{"id":75802,"date":"2023-03-01T00:01:00","date_gmt":"2023-02-28T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=75802"},"modified":"2022-02-25T11:52:36","modified_gmt":"2022-02-25T10:52:36","slug":"die-chinesische-mauer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/01\/die-chinesische-mauer\/","title":{"rendered":"Die Chinesische Mauer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">EIN MORD ist geschehen und die Menschheit m\u00f6chte um Hilfe rufen. Sie kann es nicht. Sie, die L\u00e4rmvolle, immer bereit, mit dem st\u00e4rksten Schrei den kleinsten Sto\u00df zu r\u00e4chen, sie, die sich das Ma\u00df der Sch\u00f6pfung d\u00fcnkt und nur der Mi\u00dfton ist in der Musik der Sph\u00e4ren, schweigt. Aber wir h\u00f6ren dieses Schweigen, es gellt \u00fcber L\u00e4nder und Meere, und wo immer es losbrach, antwortet ihm ein Echo, so stumm wie der Ruf, der einen Mord verk\u00fcndet. Der Mund der Welt steht offen und aus den Augen starrt die Ahnung, da\u00df sich das Gr\u00f6\u00dfte begeben hat. Ringsum ist alles gelb. Wie der Tag, an dem der alte Gott sein Gericht h\u00e4lt. Gelb wie eine Chinesenhand und rot wie das Blut einer Christin. Die Hand hat sie gew\u00fcrgt, da\u00df sie nicht schreien konnte. Die Hand h\u00e4lt uns alle am Hals und l\u00e4\u00dft uns nicht mehr los. Ist es das Ende einer Moral, die die Fessel\u00a0als Schmuck trug? Nun hat sie ein gelbes Halsband, das ihr den Atem nimmt. Sie, die nicht beten konnte, ohne zu huren. Sie, die nicht huren konnte, ohne zu beten! Die die S\u00fcnde profaniert hat durch die Reue, die Lust vers\u00fc\u00dft hat durch die Qual. Sie, die in jenem unerforschten Trugschlu\u00df, der 500 nach Confucius in die Welt gesetzt wurde, ein ewiges Sterben ertrug und um hellerer Hoffnung willen die dunkle Erf\u00fcllung in Kauf nahm. Sie, deren Leben Todesangst war und Furcht vor dem Leben. Da geschah es ihr, da\u00df sie, nicht wissend, wo ihre Pflicht und wo ihre Lust sei, gewarnt und verf\u00fchrt, auf dem Wege, wo Herzklopfen die T\u00fcr der Freude \u00f6ffnet, in den Opiumnebel geriet, der lichtere Seligkeit als selbst der Weihrauch ihr verhie\u00df. Da geschah es ihr, da\u00df sie an die gelbe Hand stie\u00df, die sie karessierte, w\u00fcrgte und in den Koffer packte. Die Knie durch Stricke unter das Kinn gezogen, das Gesicht mit ungel\u00f6schtem Kalk beworfen\u2013 so kam sie aus dem blauen Himmelbett in den Koffer &#8230; Und nun riecht es in der Welt nach Verwesung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das gr\u00f6\u00dfte Ereignis, das die moralische Menschheit erlebt hat, seitdem ihr das Ereignis der Moral widerfuhr. Dazwischen lagen Taten und Zuf\u00e4lle, Entschl\u00fcsse des Geistes und Widerrufe der Natur. Siege und Verluste einer erdenstolzen Technik, die durch ein Achselzucken der Erde erst zum Problem erhoben wird. Hier aber hat die himmelsichere Ethik ihr Messina erlebt. Hier ist alles\u00a0problematisch geworden, was sich seit zwei Jahrtausenden von selbst versteht. Auf einem Krater, den wir erloschen w\u00e4hnten, haben wir unsere H\u00fctten gebaut, mit der Natur in einer menschlichen Sprache geredet, und weil wir die ihre nicht verstanden, geglaubt, sie r\u00fchre sich nicht mehr. Sie aber hat durch all die Zeit ihre hei\u00dfen Feste gefeiert und an unserer gottseligen Sicherheit ihren Erdenbrand gen\u00e4hrt. Wir haben das Geschlecht f\u00fcr verj\u00e4hrt gehalten; wir haben die Konvention getroffen, von ihm nicht mehr zu sprechen. Die angetraute Metze Natur, in soziale Bindung gez\u00e4hmt, schien nur so viel W\u00e4rme zu spenden, als unserm Behagen unentbehrlich war, und was sie sonst an Feuer hatte, reichte hin, unsere Suppe zu kochen. Da kommen wir ihr darauf, da\u00df sie all die Zeit ihre Wonne nicht unserm Wahn geopfert, nein, unsern Wahn ihrer Wonne dienstbar gemacht hat. Da entdecken wir, da\u00df unser Verbot ihr Vorschub, unser Geheimnis ihre Gelegenheit, unsere Scham ihr Sporn, unsere Gefahr ihr Genu\u00df, unsere Hut ihre H\u00fclle, unser Gebet ihre Brunst war. Was es an Hemmungen der Lust in der Welt gibt, wurde zur Hilfe, und die gefesselte Liebe liebte die Fessel, die geschlagene den Schmerz, die beschmutzte den Schmutz. Die Rache des verbannten Eros war der Zauber, allen Verlust in Gewinn zu wandeln. Sch\u00f6n ist h\u00e4\u00dflich, h\u00e4\u00dflich sch\u00f6n und was den wachen Sinnen ein Abscheu ist, lockt sie in die Bet\u00e4ubung der Wollust. Die Prinzen des Lebens konnten es nicht fassen. Aber die Prinzessinnen lagen bei den Kutschern, weil es Kutscher waren, und weil es die Prinzen nicht fassen konnten. Was immer der Liebe an Greueln widerstrebt, besiegte sie und suchte es auf, um es zu besiegen. Zucht ist ein Pfand der Unzucht, Hoheit die B\u00fcrgschaft des Falls. Warnung weckt Wunsch; Entfernung n\u00e4hert. Der ausgehungerte Eros, dessen Geschmack sublimiert werden sollte, ist nicht w\u00e4hlerischer geworden, aber kriegerischer. Er w\u00e4hlt, was man ihm vorenth\u00e4lt. \u201eLa\u00dft uns ein Lied der Liebe singen! Die Liebe wird uns noch alle zugrunde richten. O Kupido, Kupido, Kupido!\u201c So ging eine Griechenwelt unter. Die christliche lie\u00df kein Lied der Liebe singen, erkannte deren antisozialen Charakter und machte aus ihm ein Genu\u00dfmittel. Die christliche Liebe konvertiert alles, selbst den Glauben. Der getaufte Eros liebt nicht alles, aber er nimmt mit allem vorlieb. Nichts ist ihm unerreichbar. Er sagt, da\u00df er die N\u00e4chstenliebe sei, und weidet sich an verwundeten Kriegern. Er rettet gefallene M\u00e4dchen und bekehrt ungl\u00e4ubige M\u00e4nner. Er ist neugierig und klettert \u00fcber die chinesische Mauer. Er besucht Opiumh\u00f6hlen, um dort zu sagen, wie sch\u00f6n es in den Kirchen sei. Er fri\u00dft alles und l\u00e4\u00dft sich sogar die Kultur des Weibes schmecken, die t\u00e4uschende Zubereitung verdorbener Weibnatur. Denn Bildung, sozialer Stolz und Frauenrechte finden im Bett so gut ihren Anwert wie ein gepflegter K\u00f6rper, und Seele ist erst unter den F\u00e4usten des Kulis ein Hochgenu\u00df&#8230; Wir haben uns vermessen, an dem heiligen Feuer, das einst den m\u00e4nnlichen Geist zu Taten erhitzte, unsere F\u00fc\u00dfe zu w\u00e4rmen. Nun z\u00fcndet es uns das Haus an. Das soziale Geb\u00e4lk, zu seiner Hut und unserm Schutz errichtet, ist willkommener Brennstoff. Wir haben einen Ofen um eine Flamme gebaut. Nun verbrennt sie den Ofen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHast du denn kein Urteil? Hast du denn keine Augen? Verstehst du, was ein Mann ist? Sind denn nicht Geburt, Sch\u00f6nheit, gute Bildung, Redekunst, Mannhaftigkeit, Verstand, Menschenfreundlichkeit, Tapferkeit, Jugend, Freigebigkeit und dergleichen die Spezerei und das Salz, um einen Mann zu w\u00fcrzen?\u201c So fragt ein Shakespearischer Kuppler. Und die Sch\u00f6ne antwortet: \u201eO ja, ein Mengelmu\u00df von einem Mann; und so in der Pastete gehackt und gebacken, gibts ein Mu\u00df von lauter M\u00e4ngeln\u201c. Es geht um Troilus, dem sie den Achilles vorzuziehen scheint. Aber sie k\u00f6nnte ihm auch den Thersites vorziehen. Sie braucht nur vor ihm gewarnt zu sein. \u201eHabt ihr Augen?\u201c fragt Hamlet, \u201edie Weide dieses sch\u00f6nen Bergs verla\u00dft ihr, und m\u00e4stet euch im Sumpf? &#8230; Sehn ohne F\u00fchlen, F\u00fchlen ohne Sehn, Ohr ohne Hand und Aug\u2019, Geruch ohn\u2019 alles, ja nur ein Teilchen eines echten Sinns tappt nimmermehr so zu!\u201c Der Mann vermi\u00dft sich, sein Ma\u00df\u00a0unterscheidender Empfindlichkeit an die unteilbare Gewalt der Weibersinne zu legen. Aber das Weib tr\u00e4gt die moralischen und \u00e4sthetischen Begriffe, die der Mann ihr spendet, wie jeden andern Schmuck, durch den sie sich begehrlich macht. Der Tragiker, der Narren und Schelmen die Erkenntnisse zuschieben mu\u00df, die eine L\u00fcgenwelt sprengen k\u00f6nnten, l\u00e4\u00dft seinen irren K\u00f6nig die Tugend als K\u00f6der der Lust entlarven:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>Sieh dort die ziere Dame,<br \/>\nIhr Antlitz weissagt Schnee in ihrem Scho\u00df;<br \/>\nSie spreizt sich tugendlich und dreht sich weg,<br \/>\nH\u00f6rt sie die Lust nur nennen:<\/p>\n<div class=\"ws-noexport\"><\/div>\n<p>Und doch sind Iltis nicht und hitz\u2019ge Stute<br \/>\nSo geil in her wilden Brunst,<br \/>\nVom G\u00fcrtel nieder sinds Centauren,<br \/>\nObschon dar\u00fcber Weib.<br \/>\nNur bis zum G\u00fcrtel eignen sie den G\u00f6ttern,<\/p>\n<div class=\"ws-noexport\"><\/div>\n<p>Alles darunter ist des Teufels Reich,<br \/>\nDort ist die H\u00f6lle, dort die Finsternis,<br \/>\nDort ist der Schwefelpfuhl, Gestank, Verwesung&#8230;<br \/>\nGib mir \u2019ne Unze Bisam, Apotheker,<br \/>\nMeine Phantasie zu vers\u00fc\u00dfen!<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Phantasie selbst ist Bisam, der den m\u00e4nnlichen Verstand vers\u00fc\u00dft und ohne den er es nicht zu Ende denken kann, da\u00df das Weib aus dem Schwefelpuhl sich\u00a0die g\u00f6ttergleiche Sch\u00f6nheit holt. Wer solche Vorstellung nicht dem eigenen F\u00fchlen einzugliedern vermag, zerschellt den Kopf an diesem R\u00e4tsel einer englisch-teuflischen Verbindung, und dem n\u00fcchternen Untersucher zerf\u00e4llt sie in ihre Teile. Die christliche Ethik ringt verzweifelt die H\u00e4nde, da\u00df es ihr nicht gelingt, die Sch\u00f6nheit, soweit sie dem Leben unentbehrlich ist, durch seelischen Zuspruch zu erhalten. Die gro\u00dfe Frage, die offen blieb seit dem Tage, da man der Entsagung auf den Geschmack gekommen ist, mahnt uns, wie uns die Erde mahnt, wenn wir sie durch technische Spiele beruhigt glauben: Wie wird die Welt mit den Weibern fertig? Sie sieht, da\u00df jedes seelische Bem\u00fchen flugs das Gegenteil bewirkt, einen seelischen Widerstand, der ein Kuppler der Lust ist. Sie sieht, wie nicht Erziehung die Fehler des Weibes wettmacht, deren rechte Gruppierung doch die Anmut schafft, sondern wie die Fehler des Weibes in jedem Ensemble die Erziehung aufheben. Sie sieht, wie Neugierde allein imstande ist, die ganze Arbeit der christlichen Kultur am Weibe r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Sie siehts und kanns immer wieder nicht glauben. Immer wieder dies Staunen \u00fcber eine Natur, die zwei Geschlechtern nicht mit demselben Ma\u00df von D\u00fcrftigkeit zugemessen hat; die das Weib geschaffen hat, dem die Lust nur Vorschmack ist der Lust, und den Mann, den sie ermattet. Er f\u00fchlts und wills nicht wissen. Er hat\u00a0tausendmal mit dem Anderen gerungen, der vielleicht nicht lebt, aber dessen Sieg \u00fcber ihn sicher ist. Nicht weil er bessere Eigenschaften hat, aber weil er der Andere ist, der Sp\u00e4tere, der dem Weib die Lust der Reihe bringt und der als Letzter triumphieren wird. Aber sie wischen es von ihrer Stirn wie einen b\u00f6sen Traum; und wollen die Ersten sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie k\u00f6nnen es nicht glauben. Bis sie die ziere Dame, jene, die mit dem Ruf \u201eshocking\u201c auf die Welt kam, in den Laden des chinesischen W\u00e4schers schleichen sehen. Von keiner Garde als von der Moral und etwa dem Vertrauen des liebenden Gatten begleitet. Er ist der Besitzer; er hat ein Recht, nicht zu wissen, was den weiblichen Sinnen, die er reich versorgt hat, der andere Mann bedeutet. Aber wenn er vollends ahnte, wie sie der andere Mann der anderen Rasse beherrscht! Eine Vorstellung, die wie ein Wurm am Gehirn fr\u00e4\u00dfe, wenn sie je \u00fcber die Schwelle dieses Selbstbewu\u00dftseins kriechen k\u00f6nnte, wird in dem W\u00e4scherladen von Chinatown t\u00e4glich hundertmal zur Wirklichkeit. Der Stinkteufel, an dem die wei\u00dfe Seele erst ihrer Gott\u00e4hnlichkeit inne wird, hat sich m\u00fchelos mit der Frau vergn\u00fcgt, um die die wei\u00dfe Seele so oft verschmachtet. Die Schwierigkeit der Verst\u00e4ndigung erleichtert den Verkehr zwischen Kr\u00e4mer und Kundin; der Chinese ist ein Muster der Pflichterf\u00fcllung. Auch als Kellner stellt er seinen Mann. Seine Teufelsk\u00fcche h\u00e4lt alle Leckerbissen feil, ja taktvoll geht er selbst auf den\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Wunsch ein, sich zum Christentum bekehren zu lassen, wenn eine Feinschmeckerin auf das Hors d\u2019oeuvre der ethischen Absicht schon nicht verzichten will. Und aus dem gro\u00dfen Lustbad, das der schmutzigste Winkel der Weltstadt darstellt, steigen t\u00e4glich treue Gattinnen und unschuldige T\u00f6chter in erneuter Sch\u00f6nheit zum Standard ihrer sozialen Ehre empor. Manchmal bleibt eine und vertr\u00e4umt ihr Leben im Opium, die andere wird einen europ\u00e4ischen Grafen heiraten \u2014\u2014 den meisten f\u00e4rbt das Gl\u00fcck die Wangen rot, die honeste Langweile ihres Tags um eine Stunde zu betr\u00fcgen. Was wissen Gatten und V\u00e4ter davon? Eine starb. Vielleicht, da\u00df ein Prostituierter sein Herz an sie verlor und eifers\u00fcchtig wurde; vielleicht hat er sie nicht aus Leid, sondern zur Lust gemordet; vielleicht hat ihre Weigerung, sich prostituieren zu lassen, ihrem Leben den k\u00fcrzeren Proze\u00df gemacht. Der Mordfall ist eine Unregelm\u00e4\u00dfigkeit; er zeigte uns die Einrichtung und beweist nichts gegen sie. Elsie Siegls Tod ruft die moralische Welt in Waffen, aber was er enth\u00fcllt, zwingt sie, die Waffen zu strecken. Sie m\u00fc\u00dfte sie gegen ihre Weiber wenden, um aller Entt\u00e4uschung f\u00fcr allemal Herr zu sein. Wie anders sollte sie dieser f\u00fcrchterlichen Bundesgenossenschaft der wei\u00dfen Frau und der andern Rasse, dem Einverst\u00e4ndnis versto\u00dfener Naturm\u00e4chte, ein Ende setzen? Sie k\u00f6nnens nicht fassen und ziehen zur Erkl\u00e4rung vielleicht Magie und Zauberei heran.<\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">\u00a0Wenn sie das Nest leer finden, mag ihre Verzweiflung mit den Worten von Desdemonas Vater rufen:<\/span><\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>O Gott! Wie kam sie fort? O Blutsverrat! \u2014<br \/>\nV\u00e4ter, hinfort traut euern T\u00f6chtern nie<br \/>\nNach \u00e4u\u00dferlichem Tun! \u2014\u2014 \u2014\u2014 \u2014\u2014 \u2014\u2014<br \/>\nO schn\u00f6der Dieb! Was ward aus meiner Tochter?<\/p>\n<div class=\"ws-noexport\"><\/div>\n<p>Du hast, verdammter Frevler, sie bezaubert;<br \/>\nDenn alles, was Vernunft hat, will ich fragen,<br \/>\nWenn nicht ein magisch Band sie h\u00e4lt gefangen,<br \/>\nOb eine Jungfrau, zart und sch\u00f6n und gl\u00fccklich,<br \/>\nSo abhold der Verm\u00e4hlung, da\u00df sie floh<\/p>\n<div class=\"ws-noexport\"><\/div>\n<p>Den reichen J\u00fcnglings-Adel unsrer Stadt \u2014\u2014<br \/>\nOb sie, ein allgemein Gesp\u00f6tt zu werden,<br \/>\nH\u00e4uslichem Gl\u00fcck entfloh an solches Unholds<br \/>\nPechschwarze Brust, die Grau\u2019n, nicht Lust erregt!<br \/>\n\u2014\u2014 \u2014\u2014 \u2014\u2014 \u2014\u2014 Ein M\u00e4dchen, sch\u00fcchtern,<\/p>\n<div class=\"ws-noexport\"><\/div>\n<p>Von Geist so still und sanft, da\u00df jede Regung<br \/>\nErr\u00f6tend schwieg \u2014\u2014 die sollte, trotz Natur<br \/>\nUnd Jugend, Vaterland und Stand, und Allem,<br \/>\nDas lieben, was ihr Grauen schuf zu sehn?<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil sie den Zaubertrank, den die Sinne selbst bereiten, nicht in ihrer Hausapotheke f\u00fchren, ist V\u00e4tern und Gatten die Erscheinungfremd. Man l\u00fcgt ihnen die wei\u00dfe Haut voll, und wenn nicht der Zufall einen Mord ausriefe, w\u00fcrden sie nie erfahren, welches Kolorit der Geschmack ihrer\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Liebsten war. Der Ernst des Lebens, dieser l\u00e4cherliche Verwalter ihres geistigen Inventars, hat ihnen das eheliche Vergn\u00fcgen nur dort gestattet, wo sie es als eheliche \u201ePflicht\u201c fatieren k\u00f6nnen. So bedarf es schon starker Reizungen, um ihr Interesse auf ein Lebensgebiet zu lenken, wo der Wechsel der Ereignisse sich nur stiller, nicht sp\u00e4rlicher vollzieht als im Kommerz. Die Leiche im Koffer ist die notwendige Sensation, ohne deren Vermittlung f\u00fcr eine ger\u00e4uschvolle Zeit Erkenntnisse nicht zu haben sind.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df Elsie Siegl starb, ist ein Lokalfall, zu dem die Reporter noch Worte finden m\u00f6gen. Aber da\u00df bei dem Kellner Leon Ling zweitausend Liebesbriefe von Frauen exquisiter Lebenshaltung gefunden wurden, das macht die Klatschm\u00e4uler verstummen und gibt dem Ereignis seine kulturbange Gr\u00f6\u00dfe. Die Presse, die sich den Kopf der Welt d\u00fcnkt und nur ihr Schreihals ist, kann uns nicht einmal mit Entr\u00fcstung dienen. Kein \u201eSumpf der Gro\u00dfstadt\u201c ist entdeckt worden; nicht die F\u00e4ulnis jener, die die Moral verletzten, ist aufgebrochen, sondern die F\u00e4ulnis der Moral. Hier hat Naturnotwendigkeit des Geschehens \u00fcber die L\u00fcge der Anschauung das Urteil gesprochen. Amerika macht es nur deutlich; es gibt Entwicklungen und Katastrophen das Ma\u00df. John ist unbedenklicher als Hans und hat gr\u00f6\u00dfere Achtung vor der Genu\u00dff\u00e4higkeit seiner Frau als der gef\u00fchlvolle Vetter, der ihr eine Seele g\u00f6nnt und sie \u201emit dem Weltganzen verkn\u00fcpfen\u201c m\u00f6chte,\u00a0wenn ihre Sinne hungrig sind. Blaustr\u00fcmpfe m\u00f6gen sich der \u00dcberzeugung freuen, da\u00df die freiere Fasson der amerikanischen Frau der Grund ihrer Z\u00fcgellosigkeit ist, und da\u00df der deutsche Mann davor sicherer w\u00e4re, vom Chinesen betrogen zu werden. Aber in allen St\u00e4dten, in denen dunkle Truppen ihre Zelte aufschlugen, haben sich brave B\u00fcrger eines Familienzuwachses erfreut, den sie ihr Leben lang mit mischfarbigem Gef\u00fchl besahen. Der Eindruck, den die andere Rasse im plastischen Ton des andern Geschlechts, in der immer formwilligen Sexualit\u00e4t des Weibes erzeugt, ist so m\u00e4chtig, da\u00df es leiblicher Vermischung nicht bedarf, um auf einen lichten Stamm ein dunkles Reis zu pfropfen. Die rohe Riesenstatue eines Chinesen, um die sich ein Ringelspiel dreht, k\u00f6nnte zur Erkl\u00e4rung ausreichen, warum mancher Wiener Schusterbub mit Schlitzaugen auf die Welt kam. Und wenn es nur ein Symbol ist, da\u00df sich die Lust um den Chinesen dreht, so schreckt es am heiligen Sonntag die wei\u00dfen M\u00e4nner aus dem Weltprater. Der gigantische Hohn, dessen nur die rachs\u00fcchtige Natur f\u00e4hig ist, hat diesen Anschlu\u00df des Weibes an das verachtete Blut befehligt. In dem W\u00e4scherladen von Chinatown werden in einer stummen Stunde alle Menschheitsfragen laut: Geschlecht und Rasse paaren sich zu weltproblematischem Grauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der wei\u00dfe Mann, der seine Frau sucht, entdeckt noch, da\u00df sie ihm die Religion mitgenommen hat, als sie\u00a0zum Chinesen ging. Die Findigkeit des Eros, mit den gegebenen Mitteln auszukommen, ist unersch\u00f6pflich. Wenn die Natur ihr M\u00fctchen an der sozialen Welt k\u00fchlt, schont sie keines der im Staate anerkannten Vorurteile, ihr Witz macht fromme M\u00e4dchen zu Bettschwestern, und die Mission endet im Bordell. Die Autorit\u00e4t des Gottes Buddha hat nie als Vorwand solcher Spiele gedient. Der Chinese begeht keine S\u00fcnde, wenn er sie begeht. Er bedarf der Gewissensskrupel nicht, um in der Lust die Lust zu finden. Er ist r\u00fcckst\u00e4ndig, weil er mit den gedanklichen Sch\u00e4tzen, die ihm Jahrtausende geh\u00e4uft haben, noch nicht fertig wurde. Er ist zukunftsf\u00e4hig und \u00fcberdauert die Sch\u00e4den, die in anderen Welten Medizin und Technik zusammenflicken. Er hat keine Nerven, er hat keine Furcht vor Bazillen, und ihm kann auch nichts geschehen, wenn er tot ist. Er ist ein Jongleur, der Leben und Liebe spielend mit dem Finger bew\u00e4ltigt, wo der Athlet keuchend seine ganze Person einsetzen mu\u00df. Er arbeitet f\u00fcr ein Dutzend Wei\u00dfe und genie\u00dft f\u00fcr hundert. Er h\u00e4lt Genu\u00df und Ethik auseinander und bewahrt dadurch beide vor der Kr\u00e4tze. Von dem, was wir Ausschweifung nennen, kehrt er an Leib und Seele unver\u00e4ndert zu den Normen des Tagwerks zur\u00fcck, worin er sich h\u00f6chstens unterbricht, um eine wei\u00dfe Lady zu bedienen. Er ist unsentimental und hat nicht jenen Mangel an seelischer \u00d6konomie, den wir Moral nennen. Er kennt die Pflicht der N\u00e4chstenliebe nicht,\u00a0die da verlangt, da\u00df an einem Strick zwei sich aufh\u00e4ngen. Er lebt fern einer bresthaften Ethik, die den Starken schw\u00e4cht, indem sie ihm den Schutz des Schwachen vorschreibt. Er ist grausam; er begeht Fruchtabtreibung und Kindesmord, wiewohl er sicher ist, da\u00df auch der unerw\u00fcnschte Sohn des Himmels dem Gotte \u00e4hnlicher w\u00fcrde als jener Bankert aus Hysterie und Journalismus, der sich im Okzident unter der Protektion des Gesetzes ausw\u00e4chst. Aber er lebt in der F\u00fclle und hat die Humanit\u00e4t nicht notwendig. Sein Reich umfa\u00dft mehr als ein Viertel der Gesamtbev\u00f6lkerung der Erde, seitdem es im letzten Jahrhundert allein einen Zuwachs von neunundneunzig Millionen bekommen hat. Und sie alle haben blo\u00df den Ehrgeiz, Chinesen zu sein und nicht die Affen fremder Eigenart. W\u00e4hrend die Japaner an deutschen Universit\u00e4ten Strafgesetze studieren, sind die Chinesen vollauf damit besch\u00e4ftigt, sie zu \u00fcbertreten. Und dieses Volk wahrt und mehrt seine d\u00e4monische Lebenskraft durch Verschwendung. Es kennt den Raubbau der Askese nicht, und seine M\u00e4nner haben Lust am Manne wie am Weibe. Den Chinesen, sagt ein Forscher, habe ihre P\u00e4derastie so wenig Abbruch getan, da\u00df die Holl\u00e4nder, als sie zum erstenmal nach China kamen, vor Staunen \u00fcber die Volksmengen, die sie \u00fcberall antrafen, immer nur die Frage laut werden lie\u00dfen, ob denn die chinesische Mutter zwanzig Kinder auf einmal zur Welt bringe. Die S\u00fcndenmoral\u00a0dezimiert ein Volk mehr als das Zweikindersystem. Sie bringt die Pathologie zur Welt und mit ihr jene geborene Homosexualit\u00e4t, die das erb\u00e4rmliche Widerspiel der erotischen Vielgestalt bedeutet. Der Chinese liebt das Weib, er liebt es im Knaben, und er w\u00fcrde sich nicht das Recht nehmen lassen, die Z\u00fcge des gesuchten Frauentypus in einem Katzenkopf zu lieben. Aber er sucht nicht den Mann, zu dem die abendl\u00e4ndische Perversit\u00e4t tendiert, die keine erotische Bereicherung ist, sondern eine pathologische Folge der Verkr\u00fcppelung des Geschlechtslebens durch die Moral. Die Erforscher des m\u00e4nnlichen Buhlwesens in China f\u00fchren die Tatsache an, da\u00df ein junger Schauspieler, der eine anmutige Mandarinin darzustellen hat, \u201eder zierlichste Frauenkopf\u201c genannt wird, \u201eden man in China \u00fcberhaupt zu Gesicht bekommen k\u00f6nne\u201c. Die chinesische P\u00e4derastie sei der \u00f6ffentlichen Meinung \u201eeine Sache, die durchaus nichts Absonderliches vorstellt und der sich jeder unbedenklich hingibt. Man verh\u00e4lt sich zu dieser Art Wollust v\u00f6llig indifferent und die \u00f6ffentliche Moral regt sich \u00fcber sie nicht im geringsten auf. Weil die Handlung dem, der sie treibt, gef\u00e4llt und weil der, mit dem sie getrieben wird, damit zufrieden ist, so findet die chinesische Moral hier alles in Ordnung. Das chinesische Gesetz liebt es nicht sehr, sich mit allzu intimen Angelegenheiten zu befassen. Die P\u00e4derastie wird sogar als eine Sache des guten Tons, als ein kostspieliger Luxus und ein vornehmer\u00a0Sport angesehen&#8220;. Das Weib ist in China als Ehefrau wie als Hure so unwissend und ungebildet, wie es der wissende und gebildete Mann braucht, der nicht in dem Wahn lebt, die Frau zur ebenb\u00fcrtigen Partnerin seiner ureigenen Dom\u00e4ne machen zu k\u00f6nnen, und nicht ihre Notwendigkeiten schm\u00e4lert, indem er ihr Rechte verleiht. \u201eDa er Verse, Musik und Ausspr\u00fcche der Philosophen liebt, so verkehrt er, wenn seine Mittel es ihm irgend erlauben, gern in gebildeter m\u00e4nnlicher Gesellschaft, wo er gewi\u00df ist, mit literarischen Kenntnissen ausger\u00fcstete und auch zum Beischlaf erb\u00f6tige junge M\u00e4nner anzutreffen.\u201c \u201ePriester, Milit\u00e4rpersonen, die Sittenpolizei, Mandarinen, einige Dichter und etliche Kaiser\u201c werden in den wissenschaftlichen Untersuchungen ausdr\u00fccklich unter den Praktikern der gleichgeschlechtlichen Liebe angef\u00fchrt. Die Residenzstadt Peking weise eine Sondereinrichtung, \u201eeine Truppe von Buhljungen f\u00fcr die m\u00f6glichen Bed\u00fcrfnisse des Herrschers\u201c auf; \u201ediese Einrichtung amtlicher Beischl\u00e4fer des Kaisers soll seit langer Zeit als m\u00f6glichenfalls erforderlich durch den Minister der Kirchengebr\u00e4uche getroffen worden sein und demnach eine staatliche Anerkennung und Sanktionierung der P\u00e4derastie in sich schlie\u00dfen\u201c. Ganz besonders ausgebreitet sei sie unter den Beamten der chinesischen Sittenpolizei, und bei der Milit\u00e4rbeh\u00f6rde erfreue sie sich direkten Schutzes: weil sich noch kein Vaterlandsretter gefunden hat, der das\u00a0\u201eerweislich Wahre\u201c in diesen Verh\u00e4ltnissen ausspionierte. Auch w\u00fcrden sie ihre Folter nie dazu mi\u00dfbrauchen, einem herzkranken Greis die Beichte seiner Jugends\u00fcnden zu erpressen. Dem Chinesen geht eben in jedem Belang Lebensweisheit \u00fcber Kenntnisse. Er ist ein Raumk\u00fcnstler in der Nu\u00dfschale des Daseins; er n\u00fctzt es aus und verstellt sich den Weg nicht durch \u00dcberfl\u00fcssiges. Und stellt sich selbst nicht in den Weg. Von seiner Ersetzlichkeit \u00fcberzeugt, bew\u00e4hrt er im Transzendenten einen sozialen Sinn, der in der abendl\u00e4ndischen Ethik verkleideter Egoismus ist. Er wei\u00df Platz zu machen; seine N\u00e4chstenliebe wirkt nicht in r\u00e4umlicher, sondern in zeitlicher Dimension. Er lebt nicht im Wahn der Individualit\u00e4t, die sich an der Tatsachenwelt beweist. Er taucht unter im Gewimmel und ist sich selbst so wenig unterscheidbar wie dem fremden Auge. Weil alle gleich sind, k\u00f6nnen sie der demokratischen Wohltat entbehren. Ihr Gesetz hat schwerere Strafen, weil der T\u00e4ter schwerer zu finden ist. Ein Zopf entkam: eine Ratte&#8230; Das \u201eVerh\u00f6r des dritten Grades\u201c, das die New Yorker Polizei anwendet, lockt keinem Volksgenossen ein Gest\u00e4ndnis heraus. Die Untersuchung, wer ein Christenm\u00e4dchen ermordet hat, kann nur das Ergebnis haben: Niemand. Aber die Untersuchung, wer ein Christenm\u00e4dchen verf\u00fchrt hat, das Ergebnis: Alle!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und allen wird es ferner gelingen. Die amerikanische Beh\u00f6rde wird in den gelben Bezirken Ordnung machen,\u00a0und vermehrter Wunsch wird die vermehrte Wachsamkeit \u00fcberwinden. Das Geheimnis wird den Reizverlust, den es durch die Publizit\u00e4t erlitten haben k\u00f6nnte, durch den Gewinn an Gefahr reichlich hereinbringen. Und der Schrecken selbst \u2014\u2014 unseliges Erbe der konvertierten Lust! \u2014\u2014 zieht an, der blutige Schein verf\u00fchrt, und auf die ferne Welt hat die Entdeckung gewirkt, als ob der Taifun \u00fcber den Ozean eine erotische Glutwelle geworfen h\u00e4tte. Und bei dem Gedanken an China, vor dieser zauberhaften Individualit\u00e4t der mongolischen Masse wird jeder wei\u00dfe Mann zum Hahnrei. Die gelbe Gefahr ist dem Lebensnerv der christlichen Kultur von einer Richtung nahegekommen, in die die V\u00f6lker Europas nicht gelugt haben. Wenn sie ihre heiligsten G\u00fcter, die Reinheit der Gattin und die Virginit\u00e4t der Tochter, wahren wollen, m\u00f6gen sie dazu schauen. Der Chinese legt auf beide nicht den geringsten Wert, aber er wird sie ohne Schwertstreich erobern. Gegen eine Rasse, die ihre Naturnotwendigkeiten nicht mit der Bagage des Gewissens bepackt hat, ist aller Widerstand hoffnungslos. Ein Volk, das sich daheim nicht im B\u00fcrgerkrieg der Sitte gegen die Natur zerreiben mu\u00df, zieht ungeschw\u00e4cht ins Feld. Wenn sie kommen, die Weiber werden sich ergeben; und die M\u00e4nner, die l\u00e4ngst Weiber sind, werden sich auch nicht lange str\u00e4uben. Eine Nation, die die Virginit\u00e4t verabscheut und ihre neugebornen T\u00f6chter durch eine Operation dem k\u00fcnftigen\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Berufe weiht, ist die legitime Anw\u00e4rterin des Bereichs einer erledigten Zivilisation. Einer, welche beim Fortschritt sich selbst auf die F\u00fc\u00dfe trat, weil sie ohne Moral nicht ausgehen konnte, welche Panzerschiffe gebaut, aber den Tanz um den Fetisch einer Jungfernhaut aufgef\u00fchrt hat. Wilde V\u00f6lkerschaften, elektrisch beleuchtete Barbaren wird Asien entdecken. Aber es wird gro\u00dfm\u00fctig auf jeden Bekehrungsversuch verzichten. Jene, die dem Weib die einzige Mission zuerkennen, vorwandlos der Freude zu dienen, werden den Ungl\u00e4ubigen keine Mission\u00e4rinnen ins Bett schicken.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie werden auf eine Rasse sto\u00dfen, deren V\u00f6lker einander mit Krieg und N\u00e4chstenliebe \u00fcberziehen und nur einig sind in der Verachtung aller, die nicht ihre Gesichtsfarbe haben und eine andere Ausd\u00fcnstung. Osten und Westen stellen einander den Teufel vor und halten sich die Nase zu. Aber die Chinesen vertragen mehr. Sie finden, da\u00df die andern \u2014\u2014 die andern M\u00e4nner \u2014\u2014 \u201eeinen faden Leichengeruch\u201c ausstr\u00f6men; und solche Wahrnehmung k\u00f6nnte mehr bedeuten als eine Empfindung der Unlust. Hier lebt etwas in Verwesung, des Erl\u00f6sers gew\u00e4rtig, der es vom Leben errettet. Hier siecht eine Lust, deren Arzt die Furcht war und das Leiden. Hier ist etwas bei lebendigem Leib begraben und etwas Totes h\u00e4lt die Grabwacht. Sie werden durch unsere Finsternisse schreiten und den Weg zum Leben nicht verfehlen. Ihre unterirdischen G\u00e4nge sind\u00a0ein Paradies neben den Katakomben, die unsere Liebe sich gemauert hat, seitdem man ihr das Licht nahm. Als die christliche Nacht hereinbrach und die Menschheit auf Zehen zu der Liebe schleichen mu\u00dfte, da begann sie sich dessen zu sch\u00e4men, was sie tat. So trat man ihr die Augen aus. Da lernte sie die erotische Blindenschrift. So legte man sie in Ketten. Da liebte sie die Musik klirrender Ketten, also die Perversit\u00e4t. Aber sie sch\u00e4mte sich der Gefangenschaft nicht, sondern der Gedanken, auf die sie darin verfiel; nicht der Ketten, aber des Ger\u00e4usches. Sie hatte sich der Freiheit ihrer geschlechtlichen Natur gesch\u00e4mt, und sie sch\u00e4mte sich der Perversion, welche die Kultur der sexuellen Unfreiheit ist. Sie brannte und verstellte sich den Notausgang. Und trug Stein um Stein herbei, bis eine Mauer ihr Reich der Mitte umgab, ihr himmlisches Reich. Dieses geschah um 500 nach Confucius. Die gro\u00dfe chinesische Mauer der abendl\u00e4ndischen Moral sch\u00fctzte das Geschlecht vor jenen, die eindringen wollen, und jene, die eindringen wollen, vor dem Geschlecht. So war der Verkehr zwischen Unschuld und Gier er\u00f6ffnet, und je mehr Pforten der Lust verschlossen wurden, umso ereignisvoller wurde die Erwartung. Da schl\u00e4gt die Menschheit an das gro\u00dfe Tor und ein Weltgeh\u00e4mmer hebt an, da\u00df die chinesische Mauer ins Wanken ger\u00e4t. Und das Chaos sei willkommen; denn die Ordnung hat versagt. Eine gelbe Hoffnung f\u00e4rbt den Horizont im Osten, und alle\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Glocken l\u00e4uten Sturm. Und \u00fcberall ein Gewimmel. \u201eAus dem Rauche des Schlundes kamen Heuschrecken \u00fcber die Erde und ihnen ward Macht gegeben, wie die Skorpionen auf Erden Macht haben&#8230; Und hatten Haare wie Weiberhaare, und ihre Z\u00e4hne waren wie die der L\u00f6wen&#8230; Und ihre Schw\u00e4nze waren den Schlangen gleich und hatten H\u00e4upter und mit diesen schadeten sie&#8230; Und die Zahl des Heerzuges der Reiterei war zweihundert Millionen. Ich h\u00f6rte ihre Zahl&#8230;\u201c Ein Fortinbras naht, auf dem Tr\u00fcmmerfeld der S\u00fcnde die Herrschaft anzutreten. \u201eWo ist dies Schauspiel?\u201c Aber damit lebe, was begraben ist, mu\u00df er dem Toten erst den Todessto\u00df geben. Seine Hand greift nach der Kultur, die ihn durch ihr letztes Augendrehn vers\u00f6hnen m\u00f6chte, und w\u00fcrgt sie mit Lust. Kein Entrinnen, die Arbeit geht im Hui \u2014 die Knie durch Stricke unter das Kinn gezogen, das Gesicht mit ungel\u00f6schtem Kalk beworfen, so verschwand eine Leiche im gro\u00dfen Koffer des Chinesen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-100060\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Karl_Kraus-e1645635446375.jpg\" alt=\"\" width=\"202\" height=\"300\" \/>W\u00e4hrend ich am \u201eKraus\u2013Projekt\u201c arbeitete, war ich mir bewusst, dass seine Form der des Online\u2013Diskurses \u00e4hnelt, zumal zu vielen der Fussnoten ja das (via Internet gef\u00fchrte!); ich hatte die leise Hoffnung, dass sorgf\u00e4ltige Leser schon merken w\u00fcrden, dass das Buch das Internet selbst dann affirmiert, wenn es das Netz eigentlich angreift. Aber der Hauptgrund f\u00fcr die Anmerkungen ist, dass Kraus selbst der grosse Anmerker war, der grossartige fr\u00fche postmoderne Meister des Zitats und der Glosse, der direkte Vorfahr der Blogger von heute.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Jonathan Franzen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; EIN MORD ist geschehen und die Menschheit m\u00f6chte um Hilfe rufen. Sie kann es nicht. Sie, die L\u00e4rmvolle, immer bereit, mit dem st\u00e4rksten Schrei den kleinsten Sto\u00df zu r\u00e4chen, sie, die sich das Ma\u00df der Sch\u00f6pfung d\u00fcnkt und nur&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/01\/die-chinesische-mauer\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":102,"featured_media":100060,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[202],"class_list":["post-75802","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-karl-kraus"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75802","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/102"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=75802"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75802\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100478,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75802\/revisions\/100478"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100060"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=75802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=75802"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=75802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}