{"id":75000,"date":"2016-12-26T00:01:18","date_gmt":"2016-12-25T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=75000"},"modified":"2022-02-23T11:56:47","modified_gmt":"2022-02-23T10:56:47","slug":"volker-brauns-handbibliothek-der-unbehausten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/12\/26\/volker-brauns-handbibliothek-der-unbehausten\/","title":{"rendered":"Volker Brauns \u201eHandbibliothek der Unbehausten\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\">Volker Braun, d<\/span><\/span>as Wunder dieses Dichters ist ein ersch\u00fctterndes und begl\u00fcckendes zugleich. Der B\u00fcchnerpreistr\u00e4ger, einer der, wie sich herausstellen durfte, W\u00fcrdigsten solcherart Geehrten der letzten und vorletzten Dekaden (Hilbig winkt aus der mittleren Ferne, die Kirsch schwirrt anbei), offeriert mit seinen neuen Gedichten eine fortgesetzte \u00dcbung in Best\u00e4ndigkeit, wacher Bissigkeit, wie sie auf den flegr\u00e4ischen Rieselfeldern \u2013 wohl aus einem vervielf\u00e4ltigten Missverst\u00e4ndnis \u2013 dieser intimsten Dichtart selten geworden ist.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Ja, denn allen Frohlockungen zum Trotz tummelt sich in ihr auch jede Menge Tand. Braun indes ist selbst, wenn es ihn in die weit gestreute Ferne zwischen Berlin, China und dem Mansfeld treibt, ein Meister des sezierenden Blicks: manch \u00c4tzkalk mischt sich unter die Fahrtenb\u00fccherverse, selbst das Leichte ist nicht leicht, es ist wohlgesetzt, bezieht seine Schwebe aus dem Unbehagen einer in die Quere ihrer selbst wieder und wieder geratenden Epoche. Tand, Tinnef, die um des Effets gesetzte Nichtigkeit sucht man in diesen Texten, auch wenn sie sich zwischenher durchaus einer leichteren (inneren) T\u00f6nung bedienen, vergeblich.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Es ist: die Welt an sich wie Mittelgermanien, jener vergessene Landstrich der Geschichte, es sind die Reisen zu den gro\u00dfen Orten, wo die Blicke des Unbehausten zwischen Fl\u00fcssen und Pyramiden aufgespannt sind; und der Mensch, dessen Glanz und Abgr\u00fcnde in eins gehen und den Aufgekl\u00e4rten zweifeln, das Gebiss mahlen und verzweifeln lassen. Gef\u00f6hnte Gorillas, die mit Sprengk\u00f6pfen oder Geldrollen spielen, es ist sich scheinbar gleich im Neu-Jahrhundert der Kopf-Abschl\u00e4ger, der Panzerweg-Schleifer: was dem einen sein Schwert, ist dem andern seine Quelle. Dazwischen strikte Verse von zarter Biegsamkeit und dieses grandiose \u201eWilderness\u201c, das einem die Frisur sausen l\u00e4sst bis tief in die Papillen des Hirns.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Braun, der Dialektiker. Ein hoffender Zweifler, dem es um die Menschen und Dinge zu tun ist, deren Verlorenheit er nur schwer, unter Entt\u00e4uschung und Protest, hinnehmen mag. Braun, dessen Analysen zugleich immer pers\u00f6nliches, pers\u00f6nlichstes Terrain ber\u00fchren, er gibt nicht auf, und sei es, dass seine Heiterkeit eine schwarzger\u00e4nderte ist. Das ist sie. \u201eJetzt gehts ans Konto, an das Eingemachte. \/ Ich krieg die Krise, weil der Weltkreis krachte. Wo ist nun unser Mut? das Aufbegehren?\u201c \u2013 in diesem bissigen Schlussst\u00fcck einer sich \u00fcber nahezu drei Jahrzehnte ziehenden Gedichttrilogie wandelt sich die Weltlage in den Irrwitz, wie wir ihn noch erleben, einen \u201eWitz\u201c, der sich von \u201eunsrer Schwachheit\u201c n\u00e4hren soll.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Und es endet wie bef\u00fcrchtet: \u201eWas sind wir noch zum Schein, was sind wir schon? \/ Ein Bettelvolk. Ich sags auch mir zum Hohn.\u201c Kleine Zeiten, die gro\u00dfe nachahmen wollen, f\u00fchren zu kleinlichen, buchhalterischen und dennoch vor Unterk\u00fchltheit umso durchgeknallteren Umst\u00e4nden. Was bleibt, ist reisen, vielleicht, und sich dem Wunsch hinzugeben, dass bessere dergleichen kommen. Indes, noch rollen die Panzer, verbal wie metallen.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Ein Denk-, ein Hinschau-Ort ist diese Braunsche Bibliothek, und ein Trost-Ort ist sie f\u00fcr diejenigen, deren Gedankengeb\u00e4ude nicht an den Klippen des Konsum- und Gesinnungsterrors abst\u00fcrzt und fortan bl\u00f6dh\u00e4lsig, mit schlappender Zunge der jeweiligen Siegersprache nachhechelt im sp\u00e4tfeilen Ertrinken. Naja, als ob es nicht immer so gewesen w\u00e4re \u2013 man wei\u00df es nicht, aber angesichts von 300 Jahren w\u00fcst bek\u00e4mpfter Aufkl\u00e4rung ist es ersch\u00fctternd, was das begnadete Wesen doch nicht mehr zu lernen vermag.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Ist es der Schimpanse in uns, ohne dem Tier Unrecht tun zu wollen? Oder die erm\u00fcdete Spielform unserer Neotenie? Grausam mag es auf jeden Fall sein, das ist sicher, ein ausgedehntes Leidgebiet f\u00fcr die Denkenden. Von den Empfindenden kaum zu sprechen. Wom\u00f6glich ist auch deshalb bereits ein Diminutiv eingebaut \u2013 von einer Handbibliothek wird bereits gesprochen: damit man sie im Ernst schnell verbergen kann? Ist es schon soweit. Wer h\u00e4tte, au\u00dfer Braun und einer Gruppe eben unbehauster Nutzer, gedacht, wie fix (im doppelten Sinne) der Unschlitt, der unsere Jahre begleitet, so schnell und unwidersprochen salonf\u00e4hig w\u00fcrde? Die saumseligen Bef\u00fcrworter einer Hoch-Sprache, die nachl\u00e4ssig wird? Die Bejubler des Fortschritts, der zur Falle wurde? Die erpichten Weltumsegler, mit beiden H\u00e4nden an ihre individuelle Story gepiekt und geschlossenen Augs eben jene er- und verkl\u00e4rend?<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Dieses in grimmiger Weitsicht, ja, in ru\u00dfender Heiterkeit geschriebene Buch, es geh\u00f6rt zugleich zu den bedeutendsten Gedichtb\u00fcchern des jungen und doch schon so sch\u00f6n bedr\u00f6ppelt aus der W\u00e4sche guckenden Jahrhunderts. Wohl dem \u2013 diese \u201eHandbibliothek der Unbehausten\u201c, und bereits der Titel l\u00e4sst die Augen und den Solarplexus schlackern, ist eine reife \u00dcbung in \u201eWilderness\u201c geworden. Es m\u00f6gen diese Gedichte sein, die die Sabbler in ihren falben Godzilla-Tr\u00e4umen jagen. Es ist noch nicht zu Ende. Eindeutig. Wohl dem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"views-field views-field-title\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><strong>Handbibliothek der Unbehausten<\/strong> &#8211; Neue Gedichte von <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\">Volker Braun.\u00a0<\/span><\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Suhrkamp\u00a0<\/span><span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-jahr\"><span class=\"field-content\">2016<\/span><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Handbibliothek_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-75004 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Handbibliothek_Cover-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Handbibliothek_Cover-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Handbibliothek_Cover-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Handbibliothek_Cover-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Handbibliothek_Cover.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Volker Braun, das Wunder dieses Dichters ist ein ersch\u00fctterndes und begl\u00fcckendes zugleich. 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