{"id":75774,"date":"2019-01-11T00:01:49","date_gmt":"2019-01-10T23:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=75774"},"modified":"2022-02-23T18:00:09","modified_gmt":"2022-02-23T17:00:09","slug":"rede-am-grabe-peter-altenbergs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/01\/11\/rede-am-grabe-peter-altenbergs\/","title":{"rendered":"Rede am Grab Peter Alternbergs"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus Deinem hundertfachen Leben, das nun ein einziger Tod uns entr\u00fccken konnte, nicht aus Deinem einfachen Werk, von dem er uns nicht trennen wird, habe ich einmal den Satz genommen, mit dem Deine Verz\u00fcckung zu einer kleinen T\u00e4nzerin emporrief. Sie konnte in Deiner Sprache nur lallen. Du aber: \u201eUnd wie sie deutsch spricht! Alleredelste!! Goethe ist ein Tier gegen Dich!!!\u201c \u201eGoethe war einverstanden,\u201c sagte ich, \u201eGott selbst stimmte zu. Und wenn sich die lebende deutsche Literatur von der Kraft dieses Augenblicks bedienen k\u00f6nnte, so w\u00fcrden Werke hervorkommen, die noch besser w\u00e4ren als das Deutsch der kleinen T\u00e4nzerin. Aber da sie alle als Bettler neben diesem Bettler stehen, der durch alle zeitliche Erniedrigung aufsteigen wird in das Reich des Geistes und der Gnade, so ist jedes Tier ein Goethe gegen sie.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, da Du in das Reich aufgestiegen bist, wohin Dir kein Verkennen folgt, nicht der Mi\u00dfgunst und nicht der Gefolgschaft, nun hast Du uns erst zu Bettlern gemacht! Denn es ist mir, als ob die Zeit kommen m\u00fc\u00dfte, wo wir an dem literarischen Bruchst\u00fcck Deiner Pers\u00f6nlichkeit, das doch gr\u00f6\u00dfer ist als eine Epoche unserer Literatur, nicht genug haben, sondern uns ein Verlangen nach Dir selbst ergreift und nach dem Reichtum aller Deiner Augenblicke, von denen jeder eine Unsterblichkeit war. In den Tiefen Deiner Tage, in den Niederungen Deiner N\u00e4chte, in Leidenschaften und Humoren, im Einerseits und im Anderseits Deines Gef\u00fchls, sie alle mit ihrer wunderbaren Buntheit zust\u00e4ndig dem einen Augenblick, dem Deines Augs, diesem Blick, der, ger\u00fchrt und \u00fcberlegen, immer das Einverst\u00e4ndnis Deines freien und doch wie bedr\u00e4ngten Herzens war mit aller Sch\u00f6nheit der Welt und mit der Bedr\u00e4ngnis aller Kreatur und zumal mit dem Herzen aller Herzen, jenem des Hundes, dessen wartende Sehnsucht stark war wie nur die Deine. Wessen Erinnerung verm\u00f6chte diesen Reichtum zu erben? Die F\u00fclle, immer bereit sich zu verschwenden, das \u00dcberma\u00df einer Liebe, die sich aufheben konnte zum Gegenteil und dennoch die Liebe war! Wer k\u00f6nnte sich r\u00fchmen, Dich, den allem Umgang Er\u00f6ffneten, gekannt zu haben, Dich, den immer Andern, allen entzogen, weil Du Du selbst warst! In irdischer Gestalt war die Macht Deines Wesens nur dem Menschenma\u00df entr\u00fcckt, aber in den Formen, die gar Zeit und Ort ihr gaben, war sie so erhaben \u00fcber die Verkleinerung, wie sie ihr preisgegeben war. Seicht warst Du nur von unten! Wei\u00df Gott, wie es kam, da\u00df Du eben dann und dort gelebt hast, wo die Strahlen Deiner Heiligkeit sich an der \u00a0stumpfsten Materie brechen mu\u00dften, da\u00df nichts blieb als Flirren und Farbe. Sie ahnten nicht, da\u00df die Narrenkappe, mit der Du sie spielen lie\u00dfest, nur Deine Tarnkappe war, Dich vor ihnen zu sch\u00fctzen und sie doch zu durchschauen, Du Narr, der uns Normen gab. Nicht f\u00fcr Hygiene und Di\u00e4tetik einer zuk\u00fcnftigen Menschheit, das w\u00e4re vergeblich genug. Nein, wie von einer Urmenschheit her, von einem wahren Individuum Gottes, welches, noch nicht auf die engen Wirksamkeiten der Geschlechter verteilt, im Kreise der Sch\u00f6pfung lebt und Kraft hat zum Schauen und K\u00fcnden, mit der Urspr\u00fcnglichkeit aller Eigenschaften, ehe sie unsere Erkenntnis in gute und b\u00f6se schied, und darum unersch\u00f6pflich an Erregungsf\u00e4higkeit zu Fluch und Segen \u00fcber unsere sp\u00e4te Welt. Du warst die Gnade und die Grausamkeit der Natur; Anspruch und Empf\u00e4ngnis der Liebe; Sch\u00f6nheit und Ungerechtigkeit des \u00a0Elements. Deinem K\u00fcnstlerleben habe ich einst den Zug zuerkannt, den in Deiner \u00e4u\u00dfern Sph\u00e4re die Weiber verloren haben: Treue im Unbestand, r\u00fccksichtslose Selbstbewahrung im Wegwurf, Unverk\u00e4uflichkeit in der Prostitution. Und seitdem und so oft Du vom Leben zum Schreiben kamst, stand das Problem dieser genialen Absichtslosigkeit, die jetzt leichtm\u00fctig eine Perle und jetzt feierlich eine Schale bietet, in der Scherz- und R\u00e4tsel-Ecke des lesenden Philisters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist der uns so schmerzhafte Augenblick gekommen, ihnen, dem Philister und seinem Redakteur, sagen zu m\u00fcssen, da\u00df Du ihnen nicht geh\u00f6rt hast! Da\u00df Deine Nachbarschaft, Deine Verkleidung nur der Zufall zeitlicher Umst\u00e4nde war und der Zwang, Dich vor ihnen zu verstecken. Nun ist der Augenblick da, der uns tr\u00fcbste Deines Lebens, wo uns Dein Auge nicht mehr in die Seele blickt, und nun mu\u00df es aller Welt, so laut, da\u00df es auch die umgebende h\u00f6rt, gesagt werden: da\u00df Du, Peter Altenberg, einer der gro\u00dfen Dichter warst, die ihrer Zeit nur geliehen sind, doch vorbehalten zu besserm Gebrauche; einer der seltenen, die das Gl\u00fcck hatten, ein Echo zu empfangen, wenn sie in den Wald riefen, aber das Schicksal, es der Welt nicht sagen zu d\u00fcrfen. M\u00f6chte Deine lyrische Prosa, m\u00f6chte der Humor, der Dein Grab bezweifelt und dessen \u201eAnderseits&#8220; nun doch ins Jenseits spielt, m\u00f6chte Dein Mut, vor einem Kinde, vor dem Tier und der Pflanze, vor dem darbenden Herzen einer versto\u00dfenen Menschheit ehrf\u00fcrchtig zu verweilen \u2013 ein hoch- und schlechtfahrendes Geschlecht Bescheidenheit vor der Natur lehren! Ich aber will, solange ich Deiner gedenken kann, zu Deinem reichen Werk Dich in all Deiner Unbegreiflichkeit hinzu nehmen, um Dich zu lieben und um einer Zeit zu trotzen, die anders t\u00e4te! Der Abschied, den wir Dir sagen, seien die Worte der Getreuen, die um G\u00f6tzens Leichnam stehn: \u201eEdler Mann! Edler Mann! Wehe dem Jahrhundert, da\u00df Dich von sich stie\u00df!\u201c \u201eWehe der Nachkommenschaft, die Dich verkennt!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-100060\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Karl_Kraus-e1645635446375.jpg\" alt=\"\" width=\"202\" height=\"300\" \/>Rede am Grab Peter Alternbergs, 11. Januar 1919<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Aus Deinem hundertfachen Leben, das nun ein einziger Tod uns entr\u00fccken konnte, nicht aus Deinem einfachen Werk, von dem er uns nicht trennen wird, habe ich einmal den Satz genommen, mit dem Deine Verz\u00fcckung zu einer kleinen T\u00e4nzerin emporrief.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/01\/11\/rede-am-grabe-peter-altenbergs\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":102,"featured_media":100060,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[202,2739],"class_list":["post-75774","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-karl-kraus","tag-peter-alternberg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/102"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=75774"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75774\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100063,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75774\/revisions\/100063"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100060"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=75774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=75774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=75774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}