{"id":76037,"date":"2016-02-23T00:01:33","date_gmt":"2016-02-22T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=76037"},"modified":"2022-02-23T12:11:53","modified_gmt":"2022-02-23T11:11:53","slug":"gedichte-in-wackligen-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/23\/gedichte-in-wackligen-zeiten\/","title":{"rendered":"Gedichte  in wackligen Zeiten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn die neuen Gedichte und Buchstabenanordnungen von Safiye Can, deren 2014 erschienenes, gefeiertes Deb\u00fct \u201eRose und Nachtigall\u201c mit Liebesgedichten auf die vierte oder gar f\u00fcnfte Auflage zusteuert, vielleicht nicht \u00c4ren pr\u00e4gend sind, die eine oder andere rettende Seite ist wohl darunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDiese Haltestelle hab ich mir gemacht\u201c wirkt ein wenig wie ein, in der Popmusik w\u00fcrde man sagen, Zwischenalbum. Man kennt das von den bedeutenderen Bands \u2013 als E.P. oder B-Seiten-Sammlung \u2013, und oft ist es so, dass sich auf diesen Medien das freiere, eigentlichere Werk der Barden oder des jeweiligen K\u00fcnstlers findet. Ein bisschen sind diese Gedichte auch Pop, ihre gelegentliche Verspieltheit und Leichtherzigkeit, ihre zuweilen eindimensional gelegte Strecke \u00fcberdeckt manchmal den Hauch ihrer Suchbewegung, bei den k\u00fchnen Perlen des Freischwimmens rotiert stets auch ein wenig Bruchwerk mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Safiye Can, Kind tscherkessischer Eltern und im hessischen Literaturhexenkessel wohnhaft, hat aus diesen Umst\u00e4nden heraus eine lyrische Mittlerstellung zwischen der Literatur des Okzi- und des Vor-Orients, so scheint es \u2013 dieses Spezifikum, ihr Umgang mit dieser Arbeit und die eing\u00e4ngige Stimme, die diese Position in der neuesten deutschsprachigen Lyrik vertritt, hat ihr erstes Buch zur saisonalen Sensation werden lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht ganz einfach, angesichts dieses Erfolgsbuchs bei der \u201eHaltestelle\u201c nicht nach selbigem zu schielen, zumal da es sich um das omin\u00f6se zweite Album \u2026 will sagen, literarische Sammelwerk dabei handelt. Oft ist das zweite Buch eine Art Sch\u00e4fermond zwischen den Ringen einer nach dem Deb\u00fct ausbrechenden Druckschleife, es sortiert den Beginn, der oft in gl\u00fccklichem Blindflug absolviert ist, mit dem erwachenden Bewusstsein f\u00fcr eine Art des, wenn auch im Falle der Lyrik, rar gefragten Lieferdienst im Ablicht, in der Albedo einer eingetretenen literarischen \u00d6ffentlichkeit. Gleichwohl mag eine solche Kompilation ein Tummelplatz f\u00fcr das Beiseitegesprochene, sonst nicht Unterzubringende sein. Auch davon findet sich einiges in diesem Band. Gewisserma\u00dfen, so scheint es, ist es die letzte M\u00f6glichkeit, zwischen die Mond- und Planetbahnen des zu erwartenden \u201aerwachsenen\u2018 Werks Asteroiden, Plutinos zu streuen: Konkret-Kram und Halbzeuge wie hier eingeschlossen \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Safiye Can spricht grunds\u00e4tzlich mit fester Stimme, ihr Gestus ist stark und staunend zugleich, mit einer merkw\u00fcrdigen Gedimmtheit, die jedoch nicht den Ruch von taktierender Kleinheit evoziert, im Gegenteil \u2013 sie steht durchaus in der k\u00fchlen Bewusstheit, sich \u201aauszusetzen\u2018. Einer zuweilen halsbrecherischen Mixtur aus poetischer und Alltagssprache eingedenk, ist manches gar \u00fcberkonkret, aus der Schmalspur der Wortspiele geboren:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em; color: #999999;\">\u201eDer \/ Dichter \/ Dichte \/ Dicht \/\/ Er \/ Dichte \/ Dir \/ Dichte \/\/ Ich \/ Dichte \/ Dich \/ Her\u201c (\u201eIhr\u201c);<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">anderes wieder flirrt viel mehr in seiner Bez\u00fcglichkeit, dass es durchaus eine Freude ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eRoutinearbeit\u201c etwa, gleich gegen\u00fcber, ist eines der auf den Punkt gef\u00fchrten Beispiele f\u00fcr die m\u00f6gliche Can\u2019sche Sprache, bei einfachster Verwendung anspielungsreich:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em; color: #999999;\">\u201eSo mancher in seiner Ecke \/ macht just wieder \/ aus allen Elefanten \/ einzeln M\u00fccken \/ um den Tag \/ unbesch\u00e4digt wie m\u00f6glich \/ zu bestehen.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwa in der Mitte des Bands gelagert, m\u00f6gen die Ausz\u00fcge als Beispiele f\u00fcr die Spannweite der in den Zyklen versammelten Texte dienen. Es ist eine merkw\u00fcrdige Stille in vielen dieser Texte \u2013 sie wirkt zum Teil wie sich selbst konterkarierend; auch ein paar Ausrutscher (\u201eKein Manifest 1 &amp; 2\u201c etwa) kreisen aufgrund ihrer Unbedarftheit und partiellen Alyrizit\u00e4t schrill und verloren im Band.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am triftigsten gelingt es Safiye Can, ihren Ton zu halten, in den ersten beiden Kapiteln und im Titelzyklus. Eine stille Zeitl\u00e4ufigkeit paart sich dort mit dem verhaltenen Schreck, wo man denn hingeraten sei:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em; color: #999999;\">\u201eMacht und St\u00e4rke \/ und Dimension der Ferne \/ etwas zuckt auf, wird \/ lebendig, in ihrer Brust \/ die Tragweite der Liebe \/ wo ist oben, wo unten? \/ An der Hauptwache \/ f\u00e4llt ein Olivenzweig \/ zu Boden.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em; color: #999999;\">\u201eim Epizentrum \/ stehen zwei Menschen \/ eng umschlungen, ohne \/ festes Land unter den \/ F\u00fc\u00dfen, es ist zu sp\u00e4t \u2026\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 das \u201aAuseinandergehende\u2018 und \u201aZusammenstrebende\u2018 einer in die Verw\u00fcstung, im besten Fall noch in eine oberfl\u00e4chliche, nicht ernst gemeinte Verfreundschaftung geratenden \u00c4ra bildet sich ab, setzt nicht zuletzt angesichts der grafischen Gestaltung durch Ferdi Tosunlu und die \u00dcbertragung eines Gro\u00dfteils der titelgebenden Texte ins Englische durch Hakan Ak\u00e7it am Ende der Sammlung einen windrosigen Hauch zwischen die Rippenb\u00f6gen der Vereinzelung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Tat, manche Stelle dieses Buchs scheint geeignet, einem den Tag zu retten:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em; color: #999999;\">\u201ewie viele T\u00fcren \/ sie auch schlie\u00dfen \/ neue \/ gehen auf.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sei\u2019s drum. In wackligen Zeiten gemacht, teils plakatf\u00f6rmig gebreitet, teils in \u00e4u\u00dferster Knappung, sind diese Texte kr\u00e4ftige Spiegelungen, Spiegelbewegungen, eine Suche nach den Augen der Anderen, und sei es nur, um ein einziges Gegen\u00fcber zu finden \u2013 was ja der Grund alles Lyrischen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"views-field views-field-title\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><strong>Diese Haltestelle hab ich mir gemacht<\/strong>, Gedichte von <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor-fix\">Safiye Can.\u00a0<\/span><\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Gr\u00f6\u00dfenwahn Verlag\u00a0<\/span><span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-jahr\"><span class=\"field-content\">2015<\/span><\/span><\/div>\n<div>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Auch wenn die neuen Gedichte und Buchstabenanordnungen von Safiye Can, deren 2014 erschienenes, gefeiertes Deb\u00fct \u201eRose und Nachtigall\u201c mit Liebesgedichten auf die vierte oder gar f\u00fcnfte Auflage zusteuert, vielleicht nicht \u00c4ren pr\u00e4gend sind, die eine oder andere rettende Seite&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/23\/gedichte-in-wackligen-zeiten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":99806,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794,691],"class_list":["post-76037","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel","tag-safiye-can"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76037","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=76037"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76037\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99855,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76037\/revisions\/99855"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99806"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=76037"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=76037"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=76037"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}