{"id":75100,"date":"2021-09-01T00:01:50","date_gmt":"2021-08-31T22:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=75100"},"modified":"2022-03-01T06:39:41","modified_gmt":"2022-03-01T05:39:41","slug":"ein-eigenwilliger-beitrag-zur-franzoesischen-shoa-literatur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/09\/01\/ein-eigenwilliger-beitrag-zur-franzoesischen-shoa-literatur\/","title":{"rendered":"Ein eigenwilliger Beitrag zur franz\u00f6sischen Shoa-Literatur"},"content":{"rendered":"<div class=\"field-name-body\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der 2007 mit dem <em>Prix Goncourt du premier roman <\/em>ausgezeichnete Familienroman, 2017 ins Englische \u00fcbersetzt, erlebt nun \u2013 zum 75. Jahrestag der Vernichtung der Nazi-Herrschaft \u2013 endlich auch seine deutschsprachige Premiere. <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\"><span class=\"field-content\">Fr\u00e9d\u00e9ric Brun<\/span><\/span>, 1960 in Paris geboren, geh\u00f6rt zur dritten Generation von Autoren, die sich mit den psychischen, traumatischen Folgen einer Terrorherrschaft auseinandersetzten, deren \u00a0Tr\u00e4ger einen rassistischen Wahnsinn nicht nur innerhalb ihres staatlichen Territoriums umsetzten, sondern europaweit \u2013 oft auch mit Unterst\u00fctzung staatlicher Kr\u00e4fte und Nazi-Kollaborateure &#8211;\u00a0 die physische Vernichtung \u201efremdrassischer Elemente\u201c praktizierten.<\/p>\n<p>Auch Perla, eine Franz\u00f6sin j\u00fcdischer Konfession, geriet im Sommer 1944 mithilfe der franz\u00f6sischen Miliz in die H\u00e4nde der Nazi-H\u00e4scher, wurde nach Auschwitz deportiert, und \u00fcberlebte das Inferno der Massenvernichtung dank eines f\u00fcrchterlichen Zufalls. Sie war in die H\u00e4nde des ber\u00fcchtigten Nazi-Arztes Mengele gefallen, der mit ihr seine m\u00f6rderischen \u201eerbspezifischen\u201c Experimente durchf\u00fchrte. Dass sie diese Attacken auf ihren K\u00f6rper \u00fcberlebte und f\u00fcnfzig Jahre lang an tiefsitzenden traumatischen Depressionen litt, bildet den Hintergrund der Erz\u00e4hlung. Der Erz\u00e4hler \u2013 der Sohn von Perla &#8211; berichtet in einigen Andeutungen \u00fcber die Auswirkungen der brutalen Experimente an dem K\u00f6rper seiner Mutter. Er f\u00fcgt seiner immer wieder unterbrochenen Erz\u00e4hlung einige Fotografien aus Perlas Fotoalbum bei. Es sind Bilder, die seine Mutter w\u00e4hrend eines sp\u00e4teren touristischen Besuchs in Auschwitz angefertigt hat. Au\u00dferdem enth\u00e4lt die Publikation eine Fotografie, die eine Parkbank vor einem Krankenhaus zeigt, in der Perla ihre letzten Lebensjahre verbrachte.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick als r\u00e4tselhaft erweisen sich \u2013 mit einer Ausnahme, eine Reproduktion des Titelblatts von Vassili Grossmans, <em>L\u2019enfer de Treblinka<\/em> \u2013 die anderen Fotografien. Es sind Portr\u00e4t-Reproduktionen von Friedrich von Hardenberg, dem Dichter Novalis (S. 15) und Friedrich H\u00f6lderlins (S. 59), wie auch von einigen Bildreproduktionen des Malers Caspar David Friedrich. Ihre Werke geh\u00f6ren zum Kanon der deutschen Romantik. Diese erstaunlichen bildlichen und literarischen Querverbindungen zu Personen und Werken ber\u00fchmter deutschsprachiger romantischer Dichter und K\u00fcnstler geben Anlass zu einer Aufkl\u00e4rung, die der Autor Brun zu leisten versucht:<\/p>\n<p><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Nach dem Tod meiner Mutter habe ich beinahe alle Bezugspunkte verloren. Einen aber nicht. Seltsamerweise f\u00fchlte ich mich gleichzeitig vom deutschen Bildungsroman und jenen Helden angezogen, deren Namen die einer anderen Zeit sind: Wilhelm Meister, Heinrich von Ofterdingen, Andreas Hartknopf \u2026 Deutschland gibt es zweimal. Das Deutschland der Lager und Stacheldr\u00e4hte im Kontrast zu den dunstverhangenen Ebenen, den orangefarbigen Sonnenunterg\u00e4ngen, den idealistischen Poeten: Novalis, H\u00f6lderlin, die sich der Weltseele verschrieben haben. Warum bin ich von diesem Land so fasziniert, das zwischen dem Lied und der schroffen Stimme, dem Raffinement und der Barbarei gespalten ist. Wie verwunderlich, in ihm meine Lieblingsliteratur und die Spuren einer Vergangenheit finden zu wollen, die Perla gebrochen haben.\u00a0(S.15f.)<\/span><\/p>\n<p>Auf der Suche nach den Ursachen f\u00fcr die \u201eseltsame\u201c Anziehungskraft des deutschen Bildungsromans von Novalis und H\u00f6lderlin wie auch der magischen Hinwendung zu den naturbeseelten Gem\u00e4lden von Caspar David Friedrich auf den franz\u00f6sischen Autor wird der von verwunderten Eingebungen erf\u00fcllte Leser drei Passagen wahrnehmen: \u201eF\u00fcr Novalis m\u00fcssen wir mehr als nur Menschen sein. Dank unserer Sinne sind wir in der Lage, alles wahrzunehmen. Nur durch die Poesie sind wir f\u00e4hig, \u00fcber uns hinauszuwachsen (<em>\u00dcberbildung<\/em>). In uns schlummert ein kosmisches Meer, aber die Erfahrung entfernt uns auch davon.\u201c (S. 17)<\/p>\n<p>Eine andersartige Affinit\u00e4t zum deutschen Bildungsroman entdeckt er bei der Lekt\u00fcre von Friedrich H\u00f6lderlins \u201eHyperion\u201c: \u201eWie Hyperion suche ich nach einer Epoche, die endg\u00fcltig begraben ist. Nach ihm m\u00fcsste unser einziges Ziel darin bestehen, die Sch\u00f6nheit und Einheit der Welt wieder zu finden, das goldene Samenkorn, aus dem wir alle entstanden sind.\u201c (S. 58) Doch H\u00f6lderlin sei sich auch der Zerrissenheit \u201eseines\u201c Hyperions bewusst gewesen, der auf der vergeblichen Suche nach Gl\u00fcckseligkeit auf dem Boden der g\u00f6ttlichen Antike gescheitert sei, denn, so Brun \u201ewir sind wie ein Laubblatt, das sich vergeblich bem\u00fcht, auf den Baum zur\u00fcckzufinden, von dem es gefallen ist.\u201c<\/p>\n<p>Und nun folgt die \u00fcberraschende, wenn auch durchaus schl\u00fcssige Deutung f\u00fcr die Anma\u00dfungen der Nazi-Ideologen, H\u00f6lderlins Botschaften f\u00fcr ihre verruchte Mischideologie zu usurpieren. Ausgehend von drei Elementen ihrer Machtideologien: Verurteilung des kleinb\u00fcrgerlichen Kapitalismus, R\u00fcckkehr zum Sakralen und der grotesken Verehrung des germanischen Hellenismus, sei es ist nicht verwunderlich, dass die Botschaften H\u00f6lderlins vom Dritten Reich beansprucht wurden. Denn: \u201eVom Hellenischen, das sich Hyperion ertr\u00e4umte, bis zum gro\u00dfen Germanien, wo der Mensch in perfekter Harmonie mit der Landschaft, dem Volk und Gott lebt, ist nur ein Schritt.\u201c (S. 60)<\/p>\n<p>Und was sei von dieser Zwillings-Romantik zu halten? Bruns Schlussfolgerungen landen in einem doppelseitig besetzten Konstrukt, das idyllisch und zugleich diabolisch ist, dem SS-Mann, der nur wenige Schritte von den Verbrennungs\u00f6fen entfernt sich an \u201eg\u00f6ttlichen Harmonien\u201c, an der Sprache H\u00f6lderlins und an Reproduktionen der Gem\u00e4lde von Caspar David Friedrich erfreut. Es ist ein Widerspruch in sich, den der Autor mit dem hilflosen Hinweis auf das komplexe Wesen des Menschen zu kl\u00e4ren versucht und keine Antwort findet.<\/p>\n<p>Ungeachtet solcher nicht \u00fcberraschenden Teil-Erkenntnisse erweist sich die Lekt\u00fcre aufgrund ihrer unterschiedlichen Erz\u00e4hlweisen in vieler Hinsicht als impulsgebend. Es ist sind die intensiven, liebevollen Bekenntnisse des Erz\u00e4hlers zu seiner Mutter, die nach ihrem furchtbaren Auschwitz-Aufenthalt zu einem Leben zur\u00fcckfindet, in dem ihr Sohn versucht, den Ursachen ihrer schweren Depressionen nachzugehen. Dass er auf diesem Weg erst nach dem Tod seiner Mutter seine eingehende Liebe zum deutschen Bildungsroman nicht nur entdeckt, sondern sie auch in einer eigenwilligen doppelten Bild-Wort-Synthese benutzt, um die Ursachen der verh\u00e4ngnisvollen Synthese von germanischem Hellenismus und deutschem rassistischem Vernichtungswahn aufzudecken, ist ein gewagtes Konstrukt. Doch solche Nachfragen treten in den Hintergrund angesichts eines Romans, in dem die Auswirkungen des Jahrtausend-Verbrechens an dem Schicksal einer J\u00fcdin franz\u00f6sischen Ursprungs rekonstruiert werden. Dieses schwierige Unternehmen gelingt Frederic Brun, indem er seinen Plot in kleine Erz\u00e4hlpassagen aufteilt, die fotografischen Abbildungen zwischen die einzelnen Abschnitte platziert und seine wertende Stimme vorsichtig in den Handlungsablauf einbringt. Auf diese Weise leistet er einen eigenwilligen Beitrag zur franz\u00f6sischen Shoa-Literatur, der zurecht honoriert wurde.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"views-field views-field-title\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><strong>Perla<\/strong>, von <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\">Fr\u00e9d\u00e9ric Brun.\u00a0<\/span><\/span>\u00dcbersetzt von Christine Cavalli. Mit 15 schwarz-wei\u00dfen Abbildungen. Faber &amp; Faber\u00a0<span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-jahr\"><span class=\"field-content\">2020<\/span><\/span><\/div>\n<div class=\"views-field views-field-field-buch-medium-verlag\">\n<div><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Perla_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-75103\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Perla_Cover-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Perla_Cover-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Perla_Cover-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Perla_Cover-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Perla_Cover.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der 2007 mit dem Prix Goncourt du premier roman ausgezeichnete Familienroman, 2017 ins Englische \u00fcbersetzt, erlebt nun \u2013 zum 75. 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