{"id":75073,"date":"2009-03-21T00:01:10","date_gmt":"2009-03-20T23:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=75073"},"modified":"2024-05-02T15:42:37","modified_gmt":"2024-05-02T13:42:37","slug":"twitteratur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/21\/twitteratur\/","title":{"rendered":"Twitteratur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zum <em>Welttag der Poesie <\/em>pr\u00e4sentiert KUNO <em>e<\/em>ine neue Form f\u00fcr ein Erz\u00e4hlen in Zeiten fl\u00fcchtiger Kommunikation.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 21. M\u00e4rz 2006 verschickte Jack Dorsey den erste \u201eTweet\u201c mit dem Inhalt \u201ejust setting up my twttr.\u201c. Drei Jahre sp\u00e4ter erscheint die Textsammlung: <em>Twitterature. The World\u2019s Greatest Books Retold Through Twitter<\/em> von Alexander Aciman und Emmet Rensin, das in diesem Jahr erschienen ist. Die Sammlung enth\u00e4lt Palimpseste einiger Werke der Weltliteratur in netzaffiner Jugendsprache.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der Traum des Kritikers ist es, eine Kunst durch ihre Technik zu definieren.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Roland Barthes<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Johann Wolfgang Goethe hat erkl\u00e4rt (und Generationen von Germanisten sind ihm willf\u00e4hrig darin gefolgt), dass es \u201enur drei echte Naturformen der Poesie\u201c gebe, n\u00e4mlich \u201eEpos, Lyrik und Drama\u201c (WA I\/7, S. 118). KUNO hat Interesse am Mikroskopischen, am Outrierten, am Abseitigen. Technische Neuerungen sind eine Chance f\u00fcr \u00fcberholte literarische Formen. Bisher bilden die <em>Mikrolithen <\/em>in der Systematik der Literaturwissenschaft neben Epik, Lyrik und Dramatik mit unterschiedlichen Bezeichnungen eine Randgruppe: Epigramm, Sprichwort, Prosagedicht, K\u00fcrzestgeschichte und der Aphorismus. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist das Aper\u00e7u in Form des <em>Mikroblogging<\/em> eine auflebende Form.<\/p>\r\n<aside class=\"topicbox article__item article__item--marginalia\"><\/aside>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Bedeutet die Feststellung Existenzminimum, da\u00df man seine Existenzberechtigung verloren hat, sobald man darunter liegt?<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Twitteratur<\/em> ist die Folge eines martialischen Aktes, sie verbleibt aber bei allem emanzipatorischen Furor auch ein Bekenntnis zur Abh\u00e4ngigkeit vom Vorbild des Dichters, dessen Sch\u00f6pfungen intertextuell weitergef\u00fchrt werden. Die Produktion von Ambiguit\u00e4t &#8211; was Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen B\u00fchne und Zuschauerraum neu verteilte &#8211; findet sich in der Kunstform der <em>Twitteratur<\/em> wieder. Verfremdung bedeutet, die Dinge nicht mehr in ihrer Evidenz darzustellen. Die retardierende Unterbrechung, f\u00fchrt zu einem Staunen, ob der entdeckten Zust\u00e4nde, da\u00df erst die kritische, n\u00e4mlich nicht mehr in der allgemeinen Evidenz befangene, Stellungnahme des Publikums zu den Vorg\u00e4ngen, wie auch zur Art der Darstellung erm\u00f6glicht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Hypertext bietet eine Erweiterung:<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Online-Sein hei\u00dft Verfl\u00fcchti\u00adgung, und im Glauben, alles zu erfassen, kann selbst der interessierte Leser doch nur seine Ohnmacht ange\u00adsichts der Zeichenschwemme einge\u00adstehen. Der se\u00adman\u00adtisch entris\u00adsene Text tritt als Flie\u00dftext in Kon\u00adkurrenz zu anderen Texten und Bildern, die immer auch auf den eigent\u00adlichen Text als Diskurs\u00adprodukt zur\u00fcckwirken. Auch die Text\u00adintention \u00e4ndert sich durch die mediale Verschiebung, soda\u00df die Netz-Fl\u00fcchtigkeit zur Text-Fl\u00fcchtigkeit wird. Nat\u00fcrlich kennt auch die Welt jenseits der Kunst eine vergleichbare Dichte von Information, vor allem im Internet, wo das Enzyklop\u00e4dische in kollaborativer Anstrengung zu neuem Leben erweckt wird.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufgabe von <em>Twitteratur<\/em>:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 hat Haltung und kann auf die Frage \u201eWozu\u201c in einem Satz antworten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 ist die Haltung der digitalen Naissance<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 versteht digitale Technologie als k\u00fcnstlerische M\u00f6glichkeit<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 versteht sich als Teil der Netzgesellschaft<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 ist wagemutig, neugierig, provozierend<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 versichert sich reflektierend der Themen der Gesellschaft<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 ist vielformatig und l\u00e4sst sich von neuen Formen inspirieren<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 kann Komplexes komplex erz\u00e4hlen<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 verwandelt sich vom Industrieliteratur zur fluiden Poesie<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 ist kollaborativ und kooperativ, bindet jeden Mitarbeiter k\u00fcnstlerisch ein<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 vernetzt sich mit der Welt und ist Zentrum eines k\u00fcnstlerischen Netzwerks<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2022 macht die Organisation des Online-Archivs zu einem k\u00fcnstlerischen Gebilde<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Kulturnotizen<\/em> verstehen sich als Ort der Gesellschaft, an dem sich in Gesellschaft \u00fcber Gesellschaft \u00e4sthetisch reflektieren l\u00e4sst. In dem die Themen behandelt werden, die die Menschen und die Gesellschaft bewegen und zwar mit maximaler formaler Freiheit. Die Themen, die die Menschen zum Lesen bewegen. In der Semantik des paradoxen Humors lehnt sich KUNO gegen die Zumutungen des Daseins auf. <em>Twitteratur<\/em> ist im Flu\u00df, hier die Hochkultur, dort die Allesverf\u00fcgbarkeit und auch Allesproduzierbarkeit durch das Internet &#8211; dies ist kein Gegensatz, sondern der Beweis f\u00fcr das Langlebige und \u00dcberzeitliche der Poesie.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Twitterature<\/strong><em>. The World\u2019s Greatest Books Retold Through Twitter<\/em> von Alexander Aciman und Emmet Rensin, Penguin Books 2009<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Twitteratur_Penguin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-75077\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Twitteratur_Penguin.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"410\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Twitteratur_Penguin.jpg 250w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Twitteratur_Penguin-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Twitteratur_Penguin-160x262.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein einf\u00fchrender Rezensionsessay von Holger Benkel in den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/03\/21\/kurze-saetze\/\">Aphorismus<\/a>. Ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/06\/twitteratur-die-kunst-der-verkuerzung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>. Mit \u201aTWITTERATUR | Digitale K\u00fcrzestschreibweisen\u2018 betreten Jan Drees und Sandra Anika Meyer ein neues Beobachtungsfeld der Literaturwissenschaft. Eine unverzichtbare <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23810\">Lekt\u00fcre <\/a>zu dieser neuen Gattung. Sophie Reyer bezieht sich auf die Tradition der Lyrik und vollzieht den Weg <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21415\">vom Zierpen zum Zwitschern<\/a> nach. Gemeinsam mit Sophie Reyer pr\u00e4sentierte A.J. Weigoni auf KUNO das Projekt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19038\">Wortspielhalle<\/a>, welches mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22035\">lime_lab<\/a> ausgezeichnet wurde. Mit dem fulminanten Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26608\">Romanvernichtungsdreck! #errorcreatingtweet<\/a> setzte Denis Ulrich den Schlu\u00dfpunkt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Welttag der Poesie pr\u00e4sentiert KUNO eine neue Form f\u00fcr ein Erz\u00e4hlen in Zeiten fl\u00fcchtiger Kommunikation. Am 21. M\u00e4rz 2006 verschickte Jack Dorsey den erste \u201eTweet\u201c mit dem Inhalt \u201ejust setting up my twttr.\u201c. 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