{"id":75383,"date":"2021-01-24T00:01:30","date_gmt":"2021-01-23T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=75383"},"modified":"2022-02-17T20:36:45","modified_gmt":"2022-02-17T19:36:45","slug":"baeume","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/24\/baeume\/","title":{"rendered":"B\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Willst Du einen Wald vernichten: Pflanze Fichten, Fichten, Fichten!<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Klingonisches Sprichwort<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die beiden die B\u00e4ume dort auf dem neu gestalteten B\u00fcrgersteig (seltsames Wort) liegen sehen, meint sie, er m\u00fcsse genau dar\u00fcber schreiben, diese armen Gesch\u00f6pfe, die niemals wie echte B\u00e4ume leben werden. Immer am Stra\u00dfenrand, immer bedroht von zu nahe heranfahrenden Autos, von der n\u00e4chsten Baustelle, in einem Substrat wachsend, das mit nat\u00fcrlichem Mutterboden so gar nichts zu tun hat. \u201eDiese Gesch\u00f6pfe werden niemals eine nat\u00fcrliche Kommunikation mit ihren Artgenossen, nur f\u00fcnfzehn Meter weiter, aufnehmen k\u00f6nnen, weil die Wurzeln keine Chance haben, sich zu vereinigen.\u201c Mit einem echt besorgten Gesicht schaut ihn die Kollegin an und genau in diesem Moment hat er eine Geschichte vor Augen, die nicht nur mit Herrn Nipp, sondern auch mit dem real existierenden K\u00fcnstler Laik W\u00f6rtschel zu tun hat, den er vor Jahren kennen zu lernen die Ehre und das echte Vergn\u00fcgen hatte. Dieser K\u00fcnstler, ein Ausbund des sublimen Humors und der intelligenten Durchtriebenheit, hatte ihn damals mit seinen Asphaltics fasziniert, die jahrelang auf den Stra\u00dfen rund um den M\u00f6hnesee zu finden waren und in den letzten Jahren leider der Renovierungswut der Stra\u00dfen\u00e4mter zum Opfer gefallen sind. Wahre Streetart, die man suchen und kennen lernen musste, um sie als das zu erfahren, was sie wirklich ist, gro\u00dfe Kunst. Der hat sicher nichts dagegen, wenn er einfach in einer Geschichte genutzt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAls Herr Nipp die B\u00e4ume dort liegen sieht, wird ihm sofort klar, da sind keine Dilletanten dort am Werk. Wahre Profis haben die akkurate Architektenpetersilie frisch beschnitten und die Wurzelballen in Jute eingeschlagen. Jetzt werden die vorbereiteten L\u00f6cher von ihrer r\u00f6tlichen, extra auf die Bed\u00fcrfnisse von Stra\u00dfenb\u00e4umen zugemischten Erde befreit, dann schon d\u00fcrfen die winterlich entlaubten Lebewesen zum ersten Mal stehend ihr neues Lebensumfeld erkunden. Mit jeweils drei Holzpfl\u00f6cken gehalten. Wahrscheinlich hat irgendein Stadtplanerheini dieses Mal Amberb\u00e4ume gew\u00e4hlt, die machen wenig Dreck und sehen im Herbst so h\u00fcbsch aus mit ihrem roten Laub. Dass diese \u201eWeggef\u00e4hrten\u201c keinen \u00f6kologischen Nutzen haben, wird nicht bedacht, das interessiert auch niemanden, haupts\u00e4chlich ist die gr\u00fcnliche Wirkung im Fr\u00fchjahr und Sommer wichtig. Pflegeleichtigkeit ist Trumpf. Ja klar, es k\u00f6nnten auch Tulpenb\u00e4ume oder Gingkos sein, aber diesmal hat man sich f\u00fcr was anderes entschieden, das \u00e4hnlich wenig Pflege braucht und damit die Folgekosten minimiert. Fr\u00fcher hatte man in der Stadt noch Baumhaseln\u00fcsse und Linden gepflanzt, Kastanien und nat\u00fcrlich Rotdorn, Ahorn und Hainbuchen, sogar Eichen und Buchen, Obstb\u00e4ume wie Apfel und Birne, aber diese Arten sind heute nicht mehr gew\u00fcnscht. Linden machen Dreck, dreimal im Jahr und die Autos verkleben regelm\u00e4\u00dfig, wenn sie darunter parken. Kastanien, Eichen, Buchen, \u00c4pfel und Birnen sch\u00e4digen mit ihren dicken Fr\u00fcchten die Karrosserien, Baumhaseln\u00fcsse nat\u00fcrlich auch und wen interessiert schon, dass die Singv\u00f6gel davon profitieren und gerne in Rotdornb\u00e4umen nisten? Also die neuen Arten, die sich in den letzten Jahren in St\u00e4dten etabliert haben. Nerr Nipp mag sie nicht besonders, aber nat\u00fcrlich wird er sie hinnehmen, was bleibt ihm auch schon \u00fcbrig. Er kann ja nicht dagegen anschreiben, dass die Innenst\u00e4dte langsam artentechnisch verarmen. Irgendwann hatte er mal geh\u00f6rt, dass es St\u00e4dte gibt, in denen eine gewisse Bandbreite an Baumarten vorgegeben ist. Das allerdings betrifft nicht seine Stadt. Neben immergleichen Neubauten der immergleichen Architekten stehen in den immergleich aussehenden Stra\u00dfen die immergleichen B\u00e4ume. Hurrah, du neue Zeit. Gl\u00fccklicher weise ist abends sein Freund, der K\u00fcnstler Laik W\u00f6rtschel, zu Besuch. Dem wird er dieses Ph\u00e4nomen zeigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein halbes Jahr sp\u00e4ter hat Laik W\u00f6rtschel in dieser Stra\u00dfe eine einw\u00f6chige Performance. An jedem der gleichf\u00f6rmigen B\u00e4ume steht ein Stuhl, auf jedem dieser St\u00fchle sitzt jemand mit einem Buch und liest. Liest dem Baum vor. Die B\u00e4ume sollen erfahren, wer sie sind und so lesen die Performer, die Laik W\u00f6rtschel aus verschiedenen St\u00e4dten zusammen gebracht hat, aus Peter Wohllebens \u201eDas geheime Leben der B\u00e4ume\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"attachment_2541\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Laik-W\u00f6rtschel-21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2541\" class=\"size-medium wp-image-2541\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Laik-W\u00f6rtschel-21-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Laik-W\u00f6rtschel-21-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Laik-W\u00f6rtschel-21-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2541\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Leonard Billeke<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch den Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46371\">Laik W\u00f6rtschel \u2013 ein K\u00fcnstler der Stille<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willst Du einen Wald vernichten: Pflanze Fichten, Fichten, Fichten! Klingonisches Sprichwort Als die beiden die B\u00e4ume dort auf dem neu gestalteten B\u00fcrgersteig (seltsames Wort) liegen sehen, meint sie, er m\u00fcsse genau dar\u00fcber schreiben, diese armen Gesch\u00f6pfe, die niemals wie echte&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/24\/baeume\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":97873,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334,307],"class_list":["post-75383","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp","tag-laik-wortschel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75383","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=75383"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75383\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98121,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75383\/revisions\/98121"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97873"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=75383"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=75383"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=75383"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}