{"id":74758,"date":"2021-10-07T00:01:54","date_gmt":"2021-10-06T22:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74758"},"modified":"2022-02-21T05:00:01","modified_gmt":"2022-02-21T04:00:01","slug":"briefmarken-handlung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/10\/07\/briefmarken-handlung\/","title":{"rendered":"BRIEFMARKEN-HANDLUNG"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer Stapel alter Briefschaften durchsieht, dem sagt oft eine Marke, die l\u00e4ngst au\u00dfer Kurs ist, auf einem br\u00fcchigen Umschlag mehr als Dutzende von durchlesenen Seiten. Manchmal begegnet man ihnen auf Ansichtskarten und wei\u00df dann nicht, soll man sie abl\u00f6sen oder soll man die Karte bewahren wie sie nun einmal ist, wie das Blatt eines alten Meisters, das auf der vorderen und der hinteren Seite zwei verschiedene gleich wertvolle Zeichnungen hat? Es gibt auch, in den Glask\u00e4sten von Caf\u00e9s, Briefe, die etwas auf dem Kerbholz haben und vor aller Augen am Pranger stehen. Oder hat man sie deportiert und m\u00fcssen sie in diesem Kasten Jahr und Tag auf einem gl\u00e4sernen Salas y Gomez schmachten? Briefe, die lange uner\u00f6ffnet blieben, bekommen etwas Brutales; sie sind Enterbte, die h\u00e4misch im stillen Rache f\u00fcr lange Leidenstage schmieden. Viele von ihnen stellen sp\u00e4ter in den Fenstern der Briefmarkenh\u00e4ndler die \u00fcber und \u00fcber von Stempeln gebrandmarkten Ganzsachen dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Briefmarke-05.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4671 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Briefmarke-05.jpg\" alt=\"\" width=\"340\" height=\"257\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Briefmarke-05.jpg 340w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Briefmarke-05-300x226.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 340px) 100vw, 340px\" \/><\/a>Man wei\u00df, es gibt Sammler, die sich nur mit gestempelten Marken befassen und viel fehlt nicht, so wollte man glauben,\u00a0sie sind die einzigen, die ins Geheimnis eingedrungen sind. Sie halten sich an den okkulten Teil der Marke; an den Stempel. Denn der Stempel ist deren Nachtseite. Es gibt feierliche, die um das Haupt der Queen Victoria einen Heiligenschein und prophetische, die eine M\u00e4rtyrerkrone um Humbert legen. Aber keine sadistische Phantasie reicht an die schwarze Prozedur heran, die mit Striemen die Gesichter bedeckt und durch das Erdreich ganzer Kontinente Spalten rei\u00dft wie ein Erdbeben. Und die perverse Freude am Kontrast dieses gesch\u00e4ndeten Markenk\u00f6rpers mit seinem wei\u00dfen, spitzengarnierten T\u00fcllkleid: der Zahnung. Wer Stempeln nachgeht, mu\u00df als Detektiv Signalements der verrufensten Postanstalten, als Arch\u00e4ologe die Kunst, den Torso fremdester Ortsnamen zu bestimmen, als Kabbalist das Inventar der Daten f\u00fcr ein ganzes Jahrhundert besitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Briefmarke.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-4279\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Briefmarke.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"257\" \/><\/a>Briefmarken starren von Zifferchen, winzigen Buchstaben, Bl\u00e4ttchen und \u00c4uglein. Sie sind graphische Zellengewebe. Das alles wimmelt durcheinander und lebt, wie niedere Tiere, selbst zerst\u00fcckelt fort. Darum macht man aus Briefmarkenteilchen, die man zusammenklebt, so wirksame Bilder. Aber auf ihnen hat Leben immer den Einschlag von Verwesung zum Zeichen, da\u00df es aus Abgestorbenem sich zusammensetzt. Ihre Portr\u00e4ts und obsz\u00f6nen Gruppen stecken voller Gebeine und W\u00fcrmerhaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bricht in der Farbenfolge der langen S\u00e4tze sich vielleicht das Licht einer fremden Sonne? Wurden in den Postministerien des Kirchenstaats oder von Ecuador Strahlen aufgefangen, die wir andern nicht kennen? Und warum zeigt man uns nicht die Marken der besseren Planeten? Die tausend Stufen von Feuerrot, die auf der Venus in Umlauf sind und die vier gro\u00dfen grauen Werte vom Mars und die zifferlosen Saturnmarken?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">L\u00e4nder und Meere sind auf Marken nur die Provinzen, K\u00f6nige nur die S\u00f6ldner der Ziffern, die nach Gefallen ihre Farbe \u00fcber sie ausgie\u00dfen. Briefmarkenalben sind magische Nachschlagewerke, die Zahlen der Monarchen und Pal\u00e4ste, der Tiere und Allegorien und Staaten sind in ihnen niedergelegt. Der Postverkehr beruht auf deren Harmonie wie auf den Harmonien der himmlischen Zahlen der Verkehr der Planeten beruht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alte Groschenmarken, die im Oval nur ein oder zwei gro\u00dfe Ziffern zeigen. Sie sehen aus wie jene ersten Photos, aus denen in den schwarz lackierten Rahmen Verwandte, die wir niemals kannten, auf uns herabsehen: Verzifferte Gro\u00dftanten oder Voreltern. Auch Thurn und Taxis hat die gro\u00dfen Ziffern auf den Marken; da sind sie wie verhexte Taxameternummern. Man w\u00fcrde sich nicht wundern, wenn eines Abends das Licht einer Kerze dahinter durchscheint. Dann aber gibt es kleine Marken ohne Zahnung, ohne Angabe einer W\u00e4hrung und eines Landes. Im dichten Spinnennetz tragen sie nur eine Nummer. Das sind vielleicht die wahren Schicksalslose.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schriftz\u00fcge auf den t\u00fcrkischen Piastermarken sind wie die schr\u00e4g gestellte, allzuflotte, allzublitzende Busennadel auf der Krawatte eines gerissenen, halb nur europ\u00e4isierten Kaufmanns aus Konstantinopel. Sie sind vom Schlage der postalischen Parvenus, der gro\u00dfen, schlechtgez\u00e4hnten, schreienden Formate von Nicaragua oder Kolumbien, die sich zu Banknoten herausstaffieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachportomarken sind die Spirits unter den Briefmarken. Sie \u00e4ndern sich nicht. Der Wechsel der Monarchen und Regierungsformen geht spurlos wie an Geistern an ihnen vor\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-16698 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Briefmarke.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"134\" \/>Das Kind sieht nach dem fernen Liberia durch ein verkehrt gehaltenes Opernglas: da liegt es hinter seinem Streifchen Meer mit seinen Palmen genau wie es Briefmarken zeigen. Mit Vasco da Gama segelt es um ein Dreieck, das gleichschenklig ist wie die Hoffnung und dessen Farben mit dem Wetter sich \u00e4ndern. Reiseprospekt vom Kap der Guten Hoffnung. Wenn es den Schwan auf australischen Marken sieht, dann ist das, auch auf den blauen, gr\u00fcnen und braunen Werten, der schwarze Schwan, der nur in Australien vorkommt und hier auf den Gew\u00e4ssern eines Teiches als auf dem stillsten Ozean dahinzieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marken sind die Visitenkarten, die die gro\u00dfen Staaten in der Kinderstube abgeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Gulliver bereist das Kind Land und Volk seiner Briefmarken. Erdkunde und Geschichte der Liliputaner, die ganze Wissenschaft des kleinen Volks mit allen ihren Zahlen und Namen wird ihm im Schlafe eingegeben. Es nimmt an ihren Gesch\u00e4ften teil, wohnt ihren purpurnen Volksversammlungen bei, sieht dem Stapellauf ihrer Schiffchen zu und feiert mit ihren gekr\u00f6nten H\u00e4uptern, die hinter Hecke thronen, Jubil\u00e4en.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt bekanntlich eine Briefmarkensprache, die sich zur Blumensprache verh\u00e4lt wie das Morsealphabet zu dem geschriebenen. Wie lange aber wird der Blumenflor zwischen den Telegraphenstangen noch leben? Sind nicht die gro\u00dfen k\u00fcnstlerischen Marken der Nachkriegszeit mit ihren vollen Farben schon die herbstlichen Astern und Dahlien dieser Flora? Stephan, ein Deutscher, und nicht zuf\u00e4llig ein Zeitgenosse Jean Pauls, hat in der sommerlichen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts diese Saat gepflanzt. Sie wird das zwanzigste nicht \u00fcberleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover<\/p>\n<div id=\"attachment_50088\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Sammelgebiet_Cover-1-e1523975024523.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-50088\" class=\"wp-image-50088 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Sammelgebiet_Cover-1-194x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-50088\" class=\"wp-caption-text\">Postwertzeichen erschienen zum 20. Jahrestag der DDR. Entwertet am 9. November 1989<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend \u2192\u00a0<\/strong>Zur historischen Abfolge, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25344\">Einf\u00fchrung<\/a>.\u00a0Eine Rezension von Jo Wei\u00df findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24394\">hier<\/a>. Einen Essay von Regine M\u00fcller lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">hier<\/a>. Beim <em>vordenker<\/em> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/09\/lebensabschnittsgefaehrten\/\">entdeckt<\/a> Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/26\/parallelfuehrung-der-liebesverhaeltnisse\/\">Fixpoetry<\/a> arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu <em>Jahrestage<\/em> von Uwe Johnson wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24922\">hier<\/a> gezogen. Die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26315\">hier<\/a> thematisiert. In der Neuen Rheinischen Zeitung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/13\/liebe-sinnlich-ideologisch\/\">w\u00fcrdigt<\/a> Karl Feldkamp wie A.J. Weigoni in seinem ersten Roman den Leser zu Hochgenuss verf\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer Stapel alter Briefschaften durchsieht, dem sagt oft eine Marke, die l\u00e4ngst au\u00dfer Kurs ist, auf einem br\u00fcchigen Umschlag mehr als Dutzende von durchlesenen Seiten. Manchmal begegnet man ihnen auf Ansichtskarten und wei\u00df dann nicht, soll man sie abl\u00f6sen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/10\/07\/briefmarken-handlung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":98124,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-74758","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74758","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74758"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74758\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99011,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74758\/revisions\/99011"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98124"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74758"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74758"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74758"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}