{"id":74764,"date":"2021-09-06T17:01:32","date_gmt":"2021-09-06T15:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74764"},"modified":"2021-10-24T08:29:38","modified_gmt":"2021-10-24T06:29:38","slug":"stehbierhalle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/09\/06\/stehbierhalle\/","title":{"rendered":"STEHBIERHALLE"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Matrosen kommen selten an Land; der Dienst auf hoher See ist Sonntagurlaub verglichen mit der Arbeit in H\u00e4fen, wo oft bei Tag und Nacht mu\u00df ein- und ausgeladen werden. Wenn dann der Landurlaub f\u00fcr einen Trupp auf ein paar Stunden kommt, ist es schon dunkel. Im besten Falle steht die Kathedrale als finsteres Massiv am Weg zur Wirtschaft. Das Bierhaus ist der Schl\u00fcssel jeder Stadt; zu wissen, wo es deutsches Bier zu trinken gibt, L\u00e4nder- und V\u00f6lkerkunde genug. Die deutsche Seemannskneipe rollt den n\u00e4chtlichen Stadtplan auf: von dort bis zum Bordell, bis in die anderen Kneipen durchzufinden ist nicht schwer. Ihr Name kreuzt seit Tagen in den Tischgespr\u00e4chen. Denn wenn man einen Hafen verlassen hat, hi\u00dft einer nach dem anderen wie kleine Wimpel Spitznamen von Lokalen und von Tanzb\u00f6den, von sch\u00f6nen Weibern und von Nationalgerichten aus dem n\u00e4chsten. Aber wer wei\u00df, ob man diesmal an Land kommt. Drum sind schon, wenn das Schiff kaum eben deklariert und angelaufen hat, H\u00e4ndler mit Andenken an Bord gekommen: Ketten und Ansichtskarten, \u00d6lbilder, Messer und Marmorfig\u00fcrchen. Die Stadt wird nicht besichtigt sondern eingekauft. Im Koffer des Matrosen liegt der Ledergurt aus Hongkong neben dem Panorama von Palermo und einem M\u00e4dchenphoto aus Stettin. Genau so ist ihr wirkliches Zuhause. Sie wissen nichts von einer Nebelferne, in der dem B\u00fcrger fremde Welten liegen. Was sich in jeder Stadt am ersten durchsetzt, ist der Dienst an Bord und dann das deutsche Bier, die englische Rasierseife und der holl\u00e4ndische Tabak. Bis in die Knochen ist die internationale Norm der Industrie f\u00fcr sie pr\u00e4sent, sie sind nicht dupe der Palmen und Eisberge. Der Seemann hat die N\u00e4he \u201agefressen\u2018, und zu ihm reden nur exakteste Nuancen. Er kann die L\u00e4nder besser nach der Zubereitung ihrer Fische als nach dem Hausbau und Dekor der Landschaft unterscheiden. Er ist derma\u00dfen im Detail zu Hause, da\u00df ihm im Ozean die Routen, wo er andere Schiffe schneidet (und mit Sirenengeheul, die seiner eigenen Firma begr\u00fc\u00dft), l\u00e4rmende Fahrstra\u00dfen werden, auf denen man ausweichen mu\u00df. Er wohnt auf offenem Meer in einer Stadt, wo auf der marseillaiser Cannebi\u00e8re eine Kneipe aus Port Said schr\u00e4g gegen\u00fcber einem hamburger Freudenhaus und das napoletanische Castel del Ovo auf der Plaza Catalu\u00f1a Barcelonas sich befindet. Bei Offizieren hat die Heimatstadt noch den Primat. Dem Leichtmatrosen aber, oder dem Heizer, den Leuten, deren transportierte Arbeitskraft im Schiffsrumpf F\u00fchlung mit der Ware h\u00e4lt, sind die verschr\u00e4nkten H\u00e4fen nicht einmal mehr Heimat sondern Wiege. Und wenn man ihnen zuh\u00f6rt, wird man inne, welche Verlogenheit im Reisen steckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lokalhelden<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2018 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover<\/p>\n<div id=\"attachment_44658\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/CoverLokalhelden-e1551630453378.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44658\" class=\"wp-image-44658 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/CoverLokalhelden-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-44658\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Jo Lurk<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesenswert auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\">Nachwort<\/a> von Peter Meilchen sowie eine\u00a0bundesdeutsche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34388\">Sondierung<\/a> von Enrik Lauer. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lektoratsgutachten<\/em><\/a> von Holger Benkel und ein Blick in das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31462\">Pre-Master<\/a> von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44781\">Hintergrundmaterial<\/a>. Ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet. Constanze Schmidt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34331\">Ethnographie<\/a> des Rheinlands. Ren\u00e9 Desor mit einer Au\u00dfensicht auf die untergegangene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30641\">Bonner<\/a> Republik. Jo Wei\u00df \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34337\">Nachschl\u00fcsselroman<\/a>. Margaretha Schnarhelt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34340\">kulturelle Polyphonie<\/a> des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088\">Heimatroman der tiefsinnigeren Art<\/a>. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Matrosen kommen selten an Land; der Dienst auf hoher See ist Sonntagurlaub verglichen mit der Arbeit in H\u00e4fen, wo oft bei Tag und Nacht mu\u00df ein- und ausgeladen werden. 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