben der Perlen im Meer und vor allem derer, die in ihren Bann geraten \u2013 das kann nicht gutgehen, meint man; und richtig, schon beginnt eine Heldin ihr Inventar in die Wellen zu schieben. W\u00e4hrend dem Beobachter aus seiner Wolke seines Traums nur eben beobachten kann, werden ihm seine eigenen prek\u00e4r-seltsamen Umst\u00e4nde gleicherma\u00dfen und schwer ab\u00e4nderbar bewusst: \u201eSie h\u00f6rte nicht auf meine Rufe. Ihre Bewegungen waren langsam und bestimmt. Als auch ihr Kopf in den Wellen verschwunden war, hoffte ich zu erwachen. Und das hoffe ich immer noch.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die tieferen Gebilde, sie lassen sich eben nicht so beh\u00e4nde wegwischen wie der Bart, den die Seife Tag f\u00fcr Tag ansetzt, bis sie sich aufl\u00f6st. Auch ein skurriler Tassenbart kommt in \u201eLebte die Seife?\u201c vor, \u00fcberhaupt einiges zum Grifflachen und Gruselgrinsen. Nichtsdestotrotz ist dem Kaleidoskop aus Gewand- und Schneckenschutt, aus Visionen und Entdeckung stets eine Prise Traum-Ernst der Art beigemischt, dass man sich fragt, ob man wacht, schl\u00e4ft oder gar schlafwandelt. Ein Einstand f\u00fcr die frisch erfundene <em>edition unbewohnt<\/em>, wie man ihn sich trefflicher vielleicht nicht denken kann \u2013 ein Wandeln und Wendeln zwischen den Ebenen des Bewusstseins: aus uns heraus und doch bereits jenseits von uns.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"views-field views-field-field-untertitel\">\n<div class=\"field-content\" style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/lebte_die_seife_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-76050 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/lebte_die_seife_-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/lebte_die_seife_-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/lebte_die_seife_-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/lebte_die_seife_-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/lebte_die_seife_.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a>Lebte die Seife?<\/strong>, <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\"><span class=\"field-content\">Vera Kattler<\/span>\u00a0<\/span>\u00b7 <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor-fix\"><span class=\"field-content\">Danilo Pockrandt.\u00a0<\/span><\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">edition unbewohnt [BoD]\u00a0<\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">2019<\/span><\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eLebte die Seife?\u201c Mit dieser rhetorisch-unheimlichen Frage ist man bereits mittendrin im Kosmos eines Projekts von Vera Kattler (Grafiken) und Danilo Pockrandt (Texte), das sich im ersten Band der edition unbewohnt, die die beiden Urheber damit auch als gegr\u00fcndet&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/29\/lebte-die-seife\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":99806,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794,2744,663],"class_list":["post-76044","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel","tag-danilo-pockrandt","tag-vera-kattler"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76044","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=76044"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76044\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99827,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76044\/revisions\/99827"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99806"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=76044"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=76044"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=76044"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}