{"id":7591,"date":"2009-09-24T00:01:00","date_gmt":"2009-09-23T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7591"},"modified":"2022-02-23T13:45:18","modified_gmt":"2022-02-23T12:45:18","slug":"nachrichten-aus-der-wolfs-und-knochenzeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/24\/nachrichten-aus-der-wolfs-und-knochenzeit\/","title":{"rendered":"Nachrichten aus der Wolfs- und Knochenzeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuweilen erzeugt das Ger\u00fccht des Nichtvorhandenseins wom\u00f6glich den eigent\u00fcmlichen Ruch der Pr\u00e4senz. \u00dcber einen Autor gilt es zu sprechen, der laut Ulrich Bergmann, der in einer Laudatio einen eingehenden Blick auf die Arbeit eines solchen Einzelg\u00e4ngers wirft, gar nicht \u203aanwesend\u2039 ist, sich vielmehr in ein anderes Reich der Sichtung und Auffassung begeben, nein: zur\u00fcckgezogen hat, in dem viele der Wahrnehmungen, wenn nicht sensibilisiert, dann aufgehoben sein k\u00f6nnen und im besten Fall eine neue, dem Gewohnten widerstrebende Seite offenbaren. Einer der au\u00dfergew\u00f6hnlichsten Dichter der sp\u00e4tsilikatischen Wolfszeit ist Holger Benkel, der dem Schweigen des ihn Umgebenden das beredte Schweigen einer vor Farben, Schatten, Versteinern, Ende flirrenden inneren Welt entgegensetzt. Und sich dabei in den Hiatus zwischen Leben und Tod versetzt findet \u2013 in seiner Lyrik schildert der Dichter das Leben, das sich aus dem Tod gebiert, sich von ihm n\u00e4hrt und in den Tod zur\u00fcckkehrt, sei es in Gestalt einer Fliege, eines K\u00e4fers &#8230; eines h\u00f6heren Welt-Wesens gar.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: center;\"><em>flugschrift<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: center;\">bin ich im aas geboren wachs ich<br \/>\nin ger\u00fcchen schwillt mein leib<br \/>\ngoldgr\u00fcn verbreite ich krankheiten<br \/>\nwie das schriftzeichen nachrichten<br \/>\nvertreibt mich weihrauch nicht<br \/>\nlockt mich kein pfeffer<br \/>\nverf\u00fchrt mich abgekocht mit milch<br \/>\nallein der pilz der seelen n\u00e4hrt<br \/>\nrettet mich kein fl\u00fcgel verh\u00e4rte ich<br \/>\nzur spur im mehl werd ich<br \/>\nein fossil \u00fcberleb ich in der brust<br \/>\ndem freien platz f\u00fcr alle wunden<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weniges erschreckt einen so wie das vitale Spiel mit dem Tod. Bei Benkel ist es Teil des Gegenentwurfs \u2013 das Mahlen der Bei\u00dfwerkzeuge im Insektenstaat, Metapher f\u00fcr den Verfall und den Neubeginn in einem, verfolgt uns in diesem Buch mit dem, was die Texte wie auch ihren inneren wie \u00e4u\u00dferen Gestus betrifft, tautologischen Titel \u201emei\u00dfelbrut\u201c nicht gebets-, eher knochenm\u00fchlenartig. Es ist das Mahlen der Dinge, die sich von der Anderswelt her spiegeln &#8230; m\u00f6gen sie eine dunkle Gaukelei sein oder eine wirkliche Alternative. Holger Benkel, ein im mehrfachen Sinne \u201aDichter der Endmor\u00e4ne\u2018, der seine irdischen Tage in Sch\u00f6nebeck an der Elbe, in der N\u00e4he von Magdeburg, zubringt, taucht in seinen Texten und Briefen (die, wie man sp\u00e4ter sehen wird, Teil seines Werks sind) in einen Kosmos ein, der einem so eng wie atemberaubend weitl\u00e4ufig zugleich erscheinen mu\u00df, da\u00df man sich in ihm verliert oder von ihm permanent ausgeschlossen bleiben mu\u00df. Der Dauerfrost der Desillusion ist hier schon nicht mehr Angriffsfl\u00e4che, sondern bereits das Substrat der Erhebung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie der Permafrost die Dinge bewahrt und zerst\u00f6rt zugleich, mag man die Wirkung dieser Gedichte beschreiben. Man geht in ihrem Klang und Rhythmus auf und ab, findet sich ein bei den Strudeln der Bilder, aber man bemerkt auch die Verh\u00e4rmtheit an Hoffnung, das Bestehen auf Verlorenheit in ihnen, und man bleibt wieder und wieder best\u00fcrzt zwischen den Seiten zur\u00fcck. Eine seltsame Statik durchweht diese Texte, die, wenn es nicht eine so unm\u00f6gliche wie unproduktive Spielerei mit diesem Begriff gegeben h\u00e4tte, konkret im eigentlichen Sinne genannt werden k\u00f6nnten. Anders als bei den \u201aEntbilderungen\u2018 eines Nico Bleutge gehen hier Ding und Metapher ineinander \u00fcber, was eine Art Strenge erzeugt, wie man sie gemeinhin in der Lyrik anders verstehen m\u00f6chte \u2013 eine Art Unabdingbarkeit der Verlorenheit, eine, was befremdlich sein mag, Einsetzung und Feier der Depression &#8230; die dem Nach-Pop wie auch dem Krisengeklimper entgegensteht, weil sie unger\u00fchrt die tats\u00e4chliche Krise verhandelt: das Entferntsein von den wirklichen Fragen, den sch\u00f6nen Schein in der Nichtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den wirklichen Fragen ist Holger Benkel unerbittlich und nah an den Gegebenheiten, nicht selten bis in die Anmutung des Sarkasmus. Viel augenf\u00e4lliger aber ist \u2013 korrespondierend mit einer starken Farb- und Todesmetaphorik \u2013 das Beschw\u00f6ren eines lebhaften Stillstands, eines letzten und stoischen Sichtens von Leichterung auf der anderen Seite. Nur vereinzelt ist diese Dichtung mit Ironie durchsetzt: <em>abseits des weges nur beginnt \/ das reich der geister \/ wer noch was werden will \/ der warte am waldrand &#8230; (wald<\/em>); von den fl\u00e4chig-urw\u00fcchsigen Holzschnitten Sabine Kunz\u2019 flankiert, ergibt sich in vier Durchf\u00fchrungen ein Blick auf eine so tr\u00fcbe wie grell verheerte Zeit, da\u00df einen schaudern mag. Vom Schaben und Wispern der Kerf-Metaphern ausgehend, werden die Motivfelder \u2039K\u00f6rper\u2039, \u203aLandschaften\u2039, \u203aDinge\u2039 und \u2013 in gewisser Hinsicht an das \u00c4u\u00dferste m\u00f6glicher Vers-Alchemie getrieben \u2013 \u203aSubstanzen\u2039 durchstreift, belichtet und &#8230; f\u00fcr verhandelbar erwogen. Es ist dies der Blick auf einen von Aussichten entkernten Stoff, wie er fl\u00fcgelschlagend und malmend in sich selbst versinkt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: center;\"><em>mei\u00dfelbrut<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: center;\">bin ich ganz form im \u00fcbergang<br \/>\nzwischen kopf und leib komm ich<br \/>\naus rissiger erde will ich immer fort<br \/>\nz\u00fcngeln die \u00e4hren im tanz des korns<br \/>\nwie ein loderndes feuer wimmle ich<br \/>\nam ursprung der saat schaff ich<br \/>\neine brut in der gestalt meiner zahl<br \/>\ndie zeugt l\u00e4utet der mond<br \/>\ntropft aus dem licht mir das wort<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benkels neue Gedichte folgen in einem Abstand von sage und schreibe vierzehn Jahren seinen ersten beiden B\u00fcchern\u00a0<em>kindheit und kadaver<\/em> sowie <em>reise im flug<\/em>. Symptomatisch, da\u00df die Erstlinge in den Wirbel eines \u00fcber Nacht aufgegebenen Verlags gerieten \u2013 der Autor war so etwa zehn Jahre, trotz Georg-Kaiser- und Preis des Literaturforums Ludwigsburg, ganz ohne Buch unterwegs. Ein Sp\u00e4tzuentdeckender, immerhin feiert der Autor in diesem Sommer seinen f\u00fcnfzigsten Geburtstag, ist er dabei dennoch nicht \u2013 die Wertsch\u00e4tzung eines kleinen Klientels von Literaturenthusiasten und \u203aUnverbesserlichen\u2039 war ihm stets gewi\u00df. Es ist dies ein Klientel \u00fcbrigens, das die Existenz von\u00a0<em>mei\u00dfelbrut<\/em>, monet\u00e4r wie ideell, erst erm\u00f6glicht, ein Umstand, wie er neuerdings nicht selten zu beobachten ist. Dankenswerterweise, wie man betonen mu\u00df, denn ansonsten w\u00e4re das Buch wom\u00f6glich in der <em>suche nach dem ort ohne grund<\/em> steckengeblieben. Ein blasser Trost: Wie sich der \u00f6ffentliche Blick aus der Hege seiner origin\u00e4ren Talente zur\u00fcckzieht, so wird sp\u00e4ter von ihm vielleicht zu k\u00fcnden sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">* * *<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/mei\u00dfel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-12882\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/mei\u00dfel.jpg\" alt=\"\" width=\"162\" height=\"240\" \/><\/a>mei\u00dfelbrut<\/strong>. <em>Gedichte <\/em>von Holger Benkel, mit siebzehn Holzschnitten von Sabine Kunz und einem Nachwort von Volker Drube, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2009.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">* * *<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Demn\u00e4chst\u00a0\u2192 <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=252\">Gedanken, die um Ecken biegen<\/a>, Aphorismen von Holger Benkel, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Edition Das Labor<\/a>, M\u00fclheim 2013<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zuweilen erzeugt das Ger\u00fccht des Nichtvorhandenseins wom\u00f6glich den eigent\u00fcmlichen Ruch der Pr\u00e4senz. \u00dcber einen Autor gilt es zu sprechen, der laut Ulrich Bergmann, der in einer Laudatio einen eingehenden Blick auf die Arbeit eines solchen Einzelg\u00e4ngers wirft, gar nicht&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/24\/nachrichten-aus-der-wolfs-und-knochenzeit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":99159,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794,94],"class_list":["post-7591","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7591","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7591"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7591\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99889,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7591\/revisions\/99889"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99159"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7591"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7591"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}