{"id":75967,"date":"2009-04-03T00:01:50","date_gmt":"2009-04-02T22:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=75967"},"modified":"2021-01-14T07:24:25","modified_gmt":"2021-01-14T06:24:25","slug":"das-hausbuch-der-kritischen-intelligenz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/04\/03\/das-hausbuch-der-kritischen-intelligenz\/","title":{"rendered":"Das Hausbuch der kritischen Intelligenz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das Leben lebt nicht<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ferdinand K\u00fcrnberger<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Minima Moralia<\/em> wurden von Theodor W. Adorno aus der Ersch\u00fctterung \u00fcber den Terror im faschistischen Deutschland geschrieben worden. Sie gehen auf Notizen zur\u00fcck, die der Autor in den Jahren seines Exils in England seit 1934 und den USA seit 1938 niedergeschrieben hat; die meisten St\u00fccke entstanden zwischen 1944 und 1947 im kalifornischen Exil. Die <em>Minima Moralia<\/em> wird auch als \u201eeine aphoristische Fortsetzung der <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em>\u201c verstanden. Sie schlie\u00dfen thematisch an deren letztes Kapitel mit der Kritik der Kulturindustrie an, greifen aber weit dar\u00fcber hinaus. \u00a0Adorno brachte die Arbeit aus dem amerikanischen Exil mit nach Deutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Titel <em>Minima Moralia<\/em> (\u201eKleine\u201c oder \u201eKleinste Ethik\u201c) verweist auf den lateinischen Titel eines traditionell Aristoteles zugeschriebenen Werks, die <em>Magna Moralia<\/em> (\u201eGro\u00dfe Ethik\u201c). Die ironische Umkehrung des Titels bezieht sich weniger auf den Umfang des Buches oder die L\u00e4nge seiner Beitr\u00e4ge, sondern auf den inhaltlichen Anspruch. Denn die Schrift enth\u00e4lt keine Lehre vom guten Leben im Sinne der philosophischen Tradition, sondern Gedanken \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit, unter den gegebenen Zeitumst\u00e4nden im nachliberalen Kapitalismus und Faschismus ein richtiges Leben zu f\u00fchren. Nur als Negation der Adorno gegenw\u00e4rtigen, entfremdeten Lebensweise lassen die Aphorismen wenigstens noch die Ahnung von Formen eines guten und richtigen Lebens wachhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem mit <em>Zueignung<\/em> \u00fcberschriebenen Vorwort spricht Adorno von der \u201eLehre vom richtigen Leben\u201c als der \u201etraurigen Wissenschaft\u201c (MM 13) im Gegensatz zu Nietzsches Charakterisierung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/04\/01\/gott-ist-tot-nietzsche-bleibt-unsterblich\/\"><em>fr\u00f6hliche Wissenschaft<\/em><\/a> und bem\u00fcht damit ein weiteres Antonym.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichsam programmatisch hat Adorno dem ersten Teil seiner St\u00fccke Ferdinand K\u00fcrnbergers Ausspruch \u201eDas Leben lebt nicht\u201c als Motto vorangestellt (MM 20) und res\u00fcmiert in seinem wohl meistzitierten Satz: \u201eEs gibt kein richtiges Leben im falschen\u201c (MM 43). In seiner Vorlesung <em>Probleme der Moralphilosophie<\/em> (Wintersemester 1956\/57) relativierte Adorno seine Sentenz dahingehend, dass man stets so zu leben bem\u00fcht sein sollte, \u201ewie man in einer befreiten Welt glaubt leben zu sollen, gleichsam durch die Form der eigenen Existenz, mit all den unvermeidbaren Widerspr\u00fcchen und Konflikten, die das nach sich zieht, versuchen, die Existenzform vorwegzunehmen, die die eigentlich richtige w\u00e4re. [\u2026] Die wichtigste Form, die das heute hat, ist der Widerstand.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den <em>Minima Moralia<\/em> beantwortet Adorno die Frage, was das \u201erichtige Leben\u201c ausmache, durchgehend in negativer Weise, als bestimmte Negation: \u201eEr setzt bei dem an, &#8218;was nicht sein soll&#8216;, bzw. am Leben in seiner &#8218;verkehrten&#8216; oder &#8218;entfremdeten Gestalt&#8216;.\u201c F\u00fcr Albrecht Wellmer enthalten die <em>Minima Moralia<\/em> Adornos Lehre vom richtigen Leben wie in Spiegelschrift. Entschieden weigert sich Adorno, Inhalt und Ziel einer emanzipierten Gesellschaft n\u00e4her zu bestimmen (was schon Thomas Mann erheblich irritierte). Lediglich \u201edass keiner mehr hungern soll\u201c (MM S. 176) nennt er als Minimalbedingung. Gleichwohl bekr\u00e4ftigt er die Differenz zwischen Richtig und Falsch und will sich den \u201eTraum eines Daseins ohne Schande\u201c nicht \u201eabw\u00fcrgen\u201c (MM S. 95) lassen. F\u00fcr Martin Seel sieht Adorno in der Achtung vor dem Individuellen den Kern eines guten menschlichen Lebens. In dem Aphorismus <em>Sur l&#8217;eau<\/em> (\u201eAuf\/\u00dcber dem Wasser\u201c) stellt er \u201edem Modell der Produktion [\u2026] ein Modell der Kontemplation\u201c gegen\u00fcber, das er als Leitbild eines guten und richtigen Lebens in ein utopisches Bild fasst: \u201eauf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, &#8217;sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erf\u00fcllung&#8216; k\u00f6nnte anstelle von Prozess, Tun, Erf\u00fcllen treten\u201c (MM 177). Nicht minder utopisch liest sich Adornos letzter Gedanke in diesem Buch: \u201ePhilosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist\u201c, solle die Dinge so betrachten, \u201ewie sie vom Standpunkt der Erl\u00f6sung aus sich darstellten\u201c (MM S. 281). Darin offenbart sich f\u00fcr G\u00fcnter Figal \u201eder gebrochene theologische Impuls von Adornos Denken\u201c, nachdem schon sein intellektuelles Vorbild, Walter Benjamin, die Revolution in den Kontext einer Art Befreiungstheologie ger\u00fcckt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>Minima Moralia<\/em> findet sich auch Adornos ber\u00fchmter und schon sprichw\u00f6rtlich gewordener Ausspruch \u201eDas Ganze ist das Unwahre\u201c (MM 55), der den Hegelschen Satz \u201eDas Wahre ist das Ganze\u201c umkehrt. Kritiker erkannten in Adornos Behauptung einen Widerspruch; denn wenn \u201edas Ganze\u201c unwahr sei, dann \u201elie\u00dfe sich die Wahrheit \u00fcber es gar nicht aussprechen\u201c. Offensichtlich urteilt Adorno von einer \u201eprivilegierten Erkenntnisposition\u201c aus, die \u201e\u00fcber diesen [tats\u00e4chlich vorfindlichen] Bewusstseinsstand hinausreicht\u201c (MM 234) und gegen diese Einsicht kein Vetorecht duldet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Minima Moralia<\/strong><em>. Reflexionen aus dem besch\u00e4digten Leben, von <\/em>Theodor W. Adorno. Suhrkamp, Berlin\/Frankfurt am Main 1951<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Minima_Moralia_Suhrkamp_2003.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-75972 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Minima_Moralia_Suhrkamp_2003-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Minima_Moralia_Suhrkamp_2003-184x300.jpg 184w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Minima_Moralia_Suhrkamp_2003-160x262.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/Minima_Moralia_Suhrkamp_2003.jpg 260w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/a>Die von Theodor W. Adorno gew\u00e4hlten Formen des Kurzessays, der Miniatur, des Langaphorismus und Denkbildes haben ihre Vorl\u00e4ufer im romantischen Fragment, aber auch in Nietzsches Aphorismensammlung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/04\/01\/gott-ist-tot-nietzsche-bleibt-unsterblich\/\"><em>Menschliches, Allzumenschliches<\/em><\/a> und Walter Benjamins <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/02\/nachtragsliste-zur-einbahnstrasse\/\"><em>Einbahnstra\u00dfe<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Leben lebt nicht Ferdinand K\u00fcrnberger Die Minima Moralia wurden von Theodor W. Adorno aus der Ersch\u00fctterung \u00fcber den Terror im faschistischen Deutschland geschrieben worden. 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