{"id":74831,"date":"2010-08-15T00:01:44","date_gmt":"2010-08-14T22:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74831"},"modified":"2021-09-30T13:09:31","modified_gmt":"2021-09-30T11:09:31","slug":"reiseandenken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/08\/15\/reiseandenken\/","title":{"rendered":"REISEANDENKEN"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ATRANI. Die sacht ansteigende geschweifte Barocktreppe zur Kirche. Das Gitter hinter der Kirche. Die Litaneien der alten Frauen beim Ave Maria: Einschulung in die erste Sterbeklasse. Wenn man sich umwendet, grenzt dann die Kirche wie Gott selber ans Meer. Allmorgendlich bricht die christliche \u00c4ra den Fels an, aber zwischen den Mauern darunter zerf\u00e4llt immer wieder die Nacht in die vier alten r\u00f6mischen Viertel. Gassen wie Luftsch\u00e4chte. Auf dem Marktplatz ein Brunnen. Am Sp\u00e4tnachmittag Weiber herum. Dann einsam: archaisches Pl\u00e4tschern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">MARINE. Die Sch\u00f6nheit gro\u00dfer Segelschiffe ist einziger Art. Denn sie sind nicht allein in ihrem Umri\u00df durch Jahrhunderte unver\u00e4ndert geblieben, sondern erscheinen in der unwandelbarsten Landschaft: auf der See gegen den Horizont abgehoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">VERSAILLES FASSADE. Es ist, als habe man dies Schlo\u00df vergessen, wo man es vor so und soviel hundert Jahren Par Ordre Du Roi nur auf zwei Stunden als das Versatzst\u00fcck einer F\u00e9erie hingestellt hat. Von seinem Glanz beh\u00e4lt es nichts f\u00fcr sich, es gibt ihn ungeteilt an jene <span id=\"Seite_53\" class=\"PageNumber\"><\/span>k\u00f6nigliche Lage, die mit ihm abschlie\u00dft. Vor diesem Hintergrund wird sie zur B\u00fchne, auf der die absolute Monarchie als allegorisches Ballett tragiert ward. Doch heute ist es nur die Wand, deren Schatten man aufsucht, um den Fernblick ins Blau zu genie\u00dfen, das Le N\u00f4tre erschuf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">HEIDELBERGER SCHLOSS. Ruinen, deren Tr\u00fcmmer gegen den Himmel ragen, erscheinen bisweilen doppelt sch\u00f6n an klaren Tagen, wenn der Blick in ihren Fenstern oder zu H\u00e4upten den vor\u00fcberziehenden Wolken begegnet. Die Zerst\u00f6rung bekr\u00e4ftigt durch das verg\u00e4ngliche Schauspiel, das sie am Himmel er\u00f6ffnet, die Ewigkeit dieser Tr\u00fcmmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">SEVILLA ALCAZAR. Eine Architektur, die dem ersten Zuge der Phantasie folgt. Sie ist durch praktische Bedenken ungebrochen. Nur Tr\u00e4ume und Feste, deren Erf\u00fcllung, sind in den hohen Gem\u00e4chern vorgesehen. Darinnen werden Tanz und Schweigen Leitmotiv, weil alle menschliche Bewegung vom stillen Get\u00fcmmel des Ornamentes eingesogen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">MARSEILLE KATHEDRALE. Auf dem menschenleersten, sonnigsten Platz steht die Kathedrale. Hier ist es ausgestorben, trotzdem im S\u00fcden, zu ihren F\u00fc\u00dfen, La Joliette, der Hafen, im Norden ein Proletarierviertel dicht anst\u00f6\u00dft. Als Umschlagplatz f\u00fcr ungreifbare, undurchschaubare Ware steht da das \u00f6de Bauwerk zwischen Mole und Speicher. An vierzig Jahre hat man darangesetzt. Doch als dann 1893 alles fertig war, da hatten Ort und Zeit an diesem Monument sich gegen Architekten und Bauherrn siegreich verschworen und aus den reichen Mitteln des Klerus war ein Riesenbahnhof entstanden, der niemals <span id=\"Seite_54\" class=\"PageNumber\"><\/span>dem Verkehr konnte \u00fcbergeben werden. An der Fassade sind die Wartes\u00e4le im Innern kenntlich, wo Reisende I.\u2013IV. Klasse (doch vor Gott sind sie alle gleich), eingeklemmt wie zwischen Koffer in ihre geistige Habe, sitzen und in Gesangb\u00fcchern lesen, die mit ihren Konkordanzen und Korrespondenzen den internationalen Kursb\u00fcchern sehr \u00e4hnlich sehen. Ausz\u00fcge aus der Eisenbahnverkehrsordnung h\u00e4ngen als Hirtenbriefe an den W\u00e4nden, Tarife f\u00fcr den Abla\u00df auf die Sonderfahrten im Luxuszug des Satan werden eingesehen und Kabinette, wo der Weitgereiste diskret sich reinwaschen kann, als Beichtst\u00fchle in Bereitschaft gehalten. Das ist der Religionsbahnhof zu Marseille. Schlafwagenz\u00fcge in die Ewigkeit werden zur Messezeit hier abgefertigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">FREIBURGER M\u00dcNSTER. Mit dem eigensten Heimatgef\u00fchl einer Stadt verbindet sich f\u00fcr ihren Bewohner \u2013 ja vielleicht noch f\u00fcr den verweilenden Reisenden in der Erinnerung \u2013 der Ton und der Abstand, mit dem der Schlag ihre Turmuhren anhebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">MOSKAU BASILIUS-KATHEDRALE. Was die byzantinische Madonna im Arm hat ist nur eine h\u00f6lzerne Puppe in Lebensgr\u00f6\u00dfe. Ihr Schmerzensausdruck vor einem Christus, dessen Kindsein nur angedeutet, nur vertreten bleibt, ist intensiver, als sie je mit einem lebenswahren Knabenbilde ihn zur Schau tragen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BOSCOTRECASE. Vornehmheit der Pinienw\u00e4lder: ihr Dach ist ohne Verflechtungen gebildet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">NEAPEL MUSEO NATIONALE. Archaische Statuen tragen im L\u00e4cheln das Bewu\u00dftsein ihres Leibes dem Betrachter entgegen wie ein Kind die frisch gepfl\u00fcckten <span id=\"Seite_55\" class=\"PageNumber\"><\/span>Blumen ungebunden und zerstreut uns entgegenhebt, w\u00e4hrend die sp\u00e4tere Kunst strenger die Mienen sch\u00fcrzt, gleich dem Erwachsenen, der mit schneidenden Gr\u00e4sern den dauernden Strau\u00df flicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">FLORENZ BAPTISTERIUM. Auf dem Portal die \u201eSpes\u201c Andrea de Pisanos. Sie sitzt und hilflos erhebt sie die Arme nach einer Frucht, die ihr unerreichbar bleibt. Dennoch ist sie gefl\u00fcgelt. Nichts ist wahrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">HIMMEL. Im Traume trat ich aus einem Hause und erblickte den Nachthimmel. Ein wildes Gl\u00e4nzen ging von ihm aus. Denn, ausgestirnt wie er war, standen die Bilder, nach denen man Sterne zusammenf\u00fcgt, in sinnlicher Gegenwart da. Ein L\u00f6we, eine Jungfrau, eine Waage<sup id=\"cite_ref-7\" class=\"reference\"><\/sup> und viele andere starrten, als dichte Sternhaufen, auf die Erde herunter. Kein Mond war zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-68588 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg 223w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-260x350.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-160x216.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a>Die<em> Einbahnstra\u00dfe<\/em> ist eine entscheidende Gelenkstelle in Benjamins Gesamtwerk, in der \u00dcberlegungen des Fr\u00fchwerks transformiert werden, um sie dann in sp\u00e4teren Arbeiten weiterzuf\u00fchren. Dies veranschaulicht insbesondere die 43 Texte umfassende \u00bbNachtragsliste zur Einbahnstra\u00dfe\u00ab, die Benjamin Anfang bis Mitte der drei\u00dfiger Jahre zusammenstellte. Sie wird, neben dem Erstdruck und allen handschriftlichen Vorstufen sowie zeitgen\u00f6ssischen Rezensionen, in der neuen Edition erstmals als Einheit zu lesen sein. Der Kommentar und das Nachwort des Herausgebers machen zudem die Verbindung der einzelnen Texte mit dem Gesamtwerk Benjamins sichtbar und zeigen, inwiefern die <em>Einbahnstra\u00dfe<\/em> die Tradition der europ\u00e4ischen Aphoristik aufgenommen und zugleich erneuert hat.<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\">Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; ATRANI. Die sacht ansteigende geschweifte Barocktreppe zur Kirche. Das Gitter hinter der Kirche. Die Litaneien der alten Frauen beim Ave Maria: Einschulung in die erste Sterbeklasse. 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