{"id":74691,"date":"2010-06-13T00:01:34","date_gmt":"2010-06-12T22:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74691"},"modified":"2021-10-25T11:13:19","modified_gmt":"2021-10-25T09:13:19","slug":"hochherrschaftlich-moeblierte-zehnzimmerwohnung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/06\/13\/hochherrschaftlich-moeblierte-zehnzimmerwohnung\/","title":{"rendered":"HOCHHERRSCHAFTLICH M\u00d6BLIERTE ZEHNZIMMERWOHNUNG"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom M\u00f6belstil der zweiten H\u00e4lfte des neunzehnten Jahrhunderts gibt die einzig zul\u00e4ngliche Darstellung und Analysis zugleich eine gewisse Art von Kriminalromanen, in deren dynamischem Zentrum der Schrecken der Wohnung steht. Die Anordnung der M\u00f6bel ist zugleich der Lageplan der t\u00f6dlichen Fallen und die Zimmerflucht schreibt dem Opfer die Fluchtbahn vor. Da\u00df gerade diese Art des Kriminalromans mit Poe beginnt \u2013 zu einer Zeit also, als solche Behausungen noch kaum existierten \u2013, besagt nichts dagegen. Denn ohne Ausnahme kombinieren die gro\u00dfen Dichter in einer Welt, die nach ihnen kommt, wie die Pariser Stra\u00dfen von Baudelaires Gedichten erst nach neunzehnhundert und auch die Menschen Dostojewskis nicht fr\u00fcher da waren. Das b\u00fcrgerliche Interieur der sechziger bis neunziger Jahre mit seinen riesigen, von Schnitzereien \u00fcberquollenen B\u00fcfetts, den sonnenlosen Ecken, wo die Palme steht, dem Erker, den die Balustrade verschanzt und den langen Korridoren mit der singenden Gasflamme wird ad\u00e4quat allein der Leiche zur Behausung. \u201eAuf diesem Sofa kann die Tante nur ermordet werden.\u201c Die seelenlose \u00dcppigkeit des Mobiliars wird wahrhafter Komfort erst vor dem Leichnam. Viel interessanter als der<span id=\"Seite_12\" class=\"PageNumber\"><\/span> landschaftliche Orient in den Kriminalromanen ist jener \u00fcppige Orient in ihren Interieurs: der Perserteppich und die Ottomane, die Ampel und der edle kaukasische Dolch. Hinter den schweren gerafften Kelims feiert der Hausherr seine Orgien mit den Wertpapieren, kann sich als morgenl\u00e4ndischer Kaufherr, als fauler Pascha im Khanat des faulen Zaubers f\u00fchlen, bis jener Dolch im silbernen Geh\u00e4nge \u00fcberm Divan eines sch\u00f6nen Nachmittags seiner Siesta und ihm selber ein Ende macht. Dieser Charakter der b\u00fcrgerlichen Wohnung, die nach dem namenlosen M\u00f6rder zittert, wie eine geile Greisin nach dem Galan, ist von einigen Autoren durchdrungen worden, die als \u201eKriminalschriftsteller\u201c \u2013 vielleicht auch, weil in ihren Schriften sich ein St\u00fcck des b\u00fcrgerlichen Pand\u00e4moniums auspr\u00e4gt \u2013 um ihre gerechten Ehren gekommen sind. Conan Doyle hat, was hier getroffen werden soll, in einzelnen seiner Schriften, in einer gro\u00dfen Produktion hat die Schriftstellerin A. K. Green es herausgestellt und mit dem \u201ePhantom der Oper\u201c, einem der gro\u00dfen Romane \u00fcber das neunzehnte Jahrhundert, Gaston Leroux dieser Gattung zur Apotheose verholfen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-68588 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg 223w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-260x350.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-160x216.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die<em> Einbahnstra\u00dfe<\/em> ist eine entscheidende Gelenkstelle in Benjamins Gesamtwerk, in der \u00dcberlegungen des Fr\u00fchwerks transformiert werden, um sie dann in sp\u00e4teren Arbeiten weiterzuf\u00fchren. Dies veranschaulicht insbesondere die 43 Texte umfassende \u00bbNachtragsliste zur Einbahnstra\u00dfe\u00ab, die Benjamin Anfang bis Mitte der drei\u00dfiger Jahre zusammenstellte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vom M\u00f6belstil der zweiten H\u00e4lfte des neunzehnten Jahrhunderts gibt die einzig zul\u00e4ngliche Darstellung und Analysis zugleich eine gewisse Art von Kriminalromanen, in deren dynamischem Zentrum der Schrecken der Wohnung steht. 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