{"id":74662,"date":"2014-08-17T00:01:22","date_gmt":"2014-08-16T22:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=74662"},"modified":"2022-02-23T13:16:12","modified_gmt":"2022-02-23T12:16:12","slug":"fugenzeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/17\/fugenzeit\/","title":{"rendered":"Fugenzeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"field-name-body\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDie Zeit ist in den Fugen.\u201c So beginnt die Sammlung mit den neuen Gedichten von Wolfram Malte Fues \u2013 unter dem Titel \u201eInZwischen\u201c versammelt der deutsch-schweizerische Poeta doctus, emeritierter Germanistikprofessor der ehrw\u00fcrdigen Basler Universit\u00e4t, sechzig Texte, die dem Gef\u00fcge Sprache in einer Weise auf den Grund gehen, dass es, will man dieses Buch als stille Expedition begreifen, eine gern einmal buchstabenklauberische, durch die Iden der Sprach-Br\u00fcche f\u00fchrende, oft aber eben auch sinnstellende Freude ist.<\/p>\n<p>In den Fugen sein, welch Hoffnung, in einer Gro\u00df-Epoche des weltpolitischen Hackepeters. In gewisser Hinsicht gibt Fues damit, trotz des weitl\u00e4ufig experimentellen Charakters seiner Lyrik, seinen poetischen Fu\u00dfabdruck unausgesetzt in der Spurrille der Aufkl\u00e4rung ab. Es ist, will man meinen, ein im besten Sinne doppeltes Spiel aus Behauptung und Hinterfragung aus diesen Gedichten zu erlesen, mit dem der Dichter nach den Volten fr\u00fcherer Verse eine Art Parkl\u00fccke im Treiben des \u00c4ons, letztlichen Ausgleich in Sinn einer verlaufenden Welle sucht: \u201eFeel the grooves \/ Vers\u00f6hne dich mit Gott \/ w\u00e4hrend der Automat \/ deine Karte ausspuckt \/ die Schranke sich \u00f6ffnet \/ und du \/ raus darfst\u201c. Die Anwesenheit des Waltenden, Gro\u00dfen im geb\u00fcgelten Irrsinn des Jetzt, sie mag der letzte Trost sein, wer wei\u00df.<\/p>\n<p>F\u00fcrwahr: Die Fues\u2019sche Melange aus Wort und Wortmechanik, in den Vorausg\u00e4ngerb\u00e4nden \u201eVorbehaltfl\u00e4che\u201c (2007) und \u201edual\/digital\u201c (2011) zur skeptischen Sprech\u00fcbung ausgebaut, auf eine einsame H\u00f6henpirouette gedreht, erf\u00e4hrt im neuen Zyklus \u201eInZwischen\u201c (der Titel impliziert bereits eine sprachphysikalische Ver\u00e4nderung) eine mehr als merkliche Dimmung: gewisserma\u00dfen \u201aentschrillt\u2018 treten die zumeist auf ein skelettiertes Ger\u00fcst gef\u00fchrten Texte in einer merkw\u00fcrdigen Stille vor die Augen, sie halten den Hiatus zwischen Wahrnehmung und Klang-Echolalie eigent\u00fcmlich eng, f\u00fcgen die \u201eUnter-\u201c und die \u201eOberschiede\u201c in eine Art der Beieinanderf\u00fchrung, die spiralig schwer erscheint und fedrig zugleich.<\/p>\n<p>Seine teils mit den Mitteln von Ableitung, Cut und letterndrehender Kombinatorik gewagte Erkundung, Beschreibung der Welt speist sich, will man vermuten, an sich aus dem Zweifel an eben jener gern ins Strenge schwenkenden Vorgabe der Vernunft, des im Bewusstsein Gesetzten; dieses jedoch gibt zugleich einen m\u00f6glichen Fonds der R\u00fcckkehr, Resurrektion des Nicht-Aufgebens von Sinn. Das mag den Aspekt des sich Innerhalb-der-Triftlinien-Haltens sich selbst ramponierend bedienen, ungew\u00f6hnlich ist es so oder so.<\/p>\n<p>Einige Gedichte haben indes, so scheint es, das Ende des Sprachm\u00f6glichen besiedelt, steigen aus der poetischen Erwartung aus, um letztlich die Poesie ganz zu verlassen. Sie finden, will man meinen und f\u00fcrchten, in dieser dem bedachten Wort bereits feindlichen \u00c4ra, auf neuen, anderen, sich wom\u00f6glich wieder verschl\u00fcsselnden Ebenen statt: \u201eVon x nach y. \/ Von y nach x. \/ \u00d6V, LV, PV \/ GV? \/\/ Bio- \/ Diversit\u00e4t \/ Leben \/ \u00e0 discretion.\u201c Diese Gegenl\u00e4ufigkeit in der Bem\u00fchung Fues\u2019 macht einen entscheidenden Reiz dieses Bands aus: Die Textur knirscht und knackt, ein Effekt, der von den oft wie hingeworfen inszenierten Zeichnungen von Thitz, die den ganzen Band durchziehen, Text f\u00fcr Text einen zus\u00e4tzlichen Kommentar, eine Spiegelung oder gar einen Eingriff bis ins Letternwerk, bis ins Druckbild vornehmen, permanent gest\u00e4rkt und unterst\u00fctzt wird. Bereits das Cover des Buchs schm\u00fcckt, abweichend von der sonstigen Gestaltung der Reihe, eine sichelnde Mond-Calzone des K\u00fcnstlers.<\/p>\n<p>Die kleinen Dinge sind es oft, an denen sich das Makrobische reibt und letztlich \u2013 erkennen l\u00e4sst. Wolfram Malte Fues\u2019 Versuchsanordnungen, die sein lyrisches Werk konsequent, wenn auch zugunsten einer genaueren Punktsetzung, etwas um die weiten Schw\u00fcnge fr\u00fcherer Gebilde reduziert, fortsetzen, wirken nur zuweilen wie leichthin aus dem Setzkasten getupft, ja, sie ber\u00fchren immer wieder, auf den zweiten Blick oder wie im Vorbeigehn, das Fragliche der Dinge, ihrer Zu- und Umst\u00e4nde (\u201eJeden Morgen \/ mit dem Morgengrauen \/ der Anflug von Schwei\u00df \/ auf der noch reimfreien Haut\u201c). Die zum Teil \u00e4u\u00dferste Reduziertheit ihres Ausdrucks wird selten gebrochen oder aufgebogen (\u201eDie Nacht steht in den B\u00e4umen\u201c), der Band verdunkelt sich gegen sein Ende etwas, um eine \u201afremdk\u00f6rperfreie\u2018 Sicht zu verk\u00fcnden, die aus dem Nichts des Umkreisens einer Kartoffelpfanne, das wohl das Gebot einer Zeit ist, die wir kennen, auf die Poesie zielt: \u00a0\u201eZweifellos \/ eine Botschaft.\u201c<\/p>\n<p>Und wie ist es mit der F\u00e4hrte, in der, wenn wir an den Anfang von \u201eInZwischen\u201c kehren, sich die Zeit bewegt? Der Auftakt hebt an in possibler Hoffnung: Nach einer zarten Kavalkade aus Rechenoperationen beschlie\u00dft das Papier, das den Versen vorl\u00e4ufig Ruhe verordnet, salomonisch: \u201eF\u00fcr Unbefugte \/ Zutritt geboten.\u201c Wobei man sich gern verliest und besser noch einmal hinsieht, damit die zuvor bem\u00fchte Frage-Formel \u201eDen plus Die mal \/ Wurzel aus minus Ist \/ Fugen-Zeit?\u201c sich nicht er\u00fcbrigt. In der Kunst des Hinsehens und Erwartens liegen eben immer auch die M\u00f6glichkeiten von Illusion\/Desillusion dessen, was einen gerad noch umgibt, dicht beieinander: in einer wie gek\u00e4figten Zeit zumal.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"views-field views-field-title\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><strong>InZwischen<\/strong>, von <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor-fix\">Wolfram Malte Fues.\u00a0<\/span><\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Lyrikedition 2000,\u00a0<\/span><span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-jahr\"><span class=\"field-content\">2014<\/span><\/span><\/div>\n<div><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/InZwischen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-74667 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/InZwischen-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/InZwischen-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/InZwischen-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/InZwischen-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/InZwischen.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><\/div>\n<div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p>Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eDie Zeit ist in den Fugen.\u201c So beginnt die Sammlung mit den neuen Gedichten von Wolfram Malte Fues \u2013 unter dem Titel \u201eInZwischen\u201c versammelt der deutsch-schweizerische Poeta doctus, emeritierter Germanistikprofessor der ehrw\u00fcrdigen Basler Universit\u00e4t, sechzig Texte, die dem Gef\u00fcge&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/17\/fugenzeit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":99806,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794,2730],"class_list":["post-74662","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel","tag-wolfram-malte-fues"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74662","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74662"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74662\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99862,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74662\/revisions\/99862"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99806"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74662"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74662"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74662"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}