{"id":74984,"date":"2015-11-20T00:01:31","date_gmt":"2015-11-19T23:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74984"},"modified":"2022-02-23T12:13:18","modified_gmt":"2022-02-23T11:13:18","slug":"leopold-federmairs-erzaehlungen-streben-ins-licht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/11\/20\/leopold-federmairs-erzaehlungen-streben-ins-licht\/","title":{"rendered":"Leopold Federmairs Erz\u00e4hlungen streben \u201eIns Licht\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Nichts bleibt, wie es ist \u2013 ein Wort, eine Feststellung, die Gnade und Grauen zugleich birgt. Wom\u00f6glich ist es die Kunde vom \u201eIrrlicht dieser Zeit\u201c, wie es bereits im 17. Jahrhundert Andreas Gryphius im Angesicht der unglaublichen Gemetzel und ihrer langen Nachkl\u00e4nge des ersten Gro\u00dfkriegs der Neuzeit, formulierte, die diesen ambivalenten Sachverhalt punktgenau trifft. Und vielleicht ist Literatur in Zeiten des Abgleitens auf digitalen Splitterfl\u00e4chen sogar und reziprok ein Medium, sich zu besinnen, zur Besinnung zu kommen.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Zur Besinnung kommen, welch Wort angesichts der aufgeregten Hysterie dieser Jahre, die um uns eine zunehmend bedr\u00fcckende D\u00fcnung r\u00fcckerfinden. Und nicht zuletzt wirbt Leopold Federmairs Verlag eben mit den wuchtigen Versen Gryphius\u2019, um diesem Buch einen Geruch, eine mentale Farbe mitzugeben. Es ist, auch das Cover redet davon, gedecktes Gr\u00fcngrau, in dem der Ton dieser acht Geschichten sich dem Unabweislichem n\u00e4hert. Das Unabweisliche ist Teil dessen, worauf man sich besinnt und das jedoch verloren ist \u2026<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">So ist es lediglich die Aussicht auf die Erf\u00fcllung, wenn des Nachts der jugendliche Nachbar nackt an der Protagonistin einer der Storys vor\u00fcber tappt \u2013 der Blick auf den \u201aherrlichen\u2018, ja, leuchtenden Schwanz des J\u00fcnglings nur die Vision eines (letztlich im Platonischen steckenbleibenden) Traums. Und es sind Fragmente des Stillstands und der Z\u00f6gerlichkeit, die das gedimmte Leben des Personals von \u201eIns Licht\u201c ausmacht, ein Vexierspiel in melancholischen Ausf\u00e4llen, gepaart mit der wackligen Ruhe verquerer Harmonien, an ehesten vielleicht den Talk-Talk-Songs der mittleren Phase (\u201eIt\u2018s My Life\u201c, \u201eThe Colour of Spring\u201c) \u00e4hnlich, die die Bruchlandung in der Ewigkeit schon in sich tragen, sie aber noch nicht v\u00f6llig vollziehen. Hinter Federmairs zun\u00e4chst spr\u00f6den Einlassungen verbirgt sich ein Kosmos aus feinem Erz\u00e4hlgespinst, das zwischen den Zeilen (zuweilen Schreckliches) weitererz\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Lebens- und Todeslust, hinter Gem\u00e4uern, im Kreisen von Erinnerungen und Wandvierecken, kommen in eins. Ver- und Entwirklichung gehen seltsame Symbiosen ein \u2013 das Erstrebte und das Erstrebenswerte verschwimmen, die Gr\u00fcnde sind schlammig, der Schlamm verfestigt sich mit zunehmendem Ruckeln, also wird stillgehalten. So gibt Leopold Federmair seinen Protagonisten genug Empathie, sich in einem Anti-Leben einzufinden. Tats\u00e4chlich sind dies Leben, wie sie der Feder von Mark Hollis entsprungen sein k\u00f6nnten, biegsam und tragisch, still und beredt zugleich. Aus dem Schatten des furchtbaren vorvergangenen Jahrhunderts auftauchend, \u00fcben sie sich im Finden von Halt und Zuversicht, engen den Blick gelegentlich, um nicht zu sehr in die Gebresten von Erinnerung und Verzweiflung, Entfremdung und Verlorengehen zu geraten. Es sind die Blicke, die sich, gleich ob sie in der Provinz auf eine gegen\u00fcberliegende Mauer treffen oder in einer Metropolis, beinahe immer \u00e4hneln.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Das jeweils innere Kreisen jeder dieser Erz\u00e4hlungen, das oft wie beil\u00e4ufige Monologisieren ihrer \u201aHelden\u2018 schafft paradoxerweise intensive Mikrokosmen des Abgleichs pers\u00f6nlicher Lebens-Geraden mit den Biegungen, Verzerrungen in der Brandung der Zeit. Die Geschichte, die exemplarisch \u201eZimmer\u201c hei\u00dft \u2013 jeder dieser Texte k\u00f6nnte den Namen, als Titel wie eine Art Gattungsbeschreibung, tragen \u2013 steht im Zentrum eines Oktetts aus Sichtschlitzen, Erw\u00e4gungen angesichts dessen, was Wirklichkeit, logarithmisiert mit dem Charakter-Ruch des Schicksals, sein mag. Zun\u00e4chst sperrig, entfaltet dieses Buch einen Flimmer, dessen notorischem Sog man sich mit \u201eMut im Bauch\u201c nur schwer verweigern kann.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Ein stilles Kompendium, ein Werk auf den zweiten Blick \u2013 aber was f\u00fcr ein Buch, wenn man sich hindurchgearbeitet hat. Ein Buch \u00fcber die br\u00fcchige Zeit, in der wir leben, ohne eben diesem elenden Zeitgeist die Darmzotten zu massieren, im Gegenteil. Eine quasi achtarmige Vision dessen, woher wir kommen, was uns erwartet, und wie wir versuchen k\u00f6nnen, dem zu entkommen. Und was es uns kosten k\u00f6nnte, weiter ins Irrlicht zu gehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"views-field views-field-title\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><strong>Ins Licht<\/strong>, von <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor-fix\">Leopold Federmair.\u00a0<\/span><\/span>Otto M\u00fcller Verlag.\u00a0<span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-jahr\"><span class=\"field-content\">2015<\/span><\/span><\/div>\n<div><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/ins_licht_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-74997\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/ins_licht_Cover-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/ins_licht_Cover-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/ins_licht_Cover-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/ins_licht_Cover-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/ins_licht_Cover.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nichts bleibt, wie es ist \u2013 ein Wort, eine Feststellung, die Gnade und Grauen zugleich birgt. 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