{"id":74770,"date":"2010-01-25T00:01:44","date_gmt":"2010-01-24T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74770"},"modified":"2021-10-25T06:47:44","modified_gmt":"2021-10-25T04:47:44","slug":"nr-113","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/25\/nr-113\/","title":{"rendered":"NR. 113"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><small><i>Die Stunden, welche die Gestalt enthalten,<br \/>\nSind in dem Haus des Traumes abgelaufen.\u201c<\/i><\/small><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"SOUTERRAIN\">SOUTERRAIN<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben l\u00e4ngst das Ritual vergessen, unter dem das Haus unseres Lebens aufgef\u00fchrt wurde. Wenn es aber gest\u00fcrmt werden soll und die feindlichen Bomben schon einschlagen, welch ausgemergelte, verschrobene Altert\u00fcmer legen sie da in den Fundamenten nicht blo\u00df. Was ward nicht alles unter Zauberformeln eingesenkt und aufgeopfert, welch schauerliches Rarit\u00e4tenkabinett da unten, wo dem Allt\u00e4glichsten die tiefsten Sch\u00e4chte vorbehalten sind. In einer Nacht der Verzweiflung sah ich im Traum mich mit dem ersten Kameraden meiner Schulzeit, den ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr kenne und je in dieser Frist auch kaum erinnerte, Freundschaft und Br\u00fcderschaft st\u00fcrmisch erneuern. Im Erwachen aber wurde mir klar: was die Verzweiflung wie ein Sprengschu\u00df an den Tag gelegt, war der Kadaver dieses Menschen, der da eingemauert war und machen sollte: wer hier einmal wohnt, der soll in nichts ihm gleichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"VESTIB\u00dcL\">VESTIB\u00dcL<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besuch im Goethehaus. Ich kann mich nicht entsinnen, Zimmer im Traume gesehen zu haben. Es war eine Flucht get\u00fcnchter Korridore<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><\/sup> wie in einer Schule. Zwei \u00e4ltere englische Besucherinnen und ein Kustos sind die Traumstatisten. Der Kustos fordert uns zur Eintragung ins Fremdenbuch auf, das am \u00e4u\u00dfersten Ende eines Ganges auf einem Fensterpult ge\u00f6ffnet lag. Wie ich hinzutrete, finde ich beim Bl\u00e4ttern meinen Namen schon mit gro\u00dfer ungef\u00fcger Kinderschrift verzeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"SPEISESAAL\">SPEISESAAL<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem Traume sah ich mich in Goethes Arbeitszimmer. Es hatte keine \u00c4hnlichkeit mit dem zu Weimar. Vor allem war es sehr klein und hatte nur ein Fenster. An die ihm gegen\u00fcberliegende Wand stie\u00df der Schreibtisch mit seiner Schmalseite. Davor sa\u00df schreibend der Dichter im h\u00f6chsten Alter. Ich hielt mich seitw\u00e4rts, als er sich unterbrach und eine kleine Vase, ein antikes Gef\u00e4\u00df, mir zum Geschenk gab. Ich drehte es in den H\u00e4nden. Eine ungeheure Hitze\u00a0herrschte im Zimmer. Goethe erhob sich und trat mit mir in den Nebenraum, wo eine lange Tafel f\u00fcr meine Verwandtschaft gedeckt war. Sie schien aber f\u00fcr weit mehr Personen berechnet, als diese z\u00e4hlte. Es war wohl f\u00fcr die Ahnen mitgedeckt. Am rechten Ende nahm ich neben Goethe Platz. Als das Mahl vor\u00fcber war, erhob er sich m\u00fchsam und mit einer Geberde erbat ich Verlaub, ihn zu st\u00fctzen. Als ich seinen Ellenbogen ber\u00fchrte, begann ich vor Ergriffenheit zu weinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-68588 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg 223w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-260x350.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-160x216.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a>Die<em> Einbahnstra\u00dfe<\/em> ist eine entscheidende Gelenkstelle in Benjamins Gesamtwerk, in der \u00dcberlegungen des Fr\u00fchwerks transformiert werden, um sie dann in sp\u00e4teren Arbeiten weiterzuf\u00fchren. Dies veranschaulicht insbesondere die 43 Texte umfassende \u00bbNachtragsliste zur Einbahnstra\u00dfe\u00ab, die Benjamin Anfang bis Mitte der drei\u00dfiger Jahre zusammenstellte. Sie wird, neben dem Erstdruck und allen handschriftlichen Vorstufen sowie zeitgen\u00f6ssischen Rezensionen, in der neuen Edition erstmals als Einheit zu lesen sein. Der Kommentar und das Nachwort des Herausgebers machen zudem die Verbindung der einzelnen Texte mit dem Gesamtwerk Benjamins sichtbar und zeigen, inwiefern die <em>Einbahnstra\u00dfe<\/em> die Tradition der europ\u00e4ischen Aphoristik aufgenommen und zugleich erneuert hat.<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\">Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stunden, welche die Gestalt enthalten, Sind in dem Haus des Traumes abgelaufen.\u201c &nbsp; SOUTERRAIN Wir haben l\u00e4ngst das Ritual vergessen, unter dem das Haus unseres Lebens aufgef\u00fchrt wurde. 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