{"id":75912,"date":"2021-01-19T00:01:08","date_gmt":"2021-01-18T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=75912"},"modified":"2022-02-28T15:04:42","modified_gmt":"2022-02-28T14:04:42","slug":"der-mann-ohne-eigenschaften-eine-utopie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/19\/der-mann-ohne-eigenschaften-eine-utopie\/","title":{"rendered":"Der Mann ohne Eigenschaften \u2013 eine Utopie?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Dichtung hat nicht die Aufgabe, das zu schildern, was ist, sondern das, was sein soll; oder das, was sein k\u00f6nnte, als Teill\u00f6sung dessen, was sein soll.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Robert Musil<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Romanbeginn mit der leicht ironisch an Goethes Autobiographie <em>Dichtung und Wahrheit<\/em> angelehnten meteorologischen Beschreibung eines sch\u00f6nen Augusttages 1913, dem Spiel mit der Fiktionalit\u00e4t der hier auftretenden Romanfiguren und dem Autounfall, der die Ortsbeschreibung ins Dramatische ausweitet, l\u00e4sst sich verstehen als vorausweisende Anspielung auf die fragw\u00fcrdige Identit\u00e4t des Helden und der anderen Gestalten in der Figurenkonstellation des Romans, der offenbar ein sinnlich philosophierender Essay \u00fcber die Frage ist: Was ist die Person? Was ist deren Schicksal, und was ist das, was wir Geschichte und Geschichtsschreibung nennen, und zwar im doppelten Sinn des Begriffs Geschichte. Ist jeder seines Gl\u00fcckes oder Ungl\u00fcckes Schmied? Welche Rolle spielt das, was wir Zufall nennen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autounfall am Ende des 1. Kapitels wird erz\u00e4hlt ohne Untersuchung seiner Ursachen. Er spielt m\u00f6glicherweise auch an auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, auf eine gesellschaftliche Katastrophe im gr\u00f6\u00dften Ma\u00dfstab, vielleicht ist hier schon das Scheitern der Romanvollendung angelegt, der trotz gr\u00f6\u00dfter Bem\u00fchung seines Autors ein Fragment blieb und weder eine kausale Geschlossenheit noch einen Sinn unserer Existenz aufzeigt. Statt Scheitern kann man auch sagen: das Ende des Romans ist offen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich, die Hauptfigur des Romans, fasst sich als einen Essayisten seines Lebens auf, als einen \u201aVersucher\u2018, als Sucher einer besseren Welt. \u201eEin Mann, der die Wahrheit will, wird Gelehrter; ein Mann, der seine Subjektivit\u00e4t spielen lassen will, wird vielleicht Schriftsteller; was aber soll ein Mann tun, der etwas will, das dazwischen liegt?\u201c (62. Kapitel <em>Auch die Erde, namentlich aber Ulrich, huldigt der Utopie des Essayismus<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd alles, was Ulrich im Lauf der Zeit Essayismus und M\u00f6glichkeitssinn und phantastische, im Gegensatz zur pedantischen Genauigkeit genannt hatte, die Forderungen, da\u00df man Geschichte erfinden m\u00fc\u00dfte, da\u00df man Ideen-, statt Weltgeschichte leben sollte, da\u00df man sich dessen, was sich nie ganz verwirklichen l\u00e4\u00dft, zu bem\u00e4chtigen und am Ende vielleicht so zu leben h\u00e4tte, als w\u00e4re man kein Mensch, sondern blo\u00df eine Gestalt in einem Buch, von der alles Unwesentliche fortgelassen ist, damit sich das \u00fcbrige magisch zusammenschlie\u00dfe, &#8211; alle diese, in ihrer ungew\u00f6hnlichen Zuspitzung wirklichkeitsfeindlichen Fassungen, die seine Gedanken angenommen hatten, besa\u00dfen das Gemeinsame, da\u00df sie auf die Wirklichkeit mit einer unverkennbaren schonungslosen Leidenschaftlichkeit einwirken wollten.\u201c (116. Kapitel <em>Die beiden B\u00e4ume des Lebens &#8230; und die Forderung eines Generalsekretariats der Genauigkeit und Seele<\/em>) In diesem Versuch bilden Robert Musil und seine \u201aessayistische\u2018 Romanfigur Ulrich eine Einheit. So erz\u00e4hlt der Roman in der ironisch-kritischen Darstellung der Zeit am Beispiel \u201eKakaniens\u201c (gemeint ist der Vielv\u00f6lkerstaat der Donaumonarchie) die Utopie eines besseren Lebens. Ulrich ist entschieden der Ansicht, \u201eda\u00df nur eine Frage das Denken wirklich lohne, und das sei die des rechten Lebens.\u201c (62. Kapitel)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 32-j\u00e4hrige Protagonist des Romans, dessen Nachname mit (fiktiv-ironischer) R\u00fccksicht auf die gesellschaftliche Stellung seines Vaters nicht genannt wird, geht unentschieden durch sein Leben, halb suchend nach einer existenziellen Bestimmung, die seinem Wesen gerecht wird, und so ist er in seinem dritten Berufsversuch \u2013 dem Autor sehr \u00e4hnlich \u2013 Mathematiker geworden, nachdem er Karrieren beim Milit\u00e4r und in der Technik verworfen hatte; halb nimmt er hin, was die Zuf\u00e4lle des materialistisch aufgefassten Seins ihm bieten. Er sieht sich daher als einen Mann ohne Eigenschaften. Sein Vater, ein bedeutender Jurist, vermittelt ihm eine T\u00e4tigkeit bei Graf Leinsdorf, einem hochgestellten Regierungsbeamten, und arbeitet mit an der Organisation der \u201eParallelaktion\u201c: Im Jahr 1918 soll Franz Joseph als \u201eFriedenskaiser\u201c des \u201ewahren \u00d6sterreichs\u201c mit seinem 70-j\u00e4hrigen Regierungsjubil\u00e4um das 30-j\u00e4hrige Regierungsjubil\u00e4um des deutschen Kaisers Wilhelm II. \u00fcberbieten. Alle Schichten und Eliten der Bev\u00f6lkerung sollen f\u00fcr diesen Zweck aufgeboten und begeistert werden, um die Gr\u00f6\u00dfe eines \u201eWelt\u00f6sterreichs\u201c zu pr\u00e4sentieren. Genauere Sinnfindungen werden im \u201aKonzil\u2018 diskutiert, eine Versammlung eingeladener, bedeutender K\u00f6pfe. Sie tagt im Haus von Diotima Tuzzi, Ehefrau eines wichtigen, f\u00fcr Au\u00dfenpolitik zust\u00e4ndigen Sektionschefs in der Regierung und Cousine Ulrichs. Brisant ist die Teilnahme des universal gebildeten Unternehmers Paul Arnheim, eines Preu\u00dfen, den Diotima verehrt und der eine starke Wirkung auf alle anderen aus\u00fcbt; Arnheim ist eine hintergr\u00fcndig kritische Parodie des neuen Menschen im regierenden Zeitgeist, Musil lehnt ihn an den deutschen Unternehmer und Politiker Walter Rathenau an. Der Preu\u00dfe Arnheim glaubt, \u201eda\u00df das schaffende und recht beschaffene Leben beiweitem ein gr\u00f6\u00dferes Gedicht sei als alle, die Dichter in ihren Schreibstuben ersannen\u201c. Er w\u00fcnscht, dass die Hoffnung, Kultur im ganzen k\u00f6nne \u201apoetisiert\u2018 werden, den Platz der aufkl\u00e4rerischen Hoffnung einnimmt, Kultur k\u00f6nne \u201avern\u00fcnftig\u2018 gemacht oder \u201averwissenschaftlicht\u2018<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">werden &#8230; Auch ein einzelner Mensch kann ein Gedicht sein, und so kann er seinem Leben Sinn geben \u2013 selbst den konservativen, regierungsklugen Hofrat Graf Leinsdorf h\u00e4lt er f\u00fcr ein Gedicht, seine Arbeit habe poetischen Charakter. \u00dcberhaupt zieht den Preu\u00dfen Arnheim \u00d6sterreich an, hier gebe es noch Vergangenheit, die Menschen h\u00e4tten sich noch etwas von der urspr\u00fcnglichen Intuition bewahrt, nur von diesem seelenvollen Land k\u00f6nnte \u201edie Erl\u00f6sung des deutschen Wesens vom Rationalismus ausgehen\u201c, doch \u201ewir leben sozusagen im Zustand eines mit Ideen bewaffneten Moralfriedens.\u201c Die gro\u00dfen Ideen k\u00f6nnten sich nicht gegen die Widerst\u00e4nde in einer immer rationaler werdenden Welt durchsetzen. (114. Kapitel <em>Die Verh\u00e4ltnisse spitzen sich zu &#8230;<\/em>) Arnheim ist der aktive, handelnde Universaldenker und Unternehmer, der Rationale und offene, poetische Gestalter, f\u00fcr den die Liebe das \u00fcbergreifende Movens und Ziel bedeutet \u2013 Ulrich scheint da gar nicht so weit von Arnheims Ziel entfernt zu sein, beide wollen die Welt verbessern. Doch wenn Arnheim sagt: \u201eWir werden geboren, um uns unser K\u00f6nigreich selbst zu schaffen\u201c (112. Kapitel <em>Arnheim versetzt seinen Vater unter die G\u00f6tter und fa\u00dft den Beschlu\u00df, sich Ulrichs zu bem\u00e4chtigen &#8230;<\/em>), so meint er damit den Wirtschaftsliberalismus, also die Idee, mit der Zeit und mit den Moden zu gehen und \u201ediesen bew\u00e4hrten Fabrikationsgrundsatz auch auf die Herstellung des Lebens anzuwenden\u201c (90. Kapitel), und das ist keine Gesellschaftsutopie, wie sie Ulrich vorschwebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich f\u00fchlt sich zwar seinem \u201eaktiven Passivismus\u201c zugeh\u00f6rig, aber ihm d\u00e4mmert, \u201eda\u00df sich die Zeit der heroisch-politischen Geschichte, die vom Zufall und seinen Rittern gemacht wird, zum Teil \u00fcberlebt hat und durch eine planm\u00e4\u00dfige L\u00f6sung, \u201ean der alle beteiligt sind, die es angeht, ersetzt werden mu\u00df.\u201c (Schluss des 83. Kapitels <em>Seinesgleichen geschieht oder warum erfindet man nicht Geschichte?<\/em>) In einer heftigen Diskussion mit Walter behauptet er (84. Kapitel <em>Behauptung, da\u00df auch das gew\u00f6hnliche Leben von utopischer Natur ist<\/em>), \u00e4hnlich wie Arnheim, \u201eda\u00df unser Dasein ganz und gar aus Literatur bestehen sollte.\u201c Als ihm Walter vorh\u00e4lt: \u201e&#8230; dein Leben nach Art der Kunst &#8230; bedeutet nichts anderes als das Ende der Kunst\u201c, antwortet Ulrich lachend: \u201eWei\u00dft du denn nicht, da\u00df jedes vollkommene Leben das Ende der Kunst w\u00e4re?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arnheim meint: \u201e&#8230; letzten Endes kommen alle Gedanken aus den Gelenken, Muskeln, Dr\u00fcsen, Augen, Ohren und den schattenhaften Gesamteindr\u00fccken, die der Hautsack, zu dem sie geh\u00f6ren, von sich im ganzen hat. Die vergangenen Jahrhunderte haben vielleicht einen schweren Irrtum begangen, indem sie auf Verstand und Vernunft, auf \u00dcberzeugung, Begriff und Charakter zu viel Wert legten &#8230; Also sann Arnheim als Kaufmann und zugleich bis in die zwanzig Spitzen seiner Finger und Zehen erregt \u00fcber den freien geistig-k\u00f6rperlichen Verkehr einer bevorstehenden Zeit, und es erschien ihm nicht ausgeschlossen, da\u00df etwas Kollektives, Panlogisches im Entstehen sei und da\u00df man sich, den veralteten Individualismus verlassend, mit der ganzen \u00dcberlegenheit und Erfindungsgabe der wei\u00dfen Rasse auf dem R\u00fcckweg zu einer Reform des Paradieses befinde &#8230;\u201c (90. Kapitel <em>Die Entthronung der Ideokratie<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da wird deutlich, dass Arnheims Begriff einer Poesie des Lebens im Gegensatz zu Ulrich darin besteht, den Kapitalismus als freies Spiel der marktwirtschaftlichen Kr\u00e4fte mitsch\u00f6pferisch sich entfalten zu lassen und als angemessene Lebensform zu gestalten: \u201eDer Kapitalismus, als Organisation der Ichsucht nach der Rangordnung der Kr\u00e4fte, sich Geld zu verschaffen, ist geradezu die gr\u00f6\u00dfte und dabei noch humanste Ordnung &#8230;\u201c, denkt er. \u201eEin moralisches Leben kam ihm als etwas Totes vor, und eine verborgene Abneigung gegen Moral und Ordnung machte ihn err\u00f6ten. Es erging Arnheim nicht anders wie seinem ganzen Zeitalter. Dieses betet das Geld, die Ordnung, das Wissen, Rechnen, Messen und W\u00e4gen, alles in allem also den Geist des Geldes und seiner Verwandten an und beklagt das zugleich.\u201c Im Hinblick auf seine Liebe zu Diotima begr\u00fcndet er seine Unentschlossenheit mit den Worten: \u201eEin seiner Verantwortung bewu\u00dfter Mann darf schlie\u00dflich auch, wenn er Seele schenkt, nur die Zinsen zum Opfer bringen und niemals das Kapital!\u201c (106. Kapitel <em>Glaubt der moderne Mensch an Gott oder an den Chef der Weltfirma? Arnheims Unentschlossenheit<\/em>) Man m\u00fcsse mit der Zeit gehen, meint Arnheim, der trotz und wegen der pers\u00f6nlichen Unterschiede \u2013 Arnheim verwirft vor allem Ulrichs Auffassung, \u201edas Leben m\u00fcsse sich dem Geist anpassen\u201c, weil so das Leben zu kurz komme \u2013 Ulrich f\u00fcr sich gewinnen will, auch seine Freundschaft: \u201eDieser Mann besa\u00df noch unverbrauchte Seele: da es sich um eine intuitive Eingebung handelte, h\u00e4tte Arnheim nicht genau angeben k\u00f6nnen, was er damit meinte; aber irgendwie war es so, da\u00df jeder Mensch, wie er wu\u00dfte, seine Seele mit der Zeit in Verstand, Moral und gro\u00dfe Ideen aufl\u00f6st, was ein unwiderruflicher Vorgang ist; und bei seinem Freundfeind war der nicht bis zu Ende geraten, so da\u00df etwas \u00fcbrig blieb, dessen zweideutigen Reiz man nicht recht bezeichnen konnte, aber daran erkannte, da\u00df dieses Etwas ungew\u00f6hnliche Verbindungen mit Elementen aus der Sph\u00e4re des Seelenlosen, Rationalen und Mechanischen einging, die sich nicht mehr recht zu den Kulturinhalten z\u00e4hlen lie\u00dfen.\u201c (112. Kapitel)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je l\u00e4nger die Vorbereitungen der Parallelaktion andauern, umso komplexer wird alles, die gro\u00dfe Sache gewinnt skurrile und satirische Z\u00fcge, wird unrealistischer und schlie\u00dflich absurd \u2013 wie im 85. Kapitel <em>General Stumms Bem\u00fchung, Ordnung in den Zivilverstand zu bringen<\/em>) \u2013 man sucht ihre Bestimmung, ihre Seele, und es bleibt im Grunde alles eine Aktion ohne Eigenschaften; ihrer Entwicklung fehlt es an Zusammenhang, sie ist ziellos, ungesteuert und zuf\u00e4llig. General Stumm, der zun\u00e4chst nicht gerade als ein Repr\u00e4sentant der geistigen Elite erscheint, macht mit seinem einfachen, aber unverstellten Verstand klar, dass die Suche nach der gro\u00dfen Idee f\u00fcr die Parallelaktion, also die Suche nach dem Wesen und der Ordnung \u201eWelt\u00f6sterreichs\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nicht gelingen kann. In einem kabarettistisch anmutenden Vergleich der zivilistischen Ordnung mit der Hofbibliothek erkl\u00e4rt der General im Gespr\u00e4ch mit Ulrich: \u201e&#8230; jetzt stell dir blo\u00df eine ganze, universale, eine Menschheitsordnung, mit einem Wort eine vollkommen zivilistische Ordnung vor: so behaupte ich, das ist der K\u00e4ltetod, die Leichenstarre, eine Mondlandschaft, eine geometrische Epidemie!\u201c Der Bibliotheksdiener, so Stumm, habe ihm vorgeschlagen, er solle \u201eKant lesen oder so etwas dergleichen, \u00fcber die Grenzen der Begriffe und des Erkenntnisverm\u00f6gens.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stumm erkennt am Milit\u00e4r, wo die gr\u00f6\u00dfte realisierte Ordnung herrscht: \u201eIrgendwie geht Ordnung in das Bed\u00fcrfnis nach Totschlag \u00fcber.\u201c Schlie\u00dflich fragt der General sich sogar: \u201e\u201aUnd was ist denn \u00fcberhaupt Geist?! &#8230; Er geht doch nicht um Mitternacht in einem wei\u00dfen Hemd um; was sollte er also anders sein als eine gewisse Ordnung, die wir unseren Eindr\u00fccken und Erlebnissen geben?! Aber dann,\u2018 schlo\u00df er entschieden, mit einem begl\u00fcckenden Einfall \u201awenn Geist nichts ist als geordnetes Erleben, dann braucht man ihn in einer ordentlichen Welt \u00fcberhaupt nicht!\u2018 \u201c Hier spricht im \u201aNarrengewand\u2018 des Generals wohl auch der Autor selbst. Vielleicht wird der Humor dieses Kapitels noch \u00fcbertroffen im 13. Kapitel des Zweiten Buchs (<em>Ulrich kehrt zur\u00fcck und wird durch den General von allem unterrichtet, was er vers\u00e4umt hat<\/em>), als klar wird, dass sich Stumm und Ulrich gegenseitig vollkommen durchschauen: \u201e \u201aWei\u00dft du, da\u00df du ein Schuft geworden bist?! Auf dein Wohl!\u2018 \u201c, prostet Ulrich. \u2013 Es sind gerade diese Kapitel besonders treffende Karikaturen Kakaniens, die ein n\u00fcchternes Bild der Existenz des Einzelnen und der Gesellschaft zeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles stagniert, das \u201aKonzil\u2018 im Hause Tuzzi scheitert von Anfang an, das wird allen bewusst, als es zum Eklat kommt (116. Kapitel): Der inner circle \u2013 Graf Leinsdorf, Ulrich, Arnheim, Diotima, General von Stumm und Tuzzi, der Hausherr \u2013 ist uneins, die Ideen und Kr\u00e4fte stehen sich gegenseitig im Wege. Untergr\u00fcndig laufen l\u00e4ngst Intrigen zwischen den beteiligten Interessengruppen \u2013 diese finden in den wachsenden au\u00dfenpolitischen Spannungen ihre Entsprechung. Ulrich schl\u00e4gt schlie\u00dflich \u00fcberraschend eine \u201egeistige Generalinventur\u201c vor: \u201eWir m\u00fcssen ungef\u00e4hr das tun, was notwendig w\u00e4re, wenn ins Jahr 1918 der J\u00fcngste Tag fiele, der alte Geist abgeschlossen werden und ein h\u00f6herer beginnen sollte. Gr\u00fcnden Sie\u201c, sagt er zu Leinsdorf, \u201eim Namen Seiner Majest\u00e4t ein Erdensekretariat der Genauigkeit und Seele; alle anderen Aufgaben sind vorher unl\u00f6sbar oder nur Scheinaufgaben!\u201c Diese \u00c4u\u00dferung ist zugleich gegen Arnheim, den Mittelpunkt des Konzils, gerichtet, was Leinsdorf gef\u00e4llt, weil ihn der Preu\u00dfe in seinem \u201eWelt\u00f6sterreich\u201c st\u00f6rt, und so verteidigt er Ulrich, auch wenn er sich nicht wirklich hinter ihn stellt und wohl auch gar nicht vollkommen begreift, w\u00e4hrend Arnheim Ulrich scharf angeht: \u201eGlauben Sie denn selbst an alles, was Sie gesagt haben?!\u201c Ulrich f\u00fchlt sich isoliert in der Runde. Er erinnert sich in dieser Situation daran, dass er Tuzzi einmal verriet, \u201eer werde sich t\u00f6ten, wenn das Jahr seines Lebensurlaubs ohne Ergebnis verstreiche\u201c. In diesem Motiv verbindet sich das individuelle Lebensmoment mit dem gesellschaftlichen Ganzen. Ulrich will kein Leben als Mann ohne Eigenschaften, der sich weder f\u00fcr eine Frau entscheiden kann noch in einer Welt leben will, der er sich unterwerfen soll. Er bef\u00fcrchtet, dass seine Versuche, auf die Wirklichkeit einzuwirken, scheitern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe und Ehe geh\u00f6ren zum enzyklop\u00e4dischen Plan des Romans. Im 38. Kapitel (<em>Clarisse und ihre D\u00e4monen<\/em>) schildert der allwissende Erz\u00e4hler das leidenschaftlich-innige vierh\u00e4ndige Klavierspiel des mit Ulrich befreundeten Ehepaars, Clarisse und Walter, so anschaulich, dass der Leser meint, der Erz\u00e4hler beschreibe in vierh\u00e4ndiger Virtuosit\u00e4t die manischen Gef\u00fchlserregungen des Paars, dessen Gemeinsamkeit und Gleichklang sich jedoch nur in der Musik ausdr\u00fcckt, als w\u00e4ren eheliche Defizite zu kompensieren. Doch da \u201esprang Clarisse mitten im Spiel auf und schlug das Klavier zu, so da\u00df Walter kaum die Finger retten konnte. Oh, tat es weh! Noch ganz erschrocken, begriff er alles. Das war Ulrichs Kommen &#8230; Ganz und gar liebe sie Ulrich nicht, versicherte sie &#8230; Aber sie f\u00fchle sich angesteckt durch ihn wie ein Licht. Sie f\u00fchle sich wieder etwas mehr leuchten und gelten, wenn er in der N\u00e4he sei &#8230; Und was sie f\u00fchle, ginge keinen an, Ulrich nicht und Walter nicht!\u201c Die Szene wirkt im Kontext der essayistischen Abhandlungen \u00fcber Geist und Seele wie ein Scherzo; \u00fcberhaupt ist so manches, das in der Erz\u00e4hlung sehr ernst daherkommt, voller Ironie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clarisse erz\u00e4hlt (im 70. Kapitel <em>Clarisse besucht Ulrich, um ihm eine Geschichte zu erz\u00e4hlen<\/em>) Ulrich von einem Erlebnis, das die Macht des K\u00f6rperlichen noch eindrucksvoller zeigt: Ihr Vater, van Helmond, verliebt sich, als Clarisse 15 Jahre alt ist, in ihre ebenso junge Freundin Lucy, und Lucy l\u00e4sst es sich gefallen. Als Lucy unerwartet zu einer Reise abgeholt wird, f\u00e4llt van Helmond in eine tiefe Depression, er malt auch nicht mehr. Eines Nachts bemerkt Clarisse, wie jemand zu ihrem Zimmer die Treppen hochsteigt, und sie ahnt sofort, dass es ihr Vater ist, der die T\u00fcr \u00f6ffnet und sich zu ihr ins Bett legt. Mit einer Hand streichelt er ihr Gesicht, die andere ber\u00fchrt ihre Brust und will tiefer gleiten \u2013 Clarisse kann sich ihm entwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im 73. Kapitel (<em>Leo Fischels Tochter Gerda<\/em>) werden Anf\u00e4nge des Faschismus angedeutet: Gerda, Tochter des j\u00fcdischen Bankiers Leo Fischel, liebt einen jungen Mann, der dem \u201echristgermanischen Kreis junger Leute\u201c angeh\u00f6rt, er ist \u201eGegner der j\u00fcdischen Gesinnung\u201c. Der Vater ist fast machtlos, zumal seine Frau nicht zu ihm h\u00e4lt. Er bittet Ulrich, seine Tochter zum Abbruch ihrer Beziehung mit ihrem christgermanischen Freund Hans Sepp zu bewegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den letzten Kapiteln (117-123) des Ersten Buchs spitzt sich die Unf\u00e4higkeit zu lieben und die Einsamkeit der Romanfiguren zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soliman, der junge, fast noch knabenhafte Diener Arnheims, und Rachel, das junge Hausm\u00e4dchen Diotimas, finden nur m\u00fchsam zueinander, nicht nur weil sie beide jung und unerfahren sind, sondern Tag und Nacht abh\u00e4ngig sind von ihrer Herrschaft, bei der sie wohnen, so dass sie kein freies Privatleben haben. Sie treffen sich heimlich in Rachels Kammer und befriedigen ihren Trieb in Angst und Gefahr, entdeckt zu werden, in unbequemen Verh\u00e4ltnissen und unter Zeitdruck, Rachel zudem in der Gefahr, schwanger zu werden. (117. Kapitel <em>Rachels schwarzer Tag<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das folgende Kapitel deckt erneut auf, wie br\u00fcchig die Ehe von Walter und Clarisse ist. Sie will kein Kind von ihm: \u201eStatt selbst etwas zu leisten, m\u00f6chtest du dich in einem Kind fortsetzen!\u201c Clarisse verweigert sich ihrem Mann und erkl\u00e4rt ihm, wie widerw\u00e4rtig er ihr sei. Zur Eifersucht Walters auf Ulrich, die sie schon lange sch\u00fcrt, sagt sie: \u201eWenn du Ulrich t\u00f6ten willst, so t\u00f6te ihn doch! &#8230; Wenn er dich an deinem Werk hindert, so darfst du ihn aus dem Weg r\u00e4umen!\u201c Walter ahnt, dass Clarisse allm\u00e4hlich dem Wahnsinn verfallen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen hat sich Gerda von Hans gel\u00f6st, der ihr mit seinem v\u00f6lkischen Geschw\u00e4tz nur wichtig war, um Distanz zu ihren Eltern zu schaffen und erwachsen zu werden \u2013 ein schwieriger Akt in der b\u00fcrgerlich verfassten Gesellschaft dieser Zeit. Sie schw\u00e4rmt f\u00fcr Ulrich, aber es ist nur eine Gegenbewegung zum bisherigen Zustand. Sie sucht seine N\u00e4he, sie will ihm eine wichtige Neuigkeit \u00fcber Arnheim mitteilen und besucht ihn. Ulrich nutzt die Gelegenheit, er verf\u00fchrt sie und macht sich \u00fcber sie her \u201ewie ein gro\u00dfer Hund \u00fcber einen heulenden kleinen\u201c, wie er sp\u00e4ter selbst erkennt \u2013 viel zu schnell kommt das f\u00fcr Gerda, Ulrich zieht sie in sein Schlafzimmer, er zieht sich aus, sie schamhaft ebenso: \u201eEs muss sein!\u201c, denkt sie und schl\u00fcpft wie ein kleiner Junge unter die Bettdecke, wo sie kleine Angstschreie ausst\u00f6\u00dft, als Ulrich sich ihr n\u00e4hert. (119. Kapitel <em>Kontermine und Verf\u00fchrung \u2013 <\/em>die Szene ist vorgebildet in <em>Tonka<\/em>, der dritten Erz\u00e4hlung des Erz\u00e4hlbandes <em>Drei Frauen.<\/em>) Der halb ersehnte, halb gef\u00fcrchtete Akt endet, bevor er beginnt. Das sexuelle Fiasco spiegelt die triebunterdr\u00fcckende Verfasstheit der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft vor Ausbruch des Krieges. Das zeigt sich auch an der Ehe von Diotima und Tuzzi \u2013 Diotima liebt Arnheim, ihre Sehnsucht bleibt zu lang platonisch, ihr Bild von Arnheim wird immer idealisierter, und damit unwirklicher, bis ihre Liebe am Ende unm\u00f6glich wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gleiche zeigt sich, als Clarisse Ulrich besucht, nachdem es in der Stadt zu einem verhaltenen Aufruhr vieler Gegner der Parallelaktion gekommen war, der sich nun wieder legt \u2013 er ist sozusagen der kollektive Hintergrund zu den exemplarischen Ereignissen im Vordergrund der Romanfiguren. Ein weiterer, allerdings individueller Hintergrund ist die <em>Aussprache<\/em> (121. Kapitel) zwischen Arnheim und Ulrich: Arnheim versucht Ulrich zu gewinnen, indem er ihm anbietet, sein Generalsekret\u00e4r zu werden. Ulrich sagt nicht zu, er will sich die Antwort \u00fcberlegen. In dieser Aussprache zeigen sich beide weltanschauliche Kontrahenten erstaunlich selbstkritisch; Arnheim will Ulrich nicht nur aus narzisstischen Motiven gewinnen, sondern als Ideengeber in der Wirtschaft verwenden, damit diese nicht betriebsblind wird. Da trifft Clarisse auf Ulrich, der gerade erf\u00e4hrt, dass sein Vater gestorben ist. Clarisse will ein Kind von Ulrich. Nun ist <em>er<\/em> es, der sich verweigert. Ihn erschreckt der deutlich sch\u00e4rfer sich abzeichnende Wahnsinn Clarissens. Er will kein \u201aschattenhaftes\u2018 Leben in einer Beziehung, die begleitet ist von b\u00fcrgerlichen Zw\u00e4ngen und dessen Krankheitssymptomen. Er erkennt, \u201edass seine Einsamkeit \u2013 ein Zustand, der sich ja nicht nur in ihm, sondern auch um ihn befand und also beides verband \u2013 &#8230; da\u00df diese Einsamkeit immer dichter oder immer gr\u00f6\u00dfer wurde. Sie schritt durch die W\u00e4nde, sie wuchs in die Stadt, ohne sich eigentlich auszudehnen, sie wuchs in die Welt. \u201aWelche Welt?\u2018 dachte er. \u201aEs gibt ja gar keine!\u2018 \u201c (123. Kapitel <em>Die Umkehrung<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ernst die Romanfiguren zun\u00e4chst gezeichnet scheinen, so steckt doch a priori ein satirisches Potenzial in ihnen, das nicht immer sofort, sondern sukzessive aufgedeckt wird, etwa durch den Zusammenhang einer Person mit der Parallelaktion, die als satirisches Gro\u00dfmotiv von Anfang an deutlich wird, oder es zeigt sich in den Szenen, wo das private Leben die Gr\u00f6\u00dfe der Person dekonstruiert. Diotima zum Beispiel offenbart in ehelichen Schlafzimmersituationen nicht nur ihre unerf\u00fcllten Gef\u00fchle, sondern in Tr\u00e4umen und schwankenden Gef\u00fchlen ihre Unentschlossenheit und Fragw\u00fcrdigkeit ihrer Leidenschaft f\u00fcr Arnheim, w\u00e4hrend sie im \u201aKonzil\u2018 wie eine zweite Rahel von Varnhagen auftritt und allen gro\u00df erscheint. In den beiden <em>Gro\u00dfschriftsteller<\/em>-Kapiteln (95 und 96) leistet der Erz\u00e4hler die satirische Charakterisierung Arnheims in essayistischen Gedankenspielen \u00fcber den Begriff Gro\u00dfschriftsteller \u2013 mit vernichtendem Ergebnis f\u00fcr diese so schillernde Romanfigur und damit auch f\u00fcr ihr liberalistisches Weltbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ernste wie die satirische Ebene erg\u00e4nzen sich gegenseitig, beide sind g\u00fcltig. Nicht der Ernst eines einzelmenschlichen Schicksals und einer Gesellschaft wird der satirischen Kritik unterworfen, sondern Unf\u00e4higkeit, Scheitern und Sinn menschlichen Handelns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich demonstriert, dass er im Zufallsspiel der Handlungen und in seinem Schicksal nur wenig, vielleicht auch gar nichts willentlich oder durch eigene Taten bewirken kann \u2013 er ist ein \u201eMann ohne Eigenschaften\u201c, und das, was man f\u00fcr \u201aseine\u2018 Eigenschaften, seine ureigene, erarbeitete Identit\u00e4t oder Seele halten k\u00f6nnte, beruht auf Glauben, Suggestion, Fiktion oder Konsens. Ulrich analysiert nicht nur die Scheinwerte seiner Zeit, insbesondere die eines sich selbst t\u00e4uschenden B\u00fcrgertums, sondern auch konsequent sich selbst. Das l\u00e4hmt zwar nicht seine Neugier und kritische Aktivit\u00e4t, macht ihn aber oft handlungsunf\u00e4hig, l\u00e4sst ihn unentschieden sein, und so besitzt er auch keine Bindungsf\u00e4higkeit: weder in seinem beruflichen Werdegang noch in der Liebe. Ulrich selbst spiegelt die \u201eSchlu\u00dfneurose einer an sich selbst zweifelnden und verzweifelnden Zeit\u201c (Adolf Fris\u00e9) und zwar innerhalb eines einzigen Jahres vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fragw\u00fcrdigkeit der Seele demonstriert der im 18. Kapitel beginnende und \u00fcber den Roman verteilte Zyklus des Frauenm\u00f6rders Moosbrugger, der zum Tode f\u00fcr seine ungewollt-unbewussten Taten verurteilt werden will \u2013 sein Schicksal ist nur eine extreme Variante der Seins-Willk\u00fcr von Zufall und Fremdbestimmung, der alle Menschen ausgesetzt sind. Moosbrugger begreift sich und seine Lage nicht. \u201e&#8230; Er ahnte sie dunkel &#8230; So sa\u00df er als die wilde, eingesperrte M\u00f6glichkeit einer gef\u00fcrchteten Handlung wie eine unbewohnte Koralleninsel inmitten eines unendlichen Meeres von Abhandlungen, das ihn unsichtbar umgab.\u201c (110. Kapitel <em>Moosbruggers Aufl\u00f6sung und Aufbewahrung<\/em>) Geht es den komplex miteinander verwobenen und in unendliche Handlungs- und Beziehungsm\u00f6glichkeiten lebenden Figuren dieses Romans anders, wenn sich ihnen konkludente Antworten auf die Sinnfrage weder makrokosmisch erschlie\u00dfen noch im Mikrokosmos ihres Lebens? Die Funktion der Moosbrugger-Kapitel ist es offenbar, diese Erkenntnis zuzuspitzen. Auch hier geht es um die Frage, ob das Leben sich dem Geist anpassen solle oder umgekehrt; der Jurist \u201eholt seine Begriffe nicht aus der Natur, sondern durchdringt die Natur mit der Flamme des Denkens und dem Schwert des Sittengesetzes\u201c (111. Kapitel <em>Es gibt f\u00fcr Juristen keine halbverr\u00fcckten Menschen<\/em>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; &#8211; &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn im Zweiten Buch der dritte Teil mit dem Titel <em>Ins Tausendj\u00e4hrige Reich (Die Verbrecher)<\/em> Ulrichs Schwester Agathe ins Geschehen eintritt, bekommt der Roman, der mit dem stagnierenden \u201aKonzil\u2018 auf der Stelle zu tritt, neue Fahrt. Ulrichs Vater ist gestorben, die Geschwister treffen sich nach langer Zeit wieder und entdecken sich gegenseitig. Am Vorabend der Beerdigung bemerkt Ulrich an Agathe \u201edie \u00c4hnlichkeit des Gesichts. Es war ihm zumute, er w\u00e4re es selbst, der da zur T\u00fcr eingetreten sei und auf ihn zuschreite: nur sch\u00f6ner als er und in einen Glanz versenkt, in dem er sich niemals sah. Zum erstenmal erfa\u00dfte ihn da der Gedanke, da\u00df seine Schwester eine traumhafte Wiederholung und Ver\u00e4nderung seiner selbst sei; &#8230;\u201c (II. Buch, 4. Kapitel <em>Ich hatt\u2018 einen Kameraden<\/em>) Die beiden kommen sich n\u00e4her, sie verstehen sich und sp\u00fcren ihre Zusammengeh\u00f6rigkeit, sie diskutieren Tag f\u00fcr Tag \u00fcber die Begriffe des Lebens. \u201eWas man heute noch pers\u00f6nliches Schicksal nennt, wird verdr\u00e4ngt von kollektiven und schlie\u00dflich statistisch erfa\u00dfbaren Vorg\u00e4ngen\u201c, doziert Ulrich (II. Buch, 8. Kapitel <em>Familie zu zweien<\/em>), w\u00e4hrend Agathe intuitiver, konkreter und emotionaler zu den Dingen des Lebens sich verh\u00e4lt. Sie offenbart Ulrich, dass sie sich von ihrem Mann, den sie nie wirklich liebte, trennen will. Ulrich versteht nicht, warum sie ihn dann \u00fcberhaupt heiratete. Und von den Motiven des Handelns, und die Frage von Gut und B\u00f6se kommen sie ins Philosophieren: \u201eDie Moral unserer Zeit ist, was immer sonst geredet werden m\u00f6ge, die der Leistung. [&#8230;] Die moralische Argumentation ist daneben nur ein Mittel zum Zweck mehr, ein Kampfmittel, von dem man ungef\u00e4hr ebenso Gebrauch macht wie von der L\u00fcge.\u201c, sagt Ulrich. In diesen Gespr\u00e4chen w\u00e4chst allm\u00e4hlich seine N\u00e4he zu Agathe: \u201eAgathes Verh\u00e4ltnis zu ihm, das zwischen Schwester und Frau, Fremder und Freundin schwebte, und mit keiner von allen gleichzusetzen war, bestand auch nicht, wor\u00fcber er schon oft nachgedacht hatte, in einer \u00dcbereinstimmung der Gedanken oder Gef\u00fchle, die besonders weit gegangen w\u00e4re; aber es war [&#8230;] Tatsache geworden, da\u00df Agathes Mund ohne jeden anderen Anspruch auf seinem Haar ruhte und da\u00df das Haar warm und feucht von ihrem Atem wurde. Das war so geistig wie k\u00f6rperlich; &#8230;\u201c (II. Buch, 11. Kapitel <em>Heilige Gespr\u00e4che. Beginn<\/em>) Agathe dringt in ihn, sie will wissen, was er glaubt. Und zwar als ganzer Mensch mit seinem Wollen, seiner Sehnsucht und seinen Gef\u00fchlen, nicht nur als Geistmensch. Schlie\u00dflich \u00f6ffnet er sich und formuliert sein gro\u00dfes Glaubensbekenntnis, das sich zwar unter dem Satz \u201aIch glaube, dass ich nichts glaube\u2018 zusammenfassen lie\u00dfe, also wieder zur\u00fccknimmt, und doch scheint zwischen den einzelnen S\u00e4tzen hindurch, dass er eine bessere Welt will: \u201eIch glaube, da\u00df alle Vorschriften unserer Moral Zugest\u00e4ndnisse an eine Gesellschaft von Wilden sind. [&#8230;] Aber ich glaube vielleicht, da\u00df die Menschen in einiger Zeit einesteils sehr intelligent, andernteils Mystiker sein werden. Vielleicht geschieht es, da\u00df sich unsere Moral schon heute in diese zwei Bestandteile zerlegt. Ich k\u00f6nnte auch sagen: in Mathematik und Mystik. In praktische Melioration und unbekanntes Abenteuer!\u201c (II. Buch, 12. Kapitel <em>Heilige Gespr\u00e4che. Wechselvoller Fortgang<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allm\u00e4hlich entsteht zwischen den Zwillingsgeschwistern eine erotische Spannung \u2013 sie erw\u00e4chst aus zun\u00e4chst platonischen Vorstellungen: Fr\u00fch formuliert Ulrich den Begriff des \u201eTausendj\u00e4hrigen Reichs\u201c, den er noch nicht auf seine Schwester und sich bezieht, sondern allgemein auffasst: als eine Liebe, \u201edie nicht wie ein Bach zu einem Ziel flie\u00dft, sondern wie das Meer einen Zustand bildet!\u201c Gemeint ist ein Leben aller, schon auf Erden, \u201egeformt nach uns selbst und doch keins der Reiche, wie wir sie kennen! Und so werden wir leben! Wir werden alle Selbstsucht von uns abtun, wir werden weder G\u00fcter, noch Erkenntnisse, noch Geliebte, noch Freunde, noch Grunds\u00e4tze, noch uns selbst sammeln: demnach wird sich unser Sinn \u00f6ffnen, aufl\u00f6sen gegen Mensch und Tier und so in einer Weise erschlie\u00dfen, da\u00df wir gar nicht mehr wir bleiben k\u00f6nnen und uns nur in alle Welt verflochten aufrecht erhalten werden!\u201c Diese Utopie menschlichen Zusammenlebens kommt hier noch als Scherz daher \u2013 und hat doch ernste Bedeutung und enth\u00e4lt den Keim der sexuellen Liebe zwischen Ulrich und Agathe. (II. Buch, 15. Kapitel <em>Das Testament<\/em>) Der Zusatz zum Titel des III. Teils (<em>Die Verbrecher<\/em>) bezieht<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sich halb ernst, halb ironisch auf den Bruch von Gesetz und Moral: Agathes von Ulrich zwar getadelter aber geduldeter F\u00e4lschung des Testaments, mit der sie ihrem Ehemann schaden will, und auf die latente Inzestbereitschaft: Im 21. Kapitel des III. Buchs (<em>Wirf alles, was du hast, ins Feuer, bis zu den Schuhen<\/em>) f\u00fchlt Agathe: \u201eIch bin verliebt, aber ich wei\u00df nicht, in wen &#8230; Man h\u00e4tte in diesem Augenblick ebensowenig sagen k\u00f6nnen, da\u00df sie es ablehne, zu ihrem Bruder in unerlaubte Beziehungen zu treten, wie da\u00df sie es w\u00fcnsche. Das mochte von der Zukunft abh\u00e4ngen.\u201c Und Ulrich \u201ewu\u00dfte, da\u00df er nicht nur im Scherz &#8230; den Ausdruck \u201aTausendj\u00e4hriges Reich\u2018 gebraucht habe. Wenn man dieses Versprechen ernst nahm, kam es auf den Wunsch hinaus, mit der Hilfe gegenseitiger Liebe in einer so gehobenen weltlichen Verfassung zu leben, da\u00df man nur noch das f\u00fchlen und tun kann, was diesen Zustand erh\u00f6ht und erh\u00e4lt.\u201c Zum ersten Mal bezieht er nun in seinen Gedanken das allgemeine Werk gegenseitiger Liebe auf Agathe und sich, bleibt aber unsicher und versucht sich einzureden, dass sein Gef\u00fchl f\u00fcr Agathe Einbildung sei (III. Buch, 22. Kapitel <em>Von der Koniatowski\u2019schen Kritik des Danielli\u2019schen Satzes zum S\u00fcndenfall. Vom S\u00fcndenfall zum Gef\u00fchlsr\u00e4tsel der Schwester<\/em>), bis er seiner Schwester sagt, was er zu erkennen glaubt: \u201eIch wei\u00df jetzt, was du bist: Du bist meine Eigenliebe! &#8230; Mir hat eine richtige Eigenliebe, wie sie andere Menschen so stark besitzen, in gewissem Sinn immer gefehlt.\u201c Ulrichs Fortschritt liegt darin, dass er langsam beginnt sich selbst anzunehmen, wenn auch nur vermittelt durch die ihn anregende Schwester, so dass er vielleicht doch noch f\u00e4hig werden kann zu lieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(III. Buch, 24. Kapitel <em>Agathe ist wirklich da<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Motiv- und Handlungsstr\u00e4nge der zu Lebzeiten Musils ver\u00f6ffentlichten Kapitel bleiben offen. Sie enden mit einem Besuch der Irrenanstalt, in der sich der Triebm\u00f6rder Moosbrugger befindet, und mit dem Scheitern von Parallelaktion und Konzil. Am ehesten erscheint der Moosbrugger-Strang abgeschlossen, obwohl es bei der grotesken F\u00fchrung durch die Irrenanstalt nicht zu der von Clarisse gew\u00fcnschten Begegnung mit dem M\u00f6rder kommt. Wichtiger als er wird der Vergleich der Irren mit der kakanischen V\u00f6lkergemeinschaft, die f\u00fcr den Zustand Europas in der Juli-Krise 1914 steht. Au\u00dferdem wird an Clarisse das weitere allm\u00e4hliche Abgleiten ihrer Seele veranschaulicht. W\u00e4hrend die Besucher \u2013 Clarisse und Walter, Clarissens Bruder Siegmund, General Stumm und Ulrich \u2013 von Dr. Friedenthal, dem Leiter der weitl\u00e4ufigen Anstalt, von Abteilung zu Abteilung gef\u00fchrt werden, diskutieren der General und Ulrich \u00fcber die immer kritischer werdende Lage von Konzil und Parallelaktion. (III. Buch, 33. Kapitel <em>Die Irren begr\u00fc\u00dfen Clarisse<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die letzten f\u00fcnf Kapitel des III. Buchs erz\u00e4hlen, wie die Idee der Parallelaktion scheitert. Sie wird ersetzt durch eine internationale Friedenskonferenz (das wird im Nachlasskapitel <em>General von Stumm l\u00e4\u00dft eine Bombe fallen. Weltfriedenskongress<\/em> dargelegt). \u00a0\u00a0Der letzte Beschluss des Konzils lautet: \u201eDie vaterl\u00e4ndische Aktion hat &#8230; beschlossen: F\u00fcr seine eigenen Ideen soll sich jeder t\u00f6ten lassen, wer aber Menschen dazu bringt, f\u00fcr fremde Ideen zu sterben, ist ein M\u00f6rder!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Komplex der Geschwisterliebe wird nicht abgeschlossen. Erst unter Heranziehung des Nachlasses sind Vermutungen dazu m\u00f6glich, ob die schwelende Liebe zwischen den Geschwistern weiterhin platonisch bew\u00e4ltigt bleibt oder zu einer L\u00f6sung kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Nachlass-Texten Musils, vor allem in den gleichsam schon fertigen Kapiteln und in wichtigen Entw\u00fcrfen (<em>Atemz\u00fcge eines Sommertages<\/em>, <em>Reise ins Paradies<\/em>) geht es um das Inzestproblem, um Eskalation und Erf\u00fcllung der Geschwisterliebe von Ulrich und Agathe. Das Tabu steht hier weniger im Mittelpunkt als das Wesen der Liebe. Agathe, die ihren Mann verlie\u00df und das Haus ihres Bruders mitbewohnt, sp\u00fcrt im Traum, dass es schon l\u00e4nger richtig w\u00e4re, \u201eeinfach der Liebe nachzugeben und auf der schwindlichten Himmelsleiter, die sie hinanstiegen, der \u00fcberforderten Natur eine Ruhestufe einzur\u00e4umen.\u201c (Nachlass, Kapitel <em>Auf der Himmelsleiter in eine fremde Wohnung<\/em>, S. 1063). In langen Gespr\u00e4chen \u00fcber Moral, Liebe und Selbstliebe, in denen Ulrich sein Denken oft monologisierend exponiert, gelingt es den Geschwistern, das \u00dcberhandnehmen sexuellen Begehrens zu disziplinieren \u2013 bis \u201ees geschah\u201c: Angezogen von der Anmut und Sch\u00f6nheit ihres K\u00f6rpers beugt sich Ulrich \u00fcber Agathe, die \u201eniedersinkend als eine Wolke von Gl\u00fcck in seinen Armen\u201c liegt. Sie werden sich des Geschehenen bewusst, sagen die Abendunterhaltung, zu der sie gehen wollten, ab und \u2013 \u201esie vermochten nicht, noch einmal aneinander zu r\u00fchren &#8230; sie f\u00fchlten eine unbeschreibliche Warnung, die mit den Geboten der Sitte nichts zu tun hatte. Es schien aus der Welt der vollkommeneren, wenn auch noch schattenhaften Vereinigung, von der sie zuvor wie in einem schw\u00e4rmerischen Gleichnis genossen hatten, ein h\u00f6heres Gebot getroffen, eine h\u00f6here Ahnung, Neugierde oder Voraussicht angehaucht zu haben.\u201c (Nachlass, Kapitel <em>Beginn einer Reihe wundersamer Erlebnisse<\/em>, S. 1082f.) An sp\u00e4terer Stelle ist die Rede von \u201eVerhei\u00dfung\u201c (S. 1096) \u2013 und dies f\u00fchrt zu ihrer Hoffnung und Liebes-Utopie des \u201aTausendj\u00e4hrigen Reichs\u2018, die sie nicht in voreiliger Begierde vergeben wollen; vielleicht ahnen sie, dass ihnen diese h\u00f6chste Erf\u00fcllung erst m\u00f6glich ist in einem privaten Paradies, das allerdings eingebettet sein m\u00fcsste in eine die ganze Welt umspannende Gesellschaftsordnung und Moral. Im Grunde wird die Unm\u00f6glichkeit ihrer hier nur geahnten Wunscherf\u00fcllung dem Leser jetzt schon deutlich, weil die Ungeheuerlichkeit der b\u00fcrgerlichen Moral und Gesellschaftsordnung immer wieder im Roman gezeigt wird. Ulrich erkennt: \u201eWir empfinden ein m\u00f6gliches Leben gebrochen durch das wirkliche!\u201c (Nachlass, Kapitel <em>Wandel unter Menschen<\/em>, S. 1104).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich und Agathe diskutieren weiter \u00fcber die Liebe, deren Segen und Unsegen. W\u00e4hrend Ulrich meint, Liebe mache blind, und das mache die H\u00e4lfte aller Probleme der N\u00e4chstenliebe aus, h\u00e4lt ihm Agathe entgegen: Liebe mache auch sehen, und im Bewusstsein seiner und ihrer These k\u00f6nne man trotz allem gl\u00fccklich sein in der Welt (S. 1108), und sie f\u00fcgt sp\u00e4ter hinzu: Erst in der Liebe werde die wirkliche Person ganz wirklich, also vollst\u00e4ndig (S. 1116). Sie bewegen sich beide in utopischen Sph\u00e4ren, vor allem Ulrich, und es ist ihnen bewusst, sie ahnen die Unm\u00f6glichkeit oder vielmehr die Unbest\u00e4ndigkeit einer so radikal aufgefassten Liebe. In seinem Tagebuch, das Agathe heimlich liest, reflektiert Ulrich ausf\u00fchrlich den Begriff des Gef\u00fchls und kommt zu dem Ergebnis: \u201eIst Liebe ein Gef\u00fchl? Ich glaube nein. Liebe ist eine Ekstase. Und Gott selbst m\u00fc\u00dfte sich, um die Welt dauernd lieben zu k\u00f6nnen, und mit der Liebe des Gott-K\u00fcnstlers auch das schon Geschehene zu umfassen, dauernd in Ekstase befinden. Nur als solcher w\u00e4re er zu denken-\u201c (Nachlass, Kapitel <em>Agathe findet Ulrichs Tagebuch<\/em>, S. 1130) &#8211; eine religi\u00f6se Formulierung der gesellschaftlichen Utopie (Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Ulrichs Denkart, die weitgehend der Robert Musils entspricht, ist Liebe \u201eein moralisches Ereignis.\u201c Wichtig an dieser Formulierung ist erneut die Erkenntnis, dass die Voraussetzung gelingender Liebe zwischen zwei Menschen eine gesellschaftliche Ordnung ist, in der beide diese Liebe entfalten k\u00f6nnen, weil die Gesellschaft als ganze sie erm\u00f6glicht, weil die Erf\u00fcllung des Liebesgebots ihr soziales Fundament ist. Und umgekehrt erm\u00f6glicht die Liebe der Einzelnen das Funktionieren eines solchen gesamtgesellschaftlichen Fundaments. Es ist dies wie die Formulierung des kategorischen Imperativs f\u00fcr die Liebe, die im Einzelnen so gilt wie im Sozialen. Das schlie\u00dft die Liebe jedes Einzelnen zu sich selbst ein. Diese Gedanken werden allerdings erst zugespitzt in dem 16-teiligen Fragment <em>Die Reise ins Paradies<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Agathe und Ulrich wissen, \u201eda\u00df wirklich mit der h\u00f6chsten Stufe des Liebesgef\u00fchls ein Zustand des geistigen Erl\u00f6schens und der k\u00f6rperlichen Ratlosigkeit verbunden sein kann.\u201c Das muss nichts zu tun haben mit der Verhei\u00dfung eines paradiesischen Zustands, den sie erhoffen. Ihre anspielungsvollen Gedanken \u00fcber die \u201eunheimliche Kunst des Stillebens\u201c, mit der sie ihre eigene Stagnation meinen, ihren relativ gl\u00fccklichen Zustand einer platonischen Liebe mit dem Surplus m\u00f6glicher Weiterungen, erinnern an das \u201aNature morte\u2018 der <em>Walpurgisnacht<\/em>, die Hans Castorp in Thomas Manns Roman<em> Der Zauberberg<\/em> erlebt, es ist wie eine Technik der Ausdehnung der Liebe ins Unendliche &#8230; Diese stellt der Erz\u00e4hler in Frage: \u201eDas Stilleben aber, ist sein seltsamer Reiz nicht auch Spiegelfechterei? Ja, fast eine \u00e4therische Nekrophilie?\u201c (Nachlass, Kapitel <em>Es ist nicht leicht, zu lieben<\/em>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Nachlass-Kapitel <em>Atemz\u00fcge eines Sommertages<\/em> (Fassung S. 1232-1239) wird die sommerliche Atmosph\u00e4re im Juli 1914 zum Sinnbild des Stillstands: \u201eEin ger\u00e4uschloser Strom glanzlosen Bl\u00fctenschnees schwebte, von einer abgebl\u00fchten Baumgruppe kommend, durch den Sonnenschein; und der Atem, der ihn trug, war so sanft, da\u00df sich kein Blatt regte. &#8230; Sprache und Schweigen der Natur, auch Lebens- und Todeszauber mischten sich in dem Bild; die Herzen schienen stillzustehen, aus der Brust genommen zu sein, sich dem schweigenden Zug durch die Luft anzuschlie\u00dfen &#8230; Die Zeit stand still, ein Jahrtausend wog so leicht wie ein \u00d6ffnen und Schlie\u00dfen des Auges, sie war ans Tausendj\u00e4hrige Reich gelangt &#8230; Es wird auch das Reich der Liebe genannt &#8230;\u201c Agathe begreift: \u201e&#8230; der Wirklichkeit, und des Begehrens, sich ihr zuzuwenden, mu\u00df man sich entschlagen. Ansichhalten mu\u00df man, bis Kopf, Herz und Glieder lauter Schweigen sind. Erreicht man so aber die h\u00f6chste Selbstlosigkeit, dann ber\u00fchren sich schlie\u00dflich Au\u00dfen und Innen, als w\u00e4re ein Keil ausgesprungen, der die Welt geteilt hat ..!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So scheint der H\u00f6hepunkt ihrer Liebe gedanklich erreicht zu sein, hier \u201ewird das Leben wie ein etwas unheimlicher Traum, worin das Gef\u00fchl bis an die Wipfel der B\u00e4ume, an die Turmspitzen, an den Scheitel des Himmels steigt ..!\u201c Agathe erkennt, dass sie dem weltlichen Gef\u00fchl ein mystisches gegen\u00fcberstellt, und der Erz\u00e4hler spricht von der \u201egeheimsinnigen Vorstellung eines \u201aGeschehens, ohne da\u00df etwas geschieht\u2018 \u2013 es ist wieder dieser Stillstand, von dem die Rede war, Stillleben, Nature morte \u2013 tote Natur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Robert Musil hatte vor, seinen Roman mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu beschlie\u00dfen, so dass der Moosbrugger-Aspekt mit dem Tanz wahnsinnig gewordener V\u00f6lker auf dem d\u00fcnnen Eis der Zivilisation und dem Einbruch in die Katastrophe zum Tragen k\u00e4me: Es bedeutete das Ende jeder Utopie: Der kakanische Vielv\u00f6lkerstaat scheitert. Dem kollektiven Scheitern zur Seite stellen lie\u00df sich das Scheitern der Einzelnen \u2013 insbesondere die Liebe der Geschwister Ulrich und Agathe. Das Fragment der <em>Reise ins Paradies<\/em> \u2013 ein Text aus der Zeit 1924\/25, den Musil vielleicht h\u00e4tte verwenden k\u00f6nnen, um dieses private Scheitern der Liebe in seinen Roman erg\u00e4nzend einzuf\u00fcgen \u2013 f\u00fchrt die Liebe aus der mystischen Gefangenschaft in die weltliche Wirklichkeit. Die Liebenden reisen an eine anonyme Mittelmeerk\u00fcste, um nun auch die vollkommene physische Vereinigung zu realisieren und ein weltliches Gl\u00fcck dauerhaft zu erreichen, denn der bisher erreichte mystische Zustand w\u00e4re nicht aufrechtzuerhalten, er klammert die Welt aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Gl\u00fcck auf der mediterranen Insel dauert nicht lange, ihre Reise dorthin war eine vergebliche Flucht aus der Wirklichkeit in ein Scheinparadies: \u201eStanden jetzt wie auf einem hohen Balkon, ineinander und in das Unsagbare verflochten gleich zwei Liebenden, die sich im n\u00e4chsten Augenblick in die Leere st\u00fcrzen werden. St\u00fcrzten. Und die Leere trug sie. Der Augenblick hielt an; sank nicht und stieg nicht.\u201c (S. 1656)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erleben, was sie so lange hinausgez\u00f6gerten: \u201eAuf wenige Minuten konzentrierter Flug durch Seligkeit und Tod, endend, erneut, die K\u00f6rper schwingen wie heulende Glocken. Aber am Schlu\u00df wei\u00df man doch: es war nur tiefer S\u00fcndenfall in eine Welt, in der es auf hundert Stufen der Wiederholung schwebend abw\u00e4rts geht.\u201c (S. 1672) Desillusioniert erkennen sie ihr Scheitern: Sie d\u00fcrften nicht verkennen, meint Ulrich, wie sehr ihre Liebe \u201evon der Umgebung abh\u00e4ngt, wie es seinen Inhalt davon erh\u00e4lt, da\u00df man sich ein gemeinsames Leben vorstellt, d. h. eine Linie zwischen den andern Menschen durch.\u201c (S. 1674)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann packen sie ihre Sachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Robert Musils Roman ist die Geschichte eines Mannes ohne \u201aEigenschaften\u2018, und zwar im doppelten Sinn des Wortes Geschichte. Ohne Sinngebung keine \u00dcberwindung unserer absurden Existenz. Ulrich denkt nach der Aussprache mit Arnheim (im 122. Kapitel <em>Heimweg<\/em>), \u201e&#8230; da\u00df das Gesetz dieses Lebens, nach dem man sich, \u00fcberlastet und von Einfalt tr\u00e4umend, sehnt, kein anderes sei als das der erz\u00e4hlerischen Ordnung! [&#8230;] Und Ulrich bemerkte nun, da\u00df ihm dieses primitiv Epische abhandengekommen sei, woran das private Leben noch festh\u00e4lt, obgleich \u00f6ffentlich alles schon unerz\u00e4hlbar geworden ist &#8230;\u201c Der Text erscheint als Linie, die sich in einem Punkt zusammenrollt, und als Punkt, der sich ausdehnt zu einer Linie. Eine Flucht wollen die Worte sein, die sich selber jagen: Erinnerung, die Zukunft voraussagt; Gegenwart, die ins Vergangene wegrutscht, Verkopftes und pure Emotion. Am Ende entzieht sich die Mitte, aus der die Stimme entsprang, die zu uns sprach, radikal trennen sich Wirklichkeit und Schreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es liegt nahe, dass Musil f\u00fcr seinen Roman kein Ende finden konnte, jedenfalls kein Ende mit \u201aEigenschaften\u2018; es gibt kein Ende mit r\u00fcckwirkendem oder gar abschlie\u00dfendem Sinn, da weder der Erz\u00e4hler und Verfasser einen solchen Sinn zu erkennen in der Lage ist noch der Leser. Es g\u00e4be nur einen fiktiven Sinn, wie ihn fast alle Romane vor und die meisten nach Musil aufweisen, doch diese Scheinl\u00f6sung f\u00fcr die Erkenntnisunm\u00f6glichkeit w\u00e4re die Selbstwiderlegung der Romanidee. Musil gelingt ein teils liebevoller, teils bei\u00dfend-ironischer Abgesang auf Kakanien, auf die Sage der Donaumonarchie, in der die Fiktion von Staat und Gesellschaft und des eigenen Lebens noch seelenvoll erlebt werden konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Mann ohne Eigenschaften<\/em> bleibt aktuell \u2013 es geht darin um eine radikale Kritik an gesellschaftlichen und politischen Zust\u00e4nden, die auch heute von einer utopischen Haltung aus reflektiert werden m\u00fcssen; diese Gedanken sind eingebettet in gro\u00dfe philosophische Fragestellungen, wie der Einzelne richtig lebt, wie es um seine Identit\u00e4t bestellt ist und um die Liebe in privaten und gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen und Abh\u00e4ngigkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMusil artikuliert hier die utopische Forderung nach einer intellektuell-emotionalen Verfassung, die die Menschheit, die sich in Aggressionen, Interessengegens\u00e4tzen und Egoismen selbst zu zerst\u00f6ren droht, neu organisieren k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Ulrich Karthaus, <em>Zur Aktualit\u00e4t Robert Musils. Vortrag gehalten am 23. Mai 1980 auf Einladung des Centre Universitaire in Luxemburg<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der notwendig fragmentarische Charakter des Romans findet keinen Sinn im Absurden, und das ist der Suche nach Wahrheit angemessen \u2013 Anfang und Ende m\u00fcssen offen bleiben in einem Roman ohne \u201aEigenschaften\u2018 \u2013 ohne konkrete L\u00f6sungen f\u00fcr die aufgeworfenen Fragen. Ob die Unm\u00f6glichkeit, ihn zu beenden, das Scheitern der utopischen M\u00f6glichkeit eines besseren Lebens in einer besseren Welt bedeutet, bleibt ebenso offen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Mann ohne Eigenschaften<\/strong>. Roman von Robert Musil. Aus dem Nachla\u00df. Herausgegeben von Adolf Fris\u00e9. 2 Bde. Neu durchgesehene und verbesserte Ausgabe 1978, Reinbek bei Hamburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Robert-MusilDer-Mann-ohne-Eigenschaften-Band-1-Erstes-und-Zweites-Buch-Band-2-Aus-dem-Nachlass.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-75914 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Robert-MusilDer-Mann-ohne-Eigenschaften-Band-1-Erstes-und-Zweites-Buch-Band-2-Aus-dem-Nachlass.jpg\" alt=\"\" width=\"148\" height=\"222\" \/><\/a>Die Kapitel aus dem Ersten Buch werden ohne weitere Kennzeichnung genannt \u2013 im Unterschied zu den Kapiteln aus dem Zweiten Buch und dem Nachlass.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich beschr\u00e4nke mich bei den Nachlass-Texten auf: Zwanzig 1937\/38 in Druck gegebene, in den Korrekturfahnen indes weiterbearbeitete und wieder zur\u00fcckgezogene Kapitel, die Band 2 von 1932\/33 (II<sub>1<\/sub>) fortsetzen (II<sub>2<\/sub>), aber noch nicht abschlie\u00dfen sollten (S. 1043-1203) und Sechs Kapitel-Entw\u00fcrfe in korrigierter Reinschrift (Varianten zu den \u201aDruckfahnen-Kapiteln\u2018), an denen Musil in den beiden letzten Lebensjahren bis zu seinem Tode am 15. April 1942 arbeitete (S. 1204-1239). Sowie Entw\u00fcrfe zur Kapitelgruppe Die Reise ins Paradies (S. 1651-1675).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Dichtung hat nicht die Aufgabe, das zu schildern, was ist, sondern das, was sein soll; oder das, was sein k\u00f6nnte, als Teill\u00f6sung dessen, was sein soll. Robert Musil &nbsp; Der Romanbeginn mit der leicht ironisch an Goethes Autobiographie Dichtung&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/19\/der-mann-ohne-eigenschaften-eine-utopie\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[415,866],"class_list":["post-75912","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-robert-musil","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75912","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=75912"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75912\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101227,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75912\/revisions\/101227"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=75912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=75912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=75912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}