{"id":74796,"date":"2010-09-03T00:01:51","date_gmt":"2010-09-02T22:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74796"},"modified":"2021-10-25T13:31:54","modified_gmt":"2021-10-25T11:31:54","slug":"vergroesserungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/03\/vergroesserungen\/","title":{"rendered":"VERGR\u00d6SSERUNGEN"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">LESENDES KIND. Aus der Sch\u00fclerbibliothek bekommt man ein Buch. In den unteren Klassen wird ausgeteilt. Nur hin und wieder wagt man einen Wunsch. Oft sieht man neidisch ersehnte B\u00fccher in andere H\u00e4nde gelangen. Endlich bekam man das seine. F\u00fcr eine Woche war man g\u00e4nzlich dem Treiben des Textes anheimgegeben, das mild und heimlich, dicht und unabl\u00e4ssig, wie Schneeflocken einen umfing. Dahinein trat man mit grenzenlosem Vertrauen. Stille des Buches, die weiter und weiter lockte! Dessen Inhalt war gar nicht so wichtig. Denn die Lekt\u00fcre fiel noch in die Zeit, da man selber Geschichten im Bett\u00a0sich ausdachte. Ihren halbverwehten Wegen sp\u00fcrt das Kind nach. Beim Lesen h\u00e4lt es sich die Ohren zu; sein Buch liegt auf dem viel zu hohen Tisch und eine Hand liegt immer auf dem Blatt. Ihm sind die Abenteuer des Helden noch im Wirbel der Lettern zu lesen wie Figur und Botschaft im Treiben der Flocken. Sein Atem steht in der Luft der Geschehnisse und alle Figuren hauchen es an. Es ist viel n\u00e4her unter die Gestalten gemischt als der Erwachsene. Es ist uns\u00e4glich betroffen von dem Geschehen und den gewechselten Worten und wenn es aufsteht, ist es \u00fcber und \u00fcber beschneit vom Gelesenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ZU SP\u00c4T GEKOMMENES KIND. Die Uhr im Schulhof sieht besch\u00e4digt aus durch seine Schuld. Sie steht auf \u201eZu sp\u00e4t\u201c. Und in den Flur dringt aus den Klassent\u00fcren, wo es vorbeistreicht, Murmeln von geheimer Beratung. Lehrer und Sch\u00fcler dahinter sind Freund. Oder es schweigt alles still, als erwartete man einen. Unh\u00f6rbar legt es die Hand an die Klinke. Die Sonne tr\u00e4nkt den Flecken, wo es steht. Da sch\u00e4ndet es den gr\u00fcnen Tag und \u00f6ffnet. Es h\u00f6rt die Lehrerstimme wie ein M\u00fchlrad klappern; es steht vor dem Mahlwerk. Die klappernde Stimme beh\u00e4lt ihren Takt, aber die Knechte werfen nun alles ab auf das neue; zehn, zwanzig schwere S\u00e4cke fliegen ihm zu, die mu\u00df es zur Bank tragen. An seinem M\u00e4ntelchen ist jeder Faden wei\u00df bestaubt. Wie eine arme Seele um Mitternacht macht es bei jedem Schritt Get\u00f6se, und keiner sieht es. Sitzt es dann auf dem Platz, so schafft es leise mit bis Glockenschlag. Aber es ist kein Segen dabei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">NASCHENDES KIND. Im Spalt des kaum ge\u00f6ffneten Speiseschranks dringt seine Hand wie ein Liebender durch die Nacht vor. Ist sie dann in der Finsternis zu Hause,\u00a0so tastet sie nach Zucker oder Mandeln, nach Sultaninen oder Eingemachtem. Und wie der Liebhaber, ehe er\u2019s k\u00fc\u00dft, sein M\u00e4dchen umarmt, so hat der Tastsinn mit ihnen ein Stelldichein, ehe der Mund ihre S\u00fc\u00dfigkeit kostet. Wie gibt der Honig, geben Haufen von Korinthen, gibt sogar Reis sich schmeichelnd in die Hand. Wie leidenschaftlich dies Begegnen beider, die endlich nun dem L\u00f6ffel entronnen sind. Dankbar und wild, wie eine, die man aus dem Elternhause sich geraubt hat, gibt hier die Erdbeermarmelade ohne Semmel und gleichsam unter Gottes freiem Himmel sich zu schmecken, und selbst die Butter erwidert mit Z\u00e4rtlichkeit die K\u00fchnheit eines Werbers, der in ihre M\u00e4gdekammer vorstie\u00df. Die Hand, der jugendliche Don Juan, ist bald in alle Zellen und Gelasse eingedrungen, hinter sich rinnende Schichten und str\u00f6mende Mengen: Jungfr\u00e4ulichkeit, die ohne Klagen sich erneuert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KARUSSELLFAHRENDES KIND. Das Brett mit den dienstbaren Tieren rollt dicht \u00fcberm Boden. Es hat die H\u00f6he, in der man am besten zu fliegen tr\u00e4umt. Musik setzt ein, und ruckweis rollt das Kind von seiner Mutter fort. Erst hat es Angst, die Mutter zu verlassen. Dann aber merkt es, wie es selber treu ist. Es thront als treuer Herrscher \u00fcber einer Welt, die ihm geh\u00f6rt. In der Tangente bilden B\u00e4ume und Eingeborene Spalier. Da taucht, in einem Orient, wiederum die Mutter auf. Danach tritt aus dem Urwald ein Wipfel, wie ihn das Kind schon vor Jahrtausenden, wie es ihn eben erst im Karussell gesehen hat. Sein Tier ist ihm zugetan: Wie ein stummer Arion f\u00e4hrt es auf seinem stummen Fisch dahin, ein h\u00f6lzerner Stier-Zeus entf\u00fchrt es als makellose Europa. L\u00e4ngst ist die ewige Wiederkehr aller Dinge Kinderweisheit geworden und das\u00a0Leben ein uralter Rausch der Herrschaft, mit dem dr\u00f6hnenden Orchestrion in der Mitte als Kronschatz. Spielt es langsamer, f\u00e4ngt der Raum an zu stottern und die B\u00e4ume beginnen sich zu besinnen. Das Karussell wird unsicherer Grund. Und die Mutter taucht auf, der vielfach gerammte Pfahl, um welchen das landende Kind das Tau seiner Blicke wickelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">UNORDENTLICHES KIND. Jeder Stein, den es findet, jede gepfl\u00fcckte Blume und jeder gefangene Schmetterling ist ihm schon Anfang einer Sammlung, und alles, was es \u00fcberhaupt besitzt, macht ihm eine einzige Sammlung aus. An ihm zeigt diese Leidenschaft ihr wahres Gesicht, den strengen indianischen Blick, der in den Antiquaren, Forschern, B\u00fcchernarren nur noch getr\u00fcbt und manisch weiterbrennt. Kaum tritt es ins Leben, so ist es J\u00e4ger. Es jagt die Geister, deren Spur es in den Dingen wittert; zwischen Geistern und Dingen verstreichen ihm Jahre, in denen sein Gesichtsfeld frei von Menschen bleibt. Es geht ihm wie in Tr\u00e4umen: es kennt nichts Bleibendes; alles geschieht ihm, meint es, begegnet ihm, st\u00f6\u00dft ihm zu. Seine Nomadenjahre sind Stunden im Traumwald. Dorther schleppt es die Beute heim, um sie zu reinigen, zu festigen, zu entzaubern. Seine Schubladen m\u00fcssen Zeughaus und Zoo, Kriminalmuseum und Krypta werden. \u201aAufr\u00e4umen\u2018 hie\u00dfe einen Bau vernichten voll stachliger Kastanien, die Morgensterne, Stanniolpapiere<sup id=\"cite_ref-5\" class=\"reference\"><\/sup>, die ein Silberhort, Baukl\u00f6tze, die S\u00e4rge, Kakteen, die Totemb\u00e4ume und Kupferpfennige, die Schilde sind. Am W\u00e4scheschrank der Mutter, an der B\u00fccherei des Vaters, da hilft das Kind schon l\u00e4ngst, wenn es im eigenen Revier noch immer der unstete, streitbare Gast ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"Seite_44\" class=\"PageNumber\">[<b><\/b><\/span>VERSTECKTES KIND. Es kennt in der Wohnung schon alle Verstecke und kehrt darein wie in ein Haus zur\u00fcck, wo man sicher ist, alles beim alten zu finden. Ihm klopft das Herz, es h\u00e4lt seinen Atem an. Hier ist es in die Stoffwelt eingeschlossen. Sie wird ihm ungeheuer deutlich, kommt ihm sprachlos nah. So wird erst einer, den man aufh\u00e4ngt, inne, was Strick und Holz sind. Das Kind, das hinter der Portiere steht, wird selbst zu etwas Wehendem und Wei\u00dfem, zum Gespenst. Der E\u00dftisch, unter den es sich gekauert hat, l\u00e4\u00dft es zum h\u00f6lzernen Idol des Tempels werden, wo die geschnitzten Beine die vier S\u00e4ulen sind. Und hinter einer T\u00fcre ist es selber T\u00fcr, ist mit ihr angetan als schwerer Maske und wird als Zauberpriester alle behexen, die ahnungslos eintreten. Um keinen Preis darf es gefunden werden. Wenn es Gesichter schneidet, sagt man ihm, braucht nur die Uhr zu schlagen und es mu\u00df so bleiben. Was Wahres daran ist, das wei\u00df es im Versteck. Wer es entdeckt, kann es als G\u00f6tzen unterm Tisch erstarren machen, f\u00fcr immer als Gespenst in die Gardine es verweben, auf Lebenszeit es in die schwere T\u00fcr bannen. Es l\u00e4\u00dft darum mit einem lauten Schrei den D\u00e4mon, der es so verwandelte, damit man es nicht findet, ausfahren, wenn es der Suchende fa\u00dft \u2013 ja, wartet diesen Augenblick nicht ab, greift ihm mit einem Schrei der Selbstbefreiung vor. Darum wird es den Kampf mit dem D\u00e4mon nicht m\u00fcde. Die Wohnung ist dabei das Arsenal der Masken. Doch einmal j\u00e4hrlich liegen an geheimnisvollen Stellen, in ihren leeren Augenh\u00f6hlen, ihrem starren Mund, Geschenke. Die magische Erfahrung wird Wissenschaft. Das Kind entzaubert als ihr Ingenieur die d\u00fcstere Elternwohnung und sucht Ostereier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-68588 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg 223w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-260x350.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-160x216.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a>Die<em> Einbahnstra\u00dfe<\/em> ist eine entscheidende Gelenkstelle in Benjamins Gesamtwerk, in der \u00dcberlegungen des Fr\u00fchwerks transformiert werden, um sie dann in sp\u00e4teren Arbeiten weiterzuf\u00fchren. Dies veranschaulicht insbesondere die 43 Texte umfassende \u00bbNachtragsliste zur Einbahnstra\u00dfe\u00ab, die Benjamin Anfang bis Mitte der drei\u00dfiger Jahre zusammenstellte. Sie wird, neben dem Erstdruck und allen handschriftlichen Vorstufen sowie zeitgen\u00f6ssischen Rezensionen, in der neuen Edition erstmals als Einheit zu lesen sein. Der Kommentar und das Nachwort des Herausgebers machen zudem die Verbindung der einzelnen Texte mit dem Gesamtwerk Benjamins sichtbar und zeigen, inwiefern die <em>Einbahnstra\u00dfe<\/em> die Tradition der europ\u00e4ischen Aphoristik aufgenommen und zugleich erneuert hat.<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\">Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; LESENDES KIND. Aus der Sch\u00fclerbibliothek bekommt man ein Buch. In den unteren Klassen wird ausgeteilt. Nur hin und wieder wagt man einen Wunsch. Oft sieht man neidisch ersehnte B\u00fccher in andere H\u00e4nde gelangen. Endlich bekam man das seine. F\u00fcr&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/03\/vergroesserungen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":68588,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-74796","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74796","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74796"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74796\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74796"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74796"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74796"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}