{"id":74803,"date":"2010-11-12T00:01:12","date_gmt":"2010-11-11T23:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74803"},"modified":"2021-10-25T14:30:11","modified_gmt":"2021-10-25T12:30:11","slug":"antiquitaeten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/11\/12\/antiquitaeten\/","title":{"rendered":"ANTIQUIT\u00c4TEN"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">MEDAILLON. An allem, was mit Grund sch\u00f6n genannt wird, wirkt paradox, da\u00df es erscheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">GEBETM\u00dcHLE. Lebendig n\u00e4hrt den Willen nur das vorgestellte Bild. Am blo\u00dfen Wort dagegen kann er sich zu h\u00f6chst entz\u00fcnden, um dann brandig fortzuschwelen. Kein heiler Wille ohne die genaue bildliche Vorstellung. Keine Vorstellung ohne Innervation. Nun ist der Atem deren allerfeinste Regulierung. Der Laut der Formeln ist ein Kanon dieser Atmung. Daher die Praxis der \u00fcber den heiligen Silben atmend meditierenden<sup id=\"cite_ref-6\" class=\"reference\"><\/sup> Yoga. Daher ihre Allmacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ANTIKER L\u00d6FFEL. Eins ist den gr\u00f6\u00dften Epikern vorbehalten: ihre Helden f\u00fcttern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ALTE LANDKARTE. In einer Liebe suchen die meisten ewige Heimat. Andere, sehr wenige aber das ewige Reisen. Diese letzten sind Melancholiker, die da Ber\u00fchrung mit der Muttererde zu scheuen haben. Wer die Schwermut der Heimat von ihnen fern hielte, den suchen sie. Dem halten sie Treue. Die mittelalterlichen Komplexionenb\u00fccher wissen um die Sehnsucht dieses Menschenschlages nach weiten Reisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00c4CHER. Man wird folgende Erfahrung gemacht haben: liebt man jemanden, ist man sogar nur intensiv mit ihm besch\u00e4ftigt, so findet man beinah in jedem Buche sein Portr\u00e4t. Ja er erscheint als Spieler und als Gegenspieler. In den Erz\u00e4hlungen, Romanen und Novellen begegnet er in immer neuen Verwandlungen. Und hieraus folgt: das\u00a0Verm\u00f6gen der Phantasie ist die Gabe, im unendlich Kleinen zu interpolieren, jeder Intensit\u00e4t als Extensivem ihre neue gedr\u00e4ngte F\u00fclle zu erfinden, kurz, jedes Bild zu nehmen, als sei es des zusammengelegten F\u00e4chers, das erst in der Entfaltung Atem holt und mit der neuen Breite die Z\u00fcge des geliebten Menschen in seinem Innern auff\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">RELIEF. Man ist zusammen mit der Frau, die man liebt, man spricht mit ihr. Dann, Wochen oder Monate sp\u00e4ter, wenn man von ihr getrennt ist, kommt einem wieder, wovon damals die Rede war. Und nun liegt das Motiv banal, grell, untief da, und man erkennt: nur sie, die sich aus Liebe tief dar\u00fcber neigte, hat es vor uns beschattet und gesch\u00fctzt, da\u00df wie ein Relief in allen Falten und in allen Winkeln der Gedanke lebte. Sind wir allein, wie jetzt, so liegt er flach, trost-, schattenlos im Lichte unserer Erkenntnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">TORSO. Nur wer die eigene Vergangenheit als Ausgeburt des Zwanges und der Not zu betrachten w\u00fc\u00dfte, der w\u00e4re f\u00e4hig, sie in jeder Gegenwart aufs h\u00f6chste f\u00fcr sich wert zu machen. Denn was einer lebte, ist bestenfalls der sch\u00f6nen Figur vergleichbar, der auf Transporten alle Glieder abgeschlagen wurden, und die nun nichts als den kostbaren Block abgibt, aus dem er das Bild seiner Zukunft zu hauen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-68588 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg 223w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-260x350.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-160x216.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a>Die<em> Einbahnstra\u00dfe<\/em> ist eine entscheidende Gelenkstelle in Benjamins Gesamtwerk, in der \u00dcberlegungen des Fr\u00fchwerks transformiert werden, um sie dann in sp\u00e4teren Arbeiten weiterzuf\u00fchren. Dies veranschaulicht insbesondere die 43 Texte umfassende \u00bbNachtragsliste zur Einbahnstra\u00dfe\u00ab, die Benjamin Anfang bis Mitte der drei\u00dfiger Jahre zusammenstellte. Sie wird, neben dem Erstdruck und allen handschriftlichen Vorstufen sowie zeitgen\u00f6ssischen Rezensionen, in der neuen Edition erstmals als Einheit zu lesen sein. Der Kommentar und das Nachwort des Herausgebers machen zudem die Verbindung der einzelnen Texte mit dem Gesamtwerk Benjamins sichtbar und zeigen, inwiefern die <em>Einbahnstra\u00dfe<\/em> die Tradition der europ\u00e4ischen Aphoristik aufgenommen und zugleich erneuert hat.<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\">Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; MEDAILLON. An allem, was mit Grund sch\u00f6n genannt wird, wirkt paradox, da\u00df es erscheint. GEBETM\u00dcHLE. Lebendig n\u00e4hrt den Willen nur das vorgestellte Bild. Am blo\u00dfen Wort dagegen kann er sich zu h\u00f6chst entz\u00fcnden, um dann brandig fortzuschwelen. 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